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Musik

Song des Tages: Dan Bern – God Said No

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Zum ersten Mal gehört: Im Sommer 2002, Sonntagsabends in einer (durchaus ernstzunehmenden) Musiksendung auf WDR 2.

Wer musiziert da? Dan Bern, ein Musiker aus Iowa, von dem ich nur ein Album und ein paar einzelne Songs kenne. “New American Language” allerdings ist geradezu ein Meisterwerk, vom rockigen Opener bis zum ausufernden, zehnminütigen Finalsong. Alles dazwischen ist wie Bob Dylan und Elvis Costello in ihren besten Momenten durcheinander.

Warum gefällt mir das? Das ist natürlich auch so ein Song, der vor allem über die Lyrics funktioniert: Da trifft der Erzähler auf Gott und bittet darum, in der Zeit zurückreisen zu können, um a) Kurt Cobain vom Selbstmord abzuhalten, b) Hitler zu erschießen, bevor der größeren Schaden anrichten kann und c) Jesus vor der Kreuzigung zu bewahren. Aber Gott sagt jedes Mal “Nein” — wohlbegründet! Dass das Ganze komplett unpeinlich, ja im Gegenteil: unglaublich anrührend ist, muss man erst mal hinkriegen. Und die Musik ist ja auch ganz schön.

[Alle Songs des Tages — auch als Spotify-Playlist]

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Musik

Song des Tages: The Beatles – All My Loving

Hier im Blog passiert in letzter Zeit nicht so richtig viel: Arbeit und Leben brauchen schließlich auch ihre Zeit. Das ärgert mich trotzdem — vor allem, weil wenn ich dann mal was blogge, der Grund meistens ist, dass ich mich über irgendetwas Journalisten aufrege. So wird das hier auf Dauer die Abraumhalde für meine schlechte Laune.

Aber das soll sich ändern.

Der Plan ist, jetzt jeden Tag ein Lied zu posten. Ob alt oder neu, bekannt oder unbekannt, Indie, Hiphop oder ESC ist dabei völlig wumpe. Das einzige Kriterium ist: Es muss mir gefallen oder für mich irgendeine Bedeutung haben, die ich in zwei, drei Sätzen erkläre.

Beginnen wollen wir mit einem Vorschlag von Captain Obvious:

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Zum ersten Mal gehört: Keine Ahnung. Irgendwann vor 1993, als ich meine ersten eigenen CDs geschenkt bekam, die tatsächlich von den Beatles waren — wenn auch keine Original-Alben, sondern wüste Umsortierungen der ersten fünf Alben durch eine Kaffeerösterei. Ich kannte das Stück vorher schon, denn als Instrumentalversion war es die Titelmelodie der WDR2-Verbrauchersendung “Quintessenz”, die jeden Tag im Autoradio lief, wenn unsere Mutter uns Kinder zu Freunden, zu Arztterminen oder zum Einkaufen fuhr.

Wer musiziert da? Die Beatles. Ich bin nicht bereit, das näher zu erklären. Die sind ja keine Telefonzelle.

Warum gefällt mir das? Na ja, es sind die Beatles. Es ist sicherlich nicht ihr bester Song, es ist nicht mal der beste Song der frühen Phase. Aber es ist tatsächlich der Song, der mir mir nach langer Überlegung als derjenige einfiel, an den ich die ältesten Erinnerungen habe (von irgendwelchen Kinderliedern jetzt mal ab). Und irgendwie gefällt mir auch die rührende Schlichtheit der Lyrics: Hey, Darling, morgen bin ich weg, aber ich schick Dir jeden Tag einen Brief mit all meiner Liebe. Post von McCarteny, sozusagen.

Und jetzt bin ich mal gespannt, wie lange ich durchhalte …

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Musik

Taschenspielertricks

Wenn sich ein exzentrischer Popmusikliebhaber mit zu viel Tagesfreizeit daran machte, den dümmsten Songtext (des Jahrzehnts/seiner Generation/aller Zeiten) zu küren, würde er seine Suche womöglich bei der Volkstümlichen Musik beginnen, sich durch den Schlager arbeiten und es dann mal beim Kirmestechno versuchen. Vermutlich würde er bei “The Vengabus is coming / And everybody’s jumping / New York to San Francisco / An intercity disco” seine Arbeit für beendet erklären, die gewonnenen Erkenntnisse veröffentlichen und sein Leben weiterleben. Und auf dem Sterbebett, nach einem langen, erfüllten Leben von mehr als 80 Jahren, würde er sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen, “Verdammt!” brüllen und verscheiden. Und die Angehörigen, die mit feierlicher Miene um ihn herumstehen, würden sich fragen, was das denn jetzt wieder war, Exzentrik hin oder her.

Unserem Mann wäre im letzten Moment “You And Me (In My Pocket)” des belgischen Musikus Milow eingefallen, das er im Jahr 2011 ein paar mal im Radio gehört hatte. Ein netter, harmloser Popsong mit Akustikgitarre und eingängiger Melodie. Auf den Text hat freilich nie jemand geachtet, was – um einen von Klaus Wowereit, an den sich beim Ableben unseres Popmusikliebhabers niemand mehr erinnern kann, geprägten Ausdruck zu verwenden – auch gut so war.

Der Text beginnt mit folgenden Worten:

I wish you smelled a little funny
Not just funny really bad
We could roam the streets forever
Just like cats but we’d never stray

Da wünscht sich also das Lyrische Ich dieses Liedes, die Angebetete röche “ein bisschen komisch”, besser aber gleich “richtig schlecht”, auf dass er mit ihr allein durch die Straßen schlendern könne. “Interessanter Gedanke”, denkt man da. Außerdem reimt sich das ja gar nicht.

Es ist ein Liebeslied, das Herr Milow da entworfen hat — zumindest legt der Refrain diesen Schluss nahe:

Oh you and me
It would be only you and me

Dann hebt er an, die nächste Strophe zu schmettern, in der er sich wünscht, die Adressatin sei “richtig fett”, damit sie nicht mehr durch Türen passe und den ganzen Tag in seinem Bett bleiben müsse — ein Bett, das hoffentlich nicht von Ikea stammt, denn wie sollte das eine derart fettleibige Person tragen?

Außerdem möge sie bitte Federn haben, er würde sie dann in einem riesigen Käfig halten, den ganzen Tag beglotzen und – Höchststrafe bei einem Kerl, der solche Lieder schreibt – für sie singen! “And that would be okay”, na sicher.

Wer bis hierhin schon der Meinung war, derart geisteskranke Machtphantasien könnten sich nur Österreicher ausdenken (also: Falco jetzt), der hat den Tag vor dem Abend, die Rechnung ohne den Wirt, in jedem Fall aber den Song nicht zu Ende gehört:

I wish you were a little slower
Not just slow but paralyzed
Then I could plug you into a socket
So you could never run away

Es kommt entgegen anders lautender Gerüchte eher selten vor, dass ich mein Radio anschreie. Aber als mein Gehirn dummerweise im Empfangsmodus war und diese Zeilen rezipierte, stand meine Halsschlagader kurz vor der Explosion und ich erwog sehr ernsthaft einen Anruf bei WDR 2, jenem Sender der seinen Hörern das Wort “fuck” nicht zumuten möchte, aber offenbar keine Probleme hat, ihnen Texte vorzuspielen, in denen sich ein Typ wünscht, eine Frau sei “gelähmt” und an lebenserhaltende Systeme angeschlossen, damit sie nicht wegrennen könne. Darf jemand, der solche Texte schreibt, in die Nähe von Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen? Dagegen sind die Gewaltphantasien von Rammstein ja der reinste Kindergeburtstag!

Schluss jetzt:

I really wish that you were smaller
Not just small but really really short
So I could put you in my pocket
And carry you around all day

Mehr als hundert Jahre Feminismus, damit so ein Schmusebarde dahergeschmust kommt und eine sehr kleine Frau in seiner Hosentasche verstauen will?! Mein Erregungspotential ist normalerweise begrenzt, ich lache auch über Witze von Jürgen von der Lippe, aber was für eine sexistische Scheiße winselt dieser James Blunt für noch Ärmere denn da unter dem Deckmäntelchen großflächiger Romantik? Hmmm?!

Noch beunruhigender als dieser Song ist vermutlich nur die Vorstellung, dass es einzelne Frauen geben könnte, die bei diesem Minnegesang dahinschmelzen und den Quatsch für “super-romantisch” halten.

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Musik

Parental Advisory

Saturn bietet in seinem MP3-Shop gerade die “Top 100 Hard Rock + Heavy Metal Alben” für je 4,99 Euro an:

Top 100 Hard Rock + Heavy Metal Alben für je 4,99 Euro

Äh, Moment. Kann ich das dritte Album von links noch mal sehen?

Mumford & Sons - Sigh No More (Albumcover)

Aha.

Da passt es natürlich schön ins Bild, dass WDR 2 heute eine Version von “Little Lion Man” gespielt hat, in der allen Ernstes sämtliche Refrains bei “I really fucked it up this time / Didn’t I, my dear” ohne das “fucked” auskommen mussten.

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Rundfunk Radio

Ich, WDR 2

Radio-Symbolbild

Ich renoviere ja zur Zeit eine ehemals milde sanierungsbedürftige Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Bochumer Innenstadt, weswegen ich auch so selten dazu komme, irgendwelche Texte zu schreiben. Weil die Geräusche, die so eine Renovierung macht, extrem langweilig sind (und ich mich immer noch jedes Mal erschrecke, wenn meine Gas-Therme anspringt), habe ich mir ein Radio in die Wohnung gestellt. Es soll mich mit aktuellen Nachrichten und gefälliger Musik versorgen, soll unterhalten, aber nicht anstrengen — kurzum: Es soll das tun, wozu ein Nebenbeimedium wie das Radio heutzutage da ist.

Ich habe mich notgedrungen für WDR 2 entschieden. Bei meinen Eltern ist WDR 2 seit Jahrzehnten in den Radios in Küche, Wohnzimmer und Auto eingestellt, und ich selbst höre den Sender seit einiger Zeit beim Frühstück, noch dazu jeden Samstagnachmittag, wenn Fußball ist. Es ist der Sender, mit dem ich aufgewachsen bin, und noch heute erinnern mich Namen wie Horst Kläuser, Michael Brocker oder Gisela Steinhauer an die Nachmittage meiner Kindheit, an denen wir zum Einkaufen fuhren oder zu Freunden gebracht wurden und im Autoradio das “Mittagsmagazin” laufen hatten.

Ich höre WDR 2 nicht, weil der Sender so gut wäre, sondern weil er alternativlos ist: Eins Live ist für mich inzwischen unerträglich geworden, WDR5 hat einen viel zu hohen Wortanteil und zu lange Beiträge, wegen derer man dann zwanzig Minuten lang den Staubsauger nicht einschalten darf, und Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur kann ich auch noch hören, wenn ich ebenso tot bin wie die Macher. CT das radio wäre naheliegend, habe ich kürzlich auch probiert, aber da fehlten mir dann tagsüber wieder die Inhalte. Es bleibt also wirklich nur WDR 2, wo die meisten Moderatoren ganz sympathisch sind, die meisten Beiträge vorhersehbar bieder und man insgesamt weiß, was man hat — so wie in einer langjährigen Ehe halt.

Das Problem ist: Der durchschnittliche Hörer hört einen Sender am Tag etwa 30 Minuten beim Frühstück, Autofahrer evtl. ein bisschen mehr. Das Programm ist nicht darauf ausgelegt, den ganzen Tag über zu laufen. Wer es trotzdem eingeschaltet lässt, bekommt die Quittung: Die ständige Wiederholung.

Ein Beitrag, der in der “Westzeit” lief, kann bequem noch mal bei “Zwischen Rhein und Weser” recycelt werden. Was im “Mittagsmagazin” vorkam, kann bei “Der Tag” vier Stunden später noch einmal laufen. Die Kurzform bekommt man in der Zeit dazwischen alle zwei Stunden in den Nachrichten eingespielt. Der “Stichtag” wird eh zwei Mal am Tag ausgestrahlt (9.40 Uhr und 17.40 Uhr) — beide Male mit der wortgleichen An- und Abmoderation.

Besonders schlimm war es rund um den Jahreswechsel: Viele Redakteure hatten Urlaub und Rückblicke und Vorschauen auf kulturelle oder sportliche Großereignisse konnten beliebig oft gesendet werden. Zeitlose Beiträge wie der über die kalten Füße (“Warum hat man sie, was kann man dagegen tun?”) oder den Kauf des richtigen Ski-Helms wurden vermutlich im Oktober produziert und laufen bis März alle anderthalb Wochen, dann werden sie eingemottet und erst im Folgewinter wieder hervorgeholt.

Zwischendurch läuft viel Musik, aber nur wenig unterschiedliche. Nach ein paar Tagen weiß ich, welche Songs auf welchen Rotationsstufen laufen. Auf der höchsten beispielsweise “Aeroplane” von Reamonn, “Wheels” von den Foo Fighters, “Fireflies” von Owl City und elendigerweise auch “If Today Was Your Last Day” von Nickelback. “I Will Love You Monday (365)” von Aura Dione ist ganz offensichtlich der grauenerregendste Song des Jahres 2009 (vielleicht auch der schlechteste Song, der jemals aufgenommen wurde), aber das muss ja nicht alle 14 Stunden aufs Neue bewiesen werden. Stanfour kommen von der Insel Föhr, was jedes verdammte Mal in der Abmoderation erwähnt werden muss — dass Föhr die zweitgrößte deutsche Nordseeinsel ist, erfährt man nur alle drei bis vier Einsätze.

Ungefähr die Hälfte aller WDR2-Songs klingt so ähnlich, dass man sich beim Zählen ständig vertut: Eine junge Frau singt ein bisschen soulig über einen Typen, der sie schlecht behandelt, den sie aber trotzdem liebt. Sie bleibt eine tapfere, eigenständige Frau, während im Hintergrund das von den 1960er-Jahren inspirierte Arrangement mit Bläsern und Chören schunkelt. Mark Ronson hat das Tor zur Hölle aufgestoßen, als er Amy Winehouse und Lily Allen produzierte.

Eine Zeit lang denke ich, dass es an der eigenen Radioerfahrung liegt, dass mir das alles auffällt. Dann kommen meine Geschwister zum Anstreichen und verkünden, welcher Song in welcher Stunde laufen wird (bei Eins Live kann man es auf die Minute genau vorhersagen). Nach vier Tagen kenne ich die Schichtpläne der Nachrichtensprecher und die Sendeuhr, nach acht Tagen bin ich die Sendeuhr.

Noch öfter als Beiträge und Musikstücke wiederholt sich die Werbung — jede halbe Stunde. Ex-Deutschlandfunk-Chef Ernst Elitz hatte völlig Recht, als er einmal sinngemäß sagte, Radiowerbung habe – im Gegensatz zu Kino- oder Fernsehwerbung – nie neue Ästhetiken erschaffen und neue Trends gesetzt, sondern sei immer nur nervtötend gewesen.

Ich weiß jetzt, dass es bei Praktiker bis zum Wochenende 20% auf alles (“außer Tiernahrung”) gab, was ich allerdings schon vorher wusste, weil man beim Renovieren auffallend oft Baumärkte ansteuert. Manfred “Bruce Willis” Lehmann wirbt außerdem noch für einen Küchenmarkt, was marketingtechnisch sicher suboptimal ist, weil jetzt ständig die Leute bei Praktiker nach den Küchen-Rabatt-Aktionen fragen. Guildo Horn wirbt für die Küchen in einem Einrichtungsmarkt, Werner Hansch für einen anderen und Ludger Stratmann ebenfalls für einen. Es gibt Rabattaktionen in der Galeria Kaufhof und Null-Prozent-Finanzierung bei Opel und Peugeot. Und Seitenbacher-Müsli ist gut für die Verdauung.

Die dreckigsten Arbeiten sind abgeschlossen, mein gutes altes Telefunken-Radio hat viel Staub, aber nur sehr wenige Farbspritzer abbekommen. So langsam könnte ich meinen einen iPod mitbringen und an die alten Aktivboxen anschließen. Aber ich würde auch etwas vermissen: Die ständig ins Programm eingestreuten Evergreens von den Lightning Seeds und The Beautiful South, die vorgelesenen Hörer-E-Mails und die immer neuen Versuche, Verkehrsmeldungen mit humoristischen Einlagen zu verbinden.

Das Frequenzwahl-Rädchen meines Telefunken wird auch nach dem Umzug unberührt bleiben.

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Politik

Unvernünftig

Nachdem in der letzten Zeit eine beunruhigende Zahl an Datenschutzvergehen aufgeflogen war, hatte Wolfgang Schäuble gestern zu einem Datenschutzgipfel geladen.

Thomas Knüwer nennt die beschlossene Gesetzesverschärfung, die die Datenweitergabe nur mit ausdrücklicher Einwilligung der Betroffenen vorsieht, eine “weltfremde PR-Aktion der Politik” und fordert ein komplettes Verbot des Handels mit Personendaten.

Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Inneren und selbst begeisterter Datensammler, sieht das ein bisschen anders:

Wir sollten auch nicht das amtliche Telefonbuch, wo man gucken kann, wie man einen anrufen kann, schon als eine der ganz großen Gefahren ansehen. Sondern was wir brauchen ist, angesichts neuer technologischer Entwicklungen, angesichts einem ganz anderen, ähm, Möglichkeiten, Potentialen der Datensammlung, -speicherung und -verarbeitung eine vernünftige Begrenzung des Missbrauchs.

[Nachzuhören bei WDR 2]

Natürlich ist ein Telefonbuch (für das ich der Nennung meiner Daten übrigens gleich bei Anschlussanmeldung widersprochen habe) keine “ganz große Gefahr”. Das hat aber erstens (soweit ich weiß) auch niemand behauptet und zweitens klingt diese Umschreibung etwas merkwürdig aus dem Munde eines Mannes, der in allem und jedem eine Gefahr sieht.

Und ob eine Begrenzung des Missbrauchs auch etwas anderes als “vernünftig” sein kann, wüsste ich dann wirklich gerne mal.

Mit Dank an Oliver Ding für den Hinweis.

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Musik

All They Want To Do Is Rock

Entgegen meiner gestrigen Behauptung wird das Wetter offenbar doch nicht vom Spielplan der Fußballbundesliga bestimmt, sondern vom Tourkalender britischer Rockbands. Denn kaum hatte ich gestern Mittag zur Einstimmung auf das abendliche Travis-Konzert Musik meiner schottischen Lieblinge aufgelegt, öffnete Petrus auch schon alle Schleusen und zwang mich, zur U-Bahn zu waten.

In Köln-Mülheim angekommen, hatte sich das Wetter wieder beruhigt, aber im E-Werk erwarteten mich die nächsten Schocks – oder Schöcke? Jedenfalls war der Laden um zwanzig vor Acht gerade mal mit geschätzten zweihundert Leuten gefüllt und überall hingen riesige Werbebanner von WDR 2. “Neeeeeeiiiin!”, schrie ich, “ich bin doch noch viel zu jung! Ich will nicht auf Konzerte, die von diesem Eltern-Sender präsentiert werden, gehen!” Später sah ich, dass die Soundmischer das Konzert mitschnitten – und sollte WDR 2 es schaffen, das komplette Konzert auszustrahlen, wäre ich sogar mit den Bannern und dem Gefühl des Altseins versöhnt.1

Vorband waren The Taste aus München, eine Art White Stripes mit umgekehrter Geschlechterverteilung. Das war ganz nett und kurzweilig und weil die Dame und der Herr jedes Lied namentlich ankündigten weiß ich jetzt, dass nahezu alle The-Taste-Songs ein “you” im Titel haben. Öhm, das klingt jetzt nicht sonderlich positiv, aber stellen Sie sich mal vor, wie sie auf noch so gute Bands reagieren würden, die Ihre Lieblingsband supporten müssten. Da guckt man halt immer auf die Uhr.

Auf die Uhr geguckt wurde auch von offizieller Seite sehr exakt (WDR-2-Konzert halt): 19:59 Uhr Vorband, 21:00 Uhr Licht aus für Travis. Wie man es schon aus diesem Mitschnitt kennt, erklang zunächst die Hymne von 20th Century Fox, ehe die Band in Bademäntel gehüllt zum “Rocky Theme” in die Halle einzog. Durchs Publikum, das inzwischen glücklicherweise doch noch ein bisschen angewachsen war. Fran Healy sieht von nahem sehr viel kleiner, bärtiger und grauer aus als auf der Bühne, aber er hat sehr wache Augen und einen festen Händedruck.

Als die vier Schotten und ihr schwedischer Tour-Keyboarder die Bühne erklommen hatten, schmissen sie sich mit Schmackes in “Selfish Jean”, wobei Fran Healy während des ganzen Konzertes eines der T-Shirts trug, die sich Demetri Martin im Video zum Song vom Körper schält. Ohne ausufernde Ansagen, die Fran noch auf vergangenen Touren gemacht hatte, sprang die Band von Song zu Song und damit kreuz und quer durch die eigene Geschichte. Noch auf keiner Tour nach 2000 haben Travis so viele Songs von ihrem Debütalbum gespielt (“Good Day To Die”, “The Line Is Fine”, “Good Feeling” und “All I Want To Do Is Rock”), noch nie standen alte und neue Songs derart Schulter an Schulter. Was beim Hören der verschiedenen Alben mitunter nur schwer vorstellbar ist, wurde live völlig klar: Diese Songs stammen alle von der selben Band und sie sind auch alle Kinder gleichen Geistes.

Zwar spielte die Band jede Menge Singles, aber das Konzert wirkte dennoch nicht wie eine Greatest-Hits-Show. Dafür fehlten die Nicht-Album-Singles “Coming Around” und “Walking In The Sun”, aber auch “Re-Offender” von “12 Memories”. Überhaupt gab’s vom ungeliebten “dunklen” Album gerade mal zwei Songs zu hören: “The Beautiful Occupation” und das luftige “Love Will Come Through”. Was aber noch viel merkwürdiger war: Es gab auch gerade mal vier Songs vom aktuellen Album “The Boy With No Name”. Kein “Colder”, kein “Battleships”, kein “Big Chair”.

Die Sieger im Set hießen also “The Man Who” (5 von 11 Songs, nur “Blue Flashing Light” fehlte zur vollen Glückseligkeit) und “The Invisible Band” (5 von 12 Songs, davon “Flowers In The Window” in einer wunderbaren Akustikversion, bei der die ganze Band sang). Die Reaktionen im Publikum machten deutlich, dass es sich bei den Beiden in der Tat um die Lieblingsalben der meisten Fans handeln muss.

Obwohl das Set also etwas merkwürdig aussah und mindestens zwei Songs (für mich “Blue Flashing Light” und “Colder”) zu wünschen übrig ließ, war es ein tolles Konzert, denn die Band hatte sichtlich Spaß bei dem, was sie da tat, und diese Freude übertrug sich auf das Publikum. Als letzten Song im Zugabenblock gab es dann natürlich “Why Does It Always Rain On Me?”, das Lied, das für Travis das ist, was “Creep” für Radiohead, “Loser” für Beck und “Wonderwall” für Oasis ist: Das Lied, das jeder kennt, auch wenn er sonst nichts von der Band kennt. Aber Travis schaffen es, mit diesem Hit würdevoll umzugehen und wenn das Publikum erst mal hüpft wie eine Kolonie juveniler Frösche, ist die kommerzielle Bedeutung des Lieds eh egal. Und weil Fran den Song beim ersten Mal falsch zu Ende gebracht hatte (“This doesn’t happen that often because usually I’m perfect”), gab’s das Finale dann ein zweites Mal.

Das nächste Mal wollen Travis nicht wieder vier Jahre auf sich warten lassen. Im Dezember geht’s ins Studio, um ein neues Album aufzunehmen.

1 Ja, ich glaube, das war eine Aufforderung.

Und hier noch die Setlist für die Jäger und Sammler:

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Rundfunk Leben

Nach dem Ende des Tunnels

Jetzt isse also auch schon zehn Jahre tot, die Prinzessin. Noch immer wollen viele Leserinnen von Wartezimmerauslegeware nicht glauben, dass das glamouröse Leben von “et Daiänna” endete, weil ihr betrunkener Fahrer einen Mercedes mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Betonpfeiler jagte.

Wie später bei den Anschlägen des 11. September oder vorher bei der Ermordung John F. Kennedys (die deutlich Älteren werden sich erinnern …) weiß heut noch jeder, wo er an diesem schönen Sonntagmorgen war, als er “davon” erfuhr. Alternativ hat sich das Unterbewusstsein aus der Wirklichkeit und den Milliarden Berichten, die man seitdem über diese Ereignisse gesehen hat, eine eigene, vielleicht spannendere Version dieses Moments zurechtgebogen.

Ich taperte an diesem 31. August 1997 – von einer ein paar Tage zurückliegenden Operation noch leicht gehbehindert – durch die elterliche Wohnung und vernahm auf WDR2 (es ist immer WDR2, wenn irgendwas schlimmes passiert) einen Nachrichtensprecher, der folgenden Satz vorlas: “Bundespräsident Herzog hat in einem Telegramm den Prinzen William und Harry sein Mitgefühl ausgedrückt.”

“Was ist da los?”, dachte ich, fragte ich und bekam ich berichtet. Und obwohl mir Prinzessin Diana bis zu diesme Moment nun wirklich sowas von egal gewesen war, war ich doch … Nein, nicht geschockt oder berührt oder so: verwirrt. Ich nahm die Nachricht zur Kenntnis und widmete mich dem, was ich schon seit Ewigkeiten mache, wenn irgendetwas schlimmes passiert ist: Ich versuchte, alle Informationen über das Ereignis aufzusaugen.

Ich erinnere mich daran, dass ich es irgenwie unpassend fand, dass WDR2 “Mmmm, Mmmm, Mmmm, Mmmm” von den Crash Test Dummies spielte (“Once there was this kid who got into an accident and couldn’t come to school”), dass wir am Nachmittag in “Mr. Bean – Der Film” waren, und dass am Abend nichts anderes im Fernsehen kam als die tote Prinzessin. Alle Menschen sprachen nur noch davon, Milliarden sahen die Beerdigung im Fernsehen und ich schnitt mir den neuen Text von Elton Johns “Candle In The Wind” aus der Zeitung aus und versuchte, das Lied auf dem Klavier nachzuspielen. Nach anderthalb Wochen war mir das englische Königshaus wieder völlig egal.

Und wenn dieser Tage wieder überall über die Prinzessin berichtet wird und der Satz “Sie wird nie vergessen werden” fällt, dann ist das eine self-fulfilling prophecy.

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Rundfunk Radio

I’m A Yesterday Man

Am Donnerstag startete in den deutschen Kinos “Robert Altman’s Last Radio Show” (was – angedenk der Tatsache, dass Regisseur Robert Altman inzwischen verstorben ist – ein überraschend passender “deutscher” Titel für “A Prairie Home Companion” ist). In dem höchst vergnüglichen Revuefilm mit Starbesetzung geht es um eine traditionsreiche amerikanische Radioshow, die nach vielen Jahren eingestellt werden soll.

Radio ist heute ein sog. Nebenbeimedium, d.h. die Radiomacher sind der Ansicht, ihre Hörer hörten ihnen sowieso nicht zu, weswegen sie ihr Programm so gestalten, dass ihnen auch wirklich niemand mehr zuhören will: Überdrehte Gute-Laune-Maschinen aus dem Privatradio, die eine Hektik verbreiten wie ein Hamster, der ein Kilo Ecstasy gefuttert hat, könnte ich nicht mal “nebenbei” ertragen, und die ehemaligen Qualitätssendungen der öffentlich-rechtlichen Sender sind inzwischen auch im “Formatprogramm” angekommen (zwei beliebige Popsongs; ein Studiogespräch, das auf keinen Fall länger als anderthalb Minuten dauern darf und mit einem nervigen “Musikbett” unterlegt ist; zwei beliebige Popsongs; eine kurze, pointenlose Zwischenmoderation; zwei beliebige Popsongs; Werbung – dazu alle drei Minuten der Hinweis, welchen Sender man gerade noch mal eingeschaltet hatte).

Da grenzt es fast an ein Wunder, dass es auch im deutschen Radio noch eine richtige Radioshow im besten, im klassischen Sinne gibt: sie heißt “Yesterday”, läuft seit 1995 auf WDR 2 und wird von ihrem Erfinder Roger Handt moderiert. Früher hieß sie “Yesterday – Die Oldie-Show” und genau das ist sie eigentlich auch: In der ersten Stunde der dreistündigen Sendung werden Hörerwünsche erfüllt (als “Oldie” gilt ein Song, der vor mehr als zehn Jahren erschienen ist, d.h. spätestens Ende dieses Jahres können wir mit “Angels” von Robbie Williams rechnen), in den zwei darauffolgenden Stunden findet das “Yesterday-Quiz” statt, bei dem je zwei Hörer in zwei Runden und einem Finale gegeneinander antreten.

Die Kandidaten, meist 55jährige Lehrer aus Essen, müssen (manchmal recht simple, manchmal wirklich knifflige) Fragen zu einem bestimmten Jahrzehnt beantworten, dazwischen gibt es viele Musiktitel, die – auch das ist im Radio inzwischen eine Seltenheit – fast immer ausgespielt werden. Als es im Januar um die Neunziger Jahre (des zwanzigsten Jahrhunderts) ging, fühlte ich mich plötzlich sehr, sehr alt. Einmal im Monat findet die Sendung vor einem Livepublikum statt, das mitunter mehrere Jahre auf seine Eintrittskarten warten musste, und was “Yesterday” (neben der vielen Musik, die heute kaum noch im Radio gespielt wird, und den durchaus interessanten Quizrunden) so besonders macht, ist die Art, mit der Roger Handt sie moderiert: es gibt keinen strikten Sendeplan, keine Anderthalb-Minuten-Regelungen, keinerlei Hektik.

Die Vorstellung der Kandidaten nimmt so viel Zeit in Anspruch, wie andere Sendungen gerade mal einem Starinterview (inkl. Musiktitel) einräumen würden. Handt kann sich minutenlang mit einem kaufmännischen Angestellten aus dem Siegerland über den Ein- und Verkauf von Schrauben (“für den Trockenbau, für Holz”) unterhalten oder sich von einer Hausfrau aus Köln über ihre Kinder berichten lassen, ohne dass es auch nur ansatzweise langweilig wird. Er interessiert sich für seine Anrufer (und wohl für alle seine Hörer) und die freuen sich, “endlich mal durchgekommen” zu sein – ob sie hinterher etwas gewinnen (es geht um CDs und Konzertkarten), ist den meisten fast egal. Handt ist locker im positiven Sinn, ohne dabei ins Joviale (s. Thomas Gottschalk) oder Überdrehte (s. Frühstücksmoderatoren auf jedem verdammten Sender) abzurutschen, und er sagt Sachen wie “Schon komisch, dass so ein Franz Beckenbauer mal Platten eingesungen hat. Obwohl: Marius Müller-Westernhagen singt ja auch …”

Die Sendung läuft Samstagabends ab 19 Uhr und sorgt damit regelmäßig dafür, dass man sich beim Abendessen festhört und das abendliche Fernsehprogramm einfach ignoriert. Roger Handt kennt jeden Song, den er spielt, und weiß, wer ihn wann (wahrscheinlich auch wo) geschrieben, und wer ihn Jahre später auf der B-Seite welcher Single gecovert hat – und wer dabei die Leadgitarre spielte, obwohl er gar nicht in den Liner Notes auftauchte. Sollte er sich doch mal einen groben Schnitzer erlauben, weist er hinterher ganz zerknirscht darauf hin.

Roger Handt ist kein deutscher John Peel. Der legendäre englische Radio-DJ entdeckte bis zu seinem plötzlichen und viel zu frühen Tod 2004 noch wöchentlich neue Platten und feierte Musiker, die seine Enkelkinder hätten sein können. Handt, der 1945 und damit sechs Jahre nach Peel geboren wurde, sagt heute in Interviews Sätze wie

Ich muss mich nur noch für das interessieren, was mich interessiert.

und dass Freddy Quinn ein paar geistreichere Sachen gesungen habe als Xavier Naidoo. Das ist sein gutes Recht, und gerade bei solchen Vergleichen wagt man – schon wegen mangelnder Werkkenntnis beider Künstler – kaum zu widersprechen.

“Yesterday” ist echte Radiounterhaltung. Man kann sich irre jung (“Das war Karl Schiller, Bundeswirtschaftsminister von 1966 bis 1972.”) und wahnsinnig alt (“Und als nächstes hören wir Hanson mit ‘MMMbop’!”) fühlen. Bei mir erzeugt die Sendung das, was schon lange keine Fernsehshow mehr erreicht: das Gefühl der Geborgenheit, so wie vor vielen Jahrzehnten die Illies’sche Badewanne vor “Wetten dass …?”