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Rundfunk Politik

Ich bin ein Kalauer

Eines ist schon mal sicher: US-Präsident Barack Obama wird heute Nachmittag in Berlin eine historische Rede halten. Drunter geht nicht, sonst ist Kai Diekmann enttäuscht.

Es ist ein willkommener Anlass, mich einem Trauma zu widmen, das mich seit fast zwanzig Jahren verfolgt: Im Sommer 1994 hatten mir meine Eltern anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA erlaubt, während der großen Ferien einen Fernseher in meinem Kinderzimmer aufzustellen. ((Die WM ist noch nicht das Trauma, aber nah dran.)) Da nicht die ganze Zeit Fußball lief, ich den Fernseher während der sechs Wochen aber ausgiebig nutzen wollte, musste ich mich auch an die anderen Inhalte der damals sechs frei empfangbaren Programme heranarbeiten. Ich sah also alle Folgen der Wiederholung der inzwischen völlig in Vergessenheit geratenen TV-Serie “Wenn die Liebe hinfällt” mit Brigitte Mira, die RTL-Late-Night-Show von Thomas Koschwitz und auch ein eher trashiges ZDF-Format mit dem damaligen In-ein-Bananen-Mikrofon-Sprecher und heutigen Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, das offenbar “Mondscheinshow” hieß.

Ich erinnere mich an wenige Inhalte dieser Sendung, aber ich erinnere mich dunkel, dass ich sie schon als Zehnjähriger ziemlich doof fand. Fernsehproduzenten wären also gut beraten, die alten Bänder noch einmal rauszusuchen — die gleichen Inhalte kann man ja heute sicher noch mal auf die Zuschauer loslassen, wenn man sie nur milde überfordern will.

Jedenfalls fiel in diesen Sommer auch der Besuch von US-Präsident Bill Clinton in Berlin. Bei Koschwitz war ein Schülerzeitungsreporter zu Gast, der ein Interview mit Clinton geführt hatte, und in der “Mondscheinshow” alberte sich Jebsen im Vorfeld durch Berlin und suchte nach deutschsprachigen Sätzen, die Clinton in der Tradition von Kennedys “Ich bin ein Berliner” zum Besten geben könnte. ((Ich merke gerade: Die stets der Zukunft zugewandten Leute von der “Bild”-Zeitung haben sich offenbar die alten Bänder kommen lassen.))

Die Idee, mit der er am Ende selbst ankam, hat sich seitdem in meinem Hirn festgefressen:

Berlin ist schön, so steht’s im Skript. Ich, Clinton, hab es nicht getippt!

Was macht eigentlich Oliver Pocher heute?

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Ein Denkmal für Heiko Herrlich

Heiko Herrlich war der Größte. Zumindest war er einer der ganz Großen in der goldenen Bundesliga-Saison 94/95, als Borussia Mönchengladbach nahezu alles gelang. Mit Martin Dahlin bildete er den effektivsten Sturm der Liga und wurde am Ende Torschützenkönig. Beim DFB-Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg schossen die überragenden Männer der Saison die Tore: Dahlin, Stefan Effenberg und natürlich Heiko Herrlich. Es war die Krönung einer großartigen Saison und für einen elfjährigen Jungen im Berliner Olympiastadion war klar, dass es der Auftakt einer neuen Ära für die Borussen sein würde. Wir würden um die Meisterschaft mitspielen und ich würde später so von den Spielern sprechen, wie es mein Patenonkel von Netzer, Vogts, Heynckes und Kleff tat.

Heiko Herrlich war ein Verräter. Das Pokalfinale war sein letztes Spiel für Gladbach. Er wollte weg, ausgerechnet zur anderen Borussia, nach Dortmund. Für einen Elfjährigen, der gerade seine erste Saison als Fan hinter sich gebracht hatte, war es unvorstellbar, warum man Mönchengladbach überhaupt verlassen wollen würde — geschweige denn nach Dortmund und unter diesen Umständen. Dass sich Herrlich und die Vereinsführung vor Gericht wieder trafen, sprach damals eindeutig gegen den Spieler, der bestimmt eh nur auf Kohle aus war. Dann verschwand er aus meinem Focus.

Als ich wieder von ihm hörte, war Heiko Herrlich krank. Die verfickte Arschlochkrankheit Krebs. Am Tag nachdem er kahlköpfig eine Pressekonferenz gegeben hatte, fragte mich meine Mutter, ob ich die Bilder in der Zeitung gesehen hatte. Ich hatte Mitleid mit Heiko Herrlich und Respekt vor seinem Überlebenswillen. Menschenleben zählen dann eben doch viel, viel mehr als Fußball.

Was weiter mit Heiko Herrlich passierte, habe ich kaum mitbekommen. Musik war wichtiger geworden als Fußball und dass Herrlich sich im Training Nasen- und Jochbein gebrochen hatte, erfuhr ich erst Jahre später aus einer sehr berührenden SWR-Doku über den Spieler, der sich immer wieder zurückgekämpft hatte, bis ihm nach vielen Rückschlägen die Motivation ausging und er stattdessen Trainer wurde.

Im vergangenen Winter übernahm Heiko Herrlich den Trainerposten beim VfL Bochum und ich freute mich sogar ein bisschen, dass ich wieder mehr von ihm mitbekam. Die ersten Spiele liefen hervorragend, dann ging es bergab. Als ich vor zwei Wochen beim Spiel gegen den HSV im Stadion war, wurde der Name des Trainers bei der Mannschaftsvorstellung vorsichtshalber gar nicht erst aufgerufen. Bochum kämpfte, war aber abschlussschwach, als stünden Klose und Gomez im Sturm, und verlor letztlich unglücklich mit 1:2. Noch nie zuvor hatte ein Verein, dessentwegen ich im Stadion war, verloren.

Und dann letzten Mittwoch diese Pressekonferenz beim VfL: Heiko Herrlich, wieder eine Spur zu selbstbewusst und realitätsfern, teilte in alle Richtungen aus. Und als der “Bild”-Reporter, der Herrlich so konsequent anduzte, dass sich selbst Waldi Hartmann geschämt hätte, dem Trainer Selbstzweifel einreden wollte, legte Herrlich los — nicht laut wie Giovanni Trapattoni oder Thomas Doll, sondern ganz ruhig. Und jeder, der Eltern hat oder mal auf eine Schule gegangen ist, weiß: Das knallt viel mehr.

Heiko Herrlich hatte bei “Bild” eh nichts mehr zu verlieren und griff die Zeitung deshalb frontal an. Er erklärte, warum ihn “Bild” seines Erachtens runterschreibt (weil er nicht mit der Zeitung reden wollte, vgl. Jürgen Klinsmann), er nahm gleich den nächsten Schritt vorweg (“Und ich weiß auch, dass es da vielleicht ‘nen Bumerang gibt, ne?”) und er sagte, er werde “aufrichtig” bleiben. Und dann ließ er noch so ganz nebenbei den Namen Günter Wallraff fallen, was natürlich wieder so gar nicht zum Klischee des doofen Fußballers passte.

Herrlichs Nachsatz zum Thema ist in Marmor zu meißeln:

Und drücken Sie auf Aufnahme, dass ich’s meinen Kindern irgendwann zeigen kann: Euch gegenüber, Ihnen gegenüber bleib’ ich aufrichtig. Die werden stolz sein auf mich, irgendwann.

Es sind Momente wie diese, in denen sonst die Musik anschwillt und in denen Menschen auf Tische steigen und “Oh Käpt’n, mein Käpt’n” skandieren. Und es sind Momente, die bitte, bitte bleiben sollen, in Zeiten, in denen Leute wie Miriam Pielhau oder Matthias Steiner in “Bild” intimste Momente nach Schicksalsschlägen ausbreiten, und sich selbst Sibel Kekilli, die vor sechs Jahren im Zentrum einer “Bild”-Kampagne von historischem Ausmaß stand, mit dem Blatt versöhnt zu haben scheint.

Sportlich sieht es nicht gut aus für Heiko Herrlich (wofür man sich heute auch noch beim deutschen Meister VfL Wolfsburg bedanken kann, der ausgerechnet gegen den Bochumer Kellerkonkurrenten SC Freiburg verlieren musste), aber menschlich war sein Auftritt beeindruckend. Heiko Herrlich ist einer der Großen.

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Klickbefehl (25)

[…] Ich bin der Sohn eines Griechen, der während der Militärdiktatur nach Deutschland emigriert ist, und nach dem Ende der Junta in den griechischen Staatsdienst gegangen ist, weil er gelernt hat, dass Demokratie etwas ist, das man sich jeden Tag erarbeiten muss. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Menschen getroffen, der auch nur annähernd so viel arbeitet wie mein Vater. Heute liest er offene Briefe in der Bild-Zeitung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Journalisten Deutschland zur reichen Tante fantasieren, die jetzt aber streng mit ihrem frechen Neffen sein muss, weil der so unverantwortlich mit ihrem Geld herumwirft. Ich bin selbst Journalist und ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass mein Vater das liest. […]

Ich kann die Verachtung nicht in Worte fassen, die ich für die Kollegen mit ihren offenen Briefen empfinde, die sich ohne jede Recherche einen demütigenden Witz nach dem anderen aus den Fingern gesaugt haben, die sehenden Auges Vorurteile bis hin zum rassistischen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den entsprechenden Investmentbanken noch ein bisschen in die Hände zu spielen. […]

Michalis Pantelouris, Hamburger Journalist mit griechischen Vorfahren, schreibt in seinem Blog Print Würgt über die mediale Hetze von “Bild” und Konsorten.

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Adam and Steve

Heute wird die Firma “Apple” (die meinen defekten iPod übrigens nach nur zwei Monaten ausgetauscht bekommen hat) offensichtlich ein Gerät vorstellen, das – wenn ich das richtig verstanden habe – über einen Flux-Kompensator, einen Warp-Antrieb und ein Autoradio verfügen wird, das ausschließlich gute Musik spielt. (Okay: Letzteres wird vermutlich technisch unmöglich sein.)

Bevor es aber so weit ist, möchte ich Ihnen zwei Texte zum Thema empfehlen.

Der eine beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Journalisten und Apple:

Der Jubel von heute abend ist seit Tagen bereits zu hören – er hat in den Blättern und Sendern längst begonnen. Und wenn auch das in den Fanblogs und Magazinen für Videogamer nichts Neues ist: In der Tages- und Wochenpresse ist es zumindest in den aktuellen Ausmaßen ungewohnt, um nicht zu sagen verantwortungslos.

“Steve Jobs als Messias einer Branche” von Peter Sennhauser

Der andere stammt von einem Mann, der nicht gerade oft durch eine besonnene und vernünftige Kommentierung der Welt auffällt. Aber er sorgt mit seiner verzerrten Wahrnehmung der Welt durchaus für einen Moment des Innehaltens:

Ich liebe es, wenn der Postbote bei mir läutet, meine Abo-Hörzu auf dem Fernseher liegt, mein Nachbar mich fragt, wie es mir geht und ich die alte Dame im dritten Stock über den eisglatten Gehweg zum Gemüsetürken begleite

“Lieber Steve Jobs (Mr. Apple)” von Franz Josef Wagner

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Digital

Vom Apfel und der Schlange

Die Firma Apple war mir lange Zeit sympathisch, ein bisschen so wie der Volvo unter den Computerfirmen.

Im Sommer des letzten Jahres kaufte ich mir ein MacBook — weil ich mit Windows immer unzufrieden und bei vorherigen Arbeiten an Macs einigermaßen begeistert von der Übersichtlichkeit und Funktionsweise dieser Computer gewesen war. Dass Apple längst eine Lifestyle-Firma war – und in dieser Funktion langsam aber sicher vom Gucci der Computerwelt zum Ed Hardy wurde -, war mir ziemlich egal: Ich wollte einen Computer, der ordentlich arbeitet, und das tat das MacBook.

Als ich mir einen MP3-Player kaufen wollte, war klar, dass es ein iPod werden würde. Meine Apple-Beraterin riet mir zum Modell “touch”, weil man damit auch via W-Lan ins Internet könne und überhaupt ganz viele tolle Programme darauf liefen.

Letztes Jahr zu Weihnachten schenkte ich mir zwei Drittel des iPods selbst, den Rest schenkten meine Eltern. Nach einem halben Tag mit dem Gerät wollte ich ein iPhone haben, so begeistert war ich von dem Teil. Es wurde mir ein treuer Begleiter, spielte immer brav die Musik, die ich gerade hören wollte, und verkürzte mir mit Sudokus, Fußballsimulationen und anderen Spielen so manche Bahnfahrt.

Im September drehte mein iPod selbständig seine Lautstärke auf Null. Er gab keine (hörbaren) Geräusche mehr von sich, was bei einem Gerät, das primär als Musikabspieler gekauft wurde, wenig hilfreich ist. Ich ging zu einem Bochumer Apple-Händer und reklamierte das Teil. Nach einer Woche kriegte ich es zurück: Es sei kein Fehler gefunden worden. Dafür bekam ich neue Kopfhörer, denn die halten bei Apple in der Regel so lange wie ein Fahrradschlauch auf Dinslakener Radwegen (Anm.: Also nicht sehr lange.)

Drei Wochen später tauchte derselbe Fehler wieder auf, ich brachte den iPod wieder in den Laden und konnte eine Woche später ein neues Exemplar abholen.

Keine drei Wochen später ging der neue iPod aus. “Haben Sie versucht, ihn wiederherzustellen?”, fragte der Mitarbeiter des Apple-Händlers am Telefon. Ich versuchte es, wobei der iPod derart abstürzte, dass er danach nicht einmal mehr von meinem MacBook erkannt wurde. Ich brachte ihn wieder vorbei.

Seit fast fünf Wochen ist mein iPod nun in Reparatur. Zufälligerweise fiel das Ende der einjährigen Garantiephase genau in diese Zeit. Angeblich dauert es so lange, weil mein neuer iPod (hoffentlich aus einer anderen Produktionscharge) noch graviert werden muss.

Ich bin also im Moment nur so mittelgut auf die Firma Apple zu sprechen. Vielleicht der richtige Zeitpunkt, um festzustellen, dass sich der iTunes Store in diesem Jahr für seine Aktion “12 Tage Geschenke” einen ganz besonderen Kooperationspartner ausgesucht hat: Bild.de.

Interessanterweise findet sich bei Apple selbst kein Hinweis auf Bild.de — im Gegenzug versucht “Bild” allerdings auch den Eindruck zu erwecken, als verschenke die Zeitung selbst ganz alleine jeden Tag einen Download an ihre Leser.

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Musik Rundfunk

Einmal Star und zurück

Da, wo Sex und Drogen lauern: backstage

Wenn die eigene Karriere im Pop-Business so richtig brach liegt, bleiben Frauen nur noch Nacktfotos und Männern Enthüllungsbücher. Auf letzteren stehen dann griffige Ankündigungen wie “Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co.” oder “Zwei Gewinner packen aus!”

Markus Grimm und Martin Kesici (dem Sie einen großen Gefallen täten, wenn Sie seinen Nachnamen auf der zweiten Silbe betonen) wissen, wie es wirken muss, wenn sie jetzt Jahre nach ihren Siegen bei “Popstars” (Grimm war 2004 in der extrem kurzlebigen, nur mittelerfolgreichen Kirmesgothickapelle Nu Pagadi) und “Star Search” (Kesici gewann 2003 in der Kategorie “Adult Singer”) mit einem Buch ankommen, auf dem “Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co.” und “Zwei Gewinner packen aus!” steht. Und tatsächlich finden die beiden ja plötzlich wieder in Medien statt, die jahrelang keine Notiz von ihnen genommen haben.

Aber Grimm und Kesici haben nichts mehr zu verlieren. Gemessen daran ist ihr Buch mit dem aufmerksamkeitsheischenden Titel “Sex, Drugs & Castingshows” ziemlich moderat ausgefallen: Es gibt kaum Namensnennungen (an einigen Stellen wie etwa bei einem Schlagersänger, der von sich selbst nur in der dritten Person redet, verwenden die Autoren statt Namen Piktogramme, was sich jetzt allerdings viel spektakulärer anhört, als es sich im Kontext dann tatsächlich liest), kaum schmutzige Wäsche und die titelgebenden Sex- und Drogenanekdoten kann man auch in jedem Interview zum Buch nachlesen.

“Das Popmusikbusiness ist schlecht und die Leute, die damit zu tun haben, sind noch mal einen Grad schlechter”, schreibt Grimm an einer Stelle (nur um eine halbe Seite später zu erklären, dass Schlager und volkstümliche Musik aber noch mal viel, viel schlimmer seien), aber das Buch widmet sich dann doch eher dem Business als den Leuten. Dass die Wahrheit bei Castingshows ein flexibles Gut ist, dürfte noch kaum jemanden überraschen. Etwas irritierender ist da schon das beschriebene Gebaren von Plattenfirmen, gerade etablierte Acts einfach abzusägen, weil das Nachfolgeprodukt schon in den Startlöchern steht. Der Laie würde ja womöglich sagen, dass zwei Pferde im Rennen die Gewinnchancen erhöhen. Aber deswegen führen wir ja alle keine Plattenfirmen.

Etwas länglich und umständlich zeichnen die Autoren ihren Weg in die Finalshows ihrer jeweiligen Sendereihen nach. Auch dem dämlichsten Leser – und, seien wir ehrlich: ein Buch über Castingshows läuft Gefahr, ein paar dämliche Leser zu finden – soll klar werden, dass er es hier mit zwei bodenständigen, ehrlichen Musikern zu tun hat, die eher zufällig zu Medienstars wurden. Und deren Namen heute noch so verbrannt sind, dass kaum jemand mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Kesici schnoddert sich durch seine Passagen und vermittelt den Eindruck, als gehe er inzwischen ganz souverän mit seiner Geschichte um. Bei Grimm hingegen hat man mitunter das Gefühl, dass ein paar klärende Gespräche mit einem Therapeuten vielleicht die bessere Idee gewesen wären, als sich den ganzen Frust von der Seele zu schreiben und das dann anschließend zu veröffentlichen.

Auch wenn die Geschichten über Manager und Plattenverträge natürlich alle Klischees bestätigen, die man als Außenstehender so vom Musikbusiness hatte (lassen Sie mich alle guten Ratschläge auf zwei Worte herunterbrechen: “NICHTS. UNTERSCHREIBEN.”), stellt man bei der Lektüre fest: Castingshows haben sehr viel mehr mit Fernsehen zu tun als mit Musik. In seinem Nachwort bemerkt Kesici sehr klug, dass Musiker “auf die Bühne, on the road” gehören, aber nicht ins Fernsehen. Dort geht es nämlich laut Autoren nur darum, Geschichten zu erzählen und das Publikum zu unterhalten und nicht darum, Künstler aufzubauen — womöglich noch langfristig.

Für das Erzählen von Geschichten gibt es ganze Verwertungsketten (RTL und ProSieben bestreiten damit quasi ihr gesamtes Programm), zu denen natürlich auch die Boulevardpresse gehört. So berichtet Kesici beispielsweise, wie sich ein “Bild”-Mitarbeiter (oder zumindest jemand, der sich als solcher ausgab) bei ihm meldete und mit der Ankündigung, wenn Kesici das Viertelfinale gewinne, werde man über seine Vorstrafe wegen Drogenbesitzes berichten, um ein Gespräch bat. Am Tag nach der Sendung machte “Bild” dann mit “Darf so einer Deutschlands neuer Superstar werden? Verurteilt wegen Drogen!” auf.

Auch eine weitere “Skandal”-Geschichte rund um “Star Search” fand in “Bild” ihren Anfang: Kesici beschreibt, wie er und zwei weitere Kandidaten wenige Tage vor dem großen Finale mit einer Limousine abgeholt wurden, in der Reporter von “Bild” und dem Sat.1-Boulevardmagazin “Blitz” warteten. Gemeinsam fuhr man in eine Tabledance-Bar, wo der “Bild”-Fotograf jene Fotos machte, die am darauf folgenden Tag den Artikel “Dürfen diese Sex-Ferkel neue Superstars werden?” bebildern sollten. Erstaunlich ist daran viel weniger, dass “Bild” involviert war, sondern, dass Sender und Produktionsfirma derartige Geschichten anscheinend auch noch forciert haben.

Sex- und Drogenparties in Promikreisen werden zwar erwähnt (Grimm schreibt seitenlang über – Achtung! – “eine After-Show, denn sie hatten alle keine Hosen an und zeigten ihren nackten Arsch und mehr”), aber zum großen Promiklatsch taugt das Buch nicht. Kesici behauptet, “dass 70 Prozent der Leute aus dieser Glitzer- und Glamourwelt bei solchen Partys auf Drogen sind”, enttäuscht aber zwei Sätze später die Erwartungen der enthüllungsgeilen Leserschaft mit dem Hinweis, dass er keine Namen nennen werde. Es ehrt ihn als Menschen, schadet aber natürlich der Vermarktbarkeit des Buchs.

So erfährt man stattdessen, wie es abläuft, wenn eine Plattenfirma ein Bandmitglied rausschmeißt oder einen Künstler droppt. Der Leser bekommt schnell den Eindruck, dass man besser einen Bandenkrieg unter südamerikanischen Drogenkartellen anzetteln sollte, als bei einer Major-Plattenfirma zu unterschreiben. Dafür gibt es im Anhang auch 50 Seiten (teilweise geschwärzte) Originalverträge, die man ohne mehrere juristische Staatsexamen natürlich kaum durchschaut. Wenn allerdings das, was ich nicht verstehe, genau soviel Quatsch enthält wie das, was ich verstehe, dann ist das ganz schön viel Quatsch.

“Sex, Drugs & Castingshows” ist letztlich Warnung vor den ganzen Verstrickungen, die die Teilnahme an so einem Casting mit sich bringt. Auch als Schilderung zweier Lebenswege, die von “Durchschnittstyp” zu “Superstar” und zurück führen, funktioniert das Buch einigermaßen gut. Es hätte allerdings geholfen, wenn das Manuskript zumindest mal kurzfristig in der Nähe von jemandem gelegen hätte, der sich mit dem Schreiben von Büchern auskennt.

Dass Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen verarscht werden, hatte man sich ja immer schon gedacht. Bei der Lektüre sieht man also vieles bestätigt, was man sowieso über die fehlende Wahrhaftigkeit solcher Sendungen geahnt hatte, gewürzt mir ein paar fassungslos machenden Anekdoten. Aber die versprochene Abrechnung, “die Wahrheit”, das alles fällt letztlich ein bisschen mager aus. Ja: Castingshows sind doof und gefährlich und jetzt wissen wir alle, warum. Das auf mehr als 350 Seiten ausgebreitet zu kriegen, ist vermutlich immer noch angenehmer, als die Verwertungsmaschinerie des Showgeschäfts selbst zu durchlaufen.

Markus Grimm/Martin Kesici – Sex, Drugs & Castingshows
Riva, 428 Seiten
17,90 Euro

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Gesellschaft Musik

If anyone asks …

Ich hab länger überlegt, ob ich noch was über den medialen Overkill schreiben soll, der Deutschland seit dem Tod von Robert Enke fest im Griff hat. Darüber, wie ich mich gestern angesichts des “Bild”-Titels “Deutschland weint mit Frau Enke” an die Zeit nach dem 11. September 2001 erinnert fühlte, als schon mal die Kollektivierung der persönlichen Empfindung völlig die tatsächliche persönliche Auseinandersetzung verhinderte.

Am Mittwochabend war ich in Düsseldorf beim Konzert von Weakerthans-Sänger John K. Samson. Bevor er den (wunderwunderschönen) Song “Pamphleteer” anstimmte, sprach Samson die “Elegy For Gump Worsley” vom letzten Weakerthans-Album. Gump Worsley war ein kanadischer Eishockeytorwart, der unter Flugangst litt und in der Saison 1968/69 einen Nervenzusammenbruch erlitt:

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(Das Video entstand ein paar Tage vorher im Konzerthaus Dortmund.)

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Wüstenbeschimpfungen

Vielleicht hat “Bild” da am Donnerstag versehentlich das eigene Gesamtwerk in 336 Zeichen zusammengefasst: Den ganzen Sexismus, die ganze Intoleranz gegenüber anderen Meinungen, die ganze Schadenfreude und das ganze Aus-nichts-eine-Meldung-machen-Müssen.

Und alles nur, weil sie Sahra Wagenknecht zum “Verlierer” machen wollten:

Ausriss: "Bild" vom 12. November 2009

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99 Kriegsminister

Falls Sie heute noch nicht am Kiosk waren: Lassen Sie’s! Es lohnt sich nicht.

Folgendes hätte Sie in etwa erwartet:

Titelseite "Süddeutsche Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Der Tagesspiegel", 13. November 2009

Titelseite "Berliner Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Welt Kompakt", 13. November 2009

Titelseite "Braunschweiger Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Ruhr Nachrichten", 13. November 2009

Gut, es geht natürlich auch … anders:

Titelseite "Bild", 13. November 2009

Titelseite "Hamburger Morgenpost", 13. November 2009

Titelseite "Berliner Kurier", 13. November 2009

Zwei Titelgeschichten zum Preis von einer bekommen nur die Leser der “Abendzeitung”:

Titelseite "Abendzeitung", 13. November 2009

[Alle Titelseiten via Meedia]

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Rundfunk Print Sport

Sprachlosigkeit: Die nächsten Tage

Editorische Notiz: Diesen Eintrag habe ich gestern Nacht und heute Morgen konzipiert. Als er fertig war, war er schon lange überholt. Ich veröffentliche ihn trotzdem.

11. November
Die ARD eröffnet ihren Abend mit einem “Brennpunkt” zum Tode Robert Enkes, es moderiert Reinhold Beckmann. Weil die DFB-Pressekonferenz fast schon in ganzer Länge in der “Tagesschau” zu sehen war, unterhält sich Beckmann für den Rest der Sendung mit “Kicker”-Chefredakteur Rainer Holzschuh. Zu Gast bei “Stern TV” sind Ex-Nationaltorhüter Eike Immel, irgendein Psychologe und “Supernanny” Katharina Saalfrank, die erklären soll, welche Perspektiven ein acht Monate altes Mädchen hat, deren Adoptivvater sich gerade umgebracht hat. Günther Jauch verspricht, dass man sich für die nächste Ausgabe um den Zugfahrer bemühen werde, der zur Zeit leider noch unter Schock stehe. Zu Gast bei “Markus Lanz” ist Ex-Nationaltorhüter und ZDF-Experte Oliver Kahn, der zum Thema “Sportler und Emotionen” leider wenig beizutragen hat.

12. November
“Bild” macht mit einem ganzseitigen Foto von der Pressekonferenz von Enkes Witwe auf. Auf Seite 6 ist ein Faksimile des Abschiedsbriefs abgebildet, darüber: “So sieht der BILD-Zeichner die letzten Sekunden im Leben von Robert Enke.” Die “ZDF-Reporter” haben “aus gegebenem Anlass” mal untersucht, wie leicht man eigentlich auf so Bahngleise gelangen kann. Bei “Harald Schmidt” parodiert man die Medienhysterie, indem man im Verlauf der Sendung ganze 19 Mal zu einem Reporter schaltet, der neben dem Eingang zur Studiotoilette steht.

13. November
“Enke tot, Schweinegrippe und heute auch noch Freitag der 13.”, titelt “Bild” etwas ungelenk, aber in Horrorfilm-Optik. Der NDR muss eine andere Folge der “NDR-Quizshow” senden als vorgesehen, weil einem Redakteur gerade noch eingefallen ist, dass es bei einer Frage um den Torwart von Hannover 96 geht. Bei “Aspekte” im ZDF hat man sich entschieden, Peter Handkes “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” mit ein paar Versatzstücken antiker Tragödien zu kombinieren.

14. November
Nachdem “Bild” den vierten Tag in Folge mit Enke aufmacht, macht sich in Fanforen Empörung breit. Einzelne Kommentatoren rufen zum Boykott der Zeitung auf. Statt des abgesagten Länderspiels Deutschland – Chile zeigt das ZDF einen Film mit Veronika Ferres.

15. November
Horst-Eberhard Richter verhandelt in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” anhand der Beispiele Robert Enke und Sebastian Deisler die Unmenschlichkeit des Profifußballs. Im “Doppelpass” des DSF stoßen Jörg Wontorra und Udo Lattek auf das Andenken von Robert Enke an.

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Leben

Aaaah, Glückauf

Bochum im Frühling

Als BILDblogger muss man regelmäßig “Bild” lesen. Um nicht als Vorzeige-Leser zu gelten und irgendwann namentlich begrüßt zu werden, versuche ich, meine Zeitung immer woanders zu kaufen. Bei uns im Viertel gibt es eine Tankstelle, einen Aldi, eine Lottoannahmestelle und ein Büdchen, die “Bild” im Sortiment haben. Ich versuche mich an einem rotierenden System, gehe aber trotzdem am liebsten zum Büdchen.

Das liegt nicht nur am nächsten, es hat auch die schönste Atmosphäre: Neben Boulevardzeitungen werden dort auch Eis und gemischte Tüten verkauft. Da ich nicht weiß, ob letzteres außerhalb des Ruhrgebiets überhaupt bekannt ist, hier eine kurze Erklärung: In zahlreichen Glas- oder Plastikgefäßen lagern verschiedene Süßigkeiten, die einem der Büdchen-Besitzer dann nach Wunsch (“Drei Frösche, vier Salami-Brezeln und drei Cola-Kracher”) oder nach Pauschale (“Eine gemischte Tüte für einen Euro, bitte”) zusammenstellt. Das ist zwar teurer als im Supermarkt, fühlt sich aber besser an.

Schon die knapp 200 Meter zum Büdchen sind wunderbar. An manchen Computer-intensiven Tagen sind sie das einzige, was ich von der Außenwelt sehe. Im Moment zeigt sich der Frühling von seiner knalligsten Seite (Büsche in pink und gelb leuchten am Wegesrand) und die Menschen bringen ihre Balkone und Vorgärten in Ordnung. Da werden Fenster geputzt, Rasen gemäht und Treppen geschrubbt.

Vorhin sah ich eine alte Frau in Kittelschürze, die sich mit einem Leder, dessen Oberfläche zu mehr als 50% aus Löchern bestand, und einem Schrubber abmühte. Kinder gingen von der nahen Grundschule nach hause, sagten so kluge Kindersätze wie “Die größte Winterzeit war mal in Norwegen. Da waren Minus neunenneunzich Grad!” und ein Mädchen erinnerte mich unfreiwillig an eines meiner größten Kindheitstraumata: Mit dem Tornister auf dem Rücken hinfallen und dann hilflos wie ein Maikäfer liegen bleiben.

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Musik

You say party! We say Dinslaken!

Downtown Dinslaken

Während Dinslakens größter Sohn gerade auf Sylt weilt, um sich dort zu vermählen (alles unter Vorbehalt, es stand in “Bild”), wurden die Kilians – wie ich erst jetzt feststellte – schon vor mehr als einem Jahr wieder aus dem Wikipedia-Artikel zur Stadt entfernt.

Es wird ihnen egal sein, denn in zwei Wochen werden die Kilians das (mutmaßlich) größte Konzert spielen, das die Stadt ohne Dinge mit dem Etikett “Das muss man unbedingt gesehen haben” je erlebt hat.

Oder wie es der GHvC-Newsletter noch eine Spur kryptischer ausdrückt:

Am 03.04. spielen die Kilians (das ist klingonisch für: “die coolen Typen, die in der Schule rauchen und sich dabei über Cunt, äh Kant unterhalten!”) umsonst und draußen auf dem Red Bull Bus!

Man kann nur auf Regen hoffen, denn sonst könnte das ein Ereignis von
epochaler Größe werden für eine Kultur und Ästhetik liebende Stadt wie
Dinslaken:

19:30 Uhr Dinslaken, Hans-Böckler-Platz! Und danach gehen wir alle zusammen in die KuKa zur Aftershow, wo uns das Kilians DJ Team zeigt, dass ihm auch die Plattenteller nicht fremd sind.

Am gleichen Tag erscheint die Single “Said & Done”. Zufälle gibts, Wahnsinn…

Wer immer schon mal nach Dinslaken wollte, dazu aber bisher (berechtigterweise) keinen Grund hatte, sollte die Gelegenheit nutzen. Eine Coffee-And-TV-Delegation wird ebenfalls vor Ort sein und Bericht erstatten.