Wette sich, wer kann

Von Lukas Heinser, 11. Dezember 2014 18:19

Die Nachricht, dass die Unterhaltungssendung „Wetten, dass..?“ nach 33 Jahren ihren Geist aufgeben würde, war der Redaktion von „Spiegel Online“ am Abend des 5. April sogar eine Breaking News wert. Autopsie und Trauerfeier waren da bereits in vollem Gange.

Das ZDF wurde für seine Pressemitteilungsformulierung der „geänderten Sehgewohnheiten“ mit Häme überzogen — überwiegend von Menschen, die gerne amerikanische TV-Serien auf Computern und Tablets schauen und sich Sonntagsabends online verabreden, um gemeinschaftlich eine einzelne deutsche TV-Serie scheiße zu finden. Markus Lanz und die Redaktion wurden zu den Alleinschuldigen erklärt, was auch Quatsch war: Zwar hatten der joviale Baumarkteröffnungscharmeur und seine Truppe im Hintergrund, die es auch schon mal für eine gute Idee gehalten hatte, sich völlig ohne Grund eine ausschweifende Rassismusdebatte an den Hals zu holen, tatsächlich keinen guten Job gemacht, aber das Problem lag auch woanders. In einer Zeit, wo wirklich jeder durch Castingshow und YouTube zum „Star“ werden kann, braucht der Normalbürger keine abseitigen Begabungen mehr, um für einen Abend im Rampenlicht zu stehen. Man kann es jetzt zu mittelfristiger TV-Prominenz bringen, ohne Wärmflaschen aufzupusten oder die Postleitzahlen aller deutschen Städte benennen zu können.1 Frank Elstner meldete sich auf Twitter zu Wort und vielerorts las man wieder von Elstner, kleinen Kindern in der Badewanne und im Bademantel.2

Immer wieder kam das Bild auf, das Florian Illies 2000 beschrieben hatte: Wie er als Kind Samstagsabends, frisch gebadet und im Bademantel auf der Couch sitzen und „Wetten, dass..?“ mit Frank Elstner gucken durfte. Illies beschrieb dies in seinem Bestseller „Generation Golf“, dessen Titel schon Teil des Problems ist, zu dem wir gleich noch kommen, und je mehr deckungsgleiche Wortmeldungen in den Sozialen Netzwerken aufschlugen, desto bohrender wurde die Frage: Hatten wir – das Personalpronomen ist hier besonders wichtig – wirklich so ähnliche Kindheitserlebnisse oder brach sich hier gerade die Erinnerungsverfälschung Raum, die sonst gerne auch schon mal gerne dafür sorgt, dass Menschen sich detailreich daran erinnern, wo sie bei der Mondlandung, der Ermordung John F. Kennedys, dem Mauerfall, dem Unfalltod von Diana Spencer und am 11. September 2001 waren — nur, dass das oft gar nicht stimmt.

Ich für meinen Teil bin zum Beispiel zu jung, um jemals bewusst „Wetten, dass..?“ mit Frank Elstner gesehen zu haben. Ich erinnere mich an eine Ausgabe, in der jemand mithilfe handlicher Schrottballen sagen konnte, um was für ein Auto es sich zuvor gehandelt hatte. Es mag mein erster bewusster Kontakt mit der Sendung gewesen sein, der Moderator war wohl schon Thomas Gottschalk und wenn es da draußen jemanden gibt, der auf Anhieb sagen kann, ob das stimmt, wann die Sendung lief und aus welcher Mehrzweckhalle die Sendung damals kam, dann ist es jetzt zu spät, um aus dieser Inselbegabung noch Kapital zu schlagen.

Frank Elstner, das war für mich der Moderator von „Nase vorn“, dem vielleicht überambitioniertesten Unterhaltungsshowversuch, bis es ProSiebenSat1 mit der „Millionärswahl“ versuchte, und der teilweise live von der Trabrennbahn in Dinslaken übertragen wurde, in deren buchstäblicher Wurfweite unsere damalige Wohnung lag. Mit großem Eifer glotzte ich damals jede Samstagabendshow weg, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen Ende der 1980er, Anfang der 1990er auf die Gebührenzahler losließ,3 zur Not zwang ich meine Großeltern (und nicht andersherum), mit mir den „Musikantenstadl“ zu schauen — es war eben Samstagabend, ich war da und wollte unterhalten werden! Am Liebsten aber die „Rudi Carrell Show“4 und später „Geld oder Liebe“ mit Jürgen von der Lippe, das ich im Nachhinein gerne zur besten Samstagabendshow aller Zeiten verkläre. Wenn es mir gelänge, heute etwas ähnlich harmlos-anarchisch-unterhaltsames zu konzipieren, wäre ich ein gemachter Mann.

„Wetten, dass..?“, jedenfalls, ist im Begriff, sehr bald Geschichte zu sein, und all jene, die damals tatsächlich oder gefühlt im Bademantel zugeschaut hatten, gaben sich dem hin, was seit „Generation Golf“ Allgemeingut ist: der fraternisierenden, leicht anironisierten Nostalgie derer, die für echte Nostalgie nicht nur zu jung sind, sondern auch zu wenig erlebt hatten. Und weil die Vertreter dieser … nun ja: Generation heute an den entscheidenden Stellen bundesdeutscher Onlinedienste und Medienseiten sitzen, kann man diese Erinnerungen überall lesen, wo sie von Menschen mit den gleichen tatsächlichen oder gefühlten Erinnerungen kommentiert werden, auf dass sich auch die Nachgeborenen damit infizieren und sich später felsenfest daran erinnern, wie sie damals selbst auf der Couch …

„Kids today gettin‘ old too fast / They can’t wait to grow up so they can kiss some ass / They get nostalgic about the last ten years / Before the last ten years have passed“, hat Ben Folds mal gesungen. Das ist inzwischen neun Jahre her und die Entwicklung der Sozialen Netzwerke hat seitdem nicht gerade zu einer Entspannung der Situation beigetragen. „Throwback Thursday“ nennen sie es, wenn Menschen am Donnerstag besonders peinliche5 Fotos von sich selbst in einem jüngeren Zustand auf Facebook oder Twitter posten, was besonders reizvoll ist, wenn die Menschen Anfang Zwanzig und die Fotos selbst noch nicht mal im Grundschulalter sind. Jan Böhmermann6 sorgte im Frühjahr mit einem „So waren die 90er“-Video für Furore im deutschsprachigen Internet, 90er-Parties erfreuen sich schon seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit und ich saß auch schon stocknüchtern inmitten unterschiedlich alkoholisierter Menschen auf Parties, starrte auf einen Laptopbildschirm und nahm einen YouTube-Reigen von Mr. President, Take That, Echt und Tic Tac Toe mit einer stets wechselnden Mischung aus Faszination, Abscheu, Nostalgie, Fassungslosigkeit und Begeisterung zur Kenntnis. Es waren Menschen mit ansonsten vermutlich tadellosem Musikgeschmack, aber niemand kam auf die Idee, wenigstens mal zur Abwechslung Interpreten wie Nirvana, Oasis oder Pearl Jam in die Runde zu werfen. Das war auch nicht mehr mit dem leidigen Thema Überironisierung zu erklären.

Mein Vater verabscheut heute mit großer Hingabe vieles, was sich auf den angeblich repräsentativen Hit-Samplern seiner Jugend findet,7 trotz fehlenden Alters waltet bei mir eine erschütternde Milde: Ich könnte jederzeit ausführlich und fundiert begründen, warum Sunrise Avenue große Grütze sind, würde mich aber im Zweifelsfall vermutlich dazu hinreißen lassen, „What Is Love?“ von Haddaway wortreich gegen jedwede Kritik zu verteidigen.

Die Musik, die heute dort angesagt ist, wo Indiebereich und Mainstream kleinen Grenzverkehr pflegen, klingt oft, als sei sie schon mindestens 40 Jahre alt. Vor zehn, fünfzehn Jahren wurden haufenweise Fernsehserien der 70er und 80er fürs Kino adaptiert, heute sind plötzlich Fernsehserien erfolgreich, die auf 20 Jahre alten Kinofilmen basieren. Und das ist erst der Anfang.

Der Herm fragte letzte Woche auf Twitter:

Kurz darauf ging dann ein neuer „Terminator“-Trailer online.

Über das Phänomen der „Retromanie“ sind inzwischen Artikel und ganze Bücher geschrieben worden. Und, klar: Wenn Kulturepochen nicht mehr 50 oder 100 Jahre dauern, sondern nur ein paar Monate8, können sie auch schneller wiederkommen. Die Renaissance rekurrierte noch auf ein Zeitalter, das seit etwa 800 Jahren vorbei war.

Und so ist in einer Zeit, in der angeblich alles individueller wird9, die Erinnerung an „Dolomiti“, „Yps“ und „Raider“ („heißt jetzt ‚Twix'“) das, was die Menschen heimelig zusammenbringt. Die Jeanette-Biedermeier-Epoche.

Um „Wetten dass..?“ wird jetzt bis zuletzt ein Gewese gemacht, das die Show selbst seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gerechtfertigt hat. Aber so ist das in Deutschland: Wir haben ja kulturell nicht so viel und wenn wir doch mal jemanden haben, werden diejenigen so sehr gefeiert, bis sie niemand mehr ernsthaft ertragen kann. Stichwort: Til Schweiger, Jan Josef Liefers, Helene Fischer, Unheilig. Alle vier sind am Samstag bei der letzten Sendung dabei.

  1. Oder ohne irgendetwas zu können. []
  2. Was jetzt vielleicht ein bisschen unglücklich formuliert ist. []
  3. „Verstehen Sie Spaß?“ mit Paola und Kurt Felix! Der „Flitterabend“! Die „Goldmillion“! []
  4. Ich bin unsicher, wann genau ich begriff, dass die Kandidaten – „gerade noch im Reisebüro, jetzt auf unserer Showbühne!“ – sich gar nicht so schnell umziehen konnten, sondern dort mit vorab aufgezeichneten Beiträgen gearbeitet wurde, fürchte aber, es ist noch gar nicht sooo lange her. []
  5. Zu irgendeiner Zeit hätte man gesagt: „affige“. []
  6. Je nach Bezugsgeneration der Harald Schmidt oder Stefan Raab seiner eigenen Generation. []
  7. Mungo Jerry! The Lovin‘ Spoonful! []
  8. Oder gar 140 Zeichen. []
  9. Mode- und Einrichtungsblogs sprechen da eine etwas andere Sprache. []

6 Kommentare

  1. Alex
    11. Dezember 2014, 23:54

    So richtig weiss ich nicht, was mir dieser Text sagen soll. Vielleicht ist es wirklich etwas anderes, ob man wie ich der Generation Golf angehört oder der Generation Herm/Lukas. Flitterabend/Goldmillion sagen mir gar nichts, ich bin eher bei Einer wird gewinnen oder Blauen Bock (der gerade 50 Jahre alt wurde.

    Vielleicht liegt es auch daran, dass 33 Jahre einfach eine lange Zeit ist? Etwas, das in einem schnelllebigen Medium so lange hält, darf betrauert werden, wenn es verschwindet. Das ginge mir beim Internationalen Frühschoppen (der nur noch auf digitalen Kanälen läuft) vermutlich genauso.

    Vielleicht ist es aber in der Tat so, dass zum ersten Mal durchs Internet für jeden die Möglichkeit besteht, Vergangenes laut zu vermissen. Mein Vater vermisste vor 25 Jahren schon den Opel Kapitän und die Durbridge Krimis (sogenannte Straßenfeger). Sissi Filme und das tchechische Aschenputtel werden von allen Generation gerade zu Weihnachten geschaut.

    Ach ja: ernsthaft? „Wir haben ja kulturell nicht so viel?“
    Nicht so viel von was? Von Musik? Von Film? Von Games (ist ja neuerdings auch Kultur). Literatur?
    Das klingt mir zu sehr nach Föjetong und weniger nach dem, was da draussen passiert.

    Retro wird mehr, weil vieles sonst zu schnell ist. Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist, ich mag es schneller, ich mag, vieles zu finden und noch mehr zu verpassen, bietet es den Individualismus, den ich für mich haben will. Wenn dann doch mal in einem Anfall von Gemeinschaftssinn auf einer 80er Party mal „With or without you“ mitgegröhlt wird, dann ist das eine Möglichkeit, aber eben nicht die Einzige.

    Was ich sagen will? Keine Ahnung, aber nur, weil ich Dinosaurier vermisse, muss ich sie nicht heute haben.

  2. Weekly Leseempfehlung vom 12. December 2014 | off the record
    12. Dezember 2014, 16:00

    […] Wette sich, wer kann – Coffee And TV […]

  3. OJ
    13. Dezember 2014, 20:11

    Veflucht. Ich habe diesen Text zufällig am Samstag Abend um 20:09 zu Ende gelesen und überlege jetzt ernsthaft, zum ersten Mal seit bummelig 15, 20 Jahren Wetten, dass…? zu gucken.

  4. strawberry
    15. Dezember 2014, 0:41

    Wie Roman Herzog mal gesagt hat: „Eine pluralistische Gesellschaft trägt in sich die Gefahr der zentrifugalen Kräfte. Sie braucht jemanden, der das Gemeinsame ausdrückt, und sei es noch so banal – das Gemeinsame ist ja meist banal.“

    Und weil wir eben doch immer pluralistischer werden (da zählt auch der Verweis auf pseudoindividuelle Einrichtungsblogs nicht als Gegenbeweis), findet man das banale Gemeinsame nur noch in der Vergangenheit. Die Kulturepochen wechseln sich nicht immer schneller ab, nein, es gibt sie gar nicht mehr.

  5. DaW
    18. Dezember 2014, 19:27

    Ein verklärender Blick auf die eigene Kindheit und ihre Populärkultur ist doch eigentlich nichts Neues und zumindest für in Friedenszeiten Aufgewachsene normal. Es ist ja irgendwo auch verständlich, bedeutete Kindheit doch auch Geborgenheit. Man wurde rund-um-versorgt, und das Böse der Welt hat man entweder nicht mitbekommen oder man weiß nun, im Rückblick, dass es auf das eigene Leben keine Folgen hatte.

    Mir selbst geht es auch so: die Ukraine-Krise und PEGIDA machen mir Angst, weil ich nicht weiß, wo das hinführt, ich bin arbeitssuchend und gehe davon aus, dass selbst die Stelle, die ich finden werden, mal wieder nicht länger als ein Jahr dauert. Mit 29 wohne ich schon in der fünften Stadt, und es wird garantiert noch eine sechste und siebente hinzukommen. Immer wieder muss ich neue Freunde finden, um ein Sozialleben außerhalb des Internets zu haben, und die Freunde aus Schule und Studium sehe ich entsprechend seltener.

    Und da vermitteln Alf, Ace of Base oder auch Wir sind Helden (meine Jugend umfasste ja nicht nur die erste Hälfte der 90er Jahre) ein gewisses Gefühl der Geborgenheit. Meine Eltern kümmerten sich um Speis und Trank, ich hatte Freunde in der Schule und in Vereinen, und eine Welt außerhalb dessen gab es quasi nicht.

    Natürlich ist das eine idealisierende Sicht auf die Kindheit. Sie blendet z.B. völlig die Abhängigkeit und Unfreiheit aus, die damit verbunden ist. Auch die Erfahrungen, die ich durch das Leben in verschiedenen Städten und lange Reisen durch den Osten und Südosten Europas gewonnen habe, möchte ich nicht mehr missen.

    Naja, zurück zum Thema: wieso ausgerechnet „Wetten dass…?“ zum Sinnbild dieser guten alten Zeit stilisiert wurde, bevor überhaupt die letzte Folge lief, verstehe ich auch nicht. Ich habe die Sendung das letzte Mal Ende der 90er Jahre länger als 30 Sekunden ertragen (gehöre aber auch nicht zu denen, die sie dann dauerhaft kritisiert haben).

  6. Kunar
    22. Januar 2015, 16:00

    „Es waren Menschen mit ansonsten vermutlich tadellosem Musikgeschmack, aber niemand kam auf die Idee, wenigstens mal zur Abwechslung Interpreten wie Nirvana, Oasis oder Pearl Jam in die Runde zu werfen“

    Also, da sind meine Erfahrungen doch komplett anders. Ich habe einige Male als DJ auf einer privaten 1990er-Jahre-Party aufgelegt.

    1. Die Grottigkeit der damaligen Charts-Musik ist den Leuten bewusst, es ist eher ein nostalgisch angehauchtes sündiges Vergnügen, das man sich gönnt.
    2. Was damals Independent/Alternative war, ist heute ins Zentrum der allgemeinen Erinnerung/Wertschätzung gerückt. Nirvana, Pearl Jam, Oasis (Blur bewusst vergessen? Und das beim Namen „Coffee and TV“!) sind die Namen, die man nennt. Zu „Killing In The Name Of“ von Rage Against The Machine rocken die Leute heute nach wie vor ab, auch wenn sie erst in den 1990ern geboren wurden.

    Ich finde das sehr beruhigend: Was sich gut gehalten hat, das war auch wirklich gut. Selbst wenn es damals nur am Rande vorkam.