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Rundfunk Gesellschaft

Chips essen mit Heidi

Nun startete also letzte Woche wieder “Germany’s Next Topmodel” (GNTM), und ich habe mich drauf gefreut. Mir gefällt diese bunte Glitzerwelt, die Ausflüge nach Amerika und in die ganze Welt, schöne Kleider, hübsche Frauen, tolles Make Up, das Umstyling, und selbst Heidi Klum in ihrer Professionalität und ihrer Arbeitsethik finde ich nicht so unsympathisch wie viele andere. Das schlechte Gewissen aber nagt an mir, denn ich frage mich, ob ich mich als Feministin bezeichnen kann und trotzdem Spaß an dieser Sendung haben darf, der ja von vielen unterstellt wird, die absolute Anti-Feminismus-Bewegung zu verkörpern?

Frauen werden zu Objekten, heißt es, und das sei nicht gut, denn sie würden reduziert auf ihre Körper, die sie den herrschenden, von Männerblicken geformten, Normen unterwerfen. Das kann man eigentlich als jemand, der selber eine Frau ist, nicht gut finden, und als sensibler Mann ebenfalls nicht.

Wenn ich nun sage: Aber ich FREUE mich doch für diese Frauen, die so wunderschön sind und sich geschmeidig bewegen und schöne Kleider tragen und von denen tolle Fotos gemacht werden, ich applaudiere ihnen — dann ist das aber immer noch Objektifizierung, und als solche abzulehnen.

Man könnte aber auch sagen: Ich freue mich für andere Frauen, wenn sie toll aussehen, aber dabei bleibe ich nicht stehen. Ich liebe es, wenn meine Freundinnen so viel Zeit für sich haben, dass sie sich die Fingernägel lackieren können oder einen neuen Lippenstift haben, wenn sie toll aussehen, aber dabei bleibt es dann ja nicht stehen. Ich sage ihnen, dass sie toll aussehen, neige aber immer dazu, das als Ausdruck einer inneren Verfassung zu sehen, nämlich, dass es ihnen gut geht. Und ich würde nicht auf die Idee kommen, es bei dieser Objektifizierung zu belassen, denn immer steht ein Mensch dahinter, dem es zu begegnen gilt. Und deswegen glaube ich, dass meine Begeisterung für GNTM nicht einer feministischen Haltung widerspricht.

Aber es gibt ein Problem bei GNTM, das mich wirklich ärgert und mich umtreibt, je älter ich werde und das sich, seit ich das Studium beendet habe und im Beruf stehe, zunehmend verschärft.

Ich arbeite als Lehrerin an einem Gymnasium und habe viele schlaue Schülerinnen und Schüler. Wenn ich sie zu GNTM befrage, geben sie an, die Sendung “schon lange” nicht mehr zu schauen oder höchsten mal ab und zu, keine von meinen Schülerinnen im Leistungskurs zeigt eine Begeisterung für die Sendung, obwohl viele von ihnen daran teilnehmen könnten. Sie wollen aber keine Models werden, sondern Medizin studieren, Mathe und Jura, sie wollen Lehrer werden und Polizistinnen. Na bitte. Das ist natürlich nur ein winziger Mini-Ausschnitt der Gesamt-Realität, aber ich würde wetten, an vielen anderen Gymnasien im Land sieht es genau so aus. Model ist kein Traumberuf, die Sendung ist eine bunte Kulisse, ein Traumland, das wissen die Schülerinnen von heute. Es gilt, weiterhin darüber aufzuklären, aber es ist nicht das pädagogische Hauptproblem der Sendung.

Klassenfahrten sind immer eine gute Gelegenheit, die Schülerinnen und Schüler, die man vormittags unterrichtet, auch mal in anderen Situationen zu erleben, und so saß ich neulich zwischen zweien meiner schönsten und schlauesten 17jährigen Schülerinnen, die sich beim warmen Abendbrot jeweils nur die Gemüse-Beilagen hatten geben lassen. Auf Nachfrage sagte die eine sehr überzeugend: “Ich habe nicht so viel Hunger!” und die andere, im Plauderton: “Wegen low carb — es ist doch besser, abends keine Kohlehydrate zu essen.” Ich bin auf diesem Gebiet nicht besonders bewandert (aber das Konzept ist umstritten), aß schweigend meine Pommes weiter, während die beiden schon wieder über etwas ganz anderes redeten. Die Beiläufigkeit der Low-Carb-Bemerkung zeigte, dass das Thema unter den Schülern ganz normal und altbekannt ist, und die andere Schülerin entwickelte während der ganzen Fahrt keinen großen Hunger und blieb diszipliniert bei ihren Beilagen. Sogar abendliche Chips und Gummibärchen wurden nicht nur von den beiden Mädchen verschmäht, während sie mir Geschichten über eine andere, abwesende Lehrerin erzählten, die „auch“ auf Klassenfahrten immer ganz viele Chips äße (so wie ich).

Es sind sehr kluge junge Frauen, die im Sommer ihr Abitur machen, und sie sind mit einer Sendung wie GNTM groß geworden. 2006, als die erste Staffel lief, waren sie noch Kinder, für sie ist es Normalität, dass es eine Sendung gibt, in der explizit Schönheit, Erfolg und Schlanksein gleichgesetzt werden. Aber das gilt ja nicht nur für GNTM. Auch wenn die Schülerinnen überhaupt nicht Model werden wollen, wissen sie, dass es für eine erfolgreiche Karriere wichtig sein kann, auch optisch zu entsprechen. Dass man in die Standard-Konfektionsgrößen bei h&m passen muss, um eine echte Protagonistin zu sein, um eine Rolle im Leben zu spielen. Dickere Menschen kommen ja nicht nur bei GNTM nicht vor, sondern sind in den Medien generell unterrepräsentiert, und wenn, dann in den Rollen der lustigen Dicken, die man nicht ernst nehmen muss, und deren Gewicht auch meist als problematisch thematisiert wird. Und dann gibt es ja die sogenannten “Plus-Size-Models” (zur Problematik des Begriffs siehe hier), die es dann sogar auf das Cover der “Sports Illustrated” schaffen, was von der Zeitschrift selbst als großer Schritt verkauft, aber dann vom Model selbst als “lächerlich” bezeichnet wird, weil sie nämlich nicht übergewichtig ist (welche Skala man dafür auch immer nehmen will).

Jetzt beginnt also wieder GNTM, es ist 20.39 Uhr und Heidi isst das erste Mal Döner im Bus. Man sieht sie zwei Mal abbeißen, das reicht schon, um subtil zu zeigen, dass sie ganz normal isst. Sieht man Heidi eigentlich auch mal beim Sport?
Eben lief Anabell, 16, durch ein Einkaufscenter, sie ist 1.83 Meter groß und hat ein unglaubliches Gesicht, sie ist gertenschlank, wie schön für sie, und sie trug eine tolle Kette, und ich fand sie SO. SCHÖN.

Heidi Klum fand sie auch schön. Das ist ihr Job.
Sie hat keinen explizit pädagogischen Auftrag, sie befragt nicht die Verhältnisse, auf die sie die Mädchen (scheinbar) vorbereiten will. Ja, die (privaten) Medien erziehen unsere Kinder mit, aber niemand hat sie damit beauftragt, eine Gesellschaft muss es aushalten, dass es eine Wertevielfalt gibt. Das bedeutet auch, dass es Werte gibt, die z.B. ich als Pädagogin nicht vertreten würde. Was Heidi Klum vermittelt, ist Anpassung an alle Anforderungen, und mögen sie noch so absurd sein.
Das ist nichts neues, aber meine Unzufriedenheit damit wächst. Meinetwegen spielt doch allen vor, dass das Modelbusiness aus spannenden Fotoshootings besteht, aus hübschen Klamotten, albernen Werbespots, Reisen um die Welt. Das kann alles Theater sein, das finde ich nicht schlimm (im Gegenteil), da muss Aufklärung geleistet werden, und die Schülerinnen, die ich kenne, sind darüber auch gut informiert.

Aber warum steht diese Welt nur den schlanken Größe 32 Frauen zur Verfügung? Unser Begriff von Schönheit steht in enger Beziehung zu dem, was uns immer und immer wieder als “schön” verkauft wird. Heidi Klum steht jetzt da, wo sie niemand mehr stürzen kann, sie kann machen, was sie will.
Warum unter all den schönen Mädchen nicht mal eine mit Kleidergröße 38, Kleidergröße 40, für den Anfang, und dann darüber hinaus? Einfach mehrere nicht schlanke Mädchen in die Sendung einbauen und das vielleicht nicht mal thematisieren? Und dann essen alle zusammen Döner, Chips, Gummibärchen und Pommes und lachen über den ganzen Quatsch mit dem low carb, weil das Leben kurz ist und es wichtig ist, zu genießen. Zeigen, dass Körper nicht ständig gebändigt werden müssen und im Zaum gehalten durch das Essen von Beilagen, und dass satte und zufriedene Menschen sehr glücklich und damit auch sehr schön und damit auch erfolgreich sein können? (Ich hatte, was das angeht, große Hoffnungen in Guido Maria Kretschmars Sendung “Deutschlands schönste Frau” gesetzt, die aber leider enttäuscht wurden, treffend dargestellt auf sueddeutsche.de.)

Eine Freundin von mir sagte, das würde niemand mehr sehen wollen, wenn auf einmal die Frauen im Fernsehen “echt” wären. Zumindest für mich gilt das nicht. Ich will viele schöne Frauen im Fernsehen sehen, die nicht alle superschlank sind. Ich will nicht, dass mir und meinen Freundinnen und meinen Schülerinnen stets ein Schönheitsideal vorgesetzt wird, dem überhaupt nur 2% aller Menschen entsprechen können.
Ich will nicht, dass meine Schülerinnen sich über Konzepte wie “low carb” unterhalten, denn das nimmt ihnen Zeit und gedankliche Kapazität, sich über anderes, wichtigeres Gedanken zu machen. Ich will nicht, dass sich völlig normale Schülerinnen als “zu fett” bezeichnen, ich will auch nicht, dass ein übergewichtiges Mädchen sich aufgrund seiner Körperlichkeit als Mensch wertlos fühlt.

Aber dazu trägt Heidi Klums Sendung definitiv bei, aber ALLE ANDEREN SENDUNGEN AUCH. Ich möchte mehr Vielfalt der Körper in den Medien. Denn unsere Kinder werden auch durch die Medien erzogen, und es ist wichtig, ihnen auch hier zu zeigen, dass man auch ohne Größe 32 schöne Kleider tragen kann, glücklich sein kann, Karriere machen kann, lieben und geliebt werden kann, dass man die Protagonistin des eigenen Lebens sein kann.

Die Organisation “pink stinks” (mit blödem Namen, aber den richtigen Zielen) hat sich genau das zur Aufgabe gemacht und tourt als erste Organisation ihrer Art durch die Schulen, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Sie werfen unter anderem folgende Fragen auf: “Warum zeigt die Werbung nur extrem schlanke Models? Warum protestieren wir nicht dagegen? Wer verdient an diesem unerreichbaren Ideal?”
und schreiben weiter: “Es ist verrückt, dass wir aufarbeiten müssen, was ProSieben verursacht.” Aber es ist nicht nur Pro Sieben, es sind doch alle Sender, es sind die Frauenzeitschriften, die ihre Leserinnen heimlich hassen, es ist die Werbung, es sind wir selber.

Ich gucke weiter GNTM, ich liebe die Illusion, das Wunderland, das in der Sendung vorgegaukelt wird. Dafür darf man mich gerne blöd finden, ist mir egal.
Ich nehme mir nächsten Donnerstag eine Tüte Chips zur Hand und lackiere mir die Fingernägel und gehe freitags wieder in die Schule, wo ich den Schülerinnen nur vorleben kann, gegen Heidi Klum und die Gesellschaft, für die sie symbolisch steht, dass ich auch mit nicht-Größe-32 liebenswert und wertvoll und schlau bin.

Wäre ich optimistisch, könnte ich den Artikel damit beenden, dass ich sage, ich glaube, dass sich die Gesellschaft langsam zum besseren wandelt und dass wir auf halbem Weg seien. Immerhin ist die Debatte über dieses Thema ja angestoßen und wird geführt.
Wäre ich pessimistisch, würde ich sagen, dass sich zumindest bei GNTM nichts in dieser Hinsicht geändert hat und das auch nie passieren wird.

Aber ich möchte gerne optimistisch bleiben, und deswegen bleiben die Kommentare unter diesem Artikel auch geschlossen.

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Klickbefehl (20)

Anatol Stefanowitsch wollte für seine Töchter Legofiguren kaufen und stellte dabei fest, dass die fast alle Männchen sind. Das stimmt ihn nachdenklich:

Ich bin ein großer Lego-Fan, aber als Vater von zwei Mädchen, die im Leben alles erreichen können sollen, was sie sich vornehmen, hat mich das schockiert. Es hat mich an die unzähligen Kinderbücher erinnert, deren Sexismus ich beim Vorlesen stillschweigend herauseditiert habe: die Geschichte vom mutigen kleinen Fuchsjungen, der interessiert die Welt erkundet, während seine Schwestern lieber bei der Mutter bleiben (er wurde bei mir ein mutiges kleines Fuchsmädchen), die Geschichte von den Kindern aus der Krachmacherstraße, die mit der Bahn in den Urlaub fahren, weil „Mama natürlich nicht autofahren kann“ (sie wurde bei mir zur umweltbewussten BahnCard-Besitzerin), […] .

Der ganze großartige Artikel, nach dessen Lektüre man sich fragt, in was für einem veralteten Weltbild Mädchen eigentlich heutzutage immer noch aufwachsen sollen, steht im Bremer Sprachblog.