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Musik Rundfunk

Von Stimmen und Tassen

Wenn Sie eine Dreiviertelstunde Zeit und ein bisschen was für Musik übrig haben, sollten Sie sich diese Keynote ansehen, die Dave Grohl, “the unofficial Mayor of Rock ‘n’ Roll” (Stephen Thompson), vergangene Woche beim South By Southwest Music Festival in Austin, TX gehalten hat:

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Ich mag ja diese amerikanische Art, diese Mischung aus Lakonie und Pathos, und ich musste schon stark an mich halten, nicht sofort die E-Gitarre einzustöpseln und meinen Nachbarn meine immer noch kläglichen Versuche, das “Monkey Wrench”-Riff nachzuspielen, um die Ohren zu hauen.

Und wenn Sie dann noch etwas Zeit haben und noch ein wenig mehr Inspirierendes über Musik zu sich nehmen wollen, dann lesen Sie bitte diesen Blogeintrag, den Anke Gröner vergangene Woche darüber geschrieben hat, was es für sie bedeutet, “Tosca” ((Für alle, deren Musikzeitstrahl auch erst mit den Beatles beginnt: “Tosca” ist laut Wikipedia eine Oper von Giacomo Puccini aus dem Jahr 1900.)) zu singen:

Ich habe einen ungeheuren Respekt vor dem Mann bzw. vor seinen Werken, und deswegen dauert es jede blöde Woche immer ein bisschen, bis ich mich wirklich traue, den ersten Ton von mir zu geben. Das ist so, als ob du als Riesen-Bieberista das erste Mal vor ihm stehst und nur “Hallo” sagen willst, aber dich irgendwie nicht traust, denn man kann ja nicht einfach so als kleiner Fan dem Superstar “Hallo” sagen. Im Kopf glaube ich immer, dass so ziemlich alle Töne, die ich singe, total schief sind und krächzig und schlimm und dass noch kein Fenster zersprungen ist, wenn ich das b” singe, ist eh ein Wunder. Aber da ist plötzlich das “Hallo”: Ich kann das b” nämlich singen. Und es strengt nicht mal an. Jedenfalls brauche ich keine Kraft dafür.

Ich werfe beide Texte, Dave Grohls Keynote und Anke Gröners Blogeintrag, jetzt einfach mal zusammen, was vielleicht ein bisschen unzulässig ist, aber letztlich geht es beide Male darum, seine Stimme und damit den eigenen Platz in der Welt zu finden. Und wenn Dave Grohl sagt, dass es nur darauf ankomme, wie man selbst seine Stimme finde, dann hat er verdammt recht. Es sollte Philipp Poisel, Max Herre oder Ben Howard sehr, sehr egal sein, dass ich mit ihren Stimmen so rein gar nichts anfangen kann. Selbst, dass ich ihre Songs nicht hören mag, sollte für sie völlig unerheblich sein. Ich habe da diese etwas hippiemäßige Einstellung, dass Musik ihre Berechtigung hat, wenn sie nur einer Person etwas bedeutet — einzige Ausnahme: Nazi-Rock.

Und natürlich hat Grohl des weiteren recht, wenn er sagt, man könne den “Wert” von Musik nicht einfach so bestimmen — und als knackige Beispiele einfach mal “Gangnam Style” und Atoms For Peace aufführt. Ich hatte auf meiner Liste der besten Songs 2012 ja an relativ prominenter Stelle “Call Me Maybe” von Carly Rae Jepsen aufgeführt, wofür ich mir von manchen Freunden Fragen nach meinem Geisteszustand gefallen lassen musste. ((Dabei müssten die doch am Besten wissen, wie ich so drauf bin.)) Dabei liebe ich den Song noch heute und er bereitet mir deutlich mehr Freude, als irgendsoeine angesagte neue Indieband aus England. Und nur darum sollte es gehen: Welche Musik einem Freude bereitet, nicht, welche Musik man hören “sollte”, um irgendwo dazu zu gehören.

Ich möchte, weil ich einmal in Fahrt bin, nun völlig unzulässigerweise auch noch einen Text von Alexander Gorkow aus der heutigen “Süddeutschen Zeitung” ((Online nicht verfügbar.)) hinzuziehen, der vordergründig von dem gescheiterten Interviewversuch von Hinnerk Baumgarten an Katja Riemann handelt. Es geht aber dann relativ schnell und auch relativ furios um sehr viel mehr, kurz um Clint Eastwood (auch “schwierig”) und dann um ungefähr alles:

Im Umgang vieler Medien mit unseren Künstlern nun aber offenbart sich eine überaus deutsche Betrachtung des Künstlertums an sich – und so eben auch des Künstlers oder der Künstlerin: Es regiert bei uns en gros eine mittelalterliche, mindestens kleinstaatliche, mitnichten renaissancehafte, geschweige denn aufklärerische Sehnsucht, wenn es um die Publikumskunst geht.

Es regiert stattdessen, gespeist durch alle Arten von Medien, vor allem aber durch die Unterhaltungsblätter und eben die TV-Sender, die urdeutsche Vorstellung vom Künstler als fahrendem Scharlatan, der mit Schnabelschuhen und Schellenmütze dafür zu sorgen hat, einer furchtbaren Ansammlung trüber, verblödeter Tassen – der sogenannten Bevölkerung – die Zeit bis zum Exitus zu vertreiben.

Es ist, gerade im darstellenden Gewerbe und befeuert von den großen auch öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, der allerdümmste Eskapismus, der der Maxime zu folgen hat, dass jene Bevölkerung nicht zu überfordern sei. Die vielen sensationellen deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler haben deshalb nicht etwa in erster Linie gut zu sein. Ginge es danach, wäre Veronica Ferres kein Star, sie würden auf einer Brettlbühne herumknödeln. Deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler haben, zumal ihnen fast immer zu Unrecht unermesslicher materieller Reichtum angedichtet wird (“die Reichen und die Schönen”), zu parieren.

Die Haltung dahinter lautet: Bring mir Freude, oder ich bring dich um.

Wie konnte es jetzt passieren, dass ich von den durchweg positiven Texten von Dave Grohl und Anke Gröner so schnell bei diesem kulturpessimistischen Wutanfall von Alexander Gorkow gelandet bin? Es sind wohl irgendwie zwei Seiten einer Medaille, der Spaß an der Kunst und deren mitunter unerfreuliche Rezeption auf der anderen Seite.

Da ich positiv enden möchte, hier einfach noch schnell ein Song einer meiner absoluten Lieblingsbands, dessen Botschaft meine linke Wade ziert!

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Musik

Und Berlin war wie New York

Es nützt ja nichts, das zu leugnen: Ich mag die neue Single von Bosse.

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Dieses perlende Ben-Folds-Klavier! Diese völlig reimfreien Strophen! Dieser Shoop-Shoop-Refrain! Und vor allem: Diese Geschichte, die er da erzählt!

Von Dosenbier, vom ersten Kuss, von der musikalischen Sozialisation, von Sehnsuchtsorten, von der Jugend an sich. Alles ganz schlicht, gleichermaßen konkret und allgemeingültig.

Wenn Axel Bosse im letzten Refrain “oh yeah, whatever, nevermind” singt, krieg ich jedes Mal Gänsehaut. Und habe wieder diese grieseligen VHS-Bilder aus Seattle auf Vox vor Augen. Am Tag, als Kurt Cobain starb.

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Digital Musik

About A Girl

Okay, das war schon blöd von Bild.de, auf den gefaketen Twitter-Account von Eminems Tochter reinzufallen. Und hinterher zu berichten, dass alle, inklusive man selbst, auf die Fälschung reingefallen ist, den Ursprungsartikel aber unverändert online zu lassen, ist auch nicht so richtig clever.

Was ich persönlich aber haarsträubend dämlich fand, ist eine ganz andere Sache. Beim lustigen Rätselspaß, um wessen Tochter es sich denn handeln könne, hat Bild.de auch Kurt Cobain im Angebot:

Handelt es sich bei dem gesuchten Papa um die verstorbene Rock-Legende Kurt Cobain († 28)?

28?!?

Jedes Kind (also: jedes Kind, das alleine auf dem Schulhof steht, weil es unglaublich uncool und nerdig ist, aber in zehn Jahren saucool sein wird, während die heute coolen Kinder dann mit Anzug und Krawatte an ihrem Schreibtisch in der Sparkasse hocken) weiß, dass Kurt Cobain zum “Club 27” gehört und demnach – ebenso wie Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin und Brian Jones – mit 27 gestorben ist.

Ich betone das auch, weil ich seit November älter bin, als Kurt Cobain je geworden ist.