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Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 21

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Das ist Rekord: Schon die dritte Folge Lucky & Fred nach einer Bundestagswahl — und immer noch keine Regierung!

Andrea Nahles hat als Aggro-Version von Angela Merkel alle Männer fallen sehen, jetzt soll sie den Karren aus dem Dreck ziehen. Ob ihr Kevin Kühnert und andere Nachwuchspolitiker*innen dabei helfen?

Deutschland hat seinen ersten großen #MeToo-Fall: Dieter Wedel, der große Regisseur und kleine Mann, ist ein gutes Beispiel für die strukturellen Probleme in der Unterhaltungsindustrie. Und dann diskutiert das ganze Land plötzlich auch noch über ein Gedicht.

Über all das sowie über Luckys Auseinandersetzungen mit namhaften Journalisten, Mutanten-Nazis auf dem Mars und eine gesunde Work-Life-Balance sprechen wir in der 21. Ausgabe des beliebten Podcasts und stellen wieder fest: Es war nicht alles schlecht!

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Wir haben die Folge aufgezeichnet, bevor uns die frohe Kund von der bevorstehenden Freilassung Deniz Yücels erreichte.

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Film Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 20

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Die Unterhaltungsindustrie wird erschüttert von einer Reihe von Enthüllungen: Männer wie Harvey Weinstein haben ihre Macht missbraucht, um Frauen sexuell zu belästigen. Lucky und Fred wollen über das Thema sprechen und weil in letzter Zeit genug Männer über Frauen geredet haben, soll auch eine Frau mitreden: Sabine Brandi!

Zu dritt geht es dann auch noch um den Polit-Praktikanten Christian Lindner, den potentiellen Groko-Vernichter Glyphosat und die Suche nach dem deutschen Donald Trump.

Aber es war ja auch nicht alles schlecht!

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Digital Gesellschaft

Straßenbahn des Todes

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen

(Casper – Im Ascheregen)

Ich hab in diesem Jahr schon mehrfach Social-Media-Pausen gemacht, die “digital detox” zu nennen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Ferien hatte, wenn wir mal übers Wochenende oder etwas länger weggefahren sind, hab ich Facebook und Twitter einfach ausgelassen. Zum einen, weil die iPhones-Apps im Vergleich zur richtigen Nutzung (ich bin vermutlich der einzige Mensch Mitte Dreißig, für den ein Computer mit Bildschirm, Tastatur und Browser die “richtige” Anwendung ist und ein Smartphone maximal eine hilfreiche Krücke für unterwegs, aber das ist mir – wie so vieles – egal) einfach noch unpraktischer sind (und das will schon was heißen), zum anderen, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Laune macht.

Jetzt war ich übers Wochenende am Meer, hab gerade wieder den Laptop aufgeklappt, kurz in Facebook reingeguckt und schon wäre die ganze wunderbare Erholung (Strahlend blauer Himmel, knallende Sonne und 24 Grad Mitte Oktober! 17 Grad Wassertemperatur! In der Nordsee!) fast wieder weg gewesen.

Und dann traf mich die Erkenntnis und ich hatte endlich einen Vergleich bzw. eine Metapher für das gefunden, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich geradezu von “krank machen” sprechen würde: Es ist, als säße man in der Straßenbahn und könnte die Gedanken jedes einzelnen Menschen mithören. Da sitzt ein Mann, der gerade seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dort ist eine Frau, die gerade auf dem Weg in die Klinik ist: Ihre Mutter hat Krebs im Endstadium. Hier sitzt ein 16-jähriges Mädchen, dessen Freund, ihre erste große Liebe, gerade Schluss gemacht hat und schon mit einer anderen zusammen ist. Und da drüben ein kleiner Junge, dessen Hamster gestern gestorben ist.

Natürlich sitzen da auch welche, denen es gut geht: Eine Familie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gerade seinen neugeborenen Urenkel besucht hat und sich gleich eine Dose Linsensuppe warmmachen wird, sein Leibgericht. Eine junge Frau auf dem Weg zum ersten Date — sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann später heiraten und eine glückliche Familie mit ihm gründen. Doch ihre Gedanken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlechte Ding kreisen, sondern sie entspannt und glücklich in sich ruhen. Eher das Schnurren einer zufriedenen Katze — und damit unhörbar im Vergleich zu dem Geschrei einer Metallstange, die sich in einem sehr großen Getriebe verkantet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all diese Gedanken hören — alle können einander hören. Und die, die selbst schon völlig durch sind, schreien dann die anderen an: “Sie sind eh unfähig, völlig klar, dass Sie entlassen wurden!”, “Interessiert mich nicht mit Deiner Mutter, jeder muss mal sterben!”, “Dumme Schlampe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlechter Männergeschmack und keinerlei Menschenkenntnis!”, “Hamster sind eh hässlich und dumm!”

Das ist kein Ort, an dem ich gerne wäre. Da möchte ich nicht mal fehlen.

Und doch setze ich mich dem regelmäßig freiwillig aus — oder glaube, es tun zu müssen. Weil ich beruflich wissen muss, “was das Netz so sagt”. Bei Facebook sieht die Wahrheit eher so aus: Journalistenkollegen berichten Journalistenkollegen, was in der Welt so Schlechtes los ist. “Normale” Menschen aus meinem Umfeld posten schon kaum noch bei Facebook. Und, klar: Es ist die Aufgabe von Journalisten, zu berichten — auch und vor allem über Schlechtes. Aber dann doch vielleicht in einem Medium? Facebook war mal als digitales Wohnzimmer gestartet, inzwischen weiß niemand mehr, was es genau sein soll/will, nur, dass es so gefährlich ist, dass es mutmaßlich durch externe Manipulation die US-Wahl mit entschieden haben könnte. Die wenigsten Dinge starten als leicht schrammelige Wohnzimmer-Couch und landen als Atombombe.

Und natürlich: Es sind extreme Zeiten. Der Brexit, die US-Wahl, der Aufstieg der AfD, jetzt die Wahl in Österreich — wenn die Offenbarung von der Redaktion des “Economist” geschrieben worden wäre, kämen darin vermutlich weniger Schafe und Siegel vor und mehr von solchen Schlagzeilen. Die letzten Tage waren geprägt von immer neuen Enthüllungen über den ehemaligen Filmproduzenten und hoffentlich angehenden Strafgefangenen Harvey Weinstein, dessen Umgangsformen gegenüber Frauen allenfalls mit denen des amtierenden US-Präsidenten zu vergleichen sind. Nach zahlreichen Frauen, die von Weinstein belästigt oder gar vergewaltigt wurden, melden sich jetzt auch viele zu Wort, die in anderen Situationen Opfer von beschissenem Verhalten widerlicher Männer geworden sind. Und, Spoiler-Alert: Es sind viele. Verdammt viele. Mutmaßlich einfach alle.

Auftritt weitere Arschlöcher: “PR-Aktion!”, “Dich würde doch eh niemand anpacken!”, “Habt Ihr doch vor vier Jahren schon gepostet, #aufschrei!” Und während man sich mit der Hoffnung retten kann, dass sich diesmal vielleicht wirklich etwas ändern könnte (einiges deutet darauf hin, dass Harvey Weinstein tatsächlich von jener Hollywood-Gesellschaft ausgeschlossen werden könnte, die sich allzulang in seinem Licht gesonnt hatte), kommen die nächsten Kommentare rein und man zweifelt daran, ob da überhaupt noch irgendwo irgendwas zu retten ist.

Nimm einen ganz normalen Typen, so wie er im Buche steht
Gib diesem Typen Anonymität
Gib ihm Publikum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümmste Arschloch, das man nicht vergisst

(Marcus Wiebusch – Haters Gonna Hate)

Es gibt verdiente Kollegen wie Sebastian Dalkowski, die sich wirklich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fakten interessieren, weiterhin Fakten entgegenzusetzen. Die all den kleinen und großen Scheiß, den die so apostrophierten Besorgten Bürger und ihre medialen Fürsprecher so von sich geben, gegenchecken — und dafür wieder nur Hass und Spott ernten. Für Menschen wie ihn haben kettcar “Den Revolver entsichern” geschrieben, den klugen Schlusssong des grandiosen neuen Albums “Ich vs. Wir”, in dem sie auch die vielleicht zentralste Frage unserer Zeit stellen: “What’s so funny about peace, love, and understanding?”

Aber selbst, wenn Sebastian ein oder zwei Menschen überzeugen sollte (was ich, so viel Optimismus ist durchaus noch da, einfach mal hoffe), muss ich jeden Morgen bei ihm lesen, welche Sau jene Leute, die Vokabeln wie “Gutmenschen” und “Banhofsklatscher” verwenden, um damit Menschen zu bezeichnen, die noch nicht ganz so viel Welthass, Pessimismus und Misanthropentum in ihren Herzen tragen wie sie selbst, jetzt wieder durchs Dorf getrieben haben. Und ich weiß, dass man es als “ignorant” und “unprofessionell” abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und verbittert nütze ich der Welt noch weniger. Ich hab sechs Jahre BILDblog gemacht — wenn ich heute wissen will, was in Julian Reichelts Kopf wieder schief gelaufen ist, kann ich das bei den Kollegen nachlesen, die unsere Arbeit dankenswerterweise immer noch weiterführen. Ich muss das nicht zwischen den vereinzelten Kinderfotos entfernter Bekannter in meinem Facebook-Feed haben. Das gute Leben findet inzwischen eh bei Instagram statt.

Ich wollte nie große Ansagen machen wie “Ich hab mich jetzt bei Twitter abgemeldet” — muss ja jeder selbst wissen, kann ja jeder halten, wie er/sie will, wirkt auch immer ein bisschen eitel. Nur: Facebook und Twitter haben mittlerweile eine Macht, die ihren Erfindern kaum klar ist. Sie kommen nicht mehr klar mit dem Irrsinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der ganze Quatsch, dass richtige Medien ihre Inhalte dort abkippen, um wenigstens ein paar Krümel abzubekommen. Natürlich interessiert es Facebook und Twitter kein bisschen, wenn ihnen ein unbedeutender Blogger aus Bochum alle verfügbaren Mittelfinger zeigt, aber: Hey, immerhin bin ich Blogger! Immerhin hab ich hier ein Zuhause im Internet. Und wenn mir einer auf den Teppich pisst, kann ich ihn achtkantig rauswerfen.

Ich weiß, dass Teile der Welt immer schlecht waren, sind und sein werden — ich brauche nicht die tägliche Bestätigung. Wie können es uns hier so gemütlich machen, wie es in dieser Welt (die übrigens auch ganz viele wundervolle Teile hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch meinen Newsletter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schreiben
Und ein Fußball Team zu supporten.

(Thees Uhlmann – 17 Worte)

PS: Am Meer war es übrigens wirklich wunderschön, das kriegt kein Social Media dieser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

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Leben Gesellschaft

Suggestivfrage, Euer Ehren!

Eine Pressemitteilung der besonderen Art verdanken wir der Polizeidirektion Leipzig:

Ob das eine Frau war?

Ort: Zentrum, Brühl
Zeit: 20.05.2011, 20:00 Uhr – 21.05.2011, 09:15 Uhr

Viel zu tun hatte ein Einbrecher, um alle Sicherungseinrichtungen zu beseitigen. Zunächst hebelte er die Haustür, dann die Zwischentür und schließlich eine Gittertür auf, um in ein Schuhgeschäft zu gelangen. Hier wurde der Kassenbereich durchwühlt und aus der Registrierkasse Bargeld im dreistelligen Bereich entwendet. Schuhe waren dabei offenbar völlig uninteressant, was die Frage nach dem Geschlecht des Einbrechers nahe legt. Die Ermittlungen werden es hoffentlich bald zeigen. Die Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen. (FiA)

Verfasserin ist interessanterweise eine Frau. Aber immerhin müsste die inzwischen ehemalige “Bild”-Gerichtsreportagepraktikantin Alice Schwarzer ja wieder genügend Zeit haben, sich darüber ausgiebig aufzuregen.

[via Day]

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Musik

Taschenspielertricks

Wenn sich ein exzentrischer Popmusikliebhaber mit zu viel Tagesfreizeit daran machte, den dümmsten Songtext (des Jahrzehnts/seiner Generation/aller Zeiten) zu küren, würde er seine Suche womöglich bei der Volkstümlichen Musik beginnen, sich durch den Schlager arbeiten und es dann mal beim Kirmestechno versuchen. Vermutlich würde er bei “The Vengabus is coming / And everybody’s jumping / New York to San Francisco / An intercity disco” seine Arbeit für beendet erklären, die gewonnenen Erkenntnisse veröffentlichen und sein Leben weiterleben. Und auf dem Sterbebett, nach einem langen, erfüllten Leben von mehr als 80 Jahren, würde er sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen, “Verdammt!” brüllen und verscheiden. Und die Angehörigen, die mit feierlicher Miene um ihn herumstehen, würden sich fragen, was das denn jetzt wieder war, Exzentrik hin oder her.

Unserem Mann wäre im letzten Moment “You And Me (In My Pocket)” des belgischen Musikus Milow eingefallen, das er im Jahr 2011 ein paar mal im Radio gehört hatte. Ein netter, harmloser Popsong mit Akustikgitarre und eingängiger Melodie. Auf den Text hat freilich nie jemand geachtet, was – um einen von Klaus Wowereit, an den sich beim Ableben unseres Popmusikliebhabers niemand mehr erinnern kann, geprägten Ausdruck zu verwenden – auch gut so war.

Der Text beginnt mit folgenden Worten:

I wish you smelled a little funny
Not just funny really bad
We could roam the streets forever
Just like cats but we’d never stray

Da wünscht sich also das Lyrische Ich dieses Liedes, die Angebetete röche “ein bisschen komisch”, besser aber gleich “richtig schlecht”, auf dass er mit ihr allein durch die Straßen schlendern könne. “Interessanter Gedanke”, denkt man da. Außerdem reimt sich das ja gar nicht.

Es ist ein Liebeslied, das Herr Milow da entworfen hat — zumindest legt der Refrain diesen Schluss nahe:

Oh you and me
It would be only you and me

Dann hebt er an, die nächste Strophe zu schmettern, in der er sich wünscht, die Adressatin sei “richtig fett”, damit sie nicht mehr durch Türen passe und den ganzen Tag in seinem Bett bleiben müsse — ein Bett, das hoffentlich nicht von Ikea stammt, denn wie sollte das eine derart fettleibige Person tragen?

Außerdem möge sie bitte Federn haben, er würde sie dann in einem riesigen Käfig halten, den ganzen Tag beglotzen und – Höchststrafe bei einem Kerl, der solche Lieder schreibt – für sie singen! “And that would be okay”, na sicher.

Wer bis hierhin schon der Meinung war, derart geisteskranke Machtphantasien könnten sich nur Österreicher ausdenken (also: Falco jetzt), der hat den Tag vor dem Abend, die Rechnung ohne den Wirt, in jedem Fall aber den Song nicht zu Ende gehört:

I wish you were a little slower
Not just slow but paralyzed
Then I could plug you into a socket
So you could never run away

Es kommt entgegen anders lautender Gerüchte eher selten vor, dass ich mein Radio anschreie. Aber als mein Gehirn dummerweise im Empfangsmodus war und diese Zeilen rezipierte, stand meine Halsschlagader kurz vor der Explosion und ich erwog sehr ernsthaft einen Anruf bei WDR 2, jenem Sender der seinen Hörern das Wort “fuck” nicht zumuten möchte, aber offenbar keine Probleme hat, ihnen Texte vorzuspielen, in denen sich ein Typ wünscht, eine Frau sei “gelähmt” und an lebenserhaltende Systeme angeschlossen, damit sie nicht wegrennen könne. Darf jemand, der solche Texte schreibt, in die Nähe von Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen? Dagegen sind die Gewaltphantasien von Rammstein ja der reinste Kindergeburtstag!

Schluss jetzt:

I really wish that you were smaller
Not just small but really really short
So I could put you in my pocket
And carry you around all day

Mehr als hundert Jahre Feminismus, damit so ein Schmusebarde dahergeschmust kommt und eine sehr kleine Frau in seiner Hosentasche verstauen will?! Mein Erregungspotential ist normalerweise begrenzt, ich lache auch über Witze von Jürgen von der Lippe, aber was für eine sexistische Scheiße winselt dieser James Blunt für noch Ärmere denn da unter dem Deckmäntelchen großflächiger Romantik? Hmmm?!

Noch beunruhigender als dieser Song ist vermutlich nur die Vorstellung, dass es einzelne Frauen geben könnte, die bei diesem Minnegesang dahinschmelzen und den Quatsch für “super-romantisch” halten.

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Gesellschaft

Klickbefehl (20)

Anatol Stefanowitsch wollte für seine Töchter Legofiguren kaufen und stellte dabei fest, dass die fast alle Männchen sind. Das stimmt ihn nachdenklich:

Ich bin ein großer Lego-Fan, aber als Vater von zwei Mädchen, die im Leben alles erreichen können sollen, was sie sich vornehmen, hat mich das schockiert. Es hat mich an die unzähligen Kinderbücher erinnert, deren Sexismus ich beim Vorlesen stillschweigend herauseditiert habe: die Geschichte vom mutigen kleinen Fuchsjungen, der interessiert die Welt erkundet, während seine Schwestern lieber bei der Mutter bleiben (er wurde bei mir ein mutiges kleines Fuchsmädchen), die Geschichte von den Kindern aus der Krachmacherstraße, die mit der Bahn in den Urlaub fahren, weil „Mama natürlich nicht autofahren kann“ (sie wurde bei mir zur umweltbewussten BahnCard-Besitzerin), […] .

Der ganze großartige Artikel, nach dessen Lektüre man sich fragt, in was für einem veralteten Weltbild Mädchen eigentlich heutzutage immer noch aufwachsen sollen, steht im Bremer Sprachblog.

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Rundfunk Gesellschaft

Nicht lustig

Vielleicht ist es ein grundsätzlicher Fehler, sich mit “TV Total” überhaupt auseinandersetzen zu wollen. Dieser allenfalls noch lauwarmen Mischung aus Resteverwertung und Crosspromotion, die inzwischen in etwa so schlimm ist wie das Unterschichtenfernsehen, das beim Start der Sendung vor neuneinhalb Jahren noch in den Einspielern zu sehen war. Dieser Show, die zuletzt Aufmerksamkeit erregte, weil sich ein Kandidat ins Studio erbrach. Aber weil ich die Sendung gestern Abend versehentlich gesehen habe, will ich mich doch mal kurz aufregen:

Vorgestern wurden die Spielorte für die Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland bekannt gegeben — und Mönchengladbach und Bochum sind dabei!

Das Thema Frauenfußball finden die Gag-Autoren (und ich habe lange überlegt, ob ich das Wort in Gänsefüßchen packen soll, fand das dann aber zu Leserbrief-mäßig) von “TV Total” sowieso total lustig, weil sie da immer ihre Lesben-Witze, die Hans-Werner Olm und Jürgen von der Lippe seit Mitte der Achtziger unbesehen zurückgehen lassen, unterbringen können. Für gestern hatte man sich aber folgendes ausgedacht: Raab, der seine Witzchen wie immer mit einer “Scheißegal”-Haltung, bei der Harald Schmidt neidisch würde, von Pappen abzulesen versuchte, sollte immer wieder auf die Meldung zu sprechen kommen, aber bevor er die Spielorte vorstellen konnte, sollte immer irgendeine “total wichtige Eilmeldung” von der Sorte “Sack Reis in China umgefallen” eingeschoben werden. So unwichtig ist Frauenfußball nämlich, ha ha. Zusätzlich wurden zwei hässliche Männer als Mannsweiber kostümiert, “Birgit Prinz” und “Kerstin Garefrekes” genannt und immer wieder für später als Gäste angekündigt, wobei für ihren Auftritt am Ende – ha ha – natürlich keine Zeit mehr blieb.

Dass die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen seit 1997 fünf internationale Titel gewonnen hat (zum Vergleich: die der Männer im gleichen Zeitraum null) — geschenkt. Es geht mir auch noch nicht mal um den unverholenen Sexismus, der solche Aktionen durchweht (der disqualifiziert die Macher der Sendung selbst laut genug). Es ist nur einfach so, dass solche Einlagen nicht mal lustig wären, wenn Raab sie in einem Clownkostüm und einem auf die Stirn getackerten Schild mit der Aufschrift “Lustig! Lachen” vortragen würde.

Allein zur Meldung, dass in den Stadien von Borussia Mönchengladbach und dem VfL Bochum Fußballländerspiele stattfinden sollen, fielen mir als Gladbach-Fan und Bochum-Sympathisant ein Halbdutzend Witze über die derzeitige Situation bei den beiden Mannschaften ein. Auch die Spielorte Augsburg, Dresden, Leverkusen, Sinsheim und Wolfsburg böten genug Möglichkeit, sich wenigstens über die Städte lustig zu machen, wenn man schon doof irgendwas bashen will. Sich irgendwas Witziges zu dem Thema auszudenken, ist erstens nicht schwer und zweitens Aufgabe von einem Haufen von Gag-Autoren.

Und dann die Nummer mit den “vergessenen Gästen”, die jegliches Timing vermissen ließ: Natürlich ist die auch noch schlecht geklaut, denn der Gag bei Jimmy Kimmel besteht ja darin, einen Weltstar zu “vergessen” und nicht nachgebaute Vertreterinnen einer Sportart, die medial sowieso nicht gerade überrepräsentiert ist. Wenn die Nummer überhaupt zu irgendwas taugte, dann als abschreckendes Beispiel.

Aber es sind ja nicht nur die Autoren. Die können sich viel erlauben, weil es in Deutschland sowieso keine guten Comedy-Shows als Konkurrenz gibt und der Humor der Deutschen nicht umsonst weltweiten Spott genießt. Es ist auch der Moderator, dem seine eigene Sendung so völlig egal ist, dass die besten Lacher in dem Moment entstehen, wenn es ihm selbst auffällt. Stefan Raab ist sicher ein verdienstvoller TV-Schaffender (vermutlich der Wichtigste in diesem Jahrzehnt), aber “TV Total” ist ein völliges Desaster.

Alles, wirklich alles an der Sendung ist schlimm: der Standup; die Ausschnitte, die inzwischen weitgehend unkommentiert und reflektiert abgenudelt werden; die Einspieler mit lustigen Straßeninterviews, die erstens soooo 1998 sind und bei denen zweitens die Fragen in der Nachbearbeitung von diesem Mann mit der ach-so-lustigen Stimme vorgelesen werden; die Gäste, die Raab völlig egal sind, und über die er die Hintergrund-Infos allenfalls während der Show liest.

Alle paar Wochen, wenn Tiere zu Gast sind oder die Hersteller von Elektrorollern, ist Raab bei der Sache. Dann macht es ihm Spaß und mit ein wenig Glück kommen dabei wirklich lustige, bisweilen brillante Aktionen rum. Wenn irgendein Redakteur Wert darauf legen würde, unterhaltsames Fernsehen zu produzieren, würde er an genau der Stelle ansetzen. Aber so lange ProSieben die Verträge trotz sinkender Quoten verlängert, scheinen alle zufrieden zu sein. Und wenn die einzige “Konkurrenz” ungefähr drei Mal im Jahr unter dem Titel “Schmidt & Pocher” versendet wird, ist das sogar fast nachzuvollziehen. Zuschauer, die echte Late-Night-Unterhaltung wollen, sehen sich eh die US-Originale im Internet an.