Something That I Didn’t Want To Know

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. Januar 2012 19:35

Das Internet sorgt mit seiner ständigen Verfügbarkeit von unterschiedlichsten Musiken bekanntlich für eine immer stärkere Individualisierung des Musikgeschmacks. Der Einfluss der großen Plattenfirmen geht zurück, jeder hört nur noch das, was ihm gefällt und was er irgendwo entdeckt hat. So weit die Theorie.

Wenn sich die Menschen im Internet aber mal auf einen gemeinsamen Song einigen können, dann richtig: Seit Wochen posten meine Facebook-Kontakte jedweden Alters, Musikgeschmacks und jedweder sexueller Orientierung immer wieder ein Musikvideo. Gefühlt müssen alle aktuell 255 Freunde den Clip mindestens zwei Mal “geteilt” haben.

Da ich nicht jedes Video anschaue und jeden Song anhöre, den irgendjemand bei Facebook gepostet hat, ging der Song anfangs an mir vorbei. Gehört hab ich ihn tatsächlich das erste Mal im Radio, als alle anderen schon mitsingen konnten, auch wenn ich Song und Video-Posts erst anschließend in Verbindung zueinander setzen konnte:

Ich mag “Somebody That I Used To Know” von Gotye nicht besonders.1 Den Refrain finde ich sehr anstrengend und der echte Peter Gabriel hätte das schöner hinbekommen. Aber ich will nicht ausschließen, dass meine Ablehnung nicht allein auf dem Song selbst beruht, sondern auch auf dem merkwürdigen Hype, der ihn begleitet.

Ich habe nämlich festgestellt, dass, wenn nur genug Menschen in einem kurzen Zeitraum ein Video, einen Artikel oder ähnliches, das ich noch nicht kenne, auf Facebook geteilt haben, ich kein Interesse mehr daran habe, es überhaupt kennenzulernen. Es ist quasi ein innerer Backlash, der eigentlich ein Prelash ist. Ich nenne es: das “Videogames”-Paradox.

Denn auch Lana Del Reys Debütsingle hat einen derartigen Marsch durch alle Institutionen hinter sich, dass mich Nachfolgesingles und Album gar nicht mehr interessieren — dabei mochte ich den Song anfangs sogar.

Ich kann gar nicht erklären, warum sich manche Lieder so schnell “abnutzen”, andere schon vor dem Hören nerven und wieder andere mit jedem Mal besser werden. “We Found Love” von Rihanna und Calvin Harris liebe ich zum Beispiel umso mehr, je öfter ich es höre (und ich fand’s von Anfang an spitzenmäßig).

Bemerkenswert ist aber noch etwas: Auch wenn ich glaube, dass sich Hits nicht mit letzter Gewissheit planen lassen, wenn ich zugebe, dass “Somebody That I Used To Know” und “Videogames” beides sehr unwahrscheinliche Hits (Nummer-Eins-Hits in Deutschland gar) sind, und ich anerkenne, dass beide Songs in überraschendem Maße alle Altersgruppen und sozialen Schichten erreichen — beide erscheinen beim beinahe letzten existierenden Majorlabel Universal.

  1. Das Video habe ich gerade für diesen Artikel tatsächlich zum ersten Mal gesehen und ich mag es noch viel, viel weniger. Das sieht ja aus, als sei es von den ältlichen Hausfrauen gedreht worden, die sonst Steppdecken für die Wände von Pfarrgemeindehäusern und Arztpraxenwartezimmern quilten! []

24 Kommentare

  1. Johannes
    7. Januar 2012, 19:52

    Ich kenne, höre und schätze Gotye seit 2008. Habe mir dessen Album damals über einen Import-Shop direkt aus Australien bestellt – und als ich neulich in unserer Tageszeitung (!) davon erfuhr, dass er jetzt diesen einen Super-Hit hat, ist mir der Löffel ins Müsli gefallen. Komisches Gefühl. Mal ganz davon ab, dass der gute Herr deutlich bessere Lieder hat (z.B. “Hears a Mess”).

  2. Kudusch
    7. Januar 2012, 20:20

    Das Video ist wirklich ein wenig cheesy.

    Aber weil es dazu passt und momentan sogar noch nicht komplett alt ist, diese wunderschöne Cover von “Walk off the Earth”:
    http://www.youtube.com/watch?v=d9NF2edxy-M

  3. juliaL49
    7. Januar 2012, 20:41

    Danke, Lukas, dass du trotzdem diese Bildungslücke bei mir gefüllt hast :) Aber auch ich kann dem Song nicht abgewinnen.

  4. Kunar
    7. Januar 2012, 21:23

    Es scheint mindestens zwei Arten von solchen Erfolgsliedern zu geben: Die, die bei häufigem Anhören zu nerven anfangen und die, die sich aus irgendeinem Grund nicht abzunutzen scheinen. Letztere haben dann auch gute Chancen, Jahre später noch im Radio und in der Disko gespielt zu werden.

    Die Musik in den Strophen von “Somebody That I Used To Know” erinnert mich immer an “After Dark” von Tito & Tarantula. Vielleicht ist das ein Grund, warum es als erträglich empfunden wird.

  5. PS
    7. Januar 2012, 21:32

    ist für mich genau so wie “jungle drum” – interessant, aber der neuigkeitseffekt schleift sich beim mir leider viel schneller ab als bei meinen Mitmenschen…

  6. Daniel
    7. Januar 2012, 21:58

    Adele und der zunehmend schwierigere Musikmarkt scheinen den Plattenfirmen Mut zu machen. Auch wenn diese Musik vermutlich nicht authentisch ist, gefällt mir solche Musik allemal besser als das, was sonst das ganze Jahr über die Charts besetzt. (Katy Perry und David Guetta sind hier wohl die Extreme). Und etwas mehr Abwechslung wird sicher nicht schaden, vllt. sogar für die Plattenfirmen notwendig sein.
    Mal sehen, ob Lena dann diese Jahr die nächste sein wird, vor 1,5 Jahren wäre das ja die Möglichkeit gewesen einen Hauch von Indie im Mainstream zu verankern..

  7. sv
    8. Januar 2012, 0:04

    noch schlimmer wurde es mit diesem Cover von den fünf Leuten an einer Gitarre..

  8. Stefan
    8. Januar 2012, 9:41

    Dasselbe kenne ich von mir und meinem Verhältniss zu Apple-Produkten.

  9. trillian
    8. Januar 2012, 10:00

    Man könnte langsam einen Poll machen, an wen einen Gotye denn nun genau erinnert. Denn ich finde, das Lied hört sich genau wie ein Song von “The Police” aus den frühen 80ern an.
    Leider hat der Radiosender meiner geringsten Verachtung (Einslive) die Unart, Songs so oft zu spielen, bis sie sich total abgenutzt haben.

  10. DW
    8. Januar 2012, 10:15

    @ Kunar, # 4

    “Es scheint mindestens zwei Arten von solchen Erfolgsliedern zu geben: Die, die bei häufigem Anhören zu nerven anfangen und die, die sich aus irgendeinem Grund nicht abzunutzen scheinen. Letztere haben dann auch gute Chancen, Jahre später noch im Radio und in der Disko gespielt zu werden.”

    Es gibt auch noch die, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens gar nicht soooo erfolgreich sind, aber trotzdem noch über Jahre gespielt werden (auch wenn mir dummerweise gerade kein Beispiel einfällt), und außerdem die Lieder, die erst ein gutes Jahr nach ihrem Erscheinen mittels Werbung zum Hit werden (z.B. “We are the people” von diesen Australiern, deren Name mir gerade entfallen ist).

  11. DW
    8. Januar 2012, 10:17

    Empire of the Sun!
    Dieses google ist total praktisch.

  12. Daniel
    8. Januar 2012, 13:09

    Andere Frage: Wann schreibst du was zu “Durch die Nacht … mit Casper & Lena” (“Joy Divison? Kenn’ ich nicht.”)

  13. Lukas Heinser
    8. Januar 2012, 17:43

    Das Cover mit den fünf Leuten an einer Gitarre finde ich ja wenigstens unter kunsthandwerklichen Gesichtspunkten noch ganz interessant.

  14. Mee
    8. Januar 2012, 18:42

    Ach das ist das! Ich kannte sowohl das Lied aus dem Radio, als auch den Titel aus Facebook-Posts, aber nachdem ich auf letztere auch nie geklickt hab gabs da keine Verbindung. Ist sicher nicht schlecht das Lied, aber so “Wow!” find ichs jetzt auch nicht. Beim Refrain fühl ich mich immer so irritierend an Sting erinnert.

  15. Etwas, das ich schon kannte | Die Sockenseite
    8. Januar 2012, 19:52

    [...] die ich ihm schon vor dreieinhalb Jahren gegönnt hätte, aber es melden sich schon erste Proteste wegen einer gewissen Übersättigung. Zum einen will natürlich jeder das hübsche Gotye-Original an die Nachwelt weitergeben, die den [...]

  16. Daniela B.
    9. Januar 2012, 9:08

    Ich kannte das gar nicht, bis gestern abend plötzlich sehr viele meiner Freunde das Cover mit den fünf Leuten an einer gepostet haben. Schon interessant, wie sich sowas rasant verbreitet.

  17. Alex
    9. Januar 2012, 11:07

    Das “Video Games”-Paradox? Ist leider wohl doch von Song zu Song und Person zu Person sehr unterschiedlich.

    “Video Games” wurde mir im Hochsommer das erste mal in einem Musik-Podcast vorgestellt. Ich fand ihn eine Sekunde lang interessant und dann unendlich öde und habe es absolut nicht verstanden, dass er so ein Hit wurde.

    “Somebody that I used to know” kannte ich allerdings vor deinem Blogeintrag noch nicht (am gleichen Tag fingen dann allerdings meine Freunde an, die “Fünf Leute an einer Gitarre”-Version zu posten) – aber ich finde ihn absolut hypnotisch und kriege ihn nicht mehr aus dem Kopf.

    Da war die Reaktanz dann wohl nicht so groß.

  18. SvenR
    9. Januar 2012, 11:33

    Was mich irritiert, dass ich sowohl Lana Del Rey als auch Gotye feat. Kimbra sehr gerne zuhöre, ich aber beide Videos überhaupt nicht ertrage.

  19. ckwon
    9. Januar 2012, 13:31

    Gut, dass ich eh kaum Musikvideos schaue…

    Bei mir ist es so, dass sich “Somebody that I used to know”, wie auch z.B. im vorigen ja “Wonderful Life” von Hurts auch durch das häufige Spielen nicht abgenutzt haben. Bei beiden habe ich beim ersten Hören im Rqadio gedacht: “Mensch klasse Song, merk dir von wem der ist, der kommt bestimmt nie wieder im Radio” und dann kam er immer und immer wieder.

    “Video Games” fand ich die ersten paar Mal eigentlich auch ganz nett (das Video kenne ich nicht), aber den hat das Radio durch zu häufiges wiederholen kaputt bekommen. Wie “Nur noch kurz die Welt retten” oder “Alles nur in deinem Kopf” dieses Jahr auch.

  20. Thomas
    9. Januar 2012, 18:49

    Video Games fand ich anfangs schrecklich langweilig. Mittlerweile, bei dieser Dauerbeschallung, erwische ich mich hier und da beim Mitsummen!
    Den Song von Gotye fand ich von Anfang an geil, seitdem ich heut morgen dann das Cover von Walk Off The Earth gesehen habe, liebe ich den Song!

  21. Judith
    10. Januar 2012, 23:17

    hab gerade erst diesen artikel hier gesehen und muss mit erstaunen feststellen, dass du ihn etwa 4 oder 5 stunden vor dem moment geschrieben hast, in dem ich den song zum ersten mal bewusst wahrnahm. dann hörte ich ihn in dauerschleife (unübertrieben) zwei tage lang, jetzt kann ich ihn nicht mehr ertragen und lese deinen artikel.

    sehr schön, wie das internet immer wieder funktioniert.

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