Von der Attraktivität deutscher TV-Nachrichten

Von Lukas Heinser, 16. Januar 2009 12:52

Sie werden es mittlerweile alle mitbekommen haben: Gestern Nachmittag (Ortszeit) fielen bei einem Airbus A320 kurz nach dem Start am La Guardia Airport beide Triebwerke aus und der Pilot musste die Maschine auf dem Hudson River notlanden.

Dass alle 155 Insassen überlebt haben, darf man wohl getrost als ziemliches Glück bezeichnen: zwar ist der Hudson einigermaßen breit und frei von Brücken und damit – im Gegensatz zum East River auf der anderen Seite Manhattans – durchaus für Notwasserungen geeignet, aber ein Flugzeug auf einem viel befahrenen Fluss aufzusetzen und es anschließend zu evakuieren, während es langsam im eiskalten Wasser untergeht, das zählt schon zu den außergewöhnlicheren Aufgaben eines Linienpiloten.

Wer gestern Abend unserer Zeit beim Microblogging-Dienst twitter reingeschaut hat, wurde über die Lage bestens informiert: als eine der ersten Meldungen gab es ein Foto, das Janis Krums, der zufällig auf einer der Fähren im Hudson und damit direkt am Unfallort war, mit seinem iPhone gemacht hatte. twitpic.com brach zeitweise unter dem Ansturm zusammen und ziemlich viele Nachrichtenseiten berichteten darüber.

Wer mit einem Liveticker von Augenzeugen und ebenfalls twitternden Nachrichtenagenturen versorgt wurde, für den waren die Informationen, mit denen das deutsche Fernsehen seine Zuschauer zu beglücken versuchte, natürlich ein Desaster. Statt einfach „ins Internet“ zu gucken, griff man lieber auf dünne Agenturmeldungen und Reporter vor Ort zurück.

Dabei ist es ein überholter Irrglaube der Nachrichtenmacher, bei einem Ereignis erst mal an den Ort des Geschehens schalten zu müssen. Dort steht dann ein überforderter Reporter den Rettern im Weg rum und kann seine Eindrücke schildern — wobei er sich natürlich gerade gar keine eigenen Eindrücke verschaffen kann, weil er ja in einer zwar atmosphärischen, aber weitgehend Informationslosen Schalte mit einem wissbegierigen Reporter gefangen ist. Wenn er Glück hat, hat er vorher einen Passanten fragen können, ob der einen lauten Knall gehört habe.

Nun würde ich nicht so weit gehen und sagen, das Internet könne schon jetzt das Fernsehen ersetzen. Wenn sich meine Großeltern, Eltern und viele meiner Freunde über derartige Ereignisse informieren wollen, schalten sie natürlich irgendeinen Nachrichtensender ein und auch ich hatte zwischendurch CNN laufen, wo Wolf Blitzer einen der Passagiere gerade telefonisch derart mit Fragen löcherte, als müsse er selbst noch in dieser Nacht den Untersuchungsbericht der Luftaufsichtsbehörde verfassen.

Aber was die deutschen Nachrichtensendungen da über den Äther schicken, war eine dumpfe Mischung aus Kaffeesatzlesen mit Tante Mimi, Onkel Heinz erzählt vom Angeln und Klein-Fritzchen erzählt seiner Mutti, wie es in der Kirche war, obwohl er währenddessen Fußballspielen war.

„Zahlreiche Fährschiffe versuchen, Überlebende zu retten“, teaserte RTL sein „Nachtjournal“ an, was wohl ebenso richtig, aber weit weniger dramatisch war als das „Es gibt keine Anzeichen für einen Terroranschlag“, mit dem Gabi Bauer die ARD-Nachrichtenattrappe „Nachtmagazin“ eröffnete, bevor sie eine Viertelstunde später Thorsten Schäfer-Gümbel mit der Frage, wie wichtig Sex im Wahlkampf sei (gemeint war wohl eher „Sexappeal“), völlig aus der Fassung brachte.

Den besonderen Ernst der Lage konnte man daran erkennen, dass n-tv seine geplanten „National Geographic“-Reportagen kippte und live auf Sendung ging. Während CNN, Fox News, MSNBC und BBC World ziemlich beeindruckende Live-Bewegtbilder aus New York hatten (die Hubschrauber der großen Networks schweben ja eh die ganze Zeit über der Stadt), hatte n-tv einen Moderator im Studio, mehrere „Breaking News“-Laufbänder, ein paar Fotos und einen Reporter am Telefon. Und der sagte, wenn ich ihn nicht völlig falsch verstanden habe, dass es wohl „bald“ die ersten Handy-Fotos und -Videos im Internet zu sehen geben würde. Zu diesem Zeitpunkt war twitpic bereits down und bei flickr gab es jede Menge Fotostrecken und Einzelbilder zu sehen. Sogar erste Witze.

Es geht mir gar nicht darum, Internet und Fernsehen gegeneinander ausspielen zu wollen — und die Zeitungen von heute waren schon gedruckt, bevor das Flugzeug überhaupt abgehoben hatte. Aber ich denke, dass auch die Menschen, die nicht bei twitter, flickr und Facebook unterwegs sind, ein Anrecht auf aktuelle Informationen haben. Und die bekommt man heute nun wirklich so einfach und billig wie noch nie. Auch als Nachrichtenredakteur des deutschen Fernsehens.

Nachtrag, 20:20 Uhr: Auch meine Freunde von „RP Online“ berichten über die Fotos bei twitter und bei flickr.

Das Sensationelle daran: Sie schaffen das ohne einen einzigen Link!

Nachtrag, 17. Januar, 00:23 Uhr: Zwei Tweets später hat „RP Online“ alles verlinkt.

10 Kommentare

  1. F30
    16. Januar 2009, 13:14

    Nicht zu vergessen N24, die die Nachricht gleich mit passender Werbung angereichert haben…

  2. dellife
    16. Januar 2009, 13:46

    Du musst dir wenigstens nicht die News von Fox5 anschauen… Die US-Sender bringen eine Sondersendung über kaltes Wasser, Training beim NYC Watertaxi Personal, Heldenmut im Fahrgastraum und der beinahe Kollision mit der Washington-Bridge… DAS ist richtig schlecht.
    Und in diesem Moment fängt man an den Schuldigen zu präsentieren: Vögel. Wieso wird da nicht mehr unternommen? Gibt es Gesetze? Wieso passiert so viel? Wieso versucht die Regierung uns nicht zu schützen? …

  3. Jörg
    16. Januar 2009, 14:40

    Den letzten Absatz kann ich nur unterstreichen. Es kann doch nicht sein, dass ich (neben den obligatorischen News-Seiten für „normal kritische“ Nachrichten) Twitter & Co. scannen muss, damit ich keine aktuelle Nachricht verpasse. DAS ist doch eigentlich auch(!) der Job von Nachrichtenredaktionen, oder? Aber offensichtlich steht man – zumindest hier in D – auf dem Standpunkt: Entweder die Nachricht kommt von einer Agentur oder einem eigenen Reporter – oder garnicht.
    Gibt es eigentlich deutsch- oder englischsprachige Nachrichtenseiten, die da etwas aufgeschlossener sind?

  4. Manuel
    16. Januar 2009, 14:44

    „Den besonderen Ernst der Lage konnte man daran erkennen, dass n-tv seine geplanten “National Geographic”-Reportagen kippte und live auf Sendung ging.“

    Ja nee, daran kann man nicht den Ernst der Lage erkennen, sondern nur, dass n-tv gedacht hat, dass sie damit eine bessere Quote machen, als mit den Archiv-Reportagen.

    Es geht den privaten Nachrichtensendern doch nicht wirklich darum, zu informieren…

  5. Guido
    16. Januar 2009, 18:25

    Als ich so gegen 23 Uhr versehentlich auf n-tv geschaltet habe ich nur gedacht: „Och nö. schon wieder so eine ‚tolle‘ Reportage über Flugzeugabstürze von vor 25 Jahren“.

    Hab dann erst heute morgen mitbekommen, daß das keine Reportage war…

    Was soll man da noch sagen.

  6. Gua
    16. Januar 2009, 21:08

    Haha Guido, danke für den Lacher. :)

    Ich fand den n-tv-Reporter ganz ganz schlimm und habe auch recht schnell weggeschaltet. Der schien mir sehr freudig erregt zu sein (dass er live reden durfte oder so) und mir kam es so vor, als fände er es sensationell, dass Fähren zur Hilfe gekommen sind, also etwas, was selbstverständlich ist. Oo

  7. lynx
    17. Januar 2009, 0:13

    Zumindest die SZ hat den Wert von Twitter anscheinend erkannt:
    http://www.sueddeutsche.de/pan.....4779/text/
    In dem Bericht über Augenzeugen der Notlandung steht Janis Krums an erster Stelle.
    Das gibt mir doch etwas Hoffnung für die deutschen Medien.

  8. Linus
    17. Januar 2009, 4:56

    Zum Thema, Hauptsache, wir schalten mal schnell irgendwo in die Nähe des Geschehens, egal man da was weiß oder nicht:

    Was ich auch ziemlich lustig fand (wenn ich mich recht erinnere), dass während der Tagesthemen zu Thomas Roth nach New York geschaltet wurde, der – sinngemäß – meinte, er könne noch rein gar nichts über den Stand der Dinge sagen, zum Beispiel, ob die Passagiere das Flugzeug überhaupt verlassen können und dass die Türen gechlossen seien…Neben ihm per splitscreen zu sehen, wie zahlreiche Fähren die Passagiere aufnehmen…hmm.

  9. Linus
    17. Januar 2009, 5:01

    Lag‘ ich doch richtig

    http://www.tagesthemen.de/mult.....36248.html

  10. Philip S.
    20. Januar 2009, 20:48

    Ich weiß nicht das Fernsehen will doch nur die Illusion erwecken dass der Zuschauer alles sofort und am schnellsten erfährt. Der Zuschauer will schließlich meist auch nicht alles sofort wissen, sondern wenn überhaupt nur vor allen andern.
    Denn ob ich morgen in der Zeitung les ob ein Flugzeug in NY in den Hudson stürtzt, es Abends in der Tagesschau seh oder 5 Minuten später bei Twitter les ist doch eigentlich egal…außer ich muss es brühwarm jemand weitererzählen.

    Solang die Illusion der Live schaltungen und der Information erhalten bleibt gibt es für die Sender keinen Grund sich zu ändern…schließlich kann man mit einigem leeren Gelaber mehr Sendezeit füllen als mit ein paar kurzen prägnanten Informationen.