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Chips essen mit Heidi

Von Katharina, 16. Februar 2015 22:16

Nun startete also letzte Woche wieder „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM), und ich habe mich drauf gefreut. Mir gefällt diese bunte Glitzerwelt, die Ausflüge nach Amerika und in die ganze Welt, schöne Kleider, hübsche Frauen, tolles Make Up, das Umstyling, und selbst Heidi Klum in ihrer Professionalität und ihrer Arbeitsethik finde ich nicht so unsympathisch wie viele andere. Das schlechte Gewissen aber nagt an mir, denn ich frage mich, ob ich mich als Feministin bezeichnen kann und trotzdem Spaß an dieser Sendung haben darf, der ja von vielen unterstellt wird, die absolute Anti-Feminismus-Bewegung zu verkörpern?

Frauen werden zu Objekten, heißt es, und das sei nicht gut, denn sie würden reduziert auf ihre Körper, die sie den herrschenden, von Männerblicken geformten, Normen unterwerfen. Das kann man eigentlich als jemand, der selber eine Frau ist, nicht gut finden, und als sensibler Mann ebenfalls nicht.

Wenn ich nun sage: Aber ich FREUE mich doch für diese Frauen, die so wunderschön sind und sich geschmeidig bewegen und schöne Kleider tragen und von denen tolle Fotos gemacht werden, ich applaudiere ihnen — dann ist das aber immer noch Objektifizierung, und als solche abzulehnen.

Man könnte aber auch sagen: Ich freue mich für andere Frauen, wenn sie toll aussehen, aber dabei bleibe ich nicht stehen. Ich liebe es, wenn meine Freundinnen so viel Zeit für sich haben, dass sie sich die Fingernägel lackieren können oder einen neuen Lippenstift haben, wenn sie toll aussehen, aber dabei bleibt es dann ja nicht stehen. Ich sage ihnen, dass sie toll aussehen, neige aber immer dazu, das als Ausdruck einer inneren Verfassung zu sehen, nämlich, dass es ihnen gut geht. Und ich würde nicht auf die Idee kommen, es bei dieser Objektifizierung zu belassen, denn immer steht ein Mensch dahinter, dem es zu begegnen gilt. Und deswegen glaube ich, dass meine Begeisterung für GNTM nicht einer feministischen Haltung widerspricht.

Aber es gibt ein Problem bei GNTM, das mich wirklich ärgert und mich umtreibt, je älter ich werde und das sich, seit ich das Studium beendet habe und im Beruf stehe, zunehmend verschärft.

Ich arbeite als Lehrerin an einem Gymnasium und habe viele schlaue Schülerinnen und Schüler. Wenn ich sie zu GNTM befrage, geben sie an, die Sendung „schon lange“ nicht mehr zu schauen oder höchsten mal ab und zu, keine von meinen Schülerinnen im Leistungskurs zeigt eine Begeisterung für die Sendung, obwohl viele von ihnen daran teilnehmen könnten. Sie wollen aber keine Models werden, sondern Medizin studieren, Mathe und Jura, sie wollen Lehrer werden und Polizistinnen. Na bitte. Das ist natürlich nur ein winziger Mini-Ausschnitt der Gesamt-Realität, aber ich würde wetten, an vielen anderen Gymnasien im Land sieht es genau so aus. Model ist kein Traumberuf, die Sendung ist eine bunte Kulisse, ein Traumland, das wissen die Schülerinnen von heute. Es gilt, weiterhin darüber aufzuklären, aber es ist nicht das pädagogische Hauptproblem der Sendung.

Klassenfahrten sind immer eine gute Gelegenheit, die Schülerinnen und Schüler, die man vormittags unterrichtet, auch mal in anderen Situationen zu erleben, und so saß ich neulich zwischen zweien meiner schönsten und schlauesten 17jährigen Schülerinnen, die sich beim warmen Abendbrot jeweils nur die Gemüse-Beilagen hatten geben lassen. Auf Nachfrage sagte die eine sehr überzeugend: „Ich habe nicht so viel Hunger!“ und die andere, im Plauderton: „Wegen low carb — es ist doch besser, abends keine Kohlehydrate zu essen.“ Ich bin auf diesem Gebiet nicht besonders bewandert (aber das Konzept ist umstritten), aß schweigend meine Pommes weiter, während die beiden schon wieder über etwas ganz anderes redeten. Die Beiläufigkeit der Low-Carb-Bemerkung zeigte, dass das Thema unter den Schülern ganz normal und altbekannt ist, und die andere Schülerin entwickelte während der ganzen Fahrt keinen großen Hunger und blieb diszipliniert bei ihren Beilagen. Sogar abendliche Chips und Gummibärchen wurden nicht nur von den beiden Mädchen verschmäht, während sie mir Geschichten über eine andere, abwesende Lehrerin erzählten, die „auch“ auf Klassenfahrten immer ganz viele Chips äße (so wie ich).

Es sind sehr kluge junge Frauen, die im Sommer ihr Abitur machen, und sie sind mit einer Sendung wie GNTM groß geworden. 2006, als die erste Staffel lief, waren sie noch Kinder, für sie ist es Normalität, dass es eine Sendung gibt, in der explizit Schönheit, Erfolg und Schlanksein gleichgesetzt werden. Aber das gilt ja nicht nur für GNTM. Auch wenn die Schülerinnen überhaupt nicht Model werden wollen, wissen sie, dass es für eine erfolgreiche Karriere wichtig sein kann, auch optisch zu entsprechen. Dass man in die Standard-Konfektionsgrößen bei h&m passen muss, um eine echte Protagonistin zu sein, um eine Rolle im Leben zu spielen. Dickere Menschen kommen ja nicht nur bei GNTM nicht vor, sondern sind in den Medien generell unterrepräsentiert, und wenn, dann in den Rollen der lustigen Dicken, die man nicht ernst nehmen muss, und deren Gewicht auch meist als problematisch thematisiert wird. Und dann gibt es ja die sogenannten „Plus-Size-Models“ (zur Problematik des Begriffs siehe hier), die es dann sogar auf das Cover der „Sports Illustrated“ schaffen, was von der Zeitschrift selbst als großer Schritt verkauft, aber dann vom Model selbst als „lächerlich“ bezeichnet wird, weil sie nämlich nicht übergewichtig ist (welche Skala man dafür auch immer nehmen will).

Jetzt beginnt also wieder GNTM, es ist 20.39 Uhr und Heidi isst das erste Mal Döner im Bus. Man sieht sie zwei Mal abbeißen, das reicht schon, um subtil zu zeigen, dass sie ganz normal isst. Sieht man Heidi eigentlich auch mal beim Sport?
Eben lief Anabell, 16, durch ein Einkaufscenter, sie ist 1.83 Meter groß und hat ein unglaubliches Gesicht, sie ist gertenschlank, wie schön für sie, und sie trug eine tolle Kette, und ich fand sie SO. SCHÖN.

Heidi Klum fand sie auch schön. Das ist ihr Job.
Sie hat keinen explizit pädagogischen Auftrag, sie befragt nicht die Verhältnisse, auf die sie die Mädchen (scheinbar) vorbereiten will. Ja, die (privaten) Medien erziehen unsere Kinder mit, aber niemand hat sie damit beauftragt, eine Gesellschaft muss es aushalten, dass es eine Wertevielfalt gibt. Das bedeutet auch, dass es Werte gibt, die z.B. ich als Pädagogin nicht vertreten würde. Was Heidi Klum vermittelt, ist Anpassung an alle Anforderungen, und mögen sie noch so absurd sein.
Das ist nichts neues, aber meine Unzufriedenheit damit wächst. Meinetwegen spielt doch allen vor, dass das Modelbusiness aus spannenden Fotoshootings besteht, aus hübschen Klamotten, albernen Werbespots, Reisen um die Welt. Das kann alles Theater sein, das finde ich nicht schlimm (im Gegenteil), da muss Aufklärung geleistet werden, und die Schülerinnen, die ich kenne, sind darüber auch gut informiert.

Aber warum steht diese Welt nur den schlanken Größe 32 Frauen zur Verfügung? Unser Begriff von Schönheit steht in enger Beziehung zu dem, was uns immer und immer wieder als „schön“ verkauft wird. Heidi Klum steht jetzt da, wo sie niemand mehr stürzen kann, sie kann machen, was sie will.
Warum unter all den schönen Mädchen nicht mal eine mit Kleidergröße 38, Kleidergröße 40, für den Anfang, und dann darüber hinaus? Einfach mehrere nicht schlanke Mädchen in die Sendung einbauen und das vielleicht nicht mal thematisieren? Und dann essen alle zusammen Döner, Chips, Gummibärchen und Pommes und lachen über den ganzen Quatsch mit dem low carb, weil das Leben kurz ist und es wichtig ist, zu genießen. Zeigen, dass Körper nicht ständig gebändigt werden müssen und im Zaum gehalten durch das Essen von Beilagen, und dass satte und zufriedene Menschen sehr glücklich und damit auch sehr schön und damit auch erfolgreich sein können? (Ich hatte, was das angeht, große Hoffnungen in Guido Maria Kretschmars Sendung „Deutschlands schönste Frau“ gesetzt, die aber leider enttäuscht wurden, treffend dargestellt auf sueddeutsche.de.)

Eine Freundin von mir sagte, das würde niemand mehr sehen wollen, wenn auf einmal die Frauen im Fernsehen „echt“ wären. Zumindest für mich gilt das nicht. Ich will viele schöne Frauen im Fernsehen sehen, die nicht alle superschlank sind. Ich will nicht, dass mir und meinen Freundinnen und meinen Schülerinnen stets ein Schönheitsideal vorgesetzt wird, dem überhaupt nur 2% aller Menschen entsprechen können.
Ich will nicht, dass meine Schülerinnen sich über Konzepte wie „low carb“ unterhalten, denn das nimmt ihnen Zeit und gedankliche Kapazität, sich über anderes, wichtigeres Gedanken zu machen. Ich will nicht, dass sich völlig normale Schülerinnen als „zu fett“ bezeichnen, ich will auch nicht, dass ein übergewichtiges Mädchen sich aufgrund seiner Körperlichkeit als Mensch wertlos fühlt.

Aber dazu trägt Heidi Klums Sendung definitiv bei, aber ALLE ANDEREN SENDUNGEN AUCH. Ich möchte mehr Vielfalt der Körper in den Medien. Denn unsere Kinder werden auch durch die Medien erzogen, und es ist wichtig, ihnen auch hier zu zeigen, dass man auch ohne Größe 32 schöne Kleider tragen kann, glücklich sein kann, Karriere machen kann, lieben und geliebt werden kann, dass man die Protagonistin des eigenen Lebens sein kann.

Die Organisation „pink stinks“ (mit blödem Namen, aber den richtigen Zielen) hat sich genau das zur Aufgabe gemacht und tourt als erste Organisation ihrer Art durch die Schulen, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Sie werfen unter anderem folgende Fragen auf: „Warum zeigt die Werbung nur extrem schlanke Models? Warum protestieren wir nicht dagegen? Wer verdient an diesem unerreichbaren Ideal?“
und schreiben weiter: „Es ist verrückt, dass wir aufarbeiten müssen, was ProSieben verursacht.“ Aber es ist nicht nur Pro Sieben, es sind doch alle Sender, es sind die Frauenzeitschriften, die ihre Leserinnen heimlich hassen, es ist die Werbung, es sind wir selber.

Ich gucke weiter GNTM, ich liebe die Illusion, das Wunderland, das in der Sendung vorgegaukelt wird. Dafür darf man mich gerne blöd finden, ist mir egal.
Ich nehme mir nächsten Donnerstag eine Tüte Chips zur Hand und lackiere mir die Fingernägel und gehe freitags wieder in die Schule, wo ich den Schülerinnen nur vorleben kann, gegen Heidi Klum und die Gesellschaft, für die sie symbolisch steht, dass ich auch mit nicht-Größe-32 liebenswert und wertvoll und schlau bin.

Wäre ich optimistisch, könnte ich den Artikel damit beenden, dass ich sage, ich glaube, dass sich die Gesellschaft langsam zum besseren wandelt und dass wir auf halbem Weg seien. Immerhin ist die Debatte über dieses Thema ja angestoßen und wird geführt.
Wäre ich pessimistisch, würde ich sagen, dass sich zumindest bei GNTM nichts in dieser Hinsicht geändert hat und das auch nie passieren wird.

Aber ich möchte gerne optimistisch bleiben, und deswegen bleiben die Kommentare unter diesem Artikel auch geschlossen.

Menschenraub

Von Katharina, 21. Februar 2011 14:38

„Ein Plagiat (von lat. plagium, „Menschenraub“) ist das bewusste Aneignen fremder geistiger Leistungen.“(aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie)

„Was im wahren Leben der Mord, ist in der Wissenschaft das Plagiat!“, sagt der Dozent, für den ich vier Jahre lang an der Uni gearbeitet habe. Viele, viele Stunden meiner Tätigkeit als Studentische Hilfskraft habe ich damit zugebracht, verdutzt zu schauen, wenn ich Hausarbeiten oder Essays vorkorrigiert habe. Ob man Plagiate überhaupt erkennen könne, dachte ich. Vor vier Jahren stand ich relativ ratlos vor der Aufgabe, die mir zugeteilt wurde. „Vertrauen Sie auf ihr Gespür!“, wurde mir angeraten, und das war tatsächlich der beste Ratschlag in dieser Geschichte (wie in vielen anderen Geschichten übrigens auch). Das mit den Plagiaten verhielt sich nämlich so: Ein abgegebener Text holpert vor sich hin, und auf einmal wird er brillant. Huch? Google. Treffer.
Oder, wenn ich mich beleidigt fühlen sollte: Auf einmal änderten sich Schriftart oder gar Zeilenumbrüche. Flickarbeiten, Wikipedia-Zitate, hausarbeiten.de-Zitate; die Abgründe der Internetseiten, Seiten, die man nie besuchen würde, der wissenschaftliche Anspruch meistens mau, die Quellen, aus denen abgeschrieben wurde: kurios.

Den paar Malen, wenn ich Plagiate gefunden hatte und mich danach so schmutzig fühlte, dass ich mich am liebsten gehäutet hätte, folgten ernste Gespräche mit den Studierenden, geführt vom Dozenten selbst. Immer mit der Möglichkeit für die Studierenden, sich zu rechtfertigen, aber auch mit der Ansage, dass man diesen Fall auch an die Rechtsabteilung der Universität weiterleiten könne (was wir nie getan haben). Eben weil der Klau von Gedanken das schlimmste ist, was man in der Wissenschaft tun kann. Höchststrafe. Die Gespräche endeten immer mit Tränen auf Seiten der Studierenden, es folgte immer die Schilderung eines persönlichen Schicksals, das die Studierenden zum Plagiat getrieben hat. Auch hinter dem selbstherrlichsten, smartesten Grinsen steckten Tränen und Ratlosigkeit. Meistens war es Überforderung, die zum Plagiat getrieben hatte, das Gefühl, schlichtweg zu dumm zu sein für einen philosophischen Essay, das Gefühl, dass die eigenen Gedanken nicht ausreichten, dem Thema adäquat zu entsprechen. Und dann waren meistens noch Todesfälle und Krankheiten in der Familie aufgetreten, Scheidungen wurden angedroht und dergleichen mehr. All diese Fälle waren tragisch, all diese Fälle passieren täglich an der Universität.

Wenn nun in der Geschichte um Guttenberg abgewiegelt wird, dann empört mich das zunächst, weil ich in den letzten vier Jahren stets in die andere Richtung aufgewiegelt habe und dies für richtig hielt. Und natürlich ging es im Fall kleiner philosophischer Essays nicht um die Welt, meistens ja nicht mal um die Wahrheit, sondern um einen verdammten Schein. In Zeiten, in denen Erkenntnis durch Workload ersetzt wird, ist das Nachdenken den meisten nur lästig. Aber wenn dann ein Gespräch folgt, weil ein Plagiat gefunden wurde, dann wird den meisten auch klar, was ihnen an der Universität in dieser Zeit fehlt: Ein Sinn, warum sie ihre Zeit hier verbringen. Die meisten studieren, weil ihnen gesagt wird, dass es berufsqualifizierend ist, unter Berufsqualifizierung denken die meisten aber eher an Angebote, die (noch) eher an Berufsschulen und Volkhochschulen angeboten werden (deswegen auch die permanente Ersetzung des Wortes „Seminar“ durch „Kurs“ im Studenten-Jargon), es entsteht ein Loch der Sinnlosigkeit über die Zeit an der Universität, weil durch das viele Arbeiten auf 30 unterschiedlichen Baustellen keine Zeit bleibt, mal in Ruhe über ein Thema nachzudenken. Plagiate und Überforderung gab es schon immer, aber sie sind auch das, das durch die Ba/Ma-Reform befördert werden könnte.

Ich schreibe gerade meine Examensarbeit. Und ich weiß, wenn ich hier nicht Quellen korrekt angebe und dabei erwischt werde, dann kann ich mich nicht hinsetzen und weinen und sagen, dass ich mich überfordert fühle und dass es in meiner Familie einen Todesfall gab. Selbst wenn es zumindest im ersten Teil stimmten sollte: Natürlich fühle ich mich überfordert, natürlich habe ich beinahe jede Woche einen erneuten Quasi-Nervenzusammenbruch. So ist das Leben. Wenn ich bei einem Plagiat erwischt werde, folgt zumindest eine Nicht-Anerkennung meines Abschlusses, und, je nach Schwere der Tat, auch eine Strafanzeige, vielleicht die Unmöglichkeit der Verbeamtung. Das ist nicht der Hauptgrund, der gegen ein Plagiat spricht, aber von Ehre möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst reden.

In meinem Fall geht es nur um ein Staatsexamen. Wenn Guttenberg seinen Doktor behalten darf, obwohl sich jeder selber ein Bild vom Ausmaß der Abkupferei schon in der Einleitung seiner Diss machen kann, dann ist das ungefähr das ungerechteste, was mir in meiner Zeit an der Universität untergekommen ist.

Die Narben der Liebe

Von Katharina, 14. Februar 2011 16:25

Nothing compares,
no worries or cares,
regrets and mistakes
they’re memories made.
Who would have known how bittersweet this would taste?

(Adele – Someone Like You)

Musikalisch machen ja gerade zwei Frauen besonders von sich reden: Einmal Lady GaGa, die letzten Freitag mit viel Bums und Rums ihre neue Single „Born This Way“ veröffentlichte, inklusive Countdown und selbst ausgerufenem (nordamerikanischen) Nationalfeiertag (#bornthiswayfriday), die sich am folgenden Sonntag in einem riesigen Plastik-Ei bei den Grammys über den roten Teppich tragen ließ — und Adele. Beide überaus erfolgreich in den Charts der westlichen Welt, verdrängt nun die eine die andere von der Nummer eins der meistverkauftesten Singles. Und doch könnten sie verschiedener nicht sein: Während Lady GaGa ihre Profession über alles stellt und Fleiß und Disziplin als Weg zum Erfolg ernennt, Authentizität predigt und einfordert und den amerikanischen Traum ein weiteres Mal bewirbt, scheint Adele zumindest zeitweise ganz anderen Prinzipien zu folgen. 2008 sagte sie kurzerhand ihre komplette Tour durch Nordamerika ab. Grund: Liebeskummer. Das wäre Lady GaGa nicht passiert.

„I was drinking far too much and that was kind of the basis of my relationship with this boy. I couldn’t bear to be without him, so I was like, ‚Well, OK, I’ll just cancel my stuff then.'“ Das ist natürlich alles andere als professionell und besonders gesund klingt es auch nicht, aber erstens war Adele zu der Zeit erst 20 und zweitens haben Menschen mit Gitarren und musikalischem Talent einen unbestrittenen Vorteil, wenn es ihnen schlecht geht: Um zu heilen, können sie das Leid in ein Lied kreativ nutzen. Und während Adeles erstes Album 19 irgendwie ganz nett war, ist 21, der Nachfolger, der momentan so überaus erfolgreich ist, ein episches Album, thematisch komplett auf die zerstörerische Beziehung gerichtet, und reiht sich ganz geschmeidig in eine Reihe klassischer Trennungsalben ein, soll heißen: Im Rückblick werden alle Phasen noch mal durchlebt. Die erste Verliebtheit, die schönen Momente, das Ewigkeitsgefühl. Dann die ersten Risse, Unstimmigkeiten, die erste Trennung, die Versöhnung, die Zweifel dabei, dann das zweite Ende (diesmal aber wirklich!), eine selbstauferlegte Kontaktsperre, und dann, ganz bitter: Die Nachricht, dass der immer noch geliebte Mensch in einer neuen Beziehung ist und, in Adeles Fall, sogar heiratet.

Es ist eine alte Geschichte, doch immer wieder neu. Brauchen Menschen so was? Unbedingt.

Wir leben in weltkriegslosen Zeiten, in ereignislosen Zeiten, Ägypten hin oder her. Max Goldt machte diesen Zustand einst für den Jungmännerzynismus verantwortlich, für verhärtete Herzen, zur Biografielosigkeit verdammt. Das einzige, was den meist betäubten Menschen dieser Zeiten wirklich aufbricht und verändern kann, ist oft ein ordentlicher Liebeskummer, der alle sicher geglaubten Überzeugungen raubt und alles neu denken lässt. Ist das melodramatisch? Aber sicher. Nur: Was sollte man 2011 sonst wohl tun? Adele hat, davon ist auszugehen, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen, ist also in der Position, sich ordentlich in das Leid zu begeben und zu fühlen, was es zu fühlen gibt. Textlich hat sie sich nicht reinreden lassen, musikalisch jedoch war sie beraten von Rick Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chili Peppers) und Paul Epworth (Plan B, Bloc Party) – das Ergebnis ist ein Album, das nebenher beim Bügeln laufen kann, textlich und musikalisch aber so groß ist, dass es als permanenter Lebensbegleiter taugt. Denn Adele hat was zu sagen.

Alle Phasen einer Trennung werden hier durchlebt: „Rollin‘ In The Deep“, die erste Single und aktuell noch Platz1 der deutschen Charts (bevor es nächste Woche von „Born This Way“ der fleißigen, authentischen, pflichtbewussten Lady GaGa verdrängt werden wird), ist in bester Alanis Morissette-Tradition sehr klar und zornig an den ehemals Geliebten gerichtet: „We could have had it all!“, aber anders als Alanis im Trennungsklassiker „You Oughta Know“, verweist Adele auf ihre Wunden, auf ihre Verletzungen, die Narben, die die Liebe hinterlassen hat – es ist Krieg, der ganz persönliche Weltkrieg. Sympathischerweise ist das Album dann auch thematisch nicht in klassische Trennungsphasen aufgeteilt, sondern schwankt von Lied zu Lied zu unterschiedlichsten, widersprüchlichsten Gefühlen – von Wut zu tiefster Trauer, zum Leugnen, zur Kultivierung der schönen Gefühlen, vom Selbsthass zur Selbstüberhöhung – gleich der zweite Track „Rumour Has It“ kommt mit einem Grundton daher, der an das Fallen von Bomben erinnert, Einschläge der Wortfetzen, die man so hört: Ich hab gehört, du liebst sie nicht mehr, verlässt sie für mich, aber haha, ich verlasse dich für ihn!

Und so geht es weiter, es wird geschluchzt und geklagt: Erinnerst du dich nicht mehr an unsere Liebe, warum du mich mal geliebt hast? („Don’t You Remember?“), wenn du gehst, dann nimmst du mich mit, dann bin gar nichts mehr („Take It All“), und so weiter. Der Höhepunkt des Album ist aber der letzte reguläre Track: „Someone Like You“, der das scheinbar endgültige Ergebnis des hin und her markiert: Der geliebte Mensch ist nun verheiratet, und es bleibt nur, ihm und der neuen Frau das allerbeste für die Zukunft zu wünschen, wenn man nicht das Gesicht verlieren will. Der Zurückgebliebenen bleibt nur das Beharren auf den eigenen Schmerz, das Zurückgewinnen der Souveränität durch das Ausrichten der besten Glückwünsche. Die Bitte, nicht vergessen zu werden, ist natürlich fürchterlich unemanzipiert und gipfelt im Trost, das man jemanden finden wird, der dem Geliebten ähnlich ist — anstatt den Kopf zu heben und zu sagen: Nee, der nächste wird sehr anders als du! Aber Liebeskummer folgt keiner Logik. Es kommt immer alles ganz überraschend und es ist immer wieder neu. Denn wer hätte je gedacht, dass das alles so bittersüß endet?

Hinzu kommt, dass Adele eine fantastische Sängerin ist, ein Beweisvideo sei hier zum Schluss eingefügt. Bitte leiden Sie mit Adele und werden ein besserer Mensch.