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Auf der Straße zur Ironie-Hölle

“Irony is over. Bye bye.”
(Pulp – The Day After The Revolution)

In der “Zeit” von letzter Woche beschreibt Nina Pauer zwei postmoderne Phänomene: das der Fremdscham und der Ironie. Anhand von Casting- und Kuppelshows, von “Bad Taste”-Partys und “Bravo Hits” verhandelt sie das Zelebrieren von Dingen, die man eigentlich verabscheut. Die Überschrift “Wenn Ironie zum Zwang wird” verknappt den sehr lesenswerten Artikel leider etwas, denn tatsächlich geht es hier um zwei Phänomene mit ähnlichen Symptomen und einer gewissen Schnittmenge.

Da sind zum einen die Fernsehshows, die ähnlich funktionieren wie der sprichwörtliche Autounfall: Sie ziehen ihre Faszination aus dem “Grauen”, dessen sich der Zuschauer nicht erwehren kann. Castingshows möchte ich mal ausklammern, die sehe ich nicht (mehr). Viele werden offenbar von zutiefst verbitterten Zynikern verantwortet, die im Leben nicht die Eier hätten, sich vor drei Leute (geschweige denn eine Fernsehkamera) zu stellen, um ein Lied zu singen. Ihnen sollen die Fußnägel einwachsen und die Haare ausfallen. ((Außer in den Ohren und den Nasenlöchern, da soll es wuchern wie im Amazonasgebiet.)) Die Partnersuchen bei “Bauer sucht Frau” oder “Schwiegertochter gesucht” mögen ähnlich zynisch produziert sein, lassen meines Erachtens aber auch Raum für mehr.

Wenn sich heute Menschen auf der Couch oder im Internet versammeln, um gemeinsam “Bauer sucht Frau” zu schauen (und vor allem zu besprechen), dann machen sie dabei Dinge, die Menschen seit Jahrtausenden tun: So hoffen sie auf den kathartischen Effekt von “Jammer und Schauder”, den schon Aristoteles in seiner “Poetik” beschrieben hat — nur, dass sich Aristoteles unter “Jammer und Schauder” etwas anderes vorgestellt hat als gelbe Pullover und Zungenwurstbrote. Auch war es in früheren Jahrhunderten ein beliebter Zeitvertreib der Oberschicht, sich die Leute, die in einem damals so genannten “Irrenhaus” einsaßen, anzusehen wie Tiere im Zoo.

Heute sind die Opfer dieser Besichtigungen nicht mehr “irre”, sondern “peinlich”, was ein noch subjektiveres Urteil ist. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde auf die Idee kommen, aufs Land zu fahren um Bauern beim Brautwerben zuzusehen, aber wenn RTL das schon mal gemacht hat, kann man sich das ja mal ansehen. Das Prinzip gleicht dem des “delightful horror”, der sich einstellt, wenn man aus dem Lehnstuhl heraus die Schilderungen von unerklärlichen Phänomenen oder brutalen Verbrechen in den Büchern der Schauerromantik liest — nur, dass wir heute selbst festlegen, wovor es uns schaudert.

* * *

Nina Pauer schreibt:

Pünktlich um 20.15 Uhr formieren sich die Abiturienten, Studenten, Doktoranden oder vielversprechenden Berufseinsteiger zu einem vergnügten Publikum, das bei Chips und Süßigkeiten nichts anderes tut, als sich der lustvollen Konträrfaszination des Schlimmen hinzugeben. “Wie peinlich ist das denn?!”, kreischt der Chor, den Zeigefinger kollektiv auf den Fernseher gerichtet.

Ich bin auch öfters Teil solcher Runden, wenn RTL (wie aktuell) wieder einmal Schwiegertöchter und Bauernfrauen sucht. Alle Teilnehmer würde ich als durchaus aufgeklärte Menschen mit einem reinen Herzen bezeichnen, Zyniker sind keine dabei. Gerade deshalb habe ich mich schon öfter gefragt, ob es moralisch eigentlich verantwortbar ist, diese Sendungen zu gucken und zu kommentieren.

Grundsätzlich könnte man erst einmal sagen, dass es kein Opfer im klassischen Sinne gibt — die Kandidaten kriegen mögliche böse Kommentare ja gar nicht mit. ((Ich glaube auch, dass das, was man zu meiner Schulzeit “Lästern” nannte, nicht grundsätzlich verwerflich ist, solange etwa die Person, über die gelästert wird, davon nichts mitbekommt, und solange man nicht vornerum nett zu jemandem ist, über den man dann hintenrum lästert. Außerdem können andere ja auch über mich lästern, wenn sie wollen. Diese Position hat schon zu langen, unergiebigen Diskussionen geführt.)) Auch das Begucken dieser Menschen erfolgt ja nur aus zweiter Hand — das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, also kann man es sich auch ansehen. Letzteres ist natürlich Quatsch: Wenn niemand mehr hinsehen würde, wie RTL Kinder in den Brunnen schmeißt, würde der Sender sicher damit aufhören. Und man muss sich ja auch keine tödlichen Unfälle im Rennsport ansehen, nur weil sie auf Video gebannt sind.

Ich glaube nicht, dass die Geringschätzung anderer die Hauptmotivation ist, solche Sendungen zu sehen — der Reiz entsteht aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus, was man als billiges Mittel zur Fraternisierung abtun, aber auch neutral oder positiv werten kann. Kaum jemand möchte oder kann so eine Sendung alleine sehen. Darüber hinaus ist es ja auch so, dass das Stirnrunzeln über Fliesentische, Tiefkühlpizzen und Kosenamen nicht allzu lang eine befriedigende Freizeitbeschäftigung abgibt. Wenn ich eine Sendung nur schlimm fände, würde ich sie nicht gucken. ((Tatsächlich bin ich bei der aktuellen Staffel “Schwiegertochter gesucht” sehr schnell wieder ausgestiegen, weil es außer ausgewalzten Merkwürdigkeiten nicht viel zu sehen gab.)) Bei “Bauer sucht Frau” gibt es aber immer wieder rührende Elemente, in denen das besserwisserische Lachen echtem Mitgefühl weicht. ((Ob die porträtierten Bauern darauf gewartet haben, ist natürlich wieder fraglich.))

Als Vera Int-Veen im Februar den “Regalauffüller” Stefan an die Frau zu bringen versuchte, war das nicht mehr im Mindesten witzig: Der Mann hatte so offensichtliche Probleme, sich zu artikulieren und mit den Situationen zurecht zu kommen, in denen ihn das Produktionsteam platziert hatte, dass die Arschlochhaftigkeit der Macher alles andere überstrahlte. In der aktuellen Staffel von “Bauer sucht Frau” geht der bisher größte Fremdschammoment auf das Konto von Moderatorin Inka Bause: Zum ersten Mal sucht ein homosexueller Bauer einen, ja: Mann und Bause war von der Situation so offensichtlich überfordert, dass sie ihn mit den Worten ansprach: “Du bist ja hier der erste Bauer Deiner Art.” Als der “pfleißige Pferdewirt” ganz locker “Der erste schwule Bauer, ja”, antwortete, fragte Bause noch einmal nach, ob sie “das so sagen” dürfe. So schlimm können zehntausend Zungenküsse bei offenem Mund nicht sein.

* * *

Ich glaube übrigens, dass diese Kuppelshows auch mit Kandidaten funktionieren würden, die den Zuschauern deutlich ähnlicher sind: ((Wobei das eigentlich jetzt schon gelten muss: Es kann ja hierzulande keine acht Millionen Elitisten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also müssen auch zahlreiche Zuschauer mit Fliesentischen, Tiefkühlpizzen und Kosenamen darunter sein.)) Liebe und vor allem ihre Anbahnung ist nie clever. ((So wie Sex nie ästhetisch ist.)) Im Leben geht es fast nie zu wie bei “Ally McBeal” oder bei “Bridget Jones”, wo sich gutaussehende Menschen im leichten Schneefall auf offener Straße küssen, nachdem sie eine geistreiche Bemerkung gemacht haben.

Vor vielen Jahren, in der Daily Soap “Unter uns”, schrieb die Person der Ute, die damals frisch in die Schillerallee zurückgekehrt war, einen Brief an ihren späteren Ehemann Till, in dem sie erklärte, sie sei derart verliebt, dass sie bei jedem Liebeslied im Radio mitsingen müsse, auch bei den Schlagern, die sie früher immer peinlich und doof gefunden habe. ((Der Brief geriet übrigens in die Hände der Sandra, dargestellt von Dorkas Kiefer, die ihn laut vorlas und sich über Ute lustig machte. Welche Aktion ist peinlicher? Discuss!)) Das, meine Damen und Herren, ist Liebe! Sie ist peinlich, aber ohne wären wir nicht hier.

* * *

Doch zurück zur “Fremdscham” und zum “Peinlichen”, das Nina Pauer beschreibt: Andere Leute peinlich finden ist eine Emotion, die meist in der Pubertät erstmalig auftaucht und dann vor allem gegen die eigenen Eltern gerichtet ist. Das ist von der Natur so gewollt: Das Leben beschert einem so ein paar Jahre unbeschwerter Freiheit und sinnloser Freiheitskämpfe, ehe die Erkenntnis einkehrt, dass biologische Veranlagung und Erziehung mächtiger sind als jedes Schamgefühl und man natürlich wie die eigenen Eltern geworden ist. Als ausgleichende Gerechtigkeit finden einen dann zwanzig Jahre später die eigenen Kinder peinlich.

Sich für eine andere Person zu schämen, ist aber auch eine weitgehend irrationale Reaktion, zumal, wenn man in keinerlei persönlicher Verbindung zu dieser Person steht. Die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens steht allerdings noch ziemlich am Anfang.

Nina Pauer führt aus:

Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert. Denn wie schwer ist es, diesem allgegenwärtigen Adjektiv “peinlich”, das unsere Zeit bestimmt, zu entrinnen! Nahezu unmöglich und vor allem furchtbar anstrengend ist es geworden, im weit und subtil verästelten analog-virtuellen Netzwerk stets die Balance aus lässigem Understatement, hübscher Ironie und gleichzeitiger Selbstvermarktung zu pflegen. Die Codes sind unendlich: Mit dem neuesten Smartphone prahlen? Peinlich! Immer noch keines haben? Peinlich! Zuckersüße Pärchenfotos auf Facebook veröffentlichen? Peinlich! Das eigene Mittagessen abfotografieren, den Stolz über den neuen Job allzu offensichtlich zeigen? Zu viele Freunde haben? Zu wenige? Peinlich, peinlich! Musik hochladen, die alle schon kennen? Musik hochladen, die nie irgendwer kennt? PEINLICH!

Wenn tatsächlich alles peinlich ist, man also in jeder Situation nur verlieren kann, ist ja alles wieder völlig nivelliert und man kann nur gewinnen.

Frau Pauer nutzt diese Passage aber, um von der Fremdscham zur “inszenierten Fremdscham” und damit zur Ironie zu kommen. Ironie, das lernt man irgendwann als Kind, ist das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint — also eigentlich das, was man vorher als “Lügen” kennengelernt hat und was man nicht tun sollte. Das trifft den Sachverhalt zwar nur zum Teil, ist aber das, was sich die allermeisten Menschen unter “Ironie” vorstellen und es entsprechend praktizieren. Das ist natürlich sterbenslangweilig.

Als Travis im Jahr 2000 anfingen, “Baby One More Time” von Britney Spears auf ihren Konzerten zu covern, gingen viele erst einmal von Ironie aus. Aber Fran Healy, der das Lied mit viel Inbrunst vortrug, sagte, sie hätten den Song einfach nachgespielt, weil sie ihn so schön fanden. Und tatsächlich wäre es auch dann noch ein schönes Lied, wenn Komponist und Texter Max Martin sich beim Schreiben über die Naivität und Dummheit seines Lyrischen Ichs kaputt gelacht hätte.

“Irony is certainly not something I want to be accused of”, hat Craig Finn, der Sänger meiner Lieblingsband The Hold Steady, mal gesagt und ich finde auch, dass Liedtexte möglichst aufrichtig sein sollten. ((Ironie sollte höchstens von Briten als Stilmittel in Songs eingesetzt werden. Die verstehen darunter etwas anderes als “das Gegenteil von dem sagen, was man meint.)) Dann besteht zwar schnell wieder die Gefahr der Fremdscham, aber damit muss man klar kommen. Man kann das Werk verurteilen, sollte dem Künstler aber Respekt zollen.

Die Zeit der ironisch gemeinten Beiträge beim Eurovision Song Contest, die notwendig war, um das schnarchige Schlagerevent der 1990er Jahre zu entstauben, ist ja inzwischen zum Glück auch wieder vorbei. Als ich im Mai von jetzt.de zum Duslog interviewt wurde, war der Reporter sehr versessen darauf, uns eine ironische Haltung zum Grand Prix zu unterstellen. Natürlich kann man die musikalischen Beiträge nicht alle ernst nehmen, ((Gerade nicht “I Love Belarus”, den man aus politischen Gründen als einzigen ernst hätte nehmen müssen.)) aber wenn ich die Veranstaltung in Oslo scheiße gefunden hätte, wäre ich sicher kein zweites Mal hingefahren.

* * *

Natürlich sollte man sich selbst und die Welt nicht zu ernst nehmen, aber man sollte auch nicht bis zur Selbstverleugnung mit den Augen zwinkern. Ich könnte schlicht keine Musik hören, die ich nicht mag, keine Klamotten (oder gar Frisuren oder Gesichtsbehaarungen) tragen und auch nichts in meine Wohnung stellen oder hängen, was ich nicht irgendwie gut finde. “We Built This City” von Starship ist einer der kanonisch schrecklichsten Songs der Musikgeschichte, aber irgendetwas spricht das Lied in mir an — und das meine ich nicht auf die “So schlecht, dass es schon wieder gut ist”-Art. Andererseits würde ich nie in Skinny Jeans rumlaufen, weil ich die einfach mordsunbequem finde.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat schon 1999 einen Text über Ironie verfasst, ((Nachzulesen in “Remix”.)) in dem er von der “Drüberlustigmachmühle” schreibt und dann eine Frage aufwirft, die er sich sogleich selbst beantwortet:

Tennissocken sind fürchterlich, keine Frage, aber ist nicht das zwangsverordnete Drüberlachen noch schlimmer? Und dann tragen also Leute wieder Tennissocken, aus Protest, und das ist vielleicht zu verstehen, aber ja auch so krank, weil sie damit also, nur der Abgrenzung wegen, schlimme Socken tragen. Und dann nicht einfach still diese Socken dünnlaufen, sondern tatsächlich ERKLÄREN, warum sie die tragen, um sich zumindest, oh ja, INHALTLICH zu unterscheiden von jenen, die diese Socken nicht schon wieder, sondern immer noch tragen. Irgendwie muß man die Neuzeit ja rumkriegen.

Im “Zeit”-Artikel steht dieses aktuelle Beispiel:

In engen braunen Männerslips über rosa Trainingsanzügen aus Ballonseide trifft man sich, am besten mit einem allein zum Zweck der Party gewachsenen fiesen Schnauzer im Gesicht, zum Dosenstechen in der Küche.

Noch bevor die Hipster so genannt wurden, gab es den “Irony-Schnäuz”. Irgendwann gab es dann die ironisch gebrochenen Hipster, die echte Hipster eigentlich scheiße fanden, aber genauso rumliefen. Der Schnauzbart war zu diesem Zeitpunkt schon mindestens zwei Mal umgedeutet worden, aber da geht sicher noch mehr. Nur: Warum?

In einem Text aus dem Juli 1999 ((“Ein Ort der Eitelkeit” in “Der Krapfen auf dem Sims”.)) beklagt sich Max Goldt über Menschen, die eine goldene Schallplatte oder eine Urkunde auf der Gästetoilette platzieren:

So wird die Toilette zum Ort der Inszenierung von Selbstironie, einer Eigenschaft, die in der westlichen Zivilisation hoch im Kurs steht. Deshalb ist es erheblich eitler, seine Zertifikate in Bad oder WC unterzubringen, als sie naiv und arglos im Wohnzimmer zur Schau zu stellen.

Goldt erklärt auch ((“Mein Nachbar und der Zynismus”, ebd.)) den Unterschied zwischen Zynismus und Sarkasmus:

Zynismus ist eine destruktive Lebensauffassung, während Sarkasmus das Resultat von trotziger Formulierungskunst ist, die über einen spontanen Zorn auf ein Meinungseinerlei hinweghilft. Zynismus ist ein Resultat von Enttäuschung und innerer Vereinsamung. Er besteht im Negieren aller Werte und Ideale, im Verhöhnen der Hoffnung, im Haß auf jedes Streben nach Besserung.

Sind dann die beschriebenen “Bad Taste”-Partys nicht eher zynisch als ironisch?

Ich verstehe den Reiz nicht, der darin liegen sollte, sich so zu kleiden, wie man nie aussehen wollte, und Musik zu hören, die man nie hören wollte. Erstens grenzt das doch an Schizophrenie und zweitens finde ich das unfair gegenüber den Leuten, denen diese Musik etwas bedeutet. Denn auch wenn ich Schlager oder Volksmusik kitschig und doof finden sollte, so gibt es doch Leute, denen diese Musik etwas bedeutet. ((Dass die Texte dieser Lieder mitunter von Leuten geschrieben werden, denen die Inhalte und Hörer ziemlich egal sind, ist eine Meta-Ebene, die ich hier nicht auch noch bespielen möchte.)) Ich finde es auch langweilig, ein Album nur des Verrisses wegen zu verreißen.

* * *

Auch Chuck Klosterman hat sich dem Thema Ironie gewidmet. ((Im Essay “T Is For True” in “Eating The Dinosaur”.)) Er schreibt:

An ironist is someone who says something untrue with unclear sincerity; the degree to which that statement is funny is based on how many people realize it’s false. If everybody knows the person is lying, nobody cares. If nobody knows the person is lying, the speaker is a lunatic. The ideal ratio is 65-35: If a slight majority of the audience cannot tell that the intention is comedic, the substantial minority who do understand will feel better about themselves. It’s an exclusionary kind of humor.

Wenn jeder Depp alles nur noch “ironisch” meint, ist es kein Witz mehr, dann ist es nicht mal mehr Komödie, sondern Tragödie.

Nina Pauer schreibt dazu in der “Zeit”:

Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang. Dann regieren die Zwinkersmileys, die alles Gesagte, Geschriebene, Getane sofort relativieren, um bloß immer “safe” zu sein. Von der Freude an der Peinlichkeit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegenteil, zur Langeweile.

Es ist nicht nur langweilig, es ist auch wahnsinnig anstrengend.

Klosterman stellt in seinem Essay den Weezer-Sänger Rivers Cuomo, den Regisseur Werner Herzog und den amerikanischen Politiker Ralph Nader nebeneinander, denen er allesamt nachweist bzw. unterstellt, völlig ironiefrei zu sein. Herzog etwa sagt, er habe einen “Defekt”, der ihn daran hindere, Ironie zu verstehen, und Klosterman fügt an, die meisten von uns hätten das gegenteilige Problem: Wir würden auch dort Ironie verstehen, wo gar keine vorhanden ist.

Rivers Cuomo trug das, was man heute “Nerdbrille” nennt, immerhin schon in den frühen Neunzigern, als es grad nicht cool oder lustig war. ((Diese Brille ist tatsächlich ein Problem. Als ich letztes Jahr auf der Suche nach einer neuen war, wollte ich – pubertäre Abgrenzung – um jeden Fall zu vermeiden, auch so eine zu kaufen. Das Problem: Mir stand wirklich nichts anderes. Also dachte ich: “Was soll’s? Ray-Ban gibt’s seit mehr als 50 Jahren und ich weiß ja, wie’s gemeint ist.” (Nämlich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren Hörern kaputt machen lassen darf, sollte man sich auch Mode-Utensilien nicht von ihren Trägern zerstören lassen. Ich würde auch gerne Hemden von Fred Perry tragen, wenn die nicht so unfassbar teuer wären.)) Heute schreibt er Lieder darüber, dass er in Beverly Hills wohnen wolle, und Klosterman ist sich sicher, dass Cuomo das genau so meint. Die Fans wären allerdings enttäuscht, weil sie es für Ironie hielten und sich verarscht fühlten — und das ist dann natürlich auch schon wieder Ironie, und zwar die des Schicksals.

* * *

Die Postmoderne hat, neben Fremdscham und Über-Ironisierung, noch ein weiteres Phänomen hervorgebracht: Ständig hinterfragt man jetzt alles, vor allem aber sich selbst. Wer sich fragt, ob er irgendetwas gut finden dürfe, hat noch nichts verstanden. Er hat die Freiheit (fast) alles gut zu finden, was er gut finden mag. Allenfalls die Auswahl potentiell gut findbarer Dinge und Personen kann einen etwas überfordern.

Das bedeutet natürlich letztlich auch: Man kann auch “Bauer sucht Frau” gucken, ohne sich dafür zu schämen.

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Mit “D” wie “Provinz”

Ich habe ja, wie ich schon mehrfach erzählt habe, die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in Dinslaken verbracht – nicht durchgängig, aber eben doch “wohnhaft”.

Für Roger Willemsen war “Dinslaken” eine Zeit lang ein Synonym für “irgend so ein total hinterwäldlerisches Kaff”, und ich erinnere mich, dass er das mindestens zwei Mal in “Willemsens Woche” unter Beweis stellte: Als Jörg Kachelmann zu Gast war, forderte Willemsen, das Klimaphänomen El Niño möge doch Dinslaken holen, und die Sopranistin Sandra Schwarzhaupt fragte er, warum sie in New York Gesangsunterricht genommen habe und nicht zum Beispiel in Dinslaken.

Jetzt scheint Dinslaken endgültig zum Synonym für “irgend so ein total hinterwäldlerisches Kaff” geworden zu sein – wie sonst ist es zu erklären, dass der Ortsname innerhalb weniger Wochen gleich in zwei Cartoons führender deutscher Cartoonisten auftauchte?

Den Anfang machten “Hippenstocks Strategen” in der “Süddeutschen Zeitung” vom 5. Juli:

"In der ersten Woche teilen Sie Ihr Zimmer mit einem Ehepaar aus Dinslaken - ich denke deshalb der Rabatt"

Die Verwendung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Zeichners Dirk Meissner.

Und in der aktuellen “Titanic” ist ein zweiseitiger Cartoon von Katz & Goldt, in dem unter anderem folgendes Bild vorkommt:

"Ach je, in Dinslaken regnet's"

Die Verwendung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Comicduos Katz & Goldt.

[unter anderem via meinen Vater]

Nachtrag, 29. Juli: Wie ich gehört habe, soll sich der Intendant des Landestheaters Burghofbühne (aus Dinslaken) bei der Redaktion der “Süddeutschen Zeitung” über die obere Karikatur beschwert haben.

Nachtrag, 5. August: Wie der Intendant das Landestheaters Burghofbühne sich bei der Redaktion der “Süddeutschen Zeitung” über die obere Kandidatur beschwert hat (und wie man in München darauf reagierte) steht heute in der Lokalausgabe der “Rheinischen Post”.

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Leben

Forever Young

Ergänzend zu meiner Alte-Fotos-Digitalisier-Aktion fand ich heute dieses Bild in meiner Mailbox:

Lukas Heinser (veraltet)

Es zeigt mich vor 16, 17 Jahren, kommt von Tim Schneider, mit dem ich einige Jahre zur Grundschule gegangen bin, und erreicht mich zu einer Zeit, in der ich verstärkt darüber nachdenke, dass ich so jung auch nicht mehr bin.

Fußballnationalspieler und Rockstars sind bereits jünger als ich und neulich fragte ich mich, wie man sich wohl fühlt, wenn auch erst mal die Sprecher der “Tagesschau” der eigenen Generation angehören – von Bundesministern ganz zu schweigen. Im vergangenen Jahr wurde in meinem Freundeskreis das erste Kind geboren und im Heimaturlaub hört man immer regelmäßiger von Altersgenossen, die Nachwuchs erwarten oder den Bund der Ehe einzugehen gedenken. ((Kürzlich hörte ich gar über Umwege, ich selbst habe bereits vor einigen Jahren heiraten wollen. Das fand ich sehr interessant, weil mir die Nachricht zum einen völlig neu war und sie zum anderen aus einer Richtung kam, die für mich beim besten Willen nicht mit Sinn zu füllen war.)) Einige sind auch schon mit dem Studium fertig und müssen jetzt richtig arbeiten.

Mütter wissen so etwas ja immer sofort und ganz genau, was zu Sätzen führt wie:

Ich hab’ die [Mutter eines Bekannten] getroffen, die hat gesagt, der … Wie hieß denn dieser Pole in Eurer Stufe? Jedenfalls wird der jetzt Vater und der … Dings, der Sohn von diesem … Ach, wer war das denn, da aus Eurer Parallelklasse? Also, der ist schwul und sie meinte [Name eines früheren Mitschülers] vielleicht auch, weil der noch nie ‘ne Freundin hatte.

Danach braucht man fünf Minuten, um die eigenen Gedanken zu sortieren und sich zu einem “Aha” hinreißen zu lassen, das auch aufrichtig desinteressiert klingen soll und nicht so gespielt desinteressiert wie die “Aha”s, die man äußert, wenn man von Dritten über die neuesten Männerbekanntschaften ehemaliger Schwärme unterrichtet wird. Ich bin mir sicher, dass es die DDR heute noch gäbe, wenn man nur mehr Mütter als informelle Stasi-Mitarbeiter hätte gewinnen können.

Während ich diese Zeilen tippe, lausche ich einer CD, die ich mir vor über zehn Jahren zum ersten Mal auf Kassette überspielt habe ((Pet Shop Boys – Bilingual.)), und ich muss mir etwas Mühe geben, die Schrift auf meinem alten Röhrenmonitor zu fokussieren. Meine Brille liegt zwar zwei Meter neben mir, aber ich weigere mich immer noch, sie außerhalb des Autos zu tragen. Oder außerhalb eines Kinos. Oder eines Hörsaals.

Meine Brille bekam ich vor etwa neun Jahren, weil ich Probleme mit den Augen hatte. ((Dieser Satz erscheint mir beim Korrekturlesen einigermaßen banal und überflüssig, aber irgendwo muss die Information, dass ich vor neun Jahren eine Brille bekam, ja hin.)) Ich suchte mir ein ähnliches Modell wie es Roberto Benigni bei der damals wenige Tage zurückliegenden Oscarverleihung getragen hatte, aus. Etwa ein Jahr lang trug ich die Brille in jeder wachen Minute, dann dachte ich mir, dass ich auch ohne ganz gut sehen und möglicherweise besser aussehen würde. Im Zivildienst bekam ich ein weiteres Exemplar, das mir zu weiten Teilen von Bundesbehörden bezahlt wurde, bei dem ich mich aber stilistisch so stark vergriff, dass ich die alte Brille weiter bevorzugte.

Zum Beginn meines Studiums trug ich die Brille, weil ich in den riesigen Bochumer Hörsälen sonst die Tafeln und Overhead-Projektionen nicht sehen konnte. Dann fand ich, dass ich damit zu sehr nach Germanistik-Student und nach Musikjournalist aussähe – zwei Eindrücke, die ich unbedingt vermeiden wollte. Lange kam ich ganz ohne Brille aus, die einzigen Sichtbeeinträchtigungen entstanden durch meine Frisur. Doch in der letzten Zeit wurde es immer schwieriger, selbst größere Schilder zu entziffern, und als ich letzte Woche bei einer Max-Goldt-Lesung im Bochumer Schauspielhaus dachte, Herr Goldt habe nicht geringe Ähnlichkeiten mit Hugh Laurie, wusste ich Bescheid.

Wie bin ich jetzt hierhin gekommen? Ach, nicht mal das weiß ich mehr. Ich werde echt alt.

PS: Passend zur Überschrift: Die meiner Meinung nach beste Version von Alphavilles “Forver Young” – die von Youth Group.

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Unterwegs

Blogger auf dem Weihnachtsmarkt

Vor der inzwischen schon fast traditionellen Bochumer pl0gbar am letzten Dienstag wollten wir eigentlich mit allen noch über den Weihnachtsmarkt schlendern. Letztendlich waren es dann Kathrin, Jens und ich, die sich die Bretterbuden und den Glühwein einmal genauer ansahen.

Was dabei herausgekommen ist, sehen Sie hier:

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[Direktlink]

Und hier noch das passende Max-Goldt-Zitat:

Wenn ich nur einen schlechten Rotwein hätte, eine Alkoholzufuhr aber für dringend sachdienlich hielte, würde ich den Wein so weit wie möglich runterkühlen. Man weiß ja von Coca-Cola und manchem Milchspeiseeis, daß eklige Dinge halbwegs tolerabel schmecken, wenn man sie stark kühlt. Ich würde den schlechten Wein jedenfalls nicht zur drastischeren Offenlegung seiner minderen Qualität auch noch erwärmen!

(Max Goldt – Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens, in: Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens)

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“You can say ‘you’ to me!”

Die Anrede im Englischen öffnet Missverständnissen Tür und Tor. Da ist zum einen die Sache mit den Vornamen, die kürzlich in meinem neuen Lieblings-Blog USA Erklärt sehr anschaulich beschrieben wurde (nun ja, ‘anschaulich’ ist das falsche Wort für einen Sachverhalt, der in seiner Komplexität der Kernspaltung in nichts nachsteht – dann eben ‘gut beschrieben’). Zum anderen ist da die Sache mit dem Personalpronomen “you”, das Deutsche schon mal als “Du” verstehen, und sich deshalb freuen oder wundern, dass sich die Native Speaker des Englischen alle duzen. Die Wahrheit ist ungleich komplexer. Ganz knapp: Der englischen Sprache ist das “Du” (“thou”/”thy”) im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen und existiert heute nur noch in Shakespear’schen Dramen, der Bibel und ähnlichen Texten früherer Tage.

Warum diese längliche Einleitung aus dem Bereich der Sprachwissenschaften? Zum einen habe ich vor wenigen Tagen einen Studienabschluss in Anglistik erlangt, zum zweiten muss man sich diese Situation vor Augen führen, wenn es um die schwierige Arbeit der Interview-Übersetzung in deutschsprachigen Redaktionen geht.

Dirk Peitz hat für jetzt.de ein Interview mit Fran Healy und Dougie Payne von Travis geführt. Die Musiker werden sich mit “Hi, I’m Fran” bzw. “Hello, I’m Dougie” vorgestellt haben (obwohl sie davon ausgehen können, dass ein Interviewer wenigstens die Namen seiner Gesprächspartner kennt – sie sind eben gut erzogen) und im Gespräch wird man sich, wie allgemein üblich, mit “you” angesprochen haben. Da Interviews grundsätzlich in übersetzter Form gedruckt werden, musste nun das englische Gespräch in einen deutschsprachigen Text umgewandelt werden, und irgendjemand kam bei der früheren Jugendbeilage der SZ auf die Idee, man könne doch die Musiker in der Übersetzung einfach mal siezen.

Das kann man machen, um sich so von vorneherein vom Vorwurf der Anbiederung freizumachen. Man kann es auch machen, um seinen Gesprächspartnern den nötigen Respekt zu erweisen (schon Max Goldt hat sich in seinem Text “Was man nicht sagt” dafür ausgesprochen, Musiker nicht als “Jungs” und “Mädels” zu bezeichnen – sie zu siezen wäre also auch nur konsequent). Man kann es sogar machen, um zu beweisen, dass man das mit dem “Du” und “Sie” im Englischen sehr, sehr gut verstanden hat. Aber egal, wie die Gründe gelautet haben mögen, sie werden bei den (zumeist jugendlichen) Lesern Verwirrung auslösen:

SZ: Sie haben sich fast vier Jahre Zeit gelassen, um Ihr neues Album aufzunehmen. Was haben Sie so lange getrieben?

Fran Healy: Es gibt dieses Sprichwort im Musikgeschäft: Für dein erstes Album brauchst du 23 Jahre, doch für jedes weitere geben dir die Plattenfirmen nur noch sechs Monate.

“Mutti, warum siezt der Journalist diesen verehrenswerten Musiker und dieser Rockstar-Stoffel duzt dann einfach zurück?”, werden natürlich die wenigsten Zahnspangenträgerinnen morgen am Frühstückstisch ihre Studienrätin-Mutter fragen. Täten sie es nur! Die Mutti würde erst den ganzen Sermon, den ich oben schon geschrieben habe, wiederholen, und dann erklären, dass “you” ja auch für “man” stehen kann und das Sprichwort von wirklich umsichtigen Redakteuren deshalb mit “Für sein erstes Album braucht man 23 Jahre, doch für jedes weitere geben einem die Plattenfirmen nur noch sechs Monate”, übersetzt worden wäre. Vielleicht würde sie aber auch nur sagen: “Gabriele, iss Deine Cerealien und frag das Deinen Englischlehrer, den faulen Sack!”

Absurder als das aufgeführte Beispiel ist übrigens die Angewohnheit der Redaktion des sehr guten Interviewmagazins Galore, jede aufkommende Anrede in ein “Sie” umzuwandeln. Diese automatisierte Angleichung flog spätestens auf, als Campino, der ja nun wirklich jeden duzt, den Interviewer plötzlich mit “Sie” ansprach.
Noch absurder war der Auftritt von Jan Ullrich bei Reinhold Beckmann. Aber das lag nicht nur an der Schieflage in den Anreden.

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Musik

In Erinnerung vergangener Tage

Ich habe mich auf Einladung von Stefan Niggemeier intensiv mit den Beiträgen für den diesjährigen Grand Prix beschäftigt. Besonders fasziniert hat mich an diesem Wettbewerb immer schon die unendlich lange, körperlich anstrengende und mit bleischwerer Diplomatie belastete Punktevergabe, was sich wohl mit meiner Faszination für Listen und Statistiken in der Popmusik bestens erklären lässt. Mir fiel aber auch wieder ein, wann ich den Grand Prix das erste Mal bewusst verfolgt habe: 1993, als meine damalige Lieblingsband für Deutschland antrat.

Yes, indeed: Ich war zu Beginn meiner Musikkonsumentenlaufbahn Fan der Münchener Freiheit. Das ist aber, spätestens seit Jochen Distelmeyer sich zu der Band bekannt hat, auch gar keine sonderlich kredibilitätsschädigende Äußerung mehr. Und da ich die mir zum zehnten Geburtstag geschenkte (und damit vermutlich tatsächlich erste) CD “Ihre größten Erfolge” immer noch bei mir rumfliegen habe (den Mut, sie zwischen Morcheeba und K.D. Lang ins Regal zu stellen, hatte ich dann doch nicht), hab ich gerade noch mal reingehört.

Die gruseligste Nachricht gleich vorab: Ich kann noch immer weiter Teile der Texte mitsingen, bei manchen verstehe ich allerdings erst heute, wovon sie handeln. “So lang’ man Träume noch Leben kann” ist einfach immer noch ein gutes Lied, “Verlieben Verlieren” der vielleicht einzig geglückte Versuch, die Beach Boys in deutscher Sprache nachzuempfinden, die Musik von “Bis wir uns wiederseh’n” oder “Tausend Augen” könnte auch in einem schwächeren Moment von den Pet Shop Boys ersonnen worden sein, und bei manchen Liedern nimmt Stefan Zauner sogar den Gesangsstil von Bill Kaulitz vorweg – lange, bevor der überhaupt gezeugt wurde.

Einige Lieder wirken reichlich antiquiert, andere sind aber von einer zeitlosen, nun ja: Zeitlosigkeit: Musikalisch durchdacht (ich hab gerade erst erfahren, dass Stefan Zauner mal bei Amon Düül II mitgewirkt hat) und textlich dem altbekannten Schicksal ausgeliefert, dass deutschsprachige Texte eben tausendmal kritischer beäugt werden als englische. Entsprechend dämlich wirken manche Texte deshalb heutzutage und taten es wohl schon bei ihrem Erscheinen. Verglichen mit manchen heutigen Texten so mancher Indiebands und vor dem Hintergrund, dass zumindest einige der Songs noch als Spätausläufer der Neuen Deutschen Welle entstanden, relativiert sich so ein Urteil aber recht schnell wieder. Ob man sowas, bekäme man es heute neu vorgesetzt, noch ansatzweise gut fände, darf sicherlich ernstlich bezweifelt werden, aber als Erbe des eigenen Geschmacks kann man sich wohl ein- bis zweimal jährlich mit dieser Musik auseinandersetzen. So klangen halt die Achtziger, und es ist ein Wunder, dass wir, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, nicht ernstere Schäden davongetragen haben – z.B. irgendeine Art von Bewunderung für Marius Müller-Westernhagen oder Heinz Rudolf Kunze.

An den Grand-Prix-Song der Münchener Freiheit kann ich mich übrigens gar nicht mehr erinnern. Dass er “Viel zu weit” hieß, musste ich gerade nachschlagen, und den Gedanken, auch die akustische Erinnerung aufzufrischen, habe ich schnell verworfen. Was ich aber noch weiß: Da es damals noch keinen Grand-Prix-Vorentscheid gab, wurde das Lied einfach von einem geheimen Gremium ausgewählt und dem Publikum in einer ARD-Fernsehshow vorgestellt. Diese Sendung lief an einem Donnerstagabend in den Osterferien (sonst hätte ich sie kaum sehen dürfen), wurde von Dagmar Frederic moderiert, und ich weiß auch noch, dass es ein idiotisches Gewinnspiel gab, bei dem man anhand verschiedener Tipps erraten musste, in welcher Stadt eine Bildtelefonzelle aufgestellt worden war, die man dann aufsuchen musste, um mit Frau Frederic live zu bildtelefonieren.

Ich möchte diesen Artikel deshalb mit einem Zitat von Max Goldt schließen, dessen Verwendung ich noch nicht für möglich gehalten hätte, als ich die ersten Zeilen schrieb:

Die Menschheit sollte sich übrigens mal auf ihren gut 13 Milliarden Knien bei der Zivilisation dafür bedanken, dass ihr das Bildtelefon erspart geblieben ist.

PS: Wo wir gerade von Westernhagen sprachen: Es scheint unter Musikkonsumenten wie Musikern eine kanonische Einigkeit darüber vorzuherrschen, dass der widerlichste, anbiederndste Moment bundesrepublikanischer Deutschrockgeschichte auf Westernhagens Livealbum zu finden ist. Wenn er zwischen “alle, die von Freiheit träumen” und “sollen Freiheit nicht versäumen” sein “So wie wir heute Abend hier!!!!1” in die Dortmunder Westfalenhalle blökt, möchte man auch 17 Jahre danach noch in die nächstgelegene Ecke kotzen.