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Politik Gesellschaft

Wir müssen reden!

Vier Tage sind seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten vergangen und ich habe seitdem viele Texte gelesen, warum das überraschend oder nicht überraschend war, dass die Demokraten daran schuld seien oder die weißen Männer, dass vielleicht alles gar nicht so schlimm wird oder vielleicht alles noch schlimmer, dass wir mit den AfD-Wählern reden müssen oder ihnen zuhören, dass wir Verständnis für sie zeigen sollen oder klare Kante. Kurzum: Das linksliberale Lager, in dem ich mich bewege, ist mindestens genauso gespalten wie die Gesellschaft selbst. Der Motor hat gerattert, diverse Warnlampen sind angegangen, es kam Qualm aus der Motorhaube und die Tankanzeige leuchtete und jetzt stehen wir vor einem liegengebliebenen Auto und diskutieren darüber, ob wir vielleicht Luft in die Reifen hätten packen sollen.

Manchmal wird jetzt darauf hingewiesen, dass nicht alle Trump-Wähler Rassisten und/oder Sexisten seien, was sicherlich richtig ist. Aber sie sammeln sich hinter einem Mann, der mit rassistischen Ressentiments nur so um sich geworfen hat und bei dem alles dafür spricht, dass er Frauen als Objekte betrachtet, mit denen er machen kann, was er will. Und das wirft ja dann doch Fragen auf. Nicht jeder, der einen rassistischen oder sexistischen Witz macht, ist deshalb automatisch Rassist oder Sexist, aber es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, auf den rassistischen bzw. sexistischen Hintergrund des Witzes aufmerksam zu machen und zu verstehen zu geben, dass wir so etwas nicht akzeptieren. Wer das nicht verstehen will und munter weiter macht, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich Rassist bzw. Sexist ist, deutlich.

Ich glaube, dass es einigermaßen müßig ist, sich öffentlich mit Chefpropagandisten wie Udo Ulfkotte oder namhaften AfD-Politikern zu bekämpfen (und es schmerzt mich wirklich, eine Formulierung wie “namhafte AfD-Politiker” zu verwenden). Die wird man auf keinen Fall überzeugen können und deren Anhänger reagieren mit Ablehnung, wenn man ihre Helden mit dem schweren Gerät in die Mangel nimmt, das für Volksverhetzer, Lügner und Populisten notwendig ist.

Aber wir können mit den “normalen Menschen” reden. (Einschub: Diese Formulierung klingt immer so, als seien aufgeklärte, fortschrittliche Linke und Liberale keine normalen Menschen und als ob es irgendeinen natürlichen Interessenkonflikt zwischen der Arbeiterklasse und intellektueller orientierten Großstädtern gäbe. Meine Freunde und ich sind erst mal genauso normal wie Bauern im Allgäu, Automechaniker in Sachsen-Anhalt oder Werftarbeiter in Niedersachsen. Wenn jemand anfängt, anderen Menschen Rechte abzusprechen, schwenkt er aus dem Bereich der Normalität aus. Einschub Ende.) Nicht, indem wir versuchen, ihnen die gesamte Welt zu erklären, sondern indem wir ihnen von anderen Menschen erzählen, die genauso normal sind und sich im aktuellen politischen Klima ernsthafte Sorgen um ihr Leben und das ihrer Kinder machen. Wir müssen Fakten auswendig lernen, Zahlen kennen und von Menschen aus unserem Umfeld berichten. Wenn wir die Aufstellungen aller Bundesligavereine, die Sieger des Eurovision Song Contest seit 1956 und die Zitate aus allen Filmen von Monty Python und Loriot kennen, kann es ja nicht so schwer sein, sich ein paar zusätzliche Informationen draufzuschaffen.

Ich habe als direkte, erste persönliche Konsequenz aus Donald Trumps Wahlerfolg angefangen, online mit Menschen zu diskutieren. Nicht, sie beschimpfen, sondern ihnen meinen Standpunkt zu erklären und zu versuchen, ihren Standpunkt zu verstehen. Ich habe dabei zahlreiche Beschimpfungen in mein Wohnzimmer gebrüllt, nur um zwei, drei Kommentare später festzustellen, dass wir inhaltlich gar nicht so weit auseinanderliegen. Zum Beispiel beim Thema “Political Correctness”, die früher “Anstand” hieß und die für viele Menschen, auch solche, die weit davon entfernt sind, AfD zu wählen auf merkwürdige Art ein rotes Tuch darstellt. Ich verstehe nicht, warum Menschen sich so schwer damit tun, auf Begriffe zu verzichten, durch die sich andere Menschen verletzt oder ausgegrenzt fühlen. Es bricht einem doch kein Zacken aus der Krone, wenn in einem Behördenschreibern “Bürger*Innen” steht oder man zu einer Backware, die sowieso schon alles andere als gesund und natürlich ist, jetzt “Schaumkuss” sagen soll, obwohl man jahrelang ein anderes Wort gebraucht hat.

Das heißt: Aus sprachwissenschaftlicher Sicht habe ich da sogar ein gewisses Verständnis. Bücher über Grammatik und Rechtschreibung waren anfangs deskriptiv, irgendwelche Leute haben also alle paar Jahre oder Jahrzehnte aufgeschrieben, wie die Menschen gerade so gesprochen und geschrieben haben. Der “Duden”, wie wir ihn seit unserer Schulzeit kennen, fungierte aber schon als Unterscheidung zwischen “richtig” und “falsch” (es ist halt auch einfacher, wenn man weiß, wovon der andere schreibt). Dann kam die sogenannte Rechtschreibreform und ein Gremium hatte plötzlich ganz viele neue Vorschläge für Schreibweisen, die sich aber nicht an dem orientierten, wie die Leute schrieben (denn die schrieben ja so, wie es bisher im Duden stand), sondern die manchmal verständliche, manchmal falsch abgeleitete neue Vorschläge waren. Nicht nur, dass (Achtung, Achtung: das “dass” ist ein schönes Beispiel!) die Leute plötzlich anders schreiben sollten ohne zu wissen warum, die Zeitungen hielten sich nicht daran, in den Schulen gab es ein Hin und Her im Lehrplan und letztlich weiß seit 20 Jahren ungefähr niemand mehr, was “richtig” und was “falsch” ist. Sprache ist aber etwas, was uns Menschen ganz nahe ist, die wir alle benutzen. Selbst Menschen, die von Geburt an nicht hören können, nutzen sehr häufig eine Gebärdensprache — weswegen sie – Hallo, Political Correctness! – auch nicht “taubstumm” sind, sondern “gehörlos”. Wir alle benutzen Sprache, überall auf der Welt. Sprache wird von mehr Menschen genutzt als Autos, es können mehr Menschen sprechen als schwimmen, wir nutzen Sprache, um uns gegenseitig bei Facebook anzuschreien, aber auch, um unseren Liebsten mitzuteilen, was wir für sie empfinden. Wenn da jemand an unseren Wortschatz heranmöchte, ist das irritierend, vielleicht sogar erschreckend und wenn man dann noch zufällig mal irgendwas über George Orwells “1984” gelesen hat, ist der Schrei, hier sei die “Sprachpolizei” am Werk, nicht mehr weit.

Vor 30 Jahren war es total normal, in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten, sogar in Zügen und Flugzeugen zu rauchen. Jeder einzelne Raucher konnte die Luft für hundert Menschen um ihn herum verpesten und deren Gesundheit gefährden. Inzwischen gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Zügen und Flugzeugen in Ordnung sind (bei Gaststätten ist das schwieriger und meine eigene Position zu dem Thema könnte drei weitere Blog-Einträge füllen, denen ich mich gerne widmen will, wenn wir wieder Zeit für die etwas weniger drängenden Probleme haben), dass man eher nicht raucht, wenn Kinder in der Nähe sind und dass Rauchen generell nicht so doll für die Gesundheit ist. Diese Rauchverbote kamen natürlich auch auf Druck von Bürgerinitiativen zustande, die Politik musste sie aber von oben herab durchsetzen — gegen den erklärten Willen der mächtigen Tabaklobby. Ein “Lasst uns doch einfach alle mal aufhören, in der Straßenbahn zu rauchen” hätte keinen Erfolg gehabt. Diese Rauchverbote sind für alle besser, aber sie zwingen Raucher dazu, vor die Tür zu gehen oder stundenlange Bahn- und Flugreisen ohne Nikotinzufuhr durchzustehen, was tatsächlich wahnsinnig anstrengend sein kann.

“Bürger*Innen”, “Schaumkuss” und “gehörlos” tun niemandem weh. Niemand bekommt deswegen Schmacht. Ja, es kann sogar jeder, der diese Begriffe nicht mag, vollkommen legal andere benutzen. Er sollte sich nur nicht wundern, wenn er von anderen Menschen schief angeschaut wird, weil die im Laufe der Zeit eine stärkere Sensibilität dafür entwickelt haben. Denn Sprache hat auch Macht und prägt das Denken. (Das ist jetzt schwer vereinfacht ausgedrückt, aber ich habe das Gefühl, mit meinem Mansplaining hier schon genug Leserinnen und Leser verloren zu haben. Entschuldigung, aber ich versuche wirklich, das alles Schritt für Schritt verständlich zu machen und ich hab das auch mal studiert.) Ich möchte nicht, dass mein Kind in einer Welt aufwächst, wo “schwul” und “behindert” als Synonyme für “doof”, “schlecht” oder “scheiße” verwendet werden. Denn selbst wer darauf beharrt, nichts gegen Schwule und Menschen mit Behinderung zu haben, sorgt sonst dafür, dass diese Begriffe negativ konnotiert sind. Und während ich ganz gut damit leben kann, dass Vokabeln wie “geil” oder “Chip” im Laufe der Zeit ihre Bedeutung geändert bzw. mehrere Bedeutungen haben, finde ich es inakzeptabel, dass Begriffe, die eine Bevölkerungsgruppe beschreiben, in einem anderen Kontext als abwertend benutzt werden.

Meine Mutter hat sich in den 1980er Jahren mit anderen Eltern zusammengetan, um lokal gegen Umweltverschmutzung, Atomkraftwerke und den Klimawandel zu kämpfen. Es ist unfassbar, dass wir nicht nur diese Probleme noch nicht in den Griff bekommen haben, sondern wir jetzt auch noch ganz ernsthaft vor Problemen stehen, die damals schon seit Jahrzehnten überstanden schienen. Aber so ist eben jetzt die Lage, also müssen wir da ran und gleichzeitig für die völlige Gleichstellung von Frauen, der LGBTI-Community und Menschen mit Behinderung auf der einen Seite kämpfen, während wir auf der anderen Seite mit Leuten diskutieren, die die simpelsten menschenrechtlichen Errungenschaften auf den Prüfstand stellen wollen.

Wir müssen also jetzt mit den Leuten in der Kneipe reden, in der Straßenbahn, im Stadion, schlimmstenfalls sogar beim Familienkaffee. Wir dürfen nicht die Augen verdrehen und gleich “Nazi!” denken, wenn jemand etwas sagt, was nicht unserer Meinung entspricht. Wir müssen klarstellen, dass universelle Menschenrechte nicht verhandelbar sind, und in Detailfragen den Austausch suchen. Wir müssen sagen, dass wir es auch nicht gut finden, wenn muslimische Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen, es aber auch nicht vertretbar ist, sie dazu zu zwingen, keines zu tragen, wenn sie denn eins tragen wollen. Und wir müssen bei der Frage: “Und wie soll man das unterscheiden?” sagen, dass wir das jetzt auch nicht wissen, dass es aber keine Lösung sein kann, eine Volksgruppe unter Generalverdacht zu stellen. (Es aber andererseits auch nicht in Ordnung ist, alle Menschen, die ein Problem damit haben, dass Muslimas ein Kopftuch tragen, ohne weitere Diskussion als “Faschisten” zu brandmarken.)

Wir müssen diesen Leuten sagen, dass Rechtspopulisten vielleicht Probleme benennen, dann aber nur Sündenböcke präsentieren und keine Lösungsansätze, die irgendwie realistisch oder moralisch oder legal sind. Dass Schwule und Lesben endlich wirklich heiraten und eine Familie gründen wollen und dass deren Leben dadurch viel besser wird, aber das Leben keiner einzigen Hetero-Familie deswegen schlechter. Dass wir, wenn die Politik dieses langwierige Orchideenthema Gleichberechtigung endlich mal abgehakt hat (was nach meiner Einschätzung fast an einem Tag in Bundestag und Bundesrat zu schaffen sein könnte), sofort über andere Themen sprechen können. Dass “Victim Blaming” noch so ein doofes, neues Akademikerwort sein mag, dass aber auch niemand “selbst schuld” ist, wenn er oder sie Opfer eines Verbrechens wird. Dass fremde Menschen in der eigenen Heimat keine Gefahr sein müssen, sondern auch eine Chance darstellen können. Dass man niemals Menschen gegeneinander ausspielen sollte. Dass Journalisten keine “Regierungsagenda” vorantreiben, sondern manchmal höchstens ein bisschen faul und auf ihre eigene Welt fokussiert sind. Dass Experten nicht eingebildete, weltfremde Affen sind und man sich mit Zahnschmerzen, Ausschlag oder Herzinfarkt ja auch gerne in fachmännischer Obhut wüsste. Dass Claudia Roth ganz sicher nicht die Sharia einführen will. Dass die Frage, ob hier irgendein Abendland islamisiert werden könnte, bald keine Rolle mehr spielen wird, weil wir, wenn wir den Klimawandel (den es übrigens tatsächlich gibt!) nicht ganz schnell in den Griff bekommen, bald weder Abendland noch Muslime haben. Und wir müssen ihnen sagen, dass “die da oben” nicht machen, was sie wollen, sondern dass Politik wahnsinnig komplex ist.

Ich für meinen Teil kann einigermaßen damit leben, dass Politiker von meiner Lebenswirklichkeit keine Ahnung haben — ich habe ja umgekehrt auch kein Interesse an Details über Verkehrsausschüsse, Ergänzungsanträge zu Verordnungen und diesem ganzen Kram. Ich tue mich ehrlich gesagt etwas schwer damit, Politiker überhaupt gegen ihre Kritiker zu verteidigen, denn es gibt zahlreiche Dinge, die mich an der Politik aufregen (und die steuerliche Besserstellung kinderloser Ehepaare gegenüber unverheirateten Eltern ist nur das wichtigste Beispiel), und ich sehe Lobbyismus und den Einfluss von Großkonzernen mit Sorge. Ich glaube aber auch, dass die meisten Mitglieder des Bundestages schon im Großen und Ganzen ihr Bestes geben. Mit mir haben in den letzten Jahren keine Politiker gesprochen. Ich aber auch nicht mit ihnen.

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Politik Gesellschaft

No Meat Today

Ich weiß, das Thema ist alt und eigentlich längst … gegessen, aber gerade poppte in meinem Gehirn dann doch noch eine Frage zum sogenannten “Veggie Day” auf:

Warum wäre es eigentlich empörend, wenn der Staat uns vorschriebe, was wir (oder: Menschen, die in einer Kantine essen müssen) an einem Wochentag nicht essen sollen, aber es ist überhaupt nicht empörend, wenn eine Firma, die bei der Ausschreibung des Kantinenbetriebs am billigsten war, uns vorschreibt, was wir an allen Tagen essen sollen?

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Digital Politik

Alles Könner

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, kurz bevor und kurz nachdem Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde? Die Menschen in aller Welt waren von einer eigentümlichen Euphorie beseelt — und von einer schweren linguistischen Demenz, die sich als äußerst ansteckend erwies. Obamas Wiederwahl im vergangenen November wurde da schon in jeder Hinsicht reservierter aufgenommen.

Ich hatte mein Blog mit den gesammelten Obama-Trittbrettfahrten schon fast vergessen. Und dann kam gestern diese E-Mail:

Liebe Bloggerinnen und Blogger,

Jugendliche aus der YouTube-Community waren in den letzten Wochen aufgefordert, ihre Bewerbungsvideos für die YouTube-Kanzlerschaft 2013 zu produzieren und online zu stellen. Über 5000 User haben jetzt gewählt und fünf Spitzenkandidaten ins Rennen geschickt. Bei der finalen Politik-Gameshow “Yes, You Kanzler!” werden die Jugendlichen von namhaften Politiker/innen gecoacht; durch den Abend führt ProSieben-Moderatorin Hadnet Tesfai. Wir laden Blogger/innen herzlich ein über das große Wahlfinale zu berichten und persönlich vorbeizukommen.

Bei Interesse finden Sie weitere Information hier.

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Musik

What’s My Age Again?

Mit elf Jahren stand ich auf dem Neutorplatz in Dinslaken und hielt einem älteren Herren einen Kugelschreiber unter die Nase. Der Mann hieß Heiner Geißler und ich wusste, dass er Politiker und irgendwie berühmt war, also wollte ich seine Unterschrift haben. Meine Autogrammsammlung umfasste anschließend vier Exponate: Geißler, Willy Brandt (damals schon tot, von einem Kollegen meines Vaters geschenkt bekommen), Franz Beckenbauer (den mein Großvater gegen Unterschrift auf dem Golfplatz hatte vorbeiziehen lassen) und Klaus Staeck. Ich war in meinem Leben öfter auf Autorenlesungen und Ausstellungseröffnungen gewesen als im Stadion — und das niemals gegen meinen Willen. Man muss viel Liebe aufwenden, um das irgendwie als “niedlich” betrachten zu können. “Cool” war es im Leben nicht.

Als ich 16 Jahre alt war, lief in den Kinos “American Pie” an. Ich ging alleine ins Kino (meine Freunde hatten den Film schon alle gesehen) und fand den Film maximal halblustig. Am lautesten (und einsamsten) gelacht habe ich, als in der Szene, in der Stifler’s Mom Finch verführte, “Mrs. Robinson” erklang — dabei hatte ich die “Reifeprüfung” damals noch nie gesehen, sondern nur darüber gelesen. Der Soundtrack zu “American Pie” wurde trotzdem zum Soundtrack meiner Jugend: Ich glaube, fast jeder dieser 13 Songs der ersten elf Songs ist auf mindestens einem Mixtape gelandet. Es handelte sich dabei, so erfuhr ich, überwiegend um sogenannten Fun-Punk, der nach Sommer, Sonne, Skateboards und Schwachsinntreiben klang. Eine der dort vertretenen Bands hieß Blink-182.

Ich hatte “Enema Of The State”, das Durchbruchsalbum von Blink-182 in Deutschland, nie selbst auf CD, aber die Hits kannte ich, sogar mit den dazugehörigen Videos. Zum Beispiel das, in dem die Bandmitglieder nackt durch die Straßen einer amerikanischen Stadt liefen. Mit 16 fand ich das peinlich und pubertär. “All The Small Things” hingegen, wovon auch immer es handeln sollte, fand ich toll. Wir haben es sogar mal mit unserer “Punkband” “gecovert”. ((Man kann dem Herrgott gar nicht oft genug danken, dass wir in einer Zeit aufwachsen durfen, als noch nicht jeder eine Videokamera in seinem Mobiltelefon hatte. Die Video-8-Aufnahmen, die von dem “Auftritt” existierten, sind hoffentlich schon lange zerfallen.))

Am Nachfolgealbum “Take Off Your Pants And Jacket” störte mich schon der Titel (pubertär!), während mein damals 12jähriger Bruder das Album rauf und runter laufen ließ. Spannend fand ich die Band erst wieder, als sie für ihr selbstbetiteltes Album mit Robert Smith (kredibel!) zusammenarbeitete. ((Als ich Thees Uhlmann in Düsseldorf zu jenem Interview traf, in dessen Verlauf auch eine Kilians-Demo-CD den Besitzer wechseln sollte, trug er einen Blink-182-Kapuzenpullover, für den er sich zu Beginn des Gesprächs entschuldigte.))

Nach “Blink-182”, das ich über die Jahre richtig lieb gewonnen hatte, war lange erst mal Schluss mit der Band: Tom DeLonge machte mit Angels & Airwaves weiter, Mark Hoppus und Travis Barker mit +44 — beides gute Bands, aber trotz meiner eigentlich gar nicht so engen Beziehung zu Blink nicht das selbe.

Inzwischen habe ich meine Pubertät nachgeholt, habe bedeutend mehr Rockmusiker- als Politikerautogramme und bin mir für kaum einen Pimmelwitz zu schade. Und weil die Popkultur beruhigenderweise in Zyklen verläuft, kommen alle die, die es damals nicht wirklich zu den Helden meiner Jugend geschafft haben, jetzt noch einmal vorbei, damit wir uns gemeinsam (noch mal) jung fühlen können: Im April war ich auf einem Konzert, auf dem Andrew W.K. (den ich mit 18 total doof fand) sein grandioses Partyepos “I Get Wet” zur Aufführung brachte, eine Woche später lief “American Pie — Das Klassentreffen” in den deutschen Kinos an, auf den ich mich tatsächlich mehr gefreut hatte als auf mein eigenes zehnjähriges Abiturtreffen. ((Das offensichtlich auch nicht stattfinden wird.))

Und am Montag dann endlich Blink-182. Deren Comebackalbum “Neighborhoods” hatte ich zwar maximal drei Mal gehört, aber darum ging es ja gar nicht, sondern um die Songs von früher. Die Essener Grugahalle, berüchtigt für ihre spezielle Atmosphäre, war gut gefüllt mit Menschen Mitte, Ende Zwanzig, nur wenige waren jünger — das dann aber gleich gründlich. So viele T-Shirts der auftretenden Band sieht man vermutlich sonst nur bei den Toten Hosen. Die beiden Vorgruppen (Royal Republic und The All American Rejects) wurden freundlich empfangen, aber es war klar, weswegen alle hier waren: Blink-182.

Als die dann mit “Feeling This” loslegten, war die Stimmung sofort auf dem Siedepunkt, wie man als Lokaljournalist schreiben würde. Es war wie damals in den Jugendzentren und Partykellern — oder, in meinem Fall: so, wie ich annehme, dass es damals in den Jugendzentren und Partykellern war. Die an ein öffentliches Schwimmbad gemahnende Architektur der Grugahalle verschwand hinter den glücklichen, verschwitzten Gesichtern wild durch die Gegend hüpfender junger (ja: junger!) Menschen.

Und dann: “All The Small Things”. Mit den Freunden einen Kreis bilden und hüpfen. Hüpfen, bis man das Gefühl hat, in der Luft stehen zu bleiben. Die Welt und mit ihr die Halle mit den Tausenden Menschen darin, der Bühne und der Band, drehen sich weiter, doch dieser Moment hier ist jetzt und für immer. Nana nana na nanana nana, nana nana na nanana nana. Wäre es übertrieben, zu behaupten, dass ich zwölf Jahre darauf gewartet habe? Nein. Ich wusste es nur damals noch nicht.

Dann weiter: Minutenlange, atemberaubende Schlagzeugsoli von Travis Barker, Zugaben und am Ende ein Papierschnipselregen. Ein Fest.

Blink-182 in der Essener Grugahalle

Auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden wir von der EVAG, dem vermutlich schlechtesten Nahverkehrsanbieter in einer europäischen Großstadt: Um Zwanzig nach Elf fährt die letzte U-Bahn Richtung Innenstadt und die vielen, vielen Konzertbesucher ohne Auto passen dort nicht hinein. Das heißt: Zunächst passen die Allermeisten doch hinein, aber die Bahn kann über zehn Minuten nicht losfahren. Wir steigen wieder aus, überirdisch fährt ein Krankenwagen vor.

Und so gehen wir die drei Kilometer bis zum Hauptbahnhof zu Fuß, durch das um Viertel vor Zwölf schon völlig verwaiste “Szeneviertel” Rüttenscheid. Immerhin der Supermarkt hat noch auf, wir kaufen Bier für den weiteren Weg. So wie die anderen Kinder das mit 16 vermutlich schon gemacht haben.

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Liebe ist …

… über die eigene Frau zu sagen, man habe sie “als eine überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und eines modernen Deutschlands wahrgenommen”.

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Der größte Fehler des Christian Wulff

Ich habe ein bisschen Angst, einen Blogeintrag über Christian Wulff anzufangen, weil es bei der aktuellen Gemengelage denkbar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bundespräsident ist, bevor ich den Text das erste Mal Korrektur lesen kann.

Natürlich kann Wulff seinen Versuch fortsetzen, gegen die gesamte deutsche Presse, aber mit dem deutschen Volk im Amt zu bleiben. Das hat zwar schon bei Karl-Theodor zu Guttenberg nicht funktioniert (und der hatte immerhin bis zum Schluss die “Bild” auf seiner Seite), aber Wunder gibt es immer wieder.

Zwar war Wulffs Rückhalt in der Bevölkerung vor dem gestrigen TV-Interview schon merklich gesunken (am Mittwoch waren nur noch 47 Prozent dafür, dass Wulff im Amt bleiben sollte, am Montag waren es noch 63 Prozent), aber vielleicht hat Wulff das sogenannte einfache Volk mit seinem merkwürdigen Auftritt bei ARD und ZDF besser überzeugen können als die Journalisten. Wahrscheinlich ist dies allerdings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lange die Affäre Wulff die Titelseiten füllt und weite Teile der Nachrichtensendungen ausfüllt, so lange geht natürlich unter, dass sich Europa immer noch in einer großen Krise befindet, dass sich die Stimmung zwischen dem Iran und dem Rest der Welt täglich verschlechtert. Und ich meine das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kommentatoren “Habt Ihr denn sonst keine Sorgen?” fragen.

Als Richard Nixon im Zuge der Watergate-Affäre seinen Rücktritt als US-Präsident erklärte, tat er dies mit den unsterblichen Worten:

I have never been a quitter.

To leave office before my term is completed is abhorrent to every instinct in my body. But as President, I must put the interests of America first.

America needs a full-time President and a full-time Congress, particularly at this time with problems we face at home and abroad.

Nun unterscheiden sich die Befugnisse von US- und Bundespräsident fundamental: Vermutlich würde es niemandem auffallen, wenn Christian Wulff die letzten dreieinhalb Jahre seiner Amtszeit tatsächlich ausschließlich mit der Beantwortung der vielen, vielen Journalistenanfragen verbrächte. Einen Vollzeitpräsidenten hatte und brauchte Deutschland nie — weswegen ich übrigens den Vorschlag von Friedrich Küppersbusch aufs Heftigste begrüße, das Amt des hauptberuflichen Grüßaugusts abzuschaffen und den Bundestagspräsidenten zum Staatsoberhaupt zu machen.

Wulff lähmt vielleicht noch nicht einmal die Politik — Politiker von Koalition und Opposition, die sich wortgewaltig vor TV-Kameras um das Ansehen des höchsten Amts im Staate sorgen, können in dieser Zeit keinen anderen Schaden anrichten. Aber Wulff lähmt das öffentliche Leben in Deutschland: Die Medien beschäftigen sich seit Tagen mit kaum etwas anderem und wissen vermutlich längst, was sie als nächstes noch alles aufdecken werden — als Fortsetzungsroman verkauft sich jeder Skandal besser denn als abgeschlossene Erzählung und wer hat denn gesagt, dass Salamitaktiken nur etwas für Politiker sind? Der volkswirtschaftliche Schaden, der seit Tagen durch die vielen Wulff-Witze (seit gestern auch noch: Schausten-Witze) auf Facebook und Twitter entsteht, die alle während der Arbeitszeit gelesen und geteilt werden müssen, ist sicher auch nicht zu verachten.

Christian Wulff hat in dem gestrigen Interview viel davon gesprochen, dass er Freunde und Familie habe schützen wollen und sich deshalb mit Informationen zurückgehalten habe. Es steht außer Frage, dass die Redaktionen noch genug Munition haben, um den waidwunden Präsidenten abzuschießen (um mal eine martialische Phrase zu vermeiden). Die Chancen stehen gut, dass es dabei um weitere Details aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis geht. Auch wenn ich nicht glaube, dass die in den vergangenen Tagen mehr oder weniger offen kolportierten Gerüchte zutreffen, so wäre Christian Wulff doch gut beraten, sein Umfeld aus der Schusslinie zu bringen.

Andererseits könnte es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat gestern im Fernsehen erzählt, er habe “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann auf dessen Mailbox gebeten, “um einen Tag die Veröffentlichung zu verschieben, damit man darüber reden kann, damit sie sachgemäß ausfallen kann”. Diekmann hielt heute dagegen und bat Wulff öffentlich um die Genehmigung, den Wortlaut des Anrufs veröffentlichen zu dürfen. Allein für diese Gelegenheit, dass sich Kai Diekmann als moralische Instanz und flauschiges Unschuldslamm präsentieren kann, muss man Wulff verachten. Jetzt hat Wulff abgelehnt und damit mutmaßlich die Pforten zur Hölle aufgestoßen.

Der präsidiale Ausraster auf seiner Mailbox dürfte kaum Diekmanns letzter Trumpf gewesen sein. Wahrscheinlich ging er fest davon aus, dass Wulff seine Bitte zur Veröffentlichung negativ bescheiden würde, und hat die Anfrage deshalb gleich öffentlich gemacht. Diekmann konnte zwei Mal “im Sinne der von Ihnen angesprochenen Transparenz” argumentieren und hat den Präsidenten damit faktisch schachmatt gesetzt: Setzt man voraus, dass Diekmanns Version der Geschichte stimmt, wäre Wulff der Lüge überführt gewesen und damit endgültig untragbar. Setzt man voraus, dass Wulffs Version stimmt, hat er jetzt immer noch das Problem, nicht “im Sinne der Transparenz” gehandelt zu haben. Er konnte nur noch verlieren.

Es ist leicht, auf einen Abzockvollprofi wie Kai Diekmann reinzufallen, aber einem Spitzenpolitiker (auch wenn er “ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit” in sein aktuelles Amt gekommen ist) sollte das nicht passieren. Ich fände es deprimierend, sagen zu müssen, dass man sich mit “Bild” nicht anlegen sollte, und glaube das auch nicht. Aber man muss schon wissen, wie man es macht — und dabei in einer etwas glücklicheren Ausgangsposition sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stolpert, privat oder beruflich, über einen einzelnen großen Fehler. Meist ist es eine unglückselige Verkettung vieler kleiner und mittlerer Fehler. Egal, was jetzt noch rauskommt: Der größte Fehler, den Christian Wulff in meinen Augen gemacht hat, war der, “Bild” und Kai Diekmann die Gelegenheit zu geben, sich als seriöse, moralische Journalisten inszenieren zu können, was ihnen die Menschen vielleicht mehr abkaufen als Wulff seine Rolle als reuiger Sünder. Wulff hat “Bild” die Macht zurückgegeben, die die Zeitung eigentlich nicht mehr hatte.

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Film Politik

Christian Wulff im Wortlaut

Sie können es heute überall lesen: Bundespräsident Christian Wulff hat “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann mit dem “endgültigen Bruch” gedroht, falls die Zeitung über seinen Privatkredit berichte.

Einige Zitate vom Überschreiten des “Rubikons” und “Krieg führen” sind schon bekannt geworden, aber der genaue Wortlaut ist bisher nicht kolportiert.

Bisher, denn Coffee And TV hat den Mitschnitt von Kai Diekmanns Mailbox exklusiv:

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Politik Gesellschaft

Die Bonner Republik

Das Land meiner Kindheit existiert nicht mehr. Es ist nicht einfach untergegangen wie die DDR, in der ein paar meiner Freunde ihre ersten Lebensjahre verbracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.

Früher, als in den Radionachrichten noch die Ortsmarken vorgelesen wurden, gab es dieses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städtename war: “Bonn.” Damals braucht man in den Nachrichten noch keine Soundtrenner zwischen den einzelnen Meldungen, denn es gab dieses Wort, das wie ein Trenner klang, wie der Schlag mit einem Richterhammer. Bonn.

Bonn war die Hauptstadt des Landes, in dem ich lebte, und die Stadt, in der meine Oma damals lebte. Ich glaube nicht, dass ich das eine mit dem anderen jemals in einen Zusammenhang gebracht habe, aber das Land, in dem ich lebte, wurde von alten, grauen Männern in karierten Sakkos regiert und ihre Entscheidungen wurden von gleichermaßen alten, gleichermaßen grauen Männern in gleichermaßen karierten Sakkos verlesen.

Wahrscheinlich wusste ich damals noch nicht, was “regieren” bedeutet und welche Funktion die letztgenannten Männer hatten (außer, dass man als Kind still sein musste, wenn sie zur Abendbrotzeit über den Fernseher meiner Großeltern flimmerten), aber es gab einen dicken Mann mit lustigem Sprachfehler, der immer da war und das war – neben Thomas Gottschalk – der König von Deutschland.

Die Auswirkungen, die die Existenz Helmut Kohls auf ganze Geburtenjahrgänge hatte, sind meines Wissens bis heute nicht untersucht worden. Aber auch Leute, die in den ersten acht bis sechzehn Jahren ihres Lebens keinen anderen Bundeskanzler kennengelernt haben, sind heute erfolgreiche Musiker, Fußballer, Schauspieler oder Autoren, insofern kann es nicht gar so verheerend gewesen sein.

Es passte fast drehbuchmäßig gut zusammen, dass Kohls Regentschaft endete, kurz bevor das endete, was er geprägt hatte wie nur wenige andere alte Männer: die Bonner Republik. Gerhard Schröder wurde Kanzler und plötzlich wirkte die ganze gemütliche Bonner Bungalow-Atmosphäre angestaubt. Schröder zog nach einem halben Jahr in einen grotesken Protzbau, den Helmut Kohl sich noch ausgesucht hatte, der aber magischerweise von der Architektur viel besser zu Schröder passte. Bei Angela Merkel hat man häufig das Gefühl, sie säße lieber wieder in einem holzvertäfelten Bonner Büro.

Die Berliner Republik währte nur drei Sommer. Das hatte ausgereicht für ein bisschen Dekadenz und Fin de Siècle, für einen Kanzler mit Zigarren und Maßanzügen, einen schwulen Regierenden Bürgermeister in Berlin und die vollständige Demontage von Helmut Kohl und weiten Teilen der CDU. In ganz Europa herrschte Aufbruchstimmung: Unter dem Eindruck von New Labour war ganz Europa in die Hände der sogenannten Linken und Sozialisten gefallen, die Sonne schien, alles war gut und nichts tat weh.

Dann kamen der 20. Juli und der 11. September 2001.

Bitte? Sie wissen nicht, was am 20. Juli 2001 passierte? An jenem Tag starb Carlo Giuliani auf den Straßen Genuas. Der 20. Juli hätte der 2. Juni unserer Generation werden können, Giuliani war schon wenige Wochen später als Posterboy der aufkommenden Anti-Globalisierungs-Bewegung auf der Titelseite des “jetzt”-Magazins. Doch 53 Tage später flogen entführte Passagierflugzeuge ins World Trade Center und Giuliani geriet derart in Vergessenheit, dass ich zu seinem 10. Todestag keinerlei Berichterstattung beobachten konnte. In Berlin tagte nun das Sicherheitskabinett, das aber auch in Bonn hätte tagen können, irgendwo in der Nähe des atomsicheren Bunkers im Ahrtal.

Das, was die CDU-Parteispendenaffäre von Helmut Kohl übrig gelassen hatte, wird gerade zerlegt — so zumindest die Meinung verschiedener Journalisten. Zwei Biographien, eine über Hannelore Kohl, eine Auto- von Walter Kohl, enthüllen, was niemand für möglich gehalten hätte: Die ganze schöne Fassade der Familie Kohl war nur … äh … Fassade. ((Und wie sehr das Privatleben von Politikern ihr Vermächtnis trüben können, sieht man ja etwa an John F. Kennedy und Willy Brandt.))

Die Familienfotos der Kohls weisen eine erstaunliche, aber kaum überraschende Deckungsgleichheit mit den Kindheitsfotos meiner Eltern (und mutmaßlich Millionen anderer Familienfotos) auf: Jungs in kurzen Hosen, die Familie am Frühstückstisch, auf dem ein rot-weiß kariertes Tischtuch ruht. ((Es gab damals – was nur die Wenigsten wissen – ein Tischdecken-Monopol in Deutschland: Alle wurden in der Fabrik eines geschäftstüchtigen, aber latent wahnsinnigen Fans des 1. FC Köln produziert. Bitte zitieren Sie mich dazu nicht.)) Das alles in einer heute leicht ins Bräunliche changierenden Optik und obwohl die Anzahl von Gartenzwergen objektiv betrachtet auf den meisten Bildern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hinschaut, das Gefühl, mindestens einen Gartenzwerg erblickt zu haben. ((Natürlich ganz ordentliche Gartenzwerge und nicht so ein pfiffiges neumodisches Exemplar mit Messer im Rücken oder entblößtem Genital.)) Meine Kindheitsfotos sahen schon ein bisschen anders aus, verfolgten aber noch das gleiche Konzept. Auf heutigen Kinderfotos sieht man Dreijährige im St.-Pauli-Trikot auf Surfbrettern stehen, Gartenzwerge werden allenfalls von ihnen durch die Gegend getreten.

Die Gemütlichkeit der Bonner Republik ist verschwunden, obwohl ihre Bevölkerung immer noch da ist. Regelmäßig entsorgt man die Kataloge von Billigmöbelhäusern, die Schrankwände Versailler Ausmaße und Pathologie-erprobte Fliesentische anbieten, und regelmäßig fragt man sich, wer außer den Ausstattern von Privatfernseh-Nachmittagsreportagen so etwas kauft. Dann klingelt man mal beim Nachbarn, weil die Regenrinne leckt, und schon kennt man wenigstens einen Menschen, der so was kauft. In Deutschland gibt es 40,3 Millionen Haushalte und Ikea kann nicht überall sein. Ein Blick auf die Leserbriefseite der “Bild”-Zeitung oder in die Kommentarspalten von Online-Medien beweist, dass auch die Aufklärung noch nicht überall sein kann.

Eigentlich hat sich wenig geändert (oder alles, dann aber mehrfach), aber Deutschland wird heute … Entschuldigung, ich wollte gerade “Deutschland wird heute von Berlin aus regiert” schreiben, was völliger Unfug gewesen wäre, weil Deutschland nachweislich nicht regiert wird. Die deutsche Hauptstadt ist also heute Berlin, eine Stadt, die eigentlich gar nicht zum Rest Deutschlands passt: Eine Metropole, von der vor allem Ausländer schwärmen, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müsse. Ganze Landstriche in Schwaben und Ostwestfalen liegen verlassen da, weil ihre Kinder das Glück in der großen Stadt suchen. Von Bonn wurde solches nie berichtet.

Am Samstag war ich nach rund zwanzig Jahren mal wieder in Bonn. Der erste Taxifahrer, zu dem ich mich in Auto setzte, konnte nicht lesen und schreiben, was die Bedienung seines Navigationsgeräts schwierig machte. Der zweite musste seinen Kollegen fragen, wo die gesuchte Straße liegen könnte. Ich wollte in eine Neubausiedlung, erstaunlich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Beifahrersitz in der freudigen Erwartung eines Deutschlandbildes voller Bungalows und Gartenzwerge, aber Bonn sah eigentlich aus wie überall. Für einen Moment fühlte ich mich sehr zuhause.

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Digital Politik

Am längeren Hebel der Empörungsmaschine

Gestern schrieb Christoph Schwennicke einen Kommentar über die unterschiedlichen Reaktionen auf die Anschläge in Norwegen ebenda und in Deutschland. Gegen den deutschen Politiker, so Schwennicke, sei der pawlowsche Hund ein “vernunftbegabtes Wesen, das den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen”.

Er fragte:

Warum muss Politik in Deutschland so sein? Warum muss jeder und jede jede Gelegenheit nutzen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? Warum kann nicht einfach mal Ruhe sein?

Schwennickes Kommentar hatte “Spiegel Online” einen Vorspann vorangestellt, in dem es hieß:

Norwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik nicht einfach mal Ruhe sein?

Elf Stunden später stellte sich heraus: Auch bei “Spiegel Online” haben sie so eine Empörungsmaschine — und Christoph Schwennicke hat offensichtlich Zugang zu ihr.

Weil Heiner Geißler bei der Vorstellung des sogenannten Stresstests zum “Stuttgart 21”-Plan die versammelten Befürworter und Gegner des Projekts gefragt hatte, ob sie den totalen Krieg wollten, und sich hinterher partout nicht für dieses Goebbels-Zitat (das natürlich nicht als solches gekennzeichnet war) entschuldigen wollte, empört sich Schwennicke:

Er sollte jetzt, besser in den kommenden Minuten oder Stunden als erst in den nächsten Tagen, zur Räson kommen und sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, und dann habe ich einen noch viel größeren Fehler begangen, als ich den ersten Fehler hanebüchen rechtfertigen wollte.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es einmal einen großen Politiker Heiner Geißler.

Im Vorspann ist diesmal von “grauenhaften Worten” die Rede — als ob die verdammten Worte (oder gar ihre Buchstaben) etwas für die Irren könnten, die sich ihrer bedienen. (Aber das haben wir ja schon mal besprochen.)

Was es zur Empörungsmaschine in Sachen Geißler-Goebbels zu sagen gibt, hat Volker Strübing zusammengefasst.

[via Peter B. und Sebastian F.]

Nachtrag, 21.10 Uhr: BILDblog-Leser Juan L. weist darauf hin, dass Schwennickes Geißler-Kommentar ursprünglich den folgenden Satz enthielt:

Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie ein Mann von der politischen und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler derart Amok laufen kann.

Nach Kommentaren im Forum wurde der Satz dann sang- und klanglos geändert in:

Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie sich ein Mann von der politischen Erfahrung und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler eine derartige Entgleisung leisten kann.

Herr Schwennicke scheint sich für seine grauenhaften Worte nirgendwo entschuldigt zu haben.

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Politik Gesellschaft

Oh Gott, Herr Doktor

Da hätte ja auch keiner mit rechnen können, dass das Thema “Promotionsverfahren an deutschen Hochschulen” noch mal außerhalb der Hochschulrektorenkonferenz gesellschaftlich und medial ventiliert wird. Aber die Fälle, in denen deutsche Politiker ihre Doktorgrade wegen ausgiebigen Plagiats nachträglich wieder aberkannt bekommen, treten in den letzten Monaten derart vermehrt auf, dass man durchaus von einer Häufung oder einem Trend sprechen könnte.

Zuletzt hat es Silvana Koch-Mehrin erwischt, die Vorzeigefrau der FDP. Die Politikerin reagierte darauf mit dem durchaus humorvollen Einfall, ihren geplanten Wechsel als Vollmitglied in den Ausschuss für Industrie, Forschung (!) und Energie des Europäischen Parlaments knallhart durchzuziehen. Sie ersetzt dort ihren Parteikollegen Jorgo Chatzimarkakis, dessen Doktorarbeit derzeit ebenfalls – ich wünschte mir wirklich, ich würde mir das nur ausdenken – von der zuständigen Universität wegen Plagiatsverdachts überprüft wird. (Wenn Sie Ihrem Unmut über Frau Koch-Mehrins neue Aufgabe Ausdruck verleihen wollen, empfehle ich Ihnen die Zeichnung dieser kleinen Online-Petition.)*

Längst ist offensichtlich, was im Frühjahr eher verhalten geäußert wurde: Etwas ist faul im Staate Deutschland. ((Verballhornung des Ausspruchs “Etwas ist faul im Staate Dänemark” (“Something is rotten in the state of Denmark”) aus William Shakespeares Drama “Hamlet” (Marcellus, Akt 1, Szene 4).)) Die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan reagierte auf die Situation, indem sie von den Universitäten “Selbstkritik” forderte, was nun auch nicht unbedingt zu den zweihundert naheliegendsten Gedanken gezählt hätte. Dabei ist es ja gerade der desaströsen Hochschulpolitik der vergangenen tausend Jahre ((Anspielung auf den Slogan “Unter den Talaren: Muff von tausend Jahren” der Studentenproteste in den späten 1960er Jahren.)) zu verdanken, dass an den Unis die Absolventen und Doktoren gleichsam am Fließband produziert werden: Jeder zusätzliche von ihnen sorgt für mehr Punkte in den unsäglichen “Hochschul-Rankings” und für mehr Drittmittel.

Kathrin Spoerr hat das hausgemachte Dilemma in ihrem Leitartikel in “Welt kompakt” gut zusammengefasst:

Das Problem ist aber nicht, dass zu viele promovieren, sondern, dass die deutschen Universitäten von der Politik im Unklaren gelassen werden über ihren künftigen Sinn. Formelhaft wird an “Forschung und Lehre” festgehalten, tatsächlich aber kommen immer weniger Professoren neben ihren vielen Pflichten rund ums Lehren dazu, forschen zu können. Sie halten Vorlesungen und Prüfungen, verschwenden in überflüssigen Gremien Arbeits- und Lebenszeit, und ein immer größer werdender Teil ihrer Energie muss in Stellungnahmen zu Studentenklagen investiert werden, die mit ihren Noten unzufrieden waren. Zeit und vor allem Ruhe für Forschung bleibt wenig.

Dabei, so Spoerr, beweise die Bereitschaft von Professoren, “auch Menschen zu promovieren, die nicht Wissenschaftler werden wollen”, “deutlich mehr Gespür für die Gesellschaft und ihre Anforderungen als die scheinheiligen Mahnungen von Schavan”. Womit wir beim eigentlichen Kern des Pudels ((Wohlfeiler Verweis auf den Ausruf “Das also war des Pudels Kern!” in Johann Wolfgang Goethes Tragödie “Faust” (Faust, Studierzimmerszene, Zeile 1323).)) Problems wären: Der Doktortitel ist eigentlich ein akademischer Grad und kein Ornat für Visitenkarten und Messingschilder.

Direkt zu Beginn meines Studiums gaben sich meine Dozenten größte Mühe, den Ball flach zu halten: Professoren wollten unter keinen Umständen mit “Herr Professor” angesprochen oder angeschrieben werden und Doktoren stellten klar, dass ihr Titel nun einmal Teil ihrer Arbeit und eine Sprosse auf der akademischen (wohlgemerkt!) Karriereleiter sei. Ein Dozent sagte, er verwende seinen Doktortitel eigentlich nur, wenn ihm Ärzte oder Sprechstundenhilfen blöd kämen — mit einem Doktor (weiß ja keiner, welcher Profession) würden die dann gleich ganz anders sprechen.

Das war eine völlig neue Weltsicht für mich. Ich war es eher gewohnt, dass mein Großvater (an dem in Sachen Titelhuberei mindestens ein Österreicher verloren gegangen ist) selbst enge Freunde in deren Abwesenheit als “Professor” bezeichnet und Geburtstagseinladungen an die Familie seines Schwiegersohns an “Familie Dr. med.” adressiert. ((Wobei dieses Verhalten nicht auf schnöde Doktoren- und Professorentitel beschränkt ist: es gibt ja auch noch Diplom-Ingenieure, Stadtbauräte und Markscheider. Nur ich warte bisher vergeblich auf Post an Lukas Heinser, B.A. — was aber irgendwie auch ganz beruhigend ist.)) In meiner Heimatstadt liefen Menschen rum, die sich ihren frisch erworbenen Doktortitel nachträglich mit der eigenen Schreibmaschine auf ihren Leihausweis der Stadtbibliothek setzten.

An diesem Punkt setzt der Gastbeitrag an, den Fritz Strack, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Würzburg, für “Spiegel Online” geschrieben hat. Strack (für meinen Opa: “Professor Strack”) beginnt bei der in Deutschland üblichen, bei Licht betrachtet eher exotischen Tradition, den Doktortitel im Personalausweis zu vermerken.

Durch die wiederholte Verknüpfung von Namen und Grad wird die Anrede “Herr oder Frau Doktor” als Höflichkeitsgebot obligatorisch, die dann demjenigen allmählich das Gefühl gibt, der Doktor sei doch Teil des eigenen Namens. Die Verwendung für den persönlichen Gebrauch auf Türschildern, Briefköpfen und beim Einträgen ins Telefonbuch werden zur Selbstverständlichkeit.

Damit werde der Doktorgrad zu “einer Art Adelstitel”, mit dessen Hilfe das gesellschaftliche Prestige “aus eigener Kraft erworben und für den persönlichen und beruflichen Vorteil genutzt werden” könne.

Warum wohl wollten sonst so viele Leute promovieren? Es sind eben nicht nur Nachwuchswissenschaftler, die eine berufliche Tätigkeit in Forschung und Lehre anstreben. Viele sind einfach scharf auf das zusätzliche Geld und die Karrierechancen, die die Titelfunktion des faktischen Namenszusatzes mit sich bringen. Vor allem für den Aufstieg in Führungspositionen in Wirtschaft oder Politik ist ein sichtbarer Doktorgrad von unschätzbarem Vorteil.

Das unterscheidet diese Menschen von meinen bescheidenen Literaturwissenschaftlern an der Uni: Für sie ist der Doktorgrad ein Mittel zum Zweck, der ihnen Instant-Ansehen bringen soll. Dabei sollte die Doktorarbeit eigentlich Berufung und Hauptaufgabe im akademischen Alltag sein und nichts, was man über Jahre neben seiner “Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit” (Ex-Doktor Karl-Theodor zu Guttenberg) zum eigenen Schmucke vorantreibt. Überspitzt gesagt ist die Doktorarbeit etwas, was einen am Hungertuch nagen lässt und einem außer Erkenntnisgewinn und Respekt in der Wissenschaftsgemeinde nichts einbringen sollte — zumindest keinen beschleunigten Aufstieg in Politik und Wirtschaft.

Strack leitet aus seinem Essay zwei Kernforderungen ab: Eine Änderung des deutschen Personalausweisgesetzes und eine Reformation der Promotionsregeln für Mediziner. Ich finde, das klingt nach einem guten Anfang.

In den Medien ist der Anteil der Doktoren übrigens eher überschaubar, weswegen man sich mit einem anderen Prestige-Generator zu behelfen versucht: Hier ist fast jeder Träger irgendeines Medienpreises.

*) Nachtrag, 26. Juni: Frau Koch-Mehrin verzichtet auf ihren Sitz im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie.

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Politik

Gib hier den Titel an

Das ist grad aber ein bisschen blöd gelaufen im Bundestags-TV:

Dr. Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg
Aber auch hier ging es mit der Rückgabe des Doktortitels ganz schnell:

Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg
[via Philipp]

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Literatur

Bitte keine Heiterkeitsausbrüche!

Während sich der deutsche Literaturbetrieb gerade ungefähr in der selben Kater-Stimmung befindet wie der “Stern” im Sommer 1983, diskutieren die Österreicher dieser Tage über ein Buch, das es immerhin vor Gericht geschafft hat.

Das Wiener Landesgericht musste gestern darüber entscheiden, ob der Roman “Weiße Nacht” von David Schalko den höchstpersönlichen Lebensbereich des Politikers Stefan Petzner, “Lebensmensch” des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider, verletzt. Petzner sah seine Menschenwürde verletzt und wollte außerdem finanziell am Erfolg des Romans teilhaben — ein Erfolg, der freilich erst einer wurde, nachdem Petzner öffentlichkeitswirksam gegen das Buch vorgegangen war. Schalko hat seine Sicht der Dinge vor einigen Wochen wortgewaltig für die “Welt am Sonntag” zusammengefasst.

Obwohl Petzner gefordert hatte, das gesamte Buch im Gerichtssaal vorzulesen, wurde darauf offenbar verzichtet, denn das Urteil war schnell gesprochen: Petzner unterlag, kündigte Berufung an und rief seinem Prozessgegner zu, der solle sich was schämen.

Von besonderer Qualität ist die Urteilsbegründung der Richterin, in der diese die Handlung des Romans noch einmal kurz zusammenfasst — und gleichzeitig versucht, die Würde des Ortes zu bewahren:

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