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Musik

Goodbye Trouble

Gestern war ich auf einer Trauerfeier. Und auf einem Klassentreffen. Und auf dem ersten (indoor) Konzert seit drei Jahren. Pale hatten zum One-Night-Only-Konzert ins Kölner Gloria gebeten und die Indie-Crowd, die vor 20 Jahren auf Visions-Partys Smirnoff Ice getrunken hatte, war geschlossen angetreten — mit Mützen über dem lichter werdenden Haar, ohne Trainingsjacken mit Städtenamen drauf und mit nur einem Bier in der Hand, denn man muss ja noch fahren und die Kinder werden so früh wach.

Die erste Welle der Ekstase schwappt schon hoch, als das Licht für die Vorband ausgeht. Pale hatten vage „Gäste“ und „Freunde“ angekündigt und so geht es als kollektive Selbstbestätigung durch, als wir sehen, dass es wirklich Thees Uhlmann ist, der da auf die Bühne schlurft. Doch – behold! – er ist nicht alleine, mit ihm kommt Marcus Wiebusch raus. Das macht Sinn, sind doch das letzte Pale-Album 2006 und das jetzt aber wirklich allerletzte Pale-Album 2022 beim Grand Hotel van Cleef erschienen, dem Label, das die beiden 2002 gegründet hatten und dessentwegen wir uns alle kennen und gute Musik hören. „Gebt dem Nachwuchs eine Chance“, scherzt Thees, dann spielen die beiden sechs Songs aus dem großen kettcar/Tomte/Thees-Uhlmann-Werk. Wir hätten auch 20 genommen, aber sie sind ja nur als Warm-Up hier und bringen das Gloria erfolgreich auf Betriebstemperatur. Leider auch buchstäblich.

Vor dem Pale-Konzert (Foto: Lukas Heinser)

Dann leuchtet der Pale-Schriftzug über der Bühne auf und die Band (oder das, was von ihr übrig ist) betritt unter einem der dicksten Auftrittsapplause, die ich je erlebt habe, das Scheinwerferlicht. Nach dem ersten Song sagt Sänger/Gitarrist Holger Kochs, er habe sich in den letzten Tagen eine lange Ansage ausgedacht und wieder verworfen, denn wir wüssten ja eh alle, warum wir da sind: „Für Christian!“

Christian Dang-anh war der Gitarrist von Pale, „der einzige richtige Musiker innerhalb der Band“, wie die anderen selbst sagen. 2019, zehn Jahre nach der Auflösung der Band, wurde bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert, was die Mitglieder auf die Idee brachte, wieder gemeinsam Musik zu machen. Schlagzeuger und Holgers Bruder Stephan Kochs hatte mit einer eigenen schweren Erkrankung zu kämpfen, dann kam die Pandemie und im Frühjahr 2021 ist Christian leider gestorben.

Aus diesen Sessions und Erfahrungen ist „The Night, The Dawn And What Remains“ entstanden, das wirklich allerletzte Album, dessen Songs heute Abend alle zur Aufführung kommen — neben den ganzen Hits, natürlich, wobei mir irgendwann auffällt, dass es false memory meinerseits war, zu glauben, ich hätte die Musik der Band „schon damals“ „immer viel“ gehört.

Zwischen den Songs sagt Holger so viele kluge Sachen über das Leben und die Gegenwart, die man genießen und feiern solle, dass ich mir denke, dass ich mir die alle merken werde. Jetzt könnte ich natürlich nichts mehr davon zitieren, aber das ist total egal, weil ich ja WEISS, dass er Recht hat.

Sie spielen „Man Of 20 Lives“ für Stephan, der heute nur im Publikum ist. Zu „Bigger Than Life“ werden im Hintergrund alte Videos und Bilder von Christian projiziert und ich denke mal wieder, wie so oft, über Musik: „This is my church / This is where I heal my hurts“. (Maxi Jazz von Faithless ist übrigens im Dezember auch gestorben.) Holger singt – „auch wenn’s pathetisch klingt“ – „Wake Up!“ für seine Kinder und ich stehe da inmitten einer wild zusammengewürfelten Gruppe alter Freunde und Bekannter, jetzt sind wir alle Väter, und ich muss mich gar nicht umgucken, weil ich weiß, dass wir gerade alle Tränen in den Augen haben. Das Publikum weiß auch, wann Holger Unterstützung gebrauchen kann, und umarmt ihn mit langem, frenetischen Applaus. Das Gloria ist heute ein einziger großer Liebeskreis. (Rocco Clein ist jetzt auch schon 19 Jahre tot.)

Beim Pale-Konzert (Foto: Lukas Heinser)

„Still You Feel“, eine Hymne auf die Musik, die einem Zuhause ist, nachdem man die furchtbare Heimatstadt verlassen hat, ist auf dem Album ein Duett mit Simon den Hartog von den Kilians. (Auf dem Popkultur-Altar auf dem Albumcover steht ein Mixtape namens „Hometown Mix“, dessen B-Seite mit „Dinslaken 2002“ beschriftet ist — Simons und meiner alten Heimatstadt und meinem Abi-Jahr. Ich bin mir auch nach Monaten noch nicht sicher, was das mit mir macht.) Und natürlich kommt Simon, den Holger als seine Lieblingsstimme in Deutschland bezeichnet, auch auf die Bühne im Gloria. Und er bleibt noch für einen zweiten Song: „Fight The Start“ von den Kilians. Ich habe diesen Song mindestens 30 Mal live gehört, im Publikum, beim Soundcheck, neben der Bühne — zuletzt vor neun Jahren, ein paar Leben her, und ich bin sehr froh, dass mir die ganze emotionale Bedeutung dieses Moments nicht schon gestern Abend aufgefallen ist, sondern erst jetzt. Durchatmen.

„Someday You Will Know“ („The last song of a band that already played its final show“) wird auf dem Album von einem Saxofon-Solo von Steve Norman von Spandau Ballet gekrönt — und es ist jetzt wirklich keine große Überraschung mehr, dass auch er heute Abend hier ist und mitspielt. (Tatsächlich wäre es auch nur konsequent gewesen, wenn zum abschließenden The-Jam-Cover „Town Called Malice“ Paul Weller zur Band hinzugestoßen wäre. Oder Noel Gallagher. Oder John Lennon, because why the fuck not?) Etwas überraschender ist schon, dass auch er für einen zweiten Song bleibt und wir so in den Genuss kommen, „Gold“ von Spandau Ballet auch einmal live zu hören. You’ve got the power to know you’re indestructible!

Er habe unterschätzt, wie viel 27 Songs sind, meint Holger lachend vor den letzten Zugaben, als er das Publikum bittet, gerne etwas lauter mitzusingen. Drei Stunden stehen sind auch schon ziemlich anstrengend, denke ich. Und drei Stunden Rückweg vom Club zum eigenen Bett haben sich früher auch nicht so schlimm angefühlt. Aber wer hätte gedacht, damals, als man anfing, Musik als etwas wahrzunehmen, was mehr ist als das, was im Radio zwischen den Politik-Beiträgen läuft, dass sie einem mal so viel bedeuten und einen durch schwere Zeiten (und großartige!) begleiten würde, dass sie mal zu Freundschaften führen würde und zu Abenden wie diesem?

This is how it feels when nothing can ever make you stop / This is how it feels when nothing’s wrong.

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Digital Gesellschaft

Straßenbahn des Todes

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen

(Casper – Im Ascheregen)

Ich hab in diesem Jahr schon mehrfach Social-Media-Pausen gemacht, die “digital detox” zu nennen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Ferien hatte, wenn wir mal übers Wochenende oder etwas länger weggefahren sind, hab ich Facebook und Twitter einfach ausgelassen. Zum einen, weil die iPhones-Apps im Vergleich zur richtigen Nutzung (ich bin vermutlich der einzige Mensch Mitte Dreißig, für den ein Computer mit Bildschirm, Tastatur und Browser die “richtige” Anwendung ist und ein Smartphone maximal eine hilfreiche Krücke für unterwegs, aber das ist mir – wie so vieles – egal) einfach noch unpraktischer sind (und das will schon was heißen), zum anderen, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Laune macht.

Jetzt war ich übers Wochenende am Meer, hab gerade wieder den Laptop aufgeklappt, kurz in Facebook reingeguckt und schon wäre die ganze wunderbare Erholung (Strahlend blauer Himmel, knallende Sonne und 24 Grad Mitte Oktober! 17 Grad Wassertemperatur! In der Nordsee!) fast wieder weg gewesen.

Und dann traf mich die Erkenntnis und ich hatte endlich einen Vergleich bzw. eine Metapher für das gefunden, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich geradezu von “krank machen” sprechen würde: Es ist, als säße man in der Straßenbahn und könnte die Gedanken jedes einzelnen Menschen mithören. Da sitzt ein Mann, der gerade seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dort ist eine Frau, die gerade auf dem Weg in die Klinik ist: Ihre Mutter hat Krebs im Endstadium. Hier sitzt ein 16-jähriges Mädchen, dessen Freund, ihre erste große Liebe, gerade Schluss gemacht hat und schon mit einer anderen zusammen ist. Und da drüben ein kleiner Junge, dessen Hamster gestern gestorben ist.

Natürlich sitzen da auch welche, denen es gut geht: Eine Familie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gerade seinen neugeborenen Urenkel besucht hat und sich gleich eine Dose Linsensuppe warmmachen wird, sein Leibgericht. Eine junge Frau auf dem Weg zum ersten Date — sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann später heiraten und eine glückliche Familie mit ihm gründen. Doch ihre Gedanken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlechte Ding kreisen, sondern sie entspannt und glücklich in sich ruhen. Eher das Schnurren einer zufriedenen Katze — und damit unhörbar im Vergleich zu dem Geschrei einer Metallstange, die sich in einem sehr großen Getriebe verkantet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all diese Gedanken hören — alle können einander hören. Und die, die selbst schon völlig durch sind, schreien dann die anderen an: “Sie sind eh unfähig, völlig klar, dass Sie entlassen wurden!”, “Interessiert mich nicht mit Deiner Mutter, jeder muss mal sterben!”, “Dumme Schlampe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlechter Männergeschmack und keinerlei Menschenkenntnis!”, “Hamster sind eh hässlich und dumm!”

Das ist kein Ort, an dem ich gerne wäre. Da möchte ich nicht mal fehlen.

Und doch setze ich mich dem regelmäßig freiwillig aus — oder glaube, es tun zu müssen. Weil ich beruflich wissen muss, “was das Netz so sagt”. Bei Facebook sieht die Wahrheit eher so aus: Journalistenkollegen berichten Journalistenkollegen, was in der Welt so Schlechtes los ist. “Normale” Menschen aus meinem Umfeld posten schon kaum noch bei Facebook. Und, klar: Es ist die Aufgabe von Journalisten, zu berichten — auch und vor allem über Schlechtes. Aber dann doch vielleicht in einem Medium? Facebook war mal als digitales Wohnzimmer gestartet, inzwischen weiß niemand mehr, was es genau sein soll/will, nur, dass es so gefährlich ist, dass es mutmaßlich durch externe Manipulation die US-Wahl mit entschieden haben könnte. Die wenigsten Dinge starten als leicht schrammelige Wohnzimmer-Couch und landen als Atombombe.

Und natürlich: Es sind extreme Zeiten. Der Brexit, die US-Wahl, der Aufstieg der AfD, jetzt die Wahl in Österreich — wenn die Offenbarung von der Redaktion des “Economist” geschrieben worden wäre, kämen darin vermutlich weniger Schafe und Siegel vor und mehr von solchen Schlagzeilen. Die letzten Tage waren geprägt von immer neuen Enthüllungen über den ehemaligen Filmproduzenten und hoffentlich angehenden Strafgefangenen Harvey Weinstein, dessen Umgangsformen gegenüber Frauen allenfalls mit denen des amtierenden US-Präsidenten zu vergleichen sind. Nach zahlreichen Frauen, die von Weinstein belästigt oder gar vergewaltigt wurden, melden sich jetzt auch viele zu Wort, die in anderen Situationen Opfer von beschissenem Verhalten widerlicher Männer geworden sind. Und, Spoiler-Alert: Es sind viele. Verdammt viele. Mutmaßlich einfach alle.

Auftritt weitere Arschlöcher: “PR-Aktion!”, “Dich würde doch eh niemand anpacken!”, “Habt Ihr doch vor vier Jahren schon gepostet, #aufschrei!” Und während man sich mit der Hoffnung retten kann, dass sich diesmal vielleicht wirklich etwas ändern könnte (einiges deutet darauf hin, dass Harvey Weinstein tatsächlich von jener Hollywood-Gesellschaft ausgeschlossen werden könnte, die sich allzulang in seinem Licht gesonnt hatte), kommen die nächsten Kommentare rein und man zweifelt daran, ob da überhaupt noch irgendwo irgendwas zu retten ist.

Nimm einen ganz normalen Typen, so wie er im Buche steht
Gib diesem Typen Anonymität
Gib ihm Publikum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümmste Arschloch, das man nicht vergisst

(Marcus Wiebusch – Haters Gonna Hate)

Es gibt verdiente Kollegen wie Sebastian Dalkowski, die sich wirklich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fakten interessieren, weiterhin Fakten entgegenzusetzen. Die all den kleinen und großen Scheiß, den die so apostrophierten Besorgten Bürger und ihre medialen Fürsprecher so von sich geben, gegenchecken — und dafür wieder nur Hass und Spott ernten. Für Menschen wie ihn haben kettcar “Den Revolver entsichern” geschrieben, den klugen Schlusssong des grandiosen neuen Albums “Ich vs. Wir”, in dem sie auch die vielleicht zentralste Frage unserer Zeit stellen: “What’s so funny about peace, love, and understanding?”

Aber selbst, wenn Sebastian ein oder zwei Menschen überzeugen sollte (was ich, so viel Optimismus ist durchaus noch da, einfach mal hoffe), muss ich jeden Morgen bei ihm lesen, welche Sau jene Leute, die Vokabeln wie “Gutmenschen” und “Banhofsklatscher” verwenden, um damit Menschen zu bezeichnen, die noch nicht ganz so viel Welthass, Pessimismus und Misanthropentum in ihren Herzen tragen wie sie selbst, jetzt wieder durchs Dorf getrieben haben. Und ich weiß, dass man es als “ignorant” und “unprofessionell” abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und verbittert nütze ich der Welt noch weniger. Ich hab sechs Jahre BILDblog gemacht — wenn ich heute wissen will, was in Julian Reichelts Kopf wieder schief gelaufen ist, kann ich das bei den Kollegen nachlesen, die unsere Arbeit dankenswerterweise immer noch weiterführen. Ich muss das nicht zwischen den vereinzelten Kinderfotos entfernter Bekannter in meinem Facebook-Feed haben. Das gute Leben findet inzwischen eh bei Instagram statt.

Ich wollte nie große Ansagen machen wie “Ich hab mich jetzt bei Twitter abgemeldet” — muss ja jeder selbst wissen, kann ja jeder halten, wie er/sie will, wirkt auch immer ein bisschen eitel. Nur: Facebook und Twitter haben mittlerweile eine Macht, die ihren Erfindern kaum klar ist. Sie kommen nicht mehr klar mit dem Irrsinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der ganze Quatsch, dass richtige Medien ihre Inhalte dort abkippen, um wenigstens ein paar Krümel abzubekommen. Natürlich interessiert es Facebook und Twitter kein bisschen, wenn ihnen ein unbedeutender Blogger aus Bochum alle verfügbaren Mittelfinger zeigt, aber: Hey, immerhin bin ich Blogger! Immerhin hab ich hier ein Zuhause im Internet. Und wenn mir einer auf den Teppich pisst, kann ich ihn achtkantig rauswerfen.

Ich weiß, dass Teile der Welt immer schlecht waren, sind und sein werden — ich brauche nicht die tägliche Bestätigung. Wie können es uns hier so gemütlich machen, wie es in dieser Welt (die übrigens auch ganz viele wundervolle Teile hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch meinen Newsletter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schreiben
Und ein Fußball Team zu supporten.

(Thees Uhlmann – 17 Worte)

PS: Am Meer war es übrigens wirklich wunderschön, das kriegt kein Social Media dieser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

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Musik

The music that saves you

Bei den meisten wirklich guten Freundschaften kann man sich ja noch daran erinnern, wie man sich kennengelernt hat. Einen meiner besten und langjährigsten Freunde lernte ich am ersten Schultag auf dem Gymnasium kennen, als wir uns gegenseitig aufs Maul hauen wollten.

Die Musik von Andrew McMahon lernte ich im Sommer 2003 kennen, als das Debütalbum seiner Band Something Corporate in Deutschland erschien. Wie es damals so üblich war, besorgte ich mir ein paar Songs (“Hurricane” und “If You See Jordan”, wenn ich mich richtig erinnere) in sogenannten Tauschbörsen, hörte sie einige Male, packte sie auf Mixtapes und kaufte mir ein paar Monate später dann endlich auch “Leaving Through The Window”. Der erste Song, den ich (eher zufällig) hörte, nachdem meine Eltern mich im Studentenwohnheim abgesetzt und alleine auf den Heimweg gemacht hatten, war “The Astronaut”. Sowas prägt.

Ich wusste damals nicht, wie die Bandmitglieder von Something Corporate hießen, und habe auch nicht allzu sehr auf die Texte geachtet. Als das Zweitwerk “North” (wiederum mit einiger Verspätung) in Deutschland erschien, besorgte ich mir wieder ein paar Songs, dachte aber nicht weiter an die Band. Irgendwann las ich bei visions.de, dass der Sänger an Leukämie erkrankt sei, dachte “Puh” und vergaß auch das wieder.

“North” kaufte ich mir schließlich bei Rasputin Records, als ich im Herbst 2006 für drei Monate in San Francisco lebte. Gemeinsam mit einigen anderen Alben bildete das Album den Soundtrack meines Aufenthalts. Aber richtig los ging die Geschichte erst drei Jahre später.

Im Sommer 2009 stolperte ich bei WDR 2 (of all places) über einen Song mit viel Klavier, der mir sehr gefiel. Wie sich rausstellte, war es “The Resolution” von Jack’s Mannequin von denen ich wusste, dass es die Zweitband des Something-Corporate-Sängers war. Andrew McMahon. Im Sommer und Herbst 2009 habe ich “The Glass Passenger” quasi ununterbrochen gehört. Mein Leben war damals sehr im Umbruch und die Musik begleitete mich dabei. Ich hörte auch wieder die alten Something-Corporate-Alben und achtete diesmal auch auf die Texte — und es klingt doof und nach Selbsthilfegruppe, aber da sprach jemand zu mir. Andrew McMahon sang über Mädchen, die jede Nacht mit einem anderen Typen nach hause gingen und die er retten wollte; über betrunkene Mädchen, die er (also: das Lyrische Ich, so viel Literaturstudium muss sein) geküsst hatte, obwohl er es nicht hätte tun sollen; und darüber, den Kopf über Wasser zu halten und weiter zu schwimmen, bis man den Horizont erreicht. Und ich dachte: “Krass. Ja. Kenn ich.”

Andrew McMahon war gegen die schon erwähnte Leukämie angeschwommen, er sang “I’m alive/ I don’t need a witness / To know that I survived”. Mit der Geschichte im Hinterkopf (Lyrisches Ich am Arsch!) singt man ein bisschen vorsichtiger mit, weil man sich das Ausmaß gar nicht vorstellen kann. Man bekommt aber eine Ahnung davon in dem Film “Dear Jack”, in dem Andy (ich kenne seine Musik jetzt so lange, ich nenn’ ihn einfach mal so) seine Krankengeschichte dokumentiert. Ich habe mir das nur einmal ansehen können, aber es war sehr bewegend und – entschuldigen Sie das Ekelwort – inspirierend.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich glaube, ich habe inzwischen alle Aufnahmen, an denen Andrew McMahon jemals beteiligt war. Er löste nach dem dritten Album auch Jack’s Mannequin auf und veröffentlichte dieser Tage ein neues Album, das wie sein neues Projekt heißt und damit fast wie er selbst: Andrew McMahon In The Wilderness.

Andrew McMahon (Pressefoto)

Nach den ersten Hörproben war ich skeptisch. “Cecilia And The Satellite” war eine durchaus schöne Hymne an die neugeborene Tochter, aber irgendwie klang das alles sehr poppig und damit meilenweit von zumindest Something Corporate weg. Aber das ist offensichtlich Absicht und konsequent zu Ende gedacht: “Driving Through A Dream” etwa könnte bis ins kleinste Detail der Produktion ein Song von Phil Collins sein. Als jemand, der mit Phil Collins aufgewachsen ist und seine Musik bis heute liebt, fühle ich mich dort sofort sehr zuhause.

Normalerweise ist man zwischen 15 und 20 Jahre alt, wenn man sich von Musik direkt angesprochen fühlt — ich habe kürzlich noch mal “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte gehört und – hell, yeah! – ich weiß, wovon ich spreche. Dass ich mit 31 noch einmal ein Album auf Dauerschleife laufen lassen würde, hätte ich – gerade vor dem Hintergrund, dass ich im Moment eher wenig zum Musikhören komme – nicht gedacht. Und doch läuft “Andrew McMahon In The Wilderness” bei mir jetzt seit zweieinhalb Wochen rauf und runter. Ich kenne Andrew McMahon nicht persönlich und habe keine Ahnung, ob wir uns verstehen würden, wenn wir uns mal in einer Bar träfen, aber auf eine völlig bizarre Art, die ich sonst nur von ausgewählten deutschsprachigen Textern kenne, fühle ich mich ihm sehr verbunden — was auch damit zusammenhängen mag, dass er nur ein Jahr älter ist als ich und wir beide dieses Jahr zum ersten Mal Väter geworden sind (worauf er gleich in zwei Liedern – dem schon erwähnten “Cecilia And The Satellite” und dem etwas schwachen “See Her On The Weekend” – eingeht).

In fast jedem Song des Albums gibt es mindestens eine Zeile, die ich mir sofort tätowieren (oder zumindest rahmen) lassen würde:”Take all your troubles, put them to bed / Burn down the mission, the maps in your head” (“Canyon Moon”), “I’ve loved some girls that I barely knew / I’ve made some friends, and I’ve lost some too” (“Cecilia And The Satellite”), “You dance with your headphones on and I / Could watch you all night long / Dancing to someone else’s song” (“High Dive”), “There’s only two mistakes that I have made / It’s running from the people who could love me best / And trying to fix a world that I can’t change.” (“All Our Lives”), “Do you ever rewind to the summer you knew me?” (“Black And White Movies”), “No cash in the bank / No paid holidays / All we have is / Gas in the tank / And maps for the getaway” (“Maps For The Getaway”).

Das Gefühl von “Ich verstehe Dich” bzw. “Da ist jemand, der mich versteht” ist so stark, dass ich mich in weniger aufrichtigen Momenten fast selbst beruhigen möchte: Ist ja nur Musik. Nee, ist mehr.

Andrew McMahon In The Wilderness (Albumcover)In Zeitschriften und Blogartikeln werden wir bombardiert mit Generationsbeschreibungen, Labels und Ansprüchen, von denen wir uns gleichzeitig ganz schnell frei machen sollen. Unsere Frauen sollen Familie und Beruf nicht nur unter einen Hut kriegen, sondern das auch wollen — während sie dabei wie Hollywood-Stars und ganz natürlich ausschauen. Unsere Kinder sollen drei Fremdsprachen lernen, die verpassten Chancen von uns und unseren Eltern nachholen und sich dabei frei entfalten können. Und wir Männer sollen gleichzeitig einfühlsam, stark, sportlich und kreativ sein. Vor allem aber, immer wieder: “wir”, dieser lächerliche Fraternisierungsversuch von zehntausenden Ertrinkenden, die sich aneinander klammern. Mit Gefühlen, die irgendwelche Slam-Poetinnen in (geborgte) Worte fassen, woraufhin dann alle anderthalb Tage sehr emo sind, bis Jan Böhmermann eine Parodie darauf veröffentlicht und alle wieder total ironisch sein können.

Da höre ich lieber die Songs von Andrew McMahon.

Ich weiß nicht, wie Menschen dieses Album hören, die vorher gar nichts oder nur wenig von ihm kannten — als eher okayes Pop-Album, vermutlich. Wirklich überall sind Keyboardflächen, auf virtuoses Klavierspiel verzichtet Andy hier ebenso wie auf Gitarren. In einigen Texten verarbeitet er derart deutlich seine eigene Lebensgeschichte, dass ich den meisten Musikern raten würde: “Nimm Dich mal zurück, leg hier nicht alles offen, sei doch auch mal literarisch”. Bei manchen Leuten ertrage ich das nicht (mehr), bei Andrew McMahon aber fühle ich mich zuhause, auch wenn er über Dinge singt, die mit meinem Leben eher gar nichts zu tun haben.

In seinen Texten geht es – daran hat sich nicht viel geändert – um Weltraum, Wasser und Straßen, auf denen er unterwegs ist, also um Menschen in Isolation und in Bewegung. Das erste Jack’s-Mannequin-Album hieß ja nicht umsonst “Everything In Transit”. Bemerkenswert ist da eher, dass Marcus Wiebusch, der Sänger von kettcar, der dieses Jahr auch ein sehr, sehr tolles Soloalbum aufgenommen hat, in seinem Song “Springen” so eindeutig auf Jack’s Mannequins “Swim” Bezug nimmt, dass das eigentlich kein Zufall sein kann: “Halt den Kopf oben” singt er da (“Just keep your head above”) und benennt, wie Andy, einige Gründe, warum man weiterschwimmen sollte: “Schwimmen für die Songs, die noch geschrieben werden”. Zum Beispiel von Andrew McMahon.

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Musik

Songs des Jahres 2013

Das neue Jahr ist auch schon wieder zehn Tage alt, da wird es Zeit, die Altlasten von 2013 abzutragen. In diesem Fall: Meine Songs des Jahres. Die Auswahl ist wie immer völlig subjektiv, die Reihenfolge im Moment ihrer Erstellung schon veraltet und vermutlich hab ich eh wieder das Wichtigste verpasst.

25. Bosse – Schönste Zeit
Ja, ja: Das ist schon sentimentaler Quatsch, Kurt Cobain huldigen zu wollen mit so einem vergleichsweise banalen Popsong, der im Text viel zu explizit durch dekliniert, was er ausdrücken will. Aber was für ein Popsong das dann eben doch ist! Und dieses perlende Klavier, das die Instrumentalstellen zu einem der im Gebrauchsfernsehen meist gespielten Werke des Jahres gemacht hat! Doch, ich bleibe dabei: Ich mag diesen Song!

24. Junip – Line Of Fire
Ich weiß definitiv zu wenig über José González und seine Band Junip, die zwar seit Jahren immer wieder am äußeren Sichtfeld meines Radars auftauchen, aber es – außer mit González’ Version von “Heartbeats” von The Knife – nie wirklich in meine Playlisten geschafft haben. Aber diesem hypnotischen Song und vor allem dem dazugehörigen Video konnte ich mich nicht entziehen. Wenn ich mehr Zeit mit dem Lied und dem dazugehörigen Album verbracht hätte, wären beide vermutlich deutlich weiter oben in meiner Liste.

23. Elvis Costello & The Roots – Walk Us Uptown
Die Idee, einen der vielseitigsten Musiker der letzten Jahrzehnte mit einer der besten Hip-Hop-Bands kollaborieren zu lassen, hatte ein bisschen was vom Clash der Kulturen. Schon beim Opener stellt sich aber raus: Die Kombination ist gar nicht so exotisch, sondern eigentlich erstaunlich naheliegend. Wenn man nicht um die Hintergründe wüsste, wäre es einfach ein extrem cooler, tighter Song.

22. Pet Shop Boys – Love Is A Bourgeois Construct
Bei Künstlern, die schon seit Jahrzehnten dabei sind, hat es immer eine gewisse Widersprüchlichkeit, wenn man ihnen nachsagt, ein neuer Song hätte schon vor Jahren veröffentlicht werden können. Klar: “Love Is A Bourgeois Construct” hätte wunderbar auf “Very” gepasst, die politischen Anspielungen und Seemannschöre inklusive. Aber immer wieder bricht das Arrangement auf und es kommen Sounds zum Vorschein, die man so zumindest bei den Pet Shop Boys noch nie gehört hat.

21. Bastille – Pompeii
Hurra, noch eine Indieband mit Gitarren und Synthesizern! Geh mir weg! Dann aber: Diese grandiosen “Eh-oh”-Chöre (nicht zu verwechseln mit “Alles nur geklaut” von den Prinzen) und vor allem dieses Getrommel! Luftgitarre macht bei diesem Lied keinen Sinn, Luftgetrommel bei ausreichendem Sicherheitsabstand durchaus. Und man freut sich ja inzwischen schon über jeden Slot, der im Radio von etwas anderem als Robin Thicke oder den (Un)Toten Hosen besetzt wird!

20. Andrew McMahon – After The Fire
Ich bin da kein Stück objektiv: Andrew McMahon (Ex-Something Corporate und Ex-Jack’s Mannequin) ist für mich ein persönlicher Held. Mit seinen Texten spricht er mir seit zehn Jahren aus der Seele und wahrscheinlich hat es auch etwas damit zu tun, dass wir fast gleich alt sind. Jedenfalls: Seine Solo-Debüt-EP “The Pop Underground” ist mit ziemlicher Sicherheit keine musikalische Offenbarung, aber sie enthält vier wunderbare Popsongs (hier auch wieder das Motiv: Chöre und Trommeln!) und “After The Fire” ist mit seinem groovenden Refrain der beste davon und muss deshalb die Top 20 eröffnen.

19. Cold War Kids – Miracle Mile
Da zeichnet sich ein Muster ab: Schon wieder Chöre und Trommeln! Und natürlich ein hämmerndes Klavier. Mit ordentlich Schwung starten die Cold War Kids in ihr Album “Dear Miss Lonelyhearts”. Da scheppern ganz viel Euphorie und Lebensfreude mit und dann fasst der Song die ganzen Lebensratgeber und Feuilletontexte der letzten Jahre ganz simpel zusammen: “Get outside, get all over the world / You learn to love what you get in return / It may be a problem and it may be peace of mind / But you have to slow down and breathe one breath at a time / So ya come up for air”. Hallo!

18. Lily Allen – Hard Out Here
Lily Allen, die mir liebste Pop-Prinzessin der letzten Jahre, ist zurück. Das allein wäre schon ein Grund zu feiern, aber dann haut sie auch noch ein feministisches Manifest aus, das darüber hinaus auch noch so ein charmant schunkelnder Popsong ist. Natürlich können wir über das Video diskutieren und über die Frage, ob man Feuer (oder in diesem Fall eher: die Gülle, die “Blurred Lines” von Robin Thicke nun mal ist und auf die Allens Video anspielt) mit Feuer (Gülle) bekämpfen muss. Aber die Diskussion verschafft dem Thema “Sexismus im Pop” noch mal mehr Aufmerksamkeit und tut dem Song keinen Abbruch.

17. Blaudzun – Elephants
Um ehrlich zu sein, weiß ich quasi gar nichts über diesen niederländischen Sänger. Ich musste sogar seine Nationalität gerade noch mal nachschlagen und habe auch sein Album “Heavy Flowers” nur einmal gehört. Aber “Elephants” hat mich von Anfang an begeistert, seit ich den Song zum ersten Mal bei “All Songs Considered” gehört habe. Auch hier wieder: viel zeitgenössisches Getrommel, was nahelegt, dass man “Elephants” noch mal in der Werbung irgendeines Unterhaltungselektronikherstellers hören wird. Falls nicht: einfach auf “Repeat” drücken.

16. Josh Ritter – Joy To You Baby
Josh Ritter hat mit “The Beast In Its Tracks” das aufgenommen, was Musikjournalisten und empfindsame Hörer ein “Trennungsalbum” nennen. Ganz viele Songs an die Adresse der alten Flamme, inkl. der Versicherung, dass die neue Liebe nur “in einem bestimmten Licht” so aussehe wie die alte. Das alles kulminiert in “Joy To You Baby”, das im Spektrum “Wut/Gelassenheit” den gegenüberliegenden Platz von Ben Folds Fives “Song For The Dumped” besetzt und damit das versöhnlichste Abschiedslied seit … äh … seit “Die Guten” von muff potter. ist. So ungefähr.

15. Travis – Where You Stand
Liegt das an meiner neuen Stereoanlage, oder wurden 2013 die Bässe und Schlagzeuge deutlich weiter nach vorne gemischt als vorher? Im Prinzip auch egal, denn sprechen wir über dieses Lied, den Titeltrack von Travis’ siebtem Album. Da ist wirklich alles drin, was man von Travis erwartet, vor allem aber: viel Melancholie und Trost. Ein eher unspektakulärer Song, verglichen mit vielen Hits der Band, aber das passt zu Travis, die es sich in der Nische zwischen den übergroßen Bands Radiohead (von denen Travis beeinflusst wurden) und Coldplay (die von Travis beeinflusst wurden) bequem gemacht haben.

14. Moby feat. Wayne Coyne – The Perfect Life
Wer einmal auf einem Konzert der Flaming Lips war, weiß, wie man auch als erwachsener Mensch noch Euphorie bis in Kindergeburtstagssphären hochschrauben kann. Also eine gute Wahl, dass sich Moby für diese Endorphin-Überdosis Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne dazu holte, mit dem er dann im Video durchs sonnendurchflutete LA marschiert. Und was für ein schönes Liebeslied sie dabei singen! Hach!

13. Marathonmann – Die Stadt gehört den Besten
Seit dem Ende von muff potter. und Schrottgrenze und der Revolverheld-Werdung von Jupiter Jones ist der Platz für laute, heisere Emotionen in meinem Musikspektrum unbesetzt. Ich weiß, es gäbe da Dutzende gute Bands, aber keine von denen hat mich bisher so gekickt, wie es jetzt Marathonmann getan haben. Ich traf auf diese Hymne in ihrem natürlichen Lebensraum: einer von Piet Klocke moderierten Abendsendung auf WDR 5. Ich finde es etwas verstörend, dass ich bei der Zeile “Und wir steh’n auf uns’ren Brücken” ausgerechnet die Kölner Hohenzollernbrücke vor Augen habe, aber andererseits habe ich die in diesem Jahr etliche Male mit dem Zug überquert und zweitens gibt es in Bochum auch gar nicht so viele Brücken, die ich mir hier pathetisch vorstellen könnte. Ein wunderbares Brett mit ganz viel “Wir gegen den Rest der Welt”-Poesie und eine Hommage an Städte und Freundeskreise.

12. Rhye – Open
Nach 20 Uhr kann man auch auf Einslive feine Musik entdecken. Mein Erstkontakt mit “Open” fand jedenfalls beim Spülen im Rahmen der Sendung “Plan B” statt. Die Moderatorin erklärte mir vorab, was ich so direkt nicht geahnt hätte, nämlich dass die nun folgende Stimme einem Mann namens Mike Milosh gehöre. Stephen Thompson von NPR Music – der Mann, dem ich in Musikfragen am Allermeisten vertraue – schrieb über den Song: “catchy but subtle, sonically rich but uncluttered, sexy but never vulgar”. Im Fernsehen gehört “Open” schon jetzt zum festen Repertoire der Liebesaktanbahnungsbeschallung und vielleicht wird der Song eines Tages als “Smooth Operator” dieser Generation gehandelt werden.

11. Volcano Choir – Byegone
Justin Vernon will vielleicht nie mehr mit seinem Projekt Bon Iver Musik machen. Das wäre schade, aber erstens gibt es ja zwei phantastische Alben, die uns keiner mehr nehmen kann, und zweitens macht Vernon ja einfach immer weiter, auch mit anderen Projekten. “Repave”, das zweite Volcano-Choir-Album, hätte er auch als Bon Iver veröffentlichen können, und “Byegone” ist der Song, der sich dabei am Stärksten hervortut.

10. Leslie Clio – Let Go
“Told You So”, die Vorab-Single von Leslie Clios Debütalbum “Gladys”, hatte es ja bereits 2012 auf meine Liste geschafft, jetzt also noch ein Song. “Let Go” ist deutlich schleppender als “Told You So” (oder auch das ebenfalls famose “Couldn’t Care Less”) und verursacht bei mir immer noch regelmäßig Gänsehaut. Ein schlichtes, aber wirkungsvolles Trennungslied, das Adele oder Amy Winehouse in nichts nachsteht.

9. James Blake – Retrograde
Apropos Gänsehaut: James Blake! Den Gesang muss man mögen, aber der Song dürfte eigentlich keinen kalt lassen.

8. Biffy Clyro – Black Chandelier
Ja, das ist Stadionrock — aber immerhin nicht mit so verkrampftem Rockstardom verbunden wie der von Muse oder 30 Seconds To Mars. Schönes Gitarrengeschrammel, gute Lyrics und ein Songaufbau wie aus dem Lehrbuch — man kann alles für und gegen Biffy Clyro verwenden, aber vom Jahresanfang bis zum Jahresende war “Black Chandelier” die ganze Zeit dabei und hat auch am Ende immer noch funktioniert.

7. Daft Punk feat. Pharrell Williams – Get Lucky
Ladies and gentlemen, bitte erheben Sie sich für den Konsens-Hit des Jahres, ach was: der Dekade! “Get Lucky” ist das, was man instant classic nennt — aus dem Stand ein Evergreen. Ein Song, der Generationen vereint (“Sind das Steely Dan?” – “Nein, Papa!”), und per Gesetz in jeder einzelnen Fernsehsendung des Jahres 2013 gespielt werden musste. Und das, wo kaum noch jemand ernsthaft mit einem großen Comeback von Daft Punk gerechnet hatte.

6. Casper – Im Ascheregen
Ich habe ja so meine Zeit gebraucht, bis ich mit Caspers Musik warm wurde. Inzwischen bin ich großer Fan und das Album “Hinterland” hat seinen Vorgänger “XOXO” noch mal getoppt. Der Opener “Im Ascheregen” klingt mit seinen Trommeln, Chören, Bläsern und Glockenspielen mehr nach Arcade Fire als Arcade Fire selbst und textlich habe ich in der deutschsprachigen Musik 2013 kaum Besseres gehört. Vom Nicken in Richtung kettcar/Slime (“ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin”) über “auf Nimmerwiedersehen und Danke für nichts” bis hin zu “die Stadt muss brennen, brennen, brennen”: eine einzige Unabhängigkeitserklärung, ein mission statement, ein Stinkefinger.

5. Marcus Wiebusch – Nur einmal rächen
Apropos kettcar: Deren Sänger Marcus Wiebusch wagt sich nach fast 20 Jahren noch einmal auf Solopfade und macht mit “Nur einmal rächen” alles richtig. Kluge Geschichte, kluge Instrumentierung, grandiose Hookline. Seit kettcar den Versuch aufgegeben haben, ein zweites “Landungsbrücken raus” zu schreiben (also seit “Sylt”), gelingen ihnen immer wieder neue Meisterwerke (vgl. “Rettung”, 2012) und auf “Nur einmal rächen” wirkt Wiebusch so entspannt wie schon lange nicht mehr. Das für Mitte April angekündigte Debütalbum zählt zu denen, auf die ich am gespanntesten warte.

4. CHVRCHES – The Mother We Share
Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie man sich “The Mother We Share”, der Debüt-Single von CHVRCHES, entziehen können sollte. Dieser Synthiepop ist zwar nicht wirklich neu, aber der Song ist musikalisch wie atmosphärisch so gekonnt “dazwischen” (nicht zu schnell und nicht zu langsam, nicht zu melancholisch und nicht zu euphorisch, nicht zu kalt und nicht zu warm), dass er auch nach einem Jahr immer noch kickt.

3. Foxygen – San Francisco
Auf Foxygen bin ich (natürlich) durch “All Songs Considered” aufmerksam geworden. Wie gekonnt diese Band auf die letzten 50 Jahre Musikgeschichte verweist und wie grandios das in “San Francisco” kulminiert. Dieser Dialog “I left my heart in San Francisco” – “That’s okay, I was bored anyway” – “I left my love in the room” – “That’s okay, I was born in L.A.” zählt definitiv zum Cleversten, was ich im vergangenen Jahr gehört habe, und ist auch beim hundertsten Hören immer noch lustig.

2. Kacey Musgraves – Merry Go ‘Round
Es ist in Deutschland, wo Countrymusik außer auf WDR 4 und in Fernfahrerkneipen kaum ein Zuhause hat, einigermaßen schwer vermittelbar, dass das Genre auch jung, klug und witzig sein kann. Entsprechend groß sollte die Überraschung über das Debütalbum von Kacey Musgraves sein, wenn sich hierzulande jemand dafür interessieren würde. “Merry Go ‘Round” erzählt vom Alltag in den ländlichen Gebieten der USA: “If you ain’t got two kids by 21 / You’re probably gonna die alone / Least that’s what tradition told you”. Die Kritik an diesem spießigen und bigotten Leben ist in so zuckersüße Musik gegossen, dass man sie zunächst überhören könnte — und das macht sie so wirkungsvoll.

1. The Front Bottoms – Au Revoir (Adios)
109 Sekunden, länger braucht mein Lied des Jahres 2013 nicht. Aber diese 109 Sekunden sind vollgepackt mit Witz, Gehässigkeit und Rock ‘n’ Roll. Ich könnte es 109 mal hintereinander hören und würde gern jeden Tag damit beginnen.

Die ganze Playlist zum Nachhören bei Spotify.

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Was macht ein Klischee zum Klischee?

Ich bekomm ja irgendwie gar nichts mehr mit.

Im April, zum Record Store Day, hatte das Hamburger Traditionslabel Grand Hotel van Cleef bekanntgegeben, dass Labelgründer und kettcar-Chef Marcus Wiebusch eine Solo-EP veröffentlichen werde. (Aufmerksame Beobachter von Wiebuschs Leben ‘n’ Werk wissen natürlich, dass es sich dabei nicht um seine “erste” Solo-Veröffentlichung handelt.) Ich hab die Vinyl-Scheibe am Record Store Day nicht bekommen und das ganze dann völlig aus den Augen verloren.

Letzte Woche fiel mir dann wieder ein, dass ich die EP ja auch digital kaufen könnte — seitdem läuft “Nur einmal rächen” bei mir auf Dauerrotation:

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Mal davon ab, dass das neben “Safe And Sound” die eingängigste Bläser-Hookline des Jahres sein dürfte, ist das auch textlich ein großer Wurf: Die Geschichte vom ewigen Nerd (“Nur Einmal Rächen, Digger”), der es geschafft hat und jetzt auf die – schon bei R.E.M. zitierte – George-Herbert-Sentenz setzt, wonach ein gutes Leben die beste Rache sei. Das klingt schon beim zweiten Hören nicht mehr ganz so überzeugend und genau dieses Kippeln auf dem schmalen Grat macht den Reiz dieses Liedes aus.

Das dazugehörige Album soll, wie Marcus Wiebusch im April mitteilte, “bald” erscheinen.

Schon das zweite Soloalbum veröffentlicht Thees Uhlmann, inzwischen dann wohl tatsächlich Ex-Sänger von Tomte und ein weiterer GHvC-Labelgründer. Mit dem Erstwerk “Thees Uhlmann” bin ich ja nie so recht warm geworden und es spricht vieles dafür, dass mich der Nachfolger “#2” noch kälter lassen wird.

Oder auch: noch ratloser.

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Schönes Video, war sicher nicht billig, aber … puh.

Die Aussage, jemand könne “auch das Telefonbuch von Wuppertal vorsingen” ist ja eher selten wörtlich zu nehmen und auf den Wikipedia-Eintrag zum 7. März zu übertragen.

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Born In The NRW

Eines meiner Lieblingsvideos bei YouTube ist dieses hier:

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Das Video entstand bei den MTV Video Music Awards 1997 und zeigt die Wallflowers bei der Aufführung ihres Hits “One Headlight” mit ihrem Gastsänger Bruce Springsteen. Zum einen mag ich, wie Springsteen mit seinem Gesang und seinem Gitarrensolo den ohnehin tollen Song noch mal zusätzlich veredelt, zum anderen kann man aus diesem Auftritt viel über die amerikanische Popkultur und ihren Unterschied zur deutschen ableiten.

Auch wenn man nicht immer darauf herumreiten soll: der Sänger der Wallflowers ist Jakob Dylan, Sohn von Bob Dylan, der seit mehr als vier Jahrzehnten ein Superstar ist. Er singt dort gemeinsam mit Bruce Springsteen, der seit gut drei Jahrzehnten ein Superstar ist. In Deutschland gibt es keine Söhne berühmter Musiker, die selbst Rockstars geworden wären, von daher kann man schon aus familiären Gründen keine Analogien bilden, aber auch der Versuch, ein Äquivalent für Vater Dylan ((Sagen Sie bloß nicht “Wolfgang Niedecken”!)) oder Springsteen zu finden, würde schnell scheitern.

Nun kann man natürlich sagen, dass ich am falschen Ende suche: Dylan und Springsteen haben beide einen mehr (Dylan) oder weniger (Springsteen) vom Folk geprägten Hintergrund, man müsste also in Deutschland im Volksmusik- oder Schlagerbereich suchen. Damit würde das Unternehmen aber endgültig zum Desaster, denn das, was heute als volkstümlicher Schlager immer noch erstaunlich große Zuhörer- und vor allem Zuschauerzahlen erreicht, hat mit wirklicher Folklore weit weniger zu tun als Gangsta Rap mit den Sklavengesängen auf den Baumwollfeldern von Alabama.

USA: Public Library, New York City

Die Netzeitung wollte kürzlich kettcar-Sänger Marcus Wiebusch zum deutschen Springsteen erklären, was angedenk des neuen kettcar-Albums gar nicht mal so abwegig ist, wie es sich erst anhört. Herbert Grönemeyer kann ja nicht alles sein und die Position “einer von uns, der über unsere Welt singt” kann von einem noch so verdienten Wahl-Londoner nur schwerlich besetzt werden. Was aber inhaltlich halbwegs passen mag, sieht auf der Popularitätsebene schon wieder anders aus: jemand, der für die Menschen spricht, muss auch bei den Menschen bekannt sein. Marcus Wiebusch ist weit davon entfernt, ein nationaler Star zu sein, ganz zu schweigen vom internationalen Superstar. ((Ich muss allerdings zugeben, dass die Vorstellung, Jan Fedder könnte mal als CDU-Bundeskanzler kandidieren und versuchen, seinen Wahlkampf mit “Landungsbrücken raus” aufzuhübschen, irgendwie schon was hat.))

Im Grunde genommen ist schon die Suche nach einem deutschen diesen oder einem deutschen jenen der falsche Ansatz: Marcus Wiebusch wird nie der deutsche Springsteen sein und Til Schweiger schon gar nicht der deutsche Brad Pitt. Harald Schmidt war nie der deutsche David Letterman und überhaupt wird es in Deutschland nie eine richtige Late Night Show geben, schon weil die Zuschauer mit einem ganz anderen kulturellen Hintergrund aufgewachsen und auch gar nicht in vergleichbaren Größenordnungen vorhanden sind.

Es gibt aber auch genauso wenig einen amerikanischen Goethe, Schiller, Klopstock, Schlegel oder Beethoven – was unter anderem damit zusammenhängen könnte, dass das unglaubliche Schaffen dieser Herren in eine Zeit fiel, als sich die USA gerade zu einem eigenständigen Staatenverbund erklärt und wichtigeres zu tun hatten, als ein kulturelles Zeitalter zu prägen. Sie mussten zum Beispiel die Demokratie erfinden.

Womit wir direkt in der amerikanischen Politik von heute wären: allen drei verbliebenen Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten darf man Charisma und inhaltliche Stärke auf mindestens einem Gebiet bescheinigen. Egal, ob der nächste Präsident John McCain, Barack Obama oder Hillary Clinton heißen wird, er (oder sie) wird mehr Ausstrahlung haben als das versammelte deutsche Kabinett. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass man in den USA auf 3,75 Mal so viele Menschen zurückgreifen kann wie in Deutschland, sondern auch daran, dass diese Politiker ganz anders geschult wurden und ein ganz anderes Publikum ansprechen. Jemand wie Kurt Beck könnte es kaum zum stellvertretenden Nachbarschaftsvorsteher schaffen. ((Wobei Beck ein schlechtes Beispiel ist, weil bei ihm ja niemand so genau weiß, wie er es zum Vorsitzenden einer ehemaligen Volkspartei hat schaffen können.))

Die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und den USA sind eben erhebliche und sie lassen sich auch nicht durch eine vermeintliche “Amerikanisierung” unserer Kultur überwinden: selbst wenn jeder deutsche Mann sein Junggesellendasein mit viel Alkohol und Stripperinnen beendete ((Als ob das alle Amerikaner täten …)) wäre das ja nur eine Übernahme von Form und nicht von Inhalt. Deutsche werden auf ewig ihr Frühstücksei aufschlagen und als einziges zivilisiertes Volk der Welt ihr Popcorn gesüßt verspeisen. Deutsche werden wohl nie verstehen, welche Bedeutung es für Amerikaner hat, dass (fast) jeder eine Waffe tragen darf, obwohl sie selbst fast genauso argumentieren, wenn ihnen mal wieder jemand ein Tempolimit vorschlägt. ((Ich wäre übrigens für eine Beschränkung des Waffenrechts und für ein Tempolimit und würde mir in beiden Länder wenige Freunde machen.))

Deutschland: Potsdamer Platz, Berlin

Wer sich einmal “alte” Gebäude in den USA angeschaut hat, darunter einige, die vor 100 bis 120 Jahren gebaut wurden, wird feststellen, wie extrem man sich damals an architektonischen Stilen orientierte, die in Europa längst der Vergangenheit angehörten: wo es um großes Geld oder Hochkultur geht, stößt man auf Klassizismus, Romantik oder Renaissance. Die große Stunde der USA schlug erst, als ihre Popkultur in Form des vielzitierten Rock’n’Roll und Coca Cola das kulturelle Vakuum ausfüllte, das nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland vorherrschte. Seitdem bemüht man sich hier, amerikanisch zu wirken, was sicher noch dazu führt, dass eines Tages jede Dorfkneipe mit Starbucksiger Loungeigkeit aufwarten wird.

Ich mag beide Länder.

Mehr über die USA, Deutschland und die kulturellen Unterschiede steht in folgenden empfehlenswerten Blogs:
USA erklärt Ein Deutsch-Amerikaner in Deutschland erklärt die USA (deutsch)
German Joys Ein Amerikaner in Deutschland schreibt über Deutschland (englisch)
Nothing For Ungood Noch ein Amerikaner in Deutschland, der über Deutschland schreibt (englisch)

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Musik

Opa skatet wieder

Seit drei Wochen ist das neue, dritte kettcar-Album “Sylt” inzwischen draußen. Zeit genug, es so oft zu hören, dass man sich ein Urteil erlauben kann.

Oder gleich mehrere bei der großen Rückkehr der Track-by-track-Analyse:

Graceland
Hab ich mir das Lied jetzt nur schöngehört oder ist es mit der Zeit doch noch gewachsen? Musikalisch ist es für kettcar immer noch einigermaßen sperrig und eigentlich sehr viel weniger radiotauglich als zum Beispiel “Deiche” vom letzten Album, aber diesmal schien Einslive sich der Band nicht mehr verschließen zu können und spielt den Song jetzt mehrmals am Tag. Nicht unbedingt der ideale Opener, aber der A-capella-Schluss ist schon ziemlich groß.

Nullsummenspiel
Das ist dann schon ein sehr viel klassischerer kettcar-Song: The-Clash-Gitarren, doppelter Gesang und mit viel Drive nach vorne. Dazu der erste Poesiealbum-Spruch der neuen Platte: “Arme ausbreiten, Schultern auskugeln / Beim Nachnamen googeln”. Arme ausbreiten, indeed.

Am Tisch
Dass ich beim Intro an Annett Louisan denken muss, ist mein Problem, nicht kettcars. Eine Ballade im Dreivierteltakt über alte Freundschaften, die über unterschiedliche Lebensentwürfe zerbrochen sind, mit dem großartigen Niels Frevert als Gastsänger. Das Lied zieht für kettcar-Verhältnisse ziemlich runter, ohne große Hoffnungen auf Erlösung zu wecken.

Kein Außen mehr
“Lieber peinlich als authentisch / Authentisch war schon Hitler” – Was auch immer uns Marcus Wiebusch damit sagen will. So, wie das Lied nach dem Refrain in ein kurzes Feedback ausbricht, hat man die Band auch noch nicht erlebt. “Kein Außen mehr” steht in der Tradition von “Genauer betrachtet”, “Ausgetrunken” oder “Lattenmessen”: ohne Halt nach vorne und mit direktem Druck auf die Endorphindrüsen. Vermutlich der beste Song der Platte.

Wir müssen das nicht tun
Geht da jetzt noch eine Freundschaft in die Brüche oder doch mal wieder eine Beziehung? Der stapfende Rhythmus ist schon wieder was neues und auch diesmal verweigern sich kettcar einem Refrain. Dafür gibt’s wieder so eine Zeile, die man für den Rest seines Lebens zitieren wird: “Sag zum Abschied leise ‘Fick dich'”.

Fake For Real
Düsteres elektronisches Geschepper wie bei The Notwist knarzt hinter einem ebenso düsteren Text über die Welt, in der wir leben. Von der Produktion her der spannendste Song der Platte, textlich zwischen den Extremen mit einigen tollen Zeilen und dann mit einem Slogan, den die Linkspartei vermutlich schon zum ersten Mai geklaut hat: “Für die einen sind es Menschen mit Augen, Mund, Ohren / Für die anderen Kostenfaktoren”. Sozialkritik gut und schön, aber der Satz geht mir echt zu weit.

Geringfügig, befristet, raus
Der Titel sagt’s: Es geht gegen das vorherrschende Wirtschaftssystem. Sowas kann tierisch daneben gehen (s.o.), hier geht das Konzept aber trotz des abschreckenden Titels auf. Die Unzufriedenheit und Verzweiflung steigert sich zum Zynismus: “Wir sind heiß und hungrig und hochmotiviert / Flexibel, spontan und qualifiziert / Wir sind teamfähig, unabhängig und belastbar / Uns ist heute egal, wo gestern noch Hass war”. Die Generation Praktikum singt mit und verbrennt ihre “Neon”-Hefte in der Teeküche der Werbeagentur.

Agnostik für Anfänger
Steilvorlagengefahr: “Das alles ist so was von: langweilig / Das Leben, die Welt: langweilig”. Isses aber gar nicht, denn “Agnostik für Anfänger” klingt dem Titel nach wieder nach …But Alive, musikalisch aber nach …And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Gott kommt über die Welt und gibt den Menschen “Sex und Casino” und unheilbare Krankheiten, “Wein und Gesänge” und Sonnenuntergänge. Vielleicht ist das auch eine Metapher, aber fragen Sie mich nicht, wofür.

Verraten
Ein bisschen besser hätte man die wiederaufgegriffenen Gitarren- und Klaviermotive aus “Balu” schon kaschieren können, aber immerhin surrt im Hintergrund ganz Beatles-like eine Kreissäge. Der Text ist pure Melancholie und handelt vermutlich von der Rückkehr an einen altbekannten Ort, an dem jemand gestorben ist, von dem man sich nicht mehr verabschieden konnte. “Verraten” ist der erste Teil eines Triptychons …

Dunkel
der zweite Teil des Triptychons: Wieder Vergangenheit, wieder Fragen. Ein Lied, das mich etwas ratlos zurücklässt und mir dennoch gefällt.

Würde
Triptychon, Teil 3: Ganz große Hymne mit Keyboard-Streichern wie bei Feeder. Die Arbeitswelt von vorhin hat das ehemalige Kind von eben aufgerieben und wieder ausgespuckt. Am Ende geht es zurück zu den Eltern und ich habe jedes Mal einen Kloß im Hals, wenn Marcus Wiebusch singt: “Aber mach dir keine Sorgen, Mama / Papa, ja ich weiß, bleib ruhig / Euer Junge kommt nach Hause heute / Gebrochen, fertig, durch”. Und dann knüppelt die Band drauf los wie selten zuvor.

Wir werden nie enttäuscht werden
Das Album noch mal im Schnelldurchlauf, alle Themen in 2:11 Minuten. Die letzten fünfzig Sekunden sind dem Headbangen vorbehalten und wieder mal: dem Arme ausbreiten. Die Fans lesen den Titel und denken: “Stimmt.”

Fazit
“Sylt” ist anders als die beiden Vorgänger und doch ganz klar kettcar. Musikalisch war die Band (immerhin mit drei verschiedenen Produzenten) noch nie so vielseitig und so gut, textlich erschließt sich vieles erst spät oder nie.

Marcus Wiebusch hat in so ziemlich jedem Interview erzählt, man habe ein Album machen wollen, dass “nicht einverstanden” ist. Das merkt man: kettcar singen gegen die Durchökonomisierung der Welt, gegen Hartz IV, gegen den ganzen Zynismus, der einem entgegenschlägt. Damit müssen auch die eigenen Fans erst mal zurechtkommen, potentielle Nachfolger für “Landungsbrücken raus”, “Balkon gegenüber” und “Tränengas im High-End-Leben” springen einen nicht gerade an.

“Sylt” schwebt zwischen Euphorie und Melancholie, Wut und Zuneigung, Drinnen und Draußen wie eine Nadel zwischen zwei Magnetpolen. Das Album ist schwierig, aber es lohnt die Auseinandersetzung.

I’d like to thank the Academy (Academy, Academy …)

kettcar - Sylt (Albumcover)

kettcar – Sylt
VÖ: 18.04.2008
Label: Grand Hotel van Cleef
Vertrieb: Indigo

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Ein halber TV-Tipp

Heute Abend zeigt das ZDF “Keine Lieder über Liebe”. Wenn ich die Handlung noch richtig erinnere, geht es um einen Dokumentarfilmer (der großartige Florian Lukas), der die Band seines Bruders (Jürgen Vogel) auf Tour begleiten will – und irgendwie entspinnt sich dann eine Dreiecksgeschichte mit Heike Makatsch.

Warum ich mir einen Film, der ausschließlich mit Handkamera gedreht ist, der eine verworrene und pessimistische Handlung hat und in dem nicht viel mehr passiert, als das Menschen miteinander reden (oder besser noch: sich anschweigen), kurz: warum ich mir einen jungen deutschen Film überhaupt angesehen habe, liegt an der Band, der Jürgen Vogel vorsteht: Es handelt sich um die Grand-Hotel-van-Cleef-Allstar-Kapelle Hansen Band mit Marcus Wiebusch (kettcar) und Thees Uhlmann (Tomte) an den Gitarren, Felix Gebhardt (Home Of The Lame) am Bass und Max Martin Schröder (Tomte, Olli Schulz & der Hund Marie, Der Hund Marie) am Schlagzeug. Jürgen Vogel singt (sehr schön, das muss man ihm lassen) die Lieder, die ihm seine Backing Band geschrieben hat, und das Album der Hansen Band ist nach wie vor zu empfehlen.

Leider ist “Keine Lieder über Liebe” weder “This Is Spinal Tap” noch “Almost Famous” und so dienen Musik und Band allenfalls als Hintergrund für eine melodramatische Liebesgeschichte, die von den Beteiligten zwar gut vorgetragen wird (der ganze Film ist improvisiert), aber trotzdem nicht so recht über 101 Minuten tragen will.

Wer also “Keine Lieder über Liebe” noch nie gesehen hat, kann ihn sich heute Abend um 22:45 Uhr im ZDF ansehen. Ich bin ganz froh, dass ich schon was besseres vorhab.