Kinder, die Charts sind gar nicht so schlimm!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 27. Februar 2009 18:16

Vor genau einem Jahr hatte das taz-Popblog über die “schlechtesten Charts aller Zeiten” berichtet — und fürwahr: mit Schnuffel auf 1, 3 mal DJ Ötzi und 2 mal De Höhner in den Top 20 klang das tatsächlich eher nach der irren Phantasie eines akustischen Sadisten als nach irgendwas, was entfernt mit Musik zu tun gehabt hätte.

Neulich stieß ich dann versehentlich beim Zappen auf eine Viva-Sendung, in der fünf okay bis großartige Songs hintereinander liefen: “Human” von den Killers, “Allein allein” von Polarkreis 18, “Hot N Cold” von Katy Perry, “Dance With Somebody” von Mando Diao und “Broken Strings” von James Morrison und Nelly Furtado. Wie sich herausstellte, hatte ich gerade die Top 5 der deutschen Singlecharts gesehen.

Die deutschen Single- und Albumcharts.

Dass all das, was mal “Indie” war, inzwischen Mainstream ist, wissen wir spätestens seit Coldplay, My Chemical Romance und Franz Ferdinand. Trotzdem war ich hochgradig überrascht, als im vergangenen Herbst “Allein allein” über Wochen Platz 1 der deutschen Charts blockierte. Gewiss: Der Marketingaufwand (Trailermusik für das “TV Total Turmspringen” und “Krabat”, massiver Airplay bei MTViva) war hoch gewesen, hatte sich aber offenbar ausgezahlt und aus dem einstigen Indie-Geheimtipp Polarkreis 18 quasi über Nacht eine große Nummer gemacht, die beim “Bundesvision Song Contest” prompt Platz 2 hinter dem uneinholbaren Peter Fox belegte.1

Mando Diao schlugen mit “Dance With Somebody” auf Platz 3 der deutschen Singlecharts ein und gingen dann auf 2, wo sie sich seit fünf Wochen halten, während ihr Album “Give Me Fire” wie selbstverständlich auf Platz 1 landete. Zwar werden sie vermutlich nächste Woche von U2 verdrängt werden, aber mit Peter Fox, Bruce Springsteen und Morrissey sieht es auf den folgenden Rängen auch gar nicht so schlecht aus. Lily Allen steht plötzlich in den deutschen Top 20, die Killers schafften es mit “Day & Age” auf Platz 8 — und lagen damit zwei Plätze hinter der besten Platzierung von “Sam’s Town”.

Völlig grotesk wird es, wenn man sich das Tracklisting der aktuellen “Bravo Hits”2 ansieht: Mando Diao, The Killers, Razorlight, Snow Patrol, Coldplay, Franz Ferdinand, Kings Of Leon, MGMT, Deichkind, Ingrid Michaelson und Peter Fox tummeln sich da zwischen Queensberry, Britney Spears, The Rasmus und Sido.3

Hat die Jugend plötzlich Musikgeschmack4 oder ist irgendwas anderes passiert?

Vermutlich handelt es sich um eine Mischung aus Beidem: Während sich Teile der Jugend Songs entweder an den Zählwerken von Media Control vorbei beschafft oder als Klingelton kauft,5 kaufen ein anderer Teil und viele ältere Menschen – wobei ich in diesem Fall schon zu den “Älteren” gehöre – plötzlich Mando-Diao-Singles bei iTunes und verschafft den Schweden somit mal eben einen Platz knapp hinter der Chartspitze.

Treue Fans kaufen nach wie vor die Alben ihrer Lieblingsbands (weswegen Tomte in der ersten Woche auf Platz 9 der Albumcharts knallen), Musikfernsehen gibt es in Deutschland ja eh keines mehr, die Hauptverbreitungskanäle für neue Musik heißen YouTube und MySpace, zahlreiche eher alternative Acts laufen im Radio rauf und runter, und so kommt eines zum Anderen und am Ende sehen die Charts eben aus, als habe jemand den Indie-Ballermann über den Top 10 ausgegossen.

Wobei wir uns da nicht vertun sollten: Mando Diao erschienen schon immer bei einem Major (früher EMI, jetzt Universal), Lily Allen hatte schon bei einer EMI-Tochter unterschrieben, als ihr MySpace-Hype losging, und von den “echten” Indie-Acts verkaufen nicht mal große Namen wie …And You Will Know Us By The Trail Of Dead in Deutschland viel mehr als 10.000 Exemplare. Das mit der Nachwuchsförderung ist hierzulande nach wie vor Glückssache und leben können die allerwenigsten Musiker von ihrer Musik allein.

Aber für den Moment können wir uns ja einfach mal freuen, wenn die Charts mal nicht die schlechtesten aller Zeiten sind.

  1. Wenn ich bei den Recherchen nichts übersehen habe, war “Allein allein” übrigens der erste Nummer-Eins-Hit einer deutschen, aber englischsprachigen Band seit “Wind Of Change” 1991 “Lemon Tree” 1996 — trotz seines deutschen Titels. []
  2. Nummer 64, that is. []
  3. Wundern Sie sich aber nicht zu stark: auf “Bravo Hits 52″ waren Tomte und Wir Sind Helden vertreten. []
  4. Also das, was wir als arrogante Musiksnobs mit “Musikgeschmack” gleichsetzen: unseren. []
  5. Bitte werfen Sie einen Blick in die Klingeltoncharts, um rasch auf den harten Boden der Tatsachen zurückzukehren! []

21 Kommentare

  1. Sebastian S.
    27. Februar 2009, 20:14

    Siehste, früher sah das bei den Bravo Hits nämlich noch so aus und ein bisschen Neid bekommt man da schon.

  2. Schnitzel
    27. Februar 2009, 21:16

    Ich habe gerade die letzten Worte des Beitrages gelesen und wollte zustimmend nicken, als plötzlich “Die ultimative Chartshow – Die besten Dancefloor-Hits” anfängt. Ironie?

  3. Philipp
    27. Februar 2009, 21:17

    Gehetze über die Verkaufs(!)-Charts finde ich schon lange albern. Ungefähr so originell wie Tokio Hotel-Bashing.

    Aber in einem Punkt muss ich doch einhaken: Es gab schon noch mehr deutsche, englisch singende Nr.1-Interpreten seit den Scorpions:
    – No Angels (2001, 2002)
    – Sarah Connor (2001)
    – Scooter (2002)
    – Alexander Klaws, Daniel Küblböck, Mark Medlock, Preluders, Overground, Nu Pagadi, Tobias Regner, Monrose
    – Max Mutzke
    – etc

    s. u.a. hier

    Ansonsten hast Du aber recht, die Balla-Balla-Songs sind nicht mehr ganz so dominant. Selbst an Karneval nicht. Nur “Last Christmas” steigt von Jahr zu Jahr höher…

  4. Bän
    27. Februar 2009, 21:39

    Man kann als Anhänger des oben beschriebenen Teils der “Indie”-Bands immer noch der Meinung sein, einen eigenen, halbwegs individuellen und nicht massenkompatiblen Musikgeschmack zu haben, der komplett neben den Charts existiert?

    Alternative ist Pop. Sagt last.fm.

  5. Lukas
    27. Februar 2009, 22:13

    @Philipp: Deswegen schrieb ich ja explizit “Bands”, wozu ich die Popstars-Truppen eher ungern zähle. Ansonsten hättest Du natürlich Recht.

    Scorpions stimmte übrigens nicht: Kollegin Kathrin hat zumindest noch “Lemon Tree” ausgegraben.

  6. Kunar
    27. Februar 2009, 23:29

    Über die Single von Katy Perry habe ich eine ganz andere Meinung. Außerdem müsste die Überschrift nicht Kinder ansprechen, sondern “die älteren” (alles ab 25).

    Aber ansonsten: Ja, ist doch schön, dass gute Musik es mal wieder nach oben schafft. Und diese ganze unlogische Geheule von wegen “ist in den Charts, kann also nicht gut sein” oder “jetzt wo’s alle hören, ist es zu kommerziell” kann man sich getrost sparen. Um es mit einem alten Werbespruch aus den 1990ern zu sagen: “Du meckerst ja gar nicht!” Und warum auch? Wir sind ja gar nicht so, wir können auch anders!

  7. Johanna
    28. Februar 2009, 0:55

    Schade, eigentlich war doch schon immer das beste an BRAVO Hits, dass da nur so trashiger Mist drauf war.

  8. Alex
    28. Februar 2009, 2:18

    Zumindest scheint sich eines langsam durchzusetzen: Musik darf auch gut sein, wenn sie bei einem Major Label veröffentlicht wird. Format Radio kann gute Musik spielen (Lieber Lukas, wenn du es nicht hörst, wie kannst Du dann beurteilen, dass es schlecht ist?). Es ist kein Zeichen von Qualität, wenn man nur IndyLabel hört. Und ich darf morgen das neue U2 Album kaufen, wie ich es seit Joshuas Tree mache, weil ich sie mag. Keine Musik ist schlecht, weil sie ein Major Label hat oder in den Charts ist, kein Song ist schlecht, weil NDR2 ihn spielt, ich mag “this ist the life” von Amy MacDonald, weil ich keine Ahnung von Musik habe, ich mochte den Reisebericht nach Oslo, weil ich neue Bands kennen gelernt habe.

    Aber ich bin einfach zu alt, um mir einreden zu lassen, dass die Musik, die mir gefällt, schlecht ist. Und wenn heutzutage Musik, die mir gefällt, gut sein darf und Erfolg haben darf, dann hoffe ich irgendwann auch darauf, dass Klassik im Sinne eines David Garrett verpoppt werden darf und nicht nach Ansicht einer Anne Sophie Mutter ein elitäres Erlebnis bleiben darf.

    In dem Zusammenhang hat mir die Meldung gefallen, dass Thomas D. beim Schleswig Holstein Festival auftritt.

    In dem Sinne

    Gruß

    ALex

  9. BAM!
    28. Februar 2009, 9:01

    “Dass all das, was mal “Indie” war, inzwischen Mainstream ist, wissen wir spätestens seit ….”

    …”Heureka” Musiktipp bei RTL2 war.

    Da war ICH hochgradig überrascht. ;)

  10. Hirngabel
    28. Februar 2009, 15:19

    Oder seitdem ich vor kurzem unter der Woche mittags “Mykonos” von den Fleet Foxes bei L1VE im Radio laufen hörte…

    Ist mir aber auch vor kurzem erst aufgefallen, dass es zwei große “Trends” derzeit gibt, die die momentane Musik- und Chartswelt dominieren: Entweder ist es grob dem Bereich Indie-angehauchte Gitarrenmusik oder dem Bereich HipHop/Rap/Black Music zuzuordnen, was momentan so im Radio zu hören ist.

    Die “Dance-Schiene” z.B. scheint mir irgendwie nahezu komplett weggebrochen zu sein. Aber das mag auch selektive Wahrnehmung sein.

  11. Coffee And TV: » Die Kilians-Festspiele 2009 sind eröffnet
    28. Februar 2009, 18:48

    […] Charts? Warum nicht? Am 27. März erscheint die Single, am 3. April das Album “They Are Calling Your Name”. […]

  12. Lukas
    28. Februar 2009, 22:16

    Okay, meine Toleranzschwelle wurde dann doch gerade überschritten: Oasis im Vollplayback bei “Wetten dass … ?” ist definitiv zu viel des Guten.

  13. Philipp
    1. März 2009, 14:02

    @Hirngabel: Würde sagen, die vorherrschenden Richtungen sind Rock & Pop, Soul nur im Pop-Gewand (Beyoncé, Rihanna etc.).

    Dance ist in der Tat out, da kommt aber auch wenig massentaugliches in der letzter Zeit. Und was kam, läuft ja auch (Guetta, Fedde Le Grand, Justice etc.).

  14. 31 songs « angedacht
    1. März 2009, 14:40

    […] 1. März 2009 Drüben bei Coffee And TV hat Lukas darauf hingewiesen, dass die Charts gar nicht so schlimm seien. Vermutlich hat er recht, und ich will mich ehrlich gesagt gar nicht mit seiner Frage […]

  15. *indigoidian.de* » Was ist da los?
    2. März 2009, 11:30

    […] Beitrag geht´s hier entlang. Hat die Jugend plötzlich Musikgeschmack? Keine Balla-Balla-Songs in den deutschen Charts? […]

  16. saripari
    2. März 2009, 14:42

    Natürlich sind diese Charts nicht die schlechtesten aller Zeiten. Aber ob der Musikgeschmack dann doch so gut ist? Mando Diao noch als gute Musik zu bezeichnen- weiß ich nicht. Ja, es ist wesentlich besser als jeder Song von DJ Ötzi, aber gut sind die auch nicht. Day & Age ist mit Abstand das schlechteste The Killers Album und Katie Perry ist alles nur kein Indie-Wunder.

    Aber hauptsache, die Klingeltonmanie ist erstmal weg..

  17. Lukas
    2. März 2009, 14:46

    Das mit Mando Diao und den Killers ist ja nun echt mal Geschmackssache.

    Und Katy Perry ist natürlich nicht Indie, aber eben auch nicht schlecht. (Finde ich zumindest, aber ich höre ja auch kein Radio, wo ihre Singles rauf und runter laufen.)

  18. Johannes
    3. März 2009, 23:50

    Alle Katy Perry-Hasser gucken sich bitte das hier an:
    http://de.youtube.com/watch?v=CGyqdB_hFxw

  19. henker
    4. März 2009, 15:55

    nix gegen die höhner, man sollte mal betonen, dass das rheinland, insbesondere Köln eine der wenigen Städte in Deutschland mit einer eigenen Musikszene ist.

  20. Lukas
    4. März 2009, 16:08

    Eben: “eigene Musikszene”, regionale Folklore Musik.

    Nichts, was man nördlich von Leverkusen oder südlich von Bonn noch kennen oder gar kaufen müsste.

  21. Coffee And TV: » Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied
    3. Oktober 2011, 21:05

    […] vor zehn Jahren noch den Kollegen von WDR 4 rübergeschoben hätten. Indie ist nicht nur Mainstream geworden, sondern in Teilen auch zum Schlager […]

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