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No Meat Today

Ich weiß, das Thema ist alt und eigentlich längst … gegessen, aber gerade poppte in meinem Gehirn dann doch noch eine Frage zum sogenannten “Veggie Day” auf:

Warum wäre es eigentlich empörend, wenn der Staat uns vorschriebe, was wir (oder: Menschen, die in einer Kantine essen müssen) an einem Wochentag nicht essen sollen, aber es ist überhaupt nicht empörend, wenn eine Firma, die bei der Ausschreibung des Kantinenbetriebs am billigsten war, uns vorschreibt, was wir an allen Tagen essen sollen?

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Eis, Wurst und Käse

Um ehrlich zu sein, hatte ich bis gerade nicht gewusst, dass es in Bochum ein mittelständisches Unternehmen namens Wurst-König gibt (es gibt halt nur eine Currywurst — weltweit). Nun weiß ich es, ebenso wie, dass es in Bochum eine Nachwuchs-Punkband namens Erdbeereis gibt. Und die beiden haben ein Problem miteinander.

Erbeereis haben offenbar einen Song namens “Wurst-König” — oder besser: hatten, denn die Anwälte des Unternehmens haben von der Band eine Unterlassungserklärung eingefordert.

Die Band stellte gestern diese rührend hilflose Erklärung online:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Ich kenne den Song nicht, vertraue aber auf das Urteil, das Stefan Laurin bei den “Ruhrbaronen” gefällt hat:

Das sich Wurst-König darüber aufregt, kann ich gut verstehen. Der übliche Tierrechtlerschwachsinn inklusive Tier-KZ und Beleidigung. Tiefstes Peta-Niveau. Geht nicht. Aber seien wir mal ehrlich: Das sind Kinder. Und das Argument mit dem 35.000 Euro Schaden ist Quatsch.

Wer schon mal das zweifelhafte Vergnügen solcherlei juristischer Auseinandersetzungen hatte, weiß, dass die Höhe solcher angeblichen Schadenssummen vor allem von zwei Faktoren abhängt: der Vorstellungskraft eines Anwalts und den Tasten, die seine Tastatur so hergibt (wahlweise auch das Wetter in der letzten Vollmondnacht). 35.000 Euro Schaden erscheinen entsprechend willkürlich bei etwa 800 bis 900 Views bei YouTube und MySpace — zumal jugendliche Punkfans (besonders die, die auch noch Vegetarier oder Veganer sind) jetzt eher nicht als potentielle zahlungskräftige Kunden einer Metzgerei gelten dürften.

Wurst-König-Geschäftsführerin Iris Rach hat den “Ruhr Nachrichten” erklärt, warum sie glaubt, dass sie so handeln musste:

“Es wurde nicht nur der Name benannt, sondern auch Bilder aus unseren Filialen im Video gezeigt”, betont Iris Rach. Mitarbeiter seien auf den Bildern notdürftig mit einem Balken unkenntlich gemacht worden. Für eine Anonymisierung reicht dies nicht. “Ich sah mich gezwungen etwas zu unternehmen”, so Rach.

Ein Gespräch mit der Band habe es nicht gegeben. “Ich konnte keinen Kontakt herstellen”, sagt die Geschäftsführerin. Eine Adresse oder eine konkrete Ansprechperson ist weder auf YouTube noch auf der bandeigenen MySpace-Seite zu finden. Die Unternehmensleitung habe sich gezwungen gesehen, einen Anwalt einzuschalten. “Ich hätte gern einen anderen Weg gewählt”, sagt Rach.

Die ganze Situation ist ein arges Dilemma: Die Empörung von Wurst-König ist sicherlich verständlich, der potentielle Schaden aber eher ein theoretischer. Das mit der Kontaktaufnahme ist sicher auch blöd gelaufen, denn es gibt bei YouTube und MySpace (die Älteren werden sich erinnern) zwar sogenannte “Kontakt”-Buttons, die einem die Kontaktaufnahme mit den Profilbetreibern ermöglicht — aber blöderweise nur, wenn man dort selbst einen Account hat. Da ist der Anruf beim eigenen Anwalt deutlich weniger aufwendig.

Bei den “Ruhrbaronen” schreibt Stefan Laurin vom “Streisand-Effekt” und in der Tat dürften jetzt schon mehr Menschen von dem Song gehört haben, als ihn jemals zu Gehör bekommen haben. Nun ist die Firma nicht gegen die Verbreitung wahrer Tatsachen vorgegangen, sondern gegen ein Schmäh-Lied, was den Vergleich mit Streisand etwas schief erscheinen lässt. Natürlich ist es denkbar, dass sich ein Internetmob noch auf Wurst-König einschießen könnte — immerhin wurden in den Kommentaren bei den “Ruhr-Baronen” erste Boykott-Aufrufe laut. Und gerade, als ich schreiben wollte, dass einem regional tätigen Metzger die Empörung im Internet auch egal sein könne, fiel mir auf, dass ihm dann auch das verunglimpfende Lied hätte egal sein können. Es ist, wie gesagt, ein arges Dilemma.

Die “Ruhr Nachrichten” berichten, dass die Wurst-König-Geschäftsführerin keine weiteren rechtlichen Schritte gegen die Band einleiten wolle:

Mit dem Löschen der Videos sei der Fall für sie erledigt. Die Anwaltskosten müssten die Jungs von Erdbeereis aber zahlen.

1.099 Euro (die Höhe der Anwaltskosten richtet sich in der Regel nach der Höhe der angesetzten Schadenssumme) sind viel Geld für fünf Jugendliche. Da die Mitglieder öfter in der Bochumer Fußgängerzone musizieren, werde ich ihnen dort demnächst mal einen Schein in den Hut werfen und mit väterlichem Blick “Aber das macht Ihr nie wieder, ne?” sagen. Und bei Wurst-König werden sie sich womöglich von ihren “Ruhr Nachrichten” lesenden Kunden fragen lassen müssen, ob das denn wirklich nötig war.

Ich selbst bin ganz froh, dass es zu meiner Punkband-Zeit noch kein Internet gab.

Nachtrag, 23.25 Uhr: Inzwischen wurde auch das Video, in dem die Band über die Anwaltspost spricht, von ihr wieder entfernt. Keine Ahnung, was da jetzt wieder los war.

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Leben Musik

Meat Is Murder

Ich hätte nie geglaubt, mal die seichte Poprockgrütze von Matchbox Twenty mit Morrissey vergleichen zu wollen. Jetzt aber nötigt mich eine Meldung dazu, es doch zu tun. “Tierliebe: “Matchbox Twenty” sagen Festivalauftritt ab” heißt es da:

Los Angeles: “Matchbox Twenty” haben aus Tierliebe ihre Teilnahme am “Cheyenne Frontier Days Festival” abgesagt. Frontmann Rob Thomas wurde vor kurzem nämlich von einer Tierschutzorganisation ein Videotape zugespielt, auf dem zu sehen war, dass im vergangenen Jahr Tiere bei dem Event gequält wurden. Laut Medienberichten zog die Band daraufhin die Konsequenzen und cancelte ihren geplanten Auftritt. Was genau auf dem Video zu sehen war, ist nicht bekannt. […]

Das ist dann aber doch ein wenig Morrissey für Arme. Der bekennende Tierfreund sorgt nämlich lieber für Tatsachen. Er verbannt seit Jahren erfolgreich das von ihm verachtete Fleisch nicht nur aus seinen Konzertvenues, sondern teilweise auch aus deren näherer Umgebung. Er sagt auch schon einmal ein Konzert ab, weil es in einem ehemaligen Schlachthof hätte stattfinden sollen. Rob Thomas und co. hingegen kneifen lieber, ohne irgendetwas zu ändern, und protestieren dann auch noch brav und zahm. Noch alberner wird es allerdings, wenn man in der englischsprachigen Ursprungsmeldung erfährt, dass dieses Festival übrigens nicht nur eine Rodeo-Veranstaltung ist, sondern sogar die weltgrößte. Das macht die schlechte Behandlung von Tieren dann doch irgendwie einen winzigen Deut erwartbarer. Ihren Auftritt bei einem anderen Rodeo ziehen Matchbox Twenty aber wohl durch.

Angesichts so viel Weicheierigkeit und Inkonsequenz denkt man doch gleich viel lieber an Morrisseys hübsche Ausfälle. Der fordert schon mal die Ausweisung aller Fleischesser oder überlegte angesichts seiner pelztragenden Kollegin Madonna laut, wie es wohl wäre, wenn man ihre Mäntelchen aus einem anderen Material nähen würde. Ähnlich handfest ist übrigens auch Mark E. Smith von The Fall. Der geht schon einmal mit Heckenscheren auf Dinge los, die ihn stören. Was Morrissey davon hält, wissen wir noch nicht. Eine zukünftige Zusammenarbeit der beiden britischen Rockhelden dürfen wir aber wohl ausschließen.

[via Forum von plattentests.de]