Eigentlich sind sie als Punkband unterwegs

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 21. Dezember 2010 0:55

Sie werden es vermutlich nicht mitbekommen haben und auch die speziellsten Special-Interest-Webseiten schweigen sich zu dem Thema aus, aber heute ist ein ganz besonderer Tag: Der erste öffentliche Auftritt der Band Zuchtschau jährt sich zum zehnten Mal.

Sie werden über diese Band nichts finden, denn damals war das Internet durchaus noch vergesslich, aber es ist ein guter Moment, aus dem Schatten der Anonymität heraus zu treten und zu sagen: Ich war Teil von Zuchtschau.

Die recht kurze und in weiten Teilen ereignislose Geschichte dieser Band begann im Januar 2000 auf dem Schulhof eines Dinslakener Gymnasiums. Matthias, ein langjähriger Schulfreund von mir, plante mit zwei Schülern aus der Stufe über uns, gemeinsam eine Band zu gründen. Nur ein Schlagzeuger fehlte ihnen noch. Da ich von meinem siebten bis zum dreizehnten Lebensjahr Schlagzeugunterricht bekommen hatte und man sowas ja bestimmt nicht verlernt, bot ich mich an. Am darauf folgenden Freitag fand die erste Probe im Keller des legendären ND-Jugendzentrums statt.

Ich wollte gerne eine Band gründen, die nach Ben Folds Five klang, aber danach sah es nicht aus: Wir hatten nicht nur keinen Pianisten, sondern auch keinen Basser. Matthias und Thomas würden Gitarre spielen, Sebastian singen. Unser Saxophonist (!) war nur bei wenigen Proben dabei. Auch vom Genre her musste ich Kompromisse eingehen, denn Thomas und Sebastian wollten eine Punkband gründen. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema beschränkten sich damals noch auf einige Songs der Toten Hosen und der Ärzte, die ich im Musikfernsehen gesehen hatte, aber das war mir egal: Hauptsache Musik machen, berühmt werden und Mädchen abgreifen.

Beim Bandnamen hatte ich ebenso wenig zu sagen: Er stand fest, seit Thomas und Sebastian im Vorjahr bei einer Teckel-Zuchtschau auf unserem Schulhof ein Hinweisschild mit dem Schriftzug “Zuchtschau” entwendet hatten, das seitdem Thomas’ Jugendzimmer schmückte.

Thomas brachte damals zu jeder Probe einen neuen Song mit, die wir alle recht schnell drauf hatten. Ich spielte immer den gleichen Beat, er spielte vier Akkorde, Matthias gniedelte irgendwas dazu und von Sebastian verstand man kaum was, weil er über einen schwachen kleinen Gitarrenverstärker sang. Was sich von der Herangehensweise schwer nach Punk anhört, klang im Ergebnis aber wie vier brave Söhne aus der Mittelschicht, die versuchen, Punk zu spielen.

Nach wenigen Wochen wechselten wir vom Jugendzentrum in den Keller meines Elternhauses, wo ich mich jetzt an meinem eigenen Schlagzeug verausgaben konnte. Stilecht wurden zu jeder Probe Doppelkekse und Eistee gereicht.

Zur Geburtstagsfeier meines Vaters kam es zum ersten Auftritt vor Publikum, den man wohlwollend als “avantgardistisch” bezeichnen könnte, musikwissenschaftlich präzise als “schlecht”. Alles dröhnte und schepperte, von Sebastians Stimme war so gut wie nichts zu hören. Unterdessen begann sich der drohende Abstieg der Band abzuzeichnen: Der Schlagzeuger (also ich) hatte sich selbst das Gitarrenspiel beigebracht und wollte nun eigene Songs beisteuern — das todsichere Ende jeder Band.

Von Dingen wie MySpace konnte man damals nur träumen: Mit einem einzigen Mikrofon nahmen wir das Geschepper im Proberaum am PC auf und überspielten es anschließend auf eine Musikkassette, die Thomas und Sebastian beim Besuch eines Wohlstandskinder-Konzerts der Band mitgeben wollten.

Einem Auftritt beim Nachbarschaftsfest sollte im August endlich der erste offizielle Auftritt folgen: Wir waren im Nachwuchsprogramm des traditionsreichen Stadtfests “DIN-Tage” vorgesehen. Das Konzert stand unter keinem guten Stern, denn zunächst mussten wir (um des Familienfriedens willen — sehr punk) auf unseren selbstgebastelten Backdrop verzichten, den unser Bandlogo zierte:

Logo der Band Zuchtschau

Mein Großvater hatte das Banner zufälligerweise zu Gesicht bekommen und fühlte sich beim Anblick unseres Dackels offenbar an eine Organisation erinnert, die nach seinen Aussagen “Tausend hinterrücks erschossen und in die Luft gesprengt” habe. Auf gar keinen Fall dürften wir damit in die Öffentlichkeit, sagte er, und wir müssten auch mal an die Karrieren unserer Eltern denken. Wir hätten aber gar kein weiteres Bettlaken bemalen müssen, da das Konzert wegen einer Unwetterwarnung sowieso abgesagt wurde. Das angekündigte Gewitter sollte Dinslaken freilich nie erreichen.

Im Dezember 2000 sollte dann aber wirklich der erste Auftritt stattfinden — beim traditionsreichen “School’s Out”, bei dem nun wirklich jede Dinslakener Band, die länger als ein paar Wochen existierte, irgendwann mal gespielt hat. Für das Konzert hatte sich das Kulturamt der Stadt etwas ganz besonderes einfallen lassen: Es sollte einen Sampler mit Songs von allen auftretenden Bands drauf geben. Die Bands, die – wie wir – keine ordentlichen Aufnahmen vorweisen konnten, bekamen einen halben Tag im Tonstudio spendiert. In Zeiten, wo angesichts leerer Kassen als erstes bei Kultur- und Jugendarbeit gespart wird, klingt diese Anekdote wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen sozialdemokratischen Epoche, aber sie ist wirklich erst zehn Jahre her.

Mit einem Demo unseres Songs “Held im Traumland” fuhren wir in ein kleines Duisburger Studio und versuchten, das Lied irgendwie auf Band zu bannen. Schlagzeug und Rhythmusgitarre wurden gleichzeitig eingespielt (ohne Klickspur natürlich, das hätten wir nie hinbekommen), der Rest später drübergelegt. “Ihr wisst schon, dass Ihr im Refrain schneller werdet?”, fragte unser Produzent (kräftig gebaut, Kette rauchend und schnauzbärtig) besorgt und wir antworteten – leider wahrheitsgemäß – damit, dass das Absicht sei. Am Ende des Tages hatten wir tatsächlich einen fertigen Song, auf dem sogar ein Bass zu hören war — Matthias hatte noch eben eine sehr schlichte Bassspur eingespielt.

Das “School’s Out” kam und in Sachen Größenwahn konnte uns kaum jemand etwas vormachen: Wie die großen Rockbands, die wir aus dem Fernsehen kannten, hatten auch wir Computergeschriebene Setlisten, eigene Timetables (“Dinslaken, GER: Soundcheck 4pm, Doors 4.30pm, Dinner 5pm, Zuchtschau 5.45pm”) und eine schriftliche Drehgenehmigung für unseren Freund mitgebracht, der das Konzert auf Video 8 bannen sollte. Tatsächlich verfolgten einige Leute unseren Auftritt, sogar einige “Fans” waren angereist: dicke, picklige Jungen aus der Nachbarstadt, die noch uncooler waren als wir.

Wir bretterten durch unser Set, wobei ich im Rückblick annehmen muss, dass wir nicht für fünf Cent Pfennig gerockt haben. Bei unserem Song “Winke, Winke” (eine von Rammstein inspirierte Hymne auf die Teletubbies — I kid you not) zerschmetterte Sebastian das Kinderkeyboard, auf dem er das Intro gespielt hatte, vor den Augen verwirrter Security-Angestellter auf der Bühne. Am Ende waren wir so schnell gewesen, dass wir noch Zeit hatten, eine (weder geplante noch geprobte) Zugabe nachzuschießen.

Headliner (auch für so etwas gab es im Dinslaken des Jahres 2000 noch Geld) des School’s Out war die Magdeburger Band Scycs, deren Single “Radiostar” weiland ein kleiner Hit war. Die Musiker gingen auf unseren Vorschlag ein, gemeinsam mit allen Bands des Abends ein Weihnachtslied zu intonieren, doch der Versuch endete in einem riesigen Chaos, dessen Ausmaße ich womöglich noch irgendwo auf Video habe.

Im Jahr 2001 spielten wir bei einem Bandwettbewerb in Moers unseren einzigen Auftritt außerhalb Dinslakens, außerdem bei einem Aktionstag gegen Rechts, beim einzigen Dinslakener Entenrennen, beim hundertsten Geburtstag unserer Schule und tatsächlich (ganz ohne Backdrop) bei den DIN-Tagen.

An einem Freitag im November verließen Matthias und ich die Band. Sebastian hatte sich wenige Stunden zuvor einen Bass gekauft.

Doch wie klang diese Band, der es so ergangen ist wie Tausenden Nachwuchs-Spinal-Taps vor und nach ihnen? Ungefähr so:

Die Überschrift dieses Eintrags ist bei Tommy Finke geklaut.

22 Kommentare

  1. Oliver Ding
    21. Dezember 2010, 10:41

    War der damalige Scycs-Hit nicht eher “Next November”?

  2. Sebastian
    21. Dezember 2010, 11:06

    Um auf Next November hinzuweisen, kam ich extra aus dem Feedreader her. Das war ja “nicht zu Unrecht” ein Hit.

    Bleibt noch danke zu sagen, mag ja solche Anekdoten sehr. Allerdings hat Charlotte Roche die Smiths einmal mit den Worten angekündigt, dass dies die einzige Band sei, die in ihren Video Pullover tragen dürfe. Stimmt.

  3. moritz
    21. Dezember 2010, 11:09

    Langsam wirds halt schon gruselig.

    “Tatsächlich verfolgten einige Leute unseren Auftritt, sogar einige “Fans” waren angereist: dicke, picklige Jungen aus der Nachbarstadt, die noch uncooler waren als wir.”

    Das könnte (da auch zutreffend) ich gewesen sein. Ich vergesse Namen gerne, aber mit eurem Gitarristen (der, der Metal mochte) habe ich in der Zeit ICQ-Kontakt gehabt, weil wir beide völlig amateurhafte Schülerpunkbands hatten. Aus dem Grund liegt der “Kein ruhiges Hinterland”-Sampler auch immer noch in irgendeinem Karton in meinem Keller.

    Zu allem Überfluss habt ihr mir auch noch geholfen, wieder Kontakt zu einem alten Freund aufzubauen – der war nämlich mit zweien von euch im Sommerurlaub gewesen und sah meinen Eintrag in eurem Gästebuch.

    In jedem Fall war ich immer neidisch auf die Möglichkeiten, die eure Stadt euch gegeben hat. Sowas gibts in Wesel erst, seit ich weggezogen bin.

  4. ckwon
    21. Dezember 2010, 11:21

    “Next November” war 2-3 Jahre früher. Wikipedia sagt: Radiostar war in den Top10 der Airplaycharts zu der Zeit von der Lukas schreibt. Hmmm, kann mich da gar nicht mehr dran erinnern, obwohl ich den Song dann sicherlich auch öfter mal gehört hatte…
    Also doch kein “One Hit Wonder”…

  5. Nico
    21. Dezember 2010, 13:34

    ICH habe das Intro gespielt und das Keyboard zerdeppert!! Diese Lorbeeren könne ich Sebastian nicht! :D

  6. Nico
    21. Dezember 2010, 13:35

    Gönne natürlich, mit “g”…

  7. Lukas Heinser
    21. Dezember 2010, 13:37

    Verzeihung. Meine Erinnerung ist nicht mehr ganz frisch.

  8. Hannah
    21. Dezember 2010, 13:55

    Das Stagediving war ja wirklich Maßarbeit, Respekt, dass es offensichtlich ohne Verletzte geklappt hat!

  9. Marlen
    21. Dezember 2010, 16:28

    hahahaha, der dackel. zu gut.

  10. Matthias
    21. Dezember 2010, 16:58

    Zudem lautet der orthographisch korrekt ausgedrückte Name des Headliners “Sycys”…

    @moritz: Hatte ich Dir nicht sogar mal Tabs von Held im Traumland oder einem anderen unserer Songs zukommen lassen?

    Ich fühle mich alt. :-D

  11. moritz
    21. Dezember 2010, 18:39

    Huch, ja, das ist gut möglich.

    Ja, alt fühle ich mich auch, jetzt gerade besonders. Lustig jedenfalls, wie abstrus klein die Welt ist.

  12. malefue
    22. Dezember 2010, 1:14

    “Aktionstag gen Rechts”

    hihi

  13. Sebastian
    22. Dezember 2010, 10:41

    @Nico: Du magst das Intro gespielt haben und das Keyboard mit zerdeppert haben, aber auf den Trümmern ausgerutscht, beim Fallen fast die Bühnenbeleuchtung zerstört und dem Securitymann vor der Bühne ein Stück Keyboard aus Versehen in den Rücken geschossen habe dann ja wohl doch ich ;-)

  14. Thomas
    22. Dezember 2010, 14:05

    Nie hat die Kategorie “Rock’n’Roll High School” besser gepasst!

  15. birgit
    22. Dezember 2010, 22:26

    Kinder, wie die Zeit vergeht!

  16. Lukas Heinser
    23. Dezember 2010, 11:26

    Wie schön, dass die fürs diesjährige “School’s Out” kurzzeitig angedachte Zuchtschau-Reunion wenigstens in den nach unten offenen Kommentarspalten dieses Blogs funktioniert hat.

  17. Trainer Baade
    23. Dezember 2010, 12:40

    Wo war das in Moers?

  18. pell
    30. Dezember 2010, 10:06

    Oh, das klingt doch gar nicht so übel.

  19. Thomas
    7. Juli 2011, 15:10

    @Trainer Baade: 6,5 Monate später eine Antwort: Das war in der Volksschule, unten im Cafe

  20. What’s My Age Again? – Coffee And TV
    27. Juni 2012, 18:25

    [...] hingegen, wovon auch immer es handeln sollte, fand ich toll. Wir haben es sogar mal mit unserer “Punkband” [...]

  21. seven
    28. Juni 2012, 18:56

    Ach, das hätte ich mir jetzt aber unterirdischer vorgestellt… oder wie der Präsi sagen würde:
    “DIE BAND IS SCHON SEHR GUUUUD, ALLEIN DES SONGREITING LÄSST E BISSLE ZU WÜNSCHE ÜBRISCH!”

  22. Es gibt Menschen, die tragen T-Shirts – Coffee And TV
    26. März 2013, 18:38

    [...] ist, an dem ich beteiligt war: Als wir im Dezember 2000 mit unserer “Punkband” Zuchtschau das erste offizielle Konzert spielten, hatte das Kulturamt der Stadt Dinslaken im Vorfeld nicht nur [...]

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