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Leben Musik

25 Jahre „Clarity“

Im Jahr 1999 erschien eine ganze Reihe von Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.

Jimmy Eat World -Clarity

So richtig gildet das ja gar nicht: „Clarity“ von Jimmy Eat World kam in Deutschland ja erst Ende Januar 2001 auf den Markt, fast zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung in den USA — auch etwas, was jungen Menschen heute nur noch schwer zu vermitteln ist, wo Musik einfach um Mitternacht Ortszeit bei den Streaming-Diensten auftaucht.

1999 wäre ich aber auch noch gar nicht bereit gewesen: ein 15-jähriges Kind, dessen sehr überschaubare CD-Sammlung überwiegend mit Film-Soundtracks und Radiopop von Phil Collins bis Lighthouse Family bestückt war. 2001 war das anders: Ich hatte inzwischen ein recht ordentlich gefülltes CD-Regal, eine Festplatte voller MP3s und Viva II und „Visions“ boten Ein- und Ausblicke auf all das, was musikalisch noch existierte. Und an Jimmy Eat World und ihrer Single „Lucky Denver Mint“ kam man dort nicht vorbei:

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Dieser Song klang gleichermaßen catchy und erwachsen. Wie die Musik vom „American Pie“-Soundtrack, aber ein ganz kleines bisschen sperriger. Ich weiß, dass ich das Album an einem Freitagnachmittag bei Radio Bohlen gekauft habe, jenem Unterhaltungselektronik- und Tonträgerhändler in der Dinslakener Innenstadt, bei dem schon mein Vater Stereoanlage und Schallplatten erworben hatte, und der kein halbes Jahr später seine Pforten für immer schließen sollte. (Seitdem ist ein DM an dieser Stelle.) Ich erinnere mich, dass ich noch schnell eine Kassette aufnahm, die ich am nächsten Tag hören konnte, während ich mit Schulfreund*innen bei der Inventur in der Filiale eines großen niederländischen Bekleidungskonzern aushalf, wie wir es zu jener Zeit öfter taten. Und ich weiß, dass die Songs von Jimmy Eat World in der Folge auf zahlreichen Mixtapes für mich und angehimmelte Mitschülerinnen landeten.

Vielleicht projiziere ich im Nachhinein zu viel in dieses Album hinein, vielleicht dachte ich aber auch schon mit 17, dass es mehr nach Studentenwohnheim als nach Jugendzimmer klang. Neben den klaren, eingängigen Singles „Lucky Denver Mint“ und „Blister“ war da ein Song wie „A Sunday“, wo sich tieftönende Gitarren mit Streichern und Glockenspiel mischten; das siebenminütige „Just Watch The Fireworks“, das sich immer wieder steigerte und die Richtung wechselte, wie irgendsoein Progrock-Song der 1970er, nur ohne dessen gleich mitgedachtes Kiffer-Publikum; die perlenden Klavier- und Gitarrensoli in „For Me This Is Heaven“, die sich spiegelten und vereinten wie eine Beethoven-Sonate, und natürlich der mehr als 16-minütige closer „Goodbye Sky Harbor“.

Ich kenne kein anderes Album, dessen Lyrics so gut in die Zeit gepasst hätten, in dem ich es fast jeden Tag gehört habe, ohne es zu merken. Fast jeder Song enthält mindestens eine Zeile, die ich mit Edding (oder wenigstens Bleistift) auf die Schultische hätte schreiben können, aber erst jetzt, mehr als 20 Jahre später, erfasse ich beim Hören, was uns die Band damals mitteilen wollte. Wie die Texte das Konzept „Emo“, schon Jahre vor My Chemical Romance und Fall Out Boy, auf eine Art ausreizten, die in der Rückschau bis an die Grenze der Selbstparodie reicht. Wie sehr dieses Album nur am Ende eines in jeder Hinsicht einzigartigen Jahrzehnts erscheinen konnte, etwa in einem Song, der sich explizit mit der Todsünde der so auf Authentizität bedachten 1990er Jahre beschäftigt, dem sell-out („Your New Aesthetic“).

Womöglich liegt irgendein tieferer Sinn in dem absurden Unterhaltungsindustrieprozess, der dafür sorgte, dass uns „Clarity“ nicht schon 1999 vor die Füße fiel, sondern wir bis 2001 darauf warten mussten. In der Rückschau, die ja vieles umdeutet und in sogenannte Narrative zwängt, war „Clarity“ jedenfalls der zwingende Soundtrack zu dem einen, letzten sorgenfreien Sommer: fast jedes Wochenende saßen wir am Rheinufer, machten illegale Lagerfeuer und hörten betont bedeutungsvolle Musik. Mindestens einmal im Monat waren irgendjemandes Eltern weg, was in einer sogenannten Stumrfrei-Party resultierte. „Unglücklich verliebt“ war die Default-Einstellung bei fast allen. Mein Sony-Walkman und die daran angeschlossenen In-Ear-Kopfhörer waren Teil meines Körpers.

Und Jim Adkins und Tom Linton sangen sich die Seele aus dem Leib:

When the time we have now ends
When the big hand goes round again
Can you still feel the butterflies?
Can you still hear the last goodnight?

Am 20. August begann dann für uns das letzte Schuljahr und drei Wochen später krachten die Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon. Aber das ist die Geschichte des Nachfolge-Albums „Bleed American“.

Jimmy Eat World – Clarity
(Capitol Records; 23. Februar 1999/29. Januar 2001)
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Leben Musik

In memoriam Tina Turner

Wie stark einen die Nachricht vom Tod einer berühmten Person trifft, hängt von mehreren Faktoren ab: Zuerst einmal natürlich von der Bedeutung dieser Person und ihres Schaffens für das eigene Leben; dann von ihrem Alter und der … nun ja: Erwartbarkeit des Todes, aber auch vom Zeitpunkt und dem Weg, wie man von ihrem Ableben erfährt. Ich war gestern in einer recht aufgeräumten Feierabend-und-nichts-Konkretes-vor-Stimmung, als mir ein Freund und Kollege einen Screenshot schickte, dass Tina Turner gestorben sei. Entsprechend hatte ich Zeit und Muße, sofort sehr ausgiebig ihre Musik zu hören und mich in den im Minutentakt auf Social Media vorgebrachten Huldigungen zu verlieren.

Es gab eine Zeit, da gehörte die Musik von Tina Turner zu meinem Elternhaus wie die Möbel des Profilsystems von Flötotto, das Bang-&-Olufsen-Festnetztelefon Beocom 2000 und das sonnengelbe Steingutgeschirr der Marke Thomas. Ihre Hits der 1980er und frühen 1990er Jahre waren wichtiger Bestandteil jener Mixtapes, die mein Vater für sogenannte Feten zusammengestellt hatte und die dann, immer einen Tacken zu laut für durchschnittliche Gespräche, zunächst das gesellschaftliche Beisammensein und Essen untermalten, ehe es zum Äußersten kam und erwachsene Menschen in einer Art ungelenkem Halftime-Pogo über die im Wohnzimmer geschaffenen Freiflächen tanzten. (Weitere unabdingbare Songs für diese Anlässe: die Miles-Davis-Interpretation von Michael Jacksons „Human Nature“; „Ella, elle l’a“, dieser Spät-Hit einer anderen Großkünstlerin im dritten Akt: France Gall; irgendwas von Herbert Grönemeyer, Patricia Kaas und Phil Collins und – zu später Stunde – das ebenso unvermeidliche wie unoriginelle „Smoke On The Water“ von Deep Purple, zu dem dann auch schon mal auf Küchenbesen Nicht-mehr-nur-Luft-Gitarre gespielt wurde. Vielleicht baue ich irgendwann mal eine Spotify-Playlist aus diesen Party-Hits — oder ich gehe noch mal in Therapie.)

Songs wie „The Best“, „I Don’t Wanna Lose You“, „What’s Love Got To Do With It“, „Why Must We Wait Until Tonight“, „Private Dancer“ oder „Steamy Windows“ waren mir so selbstverständlich, dass sie natürlich auch auf meinen ersten eigenen Mixtapes landeten, die – in Ermangelung eigener CDs – natürlich auch nur die Musiksammlung meiner Eltern wiedergaben. Ich habe gestern Abend beim Wiederhören (teilweise nach mehreren Jahrzehnten Pause) nur halb überrascht festgestellt, wie sexuell viele dieser Songs waren, was ich als Zehnjähriger natürlich nicht begriff — aber ich bin mir sicher, dass z.B. „Steamy Windows“ („Coming from the body heat“) schon damals eine seltsame Verheißung mit sich brachte, die eher nicht aus der Musik eines Phil Collins sprach.

Wir tendieren ja dazu, popkulturelle Phänomene – wie alles, mit dem wir aufwachsen – als buchstäblich natürlich zu betrachten. Insofern war Tina Turner zur Wende-Zeit selbstverständlich einer der größten lebenden Popstars und ich wusste nichts über ihr Davor, die erst produktive, dann katastrophale Ehe mit Ike und ihr Comeback in den 1980er Jahren. Dieses Wissen um ihren biographischen Hintergrund lässt ihr Schaffen im Nachhinein natürlich noch einmal um so größer erscheinen, lässt jeden einzelnen, auch nur halb-selbstbewussten Song zum Statement werden und sie als Künstlerin umso mehr zur Ikone. Dass sie bei Veröffentlichung von „The Best“ (ich lerne gerade, dass die ursprüngliche Version dieses Songs von Bonnie Tyler stammt) fast 50 Jahre alt war – ein für damalige Verhältnisse ungeheuerliches Alter für einen weiblichen Popstar – erscheint mir auch vor allem in der Rückschau bemerkenswert — als Kind ist „Alter“ eine absolut uneinsehbare Kategorie und es gibt nur „alt wie Mama und Papa“, „alt wie Omi und Opi“ und „die älteren Geschwister von Freund*innen“, was auch wirklich alles umfassen kann. Aber ich war gleichermaßen verwirrt und stolz, als ich vor drei Jahren mit meinem Sohn bei uns im Wohnzimmer eine Wand farbig anstreichen wollte, zu diesem Zweck für meine Verhältnisse ungewöhnlich volkstümelnd das Formatradio aufdrehte und dort dann eine vom norwegischen DJ Kygo nur mäßig überarbeitete Version von „What’s Love Got To Do With It“ lief, von der mein Sohn mir alsbald zu Verstehen gab, dass sie ihm geläufig sei. „Tina Turner müsste doch inzwischen wirklich alt sein“, dachte ich und ließ grüne Wandfarbe auf den Fußboden tropfen.

Tina Turner war auch das perfekte Gegenargument für die ja immer noch in Teilen der Hobby-Kulturkritik vorherrschende Schwachsinns-Position, „echte“ Musiker*innen müssten ihre Songs selbst schreiben. Mehr noch: Sie brauchte für ihre Hits nicht mal die besten Songwriter ihrer Generation, sondern vorsichtig gesagt irgendwelche. Ich persönlich halte die Dire Straits für eine der egalsten Pop-Kapellen aller Zeiten, deren Präsenz in der Rotationsliste jeden Sender Lügen straft, der behauptet, „das Beste“ der 1980er Jahre im Repertoire zu haben, aber „Private Dancer“ ist – selbst in seiner 7:11-Minuten-Albumversion – ein so atmosphärisch dichter, phantastischer Song, dass Mark Knopfler für dessen Laufzeit wie ein genialer Songwriter wirkt. Bono und The Edge schrieben mit „GoldenEye“ das, was Tina Turner dann zum fraglos besten James-Bond-Song aller Zeiten machte, und waren danach offenbar so ausgelaugt, dass ihnen mit ihrer Band U2 nach 1995 nicht mehr viel von Bedeutung gelang. Wieviel sie aus Songs rausgeholt hat, die bei anderen Menschen jetzt nicht so zünden würden — und das in den musikalisch oft fragwürdigen 1980er Jahren: Da zeigt sich die ganze Stärke einer Ausnahme-Künstlerin.

Entsprechend kamen kurz nach der Todesnachricht die Würdigungen auch aus allen Ecken des kulturellen Spektrums: Mick Jagger, Shirley Bassey, Anton Corbijn, Debbie Harry von Blondie und die Pet Shops Boys zogen ebenso den Hut wie Angela Bassett, die Tina Turner 1993 im Film „What’s Love Got To Do With It“ verkörpert hatte — zu einer Zeit, als noch nicht jede zweite Lebensgeschichte in einem Biopic verwurstet wurde. Auf Twitter machte ein Video die Runde, zu dessen Beginn Tina Turner erst einer schwarzen Limousine entstieg, um dann auf beeindruckenden Absätzen 1:1 den Einmarsch eines US-Präsidenten bei der State of the Union Address zu exerzieren (inkl. „Ladies and gentlemen: Miss Tina Turner!“ aus dem Off), was alles in einer 120.000-Volt-Liveversion von „The Best“ kulminiert. Popkultur: So und nicht anders! Tina Turner ist gestern im Alter von 83 Jahren in ihrer neuen Heimat, der Schweiz, gestorben.

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Familie Leben

Abschied von Omi

Ich weiß noch, wie ich im Februar 2006 mit einer Kollegin unterwegs war, sie einen offenbar unspektakulären Anruf bekam, aber hinterher sagte: „Jedes Mal, wenn meine Mutter anruft, denke ich, es ist was mit Omma!“ Damit fasste sie etwas in Worte, was ich auch schon unterbewusst gedacht hatte, und was ich seitdem immer wieder dachte, wenn mein Handy anzeigte, dass meine Eltern anriefen.

Ich weiß im Gegensatz dazu nicht so genau, wann das angefangen hat, dass ich an Weihnachten und den Geburtstagen meiner Großeltern dachte: „Ich fahr mal lieber nach Dinslaken; wer weiß, wie oft wir das noch zusammen feiern?“, aber auch das muss jetzt über zehn Jahre her sein.

Drei Anrufe hatte ich schon bekommen (alle auf dem Festnetztelefon): im Juli 2012, als mein entfremdeter Großvater gestorben war, ein Mann, den ich zuletzt Mitte der 1990er Jahre gesehen hatte und den ich in der Stadt nicht erkannt hätte, wenn wir uns begegnet wären; im August 2017, als meine Großmutter mütterlicherseits nach einer Operation im Krankenhaus starb, zu der sie sich mit den Worten verabschiedet hatte, es wäre nicht schlimm, wenn das jetzt schief ginge, wir bräuchten nicht traurig zu sein, es sei dann auch gut gewesen; Ende Dezember 2017, 96 Stunden nachdem wir mit unserem Großvater väterlicherseits noch einmal Weihnachten gefeiert und geahnt hatten, dass es das letzte Mal sein würde, aber noch an ein letztes gemeinsames Osterfest geglaubt hatten.

Aber eine Großmutter war ja immer noch da, so wie sie immer dagewesen war: Omi, von der wir zwölf Enkelkinder wirklich fast immer nur als Omi sprachen — so als gäbe es nur eine einzige auf der Welt; die anderen bekamen ihren Namen angehängt, aber „Omi Sigrid“ sagten wir wirklich selten, es war doch eh klar, von wem wir sprachen.

Mit jedem Geburtstag und jedem Weihnachtsfest sank – die trockenen Zahlen betrachtet – die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einem Jahr noch einmal gemeinsam feiern können würden. In den Seuchenjahren 2020 und ’21 schafften wir es immerhin, ihren Geburtstag auf der Terrasse zu feiern; mit Masken und Abstand, aber auch mit Sekt, so wie es sich gehörte. 2020 saßen wir an Weihnachten vor dem Tablet und winkten nach Dinslaken, in der Hoffnung, dass die Pharmaindustrie schnell genug sein würde, damit wir eine geimpfte Omi noch einmal in den Arm nehmen könnten. Vielleicht sogar zu Weihnachten. Und auch wenn es 2021 keine Feier in ihrem engsten Familienkreis (Stand damals: 43 Personen) mehr gab, weil es einfach zu viel gewesen wäre und sie in großen Gruppen nicht mehr gescheit zuhören konnte, so waren wir im Laufe der Feiertage doch fast alle noch mal bei ihr im Wohnzimmer, aßen Lebkuchen, die sie selbstverständlich selbst aus der Küche geholt hatte, denn davon würde sie sich niemals abbringen lassen, und genossen das Geschenk, allen Widrig- und Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, noch einmal Weihnachten mit Omi verbringen zu dürfen.

Im Juni wurde Omi – für uns Enkelkinder: plötzlich; für ihre Kinder, die sie Tag für Tag besuchten und umsorgten: absehbar – schwächer. Auf einmal schien die entscheidende Frage, ob wir es noch mal an ihr Bett nach Dinslaken schaffen würden; ihr eine Sonnenblume hinstellen könnten; noch einmal mit ihr sprechen und uns bedanken können würden. Wir konnten. Es wurden noch einige Sonnenblumen und Gespräche und Ende August saß sie an ihrem 96. Geburtstag wie selbstverständlich auf der Terrasse, ließ Gesänge und Lobpreisungen eher widerwillig über sich ergehen, freute sich über neugeborene Urenkelinnen und fast 80-jährige Nichten, die zu Besuch gekommen waren, und erhob natürlich das obligatorische Glas Sekt.

Luki und Omi

Wenn ich in den letzten Jahren die Todesanzeigen in der Zeitung studierte (was ich aus einer Mischung aus „Memento mori“ und „Ich könnte ja jemanden kenne“ regelmäßig tue), vergingen inzwischen manchmal ganze Monate, ohne dass auch nur eine einzige verstorbene Person älter als Omi gewesen wäre. In die Nachrichten schafften es immerhin Betty White, Queen Elizabeth II und Angela Lansbury, die allesamt älter waren (wenn auch zum Teil nur wenige Monate). Eingedenk der Weltlage erschien es mir irgendwann zumindest theoretisch möglich, dass wir uns nie von Omi verabschieden müssen würden, sondern einfach alles vor ihr endet.

Nun: Der Anruf kam am Abend des 25. Oktober 2022. Nach Tagen, an denen sie nicht mehr gegessen und getrunken hatte, war Omi – man soll diese Formulierung in der Gegenwart von Kindern vermeiden, denn Tote sind tot, sie können nicht wieder aufwachen; aber hier trifft sie dann eben doch mal in einem weniger als 50% metaphorischen Sinne zu – friedlich eingeschlafen.

Ich glaube, es war Thees Uhlmann, der mal gesagt hat, dass man versuchen sollte, Denkmäler für die Menschen zu errichten, denen sonst keine Denkmäler gebaut werden. Also habe ich bei Instagram versucht, in Worte zu fassen, was Omi, ihre Süßigkeiten, ihre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe und ihr Glaube für mich bedeutet haben und immer bedeuten werden. Ich hab bei ihrem Beerdigungskaffeetrinken eine kleine Ansprache gehalten, in der ich versucht habe, ihr Leben (oder wenigstens die 39 Jahre, die ich mit ihr verbringen durfte) zu würdigen. Ich wusste vorher schon: Ich könnte ein Buch schreiben über Omi, unsere Familie und das Ruhrgebiet, dessen Geschichte so eng mit der unserer Familie verwoben ist. Und damit fange ich jetzt an!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter “Post vom Einheinser”, für den man sich hier anmelden kann.

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Leben Musik

Was den Himmel erhellt

Ich erinnere mich, wie ich am ersten Arbeitstag des Jahres 2006 die Post in der Musikredaktion von CT das radio öffnete und darin die Promo für die neue Tomte-CD („Watermarked #89“) lag. Wie ich die CD am Abend zum ersten Mal hörte und wusste, dass ich viel Zeit mit diesem Album verbringen würde.

Ich erinnere mich, wie ich Thees Uhlmann zum Interview im Düsseldorfer Zakk traf. Wie ich ihm unbeholfen das Demo einer befreundeten Band in die Hand drückte, das ich eigentlich für Simon Rass vom Grand Hotel van Cleef mitgebracht hatte, der aber gar nicht vor Ort war, und wie Thees zum ersten Mal die Kilians hörte.

Ich erinner mich, wie ich um vier Uhr morgens in Dinslaken aufstand und zum Düsseldorfer Flughafen fuhr, um nach Nürnberg zu fliegen (mein allererster Flug ohne Eltern!). Wie ich mit dem Zug nach Erlangen weiterfuhr, um die Kilians zu treffen, die jetzt, acht Wochen nach dem Interview, bei Tomte im Vorprogramm spielten. Ich stellte mich als Backliner und Roadie vor, bekam meinen eigenen Backstage-Pass und vergaß direkt am ersten Abend den Teppich, der auf der Bühne unter Micka Schürmanns Schlagzeug liegen sollte, in einer Ecke des E-Werks.

Ich erinnere mich daran, Tomte vier Tage hintereinander live zu sehen, die neuen Songs zu hören, die ich schon in- und auswendig kannte, und zu spüren, wie diese Band auf der Welle der Emotionen surfte, die ihnen entgegengebracht wurde. An die Zeile „Und du sagtest: Da ist zu viel Krebs in deiner Familie“, die mir jeden Abend die Tränen in die Augen trieb, weil mein geliebter Großonkel gerade im Krankenhaus lag und vier Monate später an dieser Arschloch-Krankheit starb. An Soundchecks, Backstageräume und den Deckel einer Rohlingspindel, aus dem Thees Wodka-O trank, bevor ich ihn auf die Stirn küsste.

Ich erinnere mich an zahlreiche Festivals im Sommer, auf denen ich Tomte immer wieder live sah, und wie wir beim Essen Original so nass wurden, dass das Wasser beim Gehen aus unseren Schuhen schwappte.

Ich erinnere mich, wie ich für CT eine eigene Version von „New York“ zusammenschnitt, weil die Albumversion zu lang war, aber auf der Singleversion das tolle Intro fehlte. (Ich glaube, das ist illegal, und die Band und ihr Produzent Swen Meyer könnten mich wahrscheinlich heute noch verklagen.)

Ich erinnere mich, wie ich im September für drei Monate zu meiner amerikanischen Familie nach San Francisco flog und dachte, dass es ja ein merkwürdiger Zufall ist, dass Thees mit „Walter & Gail“ ein Lied über seine amerikanische Familie geschrieben hatte.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Onkel nach New York flog, das damals wirklich noch die „Stadt mit Loch“ war. Dass ich am Chelsea Hotel vorbeiging und wir am Sonntagnachmittag durch den Central Park spazierten und bei Sonnenuntergang das Reservoir erreichten und wie ich dachte, dass manchmal einfach alles einen Sinn ergibt.

Ich erinnere mich, wie ich im Dezember wieder in meinem WG-Zimmer im Bochumer Studentenwohnheim saß, die Platte und „New York“ in all meinen Jahresbestenlisten auf Platz 1 setzte und dachte, dass es wahrscheinlich nie wieder ein Album geben würde, das so eng mit meinem Leben verbunden ist — und dass das auch okay sein würde.

Heute vor 15 Jahren erschien „Buchstaben über der Stadt“ von Tomte. L.Y.B.E.

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Gesellschaft Leben

Das anderste Weihnachten aller Zeiten

Vor uns liegt ein Weihnachtsfest, das so anders ist, als wir es gewohnt sind — so zumindest der Tenor in Medien, Politiker*innen-Statements und persönlichen Gesprächen. Dabei ist „anders sein“ bei aller Tradition etwas, was Weihnachten ebenso ausmacht wie unverheiratete Großonkel. Klar: Alle glücklichen Weihnachtsfeste gleichen einander, aber wie viel Prozent Übereinstimmung braucht es analog zur DNA-Analyse in der Forensik, damit es ein Weihnachten „wie immer“ ist?

Da war das Jahr, wo ich mich an Heiligmorgen erbrach, nicht mit in die Kirche konnte und Familienessen und Bescherung auf der Couch verbrachte; das letzte Weihnachten in der alten Wohnung und das erste im neuen Haus. Das Jahr, in dem mein Großvater erklärte, dass es ihm zu anstrengend geworden sei, der Verteilung und Entpackung der Geschenke Dritter beiwohnen zu müssen, weswegen es ab da nur noch sorgsam beschriftete Kuverts mit Geldscheinen gab. Oder das letzte „richtige“ Weihnachten, so wie wir es gewohnt waren: drei Kinder, Mama und Papa und die drei Großeltern. Das war im Jahr 2011 und meinem Tagebuch entnehme ich, dass es schon damals „nicht mehr dasselbe“ war, weil der Gemeindepfarrer, der uns alle getauft und konfirmiert hatte, zwischenzeitlich in den Ruhestand gegangen war. Als mein Großvater im Jahr 2017 bei seiner alljährlichen Weihnachtsansprache auf die sonst übliche Schlussformel „… und hoffen wir, dass der Liebe Gott uns nächstes Jahr noch einmal an dieser Stelle hier zusammenführt“ verzichtete, wussten wir alle, dass es das letzte Weihnachtsfest mit ihm sein würde. Was niemand ahnen konnte (außer er selbst, womöglich): 96 Stunden später war er tot.

Für mich ist erst Weihnachten, wenn ich am Nachmittag des Heiligen Abends „Patience“ von Take That gehört habe — ein Song, der nun wirklich unter keinen Umständen ein Weihnachtslied ist. Der Grund dafür ist gleichermaßen banal wie magisch (also wie das Leben selbst): Ende 2006 lief die große Comeback-Single der einstigen Boyband im Radio rauf und runter — so auch auf der Rückfahrt vom Weihnachtsgottesdienst zu unserem Elternhaus im Radio. Ein Jahr später saßen wir Kinder gemeinsam in Mamas altem Ford Fiesta, fuhren wieder von der Kirche zu den Eltern und im Radio lief wieder dieser Song, was – angesichts einer fünfminütigen Autofahrt und einer selbst bei WDR 2 mehr als einstelligen Zahl von Liedern in den Rotationslisten – dann doch mindestens ein erstaunlicher Zufall war. In den Folgejahren ging ich auf Nummer Sicher, brachte den Song auf meinem iPhone mit nach Dinslaken und spielte ihn auf dem Weg von der Innenstadt nach Eppinghoven ab. Das ist vielleicht drei, vier Mal passiert und ich war über 20, als es begann, aber es ist mehr Weihnachtstradition als der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, von dem ich noch nie in meinem Leben auch nur eine Minute gesehen habe.

Was ich meine ist: Weihnachten ist immer anders und im Grunde genommen dann auch immer ähnlich, weswegen Komödien über Familienweihnachten auch so gut funktionieren: Weil sie die freiwilligen und unfreiwilligen Rituale; die Freude und das Elend; die Wiederholungen, die alle so lange mit den Augen rollen lassen, bis sie nicht mehr stattfinden und die Augen fürderhin nicht mehr gerollt, sondern feucht werden; und den Versuch, Weihnachten „wie immer“ begehen zu wollen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runterbrechen und in der tragischen Pointe gipfeln, dass Weihnachten eben leider genauso wird wie immer.

Douglas Adams hatte in den 1980er Jahren die Idee, ein Computerprogramm zu entwickeln, das die stets deckungsgleichen Aussagen des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan von alleine reproduziert, mit dem Fernziel, irgendwann sämtliche wichtigen Politiker*innen durch Künstliche Intelligenzen zu ersetzen, die sich dann miteinander unterhalten. Adams konnte Donald Trump nicht vorhersehen, aber er hat im Grunde genommen Facebook und Twitter vorweggenommen, wo sich jede Menge Bots und einzelne verwirrte, einsame Seelen in einem fortwährenden Nicht-Dialog befinden. Aber wenn die Menschheit ausstürbe (ein Gedanke, der, bei Licht besehen, selten so naheliegend war wie im Jahr 2020), könnten Spotify-Playlisten, Streamingdienste und die zentralen Logistik-Programme der Backwaren-Industrie jährlich ein Weihnachtsfest emulieren. Roboter an verwaisten Produktionsstraßen würden sich mit Tassen voller Glühwein, auf denen „Weihnachtsmarkt Münster 1993“ steht und deren Henkel schon etwas beschädigt sind, zuprosten und sich – wo technisch möglich – gegenseitig unangemessen berühren, während Smart-Home-Geräte die Wohnungen in allen Farben des Regenbogens blinken lassen.

Und irgendwo würde eine Kaffeemaschine beseelt denken: „Alles wie immer!“

Ich wünsche Euch und Euren Lieben trotz allem frohe und besinnliche Weihnachten im kleinen Kreis, Gesundheit und uns allen ein besseres Jahr 2021!

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Gesellschaft Leben

Entsetzen in Dinslaken: Der Wendler dreht durch!

Für Dinslaken, die sympathische Stadt im Grünen, ist es der schwerste Schicksalsschlag seit dem Ende des Steinkohlebergbaus: Der größte Sohn der Stadt ist plötzlich Corona-Leugner! Ein Beitrag über das bisherige Lebenswerk Michael Wendlers und darüber, was sein Meltdown für seine alte Heimat bedeutet.

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Gesellschaft Leben

Bist Du noch wach? — 1. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich gerne sagen?

„Bist Du noch wach?“ und andere große und kleine Fragen des Lebens: In der ersten Folge ihrer neuen Podcast-Reihe sprechen Sue und Lukas unter anderem über Freundschaften mit sich selbst, Fußball und Ablaufdaten für Frauen. Lukas erzählt die schönsten Party-Anekdoten von Konfrontationen mit Sicherheitsbehörden und die beiden geben wichtige Tipps zum Selbstfrisieren — und was sie ihren jüngeren Ichs sonst noch mit auf den Weg geben würden.

Shownotes:

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Leben

Another Decade Under The Influence: 2019

2019. Ich fahre endlich mal zum Eurosonic und schaue mir ca. 500 neue Acts an. Wir treten tatsächlich im verdammten Berlin auf! Schneemann bauen im Garten. Zum ersten Mal mit Kind ins Stadion, der VfL Bochum verliert, wir kommen trotzdem wieder. Im JWD erscheint mein bisher wichtigster Text. When I see your face / The future that awaits / Another city rising from the dust / Neon lights the way. Ich quatsche dem Grand Hotel van Cleef den nächsten Deal an die Backe. Osterferien mit Koos Konijn und Einkaufszentrum. ESC in Tel Aviv: Ich schwimme zum ersten Mal im Mittelmeer, wir fahren E-Scooter am Strand und dürfen den letzten Live-Auftritt von Madonna miterleben. Die ersten Videoabende. Ich finde immer noch zuverlässig die falschen Leute toll. Just the sight of you is getting the best out of me. In Bochum sind die Dinos los, in Dinslaken der Tiger. So viele Ausflüge und Bahnen! Ich schreibe zum ersten Mal seit Jahren neue Songs. muff potter. sind zurück, Thees Uhlmann auch! Mit dem Kind auf die Fridays-for-future-Demo. Burn, Palo Alto, burn! Ich hab zum ersten Mal seit 25 Jahren ein aktuelles Gladbach-Trikot und nur eine Woche später startet die Borussia die längste Tabellenführung seit 42 Jahren. Familientreffen am Niederrhein. Endlich wieder Nordsee, zum ersten Mal seit acht Jahren wieder eine Woche Urlaub am Stück! Should meditate, should work out more / Should read until my brain gets sore / Meet someone, go far away / Try being socially less strange. „Star Wars“ um 10 Uhr morgens im Multiplex. Ein total entspanntes Weihnachtsfest. Lass uns noch einmal zusammen schrein: / Menschen wie ich bleiben besser allein.

Ein Jahr mit Neueinspielungen der größten Hits der 90er, 00er, 10er und von heute. Das war schon ganz schön gut! Hallo, ich bin Lukas, 36, ich komme aus Bochum und meine Hobbys sind Musik und Fußball! There’s a few things I need / But I’ve money for paying / And if you’ve enough room / I’ll consider staying.

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Leben Unterwegs

Another Decade Under The Influence: 2018

2018. Die Beerdigung meines Großvaters artet zu einem fröhlichen Besäufnis aus („Hätte ihm gefallen!“). Dienstreise nach Hamburg: Nach all den Jahren zum ersten Mal im alten Elbtunnel und in der Thai Oase. Wir legen uns einen eigenen Gemüsegarten an. Wichtig rumstehen beim Grimme Preis. Ein neues iPhone nach sechs Jahren. So viele Ausflüge mit der Straßenbahn und dem Laufrad. Viel Zeit mit meiner Oma in Dinslaken, viel Zeit im Garten. Kann sein, dass das Ende bevorsteht / Leb’ mein Leben wie Anthony Bourdain. Michalis Pantelouris holt mich zum JWD und ich darf nach über zehn Jahren mal wieder Musikjournalismus machen! ESC in Lissabon: Nach all den Desastern der letzten Jahre singt uns Michael Schulte auf Platz 4! Die erste Lucky & Fred Liveshow — zurück auf den Brettern, die die Welt bedeuten! Fuck it all / We killed it tonight. Endlich Tipp-Kick und Minigolf spielen mit dem Kind. Schweden schafft es bis ins WM-Viertelfinale, der größte Triumph seit 24 Jahren. Der erste richtige Kindergeburtstag. Eine Woche Berlin mit dem Kind, allen fahrenden U-Bahn-Linien und den ganzen guten Leuten, die ich in dieser Stadt so kenne. But if you crash and nobody sees / Just remember there will always be / A room for you in my house in the trees. Ein Ausflug nach Arnhem. Immer wieder kettcar und Backstage-Bier. Ananas ernten in Herne, Halloween im Tierpark. I’m just curious, is it serious? Mit U- und Straßenbahnen zur Martinikirmes nach Dinslaken (Recherche für meine große Ruhrpott-Reportage). People love, people leave, people let down / People show up, roll up, people grow up. Das Kind und ich basteln gemeinsam Weihnachtskarten, die das Kind dann unterschreibt. „Last Christmas“ singen mit Frau Ado und den Goldkanten, „Schöne Bescherung“ gucken im Freundeskreis. Silvester mit dem Kind und Kinderfeuerwerk.

Ein Jahr, das eigentlich viel besser war, als es sich in dem Moment anfühlte. Ein Jahr, in dem ich so viele Dinge wieder gemacht habe, die ich seit Jahren nicht mehr gemacht hatte — und die so viel Bock gemacht haben! (Mein einziger Ratschlag fürs Leben: Macht mehr von den Dingen, die Euch glücklich machen!) Und das Jahr, in dem ich nach dem ESC in Lissabon geblieben bin, um mit dem Kind und seiner Mama noch ein paar Tage Urlaub zu machen. Nicht „wie eine richtige Familie“, sondern als richtige Familie! It’s not the song, it is the singin’.

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Leben Musik

Another Decade Under The Influence: 2017

2017. Schnee! Meine Oma zieht ins Seniorenheim. Ich habe eine neue Brille, ein „New Yorker“-Abo (plus Stoffbeutel) und eine Therapeutin — jetzt noch ein Cordsakko und ich bin ein echter Ostküsten-Intellektueller! Ein neues Tattoo. Ganz viele Ausflüge mit U-Bahnen, Straßenbahnen und Zügen. Ich entwerfe und baue mein erstes ganz eigenes Möbel! The Ataris, Wanda und Soulwax live. Ostern ohne Eltern, aber mit eigenem Kaffeetrinken. Wir fallen runter wie Glitzer auf Beton / Und malen die Stadt so bunt wie wir eben sind. ESC in Kiew: Dr. Peter Urban ist zum 20. Mal dabei, ich inzwischen auch schon zum achten. Eltern-und-Kind-Turnen, ein Euphemismus für „Eltern die letzte Lebensenergie aussaugen“. Mein MacBook, treuer Begleiter seit Duslog-Tagen, raucht ab. Endlich wieder Stadtpark-Nachmittage! I want a life, that’s all I need lately / I am alive but all alone. Meine Oma verabschiedet sich für immer. I got loyalty, got royalty inside my DNA. Flugzeuge gucken in Düsseldorf. Wie die Starken die Schwachen, die Müden die Wachen / Umarmen, umarmen. Einen ganzen Tag Geburtstag feiern! Ein Familientreffen in Freiburg. kettcar sind zurück — aber sowas von! Wir gehen zur Eröffnung von neuen Stadtbahnhaltestellen und Straßenbahnlinien. Ich hab jetzt lange Haare. Plätzchenbacken und Weihnachtsmärkte. Eine Schneeballschlacht vor der eigenen Haustür. Eine Modelleisenbahn unterm Weihnachtsbaum. An Weihnachten wird klar: Das ist das letzte Mal mit unserem Opa; was keiner ahnt: 96 Stunden später ist er tot. Nobody else will be there then / Nobody else will be there. Einmal Silvester mit Raclette und Bleigießen feiern, wie so ganz normale Erwachsene.

Ein ziemlich okayes Jahr, auch wenn gleich zwei meiner Großeltern gestorben sind. Ein Jahr, das aber auch einigermaßen öde gewesen wäre, wenn meine beste Freundin mich nicht ständig vor die Tür und ins Leben geschleift hätte: zu Phil Collins, ins Stadion, auf die Cranger Kirmes, zu 15 Jahre Grand Hotel van Cleef, an meinem Geburtstag ins Phantasialand und ein Wochenende nach Holland an den Strand. Und nicht eher schlafen, bevor wir hier / Heute Nacht das Meer sehen / Spüren, wie kalt es wirklich ist.

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Leben

Another Decade Under The Influence: 2016

2016. Silvesterfeuerwerk gucken auf dem Dach der Dortmunder Oper. Mal wieder renovieren und Fußboden verlegen. Plötzlich wieder alleine frühstücken tut weh, aber das Kind wohnt ja die Hälfte der Zeit hier. In meinem Wikipedia-Eintrag steht kurzzeitig, dass ich eine IKEA-Küche erfolgreich aufgebaut habe (keine Ahnung, warum das wieder gelöscht wurde). Ich schreibe tausend ungenutzte Gags für die Panellisten beim „Comedy Clip Club“ und werde zum Maxi-Gstettenbauer-Fan. Benjamin von Stuckrad-Barre is back — da kann man doch mal entspannt auf drei Lesungen gehen! It’s a long way to happiness / A long way to go / But I’m gonna get there, boy / The only way I know. Dating & Crushes. ESC in Stockholm: Ganz viel Lakritzschokolade, wir sehen Björn von ABBA und Justin Timberlake live! So viele Ausflüge zum Hauptbahnhof und zum Kemnader See. We got the wind in our sail / Like Darwin on the Beagle / Or Mendel experimenting with a pea. Ich lackiere Möbel neu, die seit Jahrzehnten im Familienbesitz sind. Ich fahre zum ersten Mal Wasserski: Macht voll Bock, ich habe aber ein Jahr lang Muskelkater. Post von der Königin für meine Omi. Den halben Sommer im Planschbecken verbracht. There’s just something about the light / That lets all of us think that their problems aren’t our problems. Mein kleiner Bruder heiratet. Das Kind kommt in den Kindergarten. Mit meiner ganzen Familie nach Holland. Der Idiot wird tatsächlich zum US-Präsidenten gewählt. When I wake in the morning / I’ve forgotten what it is to cope. Einmal Elbphilharmonie gucken, in Bochum eröffnet das Musikforum. Kekse backen und verzieren. Ich drehe „Rückwärts“, meine erste ganz eigene Sendereihe für den MDR (na gut: fürs Internet). Die Weihnachtszeit beginnt am 23. Dezember um 17.32 Uhr.

Ein Jahr, um erstmal wieder auf die Beine zu kommen. Das Leben ist ein bisschen so wie früher, aber trotzdem ganz anders. Es sterben gefühlt alle Prominenten, aber irgendwie haben wir überlebt. Ich hab eine schöne neue Wohnung mit Garten, in der wir es uns gemütlich machen.

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Another Decade Under The Influence: 2015

2015. Aus unserer Wohnung wird eine WG. Überall Babybrei. Ich kriege überraschend schnell einen Therapieplatz. Mit der ganzen Familie nach Domburg, dem Kind das Meer zeigen. ESC in Wien, eine Runde im Praterriesenrad. Die gute Nachricht: Ich kann mich immer noch verknallen. Die schlechte (oder gute): Das führt zu nichts. It was just like a movie / It was just like a song. Die ersten Wörter, die ersten Ausflüge in den Tierpark. Es gibt gute und schlechte Tage. Is my malfunction so surprising cause I always seem so stable and bright? / Ain’t it always the quiet types? Ich arbeite beim Webvideopreis und habe seitdem „Journalist und Autor“ in meiner E-Mail-Signatur stehen. Ich arbeite bei „Popstars“ und drehe Videos mit Stefanie Heinzmann und Bibi von „Bibis Beauty Palace“. Meine ersten 40-Stunden-Wochen (und hoffentlich auch die letzten). Der erste Geburtstag, mit Schokokuchen im Haar. Die ersten Schritte. You’re my wanderer, little wanderer. Ich probiere dieses (Online-)Dating mal aus. Mein erstes eigenes Auto. Nach langer Zeit mal wieder auf Konzerte — wie gut das tut! Laternen basteln (Überall Kleister!) und der erste Martinszug. Ich gehe zum Fußball gucken in die Kneipe und wir sehen alle, wie der Terror sich entfaltet. Shut up and dance with me. Schon wieder auf Wohnungssuche. Es gibt einen neuen „Star Wars“-Film und ich bin so euphorisch wie mit 16. Weihnachten mit leuchtenden Kinderaugen, zerfetztem Geschenkpapier und der Frage: Wie haben wir das bis hierhin geschafft?

Ein Jahr, in dem ich mich an fast nichts erinnern kann, was nicht mit dem Kind oder der Arbeit zu tun hatte. Vielleicht gab es da auch einfach nichts. Ein wahnsinnig anstrengendes Jahr, das aber auch so viele tolle Momente hatte. In all dem positiven und negativen Chaos: Zehn Tage Wien mit dem besten Team, das man sich vorstellen kann. Viel Arbeit, wenig Schlaf, so viele tolle Leute. Bei all dem Trubel vor Ort fühlt es sich für mich an wie im windstillen Auge eines Hurricanes — und dann landen wir auf dem historisch einmalig schlechten 27. Platz. Ja, so widersprüchlich war 2015.

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