Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Oktober 2011 21:05

Vergangenen Donnerstag stand ich kurz davor, mir mehrere Gliedmaßen abzunagen: Ich saß in einer Kölner Mehrzweckhalle und als wäre das nicht schon schlimm genug, fand in dieser Halle zu diesem Zeitpunkt auch noch der Bundesvision Song Contest statt. Stefan Raabs innerdeutscher Grand Prix, der sich nicht so recht zwischen staatstragendem Gestus und ironischer Distanz entscheiden kann, konnte es in Sachen Show und Unterhaltung nicht mit dem europäischen Vorbild aufnehmen. Das war zu erwarten gewesen. Womit eher nicht zu rechnen war: Dass der ESC dem BuViSoCo auch musikalisch überlegen sein würde.

Seit einiger Zeit fühle ich mich, als stünde ich an irgendeinem Bahnhof am Gleis und der popmusikalische Zug sei einfach ohne mich weitergefahren, immer weiter in die Provinz hinein. BuViSoCo-Sieger Tim Bendzko, Philipp Poisel, der Rapper Casper, der Tomte-lose Thees Uhlmann — ihre Platten werden von vielen Kritikern gelobt und von irrsinnig vielen Menschen gut gefunden, denen ich sonst durchaus Musikgeschmack unterstellen würde. Und ich stehe fassungslos daneben und fühle mich, als wären plötzlich Alle Fans des VfL Wolfsburg.

Deutschsprachige Musik, so scheint es, zerfällt dieser Tage in zwei Extreme: Auf der einen Seite der Diskurspop von Tocotronic, Jochen Distelmeyer oder Ja, Panik, der von Zeitschriften wie “Spex” und “Intro” abgefeiert, aber so richtig dann doch von niemandem verstanden wird, auf der anderen die gefühligen Singer/Songwriter, deren Songs die Musikredaktionen deutscher Radiosender vor zehn Jahren noch den Kollegen von WDR 4 rübergeschoben hätten. Indie ist nicht nur Mainstream geworden, sondern in Teilen auch zum Schlager geronnen.

Als vor sieben, acht Jahren die “neueste deutsche Welle” ausgerufen wurde, weil Bands wie Wir Sind Helden, Juli oder Silbermond plötzlich in Sachen Absatzzahlen und Airplay erfolgreich waren, war schon zu befürchten, als was für eine Farce sich die Geschichte wiederholen würde. So wie Anfang der Achtziger auf Kraftwerk, Ideal und die Fehlfarben irgendwann Markus, Hubert Kah und Fräulein Menke gefolgt waren, würde auch diesmal das ganze System in sich zusammenstürzen, bis nur noch ein paar One Hit Wonder für den Nachfolger der “ZDF-Hitparade” übrig blieben und dann würde über Jahre kein Label mehr deutschsprachige Musiker unter Vertrag nehmen und kein Radiosender sie spielen.

Doch es kam schlimmer als befürchtet: Der Erfolg von Bands wie Silbermond, Revolverheld oder Culcha Candela erwies sich als einigermaßen nachhaltig und die ganzen verzweifelten Nachzügler-Signings, die den Plattenfirmen in den Achtzigern irgendwann um die Ohren geflogen waren, erwiesen sich jetzt, in den Zeiten ihrer schlimmsten Krise, zumeist als güldene Glücksgriffe. Die verdammte Blase wollte einfach nicht mehr platzen!

Als Andrea Berg bei der diesjährigen Echo-Verleihung ein wenig patzig mehr als nur eine Schlager-Kategorie beim deutschen Musikpreis einforderte, brachte das die ohnehin schlechte Stimmung in der Halle nicht gerade nach vorne. Dabei waren unter der Überschrift “Album des Jahres (national oder international)” folgende Werke nominiert gewesen: “Große Freiheit” von Unheilig, “Schwerelos” von Andrea Berg, das “Best Of” von Helene Fischer, “My Cassette Player” von Lena und “A Curious Thing” von Amy Macdonald. Es muss schon ein erstaunlicher gesellschaftlicher Wandel stattgefunden haben, wenn die junge, weibliche Antwort auf Chris de Burgh und das Album der deutschen ESC-Teilnehmerin (“Schlager-Grand-Prix”, wie manche Menschen heute noch sagen) die unschlagerhaftesten Vertreter bei den meistverkauften Alben des Jahres darstellen.

Moderatorin Ina Müller hatte bei der Verleihung des Volksmusik-Echos an die Amigos lautstark dazu aufgerufen, die Wände zwischen den Schubladen einzureißen, dabei wollten die anwesenden coolen und klatschfaulen Rockstars und Plattenfirmenmenschen sich nur nicht eingestehen, dass das längst geschehen war. Quer durch alle Kategorien nominiert waren ein zotteliger Geiger, der sich kommerziell erfolgreich an der Interpretation von Rocksongs versucht hatte; ein alternder Chansonnier; ein jugendlicher Chansonnier; eine Opernsänger-Boygroup, die Popsongs nachschmettert; der Erfinder des Gothic-Schlagers und nicht zuletzt Ina Müller selbst, deren Songs von Frank Ramond geschrieben werden, der seit Jahren mit seinen augenzwinkernden Wortspielereien für Annett Louisan, Barbara Schöneberger und Roger Cicero den Massengeschmack trifft wie kaum ein Zweiter.

Was uns zu Casper bringt, jenem “Konsens-Rapper”, dessen Album “XOXO” überraschend, angesichts des medialen “Geheimtipp”-Overkills im Vorfeld aber durchaus konsequenterweise auf Platz 1 der Charts eingestiegen war. Dies ist die Stelle, an der ich fairerweise erklären sollte, dass ich bis auf wenige Ausnahmen mit deutschsprachigem Hiphop so rein gar nichts anfangen kann. Das war in den 1990ern noch ganz lustig, als alle wie die amerikanischen Vorbilder auf dicke Hose machten, missfällt mir jetzt aber zunehmend. Dabei will ich nicht mal ausschließen, dass man auch auf Deutsch hintergründige, witzige und gute Texte rappen kann — allein mangelt es den meisten Vertretern dieses Genres schon an den dafür notwendigen Fertigkeiten, sprich: Skills. Es reicht mir nicht, wenn sich einer holprig durch die Sätze quält. Womöglich fehlt mir das notwendige Enzym oder Gen, aber in meinen Ohren fällt “Das war’s. Auf das, was war / Zwischen all den Ficks auf dem Tisch aus dem Glas / Und hätt’ ich dich nie gekannt / Wär’ der Ben bloß der Casper der rappt / Aber du wärst nur die Frau von der Bar” (Casper) sprachlich und inhaltlich sogar noch hinter “Verpiss dich / Ich weiß genau, Du vermisst mich” (Tic Tac Toe) zurück.1 Wenn das “Studentenrap” sein soll (und Sie müssen sich das auch noch in Caspers Schiffschaukelbremserstimme vorstellen), kann ich auf eine Begegnung mit “Sonderschülerrap” bestens verzichten.

Doch die Vertonung von Tagebucheinträgen wird geschätzt. Es ist eine “neue”, womöglich “schonungslose Offenheit”. Klopstock 2.0. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass Tomte-Sänger Thees Uhlmann (der mit Casper bei gleich zwei Tracks kooperiert) auf seiner ersten Solo-Single tote Fische besingt.

Doch, tatsächlich: “Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf” verkündet er und preist auf seinem Album wie in zahlreichen Interviews das Dorfleben. Bei Tomte hatte er noch davon gesungen, “sein Versagen nicht länger Überzeugung zu nennen”, auf seinem selbstbetitelten Solodebüt zelebriert er jetzt genau das. Von Journalisten lässt er sich dabei mit Bruce Springsteen vergleichen — und wenn die es nicht tun, macht er es eben selbst. Zwar konnte nicht einmal der Boss über eine Supermarktkassiererin singen, ohne dass man vor Fremdscham in einen Turm aus Konservendosen springen wollte, aber das hält Uhlmann nicht davon ab, dieses Feld mit “Das Mädchen von Kasse 2″ noch einmal zu beackern. Ich erkenne den Versuch an, den gesellschaftlich Übersehenen ein Denkmal bauen zu wollen, aber, Entschuldigung!, das konnten Pur besser — und die mussten dafür zur Strafe im Studionebel der “Hitparade” stehen.

Überhaupt müssen wir Abbitte leisten bei Pur, der Münchener Freiheit, Reinhard Mey, Wolf Maahn, Heinz-Rudolf Kunze, Klaus Lage, Bap, Purple Schulz und vor allem bei Udo Jürgens.2 Von mir aus soll Tim Bendzko nur noch kurz die Welt retten wollen und Andreas Bourani (dessen “Nur in meinem Kopf” ich für ein paar Wochen sogar ziemlich toll fand) wie ein Eisberg glänzen und scheinen wollen, aber dann können wir nicht mehr mit dem Finger auf die Leute zeigen, die ein paar Jahrzehnte zuvor das Gleiche gemacht haben.

Die Uhlmann’schen Heimatmelodien und die ganzen waschlappigen Liebesbeteuerungen der jungen Liedermacher sind die popkulturelle Rückkehr zum Biedermeier. Sie liefern das “kleine bisschen Sicherheit” in “dieser schweren Zeit”, das Silbermond schon vor zweieinhalb Jahren eingefordert hatten. Dieser Eskapismus ins Innerste zeigte sich dann auch am Treffendsten im Namen jener Band, die sich beim Bundesvision Song Contest einen Moment wünschte, der “echt” und “perfekt” ist: Glasperlenspiel. Hermann Hesse ist ja tatsächlich das, was uns am volkswirtschaftlichen Abgrund noch gefehlt hat: Wanderungen durch Indien, ein bisschen Metaphysik und dann hinein in die Selbstauslöschung. Die Bücher von Margot Käßmann verkaufen sich schon verdächtig gut.

Gewiss, das alles sind Geschmacksfragen. Und die kann man sich ja oft genug selbst nicht beantworten. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum ich das Debütalbum von Gregor Meyle (Zweiter bei Stefan Raabs vorletzter Casting-Show) immer noch ganz charmant finde, beim ähnlich romantisch gelagerten Philipp Poisel aber immer kurz vor der Selbstentleibung stehe.3

Vielleicht hängt meine Abneigung auch mit der Sprache zusammen, wobei Thees Uhlmann gleich das beste Gegenargument gegen diese These ist, denn bei Tomte waren seine Texte ja über weite Teile noch unpeinlich bis großartig. Andererseits: Eine Aussage wie “Du hast die Art verändert, wie Du mich küsst” würde man ohne zu Zögern dem Werk der Andrea Berg zuordnen. Auf Englisch taugt es beim Rapper Example zu einem der besten Songs des Jahres. Und irgendwie war es gar nicht so schlimm, als Prince oder Chris Martin auf Englisch sangen, der Verflossenen niemals Kummer bereitet haben zu wollen. Wenn jetzt einer singt, “Ich wollte nie, dass Du weinst”, wünscht man sich doch dringend Rammstein herbei, die bitte das genaue Gegenteil deklamieren sollen, nur damit mal ein bisschen Leben in der Bude ist.

“Keiner, wirklich keiner, braucht deutsche Songwriter” singt Friedemann Weise in seinem sehr unterhaltsamen Lied, das nur einen kleinen Haken hat: Das einzige, was noch schlimmer ist als schonungslose Offenheit in Liedtexten, ist ungehemmte Ironie. Deswegen sind die Toten Hosen bei all ihrer Schlimmheit immer noch den Ärzten vorzuziehen, die jedweden Hinweis auf eine Haltung vermissen lassen.

Die zentrale Frage jedoch bleibt: Warum sind heute Musiker mit Texten erfolgreich, die junge Menschen noch vor wenigen Jahren rundheraus als kitschig abgelehnt hätten? Sind die Hörer sensibler geworden oder nur toleranter? Und was hat das alles mit der WM 2006 zu tun?

Offenlegung: Ich habe an der diesjährigen Echo-Verleihung mitgearbeitet und bin mit einigen der hier gedissten Künstler persönlich bekannt.

  1. “Aus”! “Dem“! “Glas”! Alter, was ist mit Dir nicht in Ordnung?! []
  2. Nicht jedoch und unter keinen Umständen bei Marius Müller-Westernhagen. []
  3. Poisel hat allerdings auch eine Stimme, auf die ich mir körperlicher Abneigung reagiere — wobei mir der nasale Gesang eines Billy Corgan oder das Röhren eines Kelly Jones immer gut gefallen hat. []

54 Kommentare

  1. Gavin
    3. Oktober 2011, 21:25

    Ausser deiner Hosenaffinität (komm, wirklich? Hosen statt Ärzte?…) muss ich dir leider uneingeschränkt zustimmen. Thees unfreiwillig stückfürstück wird zu Maffay (natürlich nur charmanter und irgendwie eben auch noch wortgewandter) und Jupiter Jones werden offenbar ironiefrei jeden Tag ein bisschen mehr pur.
    2011 – the year deutsche, unpeinliche musik broke.

    Schön aber, dass du es so in Worte fassen konntest!

  2. SamVimes
    3. Oktober 2011, 21:57

    och komm, Thees ist doch gar nicht mal so schlecht. Casper, Poisel, Glasperlenspiel, etc. hingegen schon. Aber Thees umschifft den Schlager doch eigentlich ganz ordentlich, finde ich. Natürlich sind auf dem Album ein, zwei nicht ganz so tolle Lieder (von der quelle bis zum delta :/), aber insgesamt ist das doch ganz schön anzuhören.

  3. Simon
    3. Oktober 2011, 22:01

    An Friedemann Weise (hab ihn im Erdmöbel-Vorprogramm gesehen) musste ich in letzter Zeit auch immer wieder denken.

    Ich kann dir teilweise zustimmen. Ich finde sowohl die Platte von Casper wie auch die von Thees Uhlmann angenehm zum mal zwischendurch hören. Zwei, drei Songs gefallen mir, richtig gezündet haben die Platten aber nicht. Es kam mir doch zu stark so vor, als würden sie mehr Tiefgang vortäusch, als sie haben.

    Tim Bendzko und Konsorten sind glücklicherweise an mir vorbeigegangen, bis dann letzten Donnerstag das Erwachen kam. Allerdings denke ich, dass Xavier Naidoo einen großen Anteil daran hatte, dass wir uns solche Musik immer häufiger anhören müssen. (Da fällt mir auf, ist das mit der WM 2006 gemeint?)
    Der Grund ist wohl: Es ist nur peinlich, was andere Leute peinlich finden

    Aber ich denke trotzdem, dass es noch gute deutsche Musik dieses Jahr gab, wobei man da vor allem Moritz Krämer und Locas in Love nennen muss.

  4. zt hoddle
    3. Oktober 2011, 22:15

    Zwar konnte nicht einmal der Boss über eine Supermarktkassiererin singen, ohne dass man vor Fremdscham in einen Turm aus Konservendosen springen wollte, aber das hält Uhlmann nicht davon ab, dieses Feld mit “Das Mädchen von Kasse 2″ noch einmal zu beackern.

    Daß Springsteen was nicht kann, heißt ja noch nix. John Spillane zum Beispiel kann: http://www.youtube.com/watch?v=WBhTcGPdCNQ

  5. Christoph
    3. Oktober 2011, 22:21

    “Deswegen sind die Toten Hosen bei all ihrer Schlimmheit immer noch den Ärzten vorzuziehen, die jedweden Hinweis auf eine Haltung vermissen lassen.”

    Pah.

    Zu behaupten, die Ärzte hätten einen Hinweis auf Haltung vermissen lassen, halte ich für höchstgradigst übertriebenst, nur weil sie nicht wie die Hosen ihre Haltung mit brachialster Dummheit auf die Menschheit losgelassen haben, ob die Bock drauf hatte oder nicht. Und überhaupt, Die Ärzte haben (wohl eher “hatten”) Haltung. Alles und vor allem sich selbst nicht so ernst zu nehmen ist nämlich sehr wohl eine Haltung.

    Ansonsten vollste Zustimmung. Endlich sagst mal einer :)

  6. Alex
    3. Oktober 2011, 22:28

    Das gute am “Gefält mir”-Button ist, dass jeder Musikhörer mittlerweile das mag, was er mag und nicht das, was man als geschmackvoller Musikhörer mögen müsste.
    Mir sind die Kriterien, nach denen Du gute Musik beurteilst, nicht durchschaubar, vielleicht bin ich zu sehr mainstream und zu simpel und hab keine Ahnung von Musik. Aber Casper ist (durch Thees) die erste HipHopCD, die ich seit ewigen Zeiten gehört habe. Ich hab aktuell auf meinem MP3- Player Casper, Thees, Anna Depenbusch, Zaz, Daft Punk, Foo Fighters, 30 seconds to mars und Boy.
    Vielleicht sind die Zeiten von Kritikern noch nicht vorbei, aber sie sind nicht mehr Maß aller Dinge. Es gibt kein Indy mehr und kein gut und schlecht, nur noch “Gefällt mir!”.

  7. Manuel
    3. Oktober 2011, 22:56

    Wenn du hier schon hemmungslos rumdisst, dann nenn auch Tommy beim Namen. Abgesehen davon, dass ich dir bei Thees und Cas nicht zustimme tue ich es besonders bei “daß die Sonne für dich scheint” nicht. Wunderbar unpeinliches deutsches Lied.

  8. Volker
    4. Oktober 2011, 0:16

    Deutschrap hat (imho) einiges zu bieten. Ich habe mal auf die Schnelle ein paar Songs zusammengestellt: http://volkerdaschner.de/5531/.....pfehlungen Vielleicht ist ja doch etwas für dich dabei :).

  9. Kim
    4. Oktober 2011, 1:41

    Aber sich auf XOXO die eine Stelle rauszusuchen, die vielleicht echt ein wenig zu einfach ist, ist auch wieder zu einfach. Im weiten Feld des Deutschraps, der immer noch von Mainstream-Gangsta-Kram beherrscht wird, ist ein bißchen Ehrlichkeit, ein bißchen Themenwechsel ziemlich erfrischend.

  10. Lukas Heinser
    4. Oktober 2011, 1:55

    Es war die eine von zwei Stellen, die bei mir hängen geblieben war (die andere ist der Refrain des Titelsongs, der immerhin das beste ist, was Thees Uhlmann in den letzten fünf Jahren gemacht hat).

  11. » Bestseller katrin schuster
    4. Oktober 2011, 2:43

    [...] mal getan habe, verdankt sich neben meiner schon lange köchelnden Verwunderung vor allem diesem Text. Allerdings kann ich nicht genau erklären, warum das so ist. Lukas Heinser schreibt über Musik [...]

  12. Links anne Ruhr (04.10.2011) » Pottblog
    4. Oktober 2011, 6:37

    [...] Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied (Coffee And TV) – Über den Bundesvision Song Contest in Köln – dem der Eurovision Song Contest musikalisch überlegen war. [...]

  13. Sebastian
    4. Oktober 2011, 7:52

    Das hat alles mit der WM 20006 zu tun, die ist schuld.

  14. Lenalena
    4. Oktober 2011, 8:33

    Die Pop-Polizei! Holt sofort die Pop-Polizei!

    Du schreibst leider wie jene Jazz-Polizei mit den schwarzen Rollkragenpullis, die einst das Feuilleton beherrschte. Deutsche Musik ist so variantenreich und spannend wie seit der NDW-Zeit nicht mehr. Und dass endlich wieder Melodien darin auftauchen statt pseudocoolem Synthi-Getacker darf dabei als Fortschritt gelten.

    Leider halten die Pseudo-Hipster in Deutschland Pop noch immer für eine Beleidigung und Gefühle in Songs für den Teufel. Man muss zum Beispiel Chris deBurgh nicht mögen – aber man sollte als Musikjournalist oder -blogger anerkennen, dass er eine ganze Menge schöne Melodien und noch viel mehr tolle Geschichten erzählende Texte geschrieben hat.

    Die Haltung deutscher Kritiker aber ist absehbar: Leicht konsumierbar – also scheiße. Arroganz galore, eben. England, Du hast es besser…

  15. Lisa M. Koßmann
    4. Oktober 2011, 8:39

    Und ich dachte schon, es wäre nur mir aufgefallen, dass hier absoluter Biedermeier herrscht. Mit dem Unterschied, dass die Musik dort besser war.

  16. Andi
    4. Oktober 2011, 9:21

    die gefühligen Singer/Songwriter, deren Songs die Musikredaktionen deutscher Radiosender vor zehn Jahren noch den Kollegen von WDR 4 rübergeschoben hätten

    Tiefschlag 1.

    Überhaupt müssen wir Abbitte leisten bei Pur

    Tiefschlag 2.

    He’s on fire! :D

    (Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass hörbare deutschsprachige Musik im Verlauf der 60er Jahre ausgestorben ist. Damals hat man zumindest sogar noch den Kitsch auch so gemeint, statt zwanghaft ironisch oder sonstwie verpeilt irgendwas ins Mikro zu jammern das im Ergebnis wirkt wie von Tine Wittler persönlich ins Regal drapiert.)

  17. matze
    4. Oktober 2011, 9:54

    hm. natürlich hast du recht. und ich finde auch, es gibt in diesem jahr keine überschätztere Platte als Casper. (und Thees Uhlmann alleine ist wahrscheinlich vor allem deshalb schlimmer als mit Tomte, weil seine Pseudo-Kumpel-Masche so noch mehr durchkommt)

    aber: dass es diskurspop und einfach zu konsumierendes (was beileibe nicht immer schlecht sein muss) gibt, war schon immer (zumindest seit ich musik höre) so. und ist glaub ich auch weltweit überall so – sogar innerhalb des deutschen raps, wo hier natürlich der diskursrap, den es ja durchaus gibt (auch wenn mir jetzt keiner einfällt, aber ich weiß, dass ich schonmal welchen gehört habe ;)), kaum an die öffentlichkeit schafft – warum auch immer.

    und, was viel wichtiger ist: es ist auch auf deutsch möglich, unpeinlich über gefühle und dergleichen zu singen. siehe locas in love.

    bleibt nur noch die frage: wieso hören menschen, die eigentlich einen ganz oken musikgeschmack haben, so einen scheiß wie casper (der weder gute texte hat, noch einen guten “flow”)

    ach ja, im rolling stone stand letztens ein echt guter artikel darüber, wieso bands wie frei.wild, unheilig und co so erfolgreich sind. leider gibt es den aber nicht online.

  18. Lukas Heinser
    4. Oktober 2011, 10:17

    @Lenalena: Wenn Sie schon auf Artikel kommentieren, die Sie nicht verstanden haben, sollten Sie in Zukunft wenigstens eine existierende E-Mail-Adresse angeben.

  19. Tommy Finke
    4. Oktober 2011, 10:58

    Man mag uns Popmusikern dieser Tage einen weniger kritischen Umgang mit den eigenen Texten unterstellen. Das ist das Ergebnis einer Emanzipation, die sich seit den 50er Jahren ereignet hat und nun in dem Gefühl gipfelt, man dürfte alles machen. Neulich saß ich im Studio mit einem Produzenten, ich hatte neues Material geschrieben und zeigte ein paar Texte und sagte “Mh, mit dem Text hier bin ich noch nicht zufrieden. Der wirkt irgendwie… zu glatt. Wenig Tiefe.” Die Antwort: “Ach, ich finde den ganz gut, da habe ich in letzter Zeit schlimmeres gehört… Außerdem kann sowas heutzutage machen!” Ich denke diese Situation zeigt das Dilemma recht deutlich: Wenn schon die geschmackliche Kontrollinstanz nicht mehr funktioniert, dann wird es kompliziert.
    Dem Künstler bleibt dann nur noch die eigene, pure Vernunft. Und wie wir wissen, darf die ja gar nicht siegen. Eben.

  20. Tommy Finke
    4. Oktober 2011, 10:59

    In Zeile 7 in meinem oberen Post soll es natürlich heißen “Außerdem kann MAN sowas heute machen!”

  21. Zum Stand der deutsprachigen Musik « tous et rien
    4. Oktober 2011, 11:23

    [...] Coffee and TV: Seit einiger Zeit fühle ich mich, als stünde ich an irgendeinem Bahnhof am Gleis und der [...]

  22. sachma
    4. Oktober 2011, 12:54

    Die Ärzte haben durchaus auch songs veröffentlicht in der ihre Haltung offenbar wird. “Schrei nach Liebe”, “Punk ist” oder “Deine Schuld” sind dafür gute Beispiele.
    Mir ist bewußt, dass viele Lieder sehr ironisch zum Teil sogar sarkastisch sind. Aber mir gefällt das. Im Übrigen ist der Besuch eines Ärzte Konzerts sehr empfehlenswert.

  23. selanger
    4. Oktober 2011, 13:09

    Popkulturkritik, die: “… die bitte das genaue Gegenteil deklamieren sollen, nur damit mal ein bisschen Leben in der Bude ist.”

  24. Lukas Heinser
    4. Oktober 2011, 13:11

    Dass sich jetzt alle an diesem Hosen/Ärzte-Nebensatz aufhängen …

    Natürlich sind mir die genannten Songs bekannt und ich hatte auch großen Spaß auf einem Ärzte-Konzert, aber insgesamt nehme ich denen ihre “ernsteren” Lieder nicht (mehr) ab. Campino ist schrecklich, aber ich nehme ihm das ab, was er macht und sagt — Thees Uhlmann übrigens auch.

    Und noch mal zur Klarstellung: Natürlich soll jeder singen und hören dürfen, was er will. Aber woher kommt diese Sehnsucht nach übergroßen Gefühlen und heiler Welt?

  25. FF
    4. Oktober 2011, 13:24

    Danke. Mit Vergnügen gelesen. Teile das ratlose Entsetzen.
    Herr Uhlmann ist vor allem eins: ein zwar charmanter, dafür aber erbärmlich schlechter Sänger. Abiband-Niveau, bestenfalls. Daran vermag alles inbrünstige Wollen nichts zu ändern.
    Noch mehr schmerzen die Werke von Herrn Ramond: all die singenden Nervensägen von Louisan über Schöneberger bis hin zu Ina Müller! Roger Cicero. Das ist richtig schlimm. Gut für Rentner, die sich beim Geschirrspülen “musikalische Untermalung” wünschen.

  26. Sebastian
    4. Oktober 2011, 13:25

    Salut,

    Musik ist Gefühlsträger und es war eher eine Anomalie, dass das Äquivalent zu englischsprachigen gefühligen Texten auf Deutsch weitestgehend (wenn auch nie ausschließlich!) den Uncoolen sowie den Intellektuellen vorbehalten waren. Dein Verweis auf die WM 2006 trifft es ganz gut. Die deutschsprachige Musik ist im Schnitt weniger schlau, weniger lustig, da sie populärer geworden ist und thematisch alles irgendwie geht. Allerdings finde ich deine Beispiele nicht immer treffend: “Du hast die Art verändert, wie Du mich küsst” ist eine sehr treffende Beschreibung, die ich nicht als oberflächlich und schlagerhaft empfinde. Doch wie du sagst: Alles Geschmacksfragen. Aber am Ende ist das alles auch irgendwie okay.

    À plus,

    Sebastian

    PS: Casper redet in der Tat nur Stuss, habe ihn allerdings live auf dem Berlin Festival gesehen und fand, dass man zu ihm sehr gut gegen andere Leute hüpfen kann. Und das ist ja auch etwas wert.

  27. Sebastian
    4. Oktober 2011, 13:35

    Ach ja, um noch kurz etwas zu Kommentar 24 (Lukas) zu sagen: Popmusik war immer von großen Gefühlen beherrscht, nun halt stärker auf Deutsch. Wobei es jetzt mal forschungsmäßig spannend wäre, anhand von klar definierten Wörtern die Top 10-Texte der vergangenen 50 Jahre zu analysieren und eine Art Gefühligkeitsindex zu schaffen – und dann zu schauen, wie sich bestimmte gesellschaftliche Strömungen in der Musik widerspiegeln. Das wäre doch mal ein gutes Thema für eine sozialwissenschaftliche Master- oder Doktorarbeit.

  28. jesus_army
    4. Oktober 2011, 15:19

    Hi,
    ein Großteil der aktuelleren Musiker, von denen du geschrieben hast, sagen mir nichts, wobei ich nicht weiss, ob das jetzt gut oder schlecht ist, …

    Zum Thema deutscher Hiphop in Kombination mit hintergründige, witzige und gute Texte möchte ich auf:
    Blumentopf,
    Dendemann und
    Umse
    verweisen.

    Viel Spass damit,
    j

  29. Sebastian
    4. Oktober 2011, 15:43

    Ich habe noch nie was von Klopstock gehört und dachte es ginge um Stoppok. Der wiederum erinnert daran, dass die frühen 90er ja auch ihre Deutschrock-Zeit hatten, mit Selig und wie sie alle hießen. Es gab also schon einmal ein deutschsprachiges Bindeglied zwischen Schlager und Zuspruch aus der Indie-Ecke.

    Um den Kreis zu schließen haben Die Ärzte das Thema in “Deutschrockgirl” behandelt.

  30. freiwild
    4. Oktober 2011, 19:07

    Um Deine Schlussfrage zu beantworten: Der Geschmack der Popkultur ist wahnsinnig willkürlich. Und ich frage mich jedesmal, ob das Glück ist oder Können (im Sinne von Kaltschneuzigkeit) oder ob der Erfolg gemacht wird, von irgendwelchen anzugtragenden Agenten im Hintergrund. Dass vor ein paar Jahren plötzlich eine Countrykombo mit einem Olli Dietrich durch die Charts, durch die Popradiosender und zu allem Überfluss auch noch als deutsche Vertreter zum Eurovision Song Contest raste, ist für mich ein größerer Anlass für Verschwörungstheorien als der 11. September.

    Vor fünfzehn Jahren, auf dem Höhepunkt der Boygroup-Welle, habe ich mich darüber gewundert, wieso die Mädels in meiner Klasse extatisch zu englischen Texten tanzten, deren deutschsprachige Pendants völlig zurecht auf den ARD-Schlagerwellen liefen. Man kann vom deutschen Schlager halten, was man will (und ich halte ihn so ziemlich für das Musikgenre, dass ich am wenigsten auf meinem MP3-Player haben möchte), aber die Ablehnung von Schlagern bei gleichzeitiger Verehrung der Musik-Hits (was heißt denn “Hit”?) hat etwas hypokratisches.

    Deutschpop zeichnet sich, wie jede anständige Musik jedweder Sprache, durch Tiefgang aus. Oder zumindest durch Glaubwürdigkeit, durch Gefühl. Und ja, ich finde Philipp Poisel super-supertoll.

  31. Lukas Heinser
    4. Oktober 2011, 21:05

    @freiwild: Das fänd’ ich jetzt eigentlich ein ganz schönes Schlusswort.

    (Wobei ich am allerwenigsten Gothic und Reggae auf meinem MP3-Player haben wollen würde.)

  32. rotweixx
    5. Oktober 2011, 12:35

    was ist denn jetzt gegen Reggae zu sagen? Ich kenne da ein paar ganz tolle Gruppen, die…

    nein, schon gut!

  33. Mickey
    5. Oktober 2011, 17:26

    Bei Mey Abbitte leisten? Schon lange. Guter Mann, der – immer noch!

  34. Was ich loswerden will (62) « Düstere-Grenze
    5. Oktober 2011, 19:06

    [...] Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied [...]

  35. DW
    5. Oktober 2011, 19:21

    @ Lukas, #24

    “Natürlich soll jeder singen und hören dürfen, was er will. Aber woher kommt diese Sehnsucht nach übergroßen Gefühlen und heiler Welt?”

    Nunja, betrachte mal die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre:

    – Vereinzelung (euphemistisch auch als “Individualisierung” bezeichnet)
    – sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich
    – unsichere, schlecht bezahlte Arbeitsplätze
    – oft dem Arbeitsmarkt vorausgesetzte räumliche Flexibilität, weniger und lockere menschliche Bindungen
    – die Wirtschaftskrise
    – die Eurokrise
    – usw. (kurz: unsichere Zukunftsaussichten)

    Und das beschriebene Phänomen ist ja auch im Fernsehen zu erkennen – siehe Telenovelas, die eine Zeitlang aus dem Boden sprossen.

    Die Rückkehr zu mehr deutschsprachiger Musik ist vielleicht auch im internationalen Rahmen eine gewisse Normalisierung – in Polen ist es z.B. völlig normal, dass ähnlich schnulzige Lieder auf Polnisch gesungen werden. Und ganz ehrlich – die Texte vieler englischsprachiger Lieder sind auch selten dämlich, man merkt es nur als Nichtmuttersprachler weniger. Bis in die 70er Jahre hinein war es ja üblich, internationale Hits nochmal auf Deutsch einzusingen, um hier den Erfolg anzukurbeln. Beispiel:

    http://www.youtube.com/watch?v=KqKn-VFdMo8 (bin gerade nicht in Dtl, hoffentlich dort auch sichtbar und nicht durch die GEMA zensiert)

    Ansonsten: Casper ist an mir irgendwie vorbeigegangen (offensichtlich zu meinem Glück), und die anderen erwähnten Songs sind eher schlecht bis naja. Dennoch fände ich es positiv, wenn Du zwischen “schlechter Musik” und “Musik, die nicht Deinen Geschmack trifft” unterscheiden würdest. Ersteres ist schnell, billig, liebelos und nur zum Geldverdienen produzierte Musik (bestes Beispiel: alles von Dieter Bohlen) – aber dann gibt es ja auch jene Musik, die einem selbst nicht gefällt, bei der man aber merkt, dass sie mit Liebe produziert wurde.

  36. Lukas Heinser
    5. Oktober 2011, 19:28

    @DW: Die Gründe, die Du nennst (und die plausibel erscheinen), haben vor 35 Jahren mit dafür gesorgt, dass Punk groß wurde. Schon erstaunlich, dass es diesmal so andere Musik ist.

    Davon ab habe ich an keiner Stelle von “schlechter Musik” geschrieben. Ich muss doch hoffentlich in einem Blog nicht immer noch ergänzen, dass es sich um meine persönliche Meinung handelt, oder?

  37. DW
    5. Oktober 2011, 19:28

    Ergänzung:
    Ich habe noch ein schönes Beispiel zum Thema “Schnulzen in Landessprache übersetzen” gefunden:

    http://www.youtube.com/watch?v=nqNJiwv-m34

    Das war übrigens 1997, und zumindest ein Kommentator findet es “fajny”! Wahrscheinlich wäre man bei einer Übersetzung ins Deutsche gnadenlos ausgelacht werden. Heute wäre es sicher auch hier möglich.

  38. DW
    5. Oktober 2011, 19:31

    @ Lukas, #36

    “Ich muss doch hoffentlich in einem Blog nicht immer noch ergänzen, dass es sich um meine persönliche Meinung handelt, oder?”

    Natürlich nicht. Aber manchmal wirken Deine Kommentare schon etwas von oben herab und so, als würdest Du Hörer für ihren Musikgeschmack verurteilen. (Das tust Du sicher nicht, aber man kann es durchaus so rauslesen.)

  39. DW
    5. Oktober 2011, 19:46

    @ Lukas, #36

    “Die Gründe, die Du nennst (und die plausibel erscheinen), haben vor 35 Jahren mit dafür gesorgt, dass Punk groß wurde. Schon erstaunlich, dass es diesmal so andere Musik ist.”

    Auch in den 70er und 80er Jahre wurde ja auf solche Entwicklungen mit Schnulzen reagiert – denke nur an das schnulzigste überhaupt, TANZFILME! Ich habe jetzt leider keine Zeit, in den Charts der 80er Jahre zu wühlen, aber es gab sicherlich jede Menge ähnliche Musik. Und machen wir uns nichts vor, Volksmusik und Schlager waren bei weiten Bevölkerungsteilen stets beliebt, sie wurden halt nur von allen anderen belächelt. Aber das hast Du ja ganz gut zusammengefasst mit der sinngemäßen Aussage “Wenn ihr schon dasselbe wie damals macht, zeigt wenigstens nicht mit dem Finger drauf”.

    PS: Tut mir Leid, dass nun drei Kommentare von mir nacheinander auftauchen.

  40. FG
    5. Oktober 2011, 20:08

    Warum große Gefühle? Warum soll man sich mit kleinen zufrieden geben? Du stehst doch auch auf den Boss (wenn auch nicht auf das Supermarktmädel), der hat fast durchgängig sein Geschäftsmodel auf den ganz großen Pathos aufgebaut. Und dazu muss man sich nicht nur “I wanna marry you” oder “Thunder Road” anhören, da genügt auch Nebraska. Und hey, ich finds klasse.Und wenn man sich für den Satz “Each night I take my groceries and I drift away” schämen muss, dann wohl auch für

    “Someday girl I don’t know when
    we’re gonna get to that place
    Where we really want to go
    and we’ll walk in the sun
    But till then tramps like us
    baby we were born to run.”

    Und warum (gerne auch mal) heile Welt? Zum einen: Warum immer nur die kaputte? Und zum anderen: viele der von Dir rezensierten Musiker haben auch ein ganz ordentliches Arsenal an unheilem zu bieten. Und wahrscheinlich keiner von Dir verehrten keine heile. Warum auch nicht?

    Und außerdem gilt nach wie vor: What´s so amazing about really deep thoughts?

  41. janosch
    5. Oktober 2011, 21:32

    Alles schoen und gut, aber wie passt dieser Tankstellenbummsquark von Example in diesen Artikel?
    Da find ich Volkers Links deutlich unterhaltsamer.

  42. philipp
    6. Oktober 2011, 0:50

    Ich finde, dein Ansatz ist schwer nachzuvollziehen. (Achso, ich hoffe es ist okay zu duzen?)

    Mir gelingt es über weite Strecken nicht, zu verstehen, was du eigentlich kritisierst. Ist es die Art und Weise, wie Musik gemacht wird, was sie inhaltlich behandelt oder bemängelst du generell die Inhaltslosigkeit?

    Hier mal ein Kommentar zu Casper, der vor allem für eine junge Generation zutreffend scheint:

    “Ich finde das Album spiegelt die zwei Extreme im Umgang mit der Leistungsgesellschaft wider: Aussteigen oder Untergehen.
    Darauf lässt sich jeder Song zurückführen und das spricht uns, die wir nur noch ein, zwei Jahre vorm „drohenden“ Beruf und dem Ernst des Lebens entfernt sind und sich deshalb verstärkt die Frage nach dem wohin stelle, besonders an.”

    Das dir jetzt wahrscheinlich zu dürftig, aber im Kern doch richtig.

    Ich stimme der Tendenz zu, dass diese “einfache” Musik (auch bei Thees, 17 Worte ua.) mit ihrer inhaltlichen Orientierung an großen Gefühlen und den üblichen Dingen des Lebens im Moment erfolgversprechend ist. Aber viele Künstler, die du ansprichst, tun das eben nicht aus dem Anreiz. Thees’ Platte ist sein Kumpelding, er erzählt einfach auch mal die einfachen Gedanken, fernab der Tomte-Welt.

    Casper, immerhin auch fast 30, geht einen komplett anderen Weg im deutschen HipHop, dessen Eigenart es schon immer war, dass solche Grenzgänger selten Erfolg haben. Egal welche Stadt auf dem Cover präsentiert und auf der Platte unterstützt wurde, die Konstruktion “Rap-Song” war und ist immer noch gleich. Textlich versprechen die einen eher den Spaß, der nächste eine Monatsabrechnung von willigen Frauen und ein weiterer springt mit grüner Brille zur Integrationsfigur und zum Vater (der mir allen ernstes noch verkaufen will, dass es cool ist “einen von den alten Verträgen zu haben”, der ihm ermöglicht major zu verdienen und indie zu produzieren). Jetzt kommt dann dieser Benjamin Griffey daher, irgendwo zwischen Pathos, storytelling, Indieband und dem Hipstertum, dessen Hype entweder clever aufgebaut oder eben selbstlaufend war (ich vertrete letzteres).

    Alleine die ersten beiden Tracks geben doch Aufschluß, wer hier adressiert wird – rein zufällig sind die Adressaten dieser Tage bereits überall in den Medien (die unzähligen Jugend- und Studentenbewegungen, die sich derzeit daran versuchen, die Welt zu verändern). Ich für meinen Teil habe selten unpeinlichere deutsche Texte gehört bzw. gelesen (das ist kein Beweis für irgendwas) – und das jemand einen Vaterkomplex thematisiert ist mMn (zumindest für HipHop) ein Novum!.

    Und weil wir schon bei Boss-Remniszenzen sind:

    “Blow away the dreams that tear you apart
    Blow away the dreams that break your heart
    Blow away the lies that leave you nothing but lost and brokenhearted”.

    P.S. Grammatik an und für sich ist in vielerlei Hinsicht im HipHop (sei es deutsch, englisch, französisch, esperanto oder sonst was) ein relativ dehnbarer Begriff – und zumeist unterstützt ein gewisser Grad an Unperfektion den eher bodenständigen Eindruck.

  43. Timo
    6. Oktober 2011, 12:09

    Ach Lukas, diese großen Gefühle, die dir dieser Tage so irritierend vorkommen, dürften dir doch gar nicht so fremd sein.
    Seit längerer Zeit verfolge ich schon deine Meinungen, die du hier veröffentlichst, verwundert über diese biedere und wertekonservative Weltanschauung, die du als empörter Moralist vertrittst.
    Deine Rückschau auf das vergangene Jahrzehnt, dein Abschied von R.E.M. – das ist doch schnöder Historismus, der die schöne Jungfräulichkeit deiner Jugend zelebriert. Diese Artikel sind doch ebenso pathetisch und voll großer, starker, persönlicher, unpolitischer Bilder, wie diese Songtexte, die du bei diesen kalkulierten, völlig uninteressanten Pop-Musikern anprangerst.

    Und zeugt es nicht von einer Doppelmoral, wenn du stetig diese seltsamen Veranstaltungen besuchst, bei denen seit jeher ein Haufen Nichts aufgeblasen wird, um dich dann öffentlich darüber zu mokieren? Denn mit Verlaub – die letzte ECHO-Preisverleihung stand diesem Brimborium in Nichts nach.

  44. Lukas Heinser
    6. Oktober 2011, 12:33

    Okay, ich sehe langsam ein, dass ich lieber drei verschiedene Artikel geschrieben hätte. Vielleicht hab ich hier zu viele Gedanken reingekübelt, die in meinem Kopf irgendwie zusammenhängen, es in Wahrheit aber nicht tun.

    Also, Timo: Ich habe ja nichts gegen große Gefühle und ich schreibe ja auch, dass ich selbst nicht verstehe, warum mir manches gefällt, anderes aber nicht, obwohl es objektiv betrachtet fast dieselbe Musik ist.

    Ich wundere mich nur, dass Thees Uhlmann mit seinem Soloalbum plötzlich die Aufmerksamkeit bekommt, die er vor acht Jahren für “Hinter all diesen Fenstern” verdient gehabt hätte. Und warum alle Casper abfeiern, während ich auf dessen Musik (live wie auf Platte) mit körperlichen Beschwerden reagiere.

  45. Timo
    6. Oktober 2011, 16:28

    Der TAZ hat Uhlmann neulich folgendes ins Diktiergerät gesprochen:

    „Ich will kein Feuilleton-Oschi sein, von denen gibt es genug. Ich will, dass meine Songs vom Mädchen an Kasse zwei gehört werden. Wenn Popmusik zu politisch wird, dann bedeutet das auch, dass man Leute ausschließt. Ich will verhindern, dass meine Kunst so codiert wird, dass Leute denken, das könnte ihnen zu hoch sein. Diese Platte ist so dermaßen unschuldig entstanden. In einer solchen Unschuld habe ich noch nie Musik gemacht. Wahrscheinlich habe ich auch Angst, dass mir diese Unschuld genommen wird.“ (http://www.taz.de/!78819/)

    Es fällt schwer, ihm das abzunehmen, zumal er mit Tomte klar Position bezogen und vor allem eher Abiturienten / Studenten angesprochen hat und nicht eben diejenigen, die eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht haben.
    Und obwohl diese neuerliche „Alle-sollen-meine-Musik-gut-finden-können“-Haltung von Uhlmann mindestens irritierend ist, ist das doch immer noch ansprechender, als dieser eklige Casper, der nur von öden und aufgewärmten Adoleszenz-Problemen berichtet und Musik drum herum spinnt, die vom Reißbrett stammt.
    Aber das ist ja alles zum Glück Geschmackssache.

    Dennoch würde mich interessieren, weshalb du nun zur Schau getragenen Patriotismus (wenn ich deinen abschließenden Satz richtig interpretiert habe) anprangerst und dich Musikern und Moderatoren, mit denen du gearbeitet hast oder zumindest bekannt bist, plötzlich verschließt.
    Dieser Artikel liest sich für einen aufmerksamen Leser dieses Blogs wie eine Abrechnung des Autors mit sich selbst.

  46. jensen
    6. Oktober 2011, 19:44

    Ein wichtiges und längst überfälliges Manifest gegen die Verschlagerisierung der massenkompatiblen Musik hierzulande. Danke dafür und für den Hinweis auf Friedemann Weise.

  47. Lukas Heinser
    6. Oktober 2011, 20:04

    Dies ist kein “Manifest”. Es ist meine Meinung bzw. der Ausdruck eines gewissen Unverständnisses meinerseits.

    (Ich kann nicht mehr. Hilfe!)

  48. Coffee And TV: » Auf der Straße zur Ironie-Hölle
    27. Oktober 2011, 0:03

    [...] zwar schnell wieder die Gefahr der Fremdscham, aber damit muss man klar kommen. Man kann das Werk verurteilen, sollte dem Künstler aber Respekt [...]

  49. Coffee And TV: » Bernd Begemanns Gewaltphantasien
    10. November 2011, 12:00

    [...] hatte mich neulich ein wenig über deutschsprachige Gegenwartsmusik empört. Ein paar Wochen später hab ich Kraftklub live gesehen und damit die erste neue Band mit deutschen [...]

  50. Fernsehen ohne Kaffee – Coffee And TV
    23. März 2012, 14:27

    [...] Jahres (Jupiter Jones, Frida Gold, Andreas Bourani, Tim Bendzko und Revolverheld — don’t get me started), das noch ein bisschen unterprobt wirkte, in Zukunft aber funktionieren sollte, über die angenehm [...]

  51. Haut es mit Edding an die Wände – Coffee And TV
    6. November 2012, 17:53

    [...] sind jetzt immer noch da, wo man kaum noch das Radio einschalten kann, ohne von einem dieser neuen Schlagerheinis angenuschelt zu werden, auf die das Adjektiv zutrifft, dass kettcar damals vielleicht sogar [...]

  52. Songs des Jahres 2012 – Coffee And TV
    22. Januar 2013, 16:00

    [...] er ist nur scheiße verpackt”. Das ist so meilenweit weg von den Acts, die jedes Jahr den “Bundesvision Song Contest” unsicher machen, so sagenhaft gut, dass es wirklich keines Todesfalls bedurft hätte, um dieses [...]

  53. Zweitausenddreizehn – 1ppm von Johannes Mirus
    31. Dezember 2013, 12:01

    […] Die beste Musik? — Alex Hep­burn: Under. […]

  54. Morgenlinks mit Männern in Frauenpose und Frauen in Modepose - netzfeuilleton.de
    15. September 2014, 22:26

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