Kategorien
Musik

In Memoriam Taylor Hawkins

In ein paar Wochen hätte ich Euch die Geschichte erzählt, wie ich vor 20 Jahren, ganz kurz vor dem allerletzten Schultag, mit meinem Fahrrad zu R&K gefahren bin, um mir die „There Is Nothing Left To Lose“ von den Foo Fighters zu kaufen. Das Album war damals schon fast drei Jahre alt, aber ich hatte ein paar Wochen vorher zum wiederholten Male das Video zu „Next Year“ im Musikfernsehen gesehen und eine solche Obsession für diesen Song entwickelt (illegaler MP3-Download und so), dass ich das Album dringend haben musste und sogar die Geburtstagskaffeetafel meiner Schwester dafür verließ. Das Album und die Single (die so untypisch für die Foo Fighters ist, dass sie auf dem Best Of fehlte) wurden der Soundtrack der völlig unbeschwerten Zeit zwischen Abi-Prüfungen und Zivildienst. Noch heute hüpft mein Herz jedes Mal, wenn der Song bei 3:48 eigentlich schon zu Ende ist, aber mit dem zweitgrößten Drum-Break nach „In The Air Tonight“ zur Ehrenrunde ansetzt.

Ich hab Euch die Geschichte jetzt schon erzählt, weil Taylor Hawkins von den Foo Fighters gestern im Alter von nur 50 Jahren gestorben ist. Als gelernter Schlagzeuger hatte ich immer ein Herz für die Drummer — und ganz besonders für ihn, der in einer Band trommelte, deren Frontmann eigentlich der vielleicht profilierteste Drummer seiner Generation war. Mein tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, der Band und allen, die ihm nahe standen.

Kategorien
Leben Musik

Was den Himmel erhellt

Ich erinnere mich, wie ich am ersten Arbeitstag des Jahres 2006 die Post in der Musikredaktion von CT das radio öffnete und darin die Promo für die neue Tomte-CD („Watermarked #89“) lag. Wie ich die CD am Abend zum ersten Mal hörte und wusste, dass ich viel Zeit mit diesem Album verbringen würde.

Ich erinnere mich, wie ich Thees Uhlmann zum Interview im Düsseldorfer Zakk traf. Wie ich ihm unbeholfen das Demo einer befreundeten Band in die Hand drückte, das ich eigentlich für Simon Rass vom Grand Hotel van Cleef mitgebracht hatte, der aber gar nicht vor Ort war, und wie Thees zum ersten Mal die Kilians hörte.

Ich erinner mich, wie ich um vier Uhr morgens in Dinslaken aufstand und zum Düsseldorfer Flughafen fuhr, um nach Nürnberg zu fliegen (mein allererster Flug ohne Eltern!). Wie ich mit dem Zug nach Erlangen weiterfuhr, um die Kilians zu treffen, die jetzt, acht Wochen nach dem Interview, bei Tomte im Vorprogramm spielten. Ich stellte mich als Backliner und Roadie vor, bekam meinen eigenen Backstage-Pass und vergaß direkt am ersten Abend den Teppich, der auf der Bühne unter Micka Schürmanns Schlagzeug liegen sollte, in einer Ecke des E-Werks.

Ich erinnere mich daran, Tomte vier Tage hintereinander live zu sehen, die neuen Songs zu hören, die ich schon in- und auswendig kannte, und zu spüren, wie diese Band auf der Welle der Emotionen surfte, die ihnen entgegengebracht wurde. An die Zeile „Und du sagtest: Da ist zu viel Krebs in deiner Familie“, die mir jeden Abend die Tränen in die Augen trieb, weil mein geliebter Großonkel gerade im Krankenhaus lag und vier Monate später an dieser Arschloch-Krankheit starb. An Soundchecks, Backstageräume und den Deckel einer Rohlingspindel, aus dem Thees Wodka-O trank, bevor ich ihn auf die Stirn küsste.

Ich erinnere mich an zahlreiche Festivals im Sommer, auf denen ich Tomte immer wieder live sah, und wie wir beim Essen Original so nass wurden, dass das Wasser beim Gehen aus unseren Schuhen schwappte.

Ich erinnere mich, wie ich für CT eine eigene Version von „New York“ zusammenschnitt, weil die Albumversion zu lang war, aber auf der Singleversion das tolle Intro fehlte. (Ich glaube, das ist illegal, und die Band und ihr Produzent Swen Meyer könnten mich wahrscheinlich heute noch verklagen.)

Ich erinnere mich, wie ich im September für drei Monate zu meiner amerikanischen Familie nach San Francisco flog und dachte, dass es ja ein merkwürdiger Zufall ist, dass Thees mit „Walter & Gail“ ein Lied über seine amerikanische Familie geschrieben hatte.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Onkel nach New York flog, das damals wirklich noch die „Stadt mit Loch“ war. Dass ich am Chelsea Hotel vorbeiging und wir am Sonntagnachmittag durch den Central Park spazierten und bei Sonnenuntergang das Reservoir erreichten und wie ich dachte, dass manchmal einfach alles einen Sinn ergibt.

Ich erinnere mich, wie ich im Dezember wieder in meinem WG-Zimmer im Bochumer Studentenwohnheim saß, die Platte und „New York“ in all meinen Jahresbestenlisten auf Platz 1 setzte und dachte, dass es wahrscheinlich nie wieder ein Album geben würde, das so eng mit meinem Leben verbunden ist — und dass das auch okay sein würde.

Heute vor 15 Jahren erschien „Buchstaben über der Stadt“ von Tomte. L.Y.B.E.

Kategorien
Gesellschaft Leben

Das anderste Weihnachten aller Zeiten

Vor uns liegt ein Weihnachtsfest, das so anders ist, als wir es gewohnt sind — so zumindest der Tenor in Medien, Politiker*innen-Statements und persönlichen Gesprächen. Dabei ist „anders sein“ bei aller Tradition etwas, was Weihnachten ebenso ausmacht wie unverheiratete Großonkel. Klar: Alle glücklichen Weihnachtsfeste gleichen einander, aber wie viel Prozent Übereinstimmung braucht es analog zur DNA-Analyse in der Forensik, damit es ein Weihnachten „wie immer“ ist?

Da war das Jahr, wo ich mich an Heiligmorgen erbrach, nicht mit in die Kirche konnte und Familienessen und Bescherung auf der Couch verbrachte; das letzte Weihnachten in der alten Wohnung und das erste im neuen Haus. Das Jahr, in dem mein Großvater erklärte, dass es ihm zu anstrengend geworden sei, der Verteilung und Entpackung der Geschenke Dritter beiwohnen zu müssen, weswegen es ab da nur noch sorgsam beschriftete Kuverts mit Geldscheinen gab. Oder das letzte „richtige“ Weihnachten, so wie wir es gewohnt waren: drei Kinder, Mama und Papa und die drei Großeltern. Das war im Jahr 2011 und meinem Tagebuch entnehme ich, dass es schon damals „nicht mehr dasselbe“ war, weil der Gemeindepfarrer, der uns alle getauft und konfirmiert hatte, zwischenzeitlich in den Ruhestand gegangen war. Als mein Großvater im Jahr 2017 bei seiner alljährlichen Weihnachtsansprache auf die sonst übliche Schlussformel „… und hoffen wir, dass der Liebe Gott uns nächstes Jahr noch einmal an dieser Stelle hier zusammenführt“ verzichtete, wussten wir alle, dass es das letzte Weihnachtsfest mit ihm sein würde. Was niemand ahnen konnte (außer er selbst, womöglich): 96 Stunden später war er tot.

Für mich ist erst Weihnachten, wenn ich am Nachmittag des Heiligen Abends „Patience“ von Take That gehört habe — ein Song, der nun wirklich unter keinen Umständen ein Weihnachtslied ist. Der Grund dafür ist gleichermaßen banal wie magisch (also wie das Leben selbst): Ende 2006 lief die große Comeback-Single der einstigen Boyband im Radio rauf und runter — so auch auf der Rückfahrt vom Weihnachtsgottesdienst zu unserem Elternhaus im Radio. Ein Jahr später saßen wir Kinder gemeinsam in Mamas altem Ford Fiesta, fuhren wieder von der Kirche zu den Eltern und im Radio lief wieder dieser Song, was – angesichts einer fünfminütigen Autofahrt und einer selbst bei WDR 2 mehr als einstelligen Zahl von Liedern in den Rotationslisten – dann doch mindestens ein erstaunlicher Zufall war. In den Folgejahren ging ich auf Nummer Sicher, brachte den Song auf meinem iPhone mit nach Dinslaken und spielte ihn auf dem Weg von der Innenstadt nach Eppinghoven ab. Das ist vielleicht drei, vier Mal passiert und ich war über 20, als es begann, aber es ist mehr Weihnachtstradition als der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, von dem ich noch nie in meinem Leben auch nur eine Minute gesehen habe.

Was ich meine ist: Weihnachten ist immer anders und im Grunde genommen dann auch immer ähnlich, weswegen Komödien über Familienweihnachten auch so gut funktionieren: Weil sie die freiwilligen und unfreiwilligen Rituale; die Freude und das Elend; die Wiederholungen, die alle so lange mit den Augen rollen lassen, bis sie nicht mehr stattfinden und die Augen fürderhin nicht mehr gerollt, sondern feucht werden; und den Versuch, Weihnachten „wie immer“ begehen zu wollen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runterbrechen und in der tragischen Pointe gipfeln, dass Weihnachten eben leider genauso wird wie immer.

Douglas Adams hatte in den 1980er Jahren die Idee, ein Computerprogramm zu entwickeln, das die stets deckungsgleichen Aussagen des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan von alleine reproduziert, mit dem Fernziel, irgendwann sämtliche wichtigen Politiker*innen durch Künstliche Intelligenzen zu ersetzen, die sich dann miteinander unterhalten. Adams konnte Donald Trump nicht vorhersehen, aber er hat im Grunde genommen Facebook und Twitter vorweggenommen, wo sich jede Menge Bots und einzelne verwirrte, einsame Seelen in einem fortwährenden Nicht-Dialog befinden. Aber wenn die Menschheit ausstürbe (ein Gedanke, der, bei Licht besehen, selten so naheliegend war wie im Jahr 2020), könnten Spotify-Playlisten, Streamingdienste und die zentralen Logistik-Programme der Backwaren-Industrie jährlich ein Weihnachtsfest emulieren. Roboter an verwaisten Produktionsstraßen würden sich mit Tassen voller Glühwein, auf denen „Weihnachtsmarkt Münster 1993“ steht und deren Henkel schon etwas beschädigt sind, zuprosten und sich – wo technisch möglich – gegenseitig unangemessen berühren, während Smart-Home-Geräte die Wohnungen in allen Farben des Regenbogens blinken lassen.

Und irgendwo würde eine Kaffeemaschine beseelt denken: „Alles wie immer!“

Ich wünsche Euch und Euren Lieben trotz allem frohe und besinnliche Weihnachten im kleinen Kreis, Gesundheit und uns allen ein besseres Jahr 2021!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter “Post vom Einheinser”, für den man sich hier anmelden kann.

Kategorien
Leben

Sven

Sven war, wie die meisten anderen in meiner Klasse, ein Jahr älter als ich und das, was man als Außenseiter bezeichnen würde: schulisch im unteren Mittelfeld, nicht unbedingt das sozial aktivste Kind. Seine Eltern waren sehr alt, das Haus in dem sie lebten (und in dem ich nur ein einziges Mal war), sehr klein und dunkel und weil die Eltern viel rauchten, roch auch Svens Kleidung immer nach Zigarettenqualm. Er hatte einen ohnehin schon zu Wortspielen einladenden Nachnamen, den wir im Bezug auf seinen Geruch noch weiter abwandelten.

Obwohl wir mindestens vier Jahre in der gleichen Klasse waren, hatte ich nie so richtig viel mit ihm zu tun — aber doch mehr als mit manch anderen Kindern. Wir waren beide in der Unterstufen-Theater-AG und es ist im Nachhinein verlockend zu sagen, dass Sven dort aufblühte, dass er aus sich hinausging und dort den Eindruck erweckte, sich endlich mal wohl zu fühlen. Da wird womöglich was dran sein, es kann aber auch totale Überinterpretation in der Rückschau sein.

Sein anderes Hobby war Eishockey und einmal zeigte er mir einen Zeitungsausschnitt von einem Spiel seiner Mannschaft. Seine natürliche Rolle wäre die des Klassenclowns gewesen, aber das ging immer schief, weil seine Witze nicht verfingen. Einmal hatte er meinen besten Freund und mich zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen, aber wir dachten uns beide irgendwelche Gründe aus, warum wir leider nicht kommen konnten.

Später hatten es zwei Mitschüler richtig auf Sven abgesehen. Ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern, aber es gab eine Klassenkonferenz und heute würde die Schule da vermutlich ein viel größeres Fass aufmachen wegen Mobbing und so. Hoffentlich. Die beiden Mobber durften in der Klasse bleiben, mussten irgendwie den Schulhof sauber machen und einer der beiden wurde später Kreisvorsitzender der NPD. Sven blieb am Ende des Schuljahres sitzen.

Am ersten Samstag der Sommerferien 1999 rief bei uns zuhause eine Freundin meiner Eltern an. Ob ich schon gehört hätte, dass der Sven gestorben sei. Nein. Dann wüsste ich es jetzt. (So fand der Dialog wirklich statt!) Sven war bei ihrem Sohn in der Klasse gewesen, am Ende des Schuljahres wieder sitzen geblieben und dann am Tag zuvor in der Nachbarstadt auf dem Fahrrad von einem Bus erwischt worden und in den Morgenstunden gestorben. Ich glaube, er war auf dem Weg zum oder vom Eishockey-Training.

Ich rief meine Freunde an, um ihnen die Nachricht zu überbringen und ich weiß noch, dass ich mir dabei sehr wichtig und erwachsen vorkam. Die meisten hatten mit Sven noch weniger zu tun gehabt als ich und fanden ihn doof und ich sagte feierlich, so etwas dürften wir jetzt nicht mehr sagen. Einer hatte früher mit Sven Eishockey gespielt und war wirklich betroffen.

Ein paar Tage später saßen wir zusammen in der Kirche beim Trauergottesdienst, es war mein erster. Der Pfarrer erklärte, die Eltern hätten Sven damals “bei sich aufgenommen”, was irgendwie die Sache mit dem Alter erklärte. Anschließend saßen wir auf der Mauer an der Kirche in der Sonne und unterhielten uns über den gerade aufkommenden Trend von LAN-Parties und noch am gleichen Tag fuhr ich los, um mir eine Netzwerkkarte zu holen.

Svens Eltern leben nicht mehr in dem kleinen, dunklen Haus. Ich glaube, sie leben gar nicht mehr. Ich habe immer mal wieder an Sven gedacht, meistens, wenn ich in der Nachbarstadt an der Kreuzung vorbeikam, an der er verunglückt sein muss. Über ihn gesprochen haben wir glaube ich gar nicht mehr. In unserer Abizeitung ist er in der Liste der Abgänge mit Geburts- und Todesdatum markiert. Ich glaube, wir hatten beide Daten falsch.

Sven ist jetzt länger tot als er je gelebt hat, was bei jedem Menschen zwangsläufig irgendwann passiert. Aber es ist trotzdem ein verstörender Gedanke.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Die Geräusche meiner Kindheit

Ausgelöst durch eine Kolumne von Carolin Emcke schreiben die Menschen auf Twitter heute unter dem Hashtag #geräuschederkindheit Geräusche auf, die sie an ihre Kindheit erinnern. Das ist sehr toll, aber weil ich keinen Bock mehr habe, meine Gedanken immerzu in den Sphären der Social Media zu verballern, und weil 140 Zeichen nun wirklich zu wenig sind, nutze ich dieses Blog für das, wozu es mal gedacht war, und blogge:

  • Fußballreportagen aus dem Nachbargarten. Als meine Geschwister und ich noch sehr klein waren, hatten meine Eltern einen Schrebergarten, der sich seit Generationen im Familienbesitz befand. Wenn das Wetter gut war (aber auch, wenn es nicht so gut war), waren wir gefühlt das ganze Wochenende dort. Unsere Eltern schnitten Sträucher, zupften Unkraut, mähten den Rasen und bauten an der Gartenlaube herum (kein Stromanschluss, ein Torfklo hinterm Haus), während wir Kinder auf dem Klettergerüst schaukelten, frisches Obst aßen (das naturgemäß wohl eher saisonal begrenzt und nicht, wie meine Erinnerung mir weismachen will, immer) oder irgendwo herumliefen (andere Kinder gab es in der Kolonie, soweit ich mich erinnern kann, kaum). Fester Bestandteil eines solchen Wochenendes waren schreiende Männer, unterlegt von einem vielstimmigen Rauschen, die aus den Radios der umliegenden Gärten schallten. Mein Interesse für Fußball außerhalb der großen internationalen Turniere begann erst mit der Bundesligasaison 1994/95 (5. Platz, Pokalsieg, Stefan Effenberg, Heiko Herrlich, Martin Dahlin), deswegen hatte ich nur eine ungefähre Ahnung, was diese Geräusche zu bedeuten hatten. Sie durchmischten sich auch, gerade am Sonntag, gerne mit den tatsächlichen Durchsagen, die von der nahegelegenen Bezirkssportanlage herüber wehten, wo der SuS Dinslaken 09 seine Spiele absolvierte. Noch heute ist Fußball für mich eher ein akustisches als ein visuelles Erlebnis (das Geräusch eines ordentlich getretenen Lederballs lässt mich auch heute immer noch sofort zusammenzucken, weil ich damit rechne, das Teil Sekundenbruchteile später an den Hinterkopf, gegen die Nase oder in den Unterleib zu bekommen) und vor allem Bundesliganachmittage verbringe ich lieber am Radio als vor dem Fernseher.
  • Die Feuerwehrsirene. In den 1980er und 1990er Jahren wurden Brände und ähnliche Katastrophen noch von einem anschwillenden Sirenengeheul begleitet, das angeblich die Feuerwehrleute zum Dienst rufen sollte. Für mich war das ein schreckliches Geräusch mit dunklem Hintergrund: nach einigen Bränden in umliegenden Industriegebieten, nach denen die Bevölkerung angehalten worden war, Türen und Fenster geschlossen zu halten, war das Geräusch für mich gleichbedeutend mit einem nahenden, bei unverschlossenen Fenstern unausweichlichen Erstickungstod. Wenn die Sirene losging, während wir nicht zuhause waren, kam eine zweite, mindestens genauso schlimme Möglichkeit in Betracht: der Alarm galt unserem Haus, das gerade in Flammen stand — und mit ihm meine Spielsachen und Kuscheltiere. Erst im Nachhinein dämmert mir, dass das Geräusch bei meiner Oma, die die Bombardierung gleich mehrerer deutscher Großstädte er- und überlebt hatte, und ihren Altersgenossen möglicherweise noch ein klein bisschen beschissenere Assoziationen ausgelöst haben muss. Einmal im Monat wurden diese verdammten Sirenen, die in der ganzen Stadt auf höheren Häusern (darunter auch auf unserer Schule) montiert waren, getestet — und es war für mich immer eine Schrecksekunde, bis ich mich vergewissert hatte: “Ja, erster Samstag im Monat, 11.30 Uhr — diesmal haben wir noch mal Glück gehabt.” Allerdings habe ich bis heute keine Ahnung, was eigentlich passiert wäre, wenn es ausgerechnet zu dieser Zeit tatsächlich mal gebrannt hätte.
  • Das Fiepen einer Bildröhre. Wir waren jung, wir durften eine halbe Stunde am Nachmittag fernsehen und wir hatten Rock’n’Roll, Walkman und Konzerte noch nicht für uns entdeckt: natürlich konnten wir hören, wenn irgendwo in der Wohnung ein Fernseher eingeschaltet war — selbst ohne Ton. Noch heute sind Bildröhren für mich die einzig waren Fernsehgeräte — auch, weil die so schöne Dinge mit den eigenen Haaren machen, wenn man direkt davor steht. Inzwischen bin ich 32 Jahre alt, höre Musik überwiegend über Kopfhörer, habe bei großen Veranstaltungen vor, hinter und auf der Bühne gearbeitet — und kriege regelmäßig einen Rappel, wenn ich so etwas wie Laptop-Netzteile, Akkuladegeräte oder Trafos von Halogenlampen immer noch fiepen hören kann. Wozu die ganze Mühe?!
  • Der Anlasserzug eines Zweitakt-Rasenmährermotors. Nach seiner Pensionierung hatte mein Großvater drei große Hobbies: Reisen, Golf spielen und seinen Rasen. Die ersten beiden ließen sich ganz gut kombinieren, die letzten beiden hätten immer noch eine Teilzeit-Beschäftigung als Greenkeeper zugelassen. So aber pflegte er den heimischen Rasen mit jährlichem Vertikutieren, ausgiebigem Einsatz von Dünge- und Unkrautvernichtungsmitteln und regelmäßigem Rasenmähen. Der Rasenmäher ist mindestens so alt wie ich und auch heute noch im Einsatz, was – neben Autos der Marke Opel – stark zu meinem unbeirrten Glauben an die deutsche Ingenieurskunst beigetragen hat. Gestartet wird das Teil mit einem Seilzugstarter (dieses Wort habe ich gerade natürlich ergoogelt), wobei der Motor fast laut ist wie der einer kleinen Propellermaschine, der Mäher aber bei richtiger Bedienung auch ähnliche Geschwindigkeiten erreicht — nur halt auf der Erde. Als ich alt genug war, um die Aufgabe des Rasenmähens übernehmen zu können, griff ich auf eine altbewährte Taktik zurück: ich ließ das selbstfahrende Ungetüm einmal ins Blumenbeet brettern und musste danach nie wieder ran.
  • Der Rasensprenger meines Großvaters. Gleicher Rasen, anderes Werkzeug: Ein Kreisrasensprenger (auch gerade ergoogelt — toll, dass diese Dinge alle auch einen richtigen Namen haben!), der vermutlich schon zu Vorkriegszeiten in den Krupp’schen Stahlwerken gefertigt worden war, dessen Geräuschkulisse jedenfalls etwas mechanisch-martialisches an sich hatte. Schnappend drehte sich der Kopf zunächst ruckweise in die eine Richtung und spie große Wasserfontänen auf den zu benetzenden Grund, nach einer Drehung von schätzungsweise 320 Grad schnellte er mit einem Mal zurück in die Ausgangsposition und begann die nächste Runde. Als Kinder konnte man sich einen Spaß daraus machen, genau vor dem Wasserstrahl herzurennen und sich dann im toten Winkel in Sicherheit zu bringen. Ich glaube, das Gerät ist irgendwann kaputtgegangen (mutmaßlich zerrostet) — oder es wurde gewinnbringend an Steam-Punk-Fans verkauft.
  • Zugeschlagene Autotüren. Als Kind habe ich gefühlt sehr viel Zeit mit Warten verbracht: Darauf, dass meine Freunde endlich von ihren Eltern zum Spielen vorbeigebracht würden, oder darauf, dass Tanten, Onkels oder ähnlicher Besuch kam. Dieses Warten ging einher mit der aufmerksamen Beobachtung der Parkplätze unter unserer damaligen Mietwohnung, wobei ich jetzt nicht die ganze Zeit auf der Fensterbank saß und nach draußen starrte — ich konnte ja auch auf die Geräusche achten. Jede zugeschlagene Autotür konnte bedeuten, dass es gleich endlich an der Tür klingeln würde und mein zwangsweise auf Pause gesetzter Tagesablauf (gut: ich hätte auch lesen, Kassetten hören oder irgendetwas spielen können) weitergehen konnte. Was die Rückkehr meines Vaters von der Arbeit angeht, so bin ich mir sicher, auch heute noch einen Kadett E Caravan, Baujahr 1988, aus einer beliebig großen Menge anderer Fahrzeuge heraushören zu können.
  • Die Schwimmhalle meiner Großeltern. Bevor im Privatfernsehen jeder Hinz und Kunz einen Pool oder einen Schwimmteich vor laufender Kamera in Eigenarbeit zusammenbaute, hatten meine Großeltern schon Anfang der 1970er Jahre eine der ersten privaten Schwimmhallen der Stadt. Dieser Standortvorteil half mir zwar weder dabei, besonders früh Schwimmen zu lernen, noch dabei, als Teenager Mitschülerinnen in den Ferien zum Besuch im Bikini zu bewegen, aber Schwimmen ist heute immer noch meine liebste Art sportlicher Betätigung. Das Becken ist mit fünf mal zehn Metern gar nicht mal so klein und ermöglicht es auch einem ungeübten Sportler, beinahe Weltrekordzeiten zu schwimmen — weil man ja ständig umkehren muss und sich dabei ordentlich abstoßen kann. Aus Gründen der Energieeffizienz ist das Becken bei Nichtbenutzung mit einer 50 Quadratmeter großen Plane bedeckt, die auf eine große elektrisch betriebene Rolle am Ende aufgewickelt werden kann. Das Geräusch der sich öffnenden Plane war stets Teil der Vorfreude auf den zu erwartenden Badespaß. Dieser ging dann anschließenden meist mit lautem Platschen (im Gegensatz zu öffentlichen Schwimmbädern durfte man hier vom Beckenrand springen — man musste nur anschließend wieder trocken machen) und Gekreische einher, das von den gekachelten Wänden und der großen Fensterfront widerhallte und sich gerade bei geöffneter Front im Sommer auch weit über den angrenzenden Garten verteilte. Stilecht abgeschlossen ist ein solcher Schwimmbadbesuch bis heute übrigens erst mit einem anschließend auf einem Badehandtuch in der Sonne konsumierten “Däumling”-Eis der Firma Bofrost.

Damit wären wir vorerst am Ende meines kleinen Ausflugs die Erinnerungsgasse hinunter. Ich bin sicher, dass mir schon bis heute Abend noch fünf andere Geräusche eingefallen sein werden, die hier unbedingt hätten erwähnt werden müssen. Und in der nächsten Ausgabe machen wir es dann wie Marcel Proust und lassen uns von Gebäckstücken und ähnlichen Geschmäckern in der Zeit zurückwerfen.

Kategorien
Musik

In memoriam Prince

Jetzt also Prince.

Ich würde lügen, wenn ich jetzt behauptete, dass der Mann und seine Musik eine große Rolle in meinem Leben gespielt hätten. Mein iTunes zeigt exakt zwei seiner Songs (“Purple Rain”, natürlich, und “Cinnamon Girl”), aber während ich die Sondersendung auf Radio Eins höre, stelle ich fest, dass da doch einige sehr feine Songs in seinem Œuvre vorkommen — und einige völlig ausufernde, überproduzierte, mithin selbstverliebte und damit für mich eher unhörbare.

Meine Verbindung zu Prince ist eher zweiter Hand: Ein Bekannter meiner Eltern arbeitete im Warner-Presswerk in Alsdorf, was ich im Alter von etwa acht Jahren wahnsinnig aufregend fand, denn: “Manchmal kommen auch die Musiker vorbei, um sich das Werk anzusehen. Marius Müller-Westernhagen war mal da und Phil Collins auch.” Dieser Mann nun erzählte am Kaffeetisch meiner Eltern die Geschichte, dass Prince ein Album habe veröffentlichen wollen, dessen komplett schwarze Hülle mit schwarzem Text bedruckt werden sollte — eigentlich sollte nicht mal ein Barcode drauf zu sehen sein. Am Freitag vor der geplanten Veröffentlichung habe es einen Anruf gegeben, dass Prince das Album nicht mehr veröffentlichen wolle und so hätten die Angestellten an einem Samstag auf dem Werkshof gestanden und die Tonträger unter eine Planierraupe (oder ein ähnliches Gerät) geworfen. Allerdings seien bei dieser Aktion nicht alle Exemplare (ich kann mich wirklich nicht erinnern, ob in der Geschichte von LPs oder CDs die Rede war oder der Bekannte dieses Detail ausließ) vernichtet worden: Ein paar seien auch in den Schreibtischschubladen der Mitarbeiter verschwunden und andernorts wieder aufgetaucht.

Diese Geschichte kann man heute – mit leicht abweichenden Fakten – in der Wikipedia nachlesen. Im Jahr 1991 aber war es beinahe exklusives Spezialwissen, das für einen Jungen, der gerade in die Welt der Popkultur hineinstolpert, einen unschätzbaren Wert hatte — und deshalb bis zum heutigen Tag von mir nie weitergegeben wurde. Bitteschön!

Meine zweite zentrale Prince-Erinnerung ist die, wie Sascha Lobo eines Tages ins BILDblog-Büro kam, im Türrahmen die Zeile “My name is Prince” sang und sagte, er müsse dieses Album jetzt sofort hören. Wie nochmal unser W-Lan-Passwort sei.

Na ja — und dann natürlich das hier:

Hier klicken, um den Inhalt von Vimeo anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Vimeo.

08.Prince.-.1999 from Mauricio Onate on Vimeo.