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Musik Leben

25 Jahre „The Man Who“

Dieser Eintrag ist Teil 7 von bisher 7 in der Serie 1999

Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.

Travis - The Man Who (abfotografiert von Lukas Heinser)

Ein allerletztes Mal habe ich die Single zuerst gehört. Denn das war ja früher so: Man kannte einen Song aus dem Radio (oder Musikfernsehen, um nicht ganz so alt zu erscheinen) und wenn man dann beschlossen hatte, vergleichsweise viel Geld in die CD zu investieren, fing das Album meist mit einem Song an, den man (noch) gar nicht kannte. Man wollte ja aber endlich den verkaufsfördernden Hit hören, dessentwegen man den Weg zum Plattenladen auf sich genommen hatte. Mit dem Fahrrad. An einem Samstagvormittag im Januar. In Dinslaken.

Ich weiß noch, wie ich auf der Couch im Wohnzimmer meiner Eltern lag (dem Dreisitzer an der Innenwand, nicht dem Zweisitzer an der Außenwand, in case you’re wondering) und Track 7 ausgewählt hatte: „Why Does It Always Rain On Me?“, diese überlebensgroße Charlie-Brown-Verliererhymne, die natürlich direkt zu einem 16-jährigen sprach, der sich irgendwie nie so ganz dazugehörig fühlte. Und danach dann das Album von vorne.

Travis waren einen Monat zuvor – sorry, wenn ich mich da wiederhole – Teil der „Rolling Stone Roadshow“ gewesen und mit Ben Folds Five und Gay Dad durch Deutschland getourt. (Ich weiß quasi nichts über Gay Dad. Ich habe, seit wir im Jahr 2005 die CD-Schränke bei CT das radio aufgeräumt haben, sogar ihr 1999er Album „Leisure Noise“ im Regal stehen, aber in all den Jahren nie gehört. Wenn man überlegt, welche Bedeutung Ben Folds Five und Travis in der Folge in meinem Leben einnehmen sollten, ist es eigentlich wahlweise ein Wunder oder eine Schande, dass Gay Dad als fünftes Rad am Wagen derart an den Rand gedrängt wurden. Ich verspreche Euch jetzt einfach mal, dass ich zum 25. Jahrestag des verhängnisvollen, nicht besuchten Konzerts in der Live Music Hall am 29. November zum ersten Mal bewusst Gay Dad hören und hier darüber schreiben werde!) „Why Does It Always Rain On Me?“ kannte ich von Viva 2, obwohl ich das damals gar nicht gucken konnte, und ich mochte die Mischung aus unverkennbarer Lebensenergie (der Rhythmus!) und Traurigkeit (alles andere).

Stellte sich raus: Mit seinem hüpfbaren Rhythmus war der Song noch der klare upper auf dem Album. Alle anderen Songs schleppten sich eher dahin, krochen oder taumelten. Selbst der einzige objektive Rocksong auf „The Man Who“, der hidden track „Blue Flashing Light“, dreht sich schwindlig auf der Stelle und handelt davon, dass jemand allein zuhause sitzt, während alle anderen feiern gehen. Wer weiß, wie ich das Album gefunden hätte, wenn ich es bei Veröffentlichung im Mai 1999 gehört hätte — in den grauen ersten Wochen des Jahres 2000 passte es jedenfalls perfekt zum Wetter und dem Millenniumskater, der sich über die Welt gelegt hatte: Die Zukunft hatte ganz eindeutig und ausweislich des Kalenders begonnen, aber alles war immer noch wie zuvor. Das Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken war kein Ort, an dem Optimismus und Zuversicht (oder auch nur irgendetwas anderes als genereller Weltschmerz) gedeihen und aufblühen konnten.

Ich hatte gerade im Januar (genauer: am 7., als ich mir bei einem Ausflug nach Essen den Soundtrack zu „Absolute Giganten“ gekauft hatte) begonnen, abends zum Einschlafen Musik auf meinem Discman zu hören. Nicht etwa ganze Alben, sondern drei Songs, sauber kuratiert. „The Man Who“ bot sehr viele dieser Songs. Noch heute kommt eine ganze Welle sehr spezifischer Emotionen hoch, wenn das Intro von „Driftwood“, die ersten Takte von „Turn“ oder das Gitarrensolo aus „As You Are“ erklingen. Es ist wieder Anfang 2000 und ich war vor ein paar Tagen mit meinem Papa und meinen Freunden in die Großstadt (Duisburg) gefahren, um im dortigen Arthouse-Kino „Ghost Dog“ von Jim Jarmusch oder „The Million Dollar Hotel“ von Wim Wenders zu sehen — Filme, die im Kern schon irgendwie lebensbejahend sind, aber in erster Linie schwelgerisch, melancholisch, langsam und rätselhaft. (Und falls sich jemand gefragt hat: Natürlich habe ich an meinem 17. Geburtstag um kurz nach Mitternacht „Why Does It Always Rain On Me?“ gehört, dessen titelgebende Frage ja weitergeht: „Is it because I lied when I was seventeen?“)

„Everyday I wake up alone because / I’m not like all the other boys“, singt Fran Healy zu Beginn von „As You Are“ und diese Zeile sollte mir in den kommenden Jahren so etwas wie Mantra und Trost werden, steter Begleiter beim Melodramatisch-unglücklich-verliebt-Sein, Die Leiden des jungen Heinsers. (Alter Vatter, was bin ich froh, dass diese Zeiten vorbei sind! Kinder, wenn Ihr glaubt, dass Euer Leben nur mit einem anderen Menschen an Eurer Seite „gut“ und „richtig“ werden kann: Sucht Euch Hilfe! Ihr werdet geliebt, Ihr seid liebenswert, aber die Existenz oder Nichtexistenz einer Zweierbeziehung ist in diesem Kontext eben genau: zweitrangig.)

Vielleicht wäre ich auch ohne „The Man Who“ auf die Idee gekommen, Musik zu machen, Schlagzeug in einer Band zu spielen, mir selbst Gitarre beizubringen und eigene Songs zu schreiben. Die hätten aber zumindest sehr anders geklungen, denn Travis waren, was traurig-antriebslose Songs in G-Dur betrifft, ein großer Einfluss. Weil ich wusste, dass die Bandmitglieder Joni Mitchell so sehr lieben, habe ich mit 18 angefangen, Joni Mitchell zu hören. Ich hatte sogar so einen faux hawk wie Fran Healy (oder wahlweise David Beckham)! Chris Martin hat mal gesagt, dass es ohne Travis kein Coldplay gegeben hätte, aber den vier Schotten jetzt die Schuld an der weiteren Entwicklung seiner Kapelle zu geben, wäre auch üble Nachrede.

Im Juni 2001 erschien der Nachfolger „The Invisible Band“, der heute eigentlich einen noch größeren Stellenwert bei mir hat. Als wir erstmal schnelles Internet hatten, habe ich alle, wirklich alle B-Seiten, die Travis jemals auf ihren Singles veröffentlicht hatten, zusammengesammelt und sicherlich öfter gehört als große Teile ihres Spätwerks. („Die B-Seiten britischer Gitarrenbands zwischen 1994 und 2002 sind besser als alles, was nach 2005 von der Insel kam“ ist ein immer noch nicht geschriebener, aber in regelmäßigen Abständen namhaften deutschen Publikationen angebotener Text von mir.) Ich habe Travis zwischen Sommer 2001 und Dezember 2016 sieben Mal live gesehen (einmal sogar tatsächlich am gleichen Abend wie Ben Folds) und ein paar Mal kurz gesprochen; im September könnte ein achtes Mal hinzukommen. Ihre letzten Alben haben mich gar nicht mehr interessiert, aber wenn einem eine Band mal so wichtig war, versucht man es ja doch immer wieder.

Und irgendeine besondere Beziehung muss es immer noch geben: Ich hätte diesen Text hier eigentlich gestern schon schreiben wollen, aber nicht die Zeit gefunden. Da hätte aber auch die Sonne geschienen. Heute passt hingegen alles: Der VfL Bochum ist so gut wie abgestiegen und es regnet. Weil ich mit 17 gelogen habe.

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Travis – The Man Who
(Independiente; 24. Mai 1999)
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Musik Leben

25 Jahre „The Ego Has Landed“

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 7 in der Serie 1999

Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.

Robbie Williams - The Ego Has Landed (abfotografiert von Lukas Heinser)

Was für ein merkwürdiges Album: Um das ehemalige Take-That-Mitglied Robbie Williams auch auf dem amerikanischen Markt groß zu machen, hatte Capitol Records einfach Songs seiner ersten beiden Alben zusammengewürfelt und auf den Markt gebracht. Das Ganze war natürlich gar nicht für europäische Plattenläden gedacht gewesen und entsprechend teuer und schwer zu bekommen, aber andererseits hatte man alle Hits und ein paar unbekanntere Songs auf einem Album. Klar, dass ich mir das zu meinem 16. Geburtstag wünschen musste!

Meine liebsten Boybands der 1990er Jahre: 1. East 17, 2. Boyzone, 3. Take That. Natürlich waren die Konventionen zu dieser Zeit noch so, dass man als Junge mit 12, 13 Jahren eine solche Boyband eher doof zu finden hatte, und so war Robbie Williams schon dadurch cool geworden, dass er diese Band verlassen hatte.

Aber auch die Singles, die man danach von ihm im Radio hören konnte, waren gut. Für einen Jungen, der über die Hits von Oasis, Blur und The Lightning Seeds gerade mit dem Konzept „Britpop“ in Kontakt gekommen war, waren Songs wie „Strong“, „No Regrets“ oder „Old Before I Die“ konsequente Ergänzungen — und auch heute halte ich „Strong“ immer noch für einen der besten Oasis-Songs, den Noel Gallagher nie geschrieben hat.

Was für ein großartiges Album: Da waren nun wirklich die ganzen Hits, die ich aus dem Radio kannte, plus so deep cuts wie „Win Some Lose Some“, „Jesus In A Camper Van“ (ein Song, der später wegen Urheberrechtsstreitigkeiten aus Williams’ gesamtem Schaffen gelöscht wurde) und „Karma Killer“ (eine von Streichern angetriebene Alternative-Rock-Abrechnung mit dem ehemaligen Take-That-Manager Nigel Martin-Smith). Im Herbst 1999 wurde „The Ego Has Landed“ (Entschuldigung, was ist das überhaupt für ein genialer Albumtitel?!) mein treuester Begleiter und noch heute kommt „No Regrets“ für mich nach „Millennium“ und nicht wie auf dem originalen Album „I’ve Been Expecting You“ davor.

Natürlich habe ich mir später doch noch die beiden Alben „Life Thru A Lens“ und „I’ve Been Expecting You“ gekauft, so wie ich mir zwischen 2001 und 2006 alle Singles und bis 2013 alle Alben gekauft habe. Zwischen 2000 und ungefähr 2005 war Robbie Williams, das ist für Nachgeborene auch nur noch schwer vorstellbar, unangefochten das, was man eigentlich immer über Michael Jackson gesagt hatte: King of Pop. (Warum er erst 2012 ein Album „Take The Crown“ genannt hat, weiß er auch nur selbst.) Es gab ganze Robbie-Tage bei MTV und er ist bis heute der einzige Act, für den ich an einem Samstagmorgen um halb Acht aufgestanden bin, um in einem physischen Ticket-Shop Konzertkarten zu erwerben. Entsprechend bedrückend fand ich es, in der Netflix-Doku-Serie über sein Leben zu erfahren, dass er, als er uns um die Jahrtausendwende so viel Freude und so viele Evergreens bereitet hat, eigentlich die ganze Zeit unglücklich war. Dabei hatte er uns das – „You think that I’m strong / You’re wrong“ – ja auch immer gesagt.

Für jemanden, der sich Weiß-Gott-was auf seinen Musikgeschmack jenseits des Mainstreams eingebildet hat, war Robbie Williams natürlich auch immer ein Anknüpfungspunkt zu den Mädchen der eigenen Jahrgangsstufe. Er war einer der wenigen Radio-Acts, die einen cooler machten, wenn man signalisierte, seine Musik zu hören. Es gibt so viele seiner Songs aus dieser Zeit, deren Texte schon damals zu mir sprachen und es auch heute noch tun, dass es sich, wenn ich sie heute höre, fast so anfühlt, als könnten der 40-jährige Lukas und sein 16-jähriger Vorgänger durch die Musik miteinander sprechen.

Als der übertrieben kumpelige Moderator auf WDR 4 (of all places), vor einiger Zeit „Feel“ als „einen der Klassiker von Robbie Williams“ ankündigte, dachte ich, ernsthaft überrascht: „Für mich ist ‚Escapology‘ immer noch das ‚neue‘ Album!?“ Es erschien im Herbst 2002.

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Folgende wahre Geschichte: Als ich Neil Hannon von The Divine Comedy im Jahr 2006 interviewt habe, hab ich ihn natürlich auch auf „No Regrets“ angesprochen — und warum er so viel schwieriger zu hören sei als der andere Gast-Sänger, Neil Tennant von den Pet Shop Boys. Hannon erzählte mir, dass Tennant zufällig im Studio gewesen sei, als der Song gemischt wurde, und den Audio-Ingenieur einfach gebeten habe, die eigene Spur ein wenig lauter zu drehen. Ich habe diese Anekdote nicht zu verifizieren versucht, weil ich den Rock’n’Roll-Mythos dahinter nicht zerstören wollte.

Robbie Williams – The Ego Has Landed
(Chrysalis/Capitol, 4. Mai 1999)
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Musik Leben

25 Jahre „Equally Cursed And Blessed“

Dieser Eintrag ist Teil 3 von bisher 7 in der Serie 1999

Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.

Catatonia - Equally Cursed And Blessed (abfotografiert von Lukas Heinser)

Radio Bohlen, jedenfalls, schloss im Sommer 2001 für immer seine Türen. Der Ort, an dem meine Eltern (und Großeltern) nahezu alle Fernseher, Videorecorder und Stereoanlagen gekauft hatten, und an dem ich auch ein paar CDs erstanden hatte (ein ganz paar: R&K und Karstadt waren meist günstiger gewesen — und ich hatte die Preise natürlich oft verglichen), machte nach Jahrzehnten dicht. Der Verkaufsraum war eine dieser 1950er-Jahre-Extravaganzen gewesen, die man zu ebener Ebene betrat (Kasse, Kopfhörer und anderes Zubehör), um dann wahlweise eine halbe Etage hinab- (Fernseher, Stereoanlagen, Boxen, Laserdisc-Player) oder hinaufzusteigen (CDs, Band-T-Shirts, Poster und letzte Vinyl-Schallplatten, die damals wirklich out waren). Absolut nicht barrierefrei (dabei hatte Deutschland in den 1950er Jahren über einen außergewöhnlich hohen Bevölkerungsanteil von Menschen mit fehlenden Gliedmaßen verfügt) und beim anschließenden Umbau zu einem DM ordentlich nivelliert (schöne 50er-Jahre-Treppengeländer kann man sich schließlich auch woanders anschauen).

Die letzte CD, die ich bei einer dieser für alle Beteiligten immer etwas entwürdigenden, Ausverkauf geheißenen, Leichenfleddereien erstand (und das ungehört), war „Equally Cursed And Blessed“, das dritte Album der walisischen Band Catatonia. Die hatte ich, wie schon die Stereophonics, als Gäste auf dem Tom-Jones-Karriere-Revitalisierungswerk „Reload“ kennengelernt und es muss, wenn ich mich nicht sehr irre, der erste Act mit weiblicher Stimme gewesen sein, der seinen Weg in meine CD-Sammlung fand. Kostete glaub ich auch nur noch acht Mark oder so.

Was mich zuhause beim ersten Hören erwartete war das, was ich mir als Noch-nicht-18-Jähriger unter „Musik für Erwachsene“ vorstellte: ein bisschen überdrehter, ein bisschen cooler und ein bisschen cleverer als das, was meist auf 1Live und WDR2 lief. Ich malte mir aus, dass Menschen um die 30, die in schicken Apartments in London wohnten und in den Medien arbeiteten, solche Musik bei ihren dinner parties auflegen würden. Aus irgendeinem Grund stellte ich mir ziemlich genau das Setdesign der „About A Boy“-Verfilmung vor, ein Jahr, bevor der Film rauskam.

Sängerin Cerys Matthews hatte eine Stimme, die klang, als hätte Tiffy aus der „Sesamstraße“ mit dem Trinken und Rauchen angefangen, und sie sang bissige, gelangweilte Gesellschaftskommentare; manche Textzeilen überraschen auch Jahrzehnte später („The ad begs, ‘Buy bottled water‘ / But we know that it tastes of piss / Should be getting our tampons free / DIY gynecology“). Das Album wurde Teil meines Sommer-Soundtracks und tatsächlich klingen die meisten Songs für mich auch heute noch nach dem leichten Wind, der an heißen Sommertagen über die niederrheinische Landschaft kriecht: Könnte auch noch schwül werden, könnte noch gewittern, aber wir würden bei irgendwelchen Schulfreunden, deren Eltern ohne sie in den Urlaub gefahren waren, unter der Markise sitzen.

Track 2 – und damit traditionell das klare Highlight, die klare Single – ist ein Hassliebeslied auf London: „Londinium“ beklagt die hohen Lebenshaltungskosten, den dichten Verkehr und den verlogenen Showbiz-Glamour mit einem unfassbar eingängigen Refrain, der Bahnhöfe und Taxen zusammenbringt. In meiner lebhaften Phantasie entstand eine romantische Komödie um Menschen, die bei einem Stadtmagazin namens „Londinium“ arbeiteten. (Fuck, vielleicht habe ich aus Versehen „Tatsächlich Liebe“ erfunden!)

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Catatonia veröffentlichten im gleichen Sommer ihr viertes Album, das ich nie gehört habe; die Band löste sich kurz darauf auf. Ich habe „Equally Cursed And Blessed“ mehr als zehn Jahre lang nicht gehört, aber die Musik erschafft immer noch farbenfrohe Bilder in meinem Kopf. Nur die Menschen sind inzwischen Mitte Fünfzig und zum zweiten Mal geschieden.

Catatonia – Equally Cursed And Blessed
(Blanco y Negro; 12. April 1999)
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Musik Fernsehen

That’s how I remember it

Kurt Cobain war tot, damit wollen wir beginnen. Grieselige TV-Bilder einer Garage in Seattle haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wann.

Ich habe ein sehr merkwürdiges Gedächtnis. Ein „gutes“, würden viele sagen, weil ich mich an so vieles erinnern kann: Daten, Namen, Begebenheiten, Dialoge — alles semantisch miteinander verknüpft und immer auch verbunden mit Bildern. Letzte Woche fielen mir die Namen von Freunden meiner Eltern wieder ein, die ich vor 35 Jahren zwei-, dreimal getroffen hatte. Ich fände es aber hilfreicher und mithin „gut“, mir die Namen von Menschen merken zu können, die ich aktuell brauche.

Die TV-Bilder, also: Ich bin mir absolut sicher, dass ich sie auf dem Grundig Monolith im sogenannten „Bauernzimmer“ meines Großelternhauses sah. Meine Großeltern hatten – die Sentenz von Harald Schmidt bestätigend, dass Geld und Geschmack nur selten Hand in Hand einhergehen – sich in den 1970er Jahren durchaus hochwertige, massivste Bauernmöbel andrehen lassen: einen Esstisch, an dem die Ritter der Tafelrunde alle Platz gefunden hätten, nebst passender Stühle; ein Buffet, in das rund die Hälfte der Teller des Hausstandes passten (und das waren viele); darüber ein Hängeregal, das zur Präsentation von Ziertellern gedacht war (was Bauern halt so tun) und sogar ein Beistelltischchen, auf dem immer die „Kirche + Leben“ und die „Hörzu“ der nächsten Woche lagen (die „Hörzu“ der aktuellen Woche lag meist im richtigen Wohnzimmer, da wo auch die Sofas und Sessel um einen tonnenschweren Couchtisch standen). In diesem „Bauernzimmer“, wo meist zu Abend gegessen wurde, stand der treffend so betitelte Monolith, damit mein Großvater während des Abendessens die „Heute“-Nachrichten und/oder die „Tagesschau“ sehen und so nebenbei die essenden, bitte schweigenden Enkelkinder mit Bildern des hingerichteten Nicolae Ceaușescu, aus den Jugoslawienkriegen und anderen Krisenregionen verstören konnte.

Dort hatte ich, seit wir nebenan wohnten (I’m glad you asked: meine Eltern waren mit uns am 30. Januar 1993 umgezogen — das „Zeitzeichen“ auf WDR 2, das ich an jenem Morgen im besagten Bauernzimmer im Radio gehört hatte, hatte das Thema „60 Jahre Machtergreifung“ gehabt), viele Stunden vor dem Fernseher verbracht. Meine Großeltern hatten nämlich ,anders als meine Eltern, damals schon Satellitenfernsehen gehabt — wobei sich meine Fernseh-Diät, von MTV Europe mal ab, eigentlich auf die Programme beschränkte, die ich auch bei meinen Eltern hätte gucken können: „Hit-Clip“, das WDR-Surrogat für MTV, und „Elf 99“, ein Jugendmagazin, das im September 1989 ursprünglich im Fernsehen der DDR gestartet war, sich dort als durchaus regierungskritisch erwiesen und nach dem Ende des DFF eine kleine Odyssee durch die westdeutschen Sender hinter sich hatte. „Elf 99“ lief seit Mitte November 1993 auf Vox, dem kleinen, sympathischen Privatsender, der mit seinem erratischen, oft anspruchsvollen Programm (allem voran das Medienmagazin „Canale Grande“ mit dem damals noch Dieter genannten Max Moor) wie geschaffen war für einen zehnjährigen Jungen, der sich medial gerne zwei, drei Gewichtsklassen über der eigenen bewegte.

Dafür, dass „Elf 99“ nur wenige Monate auf Vox lief, habe ich wirklich viele Erinnerungen daran — womöglich habe ich fast alle Ausgaben dort gesehen. Ich erinnere mich, dass ein dicker, langhaariger, damals mutmaßlich noch junger Dieter Gorny zu Gast war, um das Konzept seines bald startenden Musiksenders Viva vorzustellen (den wir allerdings noch nicht mal bei unseren Großeltern sehen konnten, weil er anfangs per Kabel ausgestrahlt wurde); an Sendungen, in denen man per Anruf so lange für oder gegen den aktuell laufenden Act abstimmen konnte, bis die Negativstimmenstimmen in der Mehrheit waren (am Längsten liefen – in einer Jugendsendung im Jahr 1993 – Phil Collins und Genesis); an die Ausgabe mit den größten Hits des Jahres 1993, die zwar ausgiebig mit „Go West“ von den Pet Shop Boys betrailert worden war, das dann aber in der schlussendlichen Sendung gar nicht vorkam (auf Platz 1 landeten, wenn ich mich recht erinnere, die damals schon von mir für schrecklich befundenen Ace Of Base).

Anfang des Jahres 1994 war „Elf 99“ vom spätnachmittäglichen Sendeplatz auf einen längeren am Samstagvormittag gewechselt. Hier erinnere ich mich vage an ein Take-That-Special, aber nicht viel mehr. Es ging auch nur einige Wochen gut, dann wurde „Elf 99“ in „Saturday“ umbenannt. Und ab hier wird es kompliziert.

In der Wikipedia steht:

Schließlich wurde der Sendeplatz auf den Samstagnachmittag gelegt und im März 1994 eine Umbenennung in Saturday beschlossen. Tatsächlich lief nur eine Ausgabe unter dem neuen Namen am 26. März 1994. Denn im März 1994 hatten sämtliche Anteilseigner des Senders VOX ihre Beteiligungen gekündigt und eine Finanzierung des Programmbetriebs über den 31. März hinaus in Frage gestellt. Somit fiel neben mehreren Sendungen auch Elf 99/Saturday der VOX-Krise zum Opfer. Ein Neustart auf einem anderen Sender erfolgte nicht mehr.

Ich bin mir absolut sicher (im Sinne von: „ich könnte schwören“), dass ich die grieseligen TV-Bilder in den VOX-Nachrichten sah, die vor „Saturday“ liefen, und dort vom Tode Kurt Cobains hörte. Ich meine mich zu erinnern, dass ich einigermaßen geschockt war, denn Nirvana waren mir natürlich ein Begriff gewesen: Das Video zu „Smells Like Teen Spirit“ hatte ich – auch Jahre nach Veröffentlichung – häufig bei „Hit-Clip“ gesehen, wo die Grunge-Band aus Seattle einigermaßen gleichberechtigt zwischen East 17, 2 Unlimited und Billy Joel vorgekommen war, und auch an das Anton-Corbijn-Video zu „Heart-Shaped Box“ meine ich mich aus jener Zeit erinnern zu können. Mir war wohl auch als 10-Jährigem schon klar gewesen, dass es sich um „andere“, irgendwie sperrigere Musik gehandelt hatte als bei den meisten anderen Videos, die bei „Hit-Clip“ liefen, aber von dem Nihilismus, der Verzweiflung und dem ganzen „Generation X“-Vibe, von dem die deutschen Medien dann nach Cobains Suizid berichteten, hatte ich keine Vorstellung, als ich die Nachricht zum ersten Mal hörte — bei Vox. Und ich könnte schwören, dass zu Beginn der dann folgenden „Saturday“-Ausgabe, deretwegen ich Fernseher und Sender ja eingeschaltet hatte, zwei Moderatoren vor ein Studiopublikum traten, von denen der eine seine Nirvana-Konzertkarte (ich glaube, sie war gelb) vor laufender Kamera zerriss, was der andere mit der Frage kommentierte, ob er eigentlich bescheuert sei, diese Karte hätte doch einmal sehr wertvoll werden können. Aber all das würde ja keinerlei Sinn ergeben, wenn die Wikipedia Recht hätte und die Sendung am 26. März eingestellt worden wäre — Kurt Cobains Leiche wurde bekanntlich am 8. April 1994 entdeckt.

Der hier klaffende Widerspruch beschäftigt mich seit einiger Zeit, aber zum 30. Jahrestag wollte ich ihn endlich in Angriff nehmen. Mein erster Kontakt galt der Vox-Pressestelle, wobei ich eigentlich schon in meiner Anfrage die Segel strich, als ich schrieb, ich wisse, dass bei Vox damals chaotische Zustände geherrscht hätten und vermutlich auch einiges aus dieser Zeit nicht sehr gut dokumentiert sei, was mir die nette Pressesprecherin in weniger als 24 Stunden bestätigte.

Also schrieb ich allen Menschen, die ich kenne und die mal irgendwas mit Musikfernsehen zu tun hatten. Nilz Bokelberg, der damals beim Viva-Start dabei war, brachte mich auf die (zugegebenermaßen nicht soooo abseitige) Idee, nach zeitgenössischen Quellen zu suchen — und lieferte gleich einen online verfügbaren Artikel der „Berliner Zeitung“ vom 16. März 1994 mit, in dem stand:

Nach viereinhalb Jahren kommt das Aus für das ELF-99-Magazin. Wie die ELF-99-Medienproduktion und Vermarktung GmbH gestern mitteilte, wird das Jugendmagazin am 26. März zum letzten Mal bei VOX zu sehen sein. Am 2. April soll als Nachfolger die Sendung ‘saturday’ auf VOX starten.

Ha! Das ist natürlich etwas ganz anderes, als die Wikipedia behauptet! Und die „Frankfurter Rundschau“ schrieb noch am 28. April 1994:

Seit Ostern produziert die Berliner Firma Elf 99 für Vox das Jugendmagazin “saturday”. Nur bis Ende April ist die Planung sicher. Danach sieht es für “saturday” nach Sonntag aus. Bertram Schwarz, Geschäftsführer von Elf 99, hält den Wechsel eines eingeführten “Produkts” von einem Sender zum anderen für zu schwierig.

[Ostersonntag war 1994 am 3. April]

Okay. Also liegt die Wikipedia falsch. Aber das bestätigt ja immer noch nicht meine Erinnerungen.

Ich habe versucht, Kontakt zum damaligen Redaktionsleiter von „Saturday“ aufzunehmen. Ich habe Menschen (bzw. deren Management) kontaktiert, die laut eigener Aussage „Saturday“ moderiert haben — erfolglos.

Je länger ich über diesen Samstagvormittag nachdenke, desto eindringlicher erscheinen mir meine Erinnerungen: Ich bin mir sicher, dass ich noch ganz nah vor dem Fernseher stand, den ich gerade erst eingeschaltet hatte, und mich noch nicht hingesetzt hatte. Ich sehe das Licht durch die Terrassentür fallen und spüre die Fernbedienungen des Fernsehers in meiner Hand. Klar: Die habe ich ja auch hunderte Male in der Hand gehalten — aber auch am 9. April 1994? Man hört ja immer wieder von falschen Erinnerungen, von Zeugenaussagen, die nicht stimmen können. Aber wo kommen wir hin, wenn wir unseren eigenen Erinnerungen nicht mehr trauen können? Und ist eine Erinnerung, die wir nicht mit Quellen belegen können, überhaupt real?

Eines der legendärsten Zeitdokumente ist dieser Ausschnitt aus den „Tagesthemen“ vom 9. April 1994 (die – wenig hilfreich – in der YouTube-Beschreibung als „Tagesschau“ vom 8. April bezeichnet werden):

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Als man noch auf Facebook war und dort lustige Links teilte, tat dieses Video mindestens einmal im Jahr das, was man damals „viral gehen“ nannte, weil es auf so beeindruckende Art die geballte Ahnungslosigkeit und Bräsigkeit deutscher Medien zusammenzufassen scheint — und das nicht 1968, sondern 1994: Da ist die konsequent falsche Aussprache von Cobains Nachnamen (die ARD-Aussprachedatenbank empfiehlt inzwischen – ich weiß aber nicht, seit wann – /koʊʹbeɪn/), die falsche „Übersetzung“ der „Lithium“-Textzeilen und dann die Zusammenfassung „Kurt Cobains Lieder sind Ausdruck einer jugendlichen Subkultur; einer Jugend ohne Hoffnung, ohne Job, drogenabhängig und kriminell“, die nicht nur grammatikalisch auf dünnem Eis unterwegs ist. Sowohl der damalige Washington-Korrespondent der ARD, Jochen Schweizer (Jahrgang 1938), als auch Moderatorin Sabine Christiansen (Jahrgang 1957) bemühen sich, so etwas wie Emphase und Faszination auszudrücken, aber der ganze Beitrag strahlt gleichzeitig so viel Alarmismus und Verachtung für „Jugendkulturen“ (falls es irgendjemand vergessen haben sollte: Cobain war 27, als er starb) aus, dass es denkbar erscheint, dass Tausende deutsche Eltern danach Tipper-Gore-mäßig in die Jugendzimmer ihrer Kinder rannten und sicherheitshalber die Nirvana-CDs in den Müll warfen.

Nachdem ich diesen Ausschnitt für diesen Text hier zum wiederholten Male gesehen hatte, beschlich mich das Gefühl, jene „Tagesthemen“-Ausgabe damals, am 9. April 1994, womöglich selbst gesehen zu haben — mit meiner Mutter in ihrem Nähzimmer, in dem sie damals abends oft saß, im Anschluss an „Geld oder Liebe“ mit Jürgen von der Lippe. Es scheint zumindest plausibel.

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Musik Leben

25 Jahre „Performance And Cocktails“

Dieser Eintrag ist Teil 2 von bisher 7 in der Serie 1999

Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.
Stereophonics - Performance And Cocktails (abfotografiert von Lukas Heinser)

Zum ersten Mal gehört habe ich von den Stereophonics auf „Reload“, jenem Tom-Jones-Album von 1999, mit dem der „Tiger“ den dritten oder vierten Frühling seiner Karriere einleitete, indem er mit jungen, angesagten Acts der Gegenwart Songs coverte, die allesamt jünger waren als seine eigenen ersten Hits. (Das Album war auch mein Erstkontakt mit The Divine Comedy, Barenaked Ladies, Catatonia und Portishead und es ist mir genau gerade aufgefallen, dass es eigentlich ungewöhnlich ist, dass sich ein 16-Jähriger das Spätwerk eines damals nur halbherzig als „Kult“ bezeichneten Crooners gekauft und darüber zeitgenössische Acts kennengelernt hat, aber ich war glühender Tom-Jones-Verehrer, seit ich ihn in „Mars Attacks!“ als nur halbherzig als „Kult“ zu bezeichnende Version seiner Selbst gesehen hatte.) Mit den Stereophonics sang der Waliser damals eine recht drängende Version von Randy Newmans „Mama Told Me Not To Come“, die bei mir so viel Eindruck machte, dass ich mich der Band selbst in der Folgezeit näherte.

Als wir im Juni 2000 mit unserem Lateinkurs eine Exkursion nach Köln unternahmen und nach Besuch des Doms und des Römisch-Germanischen Museums noch Zeit zur freien Verfügung hatten, überredete ich meine Freunde, mit mir zum Saturn-Stammhaus am Hansaring zu laufen, um dort nach CDs zu gucken. Das war damals angeblich der größte Plattenladen Deutschlands mit zahlreichen Etagen, Zwischen- und Kellergeschossen, in denen es kein Tageslicht gab, und jedes Mal, wenn die S-Bahn vorbeifuhr, vibrierten der Boden und die Regale voller CDs und Schallplatten. Und dort habe ich mir an jenem Tag die „Performance und Cocktails“ der Stereophonics gekauft.

Wenn man erstmal ca. 30 D-Mark in ein Album investiert hatte, hörte man es damals sehr intensiv für die nächsten Monate — meine CD-Sammlung war ja auch noch im Aufbau und so viel Auswahl hatte ich gar nicht, wenn ich den ganzen Tag Musik hören wollte. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Stereophonics damals zu mir gesprochen hätten, aber ich mochte die energetischen Rocksongs, von denen es auf diesem Album nur so wimmelte, und die etwas ruhigeren Midtempo-Nummern und Balladen. Die Songs klangen alle, als hätten der Band beim Schreiben und Aufnehmen ein bisschen mehr als die üblichen 230 Volt zur Verfügung gestanden, und über die Stimme von Sänger Kelly Jones konnte man eigentlich nicht schreiben oder sprechen, ohne ein „Reibeisen-“ davor zu setzen. Wichtig war mir aber auch, dass die Musik, die ich hörte, in meiner Klassenstufe ansonsten eher unbekannt war — und die Stereophonics verkauften im Vereinigten Königreich und vor allem in ihrer Heimat Wales zwar Stadien aus, liefen in Deutschland aber weder bei Einslive noch bei Viva, was ich immer als gutes Zeichen betrachtete.

So wurde „Performance And Cocktails“ zum Soundtrack eines Sommers; als einzelne Songs auf Mixtapes und in voller Länge in meinem Discman, zum Beispiel an diesem einen Abend im Sommerurlaub, als ich mit meiner Familie ein Picknick am Strand von Domburg machte und die ganze Zeit einen Stöpsel im Ohr hatte. „The Bartender And The Thief“ hat mich gelehrt, wie man Uptempo-Nummern schreibt, „I Stopped To Fill My Car Up“, wie man Geschichten erzählt. „Just Looking“ mochte ich schon immer, aber ich habe erst mit zunehmendem Alter verstanden, worum es in diesem Lied ging und wie sehr es von mir handelte: „There’s things I want / There’s things I think I want“, beginnt der Erzähler, um sich dann zu fragen, was er eigentlich will — und zwar vom Leben. Daneben stehen, beobachten, lächeln, später davon berichten, aber nie aktiv Teil des Geschehens sein (wollen) — das hat lange einen großen Teil meines Lebens ausgemacht: „I’m just looking, I’m not buying / I’m just looking, keeps me smiling“.

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Ein paar Lebenskrisen und eine Therapie später weiß ich heute sehr viel besser, was ich will — und vor allem, was nicht. Wenigstens meistens. „You said that life is what you make of it / Yet most of us just fake“ soll nicht für mich gelten. Schon wegen dieses kathartischen Songs mittendrin wird „Performance And Cocktails“ immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben.


Stereophonics – Performance And Cocktails
(V2 Music; 8. März 1999)
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Unterwegs Gesellschaft

Als man damals nach Hamburg kam

Ich wünschte wirklich, es würde nicht stimmen, aber natürlich musste sich die „Du und wieviel von Deinen Freunden“ von kettcar in meinem Sony-Discman drehen, als ich heute vor 20 Jahren mit der U3 vom Hauptbahnhof nach St. Pauli fuhr und über den Spielbudenplatz ging. Mit meiner damaligen Freundin hatte ich mich auf den Weg nach Hamburg gemacht; die erste gemeinsame Reise, ein Besuch bei Internetfreunden, vor allem aber natürlich im Mythos Hamburg.

Das Grand Hotel van Cleef und seine Acts, Bands wie Tocotronic und Die Sterne und „Absolute Giganten“ — die Stadt und vor allem die Gegend um St. Pauli, Karolinenviertel und Sternschanze waren durch die Popkultur der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit so aufgeladen, dass sie zumindest für uns eigentlich schon den gleichen touristischen Stellenwert hatten wie Michel, Fischmarkt und Landungsbrücken (die natürlich gleich doppelt): hingehen, Foto machen, abhaken, dort gewesen sein. Ich war gerade erst auf dem Sprung von Dinslaken nach Bochum, aber so, wie diese coolen Menschen in Cordhosen und Trainingsjacken mit einem Stadtnamen-Schriftzug drauf, die die entscheidenden paar Jahre älter waren als ich mit 20 und irgendwas „Kreatives“ machten, so wollte ich auch einmal sein und leben: Platten kaufen bei Zardoz, abends einfach vor die Tür gehen und ein Konzert besuchen; Miles in der Tanzhalle St. Pauli, Ash im Logo, mit der Bierflasche in der Hand vorm Molotow stehen.

Wenn ich die Fotos von damals betrachte, sehe ich vor allem, was nicht mehr da ist: die Esso-Hochhäuser und die Tankstelle davor, der Astra-Turm, der Kaispeicher A ohne Elbphilharmonie drauf — ich war, wie bei meinem ersten Berlin-Besuch 1995, rechtzeitig dagewesen, um heute nostalgisch zu sein. Dabei sind die wahren Opfer natürlich die, die da jahrzehntelang gewohnt haben. Die Gentrifizierung ist über Hamburg hinweggerauscht, alles ist voll mit Bio-Supermärkten, Lastenrädern, Cafés und alternden Hipstern, die jetzt Eltern sind und aussehen wie ich und meine peer group hier in Bochum — nur, dass wir viel weniger Miete zahlen. Wir sind alle Teil des Problems; die Investoren folgen den Kreativen wie Geier; am Ende wollen wir alle eine lichtdurchflutete Altbauscheiße. Aber sowas wie die Hafen City, das haben wir doch nie gewollt!

2009 hatte ich überlegt, nach Hamburg zu ziehen, aber es war mir damals schon zu teuer. Ich liebe die Stadt noch immer: das Licht, die Luft an der Elbe, das Schanzenviertel, trotz all der Gentrifizierung, und der schönste Regiolekt, den das Deutsche zu bieten hat. In meiner DNA bin ich zu zwei Achteln Hamburger und ich bilde mir ein, dass sich das bemerkbar macht (die zwei Achtel Aachener Revier spüre ich nullkommanull). Einige der besten Menschen, die ich kenne, leben in Hamburg. Falls ich Bochum jemals verlasse, dann nur für Hamburg, Wien oder San Francisco. I’d like to thank the academy (academy, academy).

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Musik Leben

25 Jahre „Clarity“

Dieser Eintrag ist Teil 1 von bisher 7 in der Serie 1999

Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.

Jimmy Eat World - Clarity (abfotografiert von Lukas Heinser)

So richtig gildet das ja gar nicht: „Clarity“ von Jimmy Eat World kam in Deutschland ja erst Ende Januar 2001 auf den Markt, fast zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung in den USA — auch etwas, was jungen Menschen heute nur noch schwer zu vermitteln ist, wo Musik einfach um Mitternacht Ortszeit bei den Streaming-Diensten auftaucht.

1999 wäre ich aber auch noch gar nicht bereit gewesen: ein 15-jähriges Kind, dessen sehr überschaubare CD-Sammlung überwiegend mit Film-Soundtracks und Radiopop von Phil Collins bis Lighthouse Family bestückt war. 2001 war das anders: Ich hatte inzwischen ein recht ordentlich gefülltes CD-Regal, eine Festplatte voller MP3s und Viva II und „Visions“ boten Ein- und Ausblicke auf all das, was musikalisch noch existierte. Und an Jimmy Eat World und ihrer Single „Lucky Denver Mint“ kam man dort nicht vorbei:

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Dieser Song klang gleichermaßen catchy und erwachsen. Wie die Musik vom „American Pie“-Soundtrack, aber ein ganz kleines bisschen sperriger. Ich weiß, dass ich das Album an einem Freitagnachmittag bei Radio Bohlen gekauft habe, jenem Unterhaltungselektronik- und Tonträgerhändler in der Dinslakener Innenstadt, bei dem schon mein Vater Stereoanlage und Schallplatten erworben hatte, und der kein halbes Jahr später seine Pforten für immer schließen sollte. (Seitdem ist ein DM an dieser Stelle.) Ich erinnere mich, dass ich noch schnell eine Kassette aufnahm, die ich am nächsten Tag hören konnte, während ich mit Schulfreund*innen bei der Inventur in der Filiale eines großen niederländischen Bekleidungskonzern aushalf, wie wir es zu jener Zeit öfter taten. Und ich weiß, dass die Songs von Jimmy Eat World in der Folge auf zahlreichen Mixtapes für mich und angehimmelte Mitschülerinnen landeten.

Vielleicht projiziere ich im Nachhinein zu viel in dieses Album hinein, vielleicht dachte ich aber auch schon mit 17, dass es mehr nach Studentenwohnheim als nach Jugendzimmer klang. Neben den klaren, eingängigen Singles „Lucky Denver Mint“ und „Blister“ war da ein Song wie „A Sunday“, wo sich tieftönende Gitarren mit Streichern und Glockenspiel mischten; das siebenminütige „Just Watch The Fireworks“, das sich immer wieder steigerte und die Richtung wechselte, wie irgendsoein Progrock-Song der 1970er, nur ohne dessen gleich mitgedachtes Kiffer-Publikum; die perlenden Klavier- und Gitarrensoli in „For Me This Is Heaven“, die sich spiegelten und vereinten wie eine Beethoven-Sonate, und natürlich der mehr als 16-minütige closer „Goodbye Sky Harbor“.

Ich kenne kein anderes Album, dessen Lyrics so gut in die Zeit gepasst hätten, in dem ich es fast jeden Tag gehört habe, ohne es zu merken. Fast jeder Song enthält mindestens eine Zeile, die ich mit Edding (oder wenigstens Bleistift) auf die Schultische hätte schreiben können, aber erst jetzt, mehr als 20 Jahre später, erfasse ich beim Hören, was uns die Band damals mitteilen wollte. Wie die Texte das Konzept „Emo“, schon Jahre vor My Chemical Romance und Fall Out Boy, auf eine Art ausreizten, die in der Rückschau bis an die Grenze der Selbstparodie reicht. Wie sehr dieses Album nur am Ende eines in jeder Hinsicht einzigartigen Jahrzehnts erscheinen konnte, etwa in einem Song, der sich explizit mit der Todsünde der so auf Authentizität bedachten 1990er Jahre beschäftigt, dem sell-out („Your New Aesthetic“).

Womöglich liegt irgendein tieferer Sinn in dem absurden Unterhaltungsindustrieprozess, der dafür sorgte, dass uns „Clarity“ nicht schon 1999 vor die Füße fiel, sondern wir bis 2001 darauf warten mussten. In der Rückschau, die ja vieles umdeutet und in sogenannte Narrative zwängt, war „Clarity“ jedenfalls der zwingende Soundtrack zu dem einen, letzten sorgenfreien Sommer: fast jedes Wochenende saßen wir am Rheinufer, machten illegale Lagerfeuer und hörten betont bedeutungsvolle Musik. Mindestens einmal im Monat waren irgendjemandes Eltern weg, was in einer sogenannten Stumrfrei-Party resultierte. „Unglücklich verliebt“ war die Default-Einstellung bei fast allen. Mein Sony-Walkman und die daran angeschlossenen In-Ear-Kopfhörer waren Teil meines Körpers.

Und Jim Adkins und Tom Linton sangen sich die Seele aus dem Leib:

When the time we have now ends
When the big hand goes round again
Can you still feel the butterflies?
Can you still hear the last goodnight?

Am 20. August begann dann für uns das letzte Schuljahr und drei Wochen später krachten die Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon. Aber das ist die Geschichte des Nachfolge-Albums „Bleed American“.

Jimmy Eat World – Clarity
(Capitol Records; 23. Februar 1999/29. Januar 2001)
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Musik

In Memoriam Taylor Hawkins

In ein paar Wochen hätte ich Euch die Geschichte erzählt, wie ich vor 20 Jahren, ganz kurz vor dem allerletzten Schultag, mit meinem Fahrrad zu R&K gefahren bin, um mir die „There Is Nothing Left To Lose“ von den Foo Fighters zu kaufen. Das Album war damals schon fast drei Jahre alt, aber ich hatte ein paar Wochen vorher zum wiederholten Male das Video zu „Next Year“ im Musikfernsehen gesehen und eine solche Obsession für diesen Song entwickelt (illegaler MP3-Download und so), dass ich das Album dringend haben musste und sogar die Geburtstagskaffeetafel meiner Schwester dafür verließ. Das Album und die Single (die so untypisch für die Foo Fighters ist, dass sie auf dem Best Of fehlte) wurden der Soundtrack der völlig unbeschwerten Zeit zwischen Abi-Prüfungen und Zivildienst. Noch heute hüpft mein Herz jedes Mal, wenn der Song bei 3:48 eigentlich schon zu Ende ist, aber mit dem zweitgrößten Drum-Break nach „In The Air Tonight“ zur Ehrenrunde ansetzt.

Ich hab Euch die Geschichte jetzt schon erzählt, weil Taylor Hawkins von den Foo Fighters gestern im Alter von nur 50 Jahren gestorben ist. Als gelernter Schlagzeuger hatte ich immer ein Herz für die Drummer — und ganz besonders für ihn, der in einer Band trommelte, deren Frontmann eigentlich der vielleicht profilierteste Drummer seiner Generation war. Mein tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, der Band und allen, die ihm nahe standen.

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Musik Leben

Was den Himmel erhellt

Ich erinnere mich, wie ich am ersten Arbeitstag des Jahres 2006 die Post in der Musikredaktion von CT das radio öffnete und darin die Promo für die neue Tomte-CD („Watermarked #89“) lag. Wie ich die CD am Abend zum ersten Mal hörte und wusste, dass ich viel Zeit mit diesem Album verbringen würde.

Ich erinnere mich, wie ich Thees Uhlmann zum Interview im Düsseldorfer Zakk traf. Wie ich ihm unbeholfen das Demo einer befreundeten Band in die Hand drückte, das ich eigentlich für Simon Rass vom Grand Hotel van Cleef mitgebracht hatte, der aber gar nicht vor Ort war, und wie Thees zum ersten Mal die Kilians hörte.

Ich erinner mich, wie ich um vier Uhr morgens in Dinslaken aufstand und zum Düsseldorfer Flughafen fuhr, um nach Nürnberg zu fliegen (mein allererster Flug ohne Eltern!). Wie ich mit dem Zug nach Erlangen weiterfuhr, um die Kilians zu treffen, die jetzt, acht Wochen nach dem Interview, bei Tomte im Vorprogramm spielten. Ich stellte mich als Backliner und Roadie vor, bekam meinen eigenen Backstage-Pass und vergaß direkt am ersten Abend den Teppich, der auf der Bühne unter Micka Schürmanns Schlagzeug liegen sollte, in einer Ecke des E-Werks.

Ich erinnere mich daran, Tomte vier Tage hintereinander live zu sehen, die neuen Songs zu hören, die ich schon in- und auswendig kannte, und zu spüren, wie diese Band auf der Welle der Emotionen surfte, die ihnen entgegengebracht wurde. An die Zeile „Und du sagtest: Da ist zu viel Krebs in deiner Familie“, die mir jeden Abend die Tränen in die Augen trieb, weil mein geliebter Großonkel gerade im Krankenhaus lag und vier Monate später an dieser Arschloch-Krankheit starb. An Soundchecks, Backstageräume und den Deckel einer Rohlingspindel, aus dem Thees Wodka-O trank, bevor ich ihn auf die Stirn küsste.

Ich erinnere mich an zahlreiche Festivals im Sommer, auf denen ich Tomte immer wieder live sah, und wie wir beim Essen Original so nass wurden, dass das Wasser beim Gehen aus unseren Schuhen schwappte.

Ich erinnere mich, wie ich für CT eine eigene Version von „New York“ zusammenschnitt, weil die Albumversion zu lang war, aber auf der Singleversion das tolle Intro fehlte. (Ich glaube, das ist illegal, und die Band und ihr Produzent Swen Meyer könnten mich wahrscheinlich heute noch verklagen.)

Ich erinnere mich, wie ich im September für drei Monate zu meiner amerikanischen Familie nach San Francisco flog und dachte, dass es ja ein merkwürdiger Zufall ist, dass Thees mit „Walter & Gail“ ein Lied über seine amerikanische Familie geschrieben hatte.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Onkel nach New York flog, das damals wirklich noch die „Stadt mit Loch“ war. Dass ich am Chelsea Hotel vorbeiging und wir am Sonntagnachmittag durch den Central Park spazierten und bei Sonnenuntergang das Reservoir erreichten und wie ich dachte, dass manchmal einfach alles einen Sinn ergibt.

Ich erinnere mich, wie ich im Dezember wieder in meinem WG-Zimmer im Bochumer Studentenwohnheim saß, die Platte und „New York“ in all meinen Jahresbestenlisten auf Platz 1 setzte und dachte, dass es wahrscheinlich nie wieder ein Album geben würde, das so eng mit meinem Leben verbunden ist — und dass das auch okay sein würde.

Heute vor 15 Jahren erschien „Buchstaben über der Stadt“ von Tomte. L.Y.B.E.

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Leben Gesellschaft

Das anderste Weihnachten aller Zeiten

Vor uns liegt ein Weihnachtsfest, das so anders ist, als wir es gewohnt sind — so zumindest der Tenor in Medien, Politiker*innen-Statements und persönlichen Gesprächen. Dabei ist „anders sein“ bei aller Tradition etwas, was Weihnachten ebenso ausmacht wie unverheiratete Großonkel. Klar: Alle glücklichen Weihnachtsfeste gleichen einander, aber wie viel Prozent Übereinstimmung braucht es analog zur DNA-Analyse in der Forensik, damit es ein Weihnachten „wie immer“ ist?

Da war das Jahr, wo ich mich an Heiligmorgen erbrach, nicht mit in die Kirche konnte und Familienessen und Bescherung auf der Couch verbrachte; das letzte Weihnachten in der alten Wohnung und das erste im neuen Haus. Das Jahr, in dem mein Großvater erklärte, dass es ihm zu anstrengend geworden sei, der Verteilung und Entpackung der Geschenke Dritter beiwohnen zu müssen, weswegen es ab da nur noch sorgsam beschriftete Kuverts mit Geldscheinen gab. Oder das letzte „richtige“ Weihnachten, so wie wir es gewohnt waren: drei Kinder, Mama und Papa und die drei Großeltern. Das war im Jahr 2011 und meinem Tagebuch entnehme ich, dass es schon damals „nicht mehr dasselbe“ war, weil der Gemeindepfarrer, der uns alle getauft und konfirmiert hatte, zwischenzeitlich in den Ruhestand gegangen war. Als mein Großvater im Jahr 2017 bei seiner alljährlichen Weihnachtsansprache auf die sonst übliche Schlussformel „… und hoffen wir, dass der Liebe Gott uns nächstes Jahr noch einmal an dieser Stelle hier zusammenführt“ verzichtete, wussten wir alle, dass es das letzte Weihnachtsfest mit ihm sein würde. Was niemand ahnen konnte (außer er selbst, womöglich): 96 Stunden später war er tot.

Für mich ist erst Weihnachten, wenn ich am Nachmittag des Heiligen Abends „Patience“ von Take That gehört habe — ein Song, der nun wirklich unter keinen Umständen ein Weihnachtslied ist. Der Grund dafür ist gleichermaßen banal wie magisch (also wie das Leben selbst): Ende 2006 lief die große Comeback-Single der einstigen Boyband im Radio rauf und runter — so auch auf der Rückfahrt vom Weihnachtsgottesdienst zu unserem Elternhaus im Radio. Ein Jahr später saßen wir Kinder gemeinsam in Mamas altem Ford Fiesta, fuhren wieder von der Kirche zu den Eltern und im Radio lief wieder dieser Song, was – angesichts einer fünfminütigen Autofahrt und einer selbst bei WDR 2 mehr als einstelligen Zahl von Liedern in den Rotationslisten – dann doch mindestens ein erstaunlicher Zufall war. In den Folgejahren ging ich auf Nummer Sicher, brachte den Song auf meinem iPhone mit nach Dinslaken und spielte ihn auf dem Weg von der Innenstadt nach Eppinghoven ab. Das ist vielleicht drei, vier Mal passiert und ich war über 20, als es begann, aber es ist mehr Weihnachtstradition als der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, von dem ich noch nie in meinem Leben auch nur eine Minute gesehen habe.

Was ich meine ist: Weihnachten ist immer anders und im Grunde genommen dann auch immer ähnlich, weswegen Komödien über Familienweihnachten auch so gut funktionieren: Weil sie die freiwilligen und unfreiwilligen Rituale; die Freude und das Elend; die Wiederholungen, die alle so lange mit den Augen rollen lassen, bis sie nicht mehr stattfinden und die Augen fürderhin nicht mehr gerollt, sondern feucht werden; und den Versuch, Weihnachten „wie immer“ begehen zu wollen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runterbrechen und in der tragischen Pointe gipfeln, dass Weihnachten eben leider genauso wird wie immer.

Douglas Adams hatte in den 1980er Jahren die Idee, ein Computerprogramm zu entwickeln, das die stets deckungsgleichen Aussagen des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan von alleine reproduziert, mit dem Fernziel, irgendwann sämtliche wichtigen Politiker*innen durch Künstliche Intelligenzen zu ersetzen, die sich dann miteinander unterhalten. Adams konnte Donald Trump nicht vorhersehen, aber er hat im Grunde genommen Facebook und Twitter vorweggenommen, wo sich jede Menge Bots und einzelne verwirrte, einsame Seelen in einem fortwährenden Nicht-Dialog befinden. Aber wenn die Menschheit ausstürbe (ein Gedanke, der, bei Licht besehen, selten so naheliegend war wie im Jahr 2020), könnten Spotify-Playlisten, Streamingdienste und die zentralen Logistik-Programme der Backwaren-Industrie jährlich ein Weihnachtsfest emulieren. Roboter an verwaisten Produktionsstraßen würden sich mit Tassen voller Glühwein, auf denen „Weihnachtsmarkt Münster 1993“ steht und deren Henkel schon etwas beschädigt sind, zuprosten und sich – wo technisch möglich – gegenseitig unangemessen berühren, während Smart-Home-Geräte die Wohnungen in allen Farben des Regenbogens blinken lassen.

Und irgendwo würde eine Kaffeemaschine beseelt denken: „Alles wie immer!“

Ich wünsche Euch und Euren Lieben trotz allem frohe und besinnliche Weihnachten im kleinen Kreis, Gesundheit und uns allen ein besseres Jahr 2021!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter “Post vom Einheinser”, für den man sich hier anmelden kann.

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Leben

Sven

Sven war, wie die meisten anderen in meiner Klasse, ein Jahr älter als ich und das, was man als Außenseiter bezeichnen würde: schulisch im unteren Mittelfeld, nicht unbedingt das sozial aktivste Kind. Seine Eltern waren sehr alt, das Haus in dem sie lebten (und in dem ich nur ein einziges Mal war), sehr klein und dunkel und weil die Eltern viel rauchten, roch auch Svens Kleidung immer nach Zigarettenqualm. Er hatte einen ohnehin schon zu Wortspielen einladenden Nachnamen, den wir im Bezug auf seinen Geruch noch weiter abwandelten.

Obwohl wir mindestens vier Jahre in der gleichen Klasse waren, hatte ich nie so richtig viel mit ihm zu tun — aber doch mehr als mit manch anderen Kindern. Wir waren beide in der Unterstufen-Theater-AG und es ist im Nachhinein verlockend zu sagen, dass Sven dort aufblühte, dass er aus sich hinausging und dort den Eindruck erweckte, sich endlich mal wohl zu fühlen. Da wird womöglich was dran sein, es kann aber auch totale Überinterpretation in der Rückschau sein.

Sein anderes Hobby war Eishockey und einmal zeigte er mir einen Zeitungsausschnitt von einem Spiel seiner Mannschaft. Seine natürliche Rolle wäre die des Klassenclowns gewesen, aber das ging immer schief, weil seine Witze nicht verfingen. Einmal hatte er meinen besten Freund und mich zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen, aber wir dachten uns beide irgendwelche Gründe aus, warum wir leider nicht kommen konnten.

Später hatten es zwei Mitschüler richtig auf Sven abgesehen. Ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern, aber es gab eine Klassenkonferenz und heute würde die Schule da vermutlich ein viel größeres Fass aufmachen wegen Mobbing und so. Hoffentlich. Die beiden Mobber durften in der Klasse bleiben, mussten irgendwie den Schulhof sauber machen und einer der beiden wurde später Kreisvorsitzender der NPD. Sven blieb am Ende des Schuljahres sitzen.

Am ersten Samstag der Sommerferien 1999 rief bei uns zuhause eine Freundin meiner Eltern an. Ob ich schon gehört hätte, dass der Sven gestorben sei. Nein. Dann wüsste ich es jetzt. (So fand der Dialog wirklich statt!) Sven war bei ihrem Sohn in der Klasse gewesen, am Ende des Schuljahres wieder sitzen geblieben und dann am Tag zuvor in der Nachbarstadt auf dem Fahrrad von einem Bus erwischt worden und in den Morgenstunden gestorben. Ich glaube, er war auf dem Weg zum oder vom Eishockey-Training.

Ich rief meine Freunde an, um ihnen die Nachricht zu überbringen und ich weiß noch, dass ich mir dabei sehr wichtig und erwachsen vorkam. Die meisten hatten mit Sven noch weniger zu tun gehabt als ich und fanden ihn doof und ich sagte feierlich, so etwas dürften wir jetzt nicht mehr sagen. Einer hatte früher mit Sven Eishockey gespielt und war wirklich betroffen.

Ein paar Tage später saßen wir zusammen in der Kirche beim Trauergottesdienst, es war mein erster. Der Pfarrer erklärte, die Eltern hätten Sven damals “bei sich aufgenommen”, was irgendwie die Sache mit dem Alter erklärte. Anschließend saßen wir auf der Mauer an der Kirche in der Sonne und unterhielten uns über den gerade aufkommenden Trend von LAN-Parties und noch am gleichen Tag fuhr ich los, um mir eine Netzwerkkarte zu holen.

Svens Eltern leben nicht mehr in dem kleinen, dunklen Haus. Ich glaube, sie leben gar nicht mehr. Ich habe immer mal wieder an Sven gedacht, meistens, wenn ich in der Nachbarstadt an der Kreuzung vorbeikam, an der er verunglückt sein muss. Über ihn gesprochen haben wir glaube ich gar nicht mehr. In unserer Abizeitung ist er in der Liste der Abgänge mit Geburts- und Todesdatum markiert. Ich glaube, wir hatten beide Daten falsch.

Sven ist jetzt länger tot als er je gelebt hat, was bei jedem Menschen zwangsläufig irgendwann passiert. Aber es ist trotzdem ein verstörender Gedanke.

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Gesellschaft Digital

Die Geräusche meiner Kindheit

Ausgelöst durch eine Kolumne von Carolin Emcke schreiben die Menschen auf Twitter heute unter dem Hashtag #geräuschederkindheit Geräusche auf, die sie an ihre Kindheit erinnern. Das ist sehr toll, aber weil ich keinen Bock mehr habe, meine Gedanken immerzu in den Sphären der Social Media zu verballern, und weil 140 Zeichen nun wirklich zu wenig sind, nutze ich dieses Blog für das, wozu es mal gedacht war, und blogge:

  • Fußballreportagen aus dem Nachbargarten. Als meine Geschwister und ich noch sehr klein waren, hatten meine Eltern einen Schrebergarten, der sich seit Generationen im Familienbesitz befand. Wenn das Wetter gut war (aber auch, wenn es nicht so gut war), waren wir gefühlt das ganze Wochenende dort. Unsere Eltern schnitten Sträucher, zupften Unkraut, mähten den Rasen und bauten an der Gartenlaube herum (kein Stromanschluss, ein Torfklo hinterm Haus), während wir Kinder auf dem Klettergerüst schaukelten, frisches Obst aßen (das naturgemäß wohl eher saisonal begrenzt und nicht, wie meine Erinnerung mir weismachen will, immer) oder irgendwo herumliefen (andere Kinder gab es in der Kolonie, soweit ich mich erinnern kann, kaum). Fester Bestandteil eines solchen Wochenendes waren schreiende Männer, unterlegt von einem vielstimmigen Rauschen, die aus den Radios der umliegenden Gärten schallten. Mein Interesse für Fußball außerhalb der großen internationalen Turniere begann erst mit der Bundesligasaison 1994/95 (5. Platz, Pokalsieg, Stefan Effenberg, Heiko Herrlich, Martin Dahlin), deswegen hatte ich nur eine ungefähre Ahnung, was diese Geräusche zu bedeuten hatten. Sie durchmischten sich auch, gerade am Sonntag, gerne mit den tatsächlichen Durchsagen, die von der nahegelegenen Bezirkssportanlage herüber wehten, wo der SuS Dinslaken 09 seine Spiele absolvierte. Noch heute ist Fußball für mich eher ein akustisches als ein visuelles Erlebnis (das Geräusch eines ordentlich getretenen Lederballs lässt mich auch heute immer noch sofort zusammenzucken, weil ich damit rechne, das Teil Sekundenbruchteile später an den Hinterkopf, gegen die Nase oder in den Unterleib zu bekommen) und vor allem Bundesliganachmittage verbringe ich lieber am Radio als vor dem Fernseher.
  • Die Feuerwehrsirene. In den 1980er und 1990er Jahren wurden Brände und ähnliche Katastrophen noch von einem anschwillenden Sirenengeheul begleitet, das angeblich die Feuerwehrleute zum Dienst rufen sollte. Für mich war das ein schreckliches Geräusch mit dunklem Hintergrund: nach einigen Bränden in umliegenden Industriegebieten, nach denen die Bevölkerung angehalten worden war, Türen und Fenster geschlossen zu halten, war das Geräusch für mich gleichbedeutend mit einem nahenden, bei unverschlossenen Fenstern unausweichlichen Erstickungstod. Wenn die Sirene losging, während wir nicht zuhause waren, kam eine zweite, mindestens genauso schlimme Möglichkeit in Betracht: der Alarm galt unserem Haus, das gerade in Flammen stand — und mit ihm meine Spielsachen und Kuscheltiere. Erst im Nachhinein dämmert mir, dass das Geräusch bei meiner Oma, die die Bombardierung gleich mehrerer deutscher Großstädte er- und überlebt hatte, und ihren Altersgenossen möglicherweise noch ein klein bisschen beschissenere Assoziationen ausgelöst haben muss. Einmal im Monat wurden diese verdammten Sirenen, die in der ganzen Stadt auf höheren Häusern (darunter auch auf unserer Schule) montiert waren, getestet — und es war für mich immer eine Schrecksekunde, bis ich mich vergewissert hatte: “Ja, erster Samstag im Monat, 11.30 Uhr — diesmal haben wir noch mal Glück gehabt.” Allerdings habe ich bis heute keine Ahnung, was eigentlich passiert wäre, wenn es ausgerechnet zu dieser Zeit tatsächlich mal gebrannt hätte.
  • Das Fiepen einer Bildröhre. Wir waren jung, wir durften eine halbe Stunde am Nachmittag fernsehen und wir hatten Rock’n’Roll, Walkman und Konzerte noch nicht für uns entdeckt: natürlich konnten wir hören, wenn irgendwo in der Wohnung ein Fernseher eingeschaltet war — selbst ohne Ton. Noch heute sind Bildröhren für mich die einzig waren Fernsehgeräte — auch, weil die so schöne Dinge mit den eigenen Haaren machen, wenn man direkt davor steht. Inzwischen bin ich 32 Jahre alt, höre Musik überwiegend über Kopfhörer, habe bei großen Veranstaltungen vor, hinter und auf der Bühne gearbeitet — und kriege regelmäßig einen Rappel, wenn ich so etwas wie Laptop-Netzteile, Akkuladegeräte oder Trafos von Halogenlampen immer noch fiepen hören kann. Wozu die ganze Mühe?!
  • Der Anlasserzug eines Zweitakt-Rasenmährermotors. Nach seiner Pensionierung hatte mein Großvater drei große Hobbies: Reisen, Golf spielen und seinen Rasen. Die ersten beiden ließen sich ganz gut kombinieren, die letzten beiden hätten immer noch eine Teilzeit-Beschäftigung als Greenkeeper zugelassen. So aber pflegte er den heimischen Rasen mit jährlichem Vertikutieren, ausgiebigem Einsatz von Dünge- und Unkrautvernichtungsmitteln und regelmäßigem Rasenmähen. Der Rasenmäher ist mindestens so alt wie ich und auch heute noch im Einsatz, was – neben Autos der Marke Opel – stark zu meinem unbeirrten Glauben an die deutsche Ingenieurskunst beigetragen hat. Gestartet wird das Teil mit einem Seilzugstarter (dieses Wort habe ich gerade natürlich ergoogelt), wobei der Motor fast laut ist wie der einer kleinen Propellermaschine, der Mäher aber bei richtiger Bedienung auch ähnliche Geschwindigkeiten erreicht — nur halt auf der Erde. Als ich alt genug war, um die Aufgabe des Rasenmähens übernehmen zu können, griff ich auf eine altbewährte Taktik zurück: ich ließ das selbstfahrende Ungetüm einmal ins Blumenbeet brettern und musste danach nie wieder ran.
  • Der Rasensprenger meines Großvaters. Gleicher Rasen, anderes Werkzeug: Ein Kreisrasensprenger (auch gerade ergoogelt — toll, dass diese Dinge alle auch einen richtigen Namen haben!), der vermutlich schon zu Vorkriegszeiten in den Krupp’schen Stahlwerken gefertigt worden war, dessen Geräuschkulisse jedenfalls etwas mechanisch-martialisches an sich hatte. Schnappend drehte sich der Kopf zunächst ruckweise in die eine Richtung und spie große Wasserfontänen auf den zu benetzenden Grund, nach einer Drehung von schätzungsweise 320 Grad schnellte er mit einem Mal zurück in die Ausgangsposition und begann die nächste Runde. Als Kinder konnte man sich einen Spaß daraus machen, genau vor dem Wasserstrahl herzurennen und sich dann im toten Winkel in Sicherheit zu bringen. Ich glaube, das Gerät ist irgendwann kaputtgegangen (mutmaßlich zerrostet) — oder es wurde gewinnbringend an Steam-Punk-Fans verkauft.
  • Zugeschlagene Autotüren. Als Kind habe ich gefühlt sehr viel Zeit mit Warten verbracht: Darauf, dass meine Freunde endlich von ihren Eltern zum Spielen vorbeigebracht würden, oder darauf, dass Tanten, Onkels oder ähnlicher Besuch kam. Dieses Warten ging einher mit der aufmerksamen Beobachtung der Parkplätze unter unserer damaligen Mietwohnung, wobei ich jetzt nicht die ganze Zeit auf der Fensterbank saß und nach draußen starrte — ich konnte ja auch auf die Geräusche achten. Jede zugeschlagene Autotür konnte bedeuten, dass es gleich endlich an der Tür klingeln würde und mein zwangsweise auf Pause gesetzter Tagesablauf (gut: ich hätte auch lesen, Kassetten hören oder irgendetwas spielen können) weitergehen konnte. Was die Rückkehr meines Vaters von der Arbeit angeht, so bin ich mir sicher, auch heute noch einen Kadett E Caravan, Baujahr 1988, aus einer beliebig großen Menge anderer Fahrzeuge heraushören zu können.
  • Die Schwimmhalle meiner Großeltern. Bevor im Privatfernsehen jeder Hinz und Kunz einen Pool oder einen Schwimmteich vor laufender Kamera in Eigenarbeit zusammenbaute, hatten meine Großeltern schon Anfang der 1970er Jahre eine der ersten privaten Schwimmhallen der Stadt. Dieser Standortvorteil half mir zwar weder dabei, besonders früh Schwimmen zu lernen, noch dabei, als Teenager Mitschülerinnen in den Ferien zum Besuch im Bikini zu bewegen, aber Schwimmen ist heute immer noch meine liebste Art sportlicher Betätigung. Das Becken ist mit fünf mal zehn Metern gar nicht mal so klein und ermöglicht es auch einem ungeübten Sportler, beinahe Weltrekordzeiten zu schwimmen — weil man ja ständig umkehren muss und sich dabei ordentlich abstoßen kann. Aus Gründen der Energieeffizienz ist das Becken bei Nichtbenutzung mit einer 50 Quadratmeter großen Plane bedeckt, die auf eine große elektrisch betriebene Rolle am Ende aufgewickelt werden kann. Das Geräusch der sich öffnenden Plane war stets Teil der Vorfreude auf den zu erwartenden Badespaß. Dieser ging dann anschließenden meist mit lautem Platschen (im Gegensatz zu öffentlichen Schwimmbädern durfte man hier vom Beckenrand springen — man musste nur anschließend wieder trocken machen) und Gekreische einher, das von den gekachelten Wänden und der großen Fensterfront widerhallte und sich gerade bei geöffneter Front im Sommer auch weit über den angrenzenden Garten verteilte. Stilecht abgeschlossen ist ein solcher Schwimmbadbesuch bis heute übrigens erst mit einem anschließend auf einem Badehandtuch in der Sonne konsumierten “Däumling”-Eis der Firma Bofrost.

Damit wären wir vorerst am Ende meines kleinen Ausflugs die Erinnerungsgasse hinunter. Ich bin sicher, dass mir schon bis heute Abend noch fünf andere Geräusche eingefallen sein werden, die hier unbedingt hätten erwähnt werden müssen. Und in der nächsten Ausgabe machen wir es dann wie Marcel Proust und lassen uns von Gebäckstücken und ähnlichen Geschmäckern in der Zeit zurückwerfen.