Germany’s Next Topvictim

Von Lukas Heinser, 25. November 2020 1:15

Sie wollen sich nicht an Corona-Schutzmaßnahmen halten, glauben an Verschwörungstheorien und vergleichen sich mit Opfern des Nationalsozialismus: Mit den sog. „Querdenkern“ stimmt eine ganze Menge nicht.

Aber ist es klug, ihren wirren Ansichten so viel Aufmerksamkeit zu schenken? Warum wird eigentlich immer die NS-Zeit zu haarsträubenden Vergleichen herangezogen? Und was wären Vergleiche, die ein bisschen mehr Sinn ergeben? Ein paar Ideen dazu gibt es hier im Video:

Everybody’s feelin‘ warm and bright

Von Lukas Heinser, 26. Juli 2018 15:32

Die Popkultur frisst ihre Eltern. Und Großeltern.

Beim Versuch, wirklich jeden Song, der zwischen 1963 …

Entschuldigung, ich höre gerade: es erwischt jetzt auch Werke aus dem fucking 19. Jahrhundert!

Ich komm noch mal rein!

Beim Versuch, wirklich jeden Song, der jemals geschrieben wurde, mit einem dem gleichen langweiligen Beat zu unterlegen und damit bei Spotify Millionen ein paar Mark zu verdienen, weil Ihr jungen Leute offenbar nur noch Songs hören wollt, wenn sie alle den gleichen Beat haben, hat es jetzt einen weiteren Hit meiner Jugend erwischt: „Dancing In The Moonlight“.

Das … äh … Beeindruckendste an dieser Version ist gar nicht, dass man den Groove aus dem Hauptmotiv rausprügeln und durch einen anderen, zum hüftsteifen Stolperbeat passenden, ersetzen kann, – Nein! – das Beeindruckendste ist, dass es sich bei der 2000er Version von „Dancing In The Moonlight“, dem ersten, größten und (zumindest außerhalb Großbritanniens) traurigerweise auch einzigem Hit von Toploader (wir sprachen bereits darüber), auch schon um eine Coverversion handelte.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Coverversionen und Remixe sind unabdingbarer Bestandteil der Popkultur. Selbst die Beatles spielten zu Beginn ihrer Karriere andererleuts Songs nach, Matt Monros Version von „Yesterday“ wurde noch vor dem Beatles-Original als Single veröffentlicht. Es spricht ja nichts dagegen, einen Song alle 20 bis 30 Jahre einer neuen Generation zugänglich zu machen.

Diese Verfahren sind ja viel älter als die Popkultur selbst: Seit der Antike bedienten sich Kulturschaffende bekannter (oder nicht mehr ganz so bekannter) Materialien, um daraus Ähnliches, Anderes und Neues zu schaffen. Immer wieder versuchten Maler, Schriftsteller und Musiker (die meiste Zeit über leider tatsächlich nur Männer), von der Bekanntheit und dem Erfolg eines bestehenden Werkes zu partizipieren und ihm ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Die Betonung liegt hier auf „eigen“, denn was wir in den letzten Jahren miterleben müssen, ist die Fließbandabfertigung mit einem Stempel nach der Deutschen Industrienorm im Bundesamt für Elektronische Klangerzeugung (Abteilungsleitung: Schulz, Robin): immer zwischen 120 und 125 Beats pro Minute, immer der gleiche Rhythmus mit Bassdrum auf 1 und 3 und Snare (oder Handclap) auf 2 und 4 und vielleicht ein paar mehr oder weniger tropischen Anklängen drumherum. Junge Menschen hören das offenbar zum Entspannen, mich macht es so rasend wie vier Stunden Smooth Jazz aus den Lautsprechern eines Hotelfrühstückraums mit der Heimeligkeit eines Autohauses (aber gut: mein liebstes Lied zum Runterkommen ist „Destroy Everything“ von Hatebreed).

Das Elend lässt sich ziemlich gut zurückverfolgen zum Wankelmut-Remix von Asaf Avidans „Reckoning Song“, dem wir lustigerweise auch Julia Engelmanns „Eines Tages, Baby!“ verdanken, weswegen man seine verheerende popkulturelle Tragweite kaum hoch genug bewerten kann.

Wenn ich, weil ich ansonsten keinen Kontakt zu dieser Musik hätte, aber auf dem Laufenden bleiben möchte, die Liste der meist gespielten Lieder auf Spotify (und seit Neuestem auch die offiziellen Charts, die inzwischen ganz entscheidend von Streams und nicht mehr wirklich von Verkäufen bestimmt werden) durchhöre, fühle ich mich zunehmend wie mein Vater, wenn der mir früher erklärte, alle Lieder einer Band, die ich mochte, klängen gleich. (Was mein Großvater sicherlich auch damals schon über die Rolling Stones gesagt hat — damals zu recht, natürlich!) Wenn ich das Lied höre, kann ich kann die geometrischen Formen und bunten Farben vom Plattencover (bzw. aus dem Lyric-Video) schon sehen, und umgekehrt.

Ich wünsche den jungen Menschen von Herzen ihr eigenes Ding und ihre eigene Subkultur, aber durch die gleichzeitige weltweite Verfügbarkeit von allem ist es leider wie mit den Instagram-Streams all dieser Individualisten auf den vielen Musikfestivals: irgendwie ist es am Ende alles gleich.

So. Genug Kulturpessimismus für heute: Bleiben Sie neugierig!

Onkel Fred weiß wie’s geht: Fahrradputzen

Von Coffee And TV, 16. April 2016 23:55

Die Fahrradsaison hat begonnen und Tausende Hobby- und Profifahrer machen sich wieder auf den Weg. Aber was, wenn man das Rennrad dreckig aus dem Keller geholt hat? Onkel Fred gibt Tipps, wie man sein Bike in kurzer Zeit wieder in einen ordentlichen Zustand versetzen kann:

Harald

Von Lukas Heinser, 4. März 2015 14:52

Es gibt Bevölkerungsgruppen, über die (fast) jeder eine Meinung hat, mit denen aber (fast) niemand spricht. Obdachlose, zum Beispiel.

Harald ist obdachlos. Er ist (seit letzter Woche) 55 Jahre alt und lebt seit 18 Jahren auf der Straße — auf eine gewisse Art freiwillig, denn er ist stolz darauf, keine staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Meine Kollegen Anja Booth und Nino Lex haben Harald über die Kölner Diakonie aufgetan und für eine sehr beeindruckende Serie interviewt, die seit zwei Wochen im probono-YouTube-Kanal läuft. „Interviewt“ in dem Sinne: Sie haben Harald einen Themenaspekt vorgegeben und er hat dann minutenlang erzählt, es gibt fast keine Schnitte.

Vier Folgen sind bisher erschienen, wobei ich zum Einstieg Episode 3 empfehle, in der Harald erzählt, wie er auf der Straße gelandet ist. Es ist eine traurige Geschichte, die bei ihm aber irgendwie gar nicht so dramatisch klingt und die vermutlich nicht mal sonderlich selten ist:

Die Geschichte von Harald wird noch einige Wochen weiter erzählt, eine neue Staffel mit anderen Protagonisten ist bereits in Planung.

„Mahlzeit gegen Geschichte“ bei probono TV.

Song des Tages: The Narrative – The Moment That It Stops

Von Lukas Heinser, 9. Juli 2014 14:12

Zum ersten Mal gehört: Laut iTunes am 23. Dezember 2011. Vorher hatte ich einen anderen Song von der EP „Just Say Yes“ auf YouTube entdeckt, als ich bei irgendeinem anderen Song auf „Related videos“ geklickt hatte (was ich sonst nie tue). Ich weiß nicht mehr, welches Video ich zuvor gesehen hatte, und bin zu faul, bei Google und der NSA nachzufragen.

Wer musiziert da? Laut Bandwebsite zwei junge New Yorker namens Suzie Zeldin und Jesse Gabriel. Ich weiß buchstäblich nichts über diese Band und habe auch nie mehr gehört als die sechs Songs auf der EP, von denen „The Moment That It Stops“ neben „Eyes Closed“ und „Castling“ der beste ist — die aber sehr oft.

Warum gefällt mir das? (Ich merke schon, diese Frage war keine gute Idee.) Es ist halt Indiepop in der Fahrrinne von Death Cab For Cutie, Relient K und Straylight Run und es ist auch ein Klavier dabei. Außerdem mag ich den Rhythmus- und Stimmungswechsel zwischen Strophe und Refrain.

[Alle (beiden) Songs des Tages]

May contain music

Von Lukas Heinser, 22. März 2013 16:37

Travis haben in Berlin die Aufnahmen zu ihrem siebten Album beendet. Bevor es die erste Single gibt, gibt es schon mal einen Teaser in Form eines Musikvideos, das die Band mit Wolfgang Becker („Good Bye, Lenin!“) gedreht hat:

Hihi, kleiner Scherz. Natürlich können Sie das Video in Deutschland nicht sehen, weil wegen Wahnsinnallebeklopptdon’tgetmestarted.

Zumindest nicht im offiziellen YouTube-Kanal der Band:

Aber den Song „Another Guy“ können Sie in jedem Fall kostenlos herunterladen, wenn Sie auf travisonline.com kurz Ihre E-Mail-Adresse hinterlassen.

Mich kickt das Lied auf Anhieb nicht so richtig, aber eine gewisse hypnotische Eingängigkeit entfaltet sich doch sofort und irgendwie ist es dann auch ganz schnell in meinem Kopf und meinem Herzen. Und die Stimme von Fran Healy ist natürlich immer noch großartig.

And there won’t be snow in Africa this Christmas time

Von Lukas Heinser, 26. November 2012 13:32

Totensonntag ist vorbei, das heißt, wir „dürfen“ jetzt auch „offiziell“ Weihnachtslieder hören.

Ich bin gleich mal mit gutem Beispiel vorangegangen und habe mir für diesen BILDblog-Artikel „Do They Know It’s Christmas?“ und „We Are The World“ angehört — wobei ich dann bei der Lektüre des Wikipedia-Artikels festgestellt habe, dass „We Are The World“ gar keine Vorweihnachts-Single war.

Da der gute Zweck bekanntlich die cheesy Mittel heiligt, sollte man die Texte dieser Benefiz-Evergreens besser ignorieren.

In „Do They Know It’s Christmas?“ heißt es etwa:

There’s a world outside your window
And it’s a world of dread and fear
Where the only water flowing is the bitter sting of tears

Okay, das ist schon hart. Aber schauen Sie mal, wie schön die Worte „the bitter sting of tears“ im Musikvideo ins Bild gesetzt wurden:

Sting

Und Jay-Z singt uns ein Lied

Von Lukas Heinser, 11. September 2012 0:42

Vielleicht haben Sie am Sonntagabend die Abschlussfeier der Paralympics in London gesehen:

Coldplay als Backing Band für Jay-Z und Rihanna. Es ist schwer, sich irgendeine Kombination lebender Künstler vorzustellen, die noch größer sein könnte.

Aber Herr Carter hat gerade letzte Woche noch mit Pearl Jam gespielt:

Das „Spin Magazine“ hat dazu einen schönen Hintergrundtext veröffentlicht, der erklärt, wie die Zusammenarbeit zwischen Band und Rapper zusammenkam.

Pearl-Jam-Bassist Jeff Ament sagt darin:

„It’s the first time I’ve been that close to somebody who really, really raps,“ says Ament. „Just to see his body while we were playing: it basically becomes a metronome. You see him stretching things out over notes, bringing it back in. It was really cool. His eyes were closed the whole time. It’s all rhythm.“

Und wo wir grad bei Jay-Z sind: Im Magazin der „New York Times“ war letzte Woche ein durchaus lesenswertes Porträt, geschrieben von Zadie Smith.

Für Neil Armstrong

Von Lukas Heinser, 27. August 2012 13:08

You all get the best

Von Lukas Heinser, 9. August 2012 23:24

Diesen Kommentar las ich gerade bei YouTube:

Ich bin jetzt 21 Jahre alt und bin so verdammt froh wenigstens noch ein bisschen von solch einer geilen Musik abbekommen zu haben. Die armen Gaga Bieber Fans wissen ja gar nicht was Musik ist..

So weit, so gut.

Kommen wir nun zu dem Song, unter dem dieser Kommentar stand:

Und fragen Sie mich bitte nicht, warum ich dieses Lied gerade bei YouTube gesucht habe …

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