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Literatur

Hinter dem Horizont geht’s weiter

“lit.COLOGNE zählt nicht: Da ist überall ausverkauft!”

Ist das Koketterie, Understatement oder echter Selbstzweifel? Bei Benjamin von Stuckrad-Barre weiß man ja nie. Vermutlich hätten die Mitarbeiter vom Verlag und vom WDR alleine den Sendesaal (“Ist das eigentlich der große?”) vollgemacht, aber es gibt wohl auch genug zahlende Gäste und auch noch genug zahlungswillige, für die dann aber leider echt kein Platz mehr ist. Quasi-Heimspiel, Comeback, jetzt aber wirklich!

Stuckrad-Barre hat, das war in den letzten Tagen vielleicht gelegentlich mal in den Feuilletons und Kultursendungen angeklungen, ein neues Buch geschrieben, das “Panikherz” heißt, von ihm selbst konsequent als “Memoir” bezeichnet wird und eine Bestandsaufnahme der ersten vierzig Jahre Leben ist, die auch Stoff für achtzig Jahre geboten hätten. Jetzt sind’s eben 564 Seiten geworden.

Im ersten Kapitel, das hier heute Abend live vorgelesen wird, geht es um die Zeit in der Redaktion der kurzlebigen ARD-Sendung “Privatfernsehen” mit Friedrich Küppersbusch. Das ist insofern lustig, weil Friedrich selbst auf der Bühne sitzt und vorliest, was da über ihn, Küppersbusch, in der dritten Person geschrieben steht. Ich habe mehr als 15 Jahre später in der Redaktion seiner (von vornherein als kurzlebig geplanten) WDR-Sendung “Tagesschaum” gearbeitet und neben mir sitzt der Redaktionsleiter beider Sendungen und ich versuche, alle seine Reaktionen zu deuten. Hallo, Hermeneutik!

Es geht dann aber recht schnell auch um das, was “Panikherz” für die etwas boulevardesker eingestellten Journalisten interessant macht: um Drogen, Abstürze und Selbstzweifel. In einer langen, aber grandiosen Passage erklärt Stuckrad-Barre, warum er unter keinen Umständen zu seinem 20-jährigen Abitreffen gehen konnte — dass jeder seinen Aufstieg und Fall, wenn schon nicht live medial miterlebt, in der Wikipedia nachlesen kann, spielt dabei keine Rolle, er findet genug andere Gründe.

In den vorgelesenen Kapiteln sind Selbstzweifel und Maximalabstürze mitunter schon auf Pointe gebürstet, das hilft hier natürlich, denn über zwei Stunden Elendsbeichte wären dann – lit.COLOGNE hin oder her – vielleicht doch ein bisschen zu viel. Kann man ja dann zuhause noch mal nachlesen und feststellen, dass es eigentlich gar nicht lustig ist. Und ohne Stuckrads Udo-Lindenberg-Imitationen (es geht in dem Buch viel um Udo Lindenberg, den Helden seit Kindheitstagen und Retter in den dunkelsten Stunden) fehlt bei der Lektüre im Lehnstuhl dann auch was.

Zwischendurch denke ich: Da sitzen jetzt echt der Mann, dessentwegen ich schon als Kind zum Fernsehen wollte, und mit dem ich heute ab und zu Podcasts produziere, und der Mann, dessentwegen ich als Teenager mit dem Schreiben angefangen habe, auf einer Bühne und lesen aus einem Buch, das zwar eigentlich eine Autobiographie – Verzeihung: ein Memoir! – ist, das aber auch super als Atlas der Popkultur der letzten 20 Jahre taugt. Tell me more, tell me more!

Zwischen dem Auftritt mit Rockstargeste zu “Suburbia” von – natürlich! – den Pet Shop Boys und der Verabschiedung mit völlig aufrichtig wirkender Dankbarkeit liegen viele Seiten des Buches und einiges an Geplänkel zwischen den beiden Vortragenden. Wer alles deuten und interpretieren will, sieht das gealterte ADHS-Kind während dieser Zeit sicherer – und damit weniger albern – werden. Wer bei der langen Umarmung, bevor Friedrich Benjamin die Bühne zur Zugabe überlässt, nicht schlucken muss, hat ein frittiertes Herz.

Benjamin von Stuckrad-Barre ist wieder da und es sieht aus, als plane er zu bleiben. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte: ich hab noch über 400 Seiten vor mir.

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Film

Hebt die Gläser für John Keating

Gestern, auf dem Weg nach hause, hatte ich die Idee, “Reiß die Trauer aus den Büchern” von Jupiter Jones zum heutigen Song des Tages zu machen. Zum einen, weil es auch nach zehn Jahren immer noch ein unglaublich guter Song ist, aber auch ein bisschen, um mich und alle anderen daran zu erinnern, wie diese Band mal angefangen hat. Und wegen der Textzeile “Hebt die Gläser für John Keating”.

Heute erwachte ich zu der Nachricht, dass Robin Williams, der den Lehrer John Keating in Peter Weirs “Der Club der toten Dichter” gespielt hatte, gestorben ist.

Wir haben “Der Club der toten Dichter” in der zehnten Klasse im Deutschunterricht gelesen, was insofern ein bisschen absurd ist, weil es sich um ein ursprünglich englischsprachiges Buch handelte, das auf Grundlage des Drehbuchs zu einem Hollywood-Film geschrieben wurde. Und “gelesen” habe ich es, wie ungefähr alle Lektüren in der Schulzeit, allenfalls quer. Natürlich haben wir uns auch den Film angesehen, von dem ich weniger über Literatur gelernt habe (noch heute werde ich mit Lyrik nicht so richtig warm), aber viel über unpassende Synthesizer-Klänge und über Pathos.

Die Schlussszene, wenn die Schüler auf ihre Tische steigen und die erste Zeile aus Walt Whitmans “O Captain! My Captain!” rezitieren, während Ihr Lehrer John Keating abberufen wird, traf mich mit ungeheurer Wucht ins Herz. Sie sorgte dafür, dass ich im Real Life häufig von Abschieden etwas enttäuscht war, weil sie mit dieser Fiktion nicht mithalten konnten. Ich sehe eine direkte Linie zwischen dieser Szene und meiner Begeisterung für leicht melodramatische amerikanische Popkultur (“Dawson’s Creek”, Springsteen, Bücher von John Green) und für die Lieder von Tomte. Schon an normalen Tagen kann ich diese Szene nicht anschauen, ohne Gänsehaut und feuchte Augen zu bekommen.

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Meine erste richtige “Begegnung” mit Robin Williams lag zu dieser Zeit schon fünf Jahre zurück: Mit zehn hatte ich “Mrs. Doubtfire” gesehen und für einige Jahre zu meinem Lieblingsfilm erkoren. Ich muss den Film in dieser Zeit buchstäblich Dutzende Male gesehen haben.

Robin Williams spielt darin den Vater Daniel Hillard, der seine Kinder nach der Trennung von seiner Frau zu selten sehen darf und sich deshalb als Kindermädchen verkleidet, um ihnen dennoch nahe sein zu können. Ich bezweifle, dass mir das als Zehnjährigem aufgefallen ist und es ist schon Jahre her, dass ich den Film zuletzt gesehen habe, aber in der Erinnerung ist es eine unglaubliche Mischung aus Klamauk und Warmherzigkeit, die diesen Film ausmacht — und aus schrecklichen 90er-Jahre-Klamotten.

Die jetzt zitierten essentiellen Robin-Williams-Filme wie “König der Fischer” oder “Hook” habe ich nie gesehen, aber viele andere: “Jumanji”, “Good Morning, Vietnam”, “Good Will Hunting” und die deutlich düstereren “One Hour Photo” und “Insomnia”, in denen er den Psychopathen hinter der Maske des netten Jedermanns gab. Wer, wie ich, die Filme überwiegend der deutschen Synchronfassung kennengelernt hat, für den ist Williams’ Gesicht untrennbar mit der Stimme von Peer Augustinski verknüpft, der zwischendurch nach einem Schlaganfall lange pausieren musste. Es ist sicherlich nicht einfach, jemanden wie Williams zu sprechen, der in den albernen Szenen selbst ständig die Stimme wechselte und in anderen Momenten eine ungeheure Weisheit, Ruhe und Melancholie ausstrahlen konnte, aber Augustinski hat dies meisterhaft gemacht.

Robin Williams war irgendwie immer in Sichtweite, so wie der etwas merkwürdige Onkel in einer Familie, von dem man mal gute, mal schlechte Nachrichten hört: in den letzten Jahren las man von einem Entzug, einer Herz-OP und von einem Comedian, der nach Jahrzehnten des Strauchelns mit sich selbst im Reinen schien. Seine neue TV-Serie “The Crazy Ones” – von der ich Dank der Kurzatmigkeit von ProSieben eine Folge gesehen habe – wurde nach nur einer Staffel eingestellt, aber es gab wohl recht konkrete Pläne für eine Fortsetzung von “Mrs. Doubtfire”.

Robin Williams ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Er litt offenbar an Depressionen, was einen Reigen von “Trauriger Clown”-Artikeln nach sich ziehen dürfte. Dabei war er deutlich mehr als nur das.

Hebt die Gläser für Robin Williams!

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Literatur

Die, die mit den Wörtern tanzt

Mit neuen Büchern ist es ja immer ein wenig so: Man meint, man müsse ganz vorsichtig sein, um keiner Seite ein Eselsohr zu verpassen oder einen Buchstaben umzuknicken — wehe wenn! Jedoch, um einem Buch Charakter zu verleihen sollte man es auch knicken, den Buchrücken aufklappen und es lesen. Es ablesen, ablieben. Von was ich spreche?

Das allererste Buch einer jungen Frau, Lisa Rank. Aus Berlin, jetzt Hamburg.
Schreibt, atmet, komponiert, tanzt, träumt und erfindet Wortwelten. Entdeckt sie hinter Müslischachteln oder unterm Bett. Begegnet ihnen an Häuserecken, in der Nacht oder weil sie ganz genau hinhört.
Weil sie schreibt, was vorher noch nicht da war. Ihr Talent, ihre eigene Stimme und die Gabe, Gefühle so einzufangen, dass man genau spürt, was in den Charakteren vorgeht. Man kann mitfühlen, mitweinen, miterleben, man ist bei allem dabei.
Weil die Autorin es zulässt, aber – und das finde ich auch sehr wichtig – man wird beim Lesen davor beschützt, dass die Trauer einen erdrückt.
Im Gegenteil: Man wird mitgenommen und man bekommt es gezeigt und erlebt, denn im Zweifel, wenn alles keinen Sinn mehr macht, macht man solche Reisen auch immer ein Stückchen für sich selbst!

Von was ich hier erzähle?

Von Lisa Ranks ersten Roman “Und im Zweifel für dich selbst”.
Ein Buch, in dem zwei Freundinnen, Lene und Tonia, den Tod eines geliebten Menschen erleben und sich und die Welt nicht mehr verstehen. Das Leben, das sie bisher hatten, gibt es so nicht mehr. Weil jetzt jemand fehlt, der bisher immer da war. Sie machen sich auf eine Reise. Ein Roadmovie-Roman, der so viel Wahrheit zwischen den Zeilen versteckt hält und so eigensinnig auf dem Blatt steht. Oder der so viel über die Dinge erzählt, wie sie passieren und was man dann macht, dass es eigentlich nur Sinn macht zu sagen: Kaufen, lesen und selber entdecken!

Ich hab es fast zu Ende. Ein bisschen hab ich mir noch aufgehoben zum Schluss.
Wie es also ausgeht weiß ich nicht und würde es auch nicht verraten. Macht man nicht. Was man aber tun sollte: Selber entdecken!

Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst
Suhrkamp, 200 Seiten
12,90 Euro

Lisa Rank im Internet

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Literatur

Bitte keine Heiterkeitsausbrüche!

Während sich der deutsche Literaturbetrieb gerade ungefähr in der selben Kater-Stimmung befindet wie der “Stern” im Sommer 1983, diskutieren die Österreicher dieser Tage über ein Buch, das es immerhin vor Gericht geschafft hat.

Das Wiener Landesgericht musste gestern darüber entscheiden, ob der Roman “Weiße Nacht” von David Schalko den höchstpersönlichen Lebensbereich des Politikers Stefan Petzner, “Lebensmensch” des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider, verletzt. Petzner sah seine Menschenwürde verletzt und wollte außerdem finanziell am Erfolg des Romans teilhaben — ein Erfolg, der freilich erst einer wurde, nachdem Petzner öffentlichkeitswirksam gegen das Buch vorgegangen war. Schalko hat seine Sicht der Dinge vor einigen Wochen wortgewaltig für die “Welt am Sonntag” zusammengefasst.

Obwohl Petzner gefordert hatte, das gesamte Buch im Gerichtssaal vorzulesen, wurde darauf offenbar verzichtet, denn das Urteil war schnell gesprochen: Petzner unterlag, kündigte Berufung an und rief seinem Prozessgegner zu, der solle sich was schämen.

Von besonderer Qualität ist die Urteilsbegründung der Richterin, in der diese die Handlung des Romans noch einmal kurz zusammenfasst — und gleichzeitig versucht, die Würde des Ortes zu bewahren:

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Digital Literatur

Die Arroganz der Jungen, die Ignoranz der Alten

Wir müssen dann leider noch mal auf “Axolotl Roadkill” zurückkommen, das literarische Hype-Thema der Stunde. Nicht, dass ich das Buch inzwischen gelesen hätte, aber: Das von der Literaturkritik auf Lautstärke 11 gefeierte Werk von Helene Hegemann (17) weist in etlichen Passagen erstaunliche Ähnlichkeit mit einem anderen Buch auf.

Deef Pirmasens hat in seinem Blog Die Gefühlskonserve eine Gegenüberstellung von Textstellen aus “Axolotl Roadkill” und aus dem Buch “Strobo” des Berliner Bloggers Airen veröffentlicht, das im vergangenen Jahr erschienen war. Um es vorsichtig auszudrücken: Da kommt schon Einiges an Auffällig- und Ähnlichkeiten zusammen.

Als gelernter Literaturwissenschaftler stehe ich diesen Enthüllungen etwas schulterzuckend gegenüber: Montagen und Intertextualität gibt es seit kurz nach Erfindung der Schriftsprache — Georg Büchners Novelle “Lenz” ist knapp zur Hälfte aus Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin übernommen, Johann Wolfgang von Goethe hat sich mehr als einmal massiv von anderen Texten inspirieren lassen. Auf den Platz in der Literaturgeschichte hatte das für die beiden Herren keine Auswirkungen, aber über den entscheidet naheliegenderweise die Nachwelt und nicht der Zeitgenosse. Überhaupt gilt ja, was Oscar Wilde zugeschrieben wird, der gemeine Pop-Konsument (also ich) aber erst seit Tocotronic weiß: “Talent borrows, genius steals”.

Als jemand, der mit dem Schreiben von Texten seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften versucht, sehe ich es naturgemäß kritischer, wenn jemand (mutmaßlich) gutes Geld mit Inhalten verdient, die zumindest zu einem nicht ganz unerheblichen Teil aus dem Werk eines Anderen stammen.

Die Grenzen zwischen Zitat und Diebstahl geistigen Eigentums sind fließend — der Unterschied zwischen den Groß-Zitierern Quentin Tarantino und Dieter Wedel besteht letztlich auch nur darin, dass Tarantinos Filme cool sind und Wedels spießig. Und dass die Übernahme bestimmter Worte oder ganzer Textpassagen noch mal ein bisschen was anderes ist als das zufällige Wieder-Erstellen einer bereits komponierten Melodie (man erinnere sich nur an die rund tausend Songs, von denen Coldplay ihr “Viva La Vida” samt und sonders abgepinnt haben sollen), lässt sich einerseits mit den unterschiedlichen Materiallagen (zehntausende Wörter vs. zwölf Töne) erklären, ist aber andererseits auch nur Geschmacks- und Definitionssache.

Man könnte also Helene Hegemann und Dieter Wedel zu Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski ins “Philosophische Quartett” setzen und eine Stunde lang über Blues-Motive und Bastardpop, Williams Shakespeare und Heiner Müller diskutieren lassen und hätte am Ende vielleicht ein bisschen Erkenntnisgewinn oder wenigstens was zum drüber aufregen. Man würde sich womöglich darauf einigen, dass Zitate, Remixe und Mashups Teil unserer (Pop-)Kultur sind, es aber nur höflich wäre, wenigstens seine Quellen zu benennen und nicht Andererleuts Gedanken als eigene auszugeben.

Aber das sind philosophische und kulturwissenschaftliche Gedanken allgemeiner Art. Der “Fall Hegemann” dagegen ist leider der Super-GAU der öffentlichen Auseinandersetzung, weil er sich genau an der (leider immer noch von vielen Menschen auf beiden Seiten imaginierten) Verwerfung zwischen analoger und digitaler Welt ereignet hat: Da hat also so eine Berliner Künstlertochter abgeschrieben — und zwar bei einem Blogger! Hurra, der Klassenkampf beginnt erneut, auf die Barrikaden!

Jetzt kriegen die Literaturkritiker, denen man sicher vieles vorwerfen kann, ernsthaft um die Ohren gehauen, sie hätten ja mal Googeln können.

Googeln. Einen Roman! Dabei erzählt Deef Pirmasens, dem die ganzen textlichen Parallelen als Erstem aufgefallen waren, im Interview mit sueddeutsche.de, dass ihm bei der Lektüre von “Axolotl Roadkill” bestimmte Worte bekannt vorgekommen seien — weil er “Strobo” gelesen hatte. Beim Erkennen von ungenannten Querverweisen hilft es also offenbar immer noch, das Original zu kennen. Dass lange Zeit niemandem aufgefallen ist, dass eine andere Textstelle aus dem Song “Fuck U” von Archive übernommen wurde, spricht dann eben leider nicht für die Popularität der Band.

Der Kampf der Welten endet in Sätzen wie diesen:

In Wirklichkeit scheint sich als Abwehrhaltung des Feuilletons herauszukristallisieren: Es ist nicht so schlimm, von einem weitgehend unbekannten Medium aus dem Web geklaut zu haben – Hegemann kann zur Not noch als Transkribistin vom Internet ins Buch gefeiert werden.

Es ist jener passiv-aggressive Ton, gepaart mit dem Hinweis, dass das Internet immer noch etwas anderes sein soll als der Rest der Welt, der den genauso verbohrten Menschen im Kulturbetrieb dann wieder als Vorlage dient, wenn es darum geht, über die Meckereien und das merkwürdige Selbstbewusstsein (bzw. offensichtlich dessen Fehlen) der Blogger zu lästern. Ich frage mich, ob die Geschichte in der deutschsprachigen Netzwelt genauso hohe Wellen geschlagen hätte, wenn der “beraubte” Autor nicht gleichzeitig Blogger wäre, und liefere mir die Antwort gleich selbst: “Vermutlich nicht”. Statt sich also auf den konkreten Vorgang zu konzentrieren, wird mal wieder das übel riechende Fass “wir Blogger gegen die Nichtsblicker bei den Totholzmedien” aufgemacht und es grenzt an ein Wunder, dass sich die “#fail”s bei Twitter bisher in Grenzen halten.

Der Verleger von “Strobo” klingt da im Gespräch mit Spreeblick wesentlich entspannter. Der gleiche Verleger übrigens, der munter erzählt, wann Vater Hegemann das Buch für seine Tochter gekauft hat:

Während Hegemann sagt, dass sie das Buch nicht kenne, kann der Verlag SuKuLTur einen Beleg vorweisen, aus dem hervorgeht, dass Carl Hegemann den Roman Airens am 28. August 2009 über Amazon Marketplace bestellt und an seine Tochter Helene hat liefern lassen.

[via otterstedt.de]

Wenn’s um die gute eigene Sache geht, ist das mit dem Datenschutz – sonst die Domäne der Netzgemeinde – offenbar auch nicht mehr ganz so wichtig.

Die Überschrift dieses Eintrags, übrigens, die stammt von Virginia Jetzt!

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Musik Literatur

“Das ist keine Reisegruppe”
Ein Interview mit Sven Regener

Musikjournalisten erzählen häufiger, dass sie relativ wenig Ambitionen hätten, ihre persönlichen Helden zu treffen. Zu groß ist die Angst, dass sich der über lange Jahre Bewunderte als langweilig oder – schlimmer noch – unsympathisch herausstellt, dass einem keine guten Fragen einfallen oder man versehentlich die eigenen Freunde mit reinzieht.

Vor Sven Regener habe ich einen Heidenrespekt: Die Musik seiner Band Element Of Crime begleitet mich schon länger, die letzten beiden Alben habe ich rauf und runter gehört und seine Romantrilogie über Frank Lehmann habe ich mit großem Gewinn gelesen. Außerdem muss ich immer an jenes legendäre Interview mit der (inzwischen fast schon wieder völlig vergessenen) “Netzeitung” denken.

Es hätte also gute Gründe gegeben, sich nicht um ein Interview mit dem Mann zu bemühen, obwohl er mit Element Of Crime in Bochum war. Aber ein kurze Begegnung beim letztjährigen Fest van Cleef hatte mich so weit beruhigt, dass ich gewillt war, mich auf das Experiment einzulassen.

Element Of Crime (Archivfoto vom Fest van Cleef 2009)

Kurz bevor es losging sagte er: “So, wir duzen uns. Ich bin Sven.” Gut, dass das vorab geklärt ist, Respektspersonen würde man ja sonst auch siezen.

Wie das Gespräch dann lief, können Sie jetzt selber hören und beurteilen. Zu den Themen zählen Sven Regeners Tourblog, kleinere Städte, “Romeo und Julia”, Coverversionen und Vorbands.

Interview mit Sven Regener
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Literatur Print

Restposten der spätkindlichen Infantilgesellschaft

Ich weiß nicht, ob Sie’s mitbekommen haben, ((Hahahahaha.)) aber es gibt da ja gerade eine neue deutsche Literatursensation, die die großen jungen deutschen Literatursensationen der vergangenen Dekaden, “Crazy” und “Feuchtgebiete” kurzschließt: “Axolotl Roadkill” von Helene Hegemann (17).

Gelesen habe ich das Buch noch nicht, ((Ich bin gerade – leicht andere Baustelle – mit “The Wild Things” von Dave Eggers beschäftigt.)) aber allein der Titel ist schon mal toll. “Axolotol”, diese Bezeichnung für einen mexikanischen Lurch, der sein Leben lang Kind bleibt, stand nämlich immer auf der Liste der außergewöhnlichen Worte, die mein bester Freund und ich zu Schulzeiten geführt haben. ((Ebenfalls auf der Liste: “Wadi”, “semipermeable Membran” und “Aum”. Irgendwann werden sich auch damit noch mal Therapeuten befassen müssen.))

Über Helene Hegemann jedenfalls ist schon viel geschrieben worden, meist in der üblichen ahnungslosen Begeisterung, mit der sich Erwachsene, die nicht als frühvergreist gelten wollen, der Welt und der Sprache von Jugendlichen nähern. Wer lange genug sucht, wird sicher eine Rezension finden, in der frühneuhochdeutsche Begriffe wie “geil” oder “Bock haben” vorkommen.

Der Text, den Simone Meier für die “Basler Zeitung” geschrieben hat, ist anders. Er stellt die mediale Figur Helene Hegemann in Frage, haut auf den anderen Feuilletonisten rum und knallt mit voller Wucht ein paar Formulierungen raus, die man so gerne mal in Büchern lesen würde:

Das Selbstbewusstsein und der Mut zum Leiden sind gleichermassen ungeheuer, man hat die Hormone im Kopf und den Wahnsinn im Herzen. Und man kann eine Pose so lange und so betörend reproduzieren, bis es zu viel wird und man sie automatisch wieder erbricht. Selbstfindung in der Pubertät ist gewissermassen eine anhaltende Bulimie halb garer Haltungen und Gefühle.

Frau Meier steigert sich fast in einen grundsympathischen Welthass Bernhard’scher Prägung, wenn sie in einem Absatz mal eben den halben deutschen Kulturbetrieb, ach: die halbe deutsche Gesellschaft umreißt:

Es scheint, als habe Helene Hegemann mit all ihren wie rasend hergestellten, ausgekotzten kleinen Werken wirklich einen wahren Kern gefunden. So etwas wie den hässlichen Bodensatz der Berliner Bohème, mit dem sich die Kinder der Generation Selbstverwirklichung herumschlagen müssen. Es ist ein Bodensatz, in dem sich alle gleichen, weil Kindheit längst nicht mehr den Kindern gehört, sondern zum Fetisch der Erwachsenen geworden ist. Das Erstaunlichste an “Axolotl” ist nämlich dies: dass hier ein Teenager schreibt, als wäre er einer jener auf dem Dancefloor hängen gebliebenen Mittdreissiger oder Anfangsvierziger. Dass er zwei Generationen kurzschliesst: diejenige des frühreifen Wunderkinds und jene der Restposten aus der spätkindlichen Infantilgesellschaft.

Dass Frau Meier es schafft, einen Text, der derart offen auf seine Subjekte einschlägt, versöhnlich enden zu lassen, spricht für die beiden.

Aber lesen Sie selbst:

“Die Schönheit des kaputten Kindes” von Simone Meier

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Literatur Digital

Restefiktion

Ursprünglich hatte ich geplant, eine Geschichte zu erzählen. Sie hätte von einem Jungjournalisten gehandelt, der einen fiktionalen Text über einen real existierenden CDU-Politiker geschrieben hätte, der sich in eine real existierende Linken-Politikerin verliebt. Es wäre ein okayer Text gewesen, nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Der Jungjournalist hätte explizit darauf hingewiesen, dass es sich um einen fiktionalen Text gehandelt hätte. Trotzdem hätten Rechtsanwälte auf diesen Text reagiert — aber nicht die der real existierenden Linken-Politikerin, die im Laufe der fiktionalen Geschichte immerhin mit einem namenlosen (möglicherweise real existierenden, möglicherweise aber auch fiktionalen) anderen CDU-Politiker im Bett landet, sondern die des real existierenden CDU-Politikers.

Ich habe die Idee, eine solche Geschichte zu erzählen, dann aber doch wieder verworfen.

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Literatur

Literaturtipps zum Welttag des Buches

Bücher (Symbolfoto)

Buchbesprechungen sind hier ja eher die Sache von Annika, aber ich dachte mir, zum Welttag des Buches kann ich auch mal ein bisschen was über Literatur erzählen.

Und das hab ich dann auch getan: Eine gute halbe Stunde über die Bücher geredet, die ich seit meiner letzten Buchvorstellungsrunde gelesen habe. Es geht um große Namen und kleine Meisterwerke, um Christoph Hein, Daniel Kehlmann, Hartmut Lange, Chuck Klosterman und Goethe.

Wir nennen es Podcast:

Literaturtipps zum Welttag des Buches (Zum Herunterladen rechts klicken und “Ziel speichern unter …” wählen.)

Sie können die Podcasts übrigens auch als eigenen Feed abonnieren. An der Einbindung in iTunes arbeiten wir gerade.

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Digital Gesellschaft

Die zwei Bedeutungen von “Erinnerung”

Wenn man sich tagein, tagaus mit den kleinen und großen Fehlern von Medien beschäftigt, sieht man irgendwann überall Merkwürdigkeiten. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich nur übersensibilisiert bin, oder ob der folgende Absatz tatsächlich ein bisschen gaga ist:

Carla June Hochhalter, 48, nahm sich am 22. Oktober 1999 das Leben. Das Datum ihres Selbstmords war kein Zufall. Fast genau sechs Monate zuvor war ihre Tochter Anne Marie bei dem Massaker in der Columbine High School so schwer verletzt worden, dass sie seither an den Rollstuhl gefesselt war.

“kein Zufall” und “fast genau” in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen?!

Das Gute ist: Wir müssen uns gar nicht mit diesen zwei Sätzen aufhalten, wenn es um den Artikel geht, den Marc Pitzke für “einestages” geschrieben hat, das Zeitgeschichtsportal von “Spiegel Online”. Es gibt viel spannendere Fragen.

Der zehnte Jahrestag von Columbine, wie die Tragödie hier nur heißt, dürfte viele der alten Wunden neu aufreißen.

schreibt Pitzke. Und wer sich das nicht vorstellen kann, wie sich das Aufreißen alter Wunden ungefähr vorstellt, der kann zwei Absätze in diesem Absatz auf einen Link klicken:

News-Moderatoren waren sprachlos angesichts der Szenen des Grauens, wie etwa die Bilder von Patrick Ireland, 17, der sich, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzte. “Ein Alptraum”, erinnerte sich Pauline Rivera vom lokalen TV-Sender KMGH später. Sie nannte es den Tag, “als die Unschuld starb”.

Der Link führt zu einem Video, in dem sich Patrick Ireland, 17, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzt. Und wenn der Link mit den Worten “bloody as hell” anmoderiert worden wäre, sie hätten nicht zu viel versprochen.

Ein paar Absätze später kann man sich anhören, wie das klingt, wenn am anderen Ende einer Telefonleitung Menschen hingerichtet werden:

Allein [in der Bibliothek] kamen zehn Schüler um, zwölf wurden verletzt. Dieses Morde wurden live über Telefon mitangehört: Lehrerin Patti Nielson hatte den Notruf gewählt, die Telefonistin hielt sie die ganze Zeit in der Leitung.

Ich habe den Autor Marc Pitzke vor zwei Tagen per E-Mail gefragt, ob es seine Idee war, die verstörenden Dokumente zu verlinken, und ihn gefragt, ob solche Bild- und Tondokumente nicht eventuell dazu beitragen könnten, alte Wunden neu aufzureißen. Bisher habe ich keine Antwort erhalten.

Aber wie schon im letzten Jahr, als der 20. Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas anstand, frage ich mich, ob die Presse auf alle historischen Quellen zurückgreifen sollte, die ihr zur Verfügung stehen. Klar: Wir haben alle ein paar Dutzend Mal gesehen, wie “Hindenburg” und “Challenger” explodierten, wie John F. Kennedy in den Kopf geschossen wurde und die Bilder von den Flugzeugen, die ins World Trade Center krachen, sind weltweit öfter über die Bildschirme geflimmert als die Videos zu “Thriller”, “Smells Like Teen Spirit” und “Baby One More Time” zusammen. (Die Bilder allerdings, auf denen die verzweifelten Menschen aus den brennenden Türmen in den sicheren Tod springen, sind für amerikanische Medien weitgehend tabu.) Aber helfen mir diese Bilder als Zuschauer weiter?

Ich weiß die Antwort auf diese Fragen wirklich nicht. Ich hatte die Idee, dass es vielleicht einen Unterschied macht, wie viele Opfer es gab und in welcher Form die Täter aufgetreten sind. Aber nach längerem Nachdenken war mir auch nicht mehr klar, warum es da Unterschiede geben sollte. Dann fielen mir wieder die Begriffe “Aufklärung” und “Nachahmung” ein: Während uns die Bilder aus den frisch befreiten Konzentrationslagern daran erinnern sollen, dass so etwas nie wieder passieren darf, und die Chancen eher gering sind, dass morgen ein durchgeknallter Schüler anfängt, seine eigenen Gaskammern zu mauern, sieht es bei school shootings, die in der Regel von Einzeltätern begangen werden, genau andersherum aus: Wir können fast nichts dagegen unternehmen, dass sie sich nicht wiederholen (außer die Waffengesetze zu verschärfen, uns mehr um gesellschaftliche Außenseiter zu kümmern und unsere Schulen zu sozialeren Orten machen), aber jede Wiederholung der Bilder kann als Inspiration für Nachahmer dienen.

Pitzkes Text ist wirklich nicht schlecht, er beschreibt in einzelnen Momentaufnahmen, wie die Opfer und ihre Angehörigen mit den Folgen des Amoklaufs in Littleton umgingen und wie dieser die ganze Gemeinschaft belastete, sowie die Hilflosigkeit bei der Suche nach einem Tatmotiv. Und dennoch werden den Lesern auch die Namen der Täter wieder ins Gedächtnis gerufen — für den Fall, dass sie diese vergessen haben sollten. Am 26. April wird man wieder den Namen des Erfurter Amokläufers lesen können und nächstes, übernächstes Jahr am 11. März den des Massenmörders aus Winnenden. Und das wirft für mich die Frage auf: Kann man sich auch an die Opfer eines Verbrechens erinnern, ohne an das grausame Verbrechen selbst und – vor allem – an die Täter zu erinnern?

Der “Spiegel” selbst hat mit seinem Titelbild, das den Amokläufer zeigt, dazu beigetragen, ein morbides Denkmal zu errichten. So entsteht jene posthume, mediale Unsterblichkeit, die für junge Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten eh nichts mehr zu verlieren, ein Anreiz sein kann, den extremen letzten Schritt zu gehen.

Nun kommt natürlich gleich die Frage auf, ob es irgendetwas ändert, die Namen der Täter zu verschweigen. Der Psychologe und Kriminologe Park Dietz findet, man solle sie nicht ins Zentrum der Berichterstattung stellen, und ich würde mir wünschen, die Medien würden auf ihn hören. Denn ändert es etwas, ob wir den Namen des Täters, sein Gesicht und sein Lieblingsessen kennen? Gewiss: Es mag für die Bewertung der Tat einen gewissen Unterschied machen, ob es sich um einen gemobbten Außenseiter oder um einen sozial integrierten psychisch Kranken gehandelt hat. Andererseits: Er ist in der Regel tot, seine Opfer sowieso, und zur Früherkennung von Amokläufern haben die diversen Erkenntnisse, die wir in den letzten zehn Jahren über ihre Privatleben erlangt haben, auch nicht beigetragen.

Zuletzt sehe ich einen guten Grund, zumindest den Nachnamen von Tätern zu verschweigen: die Angehörigen. Ich habe gerade “In seiner frühen Kindheit ein Garten” von Christoph Hein gelesen, ein sehr empfehlenswertes Buch über ein Elternpaar, deren Sohn als Terrorverdächtiger gilt und bei der versuchten Verhaftung erschossen wird. Neben dem Schmerz über den Tod des Kindes kommt die öffentliche Aufmerksamkeit hinzu, die Last, die plötzlich auf dem Nachnamen liegt.

Als Timothy McVeigh hingerichtet wurde, der beim Bombenanschlag von Oklahoma City 168 Menschen getötet hatte, veröffentlichte die “Chicago Tribune” eine Liste mit den Namen aller Opfer und erzählte ein bisschen was über sie. Chuck Klosterman schrieb dazu, dass man außerhalb des eigenen Freundeskreises jeden Menschen mit einem Satz zusammenfassen könne, und dass dieser Umstand Menschen dazu motiviere, Kinder zu kriegen, weil man dann wenigstens greifbare Spuren hinterlassen habe. Das gehe aber nicht immer gut:

Which is why the most depressing thing about the Oklahoma City bombings is that there’s now an innocent woman whose one-sentence newspaper bio will forever be, “She was Timothy McVeigh’s mother.”

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Literatur

Besuch an der Ostküste

“Better late than never”, sagt der Nostalgiker. Oder der Bücherjunkie, der Bücher im Regal stehen hat, von deren Existenz er bis dato gar nicht mehr wusste.

So geschehen bei Ricky Moodys “Garden State”.

Sein Romandebüt, das er Anfang der 90er schrieb, spielt in New Jersey, dem typischen Heile-Welt-Vorortstaat mit all seinen Gärten, den Häusern mit den weißen Zäunen und den brach liegenden Industriegebäuden. Mit alten Lagerhallenruinen und alten Bars, die verraucht und vor allem verbraucht sind. Irgendwie zwischen New Economy und etwas anderem, was einen unterschwellig ein bisschen aufrüttelt, man aber nicht konkret benennen kann.

Es ist kein typisches “Coming of Age”-Romandebüt, die die Läuterung des tragischen Losers zum Held beschreibt. Es ist eine eigenwillige Milieustudie, die das Leben von Mitzwanzigern so erzählt, wie es ist. Alice, Dennis und Lane leben das Vorortleben, sind ständig unzufrieden und träumen davon, eine Band zu haben. Musik als Kontrast zum Leben in einem Vorort, der urbanen Warteschleife.

Der Blick hinter die Fassade von Garden State ist ungemütlich und real beschrieben. Moody beschönigt nichts und gerade deshalb lohnt sich diese kleine Buch so.

Wie lebt man zwischen dem Traum, eine Band zu gründen, und der Realität, sich im Alltag zurechtfinden? Was passiert, wenn Parties nicht so ganz laufen wie sie sollen? Was passiert, wenn keine Perspektive so richtig passt?

Direkt und unverkitscht erschafft Moody Wortlandschaften wie Polaroids, deren ganz Moody-typische Lakonie die Geschichte einer Generation erzählt, die man bisher übersehen hat, denn wer kann sich schon wirklich an die Neunziger erinnern?

Erschienen im Piper Verlag ( € 8.90), bei jedem Bücherdealer erhältlich. Mit dem Film von Zach Braff hat das Buch nur den Titel gemein.

Wenn man dann ein klein wenig aus der Vorstadt draußen ist, landet man unweigerlich auch in New York und damit am nächsten Schauplatz der “Tender Bar” von J.R. Moehringer.

Es handelt sich hierbei nicht um die Autobiographie von Dallas oder J.R. und wer sein Mörder war (Wer eigentlich?), sondern um eine sehr sphärische, witzigen und schönen Geschichte über das Erwachsenwerden eines Jungen auf Long Island in den 60ern Amerikas.

Was bleibt einem Jungen anders übrig, wenn man eine Mutter hat, die mit Lügen die Moral aufrecht erhält, als sich in einer Bar voller liebenswürdiger Gestalten das Erwachsenwerden beibringen zu lassen?

J.R., der Protagonist, nimmt uns mit zu seinem ersten Baseballspiel, zum Strand mit den Männern aus dem “Dickens”, zeigt uns seinen ersten Job, seinen ersten Kuss und die ersten Träume. Erzählt uns von seinem Vater, der für ihn nur “die Stimme” aus dem Radio ist.

Man geht mit ihm zum ersten Mal in den Big Apple und erlebt die große Hektik der Stadt und wie es ist, für einen großen Traum alles zu versuchen. Und vor allem, dass Tapferkeit und Träumen doch hilft.

Erschienen im Fischer Verlag (9,95 €)

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Digital

Hitler würde “Half-Life” spielen

Ich habe länger überlegt, ob ich das Folgende aufschreiben soll. Schließlich ist “Don Alphonso” der “Edel-Troll” der deutschsprachigen Blogosphäre. Ein Mann, dessen Texte ich in der Regel aus Sorge um meine Gesundheit ignoriere.

Andererseits ist dies hier das Fachblog für Nazi-Vergleiche, also muss ich wohl ran:

Dieser “Don Alphonso” hat, nachdem ihm die vielen, vielen, teils (mutmaßlich) unflätigen Kommentare auf einen seiner Texte zu bunt wurden, Folgendes geschrieben:

Ich habe das freundlicher gesagt, als ich es meine, denn in meinen Augen sind diese explizit Suchtkranken argumentativ auf dem gleichen Niveau wie die Altnazis bei uns in den Käffern.

Mit den “explizit Suchtkranken” meint er übrigens Menschen, die Computer spielen. Ob Altnazis jetzt auch suchtkrank seien müssen oder nur Computerspieler gleichzeitig krank und wie Nazis sind, lässt sich seinem Text nicht entnehmen. Wohl aber, dass der Vergleich kein einmaliger Ausrutscher war, denn ein paar Zeilen später wütet er:

Nun sind diese Art Gamer eine ganz besondere Gruppe Mensch, die, ähnlich wie die Gefolgschaft von Neoconaziseiten und extremistische Islamisten, keine Haftung in der Realität mehr haben.

Faszinierend, wie man eine ohnehin schon emotionale Debatte (in der ich Computerspiele weder für “schuldig” noch für komplett “unschuldig” halte) mit ein bisschen Arroganz, Dummheit und Schaum vor dem Mund noch ein wenig unsachlicher gestalten kann.

Dabei ist die ursprüngliche Kernfrage, warum Menschen, die anspruchsvolle Literatur lesen, so selten Amok laufen, gar nicht mal unspannend. Ich hätte sogar einen Erklärungsversuch: Aus den selben Gründen, warum so wenige Klassik- und Schlager-Hörer Amok laufen — sie sind schlichtweg älter.

Die wenigsten Jugendlichen haben ein Interesse daran, sich mit jahrhundertealter Literatur, Kunst und Musik zu beschäftigen. Zum einen, weil ihnen das alles in der Schule madig gemacht wurde, zum anderen, weil diese Dinge wenig mit ihrer Lebenssituation zu tun haben. Wenn man älter und ruhiger wird, beschäftigt man sich vielleicht irgendwann auch mit der sogenannten Hochkultur. Aber dann ist man (in der Regel) über die gefährliche Phase im Leben hinaus. Der Zusammenhang besteht also weniger zwischen Medienkonsum und Verhalten, sondern zwischen Alter (welches den Medienkonsum bedingt) und Verhalten. Überspitzt gesagt: Wenn wir etwas verbieten müssten, dann die Pubertät.

Davon ab könnte man auch noch das Fass mit den “Leiden des jungen Werthers” und den angeblichen Nachahmungstätern aufmachen, aber ein Goethe-Spezialist hat mir glaubhaft versichert, dass es keinen einzigen belegten Fall eines Werther-Selbstmords gibt.

[via Nerdcore]