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Unterwegs

Via con me

Mein Großvater war nach einem ärztlichen Behandlungsfehler und einer Nahtoderfahrung immer noch nicht aus dem Krankenhaus entlassen, weswegen die zwei Plätze einer seit langem geplanten Pilgerreise in der Karwoche an meinen Vater und mich fielen. Am 7. April 2001 flogen wir von Düsseldorf nach Rom-Fiumicino, am nächsten Morgen standen wir auf dem Petersplatz, um einer der letzten Palmsonntagsmessen von Papst Johannes Paul II. beizuwohnen. Ich bin das Kind einer Mischehe: evangelisch getauft und konfirmiert, aber durch meinen väterliche Linie auch immer wieder in der katholischen Kirche gewesen, natürlich nie bei der Kommunion. Aus einer merkwürdigen Laune heraus, die exakt zu gleichen Teilen aus Respekt (es gibt ja wirklich mindestens 2000 Dinge, die man an der Katholischen Kirche kritisieren kann, aber: Show können sie!) und Trotz (genau der Papst, dem die Jugendlichen aus Mexiko, Kroatien und Argentinien um uns herum zujubelten, würde neben vielen anderen Dingen niemals erlauben, dass ich als Protestant dieses Sakrament empfange) bestand, beschloss ich an jenem Morgen: Wenn ich jemals zur Kommunion gehe, dann jetzt und hier!

Untergebracht war unsere Reisegruppe in einem Gästehaus auf einem Hügel westlich des Vatikans. Die einzigen anderen Menschen unter 40 waren zwei Geschwister, die ungefähr in meinem Alter waren und mit ihren Großeltern reisten. Weil dies keine Nancy-Meyers-Komödie war, sondern mein Leben, entspann sich weder mit dem Mädchen noch mit dem Jungen eine wie auch immer geartete Romanze.

Der Reiseleiter, ein Dr. Frenger, war Theologe und Kunsthistoriker, sah aus wie die Zeichentrickversion von Inspektor Clouseau und litt sichtlich unter dem Desinteresse der leicht trutschigen Mutter-Tochter-Gespanne, die den Großteil unserer Reisegruppe ausmachten. Weil wir das eher deutsch-rustikal geprägte Mittagessen, zu dem die Gruppe jeden Tag zur Herberge zurückgekarrt wurde, lieber zugunsten eigener Erkundungen und lokaler Küche ausfallen lassen wollten, erkannte er in uns alsbald Verbündete, denen er sich anvertrauen konnte: „Wissen Sie, die meisten Menschen hätten es gerne, wenn man ihnen sagt: ‚Das ist das Kolosseum, das ist alt, das ist eine Ruine und das ist berühmt. Darin waren die wilden Tiere, die Gladiatorenkämpfe und die Christenverfolgung. Gehen Sie mal rum und sehen sich das an. Dahinten gibt es Toiletten und dort ein Café!‘“ Mein Vater revanchierte sich mit der Anekdote, wie er gemeinsam mit einem Freund auf einer Studienreise im Jahr 1981 das damals in Reparatur befindliche Reiterstandbild Marc Aurels auf dem Kapitolsplatz nachgestellt habe, was den beiden ein wenig Ärger mit den Carabinieri, aber auch eine gewisse Popularität in den Fotoalben japanischer Touristen eingebracht hätte.

Ich hatte mir ein kleines Reclamheft mit englischsprachigen Gedichten als Reiselektüre mitgenommen und kam mir, wenn ich abends in der Außengastronomie einer Trattoria, zwischendurch am Rotwein nippend, darin blätterte vor wie Patti Smith, Oscar Wilde oder Christian Kracht. An einem Abend ließen wir uns von einem 70-jährigen Kellner, der einst in Remscheid gearbeitet hatte, wortreich in ein Restaurant quatschen, das die Legende, wonach man in Italien „einfach überall phantastisch“ essen könne, eindrucksvoll Lügen strafte, gleichzeitig aber die neue Grundregel aufstellte, in Zukunft jede Gaststätte sofort wieder zu verlassen, in der deutschsprachige Speisekarten vorgehalten werden.

Ich weiß nicht, wie viele Kilometer wir jeden Tag abgerissen haben, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht mehr, was wir an diesen Tagen alles gesehen haben. Irgendwann fangen sehr alte Bauwerke und Plätze, so bedeutsam sie auch sein mögen, an, einander zu gleichen. Überall gab es viele freilaufende Katzen, Eisdielen und fliegende Händler, die laminierte „Dragonball“-Motive, Kolosseen aus Gips und Bronzeimmitatsfiguren feilboten, denen Feuer aus dem Intimbereich steigen konnte. Ich stand an der Stelle, an der Aldo Moro ermordet im Kofferraum eines roten Renault 4 aufgefunden worden war, und sah den weltschlechtesten Elvis-Imitator, einen Amerikaner in einem „Bowling is not a crime“-T-Shirt, Pantomimen, Straßenmaler und natürlich eine Indiotruppe, die den alten Italoschlager „El Cóndor Pasa“ über die Piazza Navona blies. Ich machte also zum ersten Mal eine Erfahrung, die sich im weiteren Verlauf meines Lebens in New York, London und Amsterdam bestätigen sollte: Man kann sich solchen medial und kulturell überbelichteten Orten nicht nähern, ohne sich heillos zwischen den mitgebrachten Erwartungen und den vor Ort festinstallierten Klischees zu verheddern; man muss das dann einfach annehmen und sich seine eigene Erinnerungen prägen. Ich war bis heute nicht in Paris.

Natürlich hatte ich mir extra für die Reise ein Mixtape aufgenommen, das außer Morcheebas „Rome Wasn’t Built In A Day“ nicht viel Bezug zur ewigen Stadt hatte. Dafür muss ich seitdem bei „Overload“ von den Sugababes immer daran denken, wie wir bei der Besichtigung der Caracalla-Thermen in einen charmanten Landregen gerieten. Am dritten Abend saß am Nebentisch der Hamburger Regisseur Fatih Akin und berichtete seinem italienischen Begleiter auf Englisch von seinem nächsten Filmprojekt — ich kam mir als 17-jähriger Kino-Fan wahnsinnig investigativ vor, hatte nur leider damals keinen Kanal, auf dem ich diesen brandheißen Gossip hätte teilen können. Als sich Akin eine Zigarette anzündete und erst dann nach einem Aschenbecher umschaute, sah ich meine Chance gekommen, stellte ihm hektisch ein Exemplar von einem anderen Nebentisch vor die Nase und verwickelte ihn so in ein sehr herzliches, kurzes Gespräch, in dessen Verlauf er mich zu den Dreharbeiten einlud. Ich habe erst sehr viel später verstanden, dass ich ihm in diesem Moment vielleicht wenigstens meine Kontaktdaten hätte aufschreiben sollen. Schließlich wurde „Solino“ nämlich zu weiten Teilen in Duisburg und damit quasi in der Nachbarschaft gedreht.

An Gründonnerstag, also kurz bevor es mit den Feierlichkeiten so richtig losging, verließen wir die Stadt. In besonderer Erinnerung blieb mir noch, dass der Wirt in dem kleinen Bistro, wo wir die letzte Cola tranken, sowohl das Glas als auch die Zitronenscheibe kurz unter fließendem Wasser abspülte. Warum auch immer. Den Ostersegen des Papstes holten wir uns dann wieder vor dem heimischen Fernseher ab — da gilt er ja auch, wenn man’s live guckt, sagt meine Oma.

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Gesellschaft Rundfunk Digital

Katastrophenjournalismus-Mäander

Ich war ein etwas merkwürdiges Kind und legte schon früh eine gewisse Obsession für Journalismus an den Tag, besonders in Katastrophensituationen: als in meinem Heimatdorf ein Gasthaus abbrannte, schnitt mein siebenjähriges Ich in den nächsten Tagen alle Artikel darüber aus der Zeitung aus und editierte sie neu zusammen, um sie in einer von mir selbst moderierten Nachrichtensendung (Zuschauer: meine Stofftiere) zu verlesen.

Mit acht sammelte ich in Zeitungen und Radio alle Informationen über einen Flugzeugabsturz in Amsterdam, derer ich habhaft werden konnte. Nach dem Absturz eines Bundeswehrhubschraubers ((Die Typenbezeichnung Bell UH-1D könnte ich Ihnen ohne nachzudenken nennen, wenn Sie mich nachts um vier aus dem Bett klingelten — was Sie aber bitte in unser beider Interesse unterlassen!)) bei der Jugendmesse “YOU” in Dortmund, nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana, nach dem ICE-Unfall von Eschede schaltete ich Fernseher und Videotext ein und wechselte jede halbe Stunde zum Radio, um aus den dortigen Nachrichten mögliche neue Entwicklungen zu entnehmen und – ich wünschte wirklich, ich dächte mir das aus – zu notieren: Soundso viele Tote, Ursache noch unklar, drückte den Hinterbliebenen an der Unfallstelle sein Mitgefühl aus. Den 11. September 2001 verbrachte ich kniend auf dem Wohnzimmerteppich meiner Eltern vor dem Fernseher, am 7. Juli 2005 verließ ich mein Wohnheimszimmer nicht.

Dann wurden im August 2006 in Großbritannien zahlreiche Verdächtige festgenommen, die Anschläge auf Passagiermaschinen geplant haben sollten, und nach etwa einer halben Stunde CNN und BBC schaltete ich den Fernseher aus, ging raus und dachte “Was’n Scheiß!”

Ziemlich exakt seit es mir technisch möglich wäre, mich in Echtzeit selbst über Ereignisse zu informieren, noch während sie passieren, wünsche ich mir, darüber im Geschichtsbuch lesen zu können. Mit allen Erkenntnissen, die im Laufe der Jahre gewachsen sind, mit historischer Einordnung und in genau dem Umfang, der ihnen angemessen ist: Doppelseite, halbe Seite, kleiner Kasten, Fußnote.

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Als ich am vergangenen Freitag die erste Meldung bekam, dass sich in München irgendwas schlimmes ereignet habe, ((Bizarrerweise per Push-Benachrichtigung der BBC-App.)) guckte ich kurz bei Facebook Live und Periscope rein, weil ich ja manchmal auch für aktuelle Informationssendungen arbeite und mir diese Technik mal aus einer professionellen Perspektive ansehen wollte. Ich sah also verwackelte Videobilder, auf denen Menschen mit erhobenen Händen in Richtung von Polizeiautos rannten, und die von einem Mann mit bayrischen Akzent mit anhaltendem “krass, krass” kommentiert wurden. Die Wörter “München”, “Olympia”, “Schüsse” und “Kamera” bildeten in meinem Kopf eine Linie und ich dachte, dass man so Scheiße wie 1972, als die Geiselnehmer dank Live-Fernsehen permanent über die Aktionen der Polizei informiert waren, ja ruhig 44 Jahre später mit Mitteln für den Heimanwender noch mal wiederholen kann. Ich erbrach mich kurz bei Twitter und tat dann das Einzige, was mir an einem solchen Tag noch sinnvoll und sachdienlich erschien: ich ging in die Küche und machte Marmorkuchen und Nudelsalat für einen Kindergeburtstag.

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Der Begriff des “Zeugen” ist in erster Linie ein juristischer. Zeugen haben von den Strafverfolgungsbehörden (und dort von möglichst geschultem Personal) gehört zu werden und sollten nach Möglichkeit nicht vor laufende Kameras gezerrt werden. Schon bei einem harmlosen Verkehrsunfall kann man die widersprüchlichsten Informationen zusammensammeln, bei einer unübersichtlichen Gefährdungslage dürfte die Chance, tatsächlichen Mehrwert zu generieren (der sich anschließend inhaltlich auch noch als zutreffend erweist), genauso groß sein wie wenn der Moderator im Studio einfach mal rät, was passiert sein könnte.

Zu den Leuten, die nach bestem Wissen und Gewissen ausplaudern, was sie gesehen und gehört zu glauben haben, kommen natürlich noch die Idioten hinzu, die sich irgendwas ausdenken, um auf Twitter oder Facebook geteilt zu werden — oder weil es sich ja zufällig als treffend erweisen könnte.

Auf einem der Periscope-Videos aus München sah ich Dutzende Menschen, die alle ihre Handys in Richtung eines nicht näher einzuordnenden Ortes richteten, den ich jetzt einfach mal als “potentielle Gefahrenquelle” bezeichnen würde. Die Geiselnehmer von Gladbeck müssten heute nicht mal mehr warten, dass “Hans Meiser, deutsches Fernsehen” bei ihnen anruft oder der spätere “Bild”-Chefredakteur Udo Röbel zu ihnen ins Auto steigt.

Neben all dem findet man in den Sozialen Netzwerken natürlich auch die Besserwisser: ((Zu denen ich in der Blüte der Arroganz von Jugend und Internetglauben auch gehört habe.)) das Fernsehen soll mehr berichten, das Fernsehen soll weniger berichten, die Politiker sollen sich gefälligst jetzt äußern. Fast würde man diesen Leuten ein “Macht’s besser!”, entgegen schreien wollen, wenn man nicht davon ausgehen müsste, dass sie schon im Glauben sind, auf ihren Profilen genau das zu tun.

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Während etwas geschieht, ist man in aller Regel nicht in der Lage, die Dimension dieses Ereignisses auch einzuschätzen. Das gilt für die erste Begegnung mit der späteren großen Liebe genauso wie für Nachrichten. Es hat sich mir förmlich ins Hirn gebrannt, wie ich mit fünf Jahren versehentlich eine Ausgabe der “Aktuellen Stunde” mitkriegte, die vom Absturz eines US-Kampfflugzeugs in einer Stadt namens Remscheid berichtete. ((Note to self: Niemals Nachrichten gucken, wenn das Kind in der Nähe ist.)) Die Worte “Flugzeugabsturz” und “Remscheid” sind für mich seitdem untrennbar semantisch miteinander verbunden, obwohl ich bis heute nicht sagen könnte, wo Remscheid liegt. ((An der A1 zwischen Wuppertal und Köln, aber was weiß ich, wo die A1 lang führt — und wo zum Henker liegt überhaupt Wuppertal, außer halt südlich des Ruhrgebiets?)) Die allermeisten Menschen, die diese Nachricht damals zur Kenntnis genommen haben und nicht direkt von dem Absturz betroffen waren, dürften sie komplett vergessen haben — die damaligen Moderatoren der “Aktuellen Stunde” inklusive. Für die Stadt Remscheid dürfte der Tag eine deutlich größere Bedeutung haben als für die US Air Force. Und allein die Tatsache, dass ich die Fakten dazu jetzt ganz schnell nachschlagen konnte, gibt dem Unglück ja eine gewisse Wertung: Es ist nicht auszuschließen, dass am gleichen Tag auf den Straßen in NRW mehr Todesopfer bei Autounfällen zu beklagen waren – Anfang Dezember, vielleicht Blitzeis? – als die sieben beim Flugzeugabsturz, aber dazu gibt es halt keinen Wikipedia-Eintrag.

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Als ich noch relativ klein war, lief ein psychisch kranker Mann mit einer Schusswaffe durch die Dinslakener Innenstadt, schoss auf Polizisten und erschoss sich am Ende in einer Garage. Jedenfalls ist es das, woran ich mich sehr dunkel – und ausschließlich auf Erzählungen meiner Mutter an jenem Tag basierend – erinnere. Ich bilde mir ein, dass es im Herbst 1991 gewesen sein müsste, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung — um das ganze irgendwie verifizieren zu können, müsste ich nach Dinslaken fahren und in den Archiven der Lokalredaktionen von “NRZ” und “Rheinischer Post” meterweise Mikrofilm sichten. Angeblich war auch das Fernsehen vor Ort, vielleicht fände ich etwas im Keller von RTL West.

Nur zehn Jahre später hätte dieses Ereignis zumindest ein paar Artikel in Online-Medien nach sich gezogen, die ich jetzt ergoogeln könnte. Zwanzig Jahre später hätte es vermutlich schon so viel Social-Media-Buzz erzeugt, dass man die Entwicklungen auch in einer fernen Zukunft noch minutengenau nachvollziehen könnte — oder halt beim Nachlesen genauso ahnungslos ist, als wäre man selbst dabei. Und in dieser Woche wäre es nicht unter einem “Brennpunkt” und einer Solidaritätsadresse mindestens eines ausländischen Spitzenpolitikers auf Twitter passiert. Der örtliche Polizeipressesprecher hätte sich auch andere Fragen anhören müssen.

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Schon seit einigen Jahren erwähnt Barack Obama, wenn er wieder mal mit zitternder Unterlippe ein Statement zu einer Massenschießerei in den USA abgeben muss, dass er bereits zu viele Statements zu einer Massenschießerei in den USA abgegeben habe.

Nun bin ich – Gott sei Dank – nicht der US-Präsident und glaube auch nicht, dass es irgendwelche größeren Auswirkungen hat, wenn ich hier meine Meinungen zu Medienberichten nach schrecklichen Ereignissen veröffentliche, aber auch ich habe schon viel zu oft meine Meinung zu Medienberichten nach schrecklichen Ereignissen veröffentlicht:

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Rundfunk Fernsehen

In memoriam Roger Willemsen

Elf Jahre sind nicht das Alter, in dem ich meinen Sohn abendliche Talkshows sehen lassen würde, aber so alt war ich, als “Willemsens Woche” auf Sendung ging, und ich war von Anfang an dabei — warum auch immer. Ich weiß, dass ich an jenem Wochenende bei meiner Oma übernachtet habe und wir die erste Ausgabe gemeinsam gesehen haben. Die meisten weiteren habe ich dann mit meinen Eltern geschaut oder auch alleine. Merkwürdiges Kind, das ich war.

Die Sendung hat wie wenige andere meine Erwartungshaltung an gutes Fernsehen geprägt und ganz stark dazu beigetragen, dass ich auch “was mit Medien” machen wollte. Roger Willemsen hatte Menschen zu Gast, die noch etwas zu erzählen hatten, und er wusste, wie man sie erzählen lässt. Sein Interview mit Helmut Markwort mag man heute eitel oder gar etwas bösartig finden, aber es zeigt, was ein Moderator mit einer Haltung ist, und sollte Standardwerk an Journalistenschulen sein. Nicht minder legendär: Wie Willemsen und Friedrich Küppersbusch, ein Mann, der meine Vorstellung von gutem Fernsehen ebenso mitbestimmt hat und den ich inzwischen meinen Freund nennen darf, die letzte Ausgabe von Friedrichs ARD-Magazin “Privatfernsehen” so lange eigenmächtig verlängerten, bis die zentrale Sendeleitung entnervt den Stecker zog.

Ich bin Roger Willemsen zwei Mal bei der Aufzeichnung seiner (natürlich auch nicht sehr erfolgreichen) WDR-Sendung “Nachtkultur” begegnet (Anlässe, bei denen ich auf Wim Wenders und Tom Tykwer traf — die ganz normale Freizeitbeschäftigung 16-jähriger Adoleszenten) und habe ein paar Mal mit ihm gemailt. Einmal ging es um einen Beitrag fürs BILDblog, einmal um den sehr komplizierten und heute nur noch schwer nachvollziehbaren Vorgang der Pressestelle der Stadt Dinslaken, die es irgendwie geschafft hatte, O-Töne von Willemsen, Jörg Kachelmann, Stefan Niggemeier und mir zu einem Potpourri der Kleinstadt-PR zu remixen (fragen Sie nicht).

Es endete jedenfalls mit diesem Kommentar Willemsens in Stefans Blog:

Wissen Sie, ich bin erleichtert, dass es jetzt raus ist. Schon jahrelang laufe ich mit der Schuld durch die Welt, Sandra Schwarzhaupt gefragt zu haben, warum sie in NY und nicht in Dinslaken wohne. Dieser unreife und ehrabschneidende Kommentar zum Weltzentrum der Selbstironie hat mit freier Meinungsäußerung nichts zu tun, er ist schädlich und dumm, bietet er doch der Pressestelle der Stadt Dinslaken die feige Möglichkeit, sich zu blamieren. Es soll wieder vorkommen.

Das Zitat schaffte es 2008 noch einmal in den Jahresrückblick der Lokalausgabe der “Rheinischen Post” und “Es soll wieder vorkommen” ist seitdem fester Bestandteil meines rhetorischen Werkzeugkastens.

Im letzten Jahr hat Roger Willemsen wegen einer Krebserkrankung alle Termine abgesagt. Ich weiß, dass Krebs der “größte Wichser im ganzen Land” (Thees Uhlmann) ist, aber aus der Ferne hatte ich einfach gehofft, dass Roger Willemsen das überstehen werde. In kindlicher Naivität hatte ich mir sogar ausgemalt, dass wir ihn nach seiner Genesung bei Lucky & Fred zu Gast haben würden. Es schmerzt mich, dass dieser egoistische Wunsch jetzt nicht in Erfüllung gehen wird, aber noch mehr schmerzt es mich, dass Roger Willemsen nun im Alter von gerade einmal 60 Jahren gestorben ist. Menschen wie ihn könnten wir dieser Tage mehr denn je gebrauchen.

Erheben Sie sich also bitte mit mir für den (immer noch unfassbar geilen) Titelsong von “Willemsens Woche”:

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In memoriam Hellmuth Karasek

Meine erste Begegnung mit Professor Karasek liegt fast exakt zwanzig Jahre zurück: Mein Vater hatte mich zu einer Veranstaltung mitgenommen, wo Karasek sein Buch “Mein Kino” vorstellte und mit immer noch glühenden Augen Namen wie Alfred Hitchcock, Billy Wilder oder Marlene Dietrich referierte, von denen ich überwiegend noch nie gehört hatte. Ich hatte damals noch nichts anderes als Zeichentrickfilme und Familienkomödien aus Hollywood gesehen.

Drei Jahre später las ich seine Billy-Wilder-Biographie, die mich zu einem glühenden Verehrer der beiden machte: Wilder wegen seiner Filme und seines Humors, Karasek wegen seiner Fähigkeit, so zu schreiben, dass man beim Lesen immer seine etwas quietschige Stimme zu hören glaubte. Die Lesung von “Das Magazin”, zu der mich meine Eltern mitnahmen, habe ich nur besucht, um mir das Wilder-Buch signieren und mit ihm kurz über “Eins, Zwei, Drei” fachsimpeln zu können. (Was man mit 15 auf dem Dorf halt so macht.) Es war dann jetzt leider auch unsere letzte Begegnung.

Für Lukas, viel Spaß! Herzlich, Hellmuth Karasek

Karaseks Buch “Karambolagen”, in dem er seine Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen beschreibt (natürlich auch mit Wilder), wird eines Tages Vorbild für meine Textsammlung zum selben Thema sein. Hellmuth Karasek bekommt dann sein eigenes Kapitel.

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Gesellschaft Kultur Fernsehen Rundfunk

Wette sich, wer kann

Die Nachricht, dass die Unterhaltungssendung “Wetten, dass..?” nach 33 Jahren ihren Geist aufgeben würde, war der Redaktion von “Spiegel Online” am Abend des 5. April sogar eine Breaking News wert. Autopsie und Trauerfeier waren da bereits in vollem Gange.

Das ZDF wurde für seine Pressemitteilungsformulierung der “geänderten Sehgewohnheiten” mit Häme überzogen — überwiegend von Menschen, die gerne amerikanische TV-Serien auf Computern und Tablets schauen und sich Sonntagsabends online verabreden, um gemeinschaftlich eine einzelne deutsche TV-Serie scheiße zu finden. Markus Lanz und die Redaktion wurden zu den Alleinschuldigen erklärt, was auch Quatsch war: Zwar hatten der joviale Baumarkteröffnungscharmeur und seine Truppe im Hintergrund, die es auch schon mal für eine gute Idee gehalten hatte, sich völlig ohne Grund eine ausschweifende Rassismusdebatte an den Hals zu holen, tatsächlich keinen guten Job gemacht, aber das Problem lag auch woanders. In einer Zeit, wo wirklich jeder durch Castingshow und YouTube zum “Star” werden kann, braucht der Normalbürger keine abseitigen Begabungen mehr, um für einen Abend im Rampenlicht zu stehen. Man kann es jetzt zu mittelfristiger TV-Prominenz bringen, ohne Wärmflaschen aufzupusten oder die Postleitzahlen aller deutschen Städte benennen zu können. ((Oder ohne irgendetwas zu können.)) Frank Elstner meldete sich auf Twitter zu Wort und vielerorts las man wieder von Elstner, kleinen Kindern in der Badewanne und im Bademantel. ((Was jetzt vielleicht ein bisschen unglücklich formuliert ist.))

Immer wieder kam das Bild auf, das Florian Illies 2000 beschrieben hatte: Wie er als Kind Samstagsabends, frisch gebadet und im Bademantel auf der Couch sitzen und “Wetten, dass..?” mit Frank Elstner gucken durfte. Illies beschrieb dies in seinem Bestseller “Generation Golf”, dessen Titel schon Teil des Problems ist, zu dem wir gleich noch kommen, und je mehr deckungsgleiche Wortmeldungen in den Sozialen Netzwerken aufschlugen, desto bohrender wurde die Frage: Hatten wir – das Personalpronomen ist hier besonders wichtig – wirklich so ähnliche Kindheitserlebnisse oder brach sich hier gerade die Erinnerungsverfälschung Raum, die sonst gerne auch schon mal gerne dafür sorgt, dass Menschen sich detailreich daran erinnern, wo sie bei der Mondlandung, der Ermordung John F. Kennedys, dem Mauerfall, dem Unfalltod von Diana Spencer und am 11. September 2001 waren — nur, dass das oft gar nicht stimmt.

Ich für meinen Teil bin zum Beispiel zu jung, um jemals bewusst “Wetten, dass..?” mit Frank Elstner gesehen zu haben. Ich erinnere mich an eine Ausgabe, in der jemand mithilfe handlicher Schrottballen sagen konnte, um was für ein Auto es sich zuvor gehandelt hatte. Es mag mein erster bewusster Kontakt mit der Sendung gewesen sein, der Moderator war wohl schon Thomas Gottschalk und wenn es da draußen jemanden gibt, der auf Anhieb sagen kann, ob das stimmt, wann die Sendung lief und aus welcher Mehrzweckhalle die Sendung damals kam, dann ist es jetzt zu spät, um aus dieser Inselbegabung noch Kapital zu schlagen.

Frank Elstner, das war für mich der Moderator von “Nase vorn”, dem vielleicht überambitioniertesten Unterhaltungsshowversuch, bis es ProSiebenSat1 mit der “Millionärswahl” versuchte, und der teilweise live von der Trabrennbahn in Dinslaken übertragen wurde, in deren buchstäblicher Wurfweite unsere damalige Wohnung lag. Mit großem Eifer glotzte ich damals jede Samstagabendshow weg, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen Ende der 1980er, Anfang der 1990er auf die Gebührenzahler losließ, ((“Verstehen Sie Spaß?” mit Paola und Kurt Felix! Der “Flitterabend”! Die “Goldmillion”!)) zur Not zwang ich meine Großeltern (und nicht andersherum), mit mir den “Musikantenstadl” zu schauen — es war eben Samstagabend, ich war da und wollte unterhalten werden! Am Liebsten aber die “Rudi Carrell Show” ((Ich bin unsicher, wann genau ich begriff, dass die Kandidaten – “gerade noch im Reisebüro, jetzt auf unserer Showbühne!” – sich gar nicht so schnell umziehen konnten, sondern dort mit vorab aufgezeichneten Beiträgen gearbeitet wurde, fürchte aber, es ist noch gar nicht sooo lange her.)) und später “Geld oder Liebe” mit Jürgen von der Lippe, das ich im Nachhinein gerne zur besten Samstagabendshow aller Zeiten verkläre. Wenn es mir gelänge, heute etwas ähnlich harmlos-anarchisch-unterhaltsames zu konzipieren, wäre ich ein gemachter Mann.

“Wetten, dass..?”, jedenfalls, ist im Begriff, sehr bald Geschichte zu sein, und all jene, die damals tatsächlich oder gefühlt im Bademantel zugeschaut hatten, gaben sich dem hin, was seit “Generation Golf” Allgemeingut ist: der fraternisierenden, leicht anironisierten Nostalgie derer, die für echte Nostalgie nicht nur zu jung sind, sondern auch zu wenig erlebt hatten. Und weil die Vertreter dieser … nun ja: Generation heute an den entscheidenden Stellen bundesdeutscher Onlinedienste und Medienseiten sitzen, kann man diese Erinnerungen überall lesen, wo sie von Menschen mit den gleichen tatsächlichen oder gefühlten Erinnerungen kommentiert werden, auf dass sich auch die Nachgeborenen damit infizieren und sich später felsenfest daran erinnern, wie sie damals selbst auf der Couch …

“Kids today gettin’ old too fast / They can’t wait to grow up so they can kiss some ass / They get nostalgic about the last ten years / Before the last ten years have passed”, hat Ben Folds mal gesungen. Das ist inzwischen neun Jahre her und die Entwicklung der Sozialen Netzwerke hat seitdem nicht gerade zu einer Entspannung der Situation beigetragen. “Throwback Thursday” nennen sie es, wenn Menschen am Donnerstag besonders peinliche ((Zu irgendeiner Zeit hätte man gesagt: “affige”.)) Fotos von sich selbst in einem jüngeren Zustand auf Facebook oder Twitter posten, was besonders reizvoll ist, wenn die Menschen Anfang Zwanzig und die Fotos selbst noch nicht mal im Grundschulalter sind. Jan Böhmermann ((Je nach Bezugsgeneration der Harald Schmidt oder Stefan Raab seiner eigenen Generation.)) sorgte im Frühjahr mit einem “So waren die 90er”-Video für Furore im deutschsprachigen Internet, 90er-Parties erfreuen sich schon seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit und ich saß auch schon stocknüchtern inmitten unterschiedlich alkoholisierter Menschen auf Parties, starrte auf einen Laptopbildschirm und nahm einen YouTube-Reigen von Mr. President, Take That, Echt und Tic Tac Toe mit einer stets wechselnden Mischung aus Faszination, Abscheu, Nostalgie, Fassungslosigkeit und Begeisterung zur Kenntnis. Es waren Menschen mit ansonsten vermutlich tadellosem Musikgeschmack, aber niemand kam auf die Idee, wenigstens mal zur Abwechslung Interpreten wie Nirvana, Oasis oder Pearl Jam in die Runde zu werfen. Das war auch nicht mehr mit dem leidigen Thema Überironisierung zu erklären.

Mein Vater verabscheut heute mit großer Hingabe vieles, was sich auf den angeblich repräsentativen Hit-Samplern seiner Jugend findet, ((Mungo Jerry! The Lovin’ Spoonful!)) trotz fehlenden Alters waltet bei mir eine erschütternde Milde: Ich könnte jederzeit ausführlich und fundiert begründen, warum Sunrise Avenue große Grütze sind, würde mich aber im Zweifelsfall vermutlich dazu hinreißen lassen, “What Is Love?” von Haddaway wortreich gegen jedwede Kritik zu verteidigen.

Die Musik, die heute dort angesagt ist, wo Indiebereich und Mainstream kleinen Grenzverkehr pflegen, klingt oft, als sei sie schon mindestens 40 Jahre alt. Vor zehn, fünfzehn Jahren wurden haufenweise Fernsehserien der 70er und 80er fürs Kino adaptiert, heute sind plötzlich Fernsehserien erfolgreich, die auf 20 Jahre alten Kinofilmen basieren. Und das ist erst der Anfang.

Der Herm fragte letzte Woche auf Twitter:

Kurz darauf ging dann ein neuer “Terminator”-Trailer online.

Über das Phänomen der “Retromanie” sind inzwischen Artikel und ganze Bücher geschrieben worden. Und, klar: Wenn Kulturepochen nicht mehr 50 oder 100 Jahre dauern, sondern nur ein paar Monate ((Oder gar 140 Zeichen.)), können sie auch schneller wiederkommen. Die Renaissance rekurrierte noch auf ein Zeitalter, das seit etwa 800 Jahren vorbei war.

Und so ist in einer Zeit, in der angeblich alles individueller wird ((Mode- und Einrichtungsblogs sprechen da eine etwas andere Sprache.)), die Erinnerung an “Dolomiti”, “Yps” und “Raider” (“heißt jetzt ‘Twix'”) das, was die Menschen heimelig zusammenbringt. Die Jeanette-Biedermeier-Epoche.

Um “Wetten dass..?” wird jetzt bis zuletzt ein Gewese gemacht, das die Show selbst seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gerechtfertigt hat. Aber so ist das in Deutschland: Wir haben ja kulturell nicht so viel und wenn wir doch mal jemanden haben, werden diejenigen so sehr gefeiert, bis sie niemand mehr ernsthaft ertragen kann. Stichwort: Til Schweiger, Jan Josef Liefers, Helene Fischer, Unheilig. Alle vier sind am Samstag bei der letzten Sendung dabei.

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Song des Tages: Ini Kamoze – Here Comes The Hotstepper

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Zum ersten Mal gehört: Ich hätte jetzt “auf Einslive” gesagt, aber das kommt chronologisch nicht hin. Dann war es vermutlich “Hit Clip”. Jedenfalls erinnere ich mich noch daran, dass mein Onkel, als ich ihn im April 1995 zum ersten Mal in San Francisco besuchte, den Soundtrack zu Robert Altmans “Prêt-à-Porter” auflegte und dieser Song durch sein Apartment schallte (woran ich selbstverständlich jedes Mal denken muss, wenn ich den Song höre).

Wer musiziert da? Ini Kamoze, ein jamaikanischer Reggae-Musiker. In Wahrheit noch viele andere, denn das Lied steckt voller Samples. Ich weiß noch, wie ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal bewusst “Land Of 1000 Dances” von Wilson Picket hörte und erstaunt feststellte, dass da diese “Naaa-naa-na-na”-Chöre herkamen (also: streng genommen aus der Version von Cannibal & The Headhunters, aber Sie verstehen, was ich meine).

Warum gefällt mir das? Mir gefällt erschreckend vieles von dem, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich finde aber, dass der Song auch nach 20 Jahren noch eine ganz eigene Coolness hat, und – zumindest bei mir – sofort gute Laune bringt.

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Musik

Song des Tages: Oasis – Don’t Look Back In Anger

Gestern Abend, als meine favorisierten Holländer gerade das Elfmeterschießen gegen Argentinien verloren hatten (in einem WM-Halbfinale, das als eines der belanglosesten in die Fußballhistorie eingehen dürfte), hörte ich im Hintergrund des Stadiontons “Wonderwall”. Ich dachte (und twitterte), dass das der falsche Song sei.

Der richtige sei auf dem Album einen Track weiter:

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Zum ersten Mal gehört: Bestimmt irgendwann 1995, zum ersten Mal bewusst im April 1996 auf dem Rückflug von San Francisco im Bordradio von British Airways. Mein 12-jähriges Ich wusste: Das sind Oasis und aus irgendeinem Grund finde ich dieses Lied toll. Es bekam dann auch noch mal seinen großen Fernsehauftritt nach dem Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der EM in England (ich fürchte, hier schließt sich am Sonntag ein Kreis), als es – eigentlich etwas unpassend – zur Untermalung großer Jubelbilder eingesetzt wurde.

Wer musiziert da? Zwei Brüder und ein paar Kumpels aus Manchester.

Warum gefällt mir das? Schon als Eigentlich-noch-Kind haben mich die Harmonien dieses Songs tief bewegt. Ich habe zu wenig Ahnung von Musiktheorie, aber irgendwie sind die so aufgebaut, dass die Musik direkt ins Herz geht. In der Wikipedia ist das aber ein bisschen erklärt. Und dann ist da Noel Gallaghers Stimme, die damals schon etwas sehr Beruhigendes ausstrahlte. “(What’s The Story) Morning Glory?” ist bis heute eines meiner Lieblingsalben und “Don’t Look Back In Anger” mein erklärter Oasis-Favorit — “Wonderwall” kommt irgendwo auf Platz 5 oder 6.

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Wie das Brötchen vor der Schlange

Vergangene Woche feierte die Gurkenverordnung der EU ihren 25. Geburtstag. Es war ein trauriges Fest, denn die Verordnung weilt inzwischen nicht mehr unter uns. Dennoch ist sie zum Symbol geworden für den Regulierungswahn der Europäischen Union — und schuld daran, dass Journalisten und Bürger der EU wirklich jeden Unfug zutrauen.

Gesetzlich gänzlich ungeregelt ist allerdings eine der größten Alltagsgeißeln der Zivilisation: die Warteschlange. Man kennt sie in der Supermarkt-Variante aus dem Kleinkunst-Dauerbrenner “Die andere Schlange ist immer schneller”, als Nummernrevue aus dem Bürgerbüro und – in ihrer wildesten und unübersichtlichsten Form – aus der Bäckerei.

Der deutsche Durchschnittsbürger hat panische Angst davor, übergangen zu werden. Deshalb bildet er am Bahnsteig eine im Prinzip menschliche, aber meist eher an Zombies gemahnende Wand vor sich öffnenden Zugtüren — die Bahn könnte ja sonst ohne ihn losfahren. Deshalb bleibt er in der U-Bahn stehen, sobald er eingestiegen ist — wenn er weiter durchginge und den ganzen Waggon ausnutzen würde, könnte er ja an seiner Zielhaltestelle unter Umständen nicht rechtzeitig aussteigen. Jeder ist sich selbst der Nächste, nur die Stärksten überleben.

Während das Klischee besagt, dass Briten sogar an jeder Bushaltestelle in Reih und Glied warten, lassen sich Deutsche, wiewohl stets zur Polonaise bereit, meist nur unter Einsatz von Waffen, mindestens aber von Gurtpfosten, zum korrekten Schlangestehen zwingen.

Als die Deutsche Post vor einigen Jahren das einzig sinnvolle Wartesystem, die zentrale Warteschlange, einführte, verglich die “Süddeutsche Zeitung” diese mit dem “Prinzip Wursttheke”. Das mag zutreffen, solange es genau eine Bedienung hinter dieser Wursttheke gibt. Sind es aber zwei oder mehr, ist das Chaos vorprogrammiert — womit wir wieder in der Bäckerei wären.

Hinter der Theke stehen drei, vier, an Sonntagmorgen vielleicht sogar fünf Verkäuferinnen. Theoretisch nebeneinander, praktisch wuseln sie zwischen Mohnbrötchen, Croissants und Mehrkornbroten umher wie Ameisen in ihrem Bau — wie Ameisen wissen sie aber auch genau, was sie tun und wo sie hinmüssen. Womit sie sich grundlegend von ihren Kunden unterscheiden.

Die stehen auf der anderen Seite der Theke und versuchen, sich an den Positionen der aufgestellten Kassen oder den Verkäuferinnen zu orientieren, und bilden dabei drei, vier, fünf (die Anzahl kann auch schon mal die der Verkäuferinnen übersteigen) Mikroschlangen, die sich aber nicht im rechten Winkel zur Theke positionieren (das ist zumeist schon architektonisch ausgeschlossen), sondern parallel dazu. Dadurch bleibt für alle Beteiligten – wartende Kunden, Verkäuferinnen, neu eintretende Kunden, evtl. zu Hilfe eilende UN-Blauhelme – völlig unklar, wie viele Schlangen es gibt, und wer in welcher steht. Das Ergebnis: Neid, Missgunst, Zwietracht.

Wie oft habe ich es als Kind erlebt, dass ich beim samstäglichen Brötchenkauf schlicht übergangen wurde. Ich konnte ja noch nicht mal über die Theke schauen und dann waren da auch noch all diese alten Menschen, die sich einfach vorgedrängelt haben! Und wie froh ich war, als die Bäckerei in unserem niederländischen Urlaubsort eine Nummernausgabe einführte! Da konnte man abschätzen, wie lange man noch warten muss, bis man auch wirklich bedient wird — und in der Zwischenzeit schon mal einen halben Tag an den Strand gehen oder eine mittlere Fahrradtour unternehmen.

Auch heute sind es häufig noch Rentner, die glauben, schon “dran” zu sein. Man kann ihnen da allerdings nur schwerlich Vorwürfe machen: Die Lage ist ja meistens fast so unübersichtlich wie in Syrien und nach einigen Jahren, in denen man dauernd übergangen wurde, gewöhnt man sich an, auf die leicht panische Frage der Verkäuferinnen, wer der Nächste sei, mit “Ich!” zu antworten. Sind wir nicht alle ein bisschen FDP?

Es ist daher erstaunlich, dass die Grünen, die doch sonst alles regulieren wollen, in ihrem Wahlprogramm dem Konfliktherd in jeder Nachbarschaft keine einzige Zeile widmen. Eine Partei, die sich für eine sinnvolle Organisation von Bäckerei-Warteschlangen stark macht, hätte durchaus meine Sympathien.

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Rundfunk Politik

Ich bin ein Kalauer

Eines ist schon mal sicher: US-Präsident Barack Obama wird heute Nachmittag in Berlin eine historische Rede halten. Drunter geht nicht, sonst ist Kai Diekmann enttäuscht.

Es ist ein willkommener Anlass, mich einem Trauma zu widmen, das mich seit fast zwanzig Jahren verfolgt: Im Sommer 1994 hatten mir meine Eltern anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA erlaubt, während der großen Ferien einen Fernseher in meinem Kinderzimmer aufzustellen. ((Die WM ist noch nicht das Trauma, aber nah dran.)) Da nicht die ganze Zeit Fußball lief, ich den Fernseher während der sechs Wochen aber ausgiebig nutzen wollte, musste ich mich auch an die anderen Inhalte der damals sechs frei empfangbaren Programme heranarbeiten. Ich sah also alle Folgen der Wiederholung der inzwischen völlig in Vergessenheit geratenen TV-Serie “Wenn die Liebe hinfällt” mit Brigitte Mira, die RTL-Late-Night-Show von Thomas Koschwitz und auch ein eher trashiges ZDF-Format mit dem damaligen In-ein-Bananen-Mikrofon-Sprecher und heutigen Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, das offenbar “Mondscheinshow” hieß.

Ich erinnere mich an wenige Inhalte dieser Sendung, aber ich erinnere mich dunkel, dass ich sie schon als Zehnjähriger ziemlich doof fand. Fernsehproduzenten wären also gut beraten, die alten Bänder noch einmal rauszusuchen — die gleichen Inhalte kann man ja heute sicher noch mal auf die Zuschauer loslassen, wenn man sie nur milde überfordern will.

Jedenfalls fiel in diesen Sommer auch der Besuch von US-Präsident Bill Clinton in Berlin. Bei Koschwitz war ein Schülerzeitungsreporter zu Gast, der ein Interview mit Clinton geführt hatte, und in der “Mondscheinshow” alberte sich Jebsen im Vorfeld durch Berlin und suchte nach deutschsprachigen Sätzen, die Clinton in der Tradition von Kennedys “Ich bin ein Berliner” zum Besten geben könnte. ((Ich merke gerade: Die stets der Zukunft zugewandten Leute von der “Bild”-Zeitung haben sich offenbar die alten Bänder kommen lassen.))

Die Idee, mit der er am Ende selbst ankam, hat sich seitdem in meinem Hirn festgefressen:

Berlin ist schön, so steht’s im Skript. Ich, Clinton, hab es nicht getippt!

Was macht eigentlich Oliver Pocher heute?

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Musik

Und Berlin war wie New York

Es nützt ja nichts, das zu leugnen: Ich mag die neue Single von Bosse.

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Dieses perlende Ben-Folds-Klavier! Diese völlig reimfreien Strophen! Dieser Shoop-Shoop-Refrain! Und vor allem: Diese Geschichte, die er da erzählt!

Von Dosenbier, vom ersten Kuss, von der musikalischen Sozialisation, von Sehnsuchtsorten, von der Jugend an sich. Alles ganz schlicht, gleichermaßen konkret und allgemeingültig.

Wenn Axel Bosse im letzten Refrain “oh yeah, whatever, nevermind” singt, krieg ich jedes Mal Gänsehaut. Und habe wieder diese grieseligen VHS-Bilder aus Seattle auf Vox vor Augen. Am Tag, als Kurt Cobain starb.

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Musik

Die Kinder des Rock ‘n’ Roll

Schwarmintelligenz, ich brauche Eure Hilfe!

Gestern postete einer meiner Facebookfreunde dieses Video:

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So weit, so … äh: gut.

Beim Hören fiel mir aber wieder ein, dass meine Schwester früher (hier im Sinne von: ca. 1991/92) eine Kassette hatte, auf der aktuelle englischsprachige Songs von Kindern in einer mutmaßlich sinnentstellenden deutschen Sprachfassung vorgetragen wurden. Die Refrainzeile “Tell it like it is” lautete jedenfalls “Schneller als der Wind”.

Ebenfalls auf dieser Kassette enthalten war eine Version von Phil Collins’ “Another Day In Paradise” und ich meine auch eine vom “Shoop Shoop Song”, der damals durch Cher wieder populär geworden war.

Doch das Internet, Hort allen Wissens, weiß nichts von alledem!

Nun ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass ich bei einer Expedition des elterlichen Kellers auf eine Kiste stoßen könnte, in der die gesuchte Kassette noch vor sich hin schlummert. Ich wäre nur vermutlich mehrere Wochen mit der Suche beschäftigt und habe große Angst, dabei noch auf irgendwelche zerfledderten Teddybären, halbgelutschte Bonbons und meinen Chemiebaukasten zu stoßen.

In jedem Fall würde ich die Suche ungern beginnen, ohne dass mir vorher nicht irgendjemand wenigstens bestätigen konnte, dass es diese Kassette, die mutmaßlich Teil einer ganzen Reihe war, tatsächlich gegeben hat!

Ich danke Ihnen!

Und damit zu einem anderen Lied, das mir neulich halb-versehentlich wieder untergekommen ist:

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(Das Original ist bei YouTube natürlich gesperrt.)

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Film Print

A noisy, useless piece of junk

Ich bin mir nicht sicher, ob ich “Der Lorax” sehen wollen würde, wenn er im Juli auch in Deutschland anläuft. Ich bin (wie wohl die meisten anderen Menschen in Deutschland) ohne die Werke von Dr. Seuss aufgewachsen und habe deshalb keine Kindheitserinnerungen, die ich mit einem Besuch des Films auffrischen oder bedienen könnte. Außerdem gehen mir 3D-Filme fürchterlich auf die Ketten.

Dennoch habe ich gerade durch Zufall auf der Website der “New York Times” eine Kritik zu “The Lorax” gelesen — und was soll ich sagen: So stelle ich mir einen ordentlichen Verriss vor.

The movie is a noisy, useless piece of junk, reverse-engineered into something resembling popular art in accordance with the reigning imperatives of marketing and brand extension.

Warten Sie, geht erst los:

The movie’s silliness, like its preachiness, is loud and slightly hysterical, as if young viewers could be entertained only by a ceaseless barrage of sensory stimulus and pop-culture attitude, or instructed by songs that make the collected works of Up With People sound like Metallica.

Das war dann die Stelle, wo bei mir tatsächliche Kindheitserinnerungen einsetzten und ich mir bei YouTube erst mal ein paar Songs von Up With People anhören musste. Erstaunlich, was einem mit zehn, elf Jahren alles gefällt, um dann über Jahre erfolgreich verdrängt zu werden, bis so ein verdammter Nebensatz in einer Filmkritik alles wieder hervorholt. Puh!

Aber zurück zu unserem Film und A.O. Scotts Abrechnung damit. Sie nimmt den Schluss vorweg (wahrscheinlich, was weiß ich?) und kulminiert in folgendem Satz:

There is an obvious metaphor here, but the movie is blind to it, and to everything else that is interesting or true in the story it tries to tell.

Ich glaube, ich möchte “The Lorax” auf keinen Fall sehen.