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Digital Gesellschaft

Is‘ scho Recht!

Ich bin kein Jurist. Mei­ne eige­nen Bestre­bun­gen, mich den Rechts­wis­sen­schaf­ten zuzu­wen­den, zer­schlu­gen sich recht schnell, als ich mit 15 ein Prak­ti­kum in der Kanz­lei eines ver­wand­ten Anwalts mach­te und fest­stell­te, dass der All­tag eines Juris­ten aus sehr viel Büro­ar­beit und aus sehr wenig Hol­ly­woo­des­ken „Ein­spruch, Euer Ehren!“-Sequenzen besteht. Außer­dem habe ich ein aus­ge­präg­tes Gerech­tig­keits­emp­fin­den und wür­de ver­mut­lich nach jedem ver­lo­re­nen Pro­zess die Innen­ein­rich­tung des Gerichts­saals zer­stö­ren.

Das nur als Vor­be­mer­kung und Hin­weis dar­auf, dass ich mich juris­ti­schen Sach­ver­hal­ten immer nur aus einer Rich­tung nähern kann, die ich selbst als Logik bezeich­nen wür­de, und nicht aus der rechts­wis­sen­schaft­li­chen.

Kom­men wir nun aber zum kon­kre­ten Fall: Das für ori­gi­nel­le Urtei­le bekann­te Land­ge­richt Ham­burg hat in der Sache Cal­lac­ti­ve GmbH ./​. Nig­ge­mei­er II ent­schie­den, dass es für einen Blog-Betrei­ber nicht aus­rei­che, anstö­ßi­ge Kom­men­ta­re unter Blog-Ein­trä­gen bei Kennt­nis­nah­me sofort zu ent­fer­nen. Bei „bri­san­ten Ein­trä­gen“, so die Rich­ter, sol­le der Blog-Betrei­ber vor­ab die Kom­men­ta­re prü­fen. (Bit­te lesen Sie auch die Beschrei­bung des Falls im Augs­blog.)

Im Zusam­men­hang mit dem Inter­net (und damit im Unter­schied zu jeder Stamm­ti­sch­äu­ße­rung) wird immer wie­der damit argu­men­tiert, dass Äuße­run­gen ja dau­er­haft doku­men­tiert und welt­weit les­bar sei­en. Das stimmt natür­lich, inso­fern ist es durch­aus zu ver­ste­hen, wenn sich Per­so­nen oder Unter­neh­men, die in Blog-Ein­trä­gen oder Kom­men­ta­ren beschimpft oder ver­un­glimpft wer­den, um eine Löschung sol­cher Äuße­run­gen bemü­hen. Schließ­lich wür­de ich auch nicht wol­len, dass das obers­te Goog­le-Such­ergeb­nis zu mei­nem Namen „Lukas Hein­ser ist ein Hüh­ner­dieb“ lau­tet. 1 Indes: Ist der umstrit­te­ne Satz gelöscht, wäre ich schon zufrie­den, allen­falls wür­de ich den Autor des Sat­zes um die Unter­zeich­nung einer Unter­las­sungs­er­klä­rung bit­ten.

Die Halt­bar­keit und Ver­brei­tung des Inter­nets wird aber ande­rer­seits auch über­schätzt. Wie vie­le Men­schen mögen es zur Kennt­nis neh­men, wenn (wie im kon­kre­ten Fall) eine Schmä­hung von Sonn­tag­nacht 3:37 Uhr bis Sonn­tag­mit­tag 11:06 Uhr als x‑ter Kom­men­tar unter einem drei Mona­te alten Blog-Ein­trag steht? Da errei­che ich ja mehr Rezi­pi­en­ten, wenn ich mich am Sams­tag in die Fuß­gän­ger­zo­ne stel­le und „Ihr seid alle doof!“ rufe. Aller­dings scheint es juris­tisch völ­lig uner­heb­lich zu sein, ob und von wie vie­len Per­so­nen sol­che Äuße­run­gen auf­ge­nom­men wer­den.

Eine ande­re Sache ist die mit den „bri­san­ten Ein­trä­gen“: Wenn eine Zei­tung über ein The­ma wie Diä­ten­er­hö­hung, Aus­län­der­recht oder … äh … Auto­bah­nen schreibt, ist rela­tiv klar, dass an den fol­gen­den Tagen Wasch­kör­be vol­ler Leser­brie­fe ein­ge­hen, in denen sich Men­schen mit einer soli­den Halb­bil­dung und einer gro­ßen Men­ge Vor­ur­tei­le, an denen sie schwer zu tra­gen haben, mit Schaum vor dem Mund dar­an gemacht haben, ihrer Mei­nung auf sprach­lich anspruch­lo­ses­te Wei­se Aus­druck zu ver­lei­hen. Die­se Brie­fe wer­den gele­sen, es wird viel gelacht und mit dem Kopf geschüt­telt und die eini­ger­ma­ßen vor­zeig­ba­ren oder beson­ders ent­lar­ven­den wer­den dann in der Zei­tung abge­druckt. Bei den Inter­net­aus­ga­ben der Zei­tun­gen kann man Kom­men­ta­re abge­ben, die theo­re­tisch von gan­zen Redak­tio­nen über­prüft wer­den (meist aber eben auch erst nach Ver­öf­fent­li­chung), prak­tisch aber häu­fig einen Griff ins Stamm­tisch­klo dar­stel­len. Nur, dass ver­un­glimpf­te Volks­grup­pen eben kei­ne Prak­ti­kan­ten abstel­len, die den gan­zen Tag das Inter­net auf der Suche nach Belei­di­gun­gen gegen sie durch­su­chen, und auch nur sel­ten über Anwäl­te ver­fü­gen. Blog­ger haben kei­ne Mit­ar­bei­ter, die sich aus­schließ­lich mit der (Vorab-)Kontrolle der Kom­men­ta­re befas­sen kön­nen. Des­halb gibt es beim BILD­blog mit über 40.000 Lesern täg­lich zum Bei­spiel kei­ne Kom­men­tar­funk­ti­on.

Und was ist über­haupt mit den Glas­käs­ten, in denen die Lokal­re­dak­tio­nen einer Zei­tung immer die aktu­el­le Aus­ga­be aus­hän­gen? Was, wenn irgend­je­mand des Nachts mit einem Edding „Aus­län­der raus!“ unter einen Arti­kel zum Aus­län­der­recht krit­zelt? Macht sich die Zei­tung den Kom­men­tar dann auch „zu eigen“? Hat sie durch die „Bri­sanz des Ursprungs­ar­ti­kels“ „vor­her­seh­bar rechts­wid­ri­ge Bei­trä­ge Drit­ter pro­vo­ziert“? Wer­den durch die Bereit­stel­lung einer bekrit­zel­ba­ren Ober­flä­che bereits „Drit­te gera­de­zu dazu auf­ge­ru­fen, sich zu äußern“? Oder wiegt die Sach­be­schä­di­gung durch den Edding die ver­meint­li­che Pro­vo­ka­ti­on wie­der auf?

Den Gedan­ken mit der Wand, den Mal­te in sei­nem Ein­trag zum The­ma bei Spree­blick aus­führt, hat­te ich auch schon, spa­re ihn mir hier aber.

Als ich zum ers­ten Mal über die juris­ti­schen Schwie­rig­kei­ten mit Web-Kom­men­ta­ren geschrie­ben habe, schrieb ich auch über Ger­hard Schrö­der, der mit sei­nem gericht­li­chen Vor­ge­hen gegen die Behaup­tung, er wür­de sein vol­les dunk­les Haupt­haar tönen, den Jus­tiz-Irr­sinn in Deutsch­land Fri­seursalon­fä­hig gemacht hat­te (übri­gens eben­falls vor dem Ham­bur­ger Land­ge­richt). Schrö­der wur­de letz­te Woche wie­der auf­fäl­lig, als er anwalt­lich gegen die Behaup­tung vor­ging, er wür­de das chi­ne­si­sche Außen­mi­nis­te­ri­um bera­ten. Zuvor hat­te er es abge­lehnt, auf die Fra­ge, ob er das chi­ne­si­sche Außen­mi­nis­te­ri­um bera­te, zu ant­wor­ten.

  1. Es wer­den noch Wet­ten ange­nom­men, wann die­ser Satz das obers­te Goog­le-Such­ergeb­nis zu mei­nem Namen sein wird.[]
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Leben Gesellschaft

Ein Wochenstart nach Maß

Die gute Nach­richt des Tages: Deutsch­land ist dem Unter­gang geweiht. Schon in weni­gen Jah­ren wird es in die­sem Land kei­ne intel­lek­tu­el­le Eli­te mehr geben. Wie ich dar­auf kom­me? Nun, wenn nicht ein­mal die Stu­den­ten einer Bei­na­he-Eli­te-Uni über ein­fachs­te geis­ti­ge Fähig­kei­ten ver­fü­gen, kann das mit dem Bil­dungs­bür­ger­tum ja nichts mehr wer­den.

Heu­te mor­gen habe ich über 30 Minu­ten an der Stadt­bahn-Hal­te­stel­le ver­bracht. Alle Züge, die ein­fuh­ren und mich zur Uni­ver­si­tät (zwei Stopps ent­fernt) hät­ten brin­gen sol­len, waren voll. Nein, Ver­zei­hung: „voll“. Denn das pen­deln­de Pack, das am Haupt­bahn­hof in die Stadt­bahn ein­steigt, pos­tiert sich immer so vor den Türen, dass ein Ein­stieg im wei­te­ren Stre­cken­ver­lauf unmög­lich ist. Dabei wäre in den Zügen durch­aus noch Platz, wenn die Men­schen beim Ein­stei­gen nur mal den gesam­ten Raum aus­nut­zen wür­den. Die Angst, dann an der Uni nicht aus­stei­gen zu kön­nen, ist voll­kom­men unbe­grün­det: um Vier­tel vor zehn fah­ren nur Stu­den­ten Bahn.

Natür­lich trägt der ört­li­che Nah­ver­kehrs­an­bie­ter eine Mit­schuld an der Mise­re, denn sei­ne Züge mit Vie­rer­sitz­grup­pen mögen außer­halb der Stoß­zei­ten gemüt­lich sein, zur rush hour aller­dings wären Wagen mit Bän­ken an den Außen­wän­den, wie man sie teil­wei­se in Ber­lin fin­det, hilf­rei­cher. Die Men­schen hät­ten von vor­ne­her­ein kei­ne Abstands­zo­nen um sich her­um und wür­den sich viel bereit­wil­li­ger anein­an­der­drän­geln.

Als ich es schließ­lich in den fünf­ten ein­fah­ren­den Zug schaff­te, kreis­ten mei­ne Gedan­ken bereits um qual­men­de Zug­trüm­mer und „Ame­ri­can Psycho“. Dann wur­de ich mit häss­li­chen Men­schen, die bil­li­ge Jacken tru­gen und viel zu laut schlech­te Musik hör­ten, in eine Stadt­bahn gesperrt. Zwei Ischen, die mehr Stuck im Gesicht hat­ten als man für die Decken­sa­nie­rung einer Jugend­stil­vil­la bräuch­te, stan­den allei­ne im Mit­tel­gang. Eine jede von ihnen hät­te genug Raum gehabt, auf dem Fuß­bo­den ein vik­to­ria­ni­sches Pick­nick zu ver­an­stal­ten. In den Frei­raum drän­geln konn­te ich mich frei­lich nicht, dafür war der Pfrop­fen dum­mer Men­schen, der den Ein­gangs­be­reich ver­stopf­te, zu dicht. Ich beschloss, mich näher mit den Leh­ren des Zen zu beschäf­ti­gen und merk­te, wie mein Geist mei­nen Kör­per ver­ließ.

Als die Bahn an der Uni-Hal­te­stel­le ein­fuhr, stieg er als ers­tes aus und stapf­te mit dump­fem Schritt die Trep­pen hin­auf. Sein Unter­kie­fer schob sich mah­lend nach vor­ne und aus sei­nen Nasen­lö­chern stie­gen klei­ne Rauch­wölk­chen. Sei­ne Arme hat­te er ange­spannt, sei­ne Schul­tern wirk­ten dop­pelt so breit wie sonst. Der eis­kal­te Wind trieb ihm Trä­nen in die zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen, aber er stapf­te unauf­hör­lich wei­ter. Jeder, der sich ihm in den Weg gestellt hät­te, wäre ohne wei­te­res Zutun zu Staub zer­fal­len. Mit jedem Schritt lös­ten sei­ne Füße klei­ne Druck­wel­len auf dem Pflas­ter aus, die Erschüt­te­run­gen waren noch in zwei Kilo­me­tern Tie­fe zu spü­ren. Da fing es an zu Reg­nen.

Als er das Hör­saal­zen­trum betrat, kipp­te er sei­nen Kopf zurück und ließ sei­nen Nacken kna­cken. Er atme­te tief durch. Die Vor­le­sung lief bereits seit zehn Minu­ten, der Hör­saal war halb leer. Die Stu­den­ten hat­ten alle Plät­ze am Rand der Sitz­rei­hen besetzt.

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Gesellschaft

Habemus Großeinsatz

Was bin ich froh, dass ich so sel­ten in Arzt­war­te­zim­mern sit­zen und Small­talk füh­ren muss. Sonst könn­te es viel­leicht pas­sie­ren, dass ich mei­nen Miss­fal­len zu die­sem oder jenem The­ma äuße­re und mir kurz dar­auf ein SEK die Bude ein­rennt.

Was? Nein, ich albe­re nicht schon wie­der rum. Ich bezie­he mich auf den Fall von Sieg­fried Lind­ner aus Ober­bay­ern. Der hat­te vor dem Papst­be­such im ver­gan­ge­nen Jahr im War­te­zim­mer einer Arzt­pra­xis zu einem ande­ren Pati­en­ten gesagt, dass die 40 Mil­lio­nen Euro für den Besuch bes­ser hät­ten ver­wen­det wer­den kön­nen. Und als dann ein paar Tage spä­ter Farb­beu­tel auf das Geburts­haus des katho­li­schen Ober­hir­ten gewor­fen wur­den, dach­te sich die Staats­an­walt­schaft offen­bar „Das ist unser Mann“, und schick­te Fami­lie Lind­ner ein Groß­auf­ge­bot vor­bei.

Die gan­ze eben­so absur­de wie beun­ru­hi­gen­de Geschich­te lief offen­bar am Mon­tag bei „Fakt“ in der ARD und man kann sie hier nach­le­sen.

[via Der Mor­gen]

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Gesellschaft Musik

Die Vergangenheit der Musikindustrie

Die wenigs­ten Jugend­li­chen, die heu­te Musik hören (und das sind laut neu­es­ten Umfra­gen 98% der Euro­pä­er), wer­den wis­sen, wel­ches Jubi­lä­um die­ser Tage began­gen wird: Vor 25 Jah­ren schloss Sony­Uni­ver­sal, die letz­te Plat­ten­fir­ma der Welt, ihre Pfor­ten. Ein Rück­blick.

Es war ein wich­ti­ger Tag für Deutsch­land, als der Bun­des­tag der Musik­in­dus­trie im Jahr 2009 das Recht ein­räum­te, soge­nann­te „Ter­ror­ko­pie­rer“ (die Älte­ren wer­den sich viel­leicht auch noch an den archai­schen Begriff „Raub­ko­pie­rer“ erin­nern) selbst zu ver­fol­gen und bestra­fen. Als unmit­tel­ba­re Fol­ge muss­ten neue Gefäng­nis­se gebaut wer­den, da die alten staat­li­chen Zucht­häu­ser dem Ansturm neu­er Insas­sen nicht Herr wer­den konn­ten. Dies war die Geburts­stun­de der Pri­so­nia AG, dem Kon­sor­ti­um von Bau- und Musik­in­dus­trie und heu­te wich­tigs­tem Unter­neh­men im EuAX. Die Wie­der­ein­füh­rung der Todes­stra­fe schei­ter­te im Jahr dar­auf nur am Veto von Bun­des­prä­si­dent Fischer – die gro­ße Koali­ti­on aus FDP, Links­par­tei und Grü­nen hat­te das Gesetz gegen die Stim­men der Pira­ten­par­tei, damals ein­zi­ge Oppo­si­ti­ons­par­tei im Bun­des­tag, ver­ab­schie­det.

Im Jahr 2011 fuhr der frisch fusio­nier­te Major War­ne­rE­MI den höchs­ten Gewinn ein, den je ein Unter­hal­tungs­kon­zern erwirt­schaf­tet hat­te. Kri­ti­ker wie­sen schon damals dar­auf hin, dass dies vor allem auf die völ­li­ge Abschaf­fung von Steu­ern für die Musik­in­dus­trie und die Tat­sa­che zurück­zu­füh­ren sei, dass die soge­nann­ten „Klin­gel­tö­ne“, klei­ne Musik­frag­men­te auf den damals so belieb­ten „Mobil­te­le­fo­nen“, für jede Wie­der­ga­be extra bezahlt wer­den muss­ten – eine Pra­xis, die War­ne­rE­MI zwei Jah­re spä­ter auch für sei­ne MP5-Datei­en ein­führ­te.

Die Anzei­chen für einen Stim­mungs­um­schwung ver­dich­te­ten sich, wur­den aber von den Unter­neh­men igno­riert: Der erfolg­reichs­te Solo-Künst­ler jener Tage, Jus­tin Tim­ber­la­ke, ver­öf­fent­lich­te sei­ne Alben ab 2010 aus­schließ­lich als kos­ten­lo­se Down­loads im Inter­net und als Delu­xe-Vinyl-Ver­sio­nen im „Apple Retro Store“. Heu­te fast ver­ges­se­ne Musi­ker wie Madon­na, Rob­bie Wil­liams oder die Band Cold­play folg­ten sei­nem Vor­bild. Hohn und Spott gab es in allen Medi­en für den dama­li­gen CEO von War­ne­rE­MI, als der in einem Inter­view mit dem Blog „FAZ.net“ hat­te zuge­ben müs­sen, die Beat­les nicht zu ken­nen.

Die­se öffent­li­che Häme führ­te zu einem umfas­sen­den Pres­se­boy­kott der Musik­kon­zer­ne. Renom­mier­te Musik­ma­ga­zi­ne in Deutsch­land und der gan­zen Welt muss­ten schlie­ßen, Musik­jour­na­lis­ten, die nicht wie die Redak­teu­re des deut­schen „Rol­ling Stone“ direkt in Ren­te – wie man es damals nann­te – gehen konn­ten, grün­de­ten eine Bür­ger­rechts­be­we­gung, die schnell ver­bo­ten wur­de. Die Lun­te aber war ent­facht.

Im Herbst 2012 kün­dig­te Prof. Die­ter Gor­ny, damals Vor­sit­zen­der der „Kon­sum-Agen­tur für Run­de Ton­trä­ger, Elek­tri­sche Lie­der und Licht­spie­le“ (K.A.R.T.E.L.L.), sei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur an, wor­über der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler Gui­do Wes­ter­wel­le alles ande­re als erfreut war. Er setz­te neue Kom­mis­sio­nen für Medi­en- und Kul­tur­in­dus­trie ein und kün­dig­te eine mög­li­che Zer­schla­gung der Musik­kon­zer­ne an. Die­se fusio­nier­ten dar­auf­hin in einer „freund­li­chen feind­li­chen Über­nah­me“ am Euro­päi­schen Kar­tell­amt vor­bei zum Kon­zern Sony­Uni­ver­sal­EMI und droh­ten mit einer Abwan­de­rung in die Mon­go­lei und damit dem Ver­lust der rest­li­chen 300 Arbeits­plät­ze.

Aber weder Kanz­ler Wes­ter­wel­le noch das deut­sche Volk lie­ßen sich erpres­sen: Zum 1. Janu­ar 2013 muss­te MTVi­va den Sen­de­be­trieb ein­stel­len. Die neu­ge­grün­de­te Bun­des­me­di­en­auf­sicht unter Füh­rung des par­tei­lo­sen Ste­fan Nig­ge­mei­er hat­te dem Fern­seh­sen­der, der als soge­nann­ter Musik­ka­nal galt, die Sen­de­li­zenz ent­zo­gen, da die­ser weni­ger als die gesetz­lich gefor­der­ten drei Musik­vi­de­os täg­lich gespielt hat­te. Die Cas­ting­show „Euro­pa sucht den Super­star“ erwies sich für Sony­Uni­ver­sal­EMI als über­ra­schen­der Mega-Flop, der Wert des Unter­neh­mens brach um ein Drit­tel ein, das „EMI“ ver­schwand aus dem Namen.

Im Ber­li­ner Unter­grund grün­de­te sich die Deut­sche (heu­te: Euro­päi­sche) Musi­can­ten­gil­de. Deren heu­ti­ger Ehren­vor­sit­zen­de Thees Uhl­mann erin­nert sich: „Es war ja damals schon so, dass die klei­nen Bands ihr Geld aus­schließ­lich über Kon­zer­te machen konn­ten, die ja dann auch noch ver­bo­ten wer­den soll­ten. Erst haben wir unse­re CDs ja selbst raus­ge­bracht, aber als die Musik­kon­zer­ne dann die Her­stel­lung von CDs außer­halb ihrer Fabri­ken unter Stra­fe stel­len lie­ßen, muss­ten wir auf Kas­set­ten aus­wei­chen.“ Heu­te kaum vor­stell­bar: Das Magnet­band galt damals als so gut wie aus­ge­stor­ben, nur die klei­ne Manu­fak­tur „Tele­fun­ken“ pro­du­zier­te über­haupt noch Abspiel­ge­rä­te, die ent­spre­chend heiß begehrt waren.

Am 29. Novem­ber 2013, heu­te vor 25 Jah­ren, war es dann soweit: Der Volks­zorn ent­lud sich vor der Sony­Uni­ver­sal-Zen­tra­le am Ber­li­ner Reichs­tags­ufer. Das Medi­en­ma­ga­zin „Cof­fee & TV“ hat­te kurz zuvor auf­ge­deckt, dass die Musik­in­dus­trie jah­re­lang hoch­ran­gi­ge Mit­ar­bei­ter gedeckt hat­te, die durch „Ter­ror­ko­pie­ren“ auf­ge­fal­len waren. Wäh­rend der nor­ma­le Bür­ger für sol­che Ver­bre­chen bis zu sechs Jah­re ins Gefäng­nis muss­te, waren die Mana­ger und Pro­mo­ter straf­frei aus­ge­gan­gen. Als nun die Mut­ter des drei­jäh­ri­gen Tim­mie zu einem hal­ben Jahr Arbeits­dienst ver­ur­teilt wer­den soll­te, weil sie ihrem Sohn ein Schlaf­lied vor­ge­sun­gen hat­te, ohne die dafür fäl­li­gen Lizenz­ge­büh­ren von 1.800 Euro zah­len zu kön­nen, zogen die Bür­ger mit Fackeln und selbst gebas­tel­ten Gal­gen zum „Die­ter-Boh­len-Haus“ am Spree­bo­gen.

Das Gebäu­de brann­te bis auf die Grund­mau­ern nie­der, dann zog der Mob unter den Augen von Feu­er­wehr und Poli­zei wei­ter zur Zen­tra­le der „GEMA“ am Kur­fürs­ten­damm (der heu­ti­gen Toyo­ta-Allee). Wie durch ein Wun­der wur­de an die­sem Tag nie­mand ernst­lich ver­letzt. Die meis­ten Füh­rer der Musik­in­dus­trie konn­ten ins nord­ko­rea­ni­sche Exil flie­hen, den „klei­nen Fischen“ wur­de Straf­frei­heit zuge­si­chert, wenn sie ein Berufs­ver­bot akzep­tier­ten und einer drei­jäh­ri­gen The­ra­pie zustimm­ten.

Drei Tage spä­ter fand im Ber­li­ner Tier­gar­ten ein gro­ßes Kon­zert statt, die ers­te öffent­li­che Musik­auf­füh­rung in Euro­pa seit vier Jah­ren. Die Kili­ans, heu­te Rock­le­gen­den, damals noch jun­ge Män­ner, spiel­ten vor zwei Mil­lio­nen Zuhö­rern, wäh­rend die Bil­der von gestürz­ten Die­ter-Gor­ny-Sta­tu­en um die Welt gin­gen.

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Rundfunk Gesellschaft

Schattenkinder

Aus aktu­el­lem Anlass lief gera­de in der ARD die Doku­men­ta­ti­on „Schat­ten­kin­der“ von Uta König. Es geht um Kin­der in Ham­burg-Jen­feld, die aus kaput­ten Fami­li­en kom­men: Bei der einen trinkt der Vater, beim ande­ren sit­zen die Eltern den gan­zen Tag vor dem Com­pu­ter – man hat das so oft gehört, dass es genau sol­che All­ge­mein­plät­ze gewor­den sind wie die neu­es­ten Opfer­zah­len aus dem Irak.

Uta Königs Film gibt den All­ge­mein­plät­zen Gesich­ter. Da ist ein klei­nes, dickes Mäd­chen, das nichts hat außer sei­ner spre­chen­den und tan­zen­den Bar­bie­pup­pe. Ein Jun­ge, der in viel zu klei­nen Schu­hen her­um­läuft und sich nichts wünscht außer pas­sen­de Schu­he und ein UNO-Spiel. Zwei Schwes­tern, neun und elf, deren Mut­ter am Alko­hol gestor­ben ist und deren Vater säuft und rum­schreit.

Da steht dann der Vater betrun­ken vor der Tür der (eben­falls alko­hol­kran­ken) Lebens­ge­fähr­tin, zu der die Töch­ter geflo­hen sind, und ran­da­liert. Die Repor­te­rin ver­steckt sich mit den Kin­dern. Drau­ßen pol­tert es, die Kame­ra ist nur noch auf das angst­er­füll­te Gesicht der Elf­jäh­ri­gen gerich­tet und der Pop­kul­tur-geschä­dig­te Zuschau­er ertappt sich dabei, wie er „Wie ‚Blair Witch Pro­ject‘ …“ denkt, weil er sonst die hoff­nungs­lo­se Rea­li­tät dahin­ter aner­ken­nen müss­te und in Trä­nen aus­bre­chen wür­de, wäh­rend die Kin­der da zusam­men­ge­kau­ert hocken und nicht wei­nen.

Das Jugend­amt hielt es zu die­sem Zeit­punkt übri­gens noch nicht für nötig, ein­zu­grei­fen: Der Vater sei zwar gewalt­tä­tig, aber (noch) nicht gegen die Kin­der. Da erscheint es einem als Zuschau­er unmög­lich, amt­li­che Vor­schrif­ten auf der einen und gesun­den Men­schen­ver­stand und mensch­li­che See­le auf der ande­ren Sei­te irgend­wie zusam­men­zu­pa­cken. Als der Vater schließ­lich sei­ne letz­te Chan­ce ver­spielt und die Mäd­chen zu einer Pfle­ge­fa­mi­lie kom­men, wei­gert sich das Amt wie­der­um, der christ­li­chen Orga­ni­sa­ti­on „Arche“, die sich als ein­zi­ge um die Kin­der geküm­mert hat und wo die Bei­den Freun­de hat­ten, einen Kon­takt zu ihnen zu ermög­li­chen.

Über­haupt: Die­se „Arche“ hält alles zusam­men. Die Kin­der krie­gen dort eine war­me Mahl­zeit, Auf­merk­sam­keit, Zuwen­dung – all das, was für Kin­der in einer Indus­trie­na­ti­on selbst­ver­ständ­lich sein soll­te. Eini­ge der Kin­der sind hoch­gra­dig ver­stört, ande­re wir­ken schon mit zehn unglaub­lich lebens­klug und kön­nen sich bes­ser arti­ku­lie­ren als ihre Eltern. Aber natür­lich wäre es viel schö­ner, nai­ve, fröh­li­che, alber­ne, ner­vi­ge Zehn­jäh­ri­ge zu sehen.

„Schat­ten­kin­der“ ist aus min­des­tens zwei Grün­den beein­dru­ckend und wich­tig: Zum einen zeigt der Film anhand von Ein­zel­schick­sa­len, wie es in unge­zähl­ten Fami­li­en aus­se­hen muss und wovon man als Außen­ste­hen­der nichts mit­kriegt. (Als Mit­tel­klas­se-Kind bekommt man ja eh meist nur in der Grund­schu­le einen Ein­blick in sozi­al schwa­che Fami­li­en, in denen sich nie­mand um die Kin­der küm­mert. Das deut­sche Schul­sys­tem sorgt ja sehr schnell dafür, dass die Kin­der, die sich aus Grün­den wie den oben genann­ten nicht auf die Schu­le kon­zen­trie­ren kön­nen, sehr schnell den Anschluss ver­pas­sen und so nie aus dem Sys­tem wer­den aus­bre­chen kön­nen.) Zum ande­ren sieht man, wie wich­tig die Arbeit sol­cher Orga­ni­sa­tio­nen wie der „Arche“ ist, die sich zu 95% über Spen­den und staat­li­che För­der­mit­tel finan­ziert.

Nach­trag 26. Novem­ber, 23:45 Uhr: Wegen des gro­ßen Inter­es­ses an dem Film, das sich auch in mei­nen Such­an­fra­gen wie­der­spie­gelt, hat sich der NDR ent­schlos­sen, „Schat­ten­kin­der“ zu wie­der­ho­len. Und zwar gera­de eben

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Gesellschaft

Ohne Telefon geht’s schon

Ges­tern stand ich in einer voll­be­setz­ten U‑Bahn (ich wäre ja auch schön blöd, wenn ich in einer lee­ren U‑Bahn stün­de) und war dort gezwun­gen, in einem Maße am Pri­vat­le­ben eines mir völ­lig unbe­kann­ten Men­schen teil­zu­neh­men, dass es mir unan­ge­nehm war. Er sei kürz­lich umge­zo­gen, erfuhr ich, aber die gan­zen Kla­mot­ten stün­den noch im Wohn­zim­mer, das auch noch nicht tape­ziert sei, aber das kom­me noch alles. Er wis­se noch nicht, was er an Sil­ves­ter mache, Mei­ke und Kai hät­ten vor­ge­schla­gen, ein Feri­en­haus irgend­wo an der Ost­see zu mie­ten und da „mit alle Mann“ hin­zu­fah­ren, aber er sei sich noch nicht sicher, ob die bei­den das wirk­lich orga­ni­sie­ren wür­den und ob er wirk­lich mit­wol­le. Jetzt müs­se er aber eh erst mal die Zuta­ten für ein ordent­li­ches Pilz­ri­sot­to kau­fen, denn gleich bekä­me er noch Besuch.

Der jun­ge Mann erzähl­te die­se Sachen nicht mir, er erzähl­te sie sei­nem Mobil­te­le­fon – und damit dem gesam­ten Zug. Wer der­art öffent­lich lebt, macht sich natür­lich kei­ne Gedan­ken, wenn der Staat sei­ne Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­vi­tä­ten pro­to­kol­lie­ren las­sen und sei­nen Com­pu­ter durch­su­chen will, dach­te ich. Und dann: Tele­fo­nie­ren ist das neue Rau­chen.

Die­se stei­le The­se liegt weni­ger dar­in begrün­det, dass wohl bei­des ziem­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heit haben kann, son­dern ist his­to­risch beleg­bar: Ziga­ret­ten waren einst ein Sta­tus­sym­bol, eine Requi­si­te von Luxus und Deka­denz. Irgend­wann rauch­te dann jeder Müll­mann und obwohl Rau­chen noch lan­ge gesell­schaft­lich geach­tet war, war der Anschein des luxu­riö­sen schnell ver­schwun­den. Viel­leicht erin­nern Sie sich noch an die ers­ten Ärz­te und Rechts­an­wäl­te, die C‑Netz-Auto­te­le­fo­ne in ihren S‑Klassen spa­zie­ren fuh­ren. Mir sind Men­schen bekannt, die sich auf dem Park­platz ihres Golf­clubs zu ihren Freun­den, die sol­che Auto­te­le­fo­ne besa­ßen, ins Auto setz­ten und ihren eige­nen Anruf­be­ant­wor­ter anrie­fen und bespra­chen, nur damit sie mal mit so einem „ver­rück­ten neu­en Gerät“ tele­fo­niert hat­ten. (Ähn­li­ches ist viel­leicht heu­te wie­der bei die­sen unsäg­li­chen iPho­nes zu beob­ach­ten.) Irgend­wann aber hat­te fast jeder so ein „Han­dy“, gera­de von sozi­al schwä­che­ren Per­so­nen heißt es häu­fi­ger, dass sie im Besitz gleich meh­re­rer Mobil­te­le­fo­ne sei­en. Im ver­gan­ge­nen Jahr war erst­mals der Punkt erreicht, wo jeder Mensch in mei­nem Bekann­ten­kreis inklu­si­ve mei­ner Groß­el­tern über ein Mobil­te­le­fon ver­füg­te. Inzwi­schen habe ich tat­säch­lich wie­der Men­schen ohne ein sol­ches Gerät ken­nen­ge­lernt und die ers­ten Freun­de haben (noch Tele­fon­lo­se) Kin­der bekom­men, so dass die Quo­te wie­der leicht unter hun­dert Pro­zent gesun­ken ist.

Ana­log zu den Nicht­rau­cher­ab­tei­len in Zügen und ‑zonen in Restau­rants gibt es bereits „Ruhe­wa­gen“ in den ICEs der Deut­schen Bahn, in denen das Tele­fo­nie­ren uner­wünscht ist, und man hat bereits von „han­dy­frei­en“ Gast­stät­ten gehört. An vie­len Schu­len wur­den Ziga­ret­ten und Mobil­te­le­fo­ne gar gleich­zei­tig ver­bo­ten.

Ich erken­ne dar­in eine ein­deu­ti­ge Ten­denz, die über kurz oder lang dazu füh­ren wird, dass dem mobi­len Tele­fo­nie­ren über­all und zu jeder Zeit eines Tages eine ähn­li­che Oppo­si­ti­on gegen­über­ste­hen wird, wie es sie heu­te bereits bei den mili­tan­ten Nicht­rau­chern gibt. Noch wird ledig­lich getu­schelt, wenn in einem Kunst­mu­se­um ein pein­li­cher poly­pho­ner Klin­gel­ton die Stil­le durch­bricht und sich eine Mitt­fünf­zi­ge­rin hek­tisch mit den Wor­ten „Ja, wir sind schon oben. Kommt Ihr nach?“ mel­det. Aber noch wer­den auch Rau­cher noch nicht über­all gesell­schaft­lich aus­ge­grenzt. Ich bin zuver­sicht­lich, noch den Tag zu erle­ben, an dem die Staats- und Regie­rungs­chefs die­ser Welt den „Ver­trag zur Äch­tung von Mobil­te­le­fo­nen im öffent­li­chen Raum“ unter­zeich­nen.

Ich bin übri­gens seit drei­ein­halb Jah­ren im Besitz eines Sie­mens ME45, das frü­her einem Freund gehör­te, und habe die Pre­paid-Num­mer eines Ver­wand­ten über­nom­men. Mal davon ab, dass die Akku-Leis­tung lang­sam nach­lässt, bin ich mit die­ser Lösung recht zufrie­den.

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Print Gesellschaft

It’s Raining Stupid Men

I’ll tell you one thing: Men are bas­tards.
After about ten minu­tes I wan­ted to cut off my own penis with a kit­chen kni­fe.

(Nick Horn­by – About A Boy)

Okay, mal ehr­lich, Mädels: Wie vie­le von Euch haben damals geheult, als raus­kam, dass Ste­phen Gate­ly von Boy­zo­ne schwul ist? Und Eloy de Jong von Caught In The Act auch? Und die bei­den zusam­men waren?

Man muss schon etwas absei­ti­ge Ver­glei­che bemü­hen, um sich zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, was da gera­de mit den deut­schen Medi­en los ist: Anne Will hat sich geoutet hat­te ihr Coming-Out, sie hat eine Lebens­ge­fähr­tin, sie ist – huh­uhu – les­bisch.

Nun soll­te man mei­nen, dass das The­ma Homo­se­xua­li­tät im Jahr 2007 eigent­lich so all­täg­lich ist, dass nicht gleich sämt­li­che Jour­na­lis­ten des Lan­des hyper­ven­ti­lie­rend auf ihre Tas­ta­tu­ren sprin­gen. Dem ist offen­bar nicht so. Wenn Anne Will als erklär­te Sym­pa­thie­trä­ge­rin dazu bei­tra­gen kann, dass das The­ma all­täg­li­cher wird, ist das natür­lich zu begrü­ßen, so wie über­haupt grund­sätz­lich zu begrü­ßen ist, wenn Men­schen glück­lich sind.

Ich weiß nicht, was Anne Will und Miri­am Meckel dazu brach­te, aus­ge­rech­net jetzt der „Bild am Sonn­tag“ zu bestä­ti­gen, was eh jeder, der es wis­sen woll­te, schon län­ger wuss­te. Ich möch­te es eigent­lich auch gar nicht wis­sen, denn ich könn­te mir vor­stel­len, dass die „muti­ge Lie­bes-Beich­te“ nicht so hun­dert­pro­zen­tig eine freie Ent­schei­dung der bei­den war.

Die „Bild am Sonn­tag“ jeden­falls schrieb noch:

Anne Will und Miri­am Meckel – ein Power-Paar. Zwei erfolg­rei­che, klu­ge und schö­ne Frau­en, die viel Wert dar­auf legen, ihr Pri­vat­le­ben zu schüt­zen, auch wenn sie bei­de in der Öffent­lich­keit bekannt sind. Sie wol­len kein Getu­schel und kei­ne Auf­re­gung um ihre les­bi­sche Lie­be.

Dabei waren die „Los Les­bos Wochos“ längst eröff­net. Wie genau es „Bild“ mit dem schüt­zens­wer­ten Pri­vat­le­ben nimmt, haben wir im BILD­blog ges­tern schon nach­ge­zeich­net, und auch heu­te ver­brei­tet die Zei­tung jede Men­ge Getu­schel und Auf­re­gung. Was aber brach­te auch die ver­meint­lich seriö­sen Medi­en dazu, in einem Aus­maß über die „Lie­bes­sen­sa­ti­on“ zu berich­ten, das – zumin­dest gefühlt – alles in den Schat­ten stellt, was man dort nor­ma­ler­wei­se so an Klatsch fin­det?

Nun, ich glau­be, die Erklä­rung ist eben­so nahe­lie­gend wie beun­ru­hi­gend: In den meis­ten Redak­tio­nen sit­zen Män­ner und die füh­len sich in ihrer Männ­lich­keit gekränkt, wenn eine gut aus­se­hen­de Frau kei­ner­lei sexu­el­les Inter­es­se an ihnen hat. Nie­mand könn­te das bes­ser in Wor­te fas­sen als Franz Josef Wag­ner:

Lie­be Anne Will,

als Mann kom­men­tie­re ich Ihr Outing nicht spon­tan mit … „Das ist gut so!“

Als Ihr treu­er Bild­schirm-Flirter bin ich natür­lich nicht begeis­tert, dass Sie bezau­bern­de Frau eine Fata Mor­ga­na sind, eine Sin­nes­täu­schung.

Hun­der­te, Tau­sen­de Male stel­le ich mir ein Ren­dez­vous mit Ihnen vor. Und plötz­lich – bums bzw. BamS, Sie sind les­bisch.

Und dann ist da noch die­se Stra­ßen­um­fra­ge, die bild.de gemacht hat. Da gibt es dann wirk­lich Män­ner, die ent­we­der kei­ne Ahnung haben, dass sie sich gera­de gehö­rig zum Affen machen, oder es auch noch ernst mei­nen, wenn sie Sät­ze sagen wie:

„Scha­de eigent­lich, ich hät­te sie ger­ne auch genom­men.“

Ich kann und will mir nicht vor­stel­len, dass Män­ner sich tat­säch­lich die „Tages­the­men“ ange­se­hen haben, weil sie dar­über nach­dach­ten, wie die Frau, die da gera­de irgend­wel­che Hun­gers­nö­te und Ter­ror­an­schlä­ge anmo­de­rier­te, wohl so „im Bett“ sei. Ande­rer­seits ist das Medi­en­in­ter­es­se wohl wirk­lich kaum noch anders zu erklä­ren als mit gekränk­ter Eitel­keit.

Das aber wirft noch eine Fra­ge auf: Kann eine Frau, die dum­mer­wei­se gut aus­sieht und nicht les­bisch ist, einem offen­bar der­art schwanz­ge­steu­er­ten Mob über­haupt ent­kom­men?

Und ich hat­te mir schon Sor­gen gemacht, dass es irgend­wie kin­disch wäre, jedes Mal für fünf Minu­ten ent­täuscht zu sein, wenn Nata­lie Port­man mal wie­der einen neu­en Freund anschleppt …

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Politik Gesellschaft

Du bist Verfassungsbeschwerde

Mehr als 13.000 Bür­ger betei­li­gen sich schon an der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Gesetz zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung. Einer davon bin ich.

Noch bis zum 24. Dezem­ber kann man der Ber­li­ner Kanz­lei Sta­ros­tik sei­ne Voll­macht ertei­len und damit an der „größ­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de aller Zei­ten“ teil­neh­men. Das tut nicht weh und kos­tet nicht mehr als die 55 Cent für die Brief­mar­ke (und Papier, Umschlag und etwas Dru­cker­tin­te).

Wenn vorratsdatenspeicherung.de nicht gera­de down ist (wegen Über­las­tung, wie ich hof­fen will), fin­det man dort das nöti­ge For­mu­lar zum Aus­fül­len und Aus­dru­cken, bei alltagskakophonie.de gibt es eine detail­lier­te Anlei­tung.

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Politik Gesellschaft

Das ist Bahnsinn

Die Gewerk­schaft der Lok­füh­rer (GdL) möch­te von Mitt­woch bis Sams­tag im Güter‑, Nah- und Fern­ver­kehr strei­ken.

Aller­dings droh­te GDL-Chef Schell im Gespräch mit der „Pas­sau­er Neu­en Pres­se“: „Wir kön­nen einen Streik län­ger durch­hal­ten, als es die Bun­des­re­pu­blik ver­kraf­tet“, sag­te er, „und vor allem deut­lich län­ger, als der Bahn­vor­stand dies glaubt“.

Zitat: Welt.de

Äh, okay. Alles klar.

Leu­te, wenn Eure Streik­kas­sen so der­ma­ßen gefüllt sind, dass Ihr schon ver­bal Fuf­fies im Club schmeißt, wie wäre es dann, wenn Ihr ein­fach alle Gewerk­schafts­funk­tio­nä­re wür­det, Euch qua­si selbst durch­füt­tert und die Füh­rer­stän­de für Leu­te räumt, die Spaß am Zug­fah­ren hät­ten?

Viel­leicht könn­te man auch ein­fach in irgend­ei­nem Stadt­thea­ter einen schmu­cken Bal­kon räu­men, Schell und Meh­dorn dort in die Ses­sel tackern und den gan­zen Tag im Kin­der­pro­gramm grum­meln las­sen, wäh­rend Gewerk­schaft und Unter­neh­men von weni­ger dick­köp­fi­gen Men­schen geführt wer­den.

Mit einer Inter­ven­ti­on des Bahn-Eigen­tü­mers (das sind Sie und ich, ver­tre­ten durch die Bun­des­re­gie­rung) ist bis auf wei­te­res übri­gens auch nicht zu rech­nen, denn in Ber­lin hat man gera­de ande­re Sor­gen.

(Höl­le, Höl­le, Höl­le!)

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Leben Gesellschaft

Ein Rauch von Nichts

Seit Jah­ren ver­su­che ich, mit dem Rau­chen anzu­fan­gen, aber ich schaf­fe es ein­fach nicht. Es könn­te dar­an lie­gen, dass ich weder Ziga­ret­ten noch Feu­er­zeu­ge besit­ze und die Momen­te, in denen ich irgend­wo ste­he und mir den­ke, ich müss­te jetzt drin­gend „eine qual­men“, somit unge­nutzt ver­strei­chen.

Eigent­lich will ich über­haupt nicht rau­chen. Das wäre auch absurd: Mei­ne Eltern rau­chen nicht, von mei­nen Freun­den in der Schu­le hat nie­mand geraucht und wenn die Bou­le­vard­jour­na­lis­ten auf der Suche nach jeman­dem wären, der auch in den tiefs­ten Momen­ten der Puber­tät nie auch nur ein­mal an einer Ziga­ret­te gezo­gen hat, dann wären sie bei mir an der rich­ti­gen Adres­se. Aber Bou­le­vard­jour­na­lis­ten sind wohl eher auf der Suche nach Kin­dern, die mit zwölf Jah­ren ihre ers­te Alko­hol­ver­gif­tung hat­ten und mit 14 die Kat­ze der Nach­bars­toch­ter getö­tet haben. Nach­dem sie die Nach­bars­toch­ter geschwän­gert haben.

Jeden­falls kann­te ich bis zu mei­nem zwei­und­zwan­zigs­ten Lebens­jahr qua­si kei­ne Rau­cher und hat­te auch nie das Bedürf­nis, selbst einer zu wer­den. Als unser Eng­lisch­leh­rer in der zehn­ten Klas­se meh­re­re Stun­den damit füll­te, uns auf Deutsch vor­zu­rech­nen, wie viel Geld wir spa­ren könn­ten, wenn wir es nicht für Ziga­ret­ten aus­gä­ben, son­dern zur Bank bräch­ten, inter­es­sier­te mich das nicht: Mein Taschen­geld ging für CDs und Musik­ma­ga­zi­ne raus, da war an Rauch­wa­ren und Spar­kon­ten nicht zu den­ken.1

Eigent­lich gibt es kei­ne Argu­men­te für das Rau­chen: Es ist die ein­zi­ge Dro­ge, die kei­nen Rausch ver­ur­sacht, den Kör­per aber trotz­dem schä­digt; es ist jetzt noch teu­rer als schon zu mei­nen Schul­zei­ten und es stinkt ekel­haft. War­um habe ich also Tage, an denen ich den­ke, ich müss­te jetzt drin­gend rau­chen? Viel­leicht, weil es immer noch als Rock’n’Roll-Ges­te gilt? Oder weil ich das Gefühl habe, irgend­was mit mei­nen Hän­den und Lip­pen tun zu müs­sen, und ich nicht schon wie­der zum Lip­pen­pfle­ge­stift grei­fen kann, weil die Umste­hen­den dann (nicht ganz zu Unrecht) glau­ben, ich sei von dem Ding kör­per­lich abhän­gig?

Ich wet­te, ich wäre einer die­ser Men­schen, bei denen Rau­chen auch noch gänz­lich uncool aus­sieht. Die ers­ten zehn, zwölf Stan­gen wür­de ich eh in einem alten Bun­ker im Wald rau­chen müs­sen, damit mich kei­ner beim Hus­ten und Schleim aus­wür­gen beob­ach­ten kann. Ich müss­te mei­ne Kla­mot­ten jeden Abend auf den Bal­kon hän­gen, müss­te aber im Gegen­zug nicht mehr vor dem Waschen über­le­gen, ob ich in den nächs­ten Tagen noch weg­ge­hen will, weil sowie­so alle mei­ne Klei­dungs­stü­cke ganz grau­en­haft röchen. Das ist auch der Grund, wes­halb ich Rau­cher für ver­ant­wor­tungs­lo­ser hal­te als bei­spiels­wei­se Hero­in­jun­kies: Der Jun­kie setzt sich in einer dunk­len Ecke sei­nen Schuss und riecht viel­leicht unge­wa­schen, mit einer Hand­voll Rau­chern im Raum rie­chen danach alle unge­wa­schen. Ein Bier­trin­ker, der einer ande­ren Per­son ver­se­hent­lich ein hal­bes Glas Bier übers Hemd schüt­tet, müss­te sich danach wer-weiß-was anhö­ren und die Rei­ni­gung bezah­len. Ein Rau­cher allei­ne ist nicht wei­ter schlimm, in der Grup­pe ver­dre­cken sie aber allen Leu­ten in ihrer Umge­bung die Klei­dung, erhö­hen deren Chan­cen, an Krebs zu erkran­ken, und zah­len nie­man­dem die Rei­ni­gung. „Selbst­mord­at­ten­tä­ter“, nennt Vol­ker Pis­pers die­se Leu­te, die sich selbst töten und dabei noch so vie­le Unschul­di­ge wie mög­lich mit­neh­men.

Obwohl ich das Rau­chen aus den oben genann­ten Grün­den has­se und auch ger­ne lebens­lan­ges Bahn­ver­bot für die Men­schen for­de­re, die auf den Toi­let­ten ansons­ten rauch­frei­er Züge ihrer Sucht frö­nen, fin­de ich Nicht­rau­cher oft genug noch uner­träg­li­cher: Wer schon laut und affek­tiert hus­tet, wenn sich jemand knapp inner­halb sei­ner Sicht­wei­te eine Ziga­ret­te ansteckt, hat ver­mut­lich ande­re Pro­ble­me als den nahen­den Tod durch Pas­siv­rau­chen. Auch in die­sen Momen­ten ärge­re ich mich, dass ich nicht rau­che.

Ich freue mich auf das Rauch­ver­bot, das ab 1. Janu­ar auch in NRW gel­ten soll. Es wird merk­wür­dig sein, in mei­ner Dins­la­ke­ner Stamm­knei­pe, die außer von mei­nem Freun­des­kreis haupt­säch­lich von älte­ren Her­ren und Stamm­tisch­brü­dern bevöl­kert wird, vom hin­ters­ten Tisch aus noch die The­ke sehen zu kön­nen. Ich hof­fe, dass die Gäs­te mit ihrer Sucht umzu­ge­hen ler­nen und dem Wirt kein finan­zi­el­ler Nach­teil ent­steht. Ein Freund aus Baden-Würt­tem­berg berich­te­te mir kürz­lich, dass es in den dor­ti­gen Clubs und Dis­co­the­ken immer grau­en­haft nach Schweiß und Bier stin­ke, seit dort nicht mehr geraucht wer­den darf. Das wäre in der Tat ein unschö­ner Neben­ef­fekt. Zu Beginn die­ses Jahr­zehnts war ein nach Melo­ne duf­ten­des Par­füm sehr in Mode, das mich auch heu­te immer noch ver­zückt, wenn ich es an jun­gen Damen rie­che. Ich wür­de mir vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um wün­schen, dass die­ses Par­füm kos­ten­los an die Bevöl­ke­rung aus­ge­ge­ben wird, bis uns eine ande­re Lösung ein­ge­fal­len ist.

1 An Spar­kon­ten ist auch heu­te noch nicht zu den­ken, wie mein Anla­ge­be­ra­ter neu­lich erst wie­der fest­stell­te.

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Literatur Gesellschaft

Don’t party like it’s 1999

Kürz­lich blät­ter­te ich mal wie­der in „Tris­tesse Roya­le“, dem Rea­der der deutsch­spra­chi­gen Pop­li­te­ra­tur der 1990er Jah­re, dem Zeit­do­ku­ment der ers­ten Tage der Ber­li­ner Repu­blik. Und mir wur­de klar: Wer ver­ste­hen will, wie sehr sich unse­re Gesell­schaft und unse­re Welt im letz­ten Jahr­zehnt ver­än­dert haben, der muss nur die­se Pro­to­kol­le der Gesprä­che lesen, die Joa­chim Bes­sing, Chris­ti­an Kracht, Eck­hart Nickel, Alex­an­der von Schön­burg und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re im spä­ten April des Jah­res 1999 im frisch wie­der­eröff­ne­ten Ber­li­ner Hotel „Adlon“ geführt haben.

Neh­men wir nur einen kur­zen Aus­schnitt, der eigent­lich alles sagt:

JOACHIM BESSING Gibt es denn eigent­lich über­haupt noch soge­nann­te gesell­schaft­li­che Tabus?
ALEXANDER V. SCHÖNBURG Die katho­li­sche Kir­che zu ver­tei­di­gen ist zum Bei­spiel ein moder­nes Tabu. Es ist ein All­ge­mein­platz, für die Anti­ba­by­pil­le und gegen die Fami­li­en­po­li­tik des Paps­tes zu sein. Wer heu­te, wie ich, sagt: Ich bin für den Papst und gegen die „Pil­le danach“, bricht ein gesell­schaft­lich ver­ein­bar­tes Tabu. Viel­leicht ist es auch ein ähn­li­cher Tabu­bruch, wenn eine Frau sagt: Ich gehö­re hin­ter den Herd und möch­te ger­ne mei­ne Kin­der erzie­hen. Ich möch­te gar nicht in die Drei-Wet­ter-Taft-Welt ein­tre­ten.

„Tris­tesse Roya­le“, S. 118

Lesen Sie die­se Aus­füh­run­gen ruhig mehr­mals. Und ver­su­chen Sie dann, sich vor­zu­stel­len, dass es eine Welt gab, in der „wir“ noch nicht Papst waren und in der Eva Her­man nur die Nach­rich­ten vor­ge­le­sen hat. Es war eine Welt, in der alles noch so war, wie es war, bevor nichts mehr so war, wie es zuvor gewe­sen war. Eine Welt in einem ande­ren Jahr­tau­send – aber wer heu­te aufs Gym­na­si­um kommt, war damals schon gebo­ren.

Natür­lich ist „Tris­tesse Roya­le“ kein Pro­to­koll einer tat­säch­li­chen Gesell­schaft. Die welt­män­ni­schen Posen der fünf jun­gen, kon­ser­va­ti­ven Her­ren lie­ßen sich auch damals nur schwer­lich mit der Welt­sicht der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung auf eine Line brin­gen. Aber sie pass­ten sti­lis­tisch in die Eupho­rie des Auf­bruchs. Das Buch ist des­halb eine gute Erin­ne­rung an die­se ers­ten Tage der soge­nann­ten Ber­li­ner Repu­blik, als es so aus­sah, als wür­den Ger­hard Schrö­der und die rot-grü­ne Koali­ti­on Deutsch­land allei­ne aus der Kri­se füh­ren. In gewis­ser Wei­se haben sie das getan, aber das Volk hat es ihnen nicht gedankt, weil die als gro­ße „Reform“ anmo­de­rier­te Agen­da 2010 weh tat und sie zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil auch unso­zi­al war. Nie­mand fragt, war­um es Deutsch­land unter einer Kanz­le­rin Mer­kel, die bis­her kei­ne ein­zi­ge innen­po­li­ti­sche Ent­schei­dung grö­ße­rer Trag­wei­te getrof­fen hat, plötz­lich so gut gehen soll, wie lan­ge nicht mehr. Nie­mand ist erstaunt, wenn die SPD unter dem Pfäl­zer Ted­dy Kurt Beck plötz­lich wie­der Sozi­al­de­mo­kra­tie der 1960er Jah­re betrei­ben will. Aber alle jam­mern über die­se wahn­sin­ni­gen Teue­rungs­ra­ten und über die Gefahr, schon mor­gen auf dem Koblen­zer Markt­platz Opfer einer isla­mis­ti­schen Atom­bom­be zu wer­den.

Zwi­schen April ’99 und Okto­ber ’07 lag der 11. Sep­tem­ber 2001, der natür­lich viel ver­än­dert hat und der für zwei neue gro­ße Krie­ge auf die­sem Pla­ne­ten ver­ant­wort­lich ist. Aber ich glau­be nicht, dass die­se Ter­ror­an­schlä­ge, so schlimm sie auch waren und so vie­le danach auch noch kamen, der Haupt­grund für die­se Ver­schie­bung gesell­schaft­li­cher Vor­stel­lun­gen ist.

Zwi­schen 1999 und 2007 lag näm­lich auch und vor allem ein Jahr­tau­send­wech­sel, egal ob man den am 1. Janu­ar 2000 oder erst ein Jahr spä­ter begos­sen hat. Wenn wir uns anse­hen, wel­che Aus­wir­kun­gen schon eine schlich­te Jahr­hun­dert­wen­de gehabt hat, dann müs­sen wir erstaunt sein, dass die­ser Über­gang vom zwei­ten zum drit­ten Mill­en­ni­um häu­fig so ein­fach über­gan­gen wird: Das spä­te 19. Jahr­hun­dert hat­te das Fin de siè­cle, das Zeit­al­ter des Deka­den­tis­mus, und genau das fin­den wir auch in „Tris­tesse Roya­le“ und der Gesell­schaft die­ser spä­ten 1990er Tage wie­der. Nicht weni­ge erwar­te­ten für die Sil­ves­ter­nacht 1999/​2000 den sofor­ti­gen Welt­un­ter­gang und ent­spre­chend wur­de auch gefei­ert und gelebt. Die­ser Über­schwung hielt dies­mal aber kei­ne 14 Jah­re, bis ein Ereig­nis die Welt erschüt­ter­te, son­dern die paar Mona­te bis zum Sep­tem­ber 2001.

Als Peter Scholl-Latour am Abend des 12. Sep­tem­ber 2001 in der Talk­show von Michel Fried­man das Ende der Spaß­ge­sell­schaft pos­tu­lier­te, hin­ter­ließ das zwar kei­nen all­zu blei­ben­den Ein­druck bei der Welt­be­völ­ke­rung, aber nach so einer Ansa­ge fie­len die Cham­pa­gner­bä­der in Ber­lin-Mit­te viel­leicht doch zunächst ein biss­chen klei­ner aus. Und ehe man sich’s ver­sah, war auch auf höhe­rer Ebe­ne aus einer apo­li­ti­schen Deka­denz­ge­sell­schaft eine apo­li­ti­sche Bie­der­mei­er­ge­sell­schaft gewor­den, in der man sei­nen dun­kel­haa­ri­gen Nach­barn sofort für einen poten­ti­el­len Mas­sen­mör­der hält, weil der sich drei­mal am Tag die Hän­de wäscht und betet. Ande­rer­seits wird ein alter Kir­chen­mann von Jugend­li­chen wie ein Pop­star ver­ehrt und Fern­seh­mo­de­ra­to­rin­nen erhe­ben das Gegen­teil ihres eige­nen Lebens­we­ges zum Heils­ver­spre­chen für alle Frau­en.

Damit sind wir, auf Umwe­gen, wie­der beim Aus­gangs­zi­tat ange­kom­men. Was machen eigent­lich die­se gro­ßen Män­ner der deutsch­spra­chi­gen Deka­denz heu­te? Nun: Alex­an­der von Schön­burg war kurz­zei­tig Chef­re­dak­teur des Edel­ma­ga­zins „Park Ave­nue“ und kollum­ni­ert für „Bild“; Joa­chim Bes­sing schreibt Bücher, die auf dem „Lebenshilfe“-Tisch der Buch­hand­lun­gen neben denen von Eva Her­man lie­gen; Eck­hart Nickel und Chris­ti­an Kracht grün­de­ten die sehr inter­es­san­te, lei­der aber nicht sehr erfolg­rei­che Lite­ra­tur­zeit­schrift „Der Freund“; Kracht selbst ent­schwebt in sei­nen Repor­ta­gen in immer unzu­gäng­li­che­re Sphä­ren und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re war zuletzt als Rosen­ver­käu­fer im neu­en Horst-Schläm­mer-Video zu sehen.

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Unterwegs Gesellschaft

Niemand ist ein Berliner

Ich bin zurück in Bochum. Fast wäre das schief gegan­gen, da der ICE aus Ber­lin Rich­tung Ruhr­ge­biet aus zwei Zügen besteht, die in Hamm getrennt wer­den, und ich natür­lich zunächst im fal­schen Zug­teil saß. Ich war aber nicht der Ein­zi­ge, den der Gleis­wech­sel und die ver­än­der­te Abfahrt­zeit am Ber­li­ner Haupt­bahn­hof irri­tiert hat­te: In Span­dau rann­ten gleich drei Leu­te aus dem hin­te­ren Teil nach vor­ne und zwei aus dem vor­de­ren nach hin­ten. Obwohl ich Ber­lin als Stadt eigent­lich nicht so mag, war es doch ein sehr schö­ner Auf­ent­halt. Ich habe lau­ter net­te Leu­te getrof­fen und Kreuz­berg ist nach vier dort ver­brach­ten Aben­den tief in mei­nem Her­zen.

Irri­tiert hat mich der Umstand, dass es in Ber­lin Schu­len und Spiel­plät­ze gibt, habe ich doch bis heu­te aus­schließ­lich Men­schen ken­nen­ge­lernt, die frü­hes­tens zum Stu­di­um nach Ber­lin gekom­men sind. Die Vor­stel­lung, es könn­te Per­so­nen geben, die in Ber­lin gebo­ren wur­den, erscheint mir des­halb hoch­gra­dig abwe­gig. Ande­rer­seits fie­le mir spon­tan auch nie­mand aus mei­nem Umfeld ein, der gebür­ti­ger Bochu­mer wäre.

Was auch mal wie­der über­deut­lich wur­de: Egal, wohin man kommt, man trifft immer jeman­den, der eine per­sön­li­che Dins­la­ken-Geschich­te hat. Chris­toph Schult­heis war als Kind sogar schon mal da und erin­ner­te mich gleich an ein schon lan­ge ver­dräng­tes Dins­la­ken-Detail: Im zen­tra­len Kreis­ver­kehr zwi­schen Stadt­hal­le und Super­markt stand lan­ge Jah­re ein gro­ßer gel­ber Weg­wei­ser, wie man ihn von Land- und Bun­des­stra­ßen kennt, der die Rich­tung und Ent­fer­nung nach Ber­lin angab. In Dins­la­ken, das damals noch nicht mal einen eige­nen Auto­bahn­an­schluss hat­te. Es soll­te wohl ein Sym­bol sein, auf dass man die sei­ner­zeit noch vor­herr­schen­de deut­sche Tei­lung im All­tag nicht ver­ges­se. Das Schild gewor­de­ne Weih­nachts­pa­ket an die Ver­wand­ten „drü­ben“.