Menschenraub

Von Katharina, 21. Februar 2011 14:38

„Ein Plagiat (von lat. plagium, „Menschenraub“) ist das bewusste Aneignen fremder geistiger Leistungen.“(aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie)

„Was im wahren Leben der Mord, ist in der Wissenschaft das Plagiat!“, sagt der Dozent, für den ich vier Jahre lang an der Uni gearbeitet habe. Viele, viele Stunden meiner Tätigkeit als Studentische Hilfskraft habe ich damit zugebracht, verdutzt zu schauen, wenn ich Hausarbeiten oder Essays vorkorrigiert habe. Ob man Plagiate überhaupt erkennen könne, dachte ich. Vor vier Jahren stand ich relativ ratlos vor der Aufgabe, die mir zugeteilt wurde. „Vertrauen Sie auf ihr Gespür!“, wurde mir angeraten, und das war tatsächlich der beste Ratschlag in dieser Geschichte (wie in vielen anderen Geschichten übrigens auch). Das mit den Plagiaten verhielt sich nämlich so: Ein abgegebener Text holpert vor sich hin, und auf einmal wird er brillant. Huch? Google. Treffer.
Oder, wenn ich mich beleidigt fühlen sollte: Auf einmal änderten sich Schriftart oder gar Zeilenumbrüche. Flickarbeiten, Wikipedia-Zitate, hausarbeiten.de-Zitate; die Abgründe der Internetseiten, Seiten, die man nie besuchen würde, der wissenschaftliche Anspruch meistens mau, die Quellen, aus denen abgeschrieben wurde: kurios.

Den paar Malen, wenn ich Plagiate gefunden hatte und mich danach so schmutzig fühlte, dass ich mich am liebsten gehäutet hätte, folgten ernste Gespräche mit den Studierenden, geführt vom Dozenten selbst. Immer mit der Möglichkeit für die Studierenden, sich zu rechtfertigen, aber auch mit der Ansage, dass man diesen Fall auch an die Rechtsabteilung der Universität weiterleiten könne (was wir nie getan haben). Eben weil der Klau von Gedanken das schlimmste ist, was man in der Wissenschaft tun kann. Höchststrafe. Die Gespräche endeten immer mit Tränen auf Seiten der Studierenden, es folgte immer die Schilderung eines persönlichen Schicksals, das die Studierenden zum Plagiat getrieben hat. Auch hinter dem selbstherrlichsten, smartesten Grinsen steckten Tränen und Ratlosigkeit. Meistens war es Überforderung, die zum Plagiat getrieben hatte, das Gefühl, schlichtweg zu dumm zu sein für einen philosophischen Essay, das Gefühl, dass die eigenen Gedanken nicht ausreichten, dem Thema adäquat zu entsprechen. Und dann waren meistens noch Todesfälle und Krankheiten in der Familie aufgetreten, Scheidungen wurden angedroht und dergleichen mehr. All diese Fälle waren tragisch, all diese Fälle passieren täglich an der Universität.

Wenn nun in der Geschichte um Guttenberg abgewiegelt wird, dann empört mich das zunächst, weil ich in den letzten vier Jahren stets in die andere Richtung aufgewiegelt habe und dies für richtig hielt. Und natürlich ging es im Fall kleiner philosophischer Essays nicht um die Welt, meistens ja nicht mal um die Wahrheit, sondern um einen verdammten Schein. In Zeiten, in denen Erkenntnis durch Workload ersetzt wird, ist das Nachdenken den meisten nur lästig. Aber wenn dann ein Gespräch folgt, weil ein Plagiat gefunden wurde, dann wird den meisten auch klar, was ihnen an der Universität in dieser Zeit fehlt: Ein Sinn, warum sie ihre Zeit hier verbringen. Die meisten studieren, weil ihnen gesagt wird, dass es berufsqualifizierend ist, unter Berufsqualifizierung denken die meisten aber eher an Angebote, die (noch) eher an Berufsschulen und Volkhochschulen angeboten werden (deswegen auch die permanente Ersetzung des Wortes „Seminar“ durch „Kurs“ im Studenten-Jargon), es entsteht ein Loch der Sinnlosigkeit über die Zeit an der Universität, weil durch das viele Arbeiten auf 30 unterschiedlichen Baustellen keine Zeit bleibt, mal in Ruhe über ein Thema nachzudenken. Plagiate und Überforderung gab es schon immer, aber sie sind auch das, das durch die Ba/Ma-Reform befördert werden könnte.

Ich schreibe gerade meine Examensarbeit. Und ich weiß, wenn ich hier nicht Quellen korrekt angebe und dabei erwischt werde, dann kann ich mich nicht hinsetzen und weinen und sagen, dass ich mich überfordert fühle und dass es in meiner Familie einen Todesfall gab. Selbst wenn es zumindest im ersten Teil stimmten sollte: Natürlich fühle ich mich überfordert, natürlich habe ich beinahe jede Woche einen erneuten Quasi-Nervenzusammenbruch. So ist das Leben. Wenn ich bei einem Plagiat erwischt werde, folgt zumindest eine Nicht-Anerkennung meines Abschlusses, und, je nach Schwere der Tat, auch eine Strafanzeige, vielleicht die Unmöglichkeit der Verbeamtung. Das ist nicht der Hauptgrund, der gegen ein Plagiat spricht, aber von Ehre möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst reden.

In meinem Fall geht es nur um ein Staatsexamen. Wenn Guttenberg seinen Doktor behalten darf, obwohl sich jeder selber ein Bild vom Ausmaß der Abkupferei schon in der Einleitung seiner Diss machen kann, dann ist das ungefähr das ungerechteste, was mir in meiner Zeit an der Universität untergekommen ist.

25 Kommentare

  1. Alberto Green
    21. Februar 2011, 15:24

    .

  2. fk
    21. Februar 2011, 15:24

    Interessanter Einblick auf die „andere“ Seite.

    Ich mag wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben, aber ich kann auch verstehen, dass man die Schnauze voll und die verhasste Arbeit einfach sechsmal so schnell zusammen hat, wenn man ein bisschen kopiert. Wobei man das auch geschickt oder ungeschickt machen kann.

    Weil Dein Prof von „Mord“ sprach: Die Analogie ist schief. Ein Plagiat ist einfach ein Diebstahl in der akademischen Sphäre, die wie kaum eine nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert. Diese Sichtweise des Plagiats als unterschlagener Zahlung an den Urheber sollte man aber von der moralischen und politischen Ebene des aktuellen Falles trennen.
    Ich hab das mal auseinander zu klamüsern versucht: http://alrightokee.de/verliere.....uttenberg/

  3. Alberto Green
    21. Februar 2011, 15:34

    Ach, und der plagiator ist nicht nur der „Menschenräuber“, sondern vor allem der „Seelenverkäufer“ und „Knabenverführer“. Er ist sozusagen der Kinderschänder der Wissenschaft.

  4. Katharina
    21. Februar 2011, 15:41

    @Alberto Green: Das hätte ich mich jetzt so nie zu schreiben getraut, aber ich vermag auch nicht zu widersprechen.
    Und wenn die akademischen Lehrer permanent in diesem Tonfall sprechen, dann muss man sich über die Beschwichtigung, die allein im Wort „Schummelaffäre“ steckt, bloß wundern. Unwort des Jahres.

  5. Lukas Heinser
    21. Februar 2011, 15:45

    Ich fürchte, mir ist gerade die Halsschlagader geplatzt, als ich diesen Artikel bei FAZ.net gelesen habe:

    Der CSU-Politiker erfülle seine Aufgaben als Minister „hervorragend“, sagte die Kanzlerin am Montag vor Journalisten in Berlin. „Und das ist, was für mich zählt.“ Sie habe Guttenberg schließlich als Minister bestellt „und nicht als wissenschaftlichen Assistenten“.

    Mal davon ab, dass man über Guttenbergs Qualität als Verteidigungsminister streiten kann: Vielleicht möchte sich die Kanzlerin mal mit dem ihr angetrauten Professor über akademische Ehre unterhalten?

    In die gleiche Kerbe schlägt eine bekanntermaßen ahnungslose Doktorin der Medizin:

    Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte sogar, dass Guttenberg selbst bei einer Aberkennung des Doktortitels noch ein guter Verteidigungsminister wäre.

    Und dass die frühere bayrische Kultusministerin Monika Hohlmeier eine Unterscheidung zwischen „wissenschaftlichen“ und „menschlichen“ Fehlern einführen will, schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

  6. » Journalismus heißt jetzt “Jagd” katrin schuster
    21. Februar 2011, 15:56

    […] als Nachtrag: Fast auf die Minute zur gleichen Zeit wie ich publizierte Katharina Coffee and TV über die Angelegenheit. Sie endet: “Wenn Guttenberg seinen Doktor behalten darf, obwohl sich […]

  7. Die_Heldin
    21. Februar 2011, 16:51

    der fall ist klar: wenn das plagiat nachgewiesen werden kann, sollte man ihm den titel aberkennen. für mich folgt daraus, dass er charakterlich ungeeinget für einen ministerposten ist. ich würde auch keinen autodieb als verteidigungsminister haben wollen.

  8. SvenR
    21. Februar 2011, 17:05

    Och, eine verurteilter Steuerhinterzieher war doch auch jahrelang Wirtschaftsminister.

    Dös passt scho‘!

    Ich habe in meiner Studienzeit einen Teil meines Lebensunterhalts damit verdient, Haus-, Semester-, Diplom-Arbeiten oder Promotionen zu lektorieren (davon merkt man heute nur noch wenig) und „am Computer zu setzen“. Meine „Kunden“ haben teilweise monatelang mit einzelnen Formulierungen gerungen…es wäre schon technisch nahezu unmöglich, so viele undeklarierte Zitate im Fastwortlaut zu übersehen.

    Un-fass-bar!

  9. Hank
    21. Februar 2011, 18:07

    Mir geht die Bagatellisierung dieses Vorgangs in weiten Teilen der Bevölkerung gehörig auf den Senkel.
    Da wird der Doktortitel schön abgewertet (ist doch „nur“ ein Doktor, was stellt ihr euch an?“). Bei Wohnungsbesichtigungen kann man aber erleben, das der Titel aber sehr wohl Respekt einflösst. Maues Beispiel für das schizophrene bei den Leuten.
    Der zu unrecht erworbene Doktortitel ist ebensowenig ein Kavaliersdelikt wie Steuerhinterziehung.
    Muss er deswegen zurücktreten? Mir egal. Muß ihm der „Dr.“ entzogen werden? Absolut.

  10. fk
    21. Februar 2011, 18:20

    @Lukas: Ja, Merkels Aussage ist eine arrogante Frechheit. Wenn er demnächst im Supermarkt was klaut, dann hat sie keine Kaufhausdetektiv eingestellt, wenn er einen Fehler macht, eben keinen perfekten Menschen. Mies.

    Mich enttäuscht, wie wenig argumentativ vorgegangen wird. „Ist doch nicht so schlimm“, „es gibt schlimmeres“ und „wir brauchen den Mann“ sind KEINE Argumente für oder gegen Guttenberg, sondern Meinungen.

  11. Lukas Heinser
    21. Februar 2011, 18:28

    Zu Argumenten empfehle ich erneut FAZ.net.

    Davon ab habe ich gerade erfahren, dass es keinen „Doktortitel“ gibt, sondern lediglich einen „Doktorgrad“. Ob wir das in die aktuelle Diskussion aber noch eingeführt kriegen, wage ich zu bezweifeln.

  12. ben.gt
    21. Februar 2011, 18:34

    Ich denke viele Menschen stört es in diesem Fall nicht so sehr, weil man von Politikern mittlerweile nichts anderes mehr erwartet. Gibt es noch jemanden der ernsthaft glaubt Spitzenpolitiker kämen mit harter Arbeit und nicht durch Vitamin B an ihre Pöstchen? Da glaubt doch dann auch niemand die würden ihre Titel durch harte Arbeit erlangen.

  13. Alberto Green
    21. Februar 2011, 18:43

    @ Lukas: Also auf (ähem, hust, rotwerd) meiner Bescheinigung über meine „wissenschaftliche Befähigung“ steht: „Titel, Rechte und Würde eines Doktors der Philosophie dürfen erst … Mich würde ja der Unterschied zwischen Titel und Würde interessieren.

  14. SvenR
    21. Februar 2011, 18:49

    Ich hätte auch gern eine Besscheinigung über irgendeine Befähigung…

    *seufz*

  15. Lukas Heinser
    21. Februar 2011, 18:58

    @Alberto: Womöglich gibt es da Unterschiede zwischen Rechtssprechung und Universitärer Wortwahl. Da wären jetzt ein Jurist und ein Linguist hilfreich.

  16. Tobias
    21. Februar 2011, 21:15

    verdammt noch mal, ich bin selber Doktorand und wenn ich höre, dass ja Wissenschaft nur abschreiben ist, dann geht mir so was von die Hutschnur hoch.
    Wissenschaft und Forschung ist eigene Gedanken zu etwas entwicklen und neues Wissen schaffen. Dabei muss man, weil man natürlich auf Vorwissen, welches von anderen geschaffen wurde zurückgreift, dieses als fremde Arbeit ausweisen, ergo zitieren. Das man keine ganzen Absätze übernehmen kann, selbst wenn man sie in Angführungszeichen setzt kommt noch dazu. Ich arbeite 60h die Woche für meine Dissertation und muss mich permanent vor mir selbst rechtfertigen, wo ich eigenes, in meinem Fach relevantes Wissen schaffe.
    Ich hab die Schnauze voll von Blendern und wenn in der Politik hundert Leute sind, die sich hochgearbeitet haben und sogenannte Karierrepolitiker sind, dann von mir aus! Die machen ihre Arbeit und stellen sich zur Wahl und haben kein Titel (akademisch noch adelig) hinter denen sie sich verstecken können.
    Ansonsten gilt politisch: Wer mir ins Gesicht lügt nur damit er besser Karriere machen kann, den wähl ich nicht und will ihn auch nicht als meinen Minister haben.

  17. Mickey
    22. Februar 2011, 3:00

    @Katharina: nichts Neues, aber okay dargestellt.
    @Tobias: auch einverstanden. (Ich hoffe aber, Du wirst die Dissertation gegenlesen lassen.)

  18. Tim
    22. Februar 2011, 20:01

    Ich hab die Schnauze voll von Blendern und wenn in der Politik hundert Leute sind, die sich hochgearbeitet haben und sogenannte Karierrepolitiker sind, dann von mir aus! Die machen ihre Arbeit und stellen sich zur Wahl und haben kein Titel (akademisch noch adelig) hinter denen sie sich verstecken können.
    Ansonsten gilt politisch: Wer mir ins Gesicht lügt nur damit er besser Karriere machen kann, den wähl ich nicht und will ihn auch nicht als meinen Minister haben.

  19. Lutz
    23. Februar 2011, 8:42

    Gibt es in der ersten Riege der bundesdeutschen Politiker überhaupt einen, dem man so etwas nicht zutrauen würde? Ich stelle mal frech die Behauptung auf, dass jeder, der eine bestimmte politische Position erreicht hat, das auch mit ein wenig Lügen und Betrügen geschafft hat (überspitzt formuliert).
    Bei Herrn zu Guttenberg ist die Öffentlichkeit doch hauptsächlich deshalb so empört, weil man es ihm niemals zugetraut hätte, oder?

  20. Katharina
    23. Februar 2011, 10:16

    @Lutz: Vielleicht. Wenn man sich diese Facebook-Seite „Gegen die Jagd auf…“ so anschaut, scheint Guttenberg für viele eine jesusähnliche Gestalt zu sein. Aber woher das kommt, ich kann es nicht verstehen.

  21. hugo von krapendorf
    23. Februar 2011, 15:21

    @Tim: :-)

  22. Coffee And TV: » Fakin’ It
    24. Februar 2011, 19:02

    […] der aktuellen Debatte um akademische und wissenschaftliche Ehre ist mir eine Geschichte wieder in den Sinn gekommen, die sich vor einiger Zeit an meinem ehemaligen […]

  23. Jeff Kelly
    26. Februar 2011, 14:48

    @Lutz: „Gibt es in der ersten Riege der bundesdeutschen Politiker überhaupt einen, dem man so etwas nicht zutrauen würde? Ich stelle mal frech die Behauptung auf, dass jeder, der eine bestimmte politische Position erreicht hat, das auch mit ein wenig Lügen und Betrügen geschafft hat (überspitzt formuliert).“

    Vielleicht. Dieser Gedanke wäre aber genau so zynisch, wie die Haltung der Leute, die Doktortitel kaufen oder sich erschleichen, weil sie für die Karriere scheinbar erforderlich sind.

    Die kommen mit ihrer zynischen Haktung nur deswegen durch, weil es auf der Gegenseite genug Menschen gibt die genau so zynisch sind wie sie.

    Der Zyniker glaubt und erwartet nichts mehr, weshalb ihm aus einer Mischung von „alle Menschen sind schlecht“, „Mir egal“ und „ist ja nicht so schlimm, macht ja jeder“ heraus, keine Hemmungen mehr bleiben.

    Für mich ist der Zynismus eine der schlimmsten und destruktivesten Haltungen die mn einnehmen kann. „Die Geister die stets verneinen“ zersetzen jede soziale Struktur. Wäre Guttenberg nicht von lauter Zynikern umgeben und wären diie Wähler nicht schon längst genau so zynisch wie ihre Politiker, käme er damit nicht durch.

  24. Coffee And TV: » Der Ölprinz
    5. März 2011, 18:59

    […] zum Zwecke der schnellen Berufsqualifikation durchlaufen haben, wie erklärt man denen, was wissenschaftliche Ehre und Bildungsgedanken […]

  25. Coffee And TV: » Oh Gott, Herr Doktor
    25. Juni 2011, 20:12

    […] ist offensichtlich, was im Frühjahr eher verhalten geäußert wurde: Etwas ist faul im Staate Deutschland.1 Die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan […]