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They Knew She Was Trouble.

Vor­her lau­fen Songs von Tay­lor Swift. Ich bin wahn­sin­nig schlecht im Schät­zen von Men­schen­men­gen, aber es mögen schon an die 300 Leu­te sein, die da in der Bochu­mer Innen­stadt auf dem Dr.-Ruer-Platz, benannt nach einem frü­he­ren jüdi­schen Ober­bür­ger­meis­ter, der von den Nazis in den Sui­zid getrie­ben wur­de, in der pral­len Mit­tags­son­ne ste­hen und war­ten.

Fast scheint es denk­bar, dass das alles, die Musik und das über­wie­gend jun­ge Publi­kum, nur hier ist, damit die Lokal­pres­se spä­ter schrei­ben kann, Hei­di Rei­chin­nek sei „emp­fan­gen wor­den wie ein Pop­star“. Und tat­säch­lich hat die 37-Jäh­ri­ge, seit der Bun­des­tags­wahl Gesicht und Stim­me der Lin­ken, das Wir­ken jun­ger, erfolg­rei­cher Frau­en in der Pop­kul­tur beob­ach­tet und ver­stan­den, wäh­rend man beim Rest der bun­des­deut­schen Poli­tik immer das Gefühl hat, irgend­wo zwi­schen Andre­as Gabal­li­er, Heinz-Rudolf Kun­ze und The Boss­Hoss rum­zu­grün­deln. Zumal, seit Robert Habeck, der Her­bert Grö­ne­mey­er der Poli­tik, das Gebäu­de ver­las­sen hat.

Ein Mann wirft klei­ne Tüt­chen in die Men­ge; für einen Moment ist unklar, ob es sich um Gum­mi­bär­chen oder Kon­do­me han­delt. Es sind Gum­mi­bär­chen. Wenn sie vegan sind, könn­te sich Ulf Pos­ch­ardt trotz­dem empö­ren. Wenn sie nicht vegan sind, wür­den die Fans – und so kann man die Aller­meis­ten hier wohl bezeich­nen – sicher­lich ein Auge zudrü­cken.

Das Publi­kum ist natür­lich so, wie man es sich an einem Werk­tag in den Schul­fe­ri­en um 13:30 vor­stellt: Sehr vie­le jun­ge Men­schen, aber nicht nur Schüler*innen. Es gibt sie noch, die schwar­zen Punk-Ruck­sä­cke mit vie­len But­tons dran; dazu vie­le Hips­ter aus dem Ehren­feld oder der Speck­schweiz, die aus­strah­len, dass sie es zeit­lich ein­rich­ten konn­ten, den Co-Working-Space oder Third-Wave-Cof­fee­shop vor­über­ge­hend zu ver­las­sen; dazu die erwart­ba­ren Veteran*innen von Hof­gar­ten, Start­bahn West und Wackers­dorf.

Bevor es wirk­lich los­ge­hen kann, bit­tet Rats­mit­glied Horst Hoh­mei­er dar­um, Ret­tungs­we­ge frei­zu­hal­ten und sich „mehr in die Mit­te zu ori­en­tie­ren“. Ent­schul­di­gung, wir sind doch hier, weil das mit der Mit­te zuletzt eher als Holz­weg erschien?!

Dann, end­lich: Der erwar­te­te Auf­tritt. Hei­di­ma­nia, in der Nach­bar­stadt erwä­gen sie schon die Umbe­nen­nung in Rei­chin­nek­kir­chen. Rats­kan­di­dat Batı­kağan Pulat, der mit Hei­di (sie möch­te geduzt wer­den und nach 30 Jah­ren Klum ist es ja wirk­lich an der Zeit, sich den Kin­der­buch­klas­si­ker­na­men mal zurück­zu­ho­len) auf die Büh­ne kommt, ruft ent­zückt: „Ihr seid so sweet, hier ist so viel Lie­be. Mega!“, und ich — nun, ich bin 41 Jah­re alt und hier nur bedingt die Ziel­grup­pe.

Heidi Reichinnek und Batıkağan Pulat auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken auf dem Dr.-Ruer-Platz in Bochum am 21. August 2025 (Foto: Lukas Heinser)

Auch Hei­di ist natür­lich „geflasht“ und kom­pli­men­tiert das Publi­kum in jetzt wirk­lich per­fek­ter Pop­star-Aneig­nung: „Sowohl die Son­ne als auch Ihr blen­det!“ Vor ihr auf dem Platz zwin­kert ein Pla­kat der Lin­ken für die Kom­mu­nal­wahl der Gen‑Z freund­schaft­lich zu: „Geht Wäh­len, ihr Mäu­se“. Ich bin ein biss­chen ver­un­si­chert (und habe eh eine irra­tio­na­le Angst, dass Susan­ne Daub­ner an jedem noch so abge­le­ge­nen Ort plötz­lich auf­tau­chen und „Crin­ge, Dig­ger!“ sagen könn­te), möch­te mich aber vehe­ment nicht wie Tho­mas Gott­schalk füh­len und wäh­ne mich daher mit­ge­meint.

Sie freue sich, hier zu sein, erklärt Hei­di, würzt die­se Politiker*innen-Klischee-Äußerung aber mit einem Rund­um­schlag gegen den Nah­ver­kehr in NRW, die­se Acht-Bit-Simu­la­ti­on exis­tie­ren­der Infra­struk­tur, der auch wech­seln­de Ver­kehrs­mi­nis­ter und läs­si­ge Social-Media-Stra­te­gien der ca. 200 ver­schie­de­nen Nah­ver­kehrs­an­bie­ter nichts von ihrer abscheu­li­chen Unter­durch­schnitt­lich­keit neh­men kön­nen. Bei ihr ist es nur ein Halb­satz, aber es ist ein sehr emo­tio­na­les The­ma, bei dem sie mich sofort hat.

Schnell singt sie noch das Lob­lied des Ruhr­ge­biets; Malo­chertum, Struk­tur­wan­del. Es erin­ne­re sie hier an ihre Hei­mat im Osten, sagt sie, weil es da ähn­lich aus­sä­he, und das durch­aus wohl­wol­len­de Publi­kum ist jetzt für einen Moment wirk­lich ver­un­si­chert, ob das irgend­wie als Kom­pli­ment durch­ge­hen kann und wenn ja, als ein toxi­sches.

Es wür­de abso­lut nie­mand erwar­ten und auch gar nicht pas­sen, aber: Hei­di Rei­chin­nek hält hier kei­ne Bier­zelt­re­de. Per Social Media hat­te man im Vor­feld Fra­gen mit den Schwer­punk­ten Bochum und Jun­ge Leu­te ein­rei­chen kön­nen, von denen Batı­kağan jetzt eine Aus­wahl vor­liest. Das ist natür­lich dop­pelt cle­ver, bringt es doch Nähe und geht gleich­zei­tig auf Num­mer Sicher, denn nie­mand ist so doof, im Jahr 2025 noch ein Mikro­fon ins Publi­kum zu hal­ten — noch dazu bei einer Kli­en­tel, wo die Stim­mung zwi­schen zwin­gend not­wen­di­ger Kri­tik an der israe­li­schen Regie­rung von Ben­ja­min Netan­ja­hu und stump­fem Anti­se­mi­tis­mus, der aber natür­lich „anti­ko­lo­ni­al“ und „auf­klä­re­risch“ gele­sen wer­den möch­te, schwankt. Vor mir steht ein ca. 15-jäh­ri­ges Mäd­chen in einem T‑Shirt, des­sen schlich­te Sym­bo­lik eigent­lich nur so ver­stan­den wer­den kann, dass sie die Abschaf­fung Isra­els zuguns­ten eines Paläs­ti­nen­ser­staats for­dert. So unschön wie all­täg­lich die­ser Tage.

Es soll also bit­te nicht um geo­po­li­ti­sche Groß­the­men gehen, die lösen zu kön­nen wol­len schon die unend­li­che Schlicht­heit eines Donald Trump erfor­dert. Statt­des­sen: Wie kann man Jugend­li­che davon abhal­ten, rechts­ra­di­kal zu wer­den? Kei­ne ganz schlech­te Fra­ge an eine stu­dier­te Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin, die lan­ge in der Jugend­hil­fe gear­bei­tet hat. 

Die Ant­wort, nicht wirk­lich über­ra­schend, aber eben auch nahe­lie­gend und nach­voll­zieh­bar: Brei­te Ange­bo­te für Jugend­li­che, direkt vor der Haus­tür. Schul­so­zi­al­ar­beit, die jun­gen Men­schen das Gefühl gibt, gese­hen zu wer­den, bevor es rechts­ra­di­ka­le Grill­aben­de und Social-Media-Accounts tun. Sozia­le Infra­struk­tur als Absi­che­rung gegen den Rechts­ruck. Also das, was markt­ra­di­ka­li­sier­te Durch­op­ti­mie­rungs­fe­ti­schis­ten am Liebs­ten immer als Ers­tes kür­zen. 

Und dann, ein Hauch wohl­do­sier­tes Barack-Oba­ma-Gedächt­nis­pa­thos, das aber auch die ganz simp­le Wahr­heit ist: „Wenn Ihr Euch umguckt, ver­bin­det Euch mit den Men­schen um Euch viel mehr, als Euch tren­nen könn­te.“ Natür­lich greift Hei­di den poli­ti­schen Geg­ner immer mal wie­der an, aber Chris­ti­an Lind­ner und Fried­rich Merz blei­ben die ein­zi­gen Ver­tre­ter, die sie nament­lich nennt. Die AfD erwähnt sie als sol­che nur ein­mal; recht spät, als sie über deren Social-Media-Stra­te­gie spricht, die ja lei­der ziem­lich erfolg­reich sei. Anders als gewis­se bay­ri­sche Minis­ter­prä­si­den­ten, die erst glück­lich schei­nen, wenn sie ande­ren Par­tei­en minu­ten­lang Unfä­hig­keit unter­stellt haben wie ein Trin­ker in der Eck­knei­pe, der sich immer über sei­ne „Alte“ auf­regt, ver­sucht sie es lie­ber mit kon­struk­ti­vem Opti­mis­mus, der sich um etwas mehr bemüht, als „Zuver­sicht“ zu sagen. Gleich­zei­tig betont sie, dass Fort­schritt immer Zeit brau­che: „Wir ver­spre­chen Euch nicht das Blaue vom Him­mel“. Na gut, Wil­ly Brandt hat­te es, hier im Ruhr­ge­biet, auch am Him­mel ver­spro­chen. Und gehal­ten.

Die Fra­ge, ob sie wegen ihrer hohen Sprech­ge­schwin­dig­keit mal über eine Rap-Kar­rie­re nach­ge­dacht habe, ver­neint sie: kein Flow. Rhe­to­risch wäre sie den aller­meis­ten Deutschrap­pern weit über­le­gen und man ahnt, dass sie das weiß. Leu­ten, die mit 1.500 Euro net­to in Tik­Tok-Kom­men­ta­ren Mil­li­ar­dä­re ver­tei­di­gen, ruft sie zu: „Du musst die Stie­fel, mit denen Du getre­ten wirst, nicht auch noch lecken!“, um dann, welt­of­fen und humo­ris­tisch durch­aus gelun­gen, hin­zu­zu­fü­gen: „Nicht falsch ver­ste­hen: No Kink-Shaming!“ Und es scheint zu exakt glei­chen Tei­len plau­si­bel, dass sie die­sen Gag schon mehr­fach gebracht hat, oder er gera­de ein­fach so aus ihr her­aus­ge­spru­delt kam.

Man kann sich vor­stel­len, war­um die­se Frau Men­schen trig­gert, die unge­lenk vor iPads sit­zen und ver­su­chen, locker oder auch nur mensch­lich zu wir­ken, wäh­rend sie in eine Han­dy­ka­me­ra Social-Media-Fra­gen von jun­gen Men­schen beant­wor­ten — und zwar mög­lichst ohne „Tagesschau“-taugliche Wort­hül­sen, also qua­si nackt.

Es erscheint über­flüs­sig, das bei einer Mil­len­ni­al, die Social Media so gut beherrscht, noch ein­mal zu beto­nen, aber Hei­di ist natür­lich auch selbst­iro­nisch: „Wenn wir was kön­nen als Lin­ke, dann ist es Papie­re schrei­ben“, sagt sie und bezeich­net sich selbst als „Kom­mu­nal­nerd“. Sicht­lich begeis­tert stei­gert sich in die Details hin­ein, wie man die dau­ern­den Miet­preis­stei­ge­run­gen been­den könn­te, und bricht doch das Meis­te sehr gut run­ter und for­mu­liert ziel­grup­pen­op­ti­miert — also jung und aka­de­misch ange­haucht. 

Wenn sie mal eine Voka­bel aus dem Fremd­wör­ter­le­xi­kon holt, wird die so anmo­de­riert, dass die allein­er­zie­hen­de Kas­sie­re­rin aus Hof­stede dabei noch was ler­nen kann. Wie das Wort „Femi­zid“: „Das ist kein ‚Bezie­hungs­dra­ma‘ oder eine ‚Fami­li­en­tra­gö­die‘, son­dern das ist ein ver­fick­ter Mord.“ Und irgend­wo fällt wie­der einem Boo­mer das Mon­okel run­ter.

Nach einer hal­ben Stun­de ist das Q&A been­det, es soll noch genug Zeit für Fotos und Auto­gram­me blei­ben: „Stellt Euch bit­te in einer Rei­he auf!“ Ich habe mir im Alter von elf Jah­ren mal die Unter­schrift von Hei­ner Geiß­ler auf dem Neu­tor­platz in Dins­la­ken geholt, weil ich den aus der Zei­tung kann­te, und ver­wah­re das Auto­gramm von Wil­ly Brandt, das mir ein Kol­le­ge mei­nes Vaters mal über­las­sen hat, wie einen Schatz (in dem Sin­ne, dass ich es erst­mal suchen müss­te), aber das hier heu­te ist nicht mei­ne Par­ty.

Man kann es selt­sam fin­den, dass Hei­di der­art abge­fei­ert wird („Wie ein Pop­star“, kommt, schreibt es, „WAZ“!), aber wenn man kein mit­tel­al­ter, wei­ßer Mann ist, mit Hemd, Kra­wat­te und Anzug ver­wach­sen, fin­det man in der Poli­tik immer noch auf­fal­lend weni­ge Men­schen, die so aus­se­hen wie man selbst. Solan­ge in der Uni­on (und durch­aus auch an ande­ren Stel­len) nie­mand merkt, wie wenig reprä­sen­ta­tiv die immer­glei­chen Grup­pen­fo­tos voll geklon­ter stell­ver­tre­ten­der Spar­kas­sen­fi­li­al­lei­ter sind; solan­ge Phil­ipp Amt­hor so etwas wie fri­schen Wind ver­kör­pern soll; solan­ge die SPD, Regie­rungs­par­tei in 23 der ver­gan­ge­nen 27 Jah­re, sich wie ein ideen­lo­ser nas­ser Sack durch jede Mane­ge und jeden Ring schlei­fen lässt; so lan­ge wer­den es die­se Par­tei­en schwer haben, auch nur annä­hernd so einen Hype zu erzeu­gen wie Hei­di Rei­chin­nek es gera­de für die Lin­ke tut. 

Sie schließt mit „Auf die Bar­ri­ka­den!“, dann läuft wie­der Tay­lor Swift.

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Politik Gesellschaft Leben

Little Brother Is Watching You

Ich sit­ze gera­de im Café, um zu arbei­ten. (Dafür trin­ke ich mei­nen Kaf­fee dann in mei­nem Arbeits­zim­mer.) Ich habe also mei­nen Lap­top auf­ge­klappt und lese gera­de die­sen „Süddeutsche“-Artikel über Sahra Wagen­knechts Rede in der gest­ri­gen Gene­ral­de­bat­te des Bun­des­tags.

Und jetzt steht Wagen­knecht im Hohen Haus und sagt an die Bun­des­re­gie­rung gerich­tet: „Offen­bar hat ja selbst noch ein Donald Trump wirt­schafts­po­li­tisch mehr drauf als Sie.“

Alles klar, den­ke ich, und tei­le den Arti­kel mit dem Satz „Eine von Ange­la Mer­kels wich­tigs­ten Wahl­kämp­fe­rin­nen heißt Sahra Wagen­knecht“ bei Face­book.

Minu­ten spä­ter geht ein jun­ger Mann auf dem Weg zum Aus­gang an mir vor­bei und sagt: „Gute Rede!“
„Hmmmm“, fra­ge ich, weil ich mich – ganz ego­zen­tri­scher Medi­en­fuz­zi – gar nicht erin­nern kann, in letz­ter Zeit irgend­wel­che Reden gehal­ten oder geschrie­ben zu haben.
„Die Rede von Sahra Wagen­knecht ges­tern. Die hast Du doch gera­de gelik­ed, oder?“
Ich erklä­re, dass ich die Rede eher kri­ti­siert hät­te, und Poli­ti­ker, die Donald Trump lob­ten, jetzt eher nicht so ernst neh­men kön­ne.
„Sie hat ja nur gesagt, dass er eine bes­se­re Wirt­schafts­po­li­tik hat, und das stimmt, fin­de ich!“, sagt der jun­ge Mann und ich mer­ke, dass sei­ne Beglei­te­rin ihn schon sanft Rich­tung Tür schiebt.
„Nee“, ent­geg­ne ich und den­ke, dass ich bei Online-Dis­kus­sio­nen echt schlag­fer­ti­ger bin als im real life.
„Find ich schon“, sagt er und schiebt nach: „Und ich bin ein Lin­ker!“

In die­sem Moment fällt mir ein, dass gera­de jemand in mei­nem Rücken Mar­tin Schulz als „Ver­bre­cher“ und „Wich­ser“ bezeich­net hat­te, und jetzt weiß ich auch, wer das war.
Die Beglei­te­rin schafft es, den Mann durch die Tür zu bug­sie­ren, wir tau­schen noch has­tig freund­li­che Ver­ab­schie­dungs­wor­te aus, dann sehe ich, wie sie ihn mit die­ser Mischung aus Zunei­gung, Erfah­rung und Resi­gna­ti­on, wie sie nur in sehr lang­jäh­ri­gen Bezie­hun­gen vor­kommt, an die Hand nimmt.

„Komisch“, den­ke ich und wid­me mich vor­sich­tig wie­der mei­nem Lap­top. „Frü­her waren die Lin­ken doch gegen Über­wa­chung!“

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Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 7

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Nach einem gewohnt lau­ni­gen Auf­takt wol­len wir uns kri­tisch zum Zeit­ge­sche­hen äußern: Was haben Leb­ku­chen, Sha­ria und Wasch­stra­ßen mit­ein­an­der zu tun und was ist das Yoko-Ono-Prin­zip bei deut­schen Kanz­ler­gat­tin­nen?
Wir spre­chen über WDR-Redak­teur Heri­bert Schwan, der 600 Stun­den im Kel­ler von Hel­mut Kohl gefan­gen war, die Wie­der­ver­ei­ni­gung des maro­den Deutsch­lands und die Drei­tei­lung des Ruhr­ge­biets, grün­den die Bewe­gung der Hei­mat­ver­trie­be­nen der Alten Bun­des­re­pu­blik und erklä­ren, wofür es die FDP und die Pira­ten­par­tei braucht.
Außer­dem: Kar­tof­fel­ern­te auf Face­book.

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Wüstenbeschimpfungen

Viel­leicht hat „Bild“ da am Don­ners­tag ver­se­hent­lich das eige­ne Gesamt­werk in 336 Zei­chen zusam­men­ge­fasst: Den gan­zen Sexis­mus, die gan­ze Into­le­ranz gegen­über ande­ren Mei­nun­gen, die gan­ze Scha­den­freu­de und das gan­ze Aus-nichts-eine-Mel­dung-machen-Müs­sen.

Und alles nur, weil sie Sahra Wagen­knecht zum „Ver­lie­rer“ machen woll­ten:

Ausriss: "Bild" vom 12. November 2009

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Digital Literatur

Restefiktion

Ursprüng­lich hat­te ich geplant, eine Geschich­te zu erzäh­len. Sie hät­te von einem Jung­jour­na­lis­ten gehan­delt, der einen fik­tio­na­len Text über einen real exis­tie­ren­den CDU-Poli­ti­ker geschrie­ben hät­te, der sich in eine real exis­tie­ren­de Lin­ken-Poli­ti­ke­rin ver­liebt. Es wäre ein okay­er Text gewe­sen, nicht über­ra­gend, aber auch nicht schlecht. Der Jung­jour­na­list hät­te expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich um einen fik­tio­na­len Text gehan­delt hät­te. Trotz­dem hät­ten Rechts­an­wäl­te auf die­sen Text reagiert – aber nicht die der real exis­tie­ren­den Lin­ken-Poli­ti­ke­rin, die im Lau­fe der fik­tio­na­len Geschich­te immer­hin mit einem namen­lo­sen (mög­li­cher­wei­se real exis­tie­ren­den, mög­li­cher­wei­se aber auch fik­tio­na­len) ande­ren CDU-Poli­ti­ker im Bett lan­det, son­dern die des real exis­tie­ren­den CDU-Poli­ti­kers.

Ich habe die Idee, eine sol­che Geschich­te zu erzäh­len, dann aber doch wie­der ver­wor­fen.

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Unterwegs Politik

Unter Grünen: Über Menschenrechte

Das mit Clau­dia Roth und mir ist irgend­wie komisch: im Fern­se­hen fin­de ich sie (wenn sie nicht gera­de bei „Zim­mer frei“ zu Gast ist) uner­träg­lich. Ich kann ihren Sät­zen nicht fol­gen, ich weiß hin­ter­her nicht, was sie der Welt sagen – oder bes­ser: zuru­fen – woll­te. Sie ist mir zu emo­tio­nal, zu laut, ja, letzt­lich: zu enga­giert.

Jetzt stand sie hier gera­de und hielt eine Rede zum The­ma „60 Jah­re Men­schen­rech­te“ und war wie­der emo­tio­nal, laut und enga­giert. Aber in der Hal­le habe ich zumin­dest ver­stan­den, war­um man die­se Frau die „See­le der Par­tei“ nennt: sie reißt ihre Par­tei­freun­de mit, weil sie emo­tio­nal und enga­giert ist – und laut, zu laut. Aber mehr­stün­di­ge Dis­kus­sio­nen, ob man jetzt die­ses Wort aus einem Antrag strei­chen oder jenes hin­zu­fü­gen soll­te, brau­chen als Gegen­pol wohl eine Par­tei­vor­sit­zen­de, die ein wenig mut­ter­bei­mert. Dass ich ihr beim The­ma Men­schen­rech­te und ihrer Kri­tik an der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung zustim­me, war ja vor­her schon abzu­se­hen.

Was also hat sie der Welt zuge­ru­fen? Im Dezem­ber wird die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te 60 Jah­re alt. Roth warn­te vor „Sonn­tags­re­den“ und Lip­pen­be­kennt­nis­sen zu die­sem Anlass. Im Hin­blick auf Guant­anomo und Abu Ghraib wet­ter­te sie: „Kei­ne Demo­kra­tie ist wirk­lich stark, wenn in ihr die Men­schen­rech­te miss­ach­tet wer­den.“ Der Kampf gegen den inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus dür­fe kein „Gene­ral­schlüs­sel“ sein, um Men­schen­rech­te aus­zu­he­beln: „Sie gel­ten für jeden Men­schen auf die­ser Welt.“

Anders als bei der Atom­ener­gie- und der Finanz­markt­de­bat­te war ich am The­ma Men­schen­rech­te per­sön­lich inter­es­siert und konn­te den ers­ten zehn, zwölf Rede­bei­trä­gen auch noch fol­gen. Aber dann war es wie­der vor­bei: alle wün­schen sich mehr Men­schen­rech­te, aber jeder muss noch ein­mal einen beson­de­ren Focus auf das The­ma legen. Jede ein­zel­ne Rede ist ihrem Red­ner inhalt­lich sicher sehr wich­tig, aber ich bezweif­le schon, dass die Par­tei­freun­de dem zwan­zigs­ten Red­ner über­haupt noch rich­tig zuhö­ren (kön­nen) – von den Außen­ste­hen­den ganz zu schwei­gen.

Wie­der wach wur­de ich dann bei dem Red­ner, der davor warn­te, sich blind hin­ter Barack Oba­ma zu stel­len, und for­der­te, lie­ber mit den ame­ri­ka­ni­schen Grü­nen zu koope­rie­ren. Also jener Par­tei, der man vor­wirft, durch ihren Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten im Jahr 2000 Geor­ge W. Bush den Weg ins Wei­ße Haus erst geeb­net zu haben.

Weil ich gera­de kaum zu ande­ren The­men kom­me – und weil es irgend­wie zum The­ma Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit passt – möch­te ich Ihnen hier noch zwei Link­tipps geben: Da ist zum einen die Kam­pa­gne, die der Deut­sche Fuß­ball­bund gera­de gegen den frei­en Sport­jour­na­lis­ten Jens Wein­reich fährt, und zum ande­ren Lutz Heil­mann, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter der Links­par­tei, der gericht­lich gegen wikipedia.de vor­ge­gan­gen ist, weil ihm der Ein­trag zu sei­ner Per­son miss­fiel.

Beach­ten Sie für alle Par­tei­tags-Bei­trä­ge bit­te die Vor­be­mer­kun­gen.

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Politik

Ich wär wohl euer Präsident

So lang­sam bin ich mir nicht mehr sicher, ob die Par­tei „Die Lin­ke“ nicht viel­leicht doch ein irres Lang­zeit­pro­jekt von … sagen wir mal: Chris­toph Schlin­gen­sief ist. Heu­te jeden­falls hat sie den Schau­spie­ler Peter Sodann als Kan­di­da­ten für das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten vor­ge­stellt. War­um auch nicht, den USA ging es unter Ronald Rea­gan ja auch ganz gut und auf einen Kan­di­da­ten mehr oder weni­ger kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Als Wäh­ler fragt man sich natür­lich, war­um es bei der Wahl für ein reprä­sen­ta­ti­ves Amt, an der man selbst aktiv gar nicht teil­neh­men darf, eine grö­ße­re Aus­wahl an Alter­na­ti­ven gibt als bei der Wahl zum deut­schen Regie­rungs­chef.

Sodann ist aber mit­nich­ten der abwe­gigs­te Kan­di­dat, der je Bun­des­prä­si­dent wer­den soll­te, er reiht sich da nur ganz gut ein. Das Poli­tik-und Geschichts­blog Cof­fee And TV fasst die schil­lernds­ten Per­sön­lich­kei­ten zusam­men:

  • Hein­rich Lüb­ke (Prä­si­dent von 1959–1969) Auch wenn der berühm­te Aus­spruch mit den Negern offen­sicht­lich Quatsch ist und der Mann schwer krank war, wird er doch am Ehes­ten als der „lus­ti­ge“ Prä­si­dent in Erin­ne­rung blei­ben.
  • Wal­ter Scheel (Prä­si­dent von 1969–1974) Der Mann des Volks­lieds, der im Fern­se­hen „Hoch auf dem gel­ben Wagen“ gesun­gen hat.
  • Lui­se Rin­ser (Kan­di­da­tin 1984) Kaum durf­ten die Grü­nen jeman­den vor­schla­gen, taten sie es auch: In Form einer links­ka­tho­li­schen Schrift­stel­le­rin, die sich ein­mal als „Freun­din fürs Leben“ von Gud­run Ens­slin bezeich­net hat­te. Hach, so was ging natür­lich gar nicht!
  • Stef­fen Heit­mann (Bei­na­he-Kan­di­dat 1994) Hel­mut Kohl wünsch­te sich einen Ost­deut­schen als Bun­des­prä­si­den­ten und fand ihn in Form eines erz­kon­ser­va­ti­ven Fett­näpf­chen-Sprin­gers. Als der nicht mehr halt­bar war, beka­men wir Roman Her­zog.
  • Hans Hir­zel (Kan­di­dat 1994) Vom Mit­glied der „Wei­ßen Rose“ zum Repu­bli­ka­ner: Ein typisch deut­sches Leben halt.
  • Uta Ran­ke-Hei­ne­mann (Kan­di­da­tin 1999) Bun­des­prä­si­den­ten-Toch­ter, Papst-Kom­mi­li­to­nin, streit­ba­re Theo­lo­gin. Eine klu­ge Frau, die aus Grün­den, die auch nicht wirk­lich nach­zu­voll­zie­hen sind, als „die Frau im tür­ki­sen Kos­tüm“ in die Geschich­te ein­ge­hen wird.

Viel­leicht soll­ten wir in die­sem Zusam­men­hang doch die Akti­on „Be My Kan­di­dat“ noch ein­mal auf­wär­men …

PS: Die Über­schrift ist natür­lich wie­der geklaut. Dies­mal bei Jens Frie­be.

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Train In Vain

Seit 15 Jah­ren ver­kehrt zwi­schen den Haupt­bahn­hö­fen von Bochum und Gel­sen­kir­chen die Nokia-Bahn, deren wich­tigs­te Hal­te­stel­le der Bahn­hof Bochum-Nokia am Nokia-Werk in Bochum-Riem­ke ist.

Allein: Das Nokia-Werk gibt es nicht mehr, seit sich der fin­ni­sche Han­dy­her­stel­ler spon­tan und unter Zah­lung von Abfin­dun­gen aus der Stadt ver­ab­schie­det hat. Die Hal­te­stel­le und die Bahn-Linie der pri­va­ten Fir­ma Abel­lio brau­chen also einen neu­en Namen, wes­we­gen der Ver­kehrs­ver­bund Rhein-Ruhr (VRR) einen Wett­be­werb ins Leben geru­fen hat, bei dem man sei­ne Vor­schlä­ge ein­rei­chen kann.

Na, dann wol­len wir doch mal anfan­gen:

  • BO-GE-n-Bahn (fährt ja zwi­schen Bochum und Gel­sen­kir­chen und in einem schö­nen Bogen über das Bochu­mer Bermuda3eck)
  • Ber­mu­da-Express (weil wegen Bermuda3eck; aus den Kom­men­ta­ren bei den Ruhr­ba­ro­nen)
  • Rim­mel­bahn (benannt nach RIM, der neu­en Fir­ma in den alten Nokia-Gebäu­den; erfun­den von Jens)
  • Blau-Weiß-Express (passt zwar schön zu den Erst­li­ga­ver­ei­nen der bei­den Städ­te, ist aber inso­fern albern, als die jewei­li­gen Sta­di­en nur von Stra­ßen­bah­nen ange­steu­ert wer­den)
  • Urbahn (braucht ein biss­chen län­ger, bis er zün­det, wird sich aber bei Leu­ten, die in Restau­rants namens „Ess-Bar“ gehen, gro­ßer Beliebt­heit erfreu­en)
  • Trup­pen­ab-Zug (der heim­li­che Favo­rit der Par­tei „Die Lin­ke“)
  • Wes­tern And Occi­den­tal Express (immer­hin hält er in Bochum-West und die Zeit des Under­state­ments muss im Pott end­lich mal vor­bei sein)
  • City Express (als Hom­mage an die­se unfass­bar schlech­te ARD-Serie, die ich immer mit gro­ßer Begeis­te­rung geschaut habe)
  • Star­light Express

Sehr cool wäre ja ein Cof­fee-And-TV-Express, aber ich fürch­te, selbst wenn wir alle zusam­men­schmei­ßen, reicht das nicht aus.

Was mei­nen Sie?

[via Ruhr­ba­ro­ne]

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Politik

Vergleichsweise originell

Der Nazi-Ver­gleich der Woche kommt von Hel­mut Schmidt, auch wenn es genau genom­men kei­ner ist.

Der Alt­kanz­ler hat­te der „Bild am Sonn­tag“ gesagt:

Aber wir sehen jetzt in Ame­ri­ka, wie ein jun­ger Mann, Barack Oba­ma, allein mit Cha­ris­ma zu einer natio­na­len Figur wird. Dabei darf man nicht ver­ges­sen, dass Cha­ris­ma für sich genom­men noch kei­nen guten Poli­ti­ker aus­macht. Auch Adolf Nazi war ein cha­ris­ma­ti­scher Red­ner. Oskar Lafon­taine ist es auch.

Zu sagen, dass drei ver­schie­de­ne cha­ris­ma­ti­sche Red­ner „cha­ris­ma­ti­sche Red­ner“ sind, macht den Absatz nicht zu einem Ver­gleich. Wenn Schmidt gesagt hät­te: „Ich mag mei­ne Frau. Auch Ziga­ret­ten mag ich. Die ‚Fünf­te‘ von Beet­ho­ven auch.“, hät­te er ja auch nicht Loki mit einer klas­si­schen Sym­pho­nie ver­gli­chen.

Aller­dings gibt es da natür­lich noch einen qua­li­ta­ti­ven Unter­schied zwi­schen Hit­ler und Beet­ho­vens „Fünf­ter“ – letz­te­re ist nicht dafür bekannt, die Tötung von Mil­lio­nen von Men­schen geplant und frem­de Län­der über­fal­len zu haben. Ziga­ret­ten wie­der­um dürf­ten, was die Opfer­zah­len angeht, sogar schlim­mer als Hit­lerTM sein.

Was ich aber eigent­lich sagen woll­te: Hit­ler­ver­glei­che sind nicht das schlimms­te rhe­to­ri­sche Mit­tel, aber das lang­wei­ligs­te. Man kann alles und jeden mit Hit­ler ver­glei­chen (schrieb der Mann, des­sen Name mit „H“ anfängt und mit „er“ auf­hört).

Das Dienst­leis­tungs­blog Cof­fee And TV prä­sen­tiert statt­des­sen eine Lis­te von Leu­ten, mit denen Schmidt Lafon­taine hät­te ver­glei­chen kön­nen, wenn er ein biss­chen ori­gi­nel­ler hät­te sein wol­len:

  • Erich Hon­ecker Eben­falls Saar­län­der mit Grö­ßen­wahn und vor­geb­lich „sozia­lis­ti­scher“ Par­tei.
  • Lyn­don Larou­che Neben dem fran­ko­pho­nen Namen eint die bei­den, dass sie erfolg­lo­se Kan­di­da­ten für ihre jewei­li­gen Par­tei­en (SPD und US-Demo­kra­ten) waren, dann belei­digt von dan­nen zogen und sich eine auf sie zuge­schnit­te­ne Orga­ni­sa­ti­on mit merk­wür­digs­ten Zie­len auf­bau­ten.
  • Kurt Beck Hät­te sich auch bes­ser nie in der Bun­des­po­li­tik ver­sucht.
  • Rudolf Schar­ping War auch mal Kanz­ler­kan­di­dat der SPD, bevor er sich bei einem ande­ren Ver­ein (Bund Deut­scher Rad­fah­rer) voll­ends lächer­lich mach­te.
  • Wolf­gang Schäub­le Auch ein Berufs­pol­ti­ker, der Opfer eines Atten­ta­tes wur­de und sich seit­dem merk­wür­dig benimmt.
  • Kurt Georg Kie­sin­ger War auch mal für drei­ein­halb Jah­re Vor­sit­zen­der einer gro­ßen Volks­par­tei.
  • Hil­trud Hen­sen Hat sich auch mal bes­ser mit Ger­hard Schrö­der ver­stan­den.
  • Mar­cel Reich-Rani­cki Ist auch kein Freund von Gün­ter Grass.
  • Otto Lili­en­thal Hat die glei­chen Initia­len und woll­te auch immer hoch hin­aus.
  • Karl-Heinz Ried­le Hat am glei­chen Tag (näm­lich heu­te) Geburts­tag, nur in einem ande­ren Jahr. Ried­le passt aller­dings nicht so ganz, weil der auch Erfol­ge hat­te (Welt­meis­ter 1990).
  • Brun­ner & Brun­ner Haben auch einen Namen mit Was­ser­be­zug.
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Fernsehen Rundfunk Politik

Holzmichel auf dem Holzweg

Jaaaaaaaaa, Fried­bert Pflü­ger lebt also auch noch. 1 Um auf die­sen Umstand hin­zu­wei­sen, hat er zu Beginn der Woche die Abset­zung der Talk­show „Anne Will“ gefor­dert. In der Aus­ga­be vom letz­ten Sonn­tag gab es einen Ein­spie­ler zu sehen, der laut Herrn Pflü­ger die rot-rote Regie­rung in Ber­lin in einem viel zu guten Licht hat erschei­nen las­sen.

Ich habe die betref­fen­de Sen­dung nicht gese­hen, ich habe „Anne Will“ über­haupt noch nie gese­hen, eben­so wie ich mich nicht erin­nern kann, je eine gan­ze Aus­ga­be „Sabi­ne Chris­ti­an­sen“ ertra­gen zu haben. Ich ertra­ge kein Talk­shows, in denen Poli­ti­ker und Men­schen aus­wen­dig gelern­te Sät­ze auf­sa­gen, und sich in kei­ner Wei­se durch das beir­ren las­sen, was die ande­ren Gäs­te aus­wen­dig auf­sa­gen. 2

In sei­nem Blog schrieb Pflü­ger über „Anne Will“:

Mit Jour­na­lis­mus hat das alles wenig zu tun. Das ist Ideo­lo­gie und Lie­be­die­ne­rei, dazu noch schlecht gemacht. Frau Will miss­braucht ihren pri­vi­le­gier­ten Sen­de­platz und wirbt für eine poli­ti­sche Rich­tung, anstatt zu infor­mie­ren.

Es ent­behrt nicht einer gewis­sen Iro­nie, dass aus­ge­rech­net „Bild“ Pflü­gers Vor­la­ge auf­nahm.

Dann warf Pflü­ger sei­ne kom­plet­te Ahnungs­lo­sig­keit in Sachen Medi­en­po­li­tik in die Wag­scha­le:

Ich bin – auch als Rund­funk­rat des rbb – nicht bereit, dass auf sich beru­hen zu las­sen.

Ich bin mir sicher, dass man beim NDR, der die Sen­dung „Anne Will“ ver­ant­wor­tet, schon mit den Knien schlot­tert, ange­sichts die­ser Kampf­an­sa­ge.

Oder wie es Lorenz Maroldt in sei­nem klu­gen Kom­men­tar im „Tages­spie­gel“ zusam­men­fasst:

Für die Fra­ge, ob Anne Will durch Frank Plas­berg ersetzt wird, ist Pflü­gers Stim­me eben­so wich­tig wie die von Lothar Mat­thä­us für die Auf­stel­lung der Natio­nal­mann­schaft.

Bis hier­hin war es nur Fried­bert Pflü­ger, der sich freu­en konn­te, mal wie­der in der bun­des­wei­ten Pres­se gelan­det zu sein. Doch heu­te for­dern – eben­falls in „Bild“ – Kul­tur­staats­mi­nis­ter Bernd Neu­mann (CDU) und David McAl­lis­ter, CDU-Frak­ti­ons­chef in Nie­der­sach­sen und Mit­glied im NDR-Rund­funk­rat eben­falls Kon­se­quen­zen, die bis zur Abset­zung der Sen­dung rei­chen.

Jour­na­lis­ti­sche Feh­ler pas­sie­ren immer wie­der und Frank Schirr­ma­cher, der dem The­ma einen klu­gen, aber etwas umständ­li­chen Text gewid­met hat, dürf­te Recht haben, wenn er sagt, die Redak­ti­on der Sen­dung wür­de sich über sol­che Feh­ler wohl am meis­ten ärgern. 3 Im kon­kre­ten Fall scheint aber noch nicht ein­mal völ­lig klar, ob die in der Sen­dung auf­ge­stell­te Behaup­tung, die rot-rote Regie­rung habe in Ber­lin 60 Mil­lio­nen Mil­li­ar­den Euro „geerbt“ nun wirk­lich falsch oder nur unglück­lich for­mu­liert war. Ver­mut­lich ist es ein­fach eine Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che.

Dass nun Poli­ti­ker direkt in die Pro­gramm­pla­nung ein­grei­fen wol­len, fin­de ich sehr gefähr­lich. Zwar haben gera­de die Zuschau­er öffent­lich-recht­li­cher Pro­gram­me einen Anspruch auf rich­ti­ge Fak­ten und mög­lichst objek­ti­ve Bericht­erstat­tung, aber ers­tens ist der strit­ti­ge Sach­ver­halt ja offen­bar gar nicht so klar und zwei­tens strahlt die ARD ja auch immer noch den „Report aus Mün­chen“ aus. In kei­nem Fal­le aber soll­ten Poli­ti­ker, denen eine poli­ti­sche Talk­show nicht in den Kram passt, erklä­ren wol­len, wie guter Jour­na­lis­mus geht.

Wie die­se gan­zen CDU-Poli­ti­ker wohl reagiert hät­ten, wenn in der Sen­dung Stim­mung gegen rot-rot gemacht wor­den wäre?

  1. Für die 81 Mil­lio­nen Deut­schen, die Fried­bert Pflü­ger nicht ken­nen: Das ist der Mann, der vor zwei Jah­ren ger­ne Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter in Ber­lin gewor­den wäre. Er sieht immer ein biss­chen so aus, als habe er gera­de die Jah­res­pro­duk­ti­on einer Zitro­nen­saft­kon­zen­trat­fa­brik leer­ge­trun­ken, und ist gera­de mit sei­nem ein­zi­gen bekann­ten poli­ti­schen Ziel, dem Erhalt eines knuf­fi­gen Stadt­flug­ha­fens, geschei­tert. Kurz­um: Er ist der Typ, der in ame­ri­ka­ni­schen High-School-Komö­di­en immer in den Spind gesperrt wird. Außer­dem bloggt Fried­bert Pflü­ger.[]
  2. In den drei Sen­dun­gen von „Hart aber fair“, die ich gese­hen habe, rede­ten Men­schen laut und wüst durch­ein­an­der und gegen Ende wur­de klar, dass es theo­re­tisch einen Mode­ra­tor gege­ben hät­te, der das Gan­ze hät­te len­ken kön­nen. Wie­so alle Welt „Hart aber fair“ so toll fin­det, ist mir völ­lig schlei­er­haft.[]
  3. Wenigs­tens will ich Schirr­ma­chers Opti­mis­mus tei­len.[]
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Literatur Politik

Die Blechtrommel

Völ­lig über­ra­schend hat Oskar Lafon­taine, Vor­sit­zen­der von Die Lin­ke, im „Han­dels­blatt“ erklärt, dass sei­ne Par­tei die Unter­stüt­zung bei der Wahl zum Bun­des­prä­si­den­ten vom Lite­ra­tur-Geschmack der Bewer­ber abhän­gig machen wer­de:

Für Linken-Chef Oskar Lafontaine ist ausschlaggebend, wie der Kandidat zu “Krieg und Frieden” steht.

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Leben Digital

From Despair To Where

Weil’s ja in der gro­ßen Koali­ti­on im Moment mal wie­der am Kri­seln ist, dach­te man sich bei derwesten.de, dem Inter­net­por­tal der WAZ-Grup­pe: „Da machen wir doch mal ’ne Umfra­ge mit der soge­nann­ten Sonn­tags­fra­ge.“

Etwas über­rascht dürf­ten wohl nicht nur die Mit­ar­bei­ter vom bis­he­ri­gen Ver­lauf die­ser Abstim­mung sein:

Die Leser von derwesten.de wünschen sich eine linke Bundesregierung

[Screen­shot am 30. Mai 2008 um 14:15 Uhr]