“Die Kunst ist dazu da, beim Zuhörer Jammern und Schaudern zu erwecken.”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. April 2007 13:06

Manchmal ist es schrecklich, Musikjournalist zu sein und Musiker zu interviewen: Sie sind aus irgendwelchen Gründen schlecht gelaunt, antworten nur sehr knapp oder gar nicht und am Ende hat man vielleicht drei, vier Sätze, mit denen man etwas anfangen kann.

Manchmal ist es schrecklich, Musiker zu sein und von Musikjournalisten interviewt zu werden: Sie haben sich kulturtheoretisch komplexe Frageblöcke ausgedacht, stellen völlig verquere Fragen oder schweigen plötzlich einfach.

Sven Regener von Element Of Crime, der sehr gute Sachen sagt, wenn man ihm die richtigen Fragen stellt, beweist in einem Interview mit der Netzeitung, dass er fast noch bessere Sachen sagt, wenn man ihm die falschen Fragen stellt:

Warum heißt es in einem Song, «Wo Deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt»?

Ja, warum denn nicht. Weil es richtig ist und weil es zu demjenigen gehört, dessen Rolle er einnimmt.

Stephanie Weiß, die sich sicher irre viele Gedanken gemacht hat, was sie den von ihr hochverehrten Musiker so fragen könnte, fragt sich um Kopf und Kragen – bis sie schließlich gar nichts mehr sagt:

(Langes Schweigen)

Ja, ich meine, INTERVIEW, Frau Weiss! Haben Sie noch Fragen?

Das erstaunliche an diesem Interview ist zum Einen, dass es offenbar nicht “glattgebügelt” wurde, d.h. die Interviewerin ihre Fragen im fertigen Text nicht frecher oder intellektueller (bzw. in diesem Fall: weniger intellektuell) formuliert oder für sie unvorteilhafte Stellen und Antworten entfernt hat. Ein solches Dokument des eigenen Scheiterns öffentlich zu machen, erfordert Mut und verdient Respekt. Zum Anderen funktioniert das Interview aber trotz solcher Szenen und diverser Wiederholungen immer noch erstaunlich gut. Es gibt Künstler, die wären irgendwann einfach gegangen und hätten das Gespräch damit wohl automatisch einer medialen Verwertung entrissen. Sven Regener aber blieb und formulierte zum dritten, vierten, fünften Mal (als Antwort auf die dritte, vierte, fünfte Frage zum Thema) sein Anliegen, den Hörern keine Interpretation seiner Texte vorschreiben zu wollen:

Kunst kennt keine Beipackzettel. Wenn man ein Kunstwerk schafft, dann kann man den Leuten nicht sagen, so oder so habt ihr es zu verstehen.

Nach der Lektüre glaubt man zu wissen, warum Sven Regener so großartige Texte und auch so fantastische Bücher (“Herr Lehmann”, “Neue Vahr Süd”) schreibt: Er hat einfach ein Gespür für Sprache und denkt einen Moment länger als andere darüber nach, wie er etwas formuliert.

Netzeitung.de: Ein weiterer Erklärungsversuch: Sie schaffen es, mit einer schweren Leichtigkeit oder leichten Schwere aktuelle Befindlichkeiten zu treffen.

Regener: Das Wort Befindlichkeit finde ich gar nicht gut.

Netzeitung.de: Ist Zeitgeist besser?

Regener: Nein.

Netzeitung.de: Hm (Schweigen)

9 Kommentare

  1. bosch
    10. April 2007, 11:13

    Unterhaltsam zu lesen. Befragen möchte man Herrn Regener aber nicht.

  2. gio
    10. April 2007, 13:37

    Heidewitzka, die gute Frau Weiss ist der Situation und ihrem Gegenüber ja mal so was von gar nicht gewachsen… erstes Interview?

    @ bosch: Ich finde, Sven Regener hat sich sehr geduldig und rücksichtsvoll verhalten. Natürlich, wenn man nicht interviewen kann, dann kanns schnell peinlich werden.

  3. Anonymous
    12. April 2007, 3:59

    Ich finde eher, er lässt die Steffi ziemlich auflaufen. Die Fragen waren teilweise allerdings auch saudämlich. Völlig verkopft.

  4. r0ssi
    12. April 2007, 18:58

    da schämt man sich ja beim lesen förmlich für die interviewerin. selten so einen schwachsinn an fragen gelesen!

  5. Jochen
    13. April 2007, 10:30

    eigentlich ist sven regener ein sehr freundlicher und auskunftsbereiter gesprächspartner. hier sind einfach die fragen zu weit draußen. den ansatz, auf die klassischen themenkomplexe eines musikinterviews zu verzichten, in allen ehren – aber das ist doch teilweise schlichtweg käse.

  6. Al
    22. April 2007, 23:51

    Unglaublich, wie sich die Interviewerin selbst in Szene setzt. Peinlich. Aber der Netzeitung prinzipiell angemessen.

  7. el F
    15. Juni 2007, 2:52

    Also, ich hab mich totgelacht. das ist selten. Und ich muss Lukas zustimmen. Im Grunde haben es beide ehrlich über die Bühne gebracht und finde auch, das ”Selbst in Szene setzen” eigentlich anders aussieht. Ich finde es auch sympathisch, wenn mal jemand zu seinem Scheitern steht und das, wie bereits gesagt, nicht noch hübsch redet. Okay, der Infromationsgehalt hat dadurch etwas gelitten, aber die Person Regner ist doch ganz gut rübergekommen. Und ich glaube, Frau Weiss hat dabei gelernt.

  8. paul
    20. September 2009, 0:26

    Wahnsinn:
    1. Das Interview ist immer noch online.
    2. Bislang hat niemand korrigiert, dass “Josef Beuys” mit “ph” geschrieben wird …

  9. Lukas
    20. September 2009, 12:59

    Warum sollte es auch nicht mehr online sein? Wenn die Beteiligten den Mut aufbringen, so ein Gespräch zu veröffentlichen — warum sollten sie es dann hinterher wieder entfernen wollen?

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