Da hat das neue Jahr kaum angefangen, ich hab mal eben meine Songs 2025 zusammenstellen können, und schon ist der erste Monat auch schon wieder vorbei — Zeit, mein Januar-Mixtape mit der Welt (also: mit Euch) zu teilen!
Anders als bisher sind nicht mehr ausschließlich neue Songs dabei, sondern auch ein paar ältere – manche von ihnen arrivierte Klassiker, andere eher unbekannt -, denn wenn ich gute Musik hören und fühlen will (und möchte, dass Ihr das auch könnt), mache ich das unabhängig vom Erscheinungsdatum. I make up the rules as I go along!
Bruce Springsteen hat seinen vermutlich politisch bedeutsamsten Song veröffentlicht, in dem er mit der aktuellen US-Regierung und ihrer Sturmtruppe ICE abrechnet. Es gibt spektakuläre Coverversionen: Rufus Wainwright singt „San Francisco (Be Sure To Wear Flowers In Your Hair)“ und David Byrne „Drivers License“. Wir haben gleich drei ehemalige ESC-Künstlerinnen am Start (Tali, Maro und Pænda), was die schon wieder mit angespitzten Bleistiften vorbereiteten Fragen nach der Nachhaltigkeit der Veranstaltung beantworten dürfte.
Insgesamt ist die Stimmung noch vom eher trüben, melancholischen, aber auch kuscheligen Januar geprägt, aber Acts wie Vero, Meet Me @ The Altar und The Cribs deuten an, wohin die Reise dieses Jahr noch gehen könnte.
Aber genug der Worte: Musik!
Das Mixtape bei Apple Music:
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Das Mixtape auf der Dunklen Seite der Musik (ohne Low Life Rich Kids, weil die verständlicherweise nicht auf Spotify sein wollen):
In Zeiten wie diesen helfen ja vor allem Traditionen und Rituale: Jedes Jahr sitze ich also im Januar vor meinem MacBook, schiebe zunehmend hilflos Tracks in einer Spotify-Playlist hin und her und versuche, Hunderte Songs, die ich im vergangenen Jahr gehört habe, in irgendeine belastbare Reihenfolge zu bringen. Das neue Jahr kann, ja: darf, nicht richtig beginnen, ehe ich nicht das alte mit einer möglichst objektiven, allumfassenden Rückschau abgeschlossen habe.
Aus der ersten Kalenderwoche wird die zweite, dritte und vierte, langsam werde ich gestresst — und obwohl ich weiß, dass das hier niemand ernsthaft von mir erwartet, erscheint mir dieses Hobby-Projekt, das eigentlich harmlos, positiv und lebensbejahend sein sollte, zunehmend wie eine Last; eine Art musikalische Steuererklärung. Mehr noch: Weil ich weiß, dass ich mir diesen Druck ausschließlich selbst mache, habe ich besonders schlechte Laune — so einen intrinsischen Stress kenne ich von den anderen Männern in meiner Familie und dafür bin ich nicht in Therapie gegangen!
Dieses Jahr ist es zumindest ein bisschen anders: Ich habe mich Anfang Dezember bei Apple Music angemeldet — das ist ethisch immerhin ein bisschen besser zu vertreten als Spotify, außerdem ist die Soundqualität so viel besser, dass ich Anfangs dachte, ich hätte ein neues Paar Ohren, und alle meine Lieblingsalben erstmal neu – also quasi: zum ersten Mal – hören musste. Wenn man Musik die letzten 19 Jahre als MP3s mit 160 kb/s gehört hat, hat man keine Musik gehört!
Die anderen Probleme aber bleiben: So viele Songs, aber die meisten nicht öfter als drei, vier Mal gehört. Zumindest im Streaming — manche Songs habe ich bei BBC Radio 6 Music bestimmt 20, 30 Mal gehört und sie sind mir damit automatisch vertrauter, lieber und werden am Ende vermutlich höher gerankt werden. Und damit zeigt sich ja die ganze Absurdität der vermeintlichen Quali- und Quantifizierung: Es gehört ebenfalls zur Tradition, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt den Sinn des ganzen Unterfangens hinterfrage. Und wen genau will ich mit so einer Rangliste, die ich nun – mit Unterbrechungen – seit dem Jahr 2000 jedes Jahr anlege, eigentlich noch beeindrucken?
Mit zunehmendem Alter erscheint mir das Projekt also immer sinnloser und trotzdem mache ich erstmal weiter (was auch eine sehr schöne Beschreibung für das Konzept „Leben“ an sich wäre). Weil es mir eben auch hilft, zurückzublicken, zu sortieren, und so ein Jahr dann in einen Karton zu packen und ins Schwerlastregal zu stellen.
Wenn ich die großen Trends und Themen von 2025 herausarbeiten sollte, würde ich sagen: Die 1990er Jahre sind wieder da — und sie gehen nicht mehr weg. Von Britpop (und da rechnen wir die Oasis-Reunion und das neue Robbie-Williams-Album gleichen Namens nicht mit rein) über Alternative Rock ist alles zurück; junge Acts erinnern an Beck, Blur, Hole, Smashing Pumpkins und so weiter. Und was nicht nach den Neunzigern klingt, klingt nach The War On Drugs.
Ansonsten war ich stilistisch weit unterwegs: Ich sehe in meiner Liste neben Naheliegendem wie Indie, Americana und Electro auch französischen HipHop, Jazz, Klassik; ich zähle sechs deutschsprachige Songs (davon zwei in den Top 10), was es so vermutlich auch lange nicht mehr gegeben hat, zwei niederländische und was auch immer Rosalía da alles in „Berghain“ abfeuert. Zwei Cover-Versionen des gleichen Songs! Der längste Song ist 10:52 Minuten lang, der kürzeste 1:56.
Es sind 100 Songs, alle sehr gut, viele davon richtig, und ich hätte sicherlich noch viel mehr finden und auf die Liste packen können. Ihr könnt sie auf Shuffle hören, aber das hier sind – Stand Jetzt – meine Top 10 des Jahres 2025:
Erst Anfang des letzten Jahres bin ich durch meinen Kumpel Stephan Kochs auf Jalen Ngondas Debüt-Album „Come Around And Love Me“ (Daptone; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) aus dem Jahr 2023 aufmerksam geworden — und da haben wir gleich einen weiteren Grund, diese ganzen Jahresbestenlisten in Frage zu stellen, denn im Nachhinein würde ich diese feine Soul/R&B/Motown-Platte gerne in meine Top 10 jenes Jahres packen (die allerdings eh nicht so richtig existiert).
Die gute Nachricht: Jalen Ngonda hat auch 2025 Musik veröffentlicht und „Just As Long As We’re Together“ ist Sonnenschein auf Vinyl (wenn man Musik noch auf Vinyl hört). Man ist sich beim ersten Hören sicher, diesen Song schon seit der eigenen Kindheit von Marvin Gaye, The Temptations, The Four Tops, The Spinners oder The Jackson 5 zu kennen, und stellt dann fest: Nee. Aber es fühlt sich genauso an!
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Bis zum letzten Jahr war Kae Tempest immer nur am Rande meines Sichtfelds aufgetaucht: spannende Person (die Karriere begann weiblich gelesen, 2020 hatte Kae Tempest ein coming out als nicht-binäre Person, seit letztem Jahr spricht er von sich selbst als trans Mann), die Gedichte, Romane, Theaterstücke, Essays und eigentlich alle Arten von Texten schreibt, spannende Musik, aber näher beschäftigt hab ich mich nie damit.
Dann kam „Statue In The Square“, die erste Single des Albums „Self Titled“ (Island; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music): Breitbeinig stellt sich der Song konservativen Evolutionsbremsen und dem Narrativ eines reaktionären Backlashs entgegen; im Hintergrund schwillt ein Beat, irgendwie bedrohlich, aber mitreißend. „They never wanted people like me round here / But when I’m dead, they’ll put my statue in the square“, rappt Kae Tempest und errichtet denen, die nie reingepasst haben, die beäugt, verspottet und ausgegrenzt wurden, eigene Denkmäler. Eine Faust, die auf den Brustkorb trommelt, an der Stelle, wo das Herz ist.
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Auf deutschsprachige Texten reagiere ich in aller Regel sehr körperlich: Entweder will ich mich vor lauter Fremdscham selbst entleiben oder mein Herz wird direkt freigelegt, weil es zu groß für meinen Brustkorb geworden ist.
„Das ist nicht New York“ von KORD fällt in letztere Kategorie. Ich weiß gar nicht, bei wie vielen Textstellen ich Gänsehaut bekomme. Es ist die Geschichte einer Kindheit in der deutschen Provinz im Wissen um das Konzept „USA“ (im Springsteen’schen Sinne, nicht im politischen) bei gleichzeitiger Negation desselben. Drauf gestoßen bin ich durch den Auftritt bei „Inas Nacht“, aber die ganze EP (Warner; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Deezer) gefällt mir sehr gut. Klingt, als hätte Adam Granduciel von The War On Drugs AnnenMayKantereit produziert, ist aber geil!
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Das einzige, was ich lange über Clipping, jenes experimentelles HipHop-Trio aus Kalifornien, wusste, war, dass Daveed Diggs, Marquis de Lafayette/Thomas Jefferson aus „Hamilton“, dort seine maschinengewehrähnlichen rap skills abfeuert.
Dann kam „Keep Pushing“ als Vorab-Single ihres fünften Albums „Dead Channel Sky“ (Sub Pop Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp): Ein hypnotischer Track, der sich immer weiter steigert und einen mitreißt wie in einen Strudel. Und jeder Strudel führt nach unten: Es ist ein Song darüber, in einer Welt, die um einen zerfällt, immer weiter zu machen. Wobei dieses „weiter machen“ im Text konkret bedeutet: Drogenhandel.
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„Beziehungen: Oder soll man es lassen?“, ist eine Frage, die (meines Wissens, aber ich hab auch besseres zu tun) bisher noch kein Medium gestellt hat. Dabei gäbe es in Zeiten, in denen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen in vielen US-Bundesstaaten wieder eingeschränkt wird; in denen das Muttchen am Herd als fragwürdiger Social-Media-Trend „Tradwife“ eine überraschende Renaissance feiert; in denen mehrere Studien zu dem Ergebnis kommen, dass die jüngste geschlechtsreife Generation, Z, weniger Sex hat als die Generationen vor ihr; in denen Paartherapeut*innen zu Social-Media-Stars werden, genug Anlässe, Beispiele und Gelegenheiten, mal intensiver über zwischenmenschliche Beziehungen nachzudenken.
HAIM machen das auf ihrem vierten Album „I Quit“ (Polydor; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music), über das ich für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ geschrieben habe, unter vielen Aspekten; vor allem tun sie es in der ersten Single „Relationships“, die Jahrzehnte (ehrlicherweise: Jahrtausende, aber mit solchen Kategorien ist man ja hierzulande lieber vorsichtig) gesellschaftlicher Konventionen in Frage stellt und dabei so vergnügt klingt wie eine TLC-Single aus den 1990er Jahren: „Oh, this can’t just be the way it is / Or is it just the shit our parents did / And had to live with it in their relationship?“
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„Shovel“ von Deep Sea Diver aus Seattle wird schon deshalb immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, weil wir damit unsere kurzlebige Musik-Videoblog-Serie „5 Songs, die Ihr diesen Monat gehört haben solltet“ eröffnet haben.
Dieser Wechsel zwischen Strophe und Refrain, zwischen Selbstzweifeln und trotzig-optimistischem „It’s taken care of“ reißt mich auch ein Jahr später immer noch mit.
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Das ist einer dieser Songs, die bei BBC Radio 6 Music rauf- und runterliefen: Ein Liebeslied darüber, dass beide Partnerinnen altern werden; dass es vielleicht nicht für immer halten wird; darüber, was man sucht und findet, und dass letztlich alles, was mit der Zukunft zu tun hat, immer auch eine Wette ist.
So abgeklärte Gedanken zu einem wunderschönen, romantischen Lovesong zu formen, ist die große Stärke von Lucy Dacus. Nicht als trotzdem, sondern als deshalb. Was soll man denn auch sonst machen?
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Sorry, ich komm noch mal rein: Taal sind ein junges FLINTA-Duo aus Köln. Clara hat schon unter dem Namen Maryaka Musik gemacht und in der allerallerersten Folge unserer kleinen Musiksendung haben wir Maryakas Song „Grow“ gespielt. Zusammen mit Tari ist Clara Taal und die beiden singen auf Deutsch über große Gefühle.
„Schwerelos“ ist erst ihre dritte Single, aber es war sehr, sehr unangefochten mein Sommerhit des Jahres 2025. „Bei Dir denke ich, ich kann das“, ist – hands down – eines der aufrichtigsten, passendsten und süßesten Komplimente, das je in einem Liebeslied gemacht wurde.
Textliche Versprechen knallen natürlich umso mehr, wenn sie auch musikalisch eingelöst werden — und hier ist tatsächlich alles schwerelos, indigo und so groß: Ältere werden sich an Wir Sind Helden oder Mia erinnert fühlen, ganz Alte vielleicht an Nena, es ist auch ein Hauch von The War On Drugs zu erkennen (wie eigentlich aktuell überall), vor allem ist es aber ein wunderschöner, unpeinlicher, queerer Lovesong!
Und wenn man einmal gesehen hat, wie Clara und Tari diesen Song live mit einer Choreo unterlegen, die man nur als „selbstbewusst awkward“ bezeichnen kann, wird die beiden eh sofort in sein Herz schließen!
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Diese merkwürdigen neuen Veröffentlichungskonzepte mit „waterfall strategy“ und allem führen dazu, dass Du als Act in zwei aufeinanderfolgenden Jahren in meinen Top 10 auftauchen kannst: Letztes Jahr waren Ider mit „You Don’t Know How To Drive“ auf Platz 6, jetzt sind sie mit „Attachment Theory“ auf Platz 2: Ein treibender Song über Beziehungen, Rollenbilder, Selbstermächtigung und darüber, aus alten Strukturen auszubrechen. (Ich merke gerade, dass mindestens die Hälfte meiner Top-10-Songs mit Beziehungen und Liebe zu tun haben. Weiß mein Musikgeschmack etwas, das ich nicht weiß?)
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Ich weiß noch ganz genau, wo und wie ich die ersten Takte von „Catch These Fists“ von Wet Leg zum ersten Mal bei „All Songs Considered“ gehört habe. Ich wusste schon nach drei, vier Tönen, dass mich dieser Song lange begleiten und vermutlich mein Song des Jahres werden wird. Es war früher Morgen, die Sonne schien und Heiko Butscher, der den VfL Bochum in der Saison 2023/24 völlig überraschend in der Bundesliga gehalten hatte, fuhr auf dem Fahrrad an mir vorbei.
2025 ist der VfL dann abgestiegen, aber dazu passt ein Song, der die ganze Zeit damit droht, einem eins aufs Maul zu geben, natürlich auch sehr schön: Rhian Teasdale und Hester Chambers von Wet Leg wissen jedenfalls, wie man einen Spannungsbogen aufbaut und so richtig schön auf die Hörer*innen draufknüppelt. Man down!
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„Robbie Williams ist bei Take That ausgestiegen. Der Grund: Er möchte endlich mal gute Musik machen.“ Diesen Witz riss ich im Alter von elf Jahren in der damals von mir moderierten Late Night Show (Publikum: meine beiden jüngeren Geschwister) und auch wenn der dort enthaltene Boyband-Burn der vorpubertären Genervtheit über Klassenkameradinnen, die das alles ganz toll fanden, geschuldet war (und ich Take That heimlich auch immer schon ganz gut fand — wenn auch nicht so gut wie East 17), möchte ich mir mehr als 30 Jahre später einfach mal attestieren: Ja.
Ich habe vor ungefähr zwei Jahren schon mal über Robbies Frühwerk und dessen Bedeutung für meine eigene Musikbiographie geschrieben. Jetzt hat er die Heilige Dreifaltigkeit des alternden Popstars (Greatest-Hits-Album mit Orchesterbegleitung, Netflix-Doku, Biopic mit Affe) hinter sich und kann nach vorne gucken. Zumindest theoretisch, denn das Cover seines 13. Studioalbums ziert ein Foto von Robbies legendärem Glastonbury-Wochenende 1995, als er 21-jährig mit den Gallagher Brothers seinen Abschied von Take That recht zünftig beging — hier allerdings schon museumsreif ausgestellt und von jungen Bilderstürmern mit Farbe beschmiert.
Dazu der Titel: „Britpop“. Jene Party, zu der Robbie mit seinen ersten beiden Alben „Life Thru A Lens“ (1997) und „I’ve Been Expecting You“ (1998) reichlich spät stieß, zu der er mit Songs wie „Old Before I Die“, „Strong“, „No Regrets“, „Lazy Days“ oder „It’s Only Us“ aber durchaus noch Signifikantes beizusteuern hatte. Er habe das Album erschaffen, das er nach seinem Ausstieg bei Take That habe schreiben und veröffentlichen wollen, erklärte er dann auch beflissen bei der Ankündigung im vergangenen Mai — und die Britpop-Robbie-Fans von damals dachten: „Been There Then“.
Das Album sollte zunächst im letzten Herbst erscheinen, wurde dann wegen Taylor Swifts „The Life Of A Showgirl“ auf den Februar verschoben, und schließlich ohne weitere Vorwarnung doch vergangenen Freitag gedroppt. Offenbar arbeiten Megastars inzwischen genauso erratisch wie Behörden, große Fußballvereine oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Vielleicht lag es daran, dass Harry Styles, der Harry Kane zu Robbies David Beckham, letzte Woche ein neues Album für den 6. März angekündigt hat und der Altmeister dem (auch nicht mehr ganz so) Jungstar aus dem Weg gehen wollte.
Tatsächlich versprühen die ersten Songs des Albums – die erste Single „Rocket“ mit Tony Iommi von Black Sabbath an der Gitarre, „Spies“, „Pretty Face“ – eine ähnlich jugendliche Luftgitarren-Energie wie das Williams’sche Frühwerk. Sie bringen aber auch überraschende Erinnerungen an „Escapology“ mit, das etwas zweischneidige, angeblich so „amerikanische“ Album von 2002, das den Abschied von Robbies langjährigem Songwriting-Partner Guy Chambers (und damit nach Ansicht vieler: den Anfang vom Ende) markierte und die letzten wirklich großen Songs („Feel“, „Come Undone“) enthielt.
„Pretty Face“ zitiert direkt Nirvana („Hello, hello, hello, how low“), „Cocky“ (geschrieben mit Gaz Coombes von Supergrass) erinnert ans eigene „Man Machine“, „Bite Your Tongue“ direkt noch mal an „Rocket“. Stöcke und Steine, die Knochen brechen und „Human“ eröffnen, hatten wir schon 2001 in „Toxic“, aber das geht ja alles eh auf einen alten Kinderreim zurück und überhaupt: Warum denn nicht nach 30 Jahren Solo-Karriere jetzt auch mal fleißig Selbstzitat? „Britpop“ ist ja eh selbstbewusst meta — bis hin zur Idee, als Titel eine Genrebezeichnung zu nehmen, die zumindest damals von allen gehasst wurde, die damit bedacht wurden. Wir Alt-Fans aber nehmen dankbar alles, nur nicht noch mal sowas wie „Rudebox“ oder das zweite Swing-Album!
Inhaltlich wirkt es ein wenig, als sei er bei „Love My Life” aus dem Jahr 2016 hängengeblieben: Wir waren mal jung und haben da viel (*zwinkerzwinker*) erlebt; jetzt gerade ist Familie das Wichtigste; wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt. Das alles ist ja nun wirklich das exakte Gegenteil von Rock ’n‘ Roll, aber eben auch Lebenswirklichkeit seiner Xennial fan base und von daher: Bitte! „Youth is wasted on the young“, hatte Robbie ja schon 2001 in „Eternity“ geklagt und dabei George Bernard Shaw (mutmaßlich) nicht zitiert.
Ob es jetzt wirklich noch ein Song mit „my life“ im Titel sein musste (hier: „All My Life“), sei mal dahingestellt, aber der Refrain ist schon wieder so hymnisch, dass man – das alkoholfreie Getränk noch in der Hand – schon wieder die Tanzfläche stürmen und sich bromantisch in den Armen liegen muss! Außerdem beschert uns Robbie mal wieder – die Liste ist ja inzwischen lang – eine großartige Selbstcharakterisierung: „The only thing I’d miss is misbehaviour / I’ve made friends with knowing that I’m strange / Masochistic, but I’m always entertaining / And I know l’Il die, but l’Il never leave the stage“. Klar, dass man so einen Song dann nicht etwa mit einem Knall beendet, sondern 80er-Jahre-mäßig ausfaden lässt.
„Bite Your Tongue“ gibt sich so etwas ähnliches wie politisch: „Wham bam, ain’t it a scam / Afghanistan and Vietnam“. Wenn Robbie dann auch noch eine 80er-Jahre-Band mit dem Todesschützen von Robert F. Kennedy gleichsetzt („Duran Duran is a Sirhan Sirhan“), steht fest: „politisch“ in dem Sinne wie „Palim, Palim“ — aber auch dort hat ja inzwischen eine Umdeutung stattgefunden.
Mit „Morrissey“ (geschrieben mit Gary Barlow!) liefert Robbie einen weiteren Beitrag zum Subgenre „Lieder über den The-Smiths-Sänger“, mit dem man inzwischen ganze Compilation-Alben füllen könnte, was natürlich deutlich erfreulicher ist, als dem komplett durchgedrehten Rassisten, Tierrechtshyperaktivisten und Gelegenheits-Musiker selbst weiter zuzuhören. 1
„It’s OK Until The Drugs Stop Working“ grüßt im Titel The Verve (Robbie muss nach den Aufnahmesessions Muskelkater vom Zwinkern und Zunicken gehabt haben), erinnert musikalisch aber überraschend an den inzwischen auch schon 20 Jahre alten Indiepop-Kracher „We’re From Barcelona“ — falls sich da außer mir noch irgendjemand dran erinnern kann.
Klingt der Refrain von „Spies“, als wäre er in den „Champagne Supernova“-Kelch gefallen? Ja, klar. Andererseits: Warum denn auch nicht? Da könnte man ja gleich die vermeintlich mangelnde Originalität der Gallaghers kritisieren! Das Album wurde geschrieben und aufgenommen, bevor Oasis wieder die Band der Stunde waren (und Richard Ashcroft und Cast zur Party mitbrachten), jetzt passt plötzlich alles zusammen bei diesem großen Weltklassentreffen.
Dabei gilt überraschenderweise das, was The Hold Steady in „Stay Positive“ über eine ganz andere Musikszene schrieben: „There’s gonna come a time when the true scene leaders / Forget where they differ and get big picture / ‚cause the kids at the shows, they’ll have kids of their own / The sing along songs will be our scriptures“. Wenn „Britpop“ wirklich die angesprochene Selbstverwirklichung ist und dabei noch so soliden Fan-Service leistet, haben wir doch alle was davon!
Natürlich gibt es das Album auch in einer „Deluxe Edition“, die die Dramaturgie des eigentlichen Albums (das mit einer Schlaflied-Reprise von „Pocket“ endet), ad absurdum führt. Das allerdings – Robbie bleibt Robbie – gleich sehr gründlich, denn der finale Song „Desire“, der die Sonderausgabe nach über einer Stunde beschließt, ist eine „Official FIFA Anthem“, gesungen mit Laura Pausini, und mindestens so schrecklich, wie man es angesichts des Fußballweltverbandes erwarten würde. Wenn rauskäme, dass der ganze Song von einer KI mit dem Auftrag erstellt wurde, eine schreiend klischierte Pathosquatschschleuder im Stile von Imagine Dragons zu produzieren, wäre man nicht im Mindesten überrascht — es wäre vielmehr die konsequente Fortsetzung von Robbies Auftritt bei der Eröffnung der Fußball-WM 2018 in Moskau, bei der er der versammelten Weltöffentlichkeit den Mittelfinger entgegenstreckte. Wenn die FIFA so verantwortungslos mit Geld umgeht, ist es kein Wunder, dass sie die Scheichmilliarden und das „dynamic pricing“ braucht.
Wenn man die zusätzlichen Tracks allerdings als Rechtsnachfolger der B‑Seiten sieht – jenem ausgestorbenen Medium, in dem Robbie damals ähnlich produktiv war wie all die großen Britpop-Bands -, dann ergibt es wieder Sinn. Irgendwie. „Selfish Disco“ ist ein Ausflug in ein anderes Genre; „G.E.M.B.“ (das steht für „Green Eyed Mental Boy“) ein weiteres Gitarrenbrett in der Tradition von „The World’s Most Handsome Man“ (auch textlich); und „Comment Section“ macht sich über Social-Media-Nutzer*innen lustig (inkl. gut gelaunter Einladung zum Shitstorm: „I’m a fan of K‑Pop and One Direction“). Das haben von Taylor Swift über die Pet Shop Boys bis hin zu Marcus Wiebusch zwar wirklich schon alle durchexerziert, aber Popkultur ist ja immer Spiegel ihrer Zeit — und Social Media ist eben die Umweltverschmutzung der Gegenwart. 2
„Britpop“ ist das musikalische Äquivalent dazu, wenn sich Männer über 40 – manche mit Bierbauch, manche frisch getrennt, manche gerade werdende Väter – zum gemeinsamen Fußballspielen treffen: Es sieht nicht mehr so athletisch aus wie früher; bei manchen Ausrufen hofft man, dass die eigene peer group gerade nicht zuhört; das konsumierte Bier wird man morgen noch merken — aber in einer Welt, in der man lieber gar keine Nachrichten mehr konsumiert, gibt dieses Ritual ein Gefühl von Stabilität. Robbie Williams hält auch mit 51 das Versprechen, das er uns im ersten Song seines Solo-Debüts gegeben hat: „And we will have / A jolly good time“.
Aktuellstes Beispiel: „Dear Stephen“ von den Manic Street Preachers, Zeitgenossen der großen Britpop-Phase und im Jahr 2000 von Robbie schon in „By All Means Necessary“ namentlich erwähnt, aus dem vergangenen Jahr.[↩]
Alfred Grimm war einer der bedeutendsten Künstler, die Dinslaken je hervorgebracht hat, 1 er hat als Kunstlehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium zwei Generationen Heinser unterrichtet und er war – um mal diese wundervolle Formulierung zu verwenden – ein Freund der Familie.
In dieser Funktion bin ich mit seiner Kunst aufgewachsen. Mit Tortenstücken, die Deutschland repräsentieren sollten; mit Schachbrettern, auf denen sich Abgründe auftaten, und Röhrenfernsehern, in denen sich ganze Welten entspannen. Alles nicht „schön“ im konventionellen (also: langweiligen) Sinne, alles weit entfernt von der Heimeligkeit malender Arztgattinnen, die die Dinslakener Kulturszene in den 1990er Jahren dominierte. Aber als Kind nimmt man ja erstaunlich vieles als gegeben hin, und interessant waren seine Objekte, die in regelmäßigen Abständen in der Stadt ausgestellt wurden und in ebenso regelmäßigen Abständen für Empörung sorgte, über die die Lokalpresse dann groß berichten konnte, ausufernde Leserbrief-Auseinandersetzungen inklusive, allemal.
Alfred Grimm (als Lehrer hatte ich ihn stets gesiezt; bei unserem letzten direkten Kontakt vor nunmehr auch erschreckenden elf Jahren hatten wir uns bei der Anrede in ein auswegloses Hamburger-Sie-Szenario manövriert) war in Dinslaken geboren und aufgewachsen, hatte an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, was den besagten Dinslakener Lokaljournalist*innen zeitlebens und darüber hinaus das Synonym „Beuys-Schüler“ für ihre Texte schenkte, und war dann als Lehrer für Kunst und (wenn ich mich richtig erinnere) Biologie an sein altes Gymnasium zurückgekehrt. Gleichzeitig hat er sein Leben lang als Künstler gearbeitet, Ausstellungen gemacht und Mahnmale im öffentlichen Raum geschaffen.
Sein Mahnmal zum Gedenken an die Dinslakener Juden und deren Vertreibung wurde 1993 eingeweiht. Ich erinnere mich noch an eine Präsentation in seinem Atelier: Es war ihm ein besonderes Anliegen gewesen, das Grauen des Nationalsozialismus ganz konkret begreifbar zu machen; deswegen finden sich auf dem Leiterwagen, mit dem die jüdischen Waisenkinder bei den Novemberpogromen 1938 aus der Stadt gebracht wurden, auch Kisten mit Schuhen, Knochen und Gebissen, die an die Opfer in den Konzentrationslagern erinnern sollten. Die Täter hingegen werden durch das Negativ der Silhouette eines uniformierten Mannes symbolisiert: ein Rahmen, in den man sich hineinstellen und so buchstäblich in die Perspektive der Täter versetzen kann. Das hatte schon damals ordentlich Wums.
Als die Stadt Dinslaken noch Geld hatte und sich eine „Skulpturenmeile“ gönnte, schuf Alfred Grimm die „Baustelle“, eine Installation, die auf den ersten Blick wie eine banale, verlassene Straßenbaustelle aussah. Auf den zweiten lag darin ein toter Soldat, Gasmaske und Stahlhelm noch auf dem Schädel. Wieder versuchten sich Kleinbürger in Leserbriefen an der semantischen Vermessung des Konzepts „Kunst“ und verwechselten dabei persönlichen Geschmack mit Bedeutung. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde das Werk ursprünglich vor der Haustür des städtischen Baudezernenten aufgebaut, der diesen Gruß auch wenig zu schätzen wusste.
Was man in Zeiten permanenter Maximalempörung im Internet gerne mal aus den Augen verliert: Provokation ergibt ja nur dann wirklich Sinn, wenn sie mehrere unterschiedliche (idealerweise: ansonsten verfeindete) Lager auf die Palme und so zusammenbringt: konservative Katholiken und Second-Wave-Feministinnen, zum Beispiel.
Sein „Mutter-Erde-Stuhl“, ein Arrangement von kleinen Fabrikschloten und anderen Symbolen der Umweltzerstörung im sehr vage angedeuteten Schoß eines abstrakten weiblichen Unterkörpers auf einem sehr echten Gynäkologischen Stuhl, hat über Jahrzehnte immer wieder zu reflexhafter Empörung geführt. Dabei treffen Alarmierung und Kunst dort so viel einleuchtender aufeinander als wenn man Kartoffelbrei auf gerahmte Bilder wirft.
In seiner Kruzifix-Reihe nahm er den zum Möbel geronnenen Leichnam Christi und tat ihm mit verschiedenen Mitteln (Axt, Stromkabel, Drogen) erneut Gewalt an. Helle Aufregung unter den lokalen Konservativen (was in einer Kleinstadt ja am Ende fast alle sind)! Ein zu Tode gefolterter Mann mag völlig okay sein (bzw. in Bayern dringend erwünscht), aber doch bitte nicht so, dass man sein Leid auch noch erkennt! 2
Legendär (womöglich im wörtlichen Sinne) die Geschichte, wie er, der auf einem Bauernhof lebte und arbeitete, eines Morgens ein tot geborenes Lamm mit zur Schule gebracht haben soll, es aufs Lehrerpult legte und die Schüler*innen aufforderte, es zu zeichnen. Ich habe nie jemanden getroffen, der persönlich dabei gewesen wäre, weshalb ich für die Wahrhaftigkeit der Anekdote nicht bürgen kann, aber es macht Freude, mal kurz den Gedanken durchzuspielen, was heute in Eltern-WhatsApp-Gruppen, auf Social Media und anschließend in der bundesweiten Boulevardpresse los wäre. (Kann aber natürlich auch sein, dass die Kinder ein, zwei Tiktok-Challenges mit dem Kadaver durchführen würden und ansonsten wenig beeindruckt wären — man kann ja heutzutage gar nichts mehr einschätzen oder auch nur ungefähr mit einem früheren Jahrzehnt gleichsetzen.)
Unter den Schüler*innen, die in Kunst-Leistungskursen von Alfred Grimm ihr Abitur abgelegt haben, sind auch mein Onkel Thomas, der später als Fotograf in San Francisco Karriere machte, und Andreas Deja, langjähriger Chefzeichner bei Disney, der dort quasi im Alleingang das Subgenre von gay Disney (Scar, Jafar, Gaston) begründete, 3 worüber ich auch schon seit Jahren schreiben wollte. Zu vielen ehemaligen Schüler*innen hielt er über Jahrzehnte Kontakt, förderte sie weiter und verfolgte ihre Entwicklung mit Wohlwollen, womöglich auch – zu Recht – mit etwas Stolz. Es wird Hunderte Menschen geben, die auf die eine oder andere Art von ihm und seinem Wesen geprägt wurden und heute in der – Achtung, Dieter-Gorny-Wort! – Kreativwirtschaft ihr Geld verdienen, vor allem aber eben weiter kreativ tätig sind. Mein Vater, meine Geschwister und ich gehören dazu.
„Immer wieder gut, dass das Lehrerbeamtentum sehr viele Künstler zumindest ökonomisch gerettet hat und das Potential weitertransportiert hat“, wie mein guter Freund und Kollege Tom Thelen sehr gut erkannt hat.
Ich hatte meine Spielwiese, wenig überraschend, immer eher in den sprachlichen Fächern und meine Sparringspartner in den dortigen Lehrer*innen gesehen, aber die wenigen Jahre, die ich in der Unter- und Mittelstufe bei Alfred Grimm Kunstunterricht hatte, haben deutliche Spuren hinterlassen. Er wollte, dass die Kinder nicht nur „schöne“ Bilder malen, sondern auch darüber nachdachten, was sie da tun und warum.
Wobei sein Wirken weit über die Produktion von Bildern und eine grobe Einführung in Kunstgeschichte und ‑theorie hinausreichte: Einmal bot er uns an, ein paar Minuten früher in die Pause zu gehen, wenn wir die Nationalhymne singen würden. Überrumpelt, aber auch autoritätsergeben, stimmten wir die dritte Strophe des Deutschlandlieds an und durften den Klassenraum verlassen — eine verschrobene (und damit zu seinem Ruf passende) Begebenheit, von der ich auch Jahrzehnte später nicht sicher bin, ob sie von ihm als kindlicher Spaß gedacht war, als praktischer Allgemeinwissenstest für junge Bundesbürger*innen oder als Charakterprüfung im Bezug auf Obrigkeiten. Selbst diejenigen, die nach dem Abitur gar keine künstlerischen Arbeiten mehr durchgeführt haben, werden sich immer an ihn und seinen mitunter unkonventionellen Unterricht erinnern.
Alfred Grimm konnte aber auch Geschichten erzählen: Wie sie als Kinder im Nachkriegsdeutschland auf einem Acker MG-Munition gefunden 4 und diese im Klassenraum exakt jenes Gymnasiums, in dem er uns jetzt auch unterrichtete, hinter einer Tafel deponiert hätten, ferngezündet mit einer Lunte, die sie aus Milchflaschenetiketten zusammengedreht hatten. Der Lehrer habe sich gehörig erschreckt, habe empört den Schulleiter geholt und Leugnen sei sinnlos gewesen, weil ja weite Teile der Wand erhebliche, nicht schnell zu beseitigende Explosionsspuren aufgewiesen hätten.
Erst einen Tag vor seiner Todesnachricht habe ich noch an ihn denken müssen, als ich mich kurz über einen aggressiven Verkehrsteilnehmer in einem knallbunten Opel geärgert hatte und mir zum wiederholten Mal einfiel, wie er sich im Unterricht mal über einen Mann echauffiert hatte, der mit Aktentasche unter dem Arm und „wippendem Gang“ die Straße entlang gegangen sei. Er hatte seine kurze Erregung mit dem zeitlos-schönen Ausruf beschlossen: „Keine Haare am Sack, aber wippen!“ (Übertrieben aufmerksame Zuschauer*innen des Bakublogs werden die Formulierung wiedererkennen. So können einen Menschen prägen.)
Über Vater und Onkel blieben wir in den ersten Jahren nach meinem Abitur in losem Kontakt, einmal – es wird auch schon 20 Jahre her sein – trafen wir uns zufällig in der Stadt und kehrten in das Café Meyer in der Fußgängerzone ein, das damals noch existierte und regelmäßig und gerne von ihm frequentiert wurde. Jahre später kontaktierte er mich noch einmal mit der Bitte um publizistische Unterstützung; ein Vorhaben, das damals irgendwie im Sande verlaufen ist.
Aus Anlass von Alfred Grimms 80. Geburtstag veranstaltete das städtische Museum vor zweieinhalb Jahren eine umfangreiche Retrospektive, mit der er es auch in die Regionalausgabe des Kulturkampffachblattes „Bild“ schaffte (gut: es waren ja neben vielem Anderen auch nackte Frauen zu sehen). Ich bekam irgendwie zu spät davon mit und habe es nicht dorthin geschafft.
Nun ist Alfred Grimm im Alter von 82 Jahren überraschend verstorben. Am kommenden Sonntag sollten Arbeiten von ihm Teil einer Ausstellung des Kulturkreises Dinslaken werden, den er mitbegründet hatte.
Mein Mitgefühl gilt seinen Hinterbliebenen.
Der Michael-Wendler-Witz schreibt sich an dieser Stelle selbst: [↩]
Während ich diesen Satz schreibe, frage ich mich, wie ein Kruzifix eigentlich auf Menschen wirken muss, die nicht mit dem toten Erlöser an der Wand aufgewachsen sind. Wer kommt auf solche Ideen?![↩]
Ja, ja: Es hatte vorher auch schon Shir Khan gegeben.[↩]
Allein auf den Gedanken, dass sowas da – natürlich! – einfach rumlag, hatte uns noch kein Geschichtsbuch gebracht![↩]
Entschuldigung, ich weiß, ich bin ein bisschen spät dran. Aber ich musste noch eben ein Buch schreiben. Deshalb hab ich auch nicht so viel neue Musik gehört — das Mixtape ist also ein bisschen kürzer als sonst und enthält ein bisschen mehr Jazz und Deep House (meine bevorzugte Schreib-Musik).
Es sind aber trotzdem viele schöne Sachen dabei:
Like Roses covern Cher (und wie!), Haim bringen einen Bonustrack mit Bon Iver raus, Taylor Swift singt über Holz, Ash klingen zusammen mit Blur-Gitarrist (und Blog-Namensgeber) Graham Coxon wie Weezer, The Mountain Goats haben sich Verstärkung in Form von „Hamilton“-Erfinder Lin-Manuel Miranda geholt, Brockhoff channelt die halben 90er (also: den musikalisch guten Teil), Hem haben ihr Debütalbum „Rabbit Songs“ remastered — und noch so viel mehr tolle Sachen!
Die Nachricht vom Tode Franz Josef Wagners hat mich traurig gemacht.
Noch im Juli hatte ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über ihn geschrieben und darüber, wie er im Alter eher nachdenklicher, offener und interessierter wurde als umgekehrt.
Zu seinem Gedenken lese ich Wagners vielleicht besten Text — zweifellos aber einen der bemerkenswertesten Briefe an eine Kuh, der je in einer deutschen Tageszeitung gedruckt wurde:
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Nachtrag, 18.48 Uhr: Ich hab bei Übermedien noch ein bisschen mehr über Wagner geschrieben.
Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Die ARD wird beim deutschen Vorentscheid zum ESC 2026 nicht mit Stefan Raab kooperieren. Das hat der Senderverbund gestern der Deutschen Presse Agentur (dpa) bestätigt.
„Spiegel Online“ nahm diese Meldung unter einer Überschrift auf, die so rätselhaft, referenziell und fremdsprachig ist, dass ich für einen Moment dachte, ich hätte sie vielleicht geschrieben:
Der Text schließt mit diesem Absatz:
Der letzte Satz ist Quatsch.
In den bald 70 Jahren des ESC hat es viele unterschiedliche Voting-Verfahren gegeben und das aktuelle, das seit 2016 gilt, ist tatsächlich ein bisschen unübersichtlich, deswegen erkläre ich es gern noch einmal in Ruhe: Zunächst wird der Reihe nach in die Teilnehmerländer (dieses Jahr: 37) geschaltet, wo eine sogenannte spokesperson die Jurypunkte aus dem jeweiligen Land bekannt gibt — und zwar namentlich nur für das Land, das zwölf Punkte erhalten hat; der Rest (1–8 und 10 Punkte) wird eingeblendet. Danach verlesen die Moderator*innen die akkumulierten Publikumspunktefür jedes einzelne Land — und zwar in der umgekehrten Reihenfolge des Jury-Ergebnisses.
Dieses Jahr hatte Island keinen einzigen Jurypunkt bekommen, war also als erstes mit den Publikumspunkten dran:
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Nun ist es möglich, dass ein Land keinen einzigen Publikumspunkt bekommt (was nicht bedeutet, dass niemand für dieses Land abgestimmt hat, sondern dass es nirgendwo auch nur einmal in die Top 10 des Publikums gekommen ist, denn jedes Land gibt immer nur den beliebtesten zehn Songs/Acts/Ländern Punkte). In diesem, für alle Beteiligten unschönen, Fall müssen die Moderator*innen dann so etwas sagen wie: „Country XY, we’re sorry, but you received zero points!“. Es folgen kurz fassungslose Stille, dann Buhrufe, dann frenetischer Aufmunterungsapplaus. (Ich weiß, wovon ich spreche, ich saß 2021 in der deutschen Kommentatorenkabine in der Ahoy Arena von Rotterdam, als vier Länder in Folge null Punkte bekamen.)
Für Deutschland ist der Fall der öffentlich verkündeten null Publikumspunkte in neun Jahren bisher erst zweimal eingetreten: 2019 und 2021.
Dass man „häufig »zéro point pour l’Allemagne«“ hören könnte, ist beim aktuellen Voting-Verfahren ausgeschlossen, denn dessen Prozedere führt dazu, dass es pro Song Contest maximal exakt ein Mal vorkommen kann, dass ein Land „zero points“ erhält. Übrigens ausschließlich auf Englisch.
Nach dem Sieg der deutschen Mannschaft im Finale der Basketball-Europameisterschaft der Herren überkam mich gestern Abend – nicht zum ersten Mal – die Frage, was zum Henker eigentlich der Begriff „Unterpfand“ ausdrücken soll, der da in der deutschen Nationalhymne so herrlich sperrig herumsteht.
Dieses Mal hab ich einfach gegoogelt und die meisten prominent platzierten Suchergebnisse bezogen sich explizit auf die Frage, was dieses Wort in der Hymne ausdrücken soll.
Die Internetseite der Gesellschaft für deutsche Sprache erschien mir eine angemessen seriöse Quelle zu sein. Allerdings ließ mein Vertrauen in den Erklärtext insgesamt deutlich nach, als ich das hier las:
Eine „Olympiade“ ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Ich weiß das seit der sechsten Klasse, als es mir Herr Lehrfeld in einer Vertretungsstunde erklärt hat, aber ich würde sagen, dass man es nicht zwingend wissen muss, wenn man nicht gerade als Sportreporter*in arbeitet — oder halt für die Gesellschaft für deutsche Sprache.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hätte es allerdings auch leicht nachlesen können. Zum Beispiel auf ihrer eigenen Website.
Wenn es doch nur irgendwelche Liedzitate gäbe, die beschreiben, wie schnell so ein August dann auch wieder vorbei ist. Naja. Die Schule hat wieder begonnen, der Sommer dreht ein paar Abschlussrunden — und ich hab ziemlich viel zu tun.
Trotzdem sollt Ihr natürlich Euer monatliches Mixtape bekommen. Wie es der Zufall will, sind diesmal einige meiner absoluten Lieblings-Acts darauf: Ben Folds hat ein paar Songs für das „Peanuts“-Musical bei Apple TV+ geschrieben; Jack’s Mannequin haben zum 20. Jubiläum ihres Debütalbums eine EP veröffentlicht, die fünf Songs von „Everything In Transit“ enthält, die nur mit Gesang, Klavier, Streichern und Percussion eingespielt wurden; Demi Lovato beginnt, nachdem sie ihre Dämonen mit reichlich Punk-Pop ausgetrieben hatte, eine neue Powerpop/EDM-Ära; Maro hat eine Akustik-EP veröffentlicht (und das zauberhafte niederländische Duo Lumi, mit dem sie im letzten Jahr auf Tour war, hat damit seinen ersten offiziellen Release); Herbert Grönemeyer ist für den Moment auch ganz akustisch und dann bringt Carly Rae Jepsen auch noch eine Special Edition ihres Albums „Emotion“ raus, die einige bisher unveröffentlichte Tracks enthalten wird.
Vorher laufen Songs von Taylor Swift. Ich bin wahnsinnig schlecht im Schätzen von Menschenmengen, aber es mögen schon an die 300 Leute sein, die da in der Bochumer Innenstadt auf dem Dr.-Ruer-Platz, benannt nach einem früheren jüdischen Oberbürgermeister, der von den Nazis in den Suizid getrieben wurde, in der prallen Mittagssonne stehen und warten.
Fast scheint es denkbar, dass das alles, die Musik und das überwiegend junge Publikum, nur hier ist, damit die Lokalpresse später schreiben kann, Heidi Reichinnek sei „empfangen worden wie ein Popstar“. Und tatsächlich hat die 37-Jährige, seit der Bundestagswahl Gesicht und Stimme der Linken, das Wirken junger, erfolgreicher Frauen in der Popkultur beobachtet und verstanden, während man beim Rest der bundesdeutschen Politik immer das Gefühl hat, irgendwo zwischen Andreas Gaballier, Heinz-Rudolf Kunze und The BossHoss rumzugründeln. Zumal, seit Robert Habeck, der Herbert Grönemeyer der Politik, das Gebäude verlassen hat.
Ein Mann wirft kleine Tütchen in die Menge; für einen Moment ist unklar, ob es sich um Gummibärchen oder Kondome handelt. Es sind Gummibärchen. Wenn sie vegan sind, könnte sich Ulf Poschardt trotzdem empören. Wenn sie nicht vegan sind, würden die Fans – und so kann man die Allermeisten hier wohl bezeichnen – sicherlich ein Auge zudrücken.
Das Publikum ist natürlich so, wie man es sich an einem Werktag in den Schulferien um 13:30 vorstellt: Sehr viele junge Menschen, aber nicht nur Schüler*innen. Es gibt sie noch, die schwarzen Punk-Rucksäcke mit vielen Buttons dran; dazu viele Hipster aus dem Ehrenfeld oder der Speckschweiz, die ausstrahlen, dass sie es zeitlich einrichten konnten, den Co-Working-Space oder Third-Wave-Coffeeshop vorübergehend zu verlassen; dazu die erwartbaren Veteran*innen von Hofgarten, Startbahn West und Wackersdorf.
Bevor es wirklich losgehen kann, bittet Ratsmitglied Horst Hohmeier darum, Rettungswege freizuhalten und sich „mehr in die Mitte zu orientieren“. Entschuldigung, wir sind doch hier, weil das mit der Mitte zuletzt eher als Holzweg erschien?!
Dann, endlich: Der erwartete Auftritt. Heidimania, in der Nachbarstadt erwägen sie schon die Umbenennung in Reichinnekkirchen. Ratskandidat Batıkağan Pulat, der mit Heidi (sie möchte geduzt werden und nach 30 Jahren Klum ist es ja wirklich an der Zeit, sich den Kinderbuchklassikernamen mal zurückzuholen) auf die Bühne kommt, ruft entzückt: „Ihr seid so sweet, hier ist so viel Liebe. Mega!“, und ich — nun, ich bin 41 Jahre alt und hier nur bedingt die Zielgruppe.
Auch Heidi ist natürlich „geflasht“ und komplimentiert das Publikum in jetzt wirklich perfekter Popstar-Aneignung: „Sowohl die Sonne als auch Ihr blendet!“ Vor ihr auf dem Platz zwinkert ein Plakat der Linken für die Kommunalwahl der Gen‑Z freundschaftlich zu: „Geht Wählen, ihr Mäuse“. Ich bin ein bisschen verunsichert (und habe eh eine irrationale Angst, dass Susanne Daubner an jedem noch so abgelegenen Ort plötzlich auftauchen und „Cringe, Digger!“ sagen könnte), möchte mich aber vehement nicht wie Thomas Gottschalk fühlen und wähne mich daher mitgemeint.
Sie freue sich, hier zu sein, erklärt Heidi, würzt diese Politiker*innen-Klischee-Äußerung aber mit einem Rundumschlag gegen den Nahverkehr in NRW, diese Acht-Bit-Simulation existierender Infrastruktur, der auch wechselnde Verkehrsminister und lässige Social-Media-Strategien der ca. 200 verschiedenen Nahverkehrsanbieter nichts von ihrer abscheulichen Unterdurchschnittlichkeit nehmen können. Bei ihr ist es nur ein Halbsatz, aber es ist ein sehr emotionales Thema, bei dem sie mich sofort hat.
Schnell singt sie noch das Loblied des Ruhrgebiets; Malochertum, Strukturwandel. Es erinnere sie hier an ihre Heimat im Osten, sagt sie, weil es da ähnlich aussähe, und das durchaus wohlwollende Publikum ist jetzt für einen Moment wirklich verunsichert, ob das irgendwie als Kompliment durchgehen kann und wenn ja, als ein toxisches.
Es würde absolut niemand erwarten und auch gar nicht passen, aber: Heidi Reichinnek hält hier keine Bierzeltrede. Per Social Media hatte man im Vorfeld Fragen mit den Schwerpunkten Bochum und Junge Leute einreichen können, von denen Batıkağan jetzt eine Auswahl vorliest. Das ist natürlich doppelt clever, bringt es doch Nähe und geht gleichzeitig auf Nummer Sicher, denn niemand ist so doof, im Jahr 2025 noch ein Mikrofon ins Publikum zu halten — noch dazu bei einer Klientel, wo die Stimmung zwischen zwingend notwendiger Kritik an der israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu und stumpfem Antisemitismus, der aber natürlich „antikolonial“ und „aufklärerisch“ gelesen werden möchte, schwankt. Vor mir steht ein ca. 15-jähriges Mädchen in einem T‑Shirt, dessen schlichte Symbolik eigentlich nur so verstanden werden kann, dass sie die Abschaffung Israels zugunsten eines Palästinenserstaats fordert. So unschön wie alltäglich dieser Tage.
Es soll also bitte nicht um geopolitische Großthemen gehen, die lösen zu können wollen schon die unendliche Schlichtheit eines Donald Trump erfordert. Stattdessen: Wie kann man Jugendliche davon abhalten, rechtsradikal zu werden? Keine ganz schlechte Frage an eine studierte Politikwissenschaftlerin, die lange in der Jugendhilfe gearbeitet hat.
Die Antwort, nicht wirklich überraschend, aber eben auch naheliegend und nachvollziehbar: Breite Angebote für Jugendliche, direkt vor der Haustür. Schulsozialarbeit, die jungen Menschen das Gefühl gibt, gesehen zu werden, bevor es rechtsradikale Grillabende und Social-Media-Accounts tun. Soziale Infrastruktur als Absicherung gegen den Rechtsruck. Also das, was marktradikalisierte Durchoptimierungsfetischisten am Liebsten immer als Erstes kürzen.
Und dann, ein Hauch wohldosiertes Barack-Obama-Gedächtnispathos, das aber auch die ganz simple Wahrheit ist: „Wenn Ihr Euch umguckt, verbindet Euch mit den Menschen um Euch viel mehr, als Euch trennen könnte.“ Natürlich greift Heidi den politischen Gegner immer mal wieder an, aber Christian Lindner und Friedrich Merz bleiben die einzigen Vertreter, die sie namentlich nennt. Die AfD erwähnt sie als solche nur einmal; recht spät, als sie über deren Social-Media-Strategie spricht, die ja leider ziemlich erfolgreich sei. Anders als gewisse bayrische Ministerpräsidenten, die erst glücklich scheinen, wenn sie anderen Parteien minutenlang Unfähigkeit unterstellt haben wie ein Trinker in der Eckkneipe, der sich immer über seine „Alte“ aufregt, versucht sie es lieber mit konstruktivem Optimismus, der sich um etwas mehr bemüht, als „Zuversicht“ zu sagen. Gleichzeitig betont sie, dass Fortschritt immer Zeit brauche: „Wir versprechen Euch nicht das Blaue vom Himmel“. Na gut, Willy Brandt hatte es, hier im Ruhrgebiet, auch am Himmel versprochen. Und gehalten.
Die Frage, ob sie wegen ihrer hohen Sprechgeschwindigkeit mal über eine Rap-Karriere nachgedacht habe, verneint sie: kein Flow. Rhetorisch wäre sie den allermeisten Deutschrappern weit überlegen und man ahnt, dass sie das weiß. Leuten, die mit 1.500 Euro netto in TikTok-Kommentaren Milliardäre verteidigen, ruft sie zu: „Du musst die Stiefel, mit denen Du getreten wirst, nicht auch noch lecken!“, um dann, weltoffen und humoristisch durchaus gelungen, hinzuzufügen: „Nicht falsch verstehen: No Kink-Shaming!“ Und es scheint zu exakt gleichen Teilen plausibel, dass sie diesen Gag schon mehrfach gebracht hat, oder er gerade einfach so aus ihr herausgesprudelt kam.
Man kann sich vorstellen, warum diese Frau Menschen triggert, die ungelenk vor iPads sitzen und versuchen, locker oder auch nur menschlich zu wirken, während sie in eine Handykamera Social-Media-Fragen von jungen Menschen beantworten — und zwar möglichst ohne „Tagesschau“-taugliche Worthülsen, also quasi nackt.
Es erscheint überflüssig, das bei einer Millennial, die Social Media so gut beherrscht, noch einmal zu betonen, aber Heidi ist natürlich auch selbstironisch: „Wenn wir was können als Linke, dann ist es Papiere schreiben“, sagt sie und bezeichnet sich selbst als „Kommunalnerd“. Sichtlich begeistert steigert sich in die Details hinein, wie man die dauernden Mietpreissteigerungen beenden könnte, und bricht doch das Meiste sehr gut runter und formuliert zielgruppenoptimiert — also jung und akademisch angehaucht.
Wenn sie mal eine Vokabel aus dem Fremdwörterlexikon holt, wird die so anmoderiert, dass die alleinerziehende Kassiererin aus Hofstede dabei noch was lernen kann. Wie das Wort „Femizid“: „Das ist kein ‚Beziehungsdrama‘ oder eine ‚Familientragödie‘, sondern das ist ein verfickter Mord.“ Und irgendwo fällt wieder einem Boomer das Monokel runter.
Nach einer halben Stunde ist das Q&A beendet, es soll noch genug Zeit für Fotos und Autogramme bleiben: „Stellt Euch bitte in einer Reihe auf!“ Ich habe mir im Alter von elf Jahren mal die Unterschrift von Heiner Geißler auf dem Neutorplatz in Dinslaken geholt, weil ich den aus der Zeitung kannte, und verwahre das Autogramm von Willy Brandt, das mir ein Kollege meines Vaters mal überlassen hat, wie einen Schatz (in dem Sinne, dass ich es erstmal suchen müsste), aber das hier heute ist nicht meine Party.
Man kann es seltsam finden, dass Heidi derart abgefeiert wird („Wie ein Popstar“, kommt, schreibt es, „WAZ“!), aber wenn man kein mittelalter, weißer Mann ist, mit Hemd, Krawatte und Anzug verwachsen, findet man in der Politik immer noch auffallend wenige Menschen, die so aussehen wie man selbst. Solange in der Union (und durchaus auch an anderen Stellen) niemand merkt, wie wenig repräsentativ die immergleichen Gruppenfotos voll geklonter stellvertretender Sparkassenfilialleiter sind; solange Philipp Amthor so etwas wie frischen Wind verkörpern soll; solange die SPD, Regierungspartei in 23 der vergangenen 27 Jahre, sich wie ein ideenloser nasser Sack durch jede Manege und jeden Ring schleifen lässt; so lange werden es diese Parteien schwer haben, auch nur annähernd so einen Hype zu erzeugen wie Heidi Reichinnek es gerade für die Linke tut.
Sie schließt mit „Auf die Barrikaden!“, dann läuft wieder Taylor Swift.
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