You and I, we’re gonna live forever

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. September 2009 1:29

Von mehreren Seiten wurde der Wunsch an mich herangetragen, ich möge mich in diesem Publikationsorgan doch bitte zum Ausstieg Noel Gallaghers bei Oasis äußern. Normalerweise wäre das ein guter Grund, gar nicht erst über einen Text nachzudenken, sondern den Bittstellern den Vogel und den Weg zur Tür zu zeigen. Aber Oasis sind ja nicht irgendeine Band und die Diskussionen der letzten Tage legen den Verdacht nahe, dass das Thema uns Popkulturgeschädigte mindestens so sehr beschäftigt wie der Tod von Michael Jackson.

Touristenfotos aus der Brtipop-HölleAlso, zunächst einmal: Ich glaube nicht, dass der Ausstieg von Dauer sein wird. Noel Gallagher ist zwar das letzte Bandmitglied, das vom Durchbruch bis vor kurzem dabei war (wir erinnern uns: auch Liam war ja zwischenzeitlich irgendwie mal ausgestiegen), insofern wiegt das vielleicht etwas schwerer, aber bei Licht besehen sind Oasis doch wie diese Pärchen im Freundeskreis, die sich immer wieder trennen und immer wieder zusammenfinden — beides zum Leidwesen aller Unbeteiligten. Ein Nachruf wird das hier also nicht werden.

Schon gar nicht auf eine Band, die selbst wunderbar in Worte packte, woran sich nie jemand gehalten hat:

Please don’t put your life in the hands
Of a rock ‘n’ roll band
Who’ll throw it all away

Alle Diskutanten haben einhellig die Meinung vertreten, dass der letzte richtig gute Oasis-Song schon länger her sei — nur über den genauen Zeitpunkt und Titel ist man sich uneins. Ich würde vor sieben Jahren ansetzen, auf “Heathen Chemistry” mit den letzten Über-Balladen “Stop Crying Your Heart Out” und “Little By Little” und dem Kleinod “She Is Love”. “Falling Down” auf dem letztjährigen “Dig Out Your Soul” war auch nicht schlecht, aber das darf man alles nicht mit den alten Sachen vergleichen.

Ich habe in den letzten Tagen einen Vergleich bemüht, von dem ich vergessen hatte, dass ich ihn schon beim großen Jahresrückblick verwendet hatte: Nämlich den, dass es mit Oasis sei wie mit einem alten Schulfreund — “das Wiedersehen ist herzlich, man denkt an alte Zeiten, trinkt zwei Bier und geht wieder getrennter Wege”.

Oasis waren ja ungefähr zwei Sommer lang so groß, wie die Ultras sie heute noch sehen. Auf dem Höhepunkt abzutreten haben nicht mal Nirvana geschafft. Danach kommt eben die Verwaltung der eigenen Errungenschaften und dafür kann man dann ruhig den Rolling-Stones-Weg einschlagen. Und denen ging es ja in den Achtzigern auch nicht besonders.

Ich kam (wie ungefähr jeder andere) über “Wonderwall” zu Oasis. Auf “Bravo Hits 12″ und das ist ja Grund genug, den Song heute zu hassen. “Soloalbum” von Benjamin von Stuckrad-Barre – und Sie dachten, wir sprechen bei Oasis von einem Absturz in die Bedeutugnslosigkeit – hämmerte mir die Band ins Bewusstsein, danach wurden alle bisher erschienenen CDs gekauft und bei jeder Neuerscheinung das Geld brav in den Laden getragen.

Die Pflichtschuldigkeit, immer noch jedes neue Album kaufen und irgendwie mögen zu müssen, habe ich bei Oasis gelernt. Eine objektive Beurteilung von Künstlern, von denen ich mehr als drei Platten habe, ist mir bis heute unmöglich. (Einzige Ausnahme: “Intensive Care” von Robbie Williams. So eine Scheißplatte muss man wirklich erst mal machen.)

Im Gegensatz zu anderen Britpop-Fans glaube ich auch heute noch an den Glaubenskrieg Oasis vs. Blur. Ich war immer Oasis-Fan, von Blur habe ich nur das Best Of. Coffee And TV heißt natürlich trotzdem nach einem Blur-Song, auch wenn die Band wenig ausschlaggebend war für die Wahl. Und es ist natürlich die ganz besondere Ironie der Popkultur, dass ausgerechnet im Jahr 2009 – rund 15 Jahre nach den Golden Years of Brit-Pop – Blur plötzlich ein gefeiertes Comeback hinlegen und bei Oasis das Mastermind aussteigt. Besser tanzen konnte man freilich immer schon zu Blur.

Oasis werden wiederkommen, daran habe ich keinen Zweifel. Die Band hat in ihrer Karriere vermutlich mehr Konzerte abgesagt, als die Babyshambles je gespielt haben. Sich klammheimlich aus einem Festival-Line-Up zu stehlen, ist mies, denn das Geld kriegt man nicht wieder — auch nicht, wenn stattdessen Deep Purple spielen.

Und wenn Noel Gallagher nicht in ein, zwei Jahren wieder auf der Bühne steht, als sei nichts geschehen, dann gilt immer noch, was ein guter Freund und Ex-Oasis-Fan meinte: “Eine Band ist doch nicht weg, wenn sie sich auflöst. Die Platten wird es immer geben.”

In diesem Sinne: “You and I, we’re gonna live forever!”

24 Kommentare

  1. tux.
    1. September 2009, 8:20

    Der letzte (und einzige) gute Oasis-Song: Sad Song. – Alles Weitere: Mädchenlieder. ;o)

  2. Linus
    1. September 2009, 10:48

    Ich muss sagen, dass ich bei Oasis langsam aber sicher den Überblick verloren, was denn da jetzt gut sein darf oder nicht. Ich lebte in England als “Be Here Now” rauskam und alles Amok gelaufen ist, um sich die Platte zu besorgen. Ein halbes Jahr später war man sich plötzlich einig, dass das Ding ein auf Koks überproduzierter Haufen Mist ist.

    Und das ging dann eigentlich mit jeder weiteren Platte so weiter. Ein “Return to form”? Ja, jetzt…nein, doch nicht. usw.

    Richtig geärgert habe ich mich nur als “The Masterplan” rauskam. Ich hatte alle Maxis und hielt mich dementsprechend für was Tolles. Nun ja. Die B-Seiten sind aber auch verdammt geil.

  3. matt
    1. September 2009, 12:06

    Ich bin mit “Live forever” ein- und mit “Be here now” ausgestiegen. Ersteres finde ich bis heute gut und kann mich in schöner Regelmäßigkeit daran erfreuen, “Be here now” ist ein auf Koks überproduzierter Haufen Mist.

  4. Horst Motor
    1. September 2009, 13:59

    Noel war durchaus auch schon mal eine Zeitlang kein Oasis-Mitglied – nun ja, oder zumindest mal eben nicht dabei.
    Bei Rock im Park 2000 sah ich deshalb Oasis ohne Noel und nur mit Liam (der umgekehrte Fall war ja dann doch öfter mal an der Tagesordnung, Stichwort: MTV Unplugged). Es war selbst für Oasis-Verhältnisse ein mieses Konzert und das hat schon was zu sagen (und: das sage ich als Oasis-Fan).
    Einzige positive Erinnerung im Nachhinein sind die Passagen, die von beiden Brüdern gemeinsam oder besser noch abwechselnd gesungen werden. Allem voran “Acquiesce” – Liam sang seinen Teil und während Noel dann “Because we neeeeeed each other” sänge, stand Liam nur bewegungslos am Mikro und guckte in seiner unvergleichlichen Art aus Coolness und Debilität in die Menge. Hier bitte den Spruch mit “so schlecht” und “fast schon wieder gut” einsetzen.

    Meine persönliche Oasis-Analogie möchte ich Dir auch noch gerne hinterlassen, Lukas, auch wenn es das Biertrinken mit dem alten Schulkameraden gut trifft. Für mich waren Oasis-Konzerte immer wie Spiele meines Fußballvereins, der in der 5. liga spielt: Man weiß, das die besten Zeiten lange, lange her sind und vermutlich nie wieder kommen werden. Und dennoch geht man zu jedem Spiel (Konzert) und feiert und ist euphorisch als gäbe es kein Morgen und sagt danach nur “Geil war es wieder”, egal ob 0:2 oder “Wonderwall”.

  5. Horst Motor
    1. September 2009, 14:02

    Internet, wie lieb ick Dir:

    http://www.youtube.com/watch?v=DFJkm0lMqhk

    Oasis, Rock im Park 2000, Supersonic (without Noel)

  6. Sven E.
    1. September 2009, 16:44

    “Sich klammheimlich aus einem Festival-Line-Up zu stehlen, ist mies, denn das Geld kriegt man nicht wieder — auch nicht, wenn stattdessen Deep Purple spielen.”

    Viel schlimmer ist doch, dass durch Oasis viel zu spät bekannt wurde, dass Deep Purple bei Rock am See Headliner ist. Vielleicht wäre ich dann sogar hin … ;)

  7. Christoph Wesemann
    1. September 2009, 19:39

    “…dass ausgerechnet im Jahr 2009 – rund 15 Jahre nach den Golden Years of Brit-Pop – Blur plötzlich ein gefeiertes Comeback hinlegen…”

    Meine Frau hyperventiliert gerade. Sie sagte vor ein paar Minuten: “Wieso weiß ich davon nichts. Frag mal diesen Blogger, was er mit Comeback meint. Neue Platte?”

    “Konzerte, Schatz.”
    “Waaaaaaaaas? Und wir hocken hier in der Ukraine herum? Wir müssen zurück nach Deutschland.”
    “Du verwechselst aber nicht Blur mit Pulp, oder?”
    “Nee, aber Pulp waren auch toll.”

    Ich habe sie gerade mit ein paar Blur-Videos auf Youtube ruhiggestellt.

  8. SvenR
    1. September 2009, 22:38

    Hm, Oasis. Ich weiß nicht. Ich war ja schon immer sehr für contemorary music zu haben und war damals vom Brit-Pop im Allgemeinen angetan, habe aber nie Feuer gefangen. Zu fest habe ich das Vorurteil der stillosen strunzdummen arroganten Proleten (im uneigentlichen Sinne des Wortes) im Kopf. Koks macht’s auch nicht besser.

    Warum muss ich dauernd an Paul Weller/The Style Council denken? Weil die das sind, was Oasis nie erreichen kann?

  9. Kunar
    2. September 2009, 0:08

    Durch die “Gnade der frühen Geburt” kannte ich zuerst “Don’t Look Back In Anger”. Das wurde immer beim ZDF gespielt, wenn auf den Tag bei der EM 1996 zurückgeblickt wurde. Zum letzten Mal wurde es gespielt, als der tschechische Torhüter an einen Torpfosten gelehnt saß. Vorher hatte man gesehen, wie der Ball ins Tor fiel und dabei einige Trinkbehälter umstieß. Am Anfang, wenn die “Imagine”-Klaviermelodie gespielt wurde, liefen vier Fußballer über den Zebrastreifen bei der Abbey Road. Diese Bilder haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. “Wonderwall” kam erst im ersten Semester richtig auf, wurde aber eins der fünf Uni-Party-Lieder – und zwar über die gesamte Studienzeit.

    Was nun den “Ausstieg” betrifft: Die Analyse mit dem Paar im Freundeskreis trifft’s genau. “Krach bei Oasis” ist ungefähr so sensationell wie “Partei A kritisiert Partei B”.

  10. Linus
    2. September 2009, 10:42

    Also zum Thema Klamottenwahl und lustige Frisuren können Oasis The Style Council schon das Wasser reichen. Aber ok, letztere dürfen das, sind ja tiefste 80er. Aber Du meintest sowieso nicht eher The Jam?

  11. SvenR
    2. September 2009, 11:19

    @Linus #10:

    Für The Jam bin selbst ich noch nicht alt genug.

  12. Hannelore
    2. September 2009, 14:02

    Klar, kommen die zurück. Spätestens wenn denen mal wieder die Kohle ausgeht, was dank der Wirtschaftskrise umso schneller passiert. Der Hauptgrund warum sich so viele Bands immer wieder zusammen finden. ;-)

  13. comicfreak
    2. September 2009, 14:30

    ..schön und gut, aber wir sind doch keine verzweifelten Schulmädchen mehr.

    Schreib doch über was richtig dramatisches, erschütterndes, das hier und in meinen Freundeforen gerade JEDEN runterzieht:
    den Verkauf von Marvel an Disney!

  14. Linus
    3. September 2009, 3:28

    “Der Hauptgrund warum sich so viele Bands immer wieder zusammen finden”

    Ich glaube der Hauptgrund ist eher, dass man mit den Verkäufen der alten Alben seine Rente nicht mehr finanzieren zu können glaubt.

    @SvenR

    Für The Jam bin ich auch zu jung und dummerweise habe ich die “coolen” 80er auch noch verpasst (wobei, dazu gehörten anscheinend auch Spandau Ballet?!). Meine musikalische Früherziehung war dann schon Samantha Fox.

  15. SvenR
    3. September 2009, 9:49

    @Linus

    “Samantha Fox” und “musikalische Früherziehung” – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, ich glaube da waren andere, vordergründiger Talente im Spiel.

    Die 80er waren schon meine Zeit, Spandau Ballet, Dpeche Mode, Frankie Goes to Hollywood, ABC, Kate Bush, Duran Duran usw. usf. Komischerweise sind Roxy Music und The Police für mich auch 80er, aber The Jam nicht.

    *schwelg*

  16. Linus
    3. September 2009, 14:59

    @SvenR

    Nuja, ich wollte nicht schreiben, dass meine erste Platte (LP) eine von Udo Lindenberg war, ich ansonsten meinem Bruder die Scherben-LPs und die Police-Kassetten geklaut habe, das hätte irgendwie nicht hierhin gepasst.

  17. Alberto Green
    3. September 2009, 15:44

    Ich hör hier immer nur Samantha Fox! Was ist mit Sabrina Salerno?

  18. SvenR
    3. September 2009, 17:20

    Kam unter ungeklärten Umständen in Porada Ninfu in den späten 90ern ums Leben. Barodscheff bestritt später, dass Sie eine seiner 22 Geliebten gewesen war.

  19. Lukas
    3. September 2009, 17:31

    Na, Euch brauch ich ja in den nächsten Tagen erst mal keinen Eintrag mehr vorzusetzen. Ihr habt ja auch so Euren Spaß …

  20. Linus
    3. September 2009, 17:39

    @Alberto

    Was ist denn das für ein Ort, an dem Du immer nur Samantha Fox hörst? Himmel? Hölle?

    An Sabrina kann ich mich nur im Rahmen eines Interviews mit Gottschalk erinnern, der sie darauf hinwies, sie möge sich das Mikro doch bitte nicht immer vor die Brust halten…

    @Lukas

    N paar Häppchen wären nett

  21. SvenR
    3. September 2009, 20:22

    (Jetzt habe ich doch tatsächlich 15 Sekunden lang den Twitter-Reply-Pfeil in Eintrag #19 gesucht)

    Ach weißt Du Lukas, ich als melancholischer Optimist habe nach meinem viel zu kurzen, aber sehr schönen und erholsamen Urlaub beschlossen, jetzt erst mal die gute Laune zu behalten und ein bisschen mehr das zu machen, was mir Spaß macht und mich ein bisschen weniger über die ignoranten und inkompetenten Dummbeutel zu ärgern, mit denen man immer mal wieder zu tun hat.

    Das gelingt mir gabz gut, glaube ich.

    Ich fürchte, der Alltag würde mich schneller einholen, wenn ich nicht durch das Lesen Deiner Beiträge meinem Gemüt neue Sonne zuführen könnte.

  22. vib
    4. September 2009, 11:14

    Samantha Fox und Sabrina unter einem Beitrag über die Auflösung von Oasis… wir werden alle steeeerben ;)

  23. SvenR
    7. September 2009, 18:03

    @ vib #22:

    …und Palm ist schon seit jahren tot!

  24. Coffee And TV: » Please brother take a chance
    8. Oktober 2009, 13:30

    [...] die Oasis-Reunion, die auch Wolfgang Nostradamus Doebeling (ich glaube, den zweiten Vornamen hat er sich ausgedacht) [...]

Diesen Beitrag kommentieren: