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Literatur

Bruce Banner kauft sich eine neue Hose, geht aber nicht mit mir essen

Es ist Samstagvormittag, eine halbe Autostunde außerhalb Manhattans, an einem der ersten Tage, die sich mehr nach Frühling als nach Winter anfühlen. Bruce Banner stellt sein Auto etwas zu schwungvoll auf dem Parkplatz einer Shopping Mall ab. Der renommierte Nuklearphysiker fliegt morgen zu einer Konferenz nach Kapstadt und muss vorher noch ein paar Bersorgungen machen. Vor allem braucht er eine neue Smoking-Hose: Die letzte sei ihm bei einem bedauerlichen Zwischenfall gerissen, erklärt der groß gewachsene Wissenschaftler mit einem entschuldigenden Schulterzucken.

Banner betritt das Einkaufszentrum durch einen Seiteneingang. Eigentlich möge er solche Orte nicht, sagt er, während er sich ein wenig hilflos umsieht: “Zu viele Menschen, zu viel Hektik!” In der Innenstadt sei es aber noch anstrengender, einzukaufen: “Zu viele Touristen!”

Nach einem skeptischen Blick auf einen Lageplan weiß Banner zumindest, wo er hin muss: Das Geschäft von Brooks Brothers befindet sich im ersten Stock der Mall, etwa 400 Meter nach Süden. “Das sollte zu schaffen sein”, murmelt er und zieht sein Schritttempo etwas an. Wir schaffen es etwa 30 Meter weit, dann erreichen wir die Rolltreppen. Oder genauer: Wir erreichen sie erst mal nicht. Vor uns steht ein junges Pärchen in Multifunktionsjacken, das offenkundig unentschlossen ist, ob es die Rolltreppe nehmen soll oder nicht. Die Frau sagt mit leicht patzigem Unterton, sie wolle jetzt aber “da ho-hoch”, der Mann erweckt den Eindruck, als ob er das Einkaufszentrum am Liebsten fluchtartig verlassen wolle, die möglichen Auswirkungen auf die weitere Wochenendplanung ihn aber noch davon abhalten. Sekunden verstreichen, die sich wie Stunden anfühlen, dann treten die beiden erst einmal zur Seite. Ein Rentnerehepaar drängelt sich an uns vorbei, wir besteigen nach ihnen die Rolltreppe.

“Menschen sind die einzigen Lebewesen, die sich künstliche Umgebungen geschaffen haben, in denen sie sich so unwohl fühlen können wie Tiere, die von ihren Fressfeinden in die Enge getrieben werden”, beginnt Banner zu dozieren, muss dann aber abbrechen, weil die Rentner am Ende der Rolltreppe unvermittelt stehengeblieben sind und wir auf sie auffahren wie Fertigungsgüter in einer Fabrik, deren Produktionsablauf empfindlich gestört wurde. Banner flucht leise und drängelt sich zwischen Rentnerweibchen und -männchen hindurch.

Die nächsten Meter legt der aus Talkshows bekannte Forscher strammen Schrittes zurück, wobei er gelegentlich stehenden oder entgegenkommenden Konsumenten ausweichen muss. Er erledigt dies mit leicht tänzelnden Bewegungen, die bei einem Mann seiner Statur ein wenig fehl am Platze wirken, aber auf eine große Erfahrung schließen lassen. Fast drohe ich, den Anschluss zu verlieren.

Wortlos erreichen wir die Brooks-Brothers-Filiale. Hier ist es bedeutend ruhiger als in den großen Wandelgängen der Mall, das Licht ist gedämpft und auch die Temperatur liegt ein paar grad unter der im Einkaufszentrum. Außer uns ist nur ein einziger weiterer Kunde da, der aber die Aufmerksamkeit beider Verkäufer (ein Gentleman mit grauen, zurück gegelten Locken und eine hübsche Frau Anfang dreißig im Kostüm) zu binden scheint: “Auf dem Weg hierhin hab ich ‘nen Klassenkameraden getroffen”, berichtet der Mann, der bestimmt schon achtzig ist, im Zungenschlag des nördlichen New Jersey. “Also: ehemaligen Klassenkameraden. William Fairbanks. Draußen auf dem Parkplatz. Bestimmt vierzig Jahre nicht gesehen, aber gleich wiedererkannt.” Beide Verkäufer nicken höflich und ich merke, wie Bruce Banner neben mir laut durchschnauft.

“Entschuldigung”, sagt er und hebt zaghaft den rechten Zeigefinger. “Ich brauche eine Smoking-Hose!” Die Verkäuferin blickt ihn an, macht eine entschuldigende Geste gegenüber dem alten Mann und kommt zu uns herüber geschwebt. “Verzeihung”, sagt sie, wiegt ihren Kopf leicht zur Seite und blickt uns mit einem erwartungsfrohen Lächeln an. “Eine Smoking-Hose”, wiederholt Banner, eine Spur zu barsch für die hier vorherrschende Atmosphäre. Ob er wisse, aus welcher Kollektion diese seien soll, fragt ihn die junge Frau ohne ein Anzeichen von Kränkung und führt Dr. Banner mit einer fließenden Bewegung in den hinteren Bereich des Ladenlokals. Ich bleibe vorne zurück, studiere die Inneneinrichtung und lausche noch ein wenig den Ausführungen des alten Mannes.

Nach zehn Minuten kommt Banner zurück, die neue Hose bereits bezahlt und in einer papierenen Tasche verstaut. “Eine Bundgröße mehr als beim letzten Mal”, brummelt er etwas ungehalten. “Schon wieder zugenommen!” Wir verlassen das Geschäft und sind kurz von der Atmosphäre im Inneren der Shopping Mall überwältigt: Der Strom der Menschen scheint noch dichter geworden zu sein, das Gekreische der Kinder (und vereinzelter Ehefrauen) noch eine Spur schriller. Dem frisch neu eingekleideten Wissenschaftler entfährt ein leises Schnauben. “Lassen Sie uns zusehen, dass wir hier schnell rauskommen”, raunzt er mir zu, dann läuft ein kleines Mädchen gegen sein Bein und fällt auf ihren Hintern. Sie blickt sich kurz um, dann fängt sie an zu weinen. Banner seufzt, als eine leicht hysterisch wirkende Blondine, Sorte Trailer-Park-Schönheit, auf uns zustürzt.

“Was haben Sie meiner Tochter getan”, herrscht sie Banner in einer raspelnden Tonlage an. “Nichts”, murmelt Banner und lässt die Schultern hängen. “Wenn’s nichts wäre, würde sie ja wohl kaum heulen”, argumentiert die Frau und bückt sich, um ihre Tochter auf den Arm zu nehmen. “Was hat der böse Onkel gemacht, Janatha-Fay”, fragt sie das vielleicht dreijährige Kind, in dessen Ohrläppchen ich kleine Erdbeerohrstecker entdecke.

Das Wortgefecht geht noch ein wenig weiter, wobei Dr. Banner seine zunächst etwas defensive Haltung schnell aufgibt und die Frau schließlich anschreit, sie solle sich “mit ihrem verdammten Mistblag” gefälligst “verpissen”. Das entspannt die Situation nicht wirklich, sorgt aber dafür, dass die ohnehin schon sehr langsam laufenden Kunden um uns herum nun schlicht stehen bleiben. Wir müssen uns durch eine Traube von Menschen kämpfen, von denen einige Banner kopfschüttelnd hinterherschauen.

“Kommen Sie hier lang”, sagt Banner zu mir und öffnet eine Tür, auf der “Notausgang” steht. “Ich muss dringend eine rauchen!” Während drinnen eine Alarmsirene losheult, stehen wir auf einem Gittergang und sehen uns um. Der Weg führt an der Außenwand des Einkaufszentrums entlang, in 50 Metern führt eine Metalltreppe nach unten. Am Horizont zeichnet sich die Skyline Manhattans ab. Dr. Banner klopft seine Jackentaschen ab, dann entfährt ihm ein Fluch: “Scheiße! Die Kippen sind im Auto!” Er macht Geräusche wie ein Vulkan kurz vor der Eruption, dann stapft er langsam in Richtung der Treppe.

Wir erreichen Banners Auto im Laufschritt, wobei wir auf dem Weg dorthin fast noch von einem SUV überfahren worden wären — ein Zwischenfall, den der renommierte Forscher mit Worten und Gesten kommentierte, die an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden sollen. Der Schweiß steht uns beiden auf der Stirn, auf Banners Kopf sind aber auch die Adern deutlich hervorgetreten. Er öffnet die Beifahrertür, schleudert die Tasche mit der Smoking-Hose (250 Dollar) auf die Rückbank und holt eine Packung Zigaretten aus dem Handschuhfach. Dann schlägt er die Tür wieder zu.

Banner steckt sich eine Zigarette (“Marlboro Red”) in den Mundwinkel und hält mir die offene Schachtel hin, doch ich lehne dankend ab. Er wühlt in seinen Hosentaschen und holt ein Sturmfeuerzeug hervor, das er mit einer lässigen Bewegung aufklappen lässt. Er betätigt das Reibrad mit dem rechten Daumen, aber nichts passiert. “Scheißdinger”, brüllt Banner, “immer ist der verfickte Tank leer!” Er schleudert das Feuerzeug mit einer ausladenden Bewegung von oberhalb seines Kopfes auf den Asphalt und tritt es mit dem Fuß weg. Das Feuerzeug fliegt ein paar Meter durch die Luft und zersplittert die Scheibe eines parkenden Mercedes, dessen Alarmanlage los kreischt.

“Zahlt die Versicherung”, bellt Banner, dessen Gesichtsfarbe auf mich inzwischen einen ungesunden Eindruck macht. Womöglich ist die Forscherlegende unterzuckert. Doch bevor ich ihm anbieten kann, eine Kleinigkeit zum Mittag zu essen, hat Banner schon wieder die Beifahrertür auf- und in diesem Fall auch: aus den Angeln gerissen. Er schwingt sich auf den Beifahrersitz und fuchtelt an der Mittelkonsole herum. Vorsichtig nähere ich mich seinem Auto und beobachte, wie er den Zigarettenanzünder fast aus der Innenausstattung herausreißt. Doch sein Griff scheint nicht fest genug: Für einen Moment wirkt es, als wolle Banner mit dem Zigarettenanzünder jonglieren, dann fällt ihm das Teil mit der glühenden Spirale voran auf den Schoß. Ich höre einen lauten Schrei — und das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ein paar Autos durch die Luft fliegen.

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Unterwegs

I Cross The Line

Wie Sie diesem Blog regelmäßig entnehmen können, sind es gerade die kleinen Dinge, über die ich mich stundenlang freuen könnte.

Seit zwei Tagen erfreue ich mich an einer vermutlich eher nebensächlichen Entdeckung, die ich machte, als ich in einer Gegend unterwegs war, deren Einwohner sich aus mir unerfindlichen Gründen dem Münsterland zugehörig fühlen — obwohl sie genauso gut am schönen Niederrhein wohnen könnten.

Aber sehen Sie selbst:

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Leben

Ich kaufe mir eine Hose und gehe mit niemandem essen

Ich brauchte eine neue kurze Hose. Nein, das ist falsch: niemand über 18 braucht eine kurze Hose, wenn er nicht gerade im Urlaub oder Fußballprofi ist. Ich wollte aber für den Privatgebrauch trotzdem eine kurze Hose haben, die ich bei großer Hitze in der Wohnung tragen kann.

Diese doch recht schlichte Ausgangskonstellation erwies sich recht schnell als einigermaßen problematisch. Der Kauf neuer Kleidungsstücke, die keine T-Shirts oder Socken sind, bereitet mir immer großes Unbehagen. Ich verbringe oft mehrere Tage in Geschäften und finde doch nichts. Meine Schuhe werde ich tragen, bis sie mir von den Füßen fallen.

Ich hätte mir auch kaum eine schlechtere Saison für meinen Investitionsversuch aussuchen können, denn die vorherrschenden Trends haben mit meinem Geschmack in etwa so viel zu tun wie meine Frisur mit den aktuellen Moden. Die Unsitte, eigentlich okaye Kleidungsstücke mit wahllosen Zahlenfolgen und barocken Ornamenten zu bedrucken, ist noch lange nicht abgerissen, und Taschen werden auf kurzen Hosen nach wie vor zahlreich untergebracht, nicht aber an den Stellen, wo sie sein sollten. Meine Frage, wer zum Henker denn Hosen trüge, auf denen ein österreichischerer Doppelkopfadler und eine französische Königslilie prangen, und an die etwa 17 Taschen, Laschen und Schlaufen angenäht sind, wurde leider alsbald wortlos beantwortet. Mit solchen Menschen wollte ich nichts gemein haben.

Außerdem scheinen dieses Jahr Hosen in Mode zu sein, die bereits über dem Knie enden. Das geht bei mir aus vielerlei Hinsicht nicht: erstens prangt auf meinem rechten Knie die unschöne Narbe eines Badeunfalls, zweitens sind meine Beine so kurz, dass Hosen, die bei normalen Menschen über dem Knie enden, bei mir genau bis zur Mitte der Kniescheibe reichen, und drittens will ich einfach keine Hosen, die so viel Bein zeigen. Meine Beine sind hässlich genug, je weniger man davon sieht, desto besser.

Meine Begleiterin erwies sich als deutlich härter im Nehmen, als ich es war: sie schleppte mich in immer noch einen Laden und wenn ich angesichts belegter Umkleidekabinen schon wieder gehen wollte, hielt sie mich an der Jacke fest und zwang mich zu weiteren Anproben. Schließlich hatte ich tatsächlich eine Hose gefunden, die für meinen Geschmack lang genug war, gut saß, nicht zu viele alberne Taschen in Kniehöhe hatte und angenehm leicht war. Der Preis war zwar so hoch wie für normale, ganze, also lange Hosen, lag aber noch unter der mir selbst auferlegten Höchstgrenze.

Es blieb das Problem der Farbe: möglicherweise gibt es auch für Modekonzerne Quoten, einen bestimmten Prozentsatz Schwerbehinderte einzustellen. Aber müssen es ausgerechnet Blinde sein, die dann in der Designabteilung arbeiten? Die an sich tolle Hose war im Modefarbton “Schlamm” gehalten, war also nach menschlichen Maßstäben braun, was eher so indirekt eine Farbe ist. Was man denn dazu bitte tragen solle, fragte ich entgeistert die freundliche Verkäuferin. Beige ginge sehr gut (ich war nicht beim Afrikakorps), weiß (habe ich wenig, weil’s schnell dreckig wird), grün (hab ich nur als Gladbach-Trikot, dessen schwarz wiederum nicht zum Braun passt) oder hellblau (gut, dass ich ein Junge bin). Ich ging im Geiste meinen Kleiderschrank durch, wie mir die Dame geraten hatte, und kam zu dem Schluss, dass meine Waschmaschine und das von mir benutzte Waschmittel den Farbton schon nach drei Wäschen in ein schmuckes Grau-Anthrazit-Staubfarben verwandeln würde, und kaufte das gute Stück.

Jetzt muss ich nur noch in Urlaub fahren.

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Leben Gesellschaft

Nimm mich, holdes Marzipan

Werbeplakat am Union Square, San Francisco, CA (November 2006)

Es ist wieder soweit: In den Supermärkten stehen Lebkuchen, Spekulatius und Marzipankartoffeln zur Abholung bereit und die Menschen stehen davor und sagen: “Guck mal, Heinz, es gibt schon wieder Weihnachtsgebäck!

Das wirft die Frage auf, wo diese Menschen die letzten drei Wochen Einkaufen waren, denn Weihnachtsgebäck gibt es bereits seit Ende August wieder zu kaufen. Ich habe schon mehrere Pakete Lebkuchenherzen, -sterne und -brezeln gekauft und diese mit Freuden verspeist. Das Wetter passt, mir schmeckt das Zeugs einfach und ich habe als (noch) freier Bürger wenig Lust, mir von planwirtschaftlich operierenden Backwarenkonzernen vorschreiben zu lassen, wann ich welche Art Gebäck verzehren möchte. Außerdem gehe ich durch frühzeitigen Verzehr sicher, dass mir Printen, Dominosteine und Pfeffernüsse spätestens zu Nikolaus zum Halse raushängen und ich mich in der eigentlichen Weihnachtszeit voll und ganz auf den Verzehr fetter Braten, dicker Klöße und hausgemachter Apfelkompötte konzentrieren kann.

Da sich der Erstverkaufstag der Weihnachtsgebäcke in den letzten Jahren nur minimal nach vorne verschoben haben dürfte, besteht indes kein Grund, in diesem Jahr wieder Kolumnen und Editoriale mit dem Hinweis zu füllen, dass es ja schon im September Lebkuchen und Stollen zu kaufen gäbe und ob das nicht etwas früh sei. Dieses Thema ist so ausgelutscht wie die Tomatensaftglosse der Neunziger Jahre. Wenn Ihr irgendwas Witziges “aus dem Leben” verarbeiten wollt, müsst Ihr wohl oder übel mal Eure Schreibstuben verlassen, liebe Kollegen, und mal eine Viertelstunde real life auschecken. Supermarktkassen sind da z.B. eine töfte Inspirationsquelle – aber bitte nicht darüber schreiben, dass man immer in der langsameren Schlange steht!

Was mich am vorweihnachtlichen Geschäftsgebaren irritiert, ist etwas völlig anderes: Letztes Jahr fiel mir erstmals auf, dass diverse Modeketten und Versandhäuser, aber auch Kaffeeröster, etwa ab November die Innenstädte mit leichtbekleideten Frauen zuplakatierten. Auf riesigen Plakatwänden und in Schaufenstern wurde die Sorte Damenunterwäsche angepriesen, die eigentlich nur schreit “Hallo Schatz, sieh mal, ich hab mich hübsch gemacht und jetzt nimm mich, holder Recke!” Mir war zuvor nie aufgefallen, dass Weihnachten ein derart plakativ angegangenes Sex-Spektakel sein könnte – auch wenn das erklären würde, warum so viele Freunde von mir im September Geburtstag haben.

Diese Jahr, jedenfalls, schmücken die Push-Up-BHs, Hemdchen, Höschen, Tangas, Hot Pants und Korsagen schon im September die Schaufenster völlig seriöser Bekleidungsgeschäfte und wer sagt, das sei sexistisch, hat natürlich völlig Recht: Überall nur halbnackte Frauen und nirgends werden Produkte für den Herrn angeboten, der sich hübsch machen will.

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Leben

Wüster Service Deutschland

Gestern hab ich mal wieder eindrucksvoll festgestellt, wie in deutschen Supermärkten Service buchstabiert wird.

Supermarkt 1
Im Angebotsprospekt war eine Webcam für 14,99 Euro angezeigt, ich brauchte noch Brot und Aufschnitt, also ging ich in den nahegelegenen Supermarkt, suchte mir Webcam, Brot, zwei Tafeln Schokolade (zu 39 Cent im Angebot) und eine Packung Salami zusammen und ging zur Kasse. Nachdem die Kassiererin die Waren gescannt hatte, nannte sie mir die Endsumme und ich reichte ihr meine EC-Karte. Sowas mache ich im Supermarkt nicht gerne, aber ich hatte nicht mehr genug Bargeld und 17 Euro erschienen mir ein angemessener Betrag für Kartenzahlung.

Die Dame steckte die Karte ins Kartenlesegerät und erhielt eine Fehlermeldung.
“Das ist schon den ganzen Tag”, erklärte sie mir und rief nach einer Kollegin.
Nachdem die Kassiererinnen auch zu zweit zu keinem Ergebnis kamen und ich die Frage, ob ich nicht bar zahlen könne, entgeistert verneinte (Wenn ich das in bar hätte, hätte ich ja wohl kaum mit Karte zahlen wollen, nech?), fragte man mich, ob ich nicht “eben zur Bank gehen” und Bargeld abholen könne.

Da die Volksbank so fern nicht lag, willigte ich ein, packte die bereits in meiner Tasche verstauten Waren wieder aus, und verabschiedete mich “bis gleich”. Keine fünf Minuten später stand ich wieder im Laden, das Bargeld in den Händen. Die Kasse war geschlossen, die Kassiererinnen und meine unbezahlten Waren waren nirgends zu sehen. So drehte ich auf dem Absatz um und verschwand höchst verärgert.

Supermarkt 2 (Discounter)
Schon durchs Fenster konnte ich sehen, dass nur eine Kasse geöffnet war und sich die Kunden mit gefüllten Einkaufswagen durch den ganzen Laden stauten.

Meine Zeit und meine geistige Gesundheit sind mir zu schade, um sie für ein paar Cent Ersparnis zu verplempern.

Supermarkt 3
Ein Laden blieb mir noch auf dem Heimweg. Ich ging hinein, stand etwa drei Minuten vor dem Regal mit abgepacktem Brot, bis ich ein passendes, länger haltbares fand, schnappte mir eine Packung Salami und ging zur Kasse. Diese war erfreulich leer, nicht mal eine Kassiererin war zu sehen.

Im Geiste zählte ich von zwölf herunter. Bei “Null” wollte ich gehen, aber ich hatte Hunger und brauchte dieses verdammte Brot. Schließlich tauchte doch noch eine Kassiererin auf (sie hatte gerade Regale umgeräumt) und nur eine halbe Stunde nach dem ersten Versuch hatte ich endlich zwei Euro an den Mann gebracht.

Die Webcam brauche ich nicht wirklich, glaube ich.

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Leben Unterwegs

Late Night Shopping Revisited

Wenn es irgendwo auf der Welt eine Teststrecke für Stadtmarketingmaßnahmen geben sollte, so liegt sie mit Sicherheit im Ruhrgebiet. Fast jedes Wochenende, so scheint es, wird eine neue Sau durch die Region getrieben, und das Ruhrgebiet dürfte mittlerweile mehr Events als Einwohner haben.

Bochums neueste Errungenschaft ist der “Bochumer Musiksommer”, der am vergangenen Wochenende zum ersten Mal stattfand. Auf zahlreichen Bühnen in der Innenstadt gab es kostenlose Musik vom Polizeichor bis zu Heinz-Rudolf Kunze, von der Elektrolounge an der U-Bahn-Station bis zum Kinderliedersingen. Am Donnerstag spielten Tele ein anderthalbstündiges Gratiskonzert und anders als beim Bochum Total hatte man das Gefühl, dass das Publikum nüchtern und wegen der Band da war. Es ging exakt eine Bierflasche zu Bruch.

Samstag Abend war dann “Moonlight Shopping”, was im Wesentlichen bedeutet, dass sich Gewerkschafter darüber beschwert haben dürften, dass die Geschäfte einmal bis 23 Uhr geöffnet waren. Natürlich auch längst nicht alle Geschäfte – überraschenderweise waren unter denen, die nicht mitmachten, aber viele große Ketten.

Halb zehn Abends ist normalerweise nicht die Zeit, zu der man zum Einkaufen in die Stadt fährt, aber vorgestern war es dann endlich mal so weit. Wir stiegen am Hauptbahnhof aus der U-Bahn und fanden unsere Idee, eine solche Veranstaltung zu besuchen, wunderbar ironisch. Dann stießen wir auf einen Strom von Menschen, die tatsächlich ihren Einkaufsbummel auf den späten Samstagabend verlegt hatten, und ich beschloss, mir den Schriftzug “Irony Is Over” an einem prominenten Platz über meinen Schreibtisch zu hängen.

Aus der Ferne hörte man Underworlds “Born Slippy”, das bald darauf in eine Technoversion des einzigen mir bekannten Liedes mündete, das in Pizzerien, Aussegnungshallen und Boxkampfarenen zum Einsatz kam: “Time To Say Goodbye”. Es dauerte einige Minuten, bis das Lied sein ungewohntes Four-To-The-Floor-Gewand verlassen und sich im Instrument eines einsamen Geigers wieder gesammelt hatte.

Wir gingen weiter in Richtung der Technobeats und – Holla! – die wichtigste Kreuzung der Fußgängerzone war voll mit Menschen, die den Klängen eines DJs lauschten. Nur eine Woche, nachdem die Love Parade im Ruhrgebiet aufgeschlagen war, standen hier junge Menschen, ältere Menschen, Teenager und Anzugträger zwischen Würstchenstand und Bierwagen und es war ganz egal, dass sich einige von ihnen gerade zum ersten Mal in ihrem Leben zu elektronischer Musik bewegten.

Wir gingen in den City Point, die Bochumer Inkarnation jener Einkaufszentren, unter deren Glas-und-Stahl-Dächern die wichtigsten Bekleidungsfachgeschäfte für die jüngere Zielgruppe untergebracht sind. Beim Betreten überlagerten sich kurz der Techno von draußen und “Life Is Life” aus dem zweiten Stock. Jedes Mal, wenn wir ein Geschäft verließen und das nächste betraten, hörten wir kurz die Partymusik von oben, die sich sehr schnell zu “YMCA” steigerte und irgendwann “Movie Star” erreichte. Wir guckten eine Menge Klamotten, ich stellte zu meinem Entsetzen fest, dass die Trends der Saison offenbar V-Ausschnitt und Testbildfarbene T-Shirts heißen und dass es in ganz Bochum, vermutlich gar auf der ganzen Welt, kein mir passendes schwarzes Cordsakko gibt. Ich würde also einen Schneider aufsuchen müssen, um endlich zufrieden zu sein.

Unser Bummel endete, auch um das Gefühl von Großstadt und Event noch ein wenig auszukosten, natürlich bei Starbucks, wobei ich sagen muss, dass eine Hot Chocolate um elf Uhr abends nicht so superfluffig im Magen liegt. Oder ich Getränke zum Gehen einfach nicht vertrage.

An der U-Bahn-Haltestelle rauchten drei dicke Mädchen Zigaretten. Ich wollte sie nicht fragem, ob sie das denn überhaupt noch dürfen.

“Late Night Shopping Revisited” ist die Fortsetzung von “Late Night Shopping” mit anderen Mitteln.

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Unterwegs Leben

Urlaub machen, wo andere leben

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgendwen irgendwo und drängt diese Person mit milder Gewalt dazu, am eigenen touristischen Programm mitzumachen, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende einen Satz wie diesen hören: “Also, das fand ich jetzt wirklich interessant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja normalerweise gar nicht an.”

Mich kommt in Bochum leider niemand besuchen, weswegen Kathrin und ich uns am Wochenende einfach mal auf eigene Faust als Touristen in der eigenen Heimat versucht haben. Einen besonderen Grund dazu gab es eigentlich nicht, außer dass wir mal recht dringend Urlaub brauchten.

Gute Gründe, dass die Innenstadt voll ist, gibt es hingegen schon: Die Sonne scheint in all ihrer sommerlichen Pracht vom Himmel hinab, der VfL spielt zur Saisoneröffnung gegen Werder Bremen und auf dem Dr.-Ruer-Platz findet “Bochum kulinarisch” statt, eine Art Weihnachtsmarkt ohne Geschenkestände und mit besserem Essen im Sommer. Es herrscht das, was in Fernsehdokumentationen mit dem Satz “Es herrscht Volksfeststimmung” beschrieben wird, bevor dann irgendein Unglück passiert (Explosionen, einstürzende Tribünen, niedergeschlagene Volksaufstände).

Ein Unglück sollte uns am Samstag aber nicht passieren, denn Jesus liebt uns. Das behaupten zumindest die jungen Menschen, die uns hundert Meter weiter Flugblätter in die Hand drücken wollen. Wir bedanken uns für so viel Unterstützung, gehen aber lieber weiter, bevor wir noch beim großen gemeinsamen Singen mitmachen müssen. Kathrin möchte ihren Telefonanschluss kündigen, was aber im Telekom-Laden natürlich nicht geht. Deshalb gehen wir direkt weiter “Klamotten gucken”, also serious shopping betreiben. Zwanzig Minuten später habe ich bei C&A ein Paar Jeans in meiner Größe für 9 Euro erstanden (alle anderen Größen kosten 15 Euro, der Ursprungspreis ist dem Etikett leider nicht mehr zu entnehmen) und verschwand erst mal in den Tiefen einer Buchhandlung.

Um das Gefühl von Großstadt und Urlaub noch ein bisschen auszukosten, gehen wir zu Starbucks – davon hat Bochum inzwischen zwei Stück im New-York-verdächtigen Abstand von 250 Metern. Starbucks ist zwar eigentlich ein Super-Feindbild für alles und A haben mit “Don’t want your job in Starbucks” eine wunderbar treffende Liedzeile zum Thema, aber wie sonst soll man Weltläufigkeit simulieren, wenn nicht mit einer amerikanischen Kaffeekette? Ganz unamerikanisch setzen wir uns allerdings hin1 – wenn auch draußen vor den Laden, wo wir die Menschen in der Fußgängerzone wie Quallen an uns vorbeitreiben lassen. Die Bochumer Innenstadt ist teilweise derart renoviert worden in den letzten Jahren, dass ich nur auf den Tag warte, an dem die Stadt das erste Mal in einem Fernsehfilm Berlin doubeln muss, weil sich die Kamerateams in Berlin ja sowieso immer gegenseitig auf den Füßen rumstehen.

Der shopping spree soll bei H&M weitergehen, dort haben sie schwarze Cordsackos, deren Erwerb ich seit einigen Jahren ernsthaft in Erwägung ziehe. Einmal hatte ich bereits eines gekauft, aber meine persönliche Stilberaterin, die lange als Marketing-Direktor in der New Yorker Modebranche gearbeitet hatte, schickte mich mit harrschem Ton zum Umtausch. Die Ärmel seien definitiv zu kurz, so ihr vernichtendes Urteil. Die Ärmel sind auch diesmal zu kurz, was den Verdacht nahelegt, dass meine Arme in Wahrheit zu lang sind. Dafür sind meine Beine zu kurz, was das Einstellen des Fahrersitzes im Auto immer zu einer längeren Angelegenheit werden lässt.

Nach etwa einer Stunde schwedischer Massenmode (ich hatte die ebenfalls shoppende Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf langsam doch mal reif für Mittagessen. Also gehen wir zur Fischbraterei von Gülcans Schwiegervater und ich entscheide mich zwecks Urlaubsfeeling für ein Krabbenbrötchen mit Nordseekrabben. Das erinnert mich immer an die ungezählten Familienurlaube an der holländischen Nordseeküste (warum ein Brötchen mit Nordseekrabben in Bochum knapp die Hälfte von dem kostet, was man in Holland hinterm Deich bezahlt, kann mir sicher irgendein VWL-Student erklären, falls ich mal einen kennenlerne).

Für den Samstag reicht uns das, außerdem will ich ja die “Sportschau” sehen. Hätte ich geahnt, dass in der ersten Stunde sowieso nichts interessantes läuft, hätte ich mir die Tierschützer, die in der Fußgängerzone Videos von leidendem Schlachtvieh zeigen, vielleicht noch mal genauer angeguckt.

Nach diesem großstädtischen Samstag hätten wir es am Sonntagabend gern ein paar Nummern kleiner. Das ist kein Problem, denn in fußläufiger Entfernung befindet sich das “Kirchviertel” mit alten Bergarbeiterhäusern; diversen Bäckereien, Apotheken und Supermärkten; zwei Pizzabuden und tatsächlich einer Kirche. Uns interessiert aber besonders die Eisdiele: Die Auswahl ist noch größer als am Tag zuvor bei Starbucks und ich wünsche mir für einen Moment, irgendjemand würde einfach mal für mich entscheiden. Dann wäre ich aber vermutlich bei Banane-Mocca ausgekommen und nicht bei Ananas-Tiramisu wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigentümlichen Wünschen zu überraschen weiß: Fünf Kugeln Mocca mit Sahne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sahne).2

Eis schleckend und tropfend spazieren wir durch den Ortsteil, der so wunderbar dörflich wirkt, dass man kaum glauben kann, mitten im Ruhrgebiet zu sein. Die Bewohner des nahegelegenen Seniorenheims (das erklärt die vielen Apotheken) schlurfen durch die Straßen und meine Hände kleben von der zerlaufenen Eiscreme. Als wir wieder Richtung Universitätsstraße gehen, fragen wir uns, ob Bochum nicht vielleicht doch ein ganz guter Wohnort ist, auch längerfristig, und warum man sich sowas normalerweise nicht anguckt.

1 Folgender Dialog wurde mir mal aus einer kalifornischen High School überliefert:
Deutschlehrerin (Deutsche): “In Europe, especially in Germany, the people usually sit down in a cafe. I don’t get why Americans always have to walk around with their beverages.”
Schüler (Amerikaner): “It’s because they have jobs – which 4.5 million Germans don’t do, as I recall.”
Der Schüler wurde daraufhin des Unterrichts verwiesen.

2 Das ist allerdings nichts verglichen mit dem Mann, der in Dinslaken mal “Amarenata durchs Spaghetti-Eis-Sieb gepresst im Hörnchen” haben wollte. Amarenata ist Eis mit ganzen Kirschen drin.