“Grüß dich ins Knie!”

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 30. August 2007 18:56
Kategorie: Social Distortion

Thomas Knüwer schrieb heute Morgen über Starbucks, die Hassliebe jedes aufrechten Koffein-Junkies, und den dortigen Service. Es dauerte exakt vier Kommentare, bis sich die Erste über “diese dröhnende Supi-ich-hab-dich-lieb-Kunde-Fröhlichkeit” beklagte, und obwohl ich nach wie vor nicht viel von Bezeichnungen wie “typisch deutsch” halte, wusste ich augenblicklich, dass ich mal wieder auf ein klassisch deutsches Dilemma gestoßen war: Freundlichkeit macht den Deutschen misstrauisch. Eduard Zimmermann und Alice Schwarzer haben ihre jeweiligen Lebenswerke darauf verwendet, dass man in Deutschland immer damit rechnet, gleich überfallen oder vergewaltigt zu werden, sobald mal jemand freundlich zu einem ist.

Spricht man mit Menschen über die Dienstleistungsmentalität in Deutschland (führt also eine eher hypothetische Diskussion), wird man häufig von der “aufgesetzten Freundlichkeit der Amerikaner” hören. Wie so oft bei antiamerikanischen Vorurteilen verstehen die Kritiker amerikanischen Umgangsformen nicht und/oder waren selbst noch nie in den USA. Und, zugegeben: Als ich im letzten Jahr drei Monate in San Francisco lebte, war ich anfangs auch genervt von “Hi, how are you?” und “Have a nice day”, bis mir dämmerte, dass diese Freundlichkeiten tatsächlich meiner Laune zuträglich waren. Der Vorwurf “Das interessiert doch keinen, wie es einem geht”, mag ja stimmen, nur interessiert das in Deutschland auch niemanden. Auch auf die Gefahr hin, Sie schwer zu enttäuschen: Solange es sich nicht um Ihre besten Freunde, ausgewählte Familienmitglieder oder Ihren Therapeuthen handelt, interessiert es keine Sau, wie es Ihnen geht. Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktuelles Befinden zu denken, an das ganze Elend, das sie gerade durchmachen – verdrängen Sie’s und sagen Sie “Bestens, Danke! Und selbst?”

“Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird”, lautet ein Sprichwort und angedenk dessen, was man sich in manchen Supermärkten, Bekleidungsfachgeschäften und Elektromärkten als zahlender Kunde bieten lassen muss, könnte man fast annehmen, die Läden seien in Wahrheit gutgetarnte Light-Varianten eines Domina-Studios. “Wer ficken will, muss freundlich sein”, lautet ein anderes Sprichwort und der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass an mögliche Bettpartner somit deutlich höhere Anforderungen gestellt werden als an Verkäuferinnen. Trotzdem haben mehr Leute Sex als einen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor.1

Besonders konservative Zeitgenossen werden – “Freundlichkeit hin oder her!” – auch die Meinung vertreten, diese “Bodenständigkeit” liege nun mal im Wesen des Deutschen, lächeln hingegen nicht. Nun weiß ich nicht, wie viel Prozent des Fremdenverkehrs in Deutschland auf Leute entfallen, die extra hierher kommen, um einen brummeligen Berliner Taxifahrer oder einen pampigen Köbes in einem Kölner Brauhaus zu begucken. Aber würde man solche Leute überhaupt kennenlernen wollen?

Haben Sie noch einen schönen Tag!

1 Inwieweit der innere Zwang einiger Deutscher, immer und überall rauchen zu wollen, damit zusammenhängt, möge ein jeder bitte selbst ergründen.

5 Kommentare

  1. 1

    Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktuelles Befinden zu denken, an das ganze Elend, das sie gerade durchmachen – verdrängen Sie’s und sagen Sie “Bestens, Danke! Und selbst?”

    Sehr rheinische Antwort übrigens. Nicht umsonst hieß ja auch ein Programm des geschätzten Südtirolers Konrad Beikircher “Wie isset? Joot!” In Köln und Umgebung ist das tatsächlich eine reflexartige Antwort.

    “Wer ficken will, muss freundlich sein”, lautet ein anderes Sprichwort

    Das gilt schon als Sprichwort? Ich hatte das bislang lediglich für ein Maria-Perzil-Zitat gehalten.

  2. 2

    mmh, sind das nicht zwei paar schuhe? einerseits die “aufgesetzte” und sehr “ranschmeißende” liebenswürdigkeit vieler amerikaner (briten machen das auch, aber weit aus eleganter), die aber überhaupt keine tiefere bedeutung hat, außer mir ein gutes gefühl zu vermitteln und andererseits so etwas wie wertschätzende freundlichkeit, die ich in einem laden oder einer bank erwarte? es kotzt mich in deutschland (ich wohne, das muss man vielleicht hinzufügen, seit längerer zeit in ostwestfalen und hier hat man es sowie so nicht so mit dem zwischenmenschlichen) auch an, wenn man ein geschäft betritt und direkt das gefühl vermittelt zu bekommen: du störst! oder ein kellner, der sich freuen würde, wenn die gäste 1. nicht vorbei kämen, 2. das geld vielleicht im voraus bezahlten und 3. am besten nichts bestellen würden. in diesem sinne ist deutschland wirklich servicewüste und nicht gerade von freundlichem umgang durchdrungen. andererseits möchte ich nicht immer und überall smalltalk führen, ich möchte nicht immer mit floskeln meine befindlichkeit kundtun (dazu immer nur positiv) und ich will 1. selbst nicht alles toll finden und 2. nicht, dass alles toll gefunden wird! trotzdem antworte ich am telefon auf anfragen immer mit: “nein, überhaupt kein problem, da schau ich mal was ich für sie tun kann” und wenn ich dem letzten kotzbrocken mitteilen muss, dass ich nichts für ihn tun kann, sage ich im trotzdem: “tut mir leid”.
    just my two cents

  3. 3

    Eine ursprünglich aus Hongkong stammende, dreieinhalb Jahre in Deutschland lebende und justamente nach London ziehende Bekannte hat es vor wenigen Tagen in etwas so zusammengefasst:

    Die Distanz, die Deutsche gern zu anderen Menschen haben, mag Anfangs irritieren, aber dafür weiß man dann auch, dass sie es wirklich so meinen, wenn sie einen zu sich nach Hause einladen.

  4. 4

    Mich frustriert der ganze Eiertanz, den man mit befreundeten/bekannten Amerikanern oft aufführt: “Möchtest du was essen? Bist du dir sicher? Es macht auch gar keine Mühe, ich wollte selber grade…” um sicher zu gehen, dass auch keiner verhungert.

    Die überschäumende Freundlichkeit in den USA hat mich anfangs irritiert. Wie schnell man sich dran gewöhnt hat, ist mir dann in der Navajo Reservation aufgefallen – da tat die Supermarktkassiererin nicht so, als wäre mein Einkauf das Beste, was ihr im Leben passiert ist.

    (Übrigens glauben die Amerikaner viel eher daran, gleich überfallen zu werden. Wirklich.)

  5. 5

    Der Beitrag spricht mir wirklich sehr aus dem Herzen, vielen Dank dafür!

    Ich werd lieber mit aufgesetzter Freundlichkeit “bedrängt” als dauernd von runtergezogenen Fressen und depressiven Visagen runtergezogen zu werden (etwas überspitzt formuliert).

    Man kann “den” Amerikanern vieles vorwerfen, aber die angeborene Freundlichkeit macht es wirklich sehr angenehm mit ihnen zusammenzuarbeiten, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Diesen Beitrag kommentieren: