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Chips essen mit Heidi

Nun startete also letzte Woche wieder “Germany’s Next Topmodel” (GNTM), und ich habe mich drauf gefreut. Mir gefällt diese bunte Glitzerwelt, die Ausflüge nach Amerika und in die ganze Welt, schöne Kleider, hübsche Frauen, tolles Make Up, das Umstyling, und selbst Heidi Klum in ihrer Professionalität und ihrer Arbeitsethik finde ich nicht so unsympathisch wie viele andere. Das schlechte Gewissen aber nagt an mir, denn ich frage mich, ob ich mich als Feministin bezeichnen kann und trotzdem Spaß an dieser Sendung haben darf, der ja von vielen unterstellt wird, die absolute Anti-Feminismus-Bewegung zu verkörpern?

Frauen werden zu Objekten, heißt es, und das sei nicht gut, denn sie würden reduziert auf ihre Körper, die sie den herrschenden, von Männerblicken geformten, Normen unterwerfen. Das kann man eigentlich als jemand, der selber eine Frau ist, nicht gut finden, und als sensibler Mann ebenfalls nicht.

Wenn ich nun sage: Aber ich FREUE mich doch für diese Frauen, die so wunderschön sind und sich geschmeidig bewegen und schöne Kleider tragen und von denen tolle Fotos gemacht werden, ich applaudiere ihnen — dann ist das aber immer noch Objektifizierung, und als solche abzulehnen.

Man könnte aber auch sagen: Ich freue mich für andere Frauen, wenn sie toll aussehen, aber dabei bleibe ich nicht stehen. Ich liebe es, wenn meine Freundinnen so viel Zeit für sich haben, dass sie sich die Fingernägel lackieren können oder einen neuen Lippenstift haben, wenn sie toll aussehen, aber dabei bleibt es dann ja nicht stehen. Ich sage ihnen, dass sie toll aussehen, neige aber immer dazu, das als Ausdruck einer inneren Verfassung zu sehen, nämlich, dass es ihnen gut geht. Und ich würde nicht auf die Idee kommen, es bei dieser Objektifizierung zu belassen, denn immer steht ein Mensch dahinter, dem es zu begegnen gilt. Und deswegen glaube ich, dass meine Begeisterung für GNTM nicht einer feministischen Haltung widerspricht.

Aber es gibt ein Problem bei GNTM, das mich wirklich ärgert und mich umtreibt, je älter ich werde und das sich, seit ich das Studium beendet habe und im Beruf stehe, zunehmend verschärft.

Ich arbeite als Lehrerin an einem Gymnasium und habe viele schlaue Schülerinnen und Schüler. Wenn ich sie zu GNTM befrage, geben sie an, die Sendung “schon lange” nicht mehr zu schauen oder höchsten mal ab und zu, keine von meinen Schülerinnen im Leistungskurs zeigt eine Begeisterung für die Sendung, obwohl viele von ihnen daran teilnehmen könnten. Sie wollen aber keine Models werden, sondern Medizin studieren, Mathe und Jura, sie wollen Lehrer werden und Polizistinnen. Na bitte. Das ist natürlich nur ein winziger Mini-Ausschnitt der Gesamt-Realität, aber ich würde wetten, an vielen anderen Gymnasien im Land sieht es genau so aus. Model ist kein Traumberuf, die Sendung ist eine bunte Kulisse, ein Traumland, das wissen die Schülerinnen von heute. Es gilt, weiterhin darüber aufzuklären, aber es ist nicht das pädagogische Hauptproblem der Sendung.

Klassenfahrten sind immer eine gute Gelegenheit, die Schülerinnen und Schüler, die man vormittags unterrichtet, auch mal in anderen Situationen zu erleben, und so saß ich neulich zwischen zweien meiner schönsten und schlauesten 17jährigen Schülerinnen, die sich beim warmen Abendbrot jeweils nur die Gemüse-Beilagen hatten geben lassen. Auf Nachfrage sagte die eine sehr überzeugend: “Ich habe nicht so viel Hunger!” und die andere, im Plauderton: “Wegen low carb — es ist doch besser, abends keine Kohlehydrate zu essen.” Ich bin auf diesem Gebiet nicht besonders bewandert (aber das Konzept ist umstritten), aß schweigend meine Pommes weiter, während die beiden schon wieder über etwas ganz anderes redeten. Die Beiläufigkeit der Low-Carb-Bemerkung zeigte, dass das Thema unter den Schülern ganz normal und altbekannt ist, und die andere Schülerin entwickelte während der ganzen Fahrt keinen großen Hunger und blieb diszipliniert bei ihren Beilagen. Sogar abendliche Chips und Gummibärchen wurden nicht nur von den beiden Mädchen verschmäht, während sie mir Geschichten über eine andere, abwesende Lehrerin erzählten, die „auch“ auf Klassenfahrten immer ganz viele Chips äße (so wie ich).

Es sind sehr kluge junge Frauen, die im Sommer ihr Abitur machen, und sie sind mit einer Sendung wie GNTM groß geworden. 2006, als die erste Staffel lief, waren sie noch Kinder, für sie ist es Normalität, dass es eine Sendung gibt, in der explizit Schönheit, Erfolg und Schlanksein gleichgesetzt werden. Aber das gilt ja nicht nur für GNTM. Auch wenn die Schülerinnen überhaupt nicht Model werden wollen, wissen sie, dass es für eine erfolgreiche Karriere wichtig sein kann, auch optisch zu entsprechen. Dass man in die Standard-Konfektionsgrößen bei h&m passen muss, um eine echte Protagonistin zu sein, um eine Rolle im Leben zu spielen. Dickere Menschen kommen ja nicht nur bei GNTM nicht vor, sondern sind in den Medien generell unterrepräsentiert, und wenn, dann in den Rollen der lustigen Dicken, die man nicht ernst nehmen muss, und deren Gewicht auch meist als problematisch thematisiert wird. Und dann gibt es ja die sogenannten “Plus-Size-Models” (zur Problematik des Begriffs siehe hier), die es dann sogar auf das Cover der “Sports Illustrated” schaffen, was von der Zeitschrift selbst als großer Schritt verkauft, aber dann vom Model selbst als “lächerlich” bezeichnet wird, weil sie nämlich nicht übergewichtig ist (welche Skala man dafür auch immer nehmen will).

Jetzt beginnt also wieder GNTM, es ist 20.39 Uhr und Heidi isst das erste Mal Döner im Bus. Man sieht sie zwei Mal abbeißen, das reicht schon, um subtil zu zeigen, dass sie ganz normal isst. Sieht man Heidi eigentlich auch mal beim Sport?
Eben lief Anabell, 16, durch ein Einkaufscenter, sie ist 1.83 Meter groß und hat ein unglaubliches Gesicht, sie ist gertenschlank, wie schön für sie, und sie trug eine tolle Kette, und ich fand sie SO. SCHÖN.

Heidi Klum fand sie auch schön. Das ist ihr Job.
Sie hat keinen explizit pädagogischen Auftrag, sie befragt nicht die Verhältnisse, auf die sie die Mädchen (scheinbar) vorbereiten will. Ja, die (privaten) Medien erziehen unsere Kinder mit, aber niemand hat sie damit beauftragt, eine Gesellschaft muss es aushalten, dass es eine Wertevielfalt gibt. Das bedeutet auch, dass es Werte gibt, die z.B. ich als Pädagogin nicht vertreten würde. Was Heidi Klum vermittelt, ist Anpassung an alle Anforderungen, und mögen sie noch so absurd sein.
Das ist nichts neues, aber meine Unzufriedenheit damit wächst. Meinetwegen spielt doch allen vor, dass das Modelbusiness aus spannenden Fotoshootings besteht, aus hübschen Klamotten, albernen Werbespots, Reisen um die Welt. Das kann alles Theater sein, das finde ich nicht schlimm (im Gegenteil), da muss Aufklärung geleistet werden, und die Schülerinnen, die ich kenne, sind darüber auch gut informiert.

Aber warum steht diese Welt nur den schlanken Größe 32 Frauen zur Verfügung? Unser Begriff von Schönheit steht in enger Beziehung zu dem, was uns immer und immer wieder als “schön” verkauft wird. Heidi Klum steht jetzt da, wo sie niemand mehr stürzen kann, sie kann machen, was sie will.
Warum unter all den schönen Mädchen nicht mal eine mit Kleidergröße 38, Kleidergröße 40, für den Anfang, und dann darüber hinaus? Einfach mehrere nicht schlanke Mädchen in die Sendung einbauen und das vielleicht nicht mal thematisieren? Und dann essen alle zusammen Döner, Chips, Gummibärchen und Pommes und lachen über den ganzen Quatsch mit dem low carb, weil das Leben kurz ist und es wichtig ist, zu genießen. Zeigen, dass Körper nicht ständig gebändigt werden müssen und im Zaum gehalten durch das Essen von Beilagen, und dass satte und zufriedene Menschen sehr glücklich und damit auch sehr schön und damit auch erfolgreich sein können? (Ich hatte, was das angeht, große Hoffnungen in Guido Maria Kretschmars Sendung “Deutschlands schönste Frau” gesetzt, die aber leider enttäuscht wurden, treffend dargestellt auf sueddeutsche.de.)

Eine Freundin von mir sagte, das würde niemand mehr sehen wollen, wenn auf einmal die Frauen im Fernsehen “echt” wären. Zumindest für mich gilt das nicht. Ich will viele schöne Frauen im Fernsehen sehen, die nicht alle superschlank sind. Ich will nicht, dass mir und meinen Freundinnen und meinen Schülerinnen stets ein Schönheitsideal vorgesetzt wird, dem überhaupt nur 2% aller Menschen entsprechen können.
Ich will nicht, dass meine Schülerinnen sich über Konzepte wie “low carb” unterhalten, denn das nimmt ihnen Zeit und gedankliche Kapazität, sich über anderes, wichtigeres Gedanken zu machen. Ich will nicht, dass sich völlig normale Schülerinnen als “zu fett” bezeichnen, ich will auch nicht, dass ein übergewichtiges Mädchen sich aufgrund seiner Körperlichkeit als Mensch wertlos fühlt.

Aber dazu trägt Heidi Klums Sendung definitiv bei, aber ALLE ANDEREN SENDUNGEN AUCH. Ich möchte mehr Vielfalt der Körper in den Medien. Denn unsere Kinder werden auch durch die Medien erzogen, und es ist wichtig, ihnen auch hier zu zeigen, dass man auch ohne Größe 32 schöne Kleider tragen kann, glücklich sein kann, Karriere machen kann, lieben und geliebt werden kann, dass man die Protagonistin des eigenen Lebens sein kann.

Die Organisation “pink stinks” (mit blödem Namen, aber den richtigen Zielen) hat sich genau das zur Aufgabe gemacht und tourt als erste Organisation ihrer Art durch die Schulen, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Sie werfen unter anderem folgende Fragen auf: “Warum zeigt die Werbung nur extrem schlanke Models? Warum protestieren wir nicht dagegen? Wer verdient an diesem unerreichbaren Ideal?”
und schreiben weiter: “Es ist verrückt, dass wir aufarbeiten müssen, was ProSieben verursacht.” Aber es ist nicht nur Pro Sieben, es sind doch alle Sender, es sind die Frauenzeitschriften, die ihre Leserinnen heimlich hassen, es ist die Werbung, es sind wir selber.

Ich gucke weiter GNTM, ich liebe die Illusion, das Wunderland, das in der Sendung vorgegaukelt wird. Dafür darf man mich gerne blöd finden, ist mir egal.
Ich nehme mir nächsten Donnerstag eine Tüte Chips zur Hand und lackiere mir die Fingernägel und gehe freitags wieder in die Schule, wo ich den Schülerinnen nur vorleben kann, gegen Heidi Klum und die Gesellschaft, für die sie symbolisch steht, dass ich auch mit nicht-Größe-32 liebenswert und wertvoll und schlau bin.

Wäre ich optimistisch, könnte ich den Artikel damit beenden, dass ich sage, ich glaube, dass sich die Gesellschaft langsam zum besseren wandelt und dass wir auf halbem Weg seien. Immerhin ist die Debatte über dieses Thema ja angestoßen und wird geführt.
Wäre ich pessimistisch, würde ich sagen, dass sich zumindest bei GNTM nichts in dieser Hinsicht geändert hat und das auch nie passieren wird.

Aber ich möchte gerne optimistisch bleiben, und deswegen bleiben die Kommentare unter diesem Artikel auch geschlossen.

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Auf der Straße zur Ironie-Hölle

“Irony is over. Bye bye.”
(Pulp – The Day After The Revolution)

In der “Zeit” von letzter Woche beschreibt Nina Pauer zwei postmoderne Phänomene: das der Fremdscham und der Ironie. Anhand von Casting- und Kuppelshows, von “Bad Taste”-Partys und “Bravo Hits” verhandelt sie das Zelebrieren von Dingen, die man eigentlich verabscheut. Die Überschrift “Wenn Ironie zum Zwang wird” verknappt den sehr lesenswerten Artikel leider etwas, denn tatsächlich geht es hier um zwei Phänomene mit ähnlichen Symptomen und einer gewissen Schnittmenge.

Da sind zum einen die Fernsehshows, die ähnlich funktionieren wie der sprichwörtliche Autounfall: Sie ziehen ihre Faszination aus dem “Grauen”, dessen sich der Zuschauer nicht erwehren kann. Castingshows möchte ich mal ausklammern, die sehe ich nicht (mehr). Viele werden offenbar von zutiefst verbitterten Zynikern verantwortet, die im Leben nicht die Eier hätten, sich vor drei Leute (geschweige denn eine Fernsehkamera) zu stellen, um ein Lied zu singen. Ihnen sollen die Fußnägel einwachsen und die Haare ausfallen. ((Außer in den Ohren und den Nasenlöchern, da soll es wuchern wie im Amazonasgebiet.)) Die Partnersuchen bei “Bauer sucht Frau” oder “Schwiegertochter gesucht” mögen ähnlich zynisch produziert sein, lassen meines Erachtens aber auch Raum für mehr.

Wenn sich heute Menschen auf der Couch oder im Internet versammeln, um gemeinsam “Bauer sucht Frau” zu schauen (und vor allem zu besprechen), dann machen sie dabei Dinge, die Menschen seit Jahrtausenden tun: So hoffen sie auf den kathartischen Effekt von “Jammer und Schauder”, den schon Aristoteles in seiner “Poetik” beschrieben hat — nur, dass sich Aristoteles unter “Jammer und Schauder” etwas anderes vorgestellt hat als gelbe Pullover und Zungenwurstbrote. Auch war es in früheren Jahrhunderten ein beliebter Zeitvertreib der Oberschicht, sich die Leute, die in einem damals so genannten “Irrenhaus” einsaßen, anzusehen wie Tiere im Zoo.

Heute sind die Opfer dieser Besichtigungen nicht mehr “irre”, sondern “peinlich”, was ein noch subjektiveres Urteil ist. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde auf die Idee kommen, aufs Land zu fahren um Bauern beim Brautwerben zuzusehen, aber wenn RTL das schon mal gemacht hat, kann man sich das ja mal ansehen. Das Prinzip gleicht dem des “delightful horror”, der sich einstellt, wenn man aus dem Lehnstuhl heraus die Schilderungen von unerklärlichen Phänomenen oder brutalen Verbrechen in den Büchern der Schauerromantik liest — nur, dass wir heute selbst festlegen, wovor es uns schaudert.

* * *

Nina Pauer schreibt:

Pünktlich um 20.15 Uhr formieren sich die Abiturienten, Studenten, Doktoranden oder vielversprechenden Berufseinsteiger zu einem vergnügten Publikum, das bei Chips und Süßigkeiten nichts anderes tut, als sich der lustvollen Konträrfaszination des Schlimmen hinzugeben. “Wie peinlich ist das denn?!”, kreischt der Chor, den Zeigefinger kollektiv auf den Fernseher gerichtet.

Ich bin auch öfters Teil solcher Runden, wenn RTL (wie aktuell) wieder einmal Schwiegertöchter und Bauernfrauen sucht. Alle Teilnehmer würde ich als durchaus aufgeklärte Menschen mit einem reinen Herzen bezeichnen, Zyniker sind keine dabei. Gerade deshalb habe ich mich schon öfter gefragt, ob es moralisch eigentlich verantwortbar ist, diese Sendungen zu gucken und zu kommentieren.

Grundsätzlich könnte man erst einmal sagen, dass es kein Opfer im klassischen Sinne gibt — die Kandidaten kriegen mögliche böse Kommentare ja gar nicht mit. ((Ich glaube auch, dass das, was man zu meiner Schulzeit “Lästern” nannte, nicht grundsätzlich verwerflich ist, solange etwa die Person, über die gelästert wird, davon nichts mitbekommt, und solange man nicht vornerum nett zu jemandem ist, über den man dann hintenrum lästert. Außerdem können andere ja auch über mich lästern, wenn sie wollen. Diese Position hat schon zu langen, unergiebigen Diskussionen geführt.)) Auch das Begucken dieser Menschen erfolgt ja nur aus zweiter Hand — das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, also kann man es sich auch ansehen. Letzteres ist natürlich Quatsch: Wenn niemand mehr hinsehen würde, wie RTL Kinder in den Brunnen schmeißt, würde der Sender sicher damit aufhören. Und man muss sich ja auch keine tödlichen Unfälle im Rennsport ansehen, nur weil sie auf Video gebannt sind.

Ich glaube nicht, dass die Geringschätzung anderer die Hauptmotivation ist, solche Sendungen zu sehen — der Reiz entsteht aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus, was man als billiges Mittel zur Fraternisierung abtun, aber auch neutral oder positiv werten kann. Kaum jemand möchte oder kann so eine Sendung alleine sehen. Darüber hinaus ist es ja auch so, dass das Stirnrunzeln über Fliesentische, Tiefkühlpizzen und Kosenamen nicht allzu lang eine befriedigende Freizeitbeschäftigung abgibt. Wenn ich eine Sendung nur schlimm fände, würde ich sie nicht gucken. ((Tatsächlich bin ich bei der aktuellen Staffel “Schwiegertochter gesucht” sehr schnell wieder ausgestiegen, weil es außer ausgewalzten Merkwürdigkeiten nicht viel zu sehen gab.)) Bei “Bauer sucht Frau” gibt es aber immer wieder rührende Elemente, in denen das besserwisserische Lachen echtem Mitgefühl weicht. ((Ob die porträtierten Bauern darauf gewartet haben, ist natürlich wieder fraglich.))

Als Vera Int-Veen im Februar den “Regalauffüller” Stefan an die Frau zu bringen versuchte, war das nicht mehr im Mindesten witzig: Der Mann hatte so offensichtliche Probleme, sich zu artikulieren und mit den Situationen zurecht zu kommen, in denen ihn das Produktionsteam platziert hatte, dass die Arschlochhaftigkeit der Macher alles andere überstrahlte. In der aktuellen Staffel von “Bauer sucht Frau” geht der bisher größte Fremdschammoment auf das Konto von Moderatorin Inka Bause: Zum ersten Mal sucht ein homosexueller Bauer einen, ja: Mann und Bause war von der Situation so offensichtlich überfordert, dass sie ihn mit den Worten ansprach: “Du bist ja hier der erste Bauer Deiner Art.” Als der “pfleißige Pferdewirt” ganz locker “Der erste schwule Bauer, ja”, antwortete, fragte Bause noch einmal nach, ob sie “das so sagen” dürfe. So schlimm können zehntausend Zungenküsse bei offenem Mund nicht sein.

* * *

Ich glaube übrigens, dass diese Kuppelshows auch mit Kandidaten funktionieren würden, die den Zuschauern deutlich ähnlicher sind: ((Wobei das eigentlich jetzt schon gelten muss: Es kann ja hierzulande keine acht Millionen Elitisten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also müssen auch zahlreiche Zuschauer mit Fliesentischen, Tiefkühlpizzen und Kosenamen darunter sein.)) Liebe und vor allem ihre Anbahnung ist nie clever. ((So wie Sex nie ästhetisch ist.)) Im Leben geht es fast nie zu wie bei “Ally McBeal” oder bei “Bridget Jones”, wo sich gutaussehende Menschen im leichten Schneefall auf offener Straße küssen, nachdem sie eine geistreiche Bemerkung gemacht haben.

Vor vielen Jahren, in der Daily Soap “Unter uns”, schrieb die Person der Ute, die damals frisch in die Schillerallee zurückgekehrt war, einen Brief an ihren späteren Ehemann Till, in dem sie erklärte, sie sei derart verliebt, dass sie bei jedem Liebeslied im Radio mitsingen müsse, auch bei den Schlagern, die sie früher immer peinlich und doof gefunden habe. ((Der Brief geriet übrigens in die Hände der Sandra, dargestellt von Dorkas Kiefer, die ihn laut vorlas und sich über Ute lustig machte. Welche Aktion ist peinlicher? Discuss!)) Das, meine Damen und Herren, ist Liebe! Sie ist peinlich, aber ohne wären wir nicht hier.

* * *

Doch zurück zur “Fremdscham” und zum “Peinlichen”, das Nina Pauer beschreibt: Andere Leute peinlich finden ist eine Emotion, die meist in der Pubertät erstmalig auftaucht und dann vor allem gegen die eigenen Eltern gerichtet ist. Das ist von der Natur so gewollt: Das Leben beschert einem so ein paar Jahre unbeschwerter Freiheit und sinnloser Freiheitskämpfe, ehe die Erkenntnis einkehrt, dass biologische Veranlagung und Erziehung mächtiger sind als jedes Schamgefühl und man natürlich wie die eigenen Eltern geworden ist. Als ausgleichende Gerechtigkeit finden einen dann zwanzig Jahre später die eigenen Kinder peinlich.

Sich für eine andere Person zu schämen, ist aber auch eine weitgehend irrationale Reaktion, zumal, wenn man in keinerlei persönlicher Verbindung zu dieser Person steht. Die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens steht allerdings noch ziemlich am Anfang.

Nina Pauer führt aus:

Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert. Denn wie schwer ist es, diesem allgegenwärtigen Adjektiv “peinlich”, das unsere Zeit bestimmt, zu entrinnen! Nahezu unmöglich und vor allem furchtbar anstrengend ist es geworden, im weit und subtil verästelten analog-virtuellen Netzwerk stets die Balance aus lässigem Understatement, hübscher Ironie und gleichzeitiger Selbstvermarktung zu pflegen. Die Codes sind unendlich: Mit dem neuesten Smartphone prahlen? Peinlich! Immer noch keines haben? Peinlich! Zuckersüße Pärchenfotos auf Facebook veröffentlichen? Peinlich! Das eigene Mittagessen abfotografieren, den Stolz über den neuen Job allzu offensichtlich zeigen? Zu viele Freunde haben? Zu wenige? Peinlich, peinlich! Musik hochladen, die alle schon kennen? Musik hochladen, die nie irgendwer kennt? PEINLICH!

Wenn tatsächlich alles peinlich ist, man also in jeder Situation nur verlieren kann, ist ja alles wieder völlig nivelliert und man kann nur gewinnen.

Frau Pauer nutzt diese Passage aber, um von der Fremdscham zur “inszenierten Fremdscham” und damit zur Ironie zu kommen. Ironie, das lernt man irgendwann als Kind, ist das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint — also eigentlich das, was man vorher als “Lügen” kennengelernt hat und was man nicht tun sollte. Das trifft den Sachverhalt zwar nur zum Teil, ist aber das, was sich die allermeisten Menschen unter “Ironie” vorstellen und es entsprechend praktizieren. Das ist natürlich sterbenslangweilig.

Als Travis im Jahr 2000 anfingen, “Baby One More Time” von Britney Spears auf ihren Konzerten zu covern, gingen viele erst einmal von Ironie aus. Aber Fran Healy, der das Lied mit viel Inbrunst vortrug, sagte, sie hätten den Song einfach nachgespielt, weil sie ihn so schön fanden. Und tatsächlich wäre es auch dann noch ein schönes Lied, wenn Komponist und Texter Max Martin sich beim Schreiben über die Naivität und Dummheit seines Lyrischen Ichs kaputt gelacht hätte.

“Irony is certainly not something I want to be accused of”, hat Craig Finn, der Sänger meiner Lieblingsband The Hold Steady, mal gesagt und ich finde auch, dass Liedtexte möglichst aufrichtig sein sollten. ((Ironie sollte höchstens von Briten als Stilmittel in Songs eingesetzt werden. Die verstehen darunter etwas anderes als “das Gegenteil von dem sagen, was man meint.)) Dann besteht zwar schnell wieder die Gefahr der Fremdscham, aber damit muss man klar kommen. Man kann das Werk verurteilen, sollte dem Künstler aber Respekt zollen.

Die Zeit der ironisch gemeinten Beiträge beim Eurovision Song Contest, die notwendig war, um das schnarchige Schlagerevent der 1990er Jahre zu entstauben, ist ja inzwischen zum Glück auch wieder vorbei. Als ich im Mai von jetzt.de zum Duslog interviewt wurde, war der Reporter sehr versessen darauf, uns eine ironische Haltung zum Grand Prix zu unterstellen. Natürlich kann man die musikalischen Beiträge nicht alle ernst nehmen, ((Gerade nicht “I Love Belarus”, den man aus politischen Gründen als einzigen ernst hätte nehmen müssen.)) aber wenn ich die Veranstaltung in Oslo scheiße gefunden hätte, wäre ich sicher kein zweites Mal hingefahren.

* * *

Natürlich sollte man sich selbst und die Welt nicht zu ernst nehmen, aber man sollte auch nicht bis zur Selbstverleugnung mit den Augen zwinkern. Ich könnte schlicht keine Musik hören, die ich nicht mag, keine Klamotten (oder gar Frisuren oder Gesichtsbehaarungen) tragen und auch nichts in meine Wohnung stellen oder hängen, was ich nicht irgendwie gut finde. “We Built This City” von Starship ist einer der kanonisch schrecklichsten Songs der Musikgeschichte, aber irgendetwas spricht das Lied in mir an — und das meine ich nicht auf die “So schlecht, dass es schon wieder gut ist”-Art. Andererseits würde ich nie in Skinny Jeans rumlaufen, weil ich die einfach mordsunbequem finde.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat schon 1999 einen Text über Ironie verfasst, ((Nachzulesen in “Remix”.)) in dem er von der “Drüberlustigmachmühle” schreibt und dann eine Frage aufwirft, die er sich sogleich selbst beantwortet:

Tennissocken sind fürchterlich, keine Frage, aber ist nicht das zwangsverordnete Drüberlachen noch schlimmer? Und dann tragen also Leute wieder Tennissocken, aus Protest, und das ist vielleicht zu verstehen, aber ja auch so krank, weil sie damit also, nur der Abgrenzung wegen, schlimme Socken tragen. Und dann nicht einfach still diese Socken dünnlaufen, sondern tatsächlich ERKLÄREN, warum sie die tragen, um sich zumindest, oh ja, INHALTLICH zu unterscheiden von jenen, die diese Socken nicht schon wieder, sondern immer noch tragen. Irgendwie muß man die Neuzeit ja rumkriegen.

Im “Zeit”-Artikel steht dieses aktuelle Beispiel:

In engen braunen Männerslips über rosa Trainingsanzügen aus Ballonseide trifft man sich, am besten mit einem allein zum Zweck der Party gewachsenen fiesen Schnauzer im Gesicht, zum Dosenstechen in der Küche.

Noch bevor die Hipster so genannt wurden, gab es den “Irony-Schnäuz”. Irgendwann gab es dann die ironisch gebrochenen Hipster, die echte Hipster eigentlich scheiße fanden, aber genauso rumliefen. Der Schnauzbart war zu diesem Zeitpunkt schon mindestens zwei Mal umgedeutet worden, aber da geht sicher noch mehr. Nur: Warum?

In einem Text aus dem Juli 1999 ((“Ein Ort der Eitelkeit” in “Der Krapfen auf dem Sims”.)) beklagt sich Max Goldt über Menschen, die eine goldene Schallplatte oder eine Urkunde auf der Gästetoilette platzieren:

So wird die Toilette zum Ort der Inszenierung von Selbstironie, einer Eigenschaft, die in der westlichen Zivilisation hoch im Kurs steht. Deshalb ist es erheblich eitler, seine Zertifikate in Bad oder WC unterzubringen, als sie naiv und arglos im Wohnzimmer zur Schau zu stellen.

Goldt erklärt auch ((“Mein Nachbar und der Zynismus”, ebd.)) den Unterschied zwischen Zynismus und Sarkasmus:

Zynismus ist eine destruktive Lebensauffassung, während Sarkasmus das Resultat von trotziger Formulierungskunst ist, die über einen spontanen Zorn auf ein Meinungseinerlei hinweghilft. Zynismus ist ein Resultat von Enttäuschung und innerer Vereinsamung. Er besteht im Negieren aller Werte und Ideale, im Verhöhnen der Hoffnung, im Haß auf jedes Streben nach Besserung.

Sind dann die beschriebenen “Bad Taste”-Partys nicht eher zynisch als ironisch?

Ich verstehe den Reiz nicht, der darin liegen sollte, sich so zu kleiden, wie man nie aussehen wollte, und Musik zu hören, die man nie hören wollte. Erstens grenzt das doch an Schizophrenie und zweitens finde ich das unfair gegenüber den Leuten, denen diese Musik etwas bedeutet. Denn auch wenn ich Schlager oder Volksmusik kitschig und doof finden sollte, so gibt es doch Leute, denen diese Musik etwas bedeutet. ((Dass die Texte dieser Lieder mitunter von Leuten geschrieben werden, denen die Inhalte und Hörer ziemlich egal sind, ist eine Meta-Ebene, die ich hier nicht auch noch bespielen möchte.)) Ich finde es auch langweilig, ein Album nur des Verrisses wegen zu verreißen.

* * *

Auch Chuck Klosterman hat sich dem Thema Ironie gewidmet. ((Im Essay “T Is For True” in “Eating The Dinosaur”.)) Er schreibt:

An ironist is someone who says something untrue with unclear sincerity; the degree to which that statement is funny is based on how many people realize it’s false. If everybody knows the person is lying, nobody cares. If nobody knows the person is lying, the speaker is a lunatic. The ideal ratio is 65-35: If a slight majority of the audience cannot tell that the intention is comedic, the substantial minority who do understand will feel better about themselves. It’s an exclusionary kind of humor.

Wenn jeder Depp alles nur noch “ironisch” meint, ist es kein Witz mehr, dann ist es nicht mal mehr Komödie, sondern Tragödie.

Nina Pauer schreibt dazu in der “Zeit”:

Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang. Dann regieren die Zwinkersmileys, die alles Gesagte, Geschriebene, Getane sofort relativieren, um bloß immer “safe” zu sein. Von der Freude an der Peinlichkeit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegenteil, zur Langeweile.

Es ist nicht nur langweilig, es ist auch wahnsinnig anstrengend.

Klosterman stellt in seinem Essay den Weezer-Sänger Rivers Cuomo, den Regisseur Werner Herzog und den amerikanischen Politiker Ralph Nader nebeneinander, denen er allesamt nachweist bzw. unterstellt, völlig ironiefrei zu sein. Herzog etwa sagt, er habe einen “Defekt”, der ihn daran hindere, Ironie zu verstehen, und Klosterman fügt an, die meisten von uns hätten das gegenteilige Problem: Wir würden auch dort Ironie verstehen, wo gar keine vorhanden ist.

Rivers Cuomo trug das, was man heute “Nerdbrille” nennt, immerhin schon in den frühen Neunzigern, als es grad nicht cool oder lustig war. ((Diese Brille ist tatsächlich ein Problem. Als ich letztes Jahr auf der Suche nach einer neuen war, wollte ich – pubertäre Abgrenzung – um jeden Fall zu vermeiden, auch so eine zu kaufen. Das Problem: Mir stand wirklich nichts anderes. Also dachte ich: “Was soll’s? Ray-Ban gibt’s seit mehr als 50 Jahren und ich weiß ja, wie’s gemeint ist.” (Nämlich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren Hörern kaputt machen lassen darf, sollte man sich auch Mode-Utensilien nicht von ihren Trägern zerstören lassen. Ich würde auch gerne Hemden von Fred Perry tragen, wenn die nicht so unfassbar teuer wären.)) Heute schreibt er Lieder darüber, dass er in Beverly Hills wohnen wolle, und Klosterman ist sich sicher, dass Cuomo das genau so meint. Die Fans wären allerdings enttäuscht, weil sie es für Ironie hielten und sich verarscht fühlten — und das ist dann natürlich auch schon wieder Ironie, und zwar die des Schicksals.

* * *

Die Postmoderne hat, neben Fremdscham und Über-Ironisierung, noch ein weiteres Phänomen hervorgebracht: Ständig hinterfragt man jetzt alles, vor allem aber sich selbst. Wer sich fragt, ob er irgendetwas gut finden dürfe, hat noch nichts verstanden. Er hat die Freiheit (fast) alles gut zu finden, was er gut finden mag. Allenfalls die Auswahl potentiell gut findbarer Dinge und Personen kann einen etwas überfordern.

Das bedeutet natürlich letztlich auch: Man kann auch “Bauer sucht Frau” gucken, ohne sich dafür zu schämen.

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Musik Print

Please brother take a chance

Damit die Oasis-Reunion, die auch Wolfgang Nostradamus Doebeling (ich glaube, den zweiten Vornamen hat er sich ausgedacht) im aktuellen “Rolling Stone” prophezeit (und zwar für den 15. Mai 2011), kommen kann, muss die Band ja erst Mal aufgelöst werden.

Das hat Liam Gallagher jetzt dankenswerterweise in einem Interview mit der “Times” getan. Er wollte eigentlich nur über seine Modelinie “Pretty Green” sprechen, aber dann erklärt er die Band für beendet.

Luke Leitch gelingt es, in dem Artikel ein Bild von Liam Gallagher zu zeichnen, das sehr viel differenzierter ist als das meiste, was man bisher über den jetzt Ex-Oasis-Sänger gelesen hat. Am Ende spricht er sogar davon, außerhalb des Rock’n’Roll-Circus irgendwann seinen Frieden mit Noel zu machen. Eventuell.

Liam Gallagher: a semi-scary, tightly wound wind-up merchant — absolutely. But also serious, sensitive, impassioned and, from the look that flitted across his face at the end there, a man who misses his brother. Furthermore, a producer of rocking clobber for men. Who knew?

Mein Lieblings-Gallagher bleibt trotzdem Noel, so wie mein Lieblings-Beatle Paul McCartney und mein Lieblings-Libertine Carl Barât war. Aber das können Sie jetzt selbst tiefenpsychologisch auswerten.

[via Christian]

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Leben

Ich kaufe mir eine Hose und gehe mit niemandem essen

Ich brauchte eine neue kurze Hose. Nein, das ist falsch: niemand über 18 braucht eine kurze Hose, wenn er nicht gerade im Urlaub oder Fußballprofi ist. Ich wollte aber für den Privatgebrauch trotzdem eine kurze Hose haben, die ich bei großer Hitze in der Wohnung tragen kann.

Diese doch recht schlichte Ausgangskonstellation erwies sich recht schnell als einigermaßen problematisch. Der Kauf neuer Kleidungsstücke, die keine T-Shirts oder Socken sind, bereitet mir immer großes Unbehagen. Ich verbringe oft mehrere Tage in Geschäften und finde doch nichts. Meine Schuhe werde ich tragen, bis sie mir von den Füßen fallen.

Ich hätte mir auch kaum eine schlechtere Saison für meinen Investitionsversuch aussuchen können, denn die vorherrschenden Trends haben mit meinem Geschmack in etwa so viel zu tun wie meine Frisur mit den aktuellen Moden. Die Unsitte, eigentlich okaye Kleidungsstücke mit wahllosen Zahlenfolgen und barocken Ornamenten zu bedrucken, ist noch lange nicht abgerissen, und Taschen werden auf kurzen Hosen nach wie vor zahlreich untergebracht, nicht aber an den Stellen, wo sie sein sollten. Meine Frage, wer zum Henker denn Hosen trüge, auf denen ein österreichischerer Doppelkopfadler und eine französische Königslilie prangen, und an die etwa 17 Taschen, Laschen und Schlaufen angenäht sind, wurde leider alsbald wortlos beantwortet. Mit solchen Menschen wollte ich nichts gemein haben.

Außerdem scheinen dieses Jahr Hosen in Mode zu sein, die bereits über dem Knie enden. Das geht bei mir aus vielerlei Hinsicht nicht: erstens prangt auf meinem rechten Knie die unschöne Narbe eines Badeunfalls, zweitens sind meine Beine so kurz, dass Hosen, die bei normalen Menschen über dem Knie enden, bei mir genau bis zur Mitte der Kniescheibe reichen, und drittens will ich einfach keine Hosen, die so viel Bein zeigen. Meine Beine sind hässlich genug, je weniger man davon sieht, desto besser.

Meine Begleiterin erwies sich als deutlich härter im Nehmen, als ich es war: sie schleppte mich in immer noch einen Laden und wenn ich angesichts belegter Umkleidekabinen schon wieder gehen wollte, hielt sie mich an der Jacke fest und zwang mich zu weiteren Anproben. Schließlich hatte ich tatsächlich eine Hose gefunden, die für meinen Geschmack lang genug war, gut saß, nicht zu viele alberne Taschen in Kniehöhe hatte und angenehm leicht war. Der Preis war zwar so hoch wie für normale, ganze, also lange Hosen, lag aber noch unter der mir selbst auferlegten Höchstgrenze.

Es blieb das Problem der Farbe: möglicherweise gibt es auch für Modekonzerne Quoten, einen bestimmten Prozentsatz Schwerbehinderte einzustellen. Aber müssen es ausgerechnet Blinde sein, die dann in der Designabteilung arbeiten? Die an sich tolle Hose war im Modefarbton “Schlamm” gehalten, war also nach menschlichen Maßstäben braun, was eher so indirekt eine Farbe ist. Was man denn dazu bitte tragen solle, fragte ich entgeistert die freundliche Verkäuferin. Beige ginge sehr gut (ich war nicht beim Afrikakorps), weiß (habe ich wenig, weil’s schnell dreckig wird), grün (hab ich nur als Gladbach-Trikot, dessen schwarz wiederum nicht zum Braun passt) oder hellblau (gut, dass ich ein Junge bin). Ich ging im Geiste meinen Kleiderschrank durch, wie mir die Dame geraten hatte, und kam zu dem Schluss, dass meine Waschmaschine und das von mir benutzte Waschmittel den Farbton schon nach drei Wäschen in ein schmuckes Grau-Anthrazit-Staubfarben verwandeln würde, und kaufte das gute Stück.

Jetzt muss ich nur noch in Urlaub fahren.

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Urlaub machen, wo andere leben

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgendwen irgendwo und drängt diese Person mit milder Gewalt dazu, am eigenen touristischen Programm mitzumachen, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende einen Satz wie diesen hören: “Also, das fand ich jetzt wirklich interessant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja normalerweise gar nicht an.”

Mich kommt in Bochum leider niemand besuchen, weswegen Kathrin und ich uns am Wochenende einfach mal auf eigene Faust als Touristen in der eigenen Heimat versucht haben. Einen besonderen Grund dazu gab es eigentlich nicht, außer dass wir mal recht dringend Urlaub brauchten.

Gute Gründe, dass die Innenstadt voll ist, gibt es hingegen schon: Die Sonne scheint in all ihrer sommerlichen Pracht vom Himmel hinab, der VfL spielt zur Saisoneröffnung gegen Werder Bremen und auf dem Dr.-Ruer-Platz findet “Bochum kulinarisch” statt, eine Art Weihnachtsmarkt ohne Geschenkestände und mit besserem Essen im Sommer. Es herrscht das, was in Fernsehdokumentationen mit dem Satz “Es herrscht Volksfeststimmung” beschrieben wird, bevor dann irgendein Unglück passiert (Explosionen, einstürzende Tribünen, niedergeschlagene Volksaufstände).

Ein Unglück sollte uns am Samstag aber nicht passieren, denn Jesus liebt uns. Das behaupten zumindest die jungen Menschen, die uns hundert Meter weiter Flugblätter in die Hand drücken wollen. Wir bedanken uns für so viel Unterstützung, gehen aber lieber weiter, bevor wir noch beim großen gemeinsamen Singen mitmachen müssen. Kathrin möchte ihren Telefonanschluss kündigen, was aber im Telekom-Laden natürlich nicht geht. Deshalb gehen wir direkt weiter “Klamotten gucken”, also serious shopping betreiben. Zwanzig Minuten später habe ich bei C&A ein Paar Jeans in meiner Größe für 9 Euro erstanden (alle anderen Größen kosten 15 Euro, der Ursprungspreis ist dem Etikett leider nicht mehr zu entnehmen) und verschwand erst mal in den Tiefen einer Buchhandlung.

Um das Gefühl von Großstadt und Urlaub noch ein bisschen auszukosten, gehen wir zu Starbucks – davon hat Bochum inzwischen zwei Stück im New-York-verdächtigen Abstand von 250 Metern. Starbucks ist zwar eigentlich ein Super-Feindbild für alles und A haben mit “Don’t want your job in Starbucks” eine wunderbar treffende Liedzeile zum Thema, aber wie sonst soll man Weltläufigkeit simulieren, wenn nicht mit einer amerikanischen Kaffeekette? Ganz unamerikanisch setzen wir uns allerdings hin1 – wenn auch draußen vor den Laden, wo wir die Menschen in der Fußgängerzone wie Quallen an uns vorbeitreiben lassen. Die Bochumer Innenstadt ist teilweise derart renoviert worden in den letzten Jahren, dass ich nur auf den Tag warte, an dem die Stadt das erste Mal in einem Fernsehfilm Berlin doubeln muss, weil sich die Kamerateams in Berlin ja sowieso immer gegenseitig auf den Füßen rumstehen.

Der shopping spree soll bei H&M weitergehen, dort haben sie schwarze Cordsackos, deren Erwerb ich seit einigen Jahren ernsthaft in Erwägung ziehe. Einmal hatte ich bereits eines gekauft, aber meine persönliche Stilberaterin, die lange als Marketing-Direktor in der New Yorker Modebranche gearbeitet hatte, schickte mich mit harrschem Ton zum Umtausch. Die Ärmel seien definitiv zu kurz, so ihr vernichtendes Urteil. Die Ärmel sind auch diesmal zu kurz, was den Verdacht nahelegt, dass meine Arme in Wahrheit zu lang sind. Dafür sind meine Beine zu kurz, was das Einstellen des Fahrersitzes im Auto immer zu einer längeren Angelegenheit werden lässt.

Nach etwa einer Stunde schwedischer Massenmode (ich hatte die ebenfalls shoppende Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf langsam doch mal reif für Mittagessen. Also gehen wir zur Fischbraterei von Gülcans Schwiegervater und ich entscheide mich zwecks Urlaubsfeeling für ein Krabbenbrötchen mit Nordseekrabben. Das erinnert mich immer an die ungezählten Familienurlaube an der holländischen Nordseeküste (warum ein Brötchen mit Nordseekrabben in Bochum knapp die Hälfte von dem kostet, was man in Holland hinterm Deich bezahlt, kann mir sicher irgendein VWL-Student erklären, falls ich mal einen kennenlerne).

Für den Samstag reicht uns das, außerdem will ich ja die “Sportschau” sehen. Hätte ich geahnt, dass in der ersten Stunde sowieso nichts interessantes läuft, hätte ich mir die Tierschützer, die in der Fußgängerzone Videos von leidendem Schlachtvieh zeigen, vielleicht noch mal genauer angeguckt.

Nach diesem großstädtischen Samstag hätten wir es am Sonntagabend gern ein paar Nummern kleiner. Das ist kein Problem, denn in fußläufiger Entfernung befindet sich das “Kirchviertel” mit alten Bergarbeiterhäusern; diversen Bäckereien, Apotheken und Supermärkten; zwei Pizzabuden und tatsächlich einer Kirche. Uns interessiert aber besonders die Eisdiele: Die Auswahl ist noch größer als am Tag zuvor bei Starbucks und ich wünsche mir für einen Moment, irgendjemand würde einfach mal für mich entscheiden. Dann wäre ich aber vermutlich bei Banane-Mocca ausgekommen und nicht bei Ananas-Tiramisu wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigentümlichen Wünschen zu überraschen weiß: Fünf Kugeln Mocca mit Sahne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sahne).2

Eis schleckend und tropfend spazieren wir durch den Ortsteil, der so wunderbar dörflich wirkt, dass man kaum glauben kann, mitten im Ruhrgebiet zu sein. Die Bewohner des nahegelegenen Seniorenheims (das erklärt die vielen Apotheken) schlurfen durch die Straßen und meine Hände kleben von der zerlaufenen Eiscreme. Als wir wieder Richtung Universitätsstraße gehen, fragen wir uns, ob Bochum nicht vielleicht doch ein ganz guter Wohnort ist, auch längerfristig, und warum man sich sowas normalerweise nicht anguckt.

1 Folgender Dialog wurde mir mal aus einer kalifornischen High School überliefert:
Deutschlehrerin (Deutsche): “In Europe, especially in Germany, the people usually sit down in a cafe. I don’t get why Americans always have to walk around with their beverages.”
Schüler (Amerikaner): “It’s because they have jobs – which 4.5 million Germans don’t do, as I recall.”
Der Schüler wurde daraufhin des Unterrichts verwiesen.

2 Das ist allerdings nichts verglichen mit dem Mann, der in Dinslaken mal “Amarenata durchs Spaghetti-Eis-Sieb gepresst im Hörnchen” haben wollte. Amarenata ist Eis mit ganzen Kirschen drin.