Wenn wir wirklich Freunde wären

Von Lukas Heinser, 21. November 2017 12:37

Damit war nicht zu rechnen gewesen: Heute ist der 20. Jahrestag der legendären Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz und weder „Spiegel Online“ (wahlweise bei „Eines Tages“ oder „Bento“) noch Bild.de oder „Buzzfeed“ berichten darüber. Einzig die „Goslarsche Zeitung“ erinnert in ihrem „Kalenderblatt“ an den denkwürdigen Versuch, eine zerstrittene Girlband auf offener Bühne vor der versammelten WeltPresse zu versöhnen — ein Versuch, der grandios scheiterte, weil sich die drei Mitglieder am Ende beschimpften und teilweise weinend das Podium verließen.

[Anschwellende Musik, Guido-Knopp-Bedeutungsbrummen]

Eine Pressekonferenz, die sich aber so ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt hat, dass sie auch 20 Jahre später noch als Referenz taugt — sogar, wenn es um eine gescheiterte Regierungsbildung geht.

[flottes 90er-Musikbett]

An dieser Stelle ein kurzes „Hallo!“ an unsere fünf Leser unter 25: Tic Tac Toe waren eine dreiköpfige Girlgroup aus dem östlichen Ruhrgebiet, die mit Songs wie „Ich find‘ Dich scheiße“, „Verpiss Dich“ oder „Warum?“ nicht nur beachtliche Erfolge feierte, sondern auch die Grenzen dessen, was man im Radio und Fernsehen „sagen durfte“, ausloteten und verschoben. Bei ihrem Kometenhaften Aufstieg [hier Schnittbilder Viva-Comet-Verleihung einfügen] wurde das Trio allerdings immer wieder von der Boulevardpresse und entsprechenden „Skandalen“ begleitet.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Zunächst kam heraus, dass die Altersangaben der drei Sängerinnen von Tic Tac Toe von der Plattenfirma den Sängerinnen ein jüngeres Alter bescheinigten; beispielsweise war Lee bereits 22 Jahre alt, obwohl sie – laut Plattenfirma – 18 Jahre alt gewesen sein soll. Medial großes Aufsehen erlangte die Band, als Lees damaliger Ehemann nach Beziehungsproblemen Suizid beging. Eine Woche später wurde bekannt, dass Lee kurzzeitig als Prostituierte gearbeitet hatte, um mit dem Geld Drogen zu finanzieren.

Und dann, am 21. November 1997 lud die Plattenfirma der Band, Ariola, in München zu einer Pressekonferenz, von der sie sich nach internen Querelen Signalwirkung erhofft hatte: Einigkeit, nach vorne schauen, der Aufbruch zu weiteren Erfolgen.

[Das Bild friert ein, wird schwarz/weiß, heranzoomen]

Doch dann kam alles ganz anders.

Die Pressekonferenz ist legendär, aber bei YouTube oder anderswo nicht aufzufinden (dort stößt man aber auf kaum weniger bizarre Medienberichte zur Band). Auch spätere O-Töne von Thomas M. Stein, als Chef der Ariola gleichsam Gastgeber der verunfallten PR-Aktion und einer breiten Öffentlichkeit später bekannt geworden als Juror der ersten beiden Staffeln von „Deutschland sucht den Superstar“, in denen er sich über den Hergang der Ereignisse äußert, haben es nicht ins kollektive popkulturelle Archiv geschafft. Die in der Wikipedia aufgestellte Behauptung, „Diese Aktion wurde am Abend in der Tagesschau thematisiert“, lässt sich zumindest für die 20-Uhr-Ausgabe nicht belegen.

Immerhin gibt es aber ein Transkript, das sich auf die in diesem Fall denkbar seriöseste Quelle stützt, die „Bravo“

Aber auch wenn sich heute kein großer Jubiläumsbericht auftreiben lässt, wird die Pressekonferenz mit ihren zu geflügelten Worten geronnenen Zitaten („Wenn wir wirklich Freunde wären, dann würdest du so’n Scheiß überhaupt nicht machen!“, „Boah, ihr könnt echt gut lügen!“, „Jetzt kommen wieder die Tränen auf Knopfdruck.“) noch regelmäßig hervorgekramt: Wenn die AfD eine Pressekonferenz abhält, wenn sich der Schlagersänger Roberto Blanco und seine Tochter Patricia auf der Frankfurter Buchmesse streiten (eine Meldung, die man sich jetzt auch eher nicht hätte ausdenken können oder wollen), wann auch immer sich ein „Was machen eigentlich …?“ anbietet (außer natürlich heute).

Als Fachmagazin für Listen, bevor jeder Depp Listen veröffentlicht hat wollen wir es uns bei Coffee And TV aber natürlich nicht nehmen lassen, die Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz in den Gesamtkontext des Konzepts „Pressekonferenz“ in Deutschland einzuordnen.

Also, bitte: Die sieben legendärsten deutschen Pressekonferenzen!

7. Gertjan Verbeek, 21.09.2015

6. Karl-Theodor zu Guttenberg, 18.02.2011

5. Christoph Daum, 09.10.2000/12.01.2001

4. Tic Tac Toe, 21.11.1997

3. Uwe Barschel, 18.09.1987

2. Giovanni Trappatoni, 10.03.1998

1. Günter Schabowski, 09.11.1989

Schusters „rappen“

Von Lukas Heinser, 16. November 2017 11:38

Zu den traurigsten (mutmaßlich unterbezahlten) Jobs in der Medienbranche gehört „Aufschreiben, was bei Twitter so los ist“ — und damit meine ich nicht mal „Schauen, was das Netz so sagt“, also die moderne Variante der Straßenumfrage oder der Leserbriefseite, bei der ein tatsächliches Thema, das gerade in den richtigen Medien vorkommt und die normalen Menschen beschäftigt, mit Stimmen aus dem Volk angereichert wird. Ich rede von fünf Tweets von völlig unbekannten Menschen, die zusammengesammelt werden, um daraus eine Geschichte – oder besser noch: einen „Shitstorm“ – zu konstruieren. Also wirklich das digitale Äquivalent zu „neulich an der Theke“.

Neulich an der Theke fanden die Internet-Reste-Verwerter von „Mashable“ fünf Tweets zum neuen Taylor-Swift-Song, in dem auch Ed Sheeran zu Wort kommt — und zwar rappend. „Haha, schlimm“, sagte Twitter (ja, wirklich: „Twitter was having none of it“, steht da) und machte sich über den in Anführungszeichen rappenden Barden lustig.

So weit, so egal.

„Mashable“ ging aber noch einen Schritt weiter:

Let’s not forget, this is not the first time Sheeran has „rapped.“

Remember this little number (or don’t, seriously, don’t press play, don’t)?

steht da über einem Video zum (tatsächlich sehr, sehr schlimmen) Song „Galway Girl“ von Ed Sheeran.

Und ich weiß, es ist – gerade in Zeiten wie diesen – vielleicht nicht das Allerschlimmste, was es an „den Medien“ zu kritisieren gibt, aber hier ging mein Puls dann doch auch für mich überraschend durch die Decke.

Denn natürlich war auch „Galway Girl“ nicht „the first time Sheeran has ‚rapped'“: Auf seinen frühen EPs und seinem Debütalbum „+“ finden sich einige Songs, in denen Ed Sheeran Sprechgesang einsetzt — so wie seine erklärten Vorbilder, das inzwischen lange aufgelöste britische Duo Nizlopi (treue Blogleser erinnern sich vielleicht), das Sheerans (frühen) Sound maßgeblich beeinflusst hat.

Man muss das alles nicht wissen. Ed Sheeran ist nicht Paul McCartney, aber wenn man sich über Ed Sheerans Rap-Skills lustig macht (was ja auch okay ist — ich fand „+“ ja unter anderem deshalb super, aber das ist ja Geschmackssache), sollte man das Thema doch ein bisschen besser einordnen können. So, wie „Vulture“ es immerhin geschafft hat.

Ich hab meinen Puls übrigens schnell wieder in den Griff bekommen, weil ich bei meiner kurzen Recherche zum Thema auf dieses schöne Video gestoßen bin:

Auf der anderen Seite

Von Lukas Heinser, 10. November 2017 13:14

Wenn wir über deutschsprachige Musik im Jahr 2017 sprechen, können wir natürlich von den weichen Zielen, den pop culture punching bags reden wie Max Giesinger, Mark Forster oder Julia Engelmann. So, wie man US-amerikanische Musik an Shania Twain, Imagine Dragons und den Chainsmokers festmachen könnte. Wäre natürlich nur Quatsch.

Es reicht eigentlich, wenn man nur wenige Millimeter vom Mainstream abbiegt — schon hat man Künstler und Bands, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Dieses Jahr z.B. Schrottgrenze, kettcar und Casper.

Heute haben Tocotronic den sog. ersten Vorboten ihres kommenden Albums „Die Unendlichkeit“ (VÖ: 26. Januar 2018) rausgehauen:

Mal davon ab, dass ich bei dem jungen Mann in weißer Kleidung und mit langen schwarzen Haaren die ganze Zeit an Andrew W.K. denken musste: gutes Video, das die amerikanische Vorstadthölle 1:1 ins Deutsche übersetzt (so, wie es die Stadtplaner auch schon getan haben), beeindruckender Song, Haltung.

Auch schön: Auf dem aktuellen Bandfoto geht Arne Zank als Steven Spielberg und Rick McPhail als J Mascis.

Beim Heimwerken von den Esten lernen

Von Lukas Heinser, 27. Oktober 2017 17:43

Vielleicht erinnern Sie sich ja noch an den ESC 2011 in Düsseldorf und an die estnische Teilnehmerin:

Getter Jaani hat in diesem Jahr einen Vertrag mit Universal Music Baltics unterschrieben und dieser nordeuropäische Außenposten der letzten größten Plattenfirma der Welt hat offenbar Größeres vor.

Die erste Veröffentlichung war im Sommer die Single „Something Good“, zu der es jetzt auch ein Video gibt:

Ich mag den Song: Die Strophen versprechen ein bisschen mehr, als der Refrain dann einlösen kann, aber es klingt absolut zeitgemäß und nur ein bisschen wie ein Lied, das Taylor Swift und Selena Gomez dankend abgelehnt haben.

Das Video lässt mich allerdings etwas rätselnd zurück: Erleben die jungen Zuschauer überhaupt noch den Anfang des Songs, wenn davor erst mal 35 Sekunden nichts passiert? Ist dies das erste Musikvideo, dessen Storyboard ausschließlich aus dem Pinterest-Board „Altbauwohnung in 20 Minuten selbst sanieren, damit sie voll hygge aussieht“ bestand? Sehen Musikvideos im Jahr 2017 wirklich aus wie Instagram-Versionen eines Werbespots für Bausparkassen? Und, apropos Werbespot: Getter Jaani hat offensichtlich einen Deal mit Nike — aber auch mit Chiquita? War der Sportartikelhersteller am Ende schlecht beraten, Turnschuhe für ein paar Hundert Euro geschickt zu haben, während der Bananen-Händler einfach nur durch den Umstand, dass man seine Kartons auch wahnsinnig gut für Umzüge zweckentfremden kann, fast die gleiche air time bekommt?

Straßenbahn des Todes

Von Lukas Heinser, 17. Oktober 2017 12:02

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen

(Casper – Im Ascheregen)

Ich hab in diesem Jahr schon mehrfach Social-Media-Pausen gemacht, die „digital detox“ zu nennen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Ferien hatte, wenn wir mal übers Wochenende oder etwas länger weggefahren sind, hab ich Facebook und Twitter einfach ausgelassen. Zum einen, weil die iPhones-Apps im Vergleich zur richtigen Nutzung (ich bin vermutlich der einzige Mensch Mitte Dreißig, für den ein Computer mit Bildschirm, Tastatur und Browser die „richtige“ Anwendung ist und ein Smartphone maximal eine hilfreiche Krücke für unterwegs, aber das ist mir – wie so vieles – egal) einfach noch unpraktischer sind (und das will schon was heißen), zum anderen, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Laune macht.

Jetzt war ich übers Wochenende am Meer, hab gerade wieder den Laptop aufgeklappt, kurz in Facebook reingeguckt und schon wäre die ganze wunderbare Erholung (Strahlend blauer Himmel, knallende Sonne und 24 Grad Mitte Oktober! 17 Grad Wassertemperatur! In der Nordsee!) fast wieder weg gewesen.

Und dann traf mich die Erkenntnis und ich hatte endlich einen Vergleich bzw. eine Metapher für das gefunden, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich geradezu von „krank machen“ sprechen würde: Es ist, als säße man in der Straßenbahn und könnte die Gedanken jedes einzelnen Menschen mithören. Da sitzt ein Mann, der gerade seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dort ist eine Frau, die gerade auf dem Weg in die Klinik ist: Ihre Mutter hat Krebs im Endstadium. Hier sitzt ein 16-jähriges Mädchen, dessen Freund, ihre erste große Liebe, gerade Schluss gemacht hat und schon mit einer anderen zusammen ist. Und da drüben ein kleiner Junge, dessen Hamster gestern gestorben ist.

Natürlich sitzen da auch welche, denen es gut geht: Eine Familie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gerade seinen neugeborenen Urenkel besucht hat und sich gleich eine Dose Linsensuppe warmmachen wird, sein Leibgericht. Eine junge Frau auf dem Weg zum ersten Date — sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann später heiraten und eine glückliche Familie mit ihm gründen. Doch ihre Gedanken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlechte Ding kreisen, sondern sie entspannt und glücklich in sich ruhen. Eher das Schnurren einer zufriedenen Katze — und damit unhörbar im Vergleich zu dem Geschrei einer Metallstange, die sich in einem sehr großen Getriebe verkantet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all diese Gedanken hören — alle können einander hören. Und die, die selbst schon völlig durch sind, schreien dann die anderen an: „Sie sind eh unfähig, völlig klar, dass Sie entlassen wurden!“, „Interessiert mich nicht mit Deiner Mutter, jeder muss mal sterben!“, „Dumme Schlampe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlechter Männergeschmack und keinerlei Menschenkenntnis!“, „Hamster sind eh hässlich und dumm!“

Das ist kein Ort, an dem ich gerne wäre. Da möchte ich nicht mal fehlen.

Und doch setze ich mich dem regelmäßig freiwillig aus — oder glaube, es tun zu müssen. Weil ich beruflich wissen muss, „was das Netz so sagt“. Bei Facebook sieht die Wahrheit eher so aus: Journalistenkollegen berichten Journalistenkollegen, was in der Welt so Schlechtes los ist. „Normale“ Menschen aus meinem Umfeld posten schon kaum noch bei Facebook. Und, klar: Es ist die Aufgabe von Journalisten, zu berichten — auch und vor allem über Schlechtes. Aber dann doch vielleicht in einem Medium? Facebook war mal als digitales Wohnzimmer gestartet, inzwischen weiß niemand mehr, was es genau sein soll/will, nur, dass es so gefährlich ist, dass es mutmaßlich durch externe Manipulation die US-Wahl mit entschieden haben könnte. Die wenigsten Dinge starten als leicht schrammelige Wohnzimmer-Couch und landen als Atombombe.

Und natürlich: Es sind extreme Zeiten. Der Brexit, die US-Wahl, der Aufstieg der AfD, jetzt die Wahl in Österreich — wenn die Offenbarung von der Redaktion des „Economist“ geschrieben worden wäre, kämen darin vermutlich weniger Schafe und Siegel vor und mehr von solchen Schlagzeilen. Die letzten Tage waren geprägt von immer neuen Enthüllungen über den ehemaligen Filmproduzenten und hoffentlich angehenden Strafgefangenen Harvey Weinstein, dessen Umgangsformen gegenüber Frauen allenfalls mit denen des amtierenden US-Präsidenten zu vergleichen sind. Nach zahlreichen Frauen, die von Weinstein belästigt oder gar vergewaltigt wurden, melden sich jetzt auch viele zu Wort, die in anderen Situationen Opfer von beschissenem Verhalten widerlicher Männer geworden sind. Und, Spoiler-Alert: Es sind viele. Verdammt viele. Mutmaßlich einfach alle.

Auftritt weitere Arschlöcher: „PR-Aktion!“, „Dich würde doch eh niemand anpacken!“, „Habt Ihr doch vor vier Jahren schon gepostet, #aufschrei!“ Und während man sich mit der Hoffnung retten kann, dass sich diesmal vielleicht wirklich etwas ändern könnte (einiges deutet darauf hin, dass Harvey Weinstein tatsächlich von jener Hollywood-Gesellschaft ausgeschlossen werden könnte, die sich allzulang in seinem Licht gesonnt hatte), kommen die nächsten Kommentare rein und man zweifelt daran, ob da überhaupt noch irgendwo irgendwas zu retten ist.

Nimm einen ganz normalen Typen, so wie er im Buche steht
Gib diesem Typen Anonymität
Gib ihm Publikum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümmste Arschloch, das man nicht vergisst

(Marcus Wiebusch – Haters Gonna Hate)

Es gibt verdiente Kollegen wie Sebastian Dalkowski, die sich wirklich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fakten interessieren, weiterhin Fakten entgegenzusetzen. Die all den kleinen und großen Scheiß, den die so apostrophierten Besorgten Bürger und ihre medialen Fürsprecher so von sich geben, gegenchecken — und dafür wieder nur Hass und Spott ernten. Für Menschen wie ihn haben kettcar „Den Revolver entsichern“ geschrieben, den klugen Schlusssong des grandiosen neuen Albums „Ich vs. Wir“, in dem sie auch die vielleicht zentralste Frage unserer Zeit stellen: „What’s so funny about peace, love, and understanding?“

Aber selbst, wenn Sebastian ein oder zwei Menschen überzeugen sollte (was ich, so viel Optimismus ist durchaus noch da, einfach mal hoffe), muss ich jeden Morgen bei ihm lesen, welche Sau jene Leute, die Vokabeln wie „Gutmenschen“ und „Banhofsklatscher“ verwenden, um damit Menschen zu bezeichnen, die noch nicht ganz so viel Welthass, Pessimismus und Misanthropentum in ihren Herzen tragen wie sie selbst, jetzt wieder durchs Dorf getrieben haben. Und ich weiß, dass man es als „ignorant“ und „unprofessionell“ abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und verbittert nütze ich der Welt noch weniger. Ich hab sechs Jahre BILDblog gemacht — wenn ich heute wissen will, was in Julian Reichelts Kopf wieder schief gelaufen ist, kann ich das bei den Kollegen nachlesen, die unsere Arbeit dankenswerterweise immer noch weiterführen. Ich muss das nicht zwischen den vereinzelten Kinderfotos entfernter Bekannter in meinem Facebook-Feed haben. Das gute Leben findet inzwischen eh bei Instagram statt.

Ich wollte nie große Ansagen machen wie „Ich hab mich jetzt bei Twitter abgemeldet“ — muss ja jeder selbst wissen, kann ja jeder halten, wie er/sie will, wirkt auch immer ein bisschen eitel. Nur: Facebook und Twitter haben mittlerweile eine Macht, die ihren Erfindern kaum klar ist. Sie kommen nicht mehr klar mit dem Irrsinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der ganze Quatsch, dass richtige Medien ihre Inhalte dort abkippen, um wenigstens ein paar Krümel abzubekommen. Natürlich interessiert es Facebook und Twitter kein bisschen, wenn ihnen ein unbedeutender Blogger aus Bochum alle verfügbaren Mittelfinger zeigt, aber: Hey, immerhin bin ich Blogger! Immerhin hab ich hier ein Zuhause im Internet. Und wenn mir einer auf den Teppich pisst, kann ich ihn achtkantig rauswerfen.

Ich weiß, dass Teile der Welt immer schlecht waren, sind und sein werden — ich brauche nicht die tägliche Bestätigung. Wie können es uns hier so gemütlich machen, wie es in dieser Welt (die übrigens auch ganz viele wundervolle Teile hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch meinen Newsletter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schreiben
Und ein Fußball Team zu supporten.

(Thees Uhlmann – 17 Worte)

PS: Am Meer war es übrigens wirklich wunderschön, das kriegt kein Social Media dieser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

Lucky & Fred: Episode 19

Von Coffee And TV, 13. Oktober 2017 0:47

No Sozi, No Cry: Deutschland hat gewählt und das Ergebnis deutet auf Jamaika hin — sowohl als Regierungskoalition als auch als lohnendes Exil-Ziel angesichts von 12,6% für die AfD.

Lucky und Fred drücken die Zornbank, sprechen über gute und schlechte „Spiegel“-Titelgeschichten und leider dann doch auch wieder über die Partei von Tourette-Trixi und Alexander IrgendwasmitGAU.

In der Rubrik „Johnny Cash fragt, Lucky & Fred antworten“ dreht sich diesmal alles ums Thema Heimat, Fred vermisst die Bonner Republik und Lucky entdeckt sein Herz für Konservative und spricht über sein neues Hobby Staatsphilosophie.

Shownotes:

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
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Cinema And Beer: „Atomic Blonde“

Von Coffee And TV, 7. September 2017 1:29

Atomic Blonde (Offizielles Filmplakat)

Berlin im November 1989: Kurz bevor die Mauer fällt, prügelt sich eine britische Agentin durch Ost- und Westteil der Stadt. Tom Thelen und Lukas Heinser diskutieren über Plansequenzen, Feminismus und Wodka.

Cinema And Beer: „Atomic Blonde“

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Abgang nach Maas

Von Lukas Heinser, 6. September 2017 18:51

Sie haben es vermutlich schon mitbekommen: Alice Weidel, Spitzenkandidatin einer Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt, hat gestern eine Polit-Talkshow im ZDF verlassen:

Dieser Abgang ist historisch. Nicht, weil er irgendeinen berechtigten Anlass gehabt hätte; auch nicht, weil er heute wieder für ganz viele Schlagzeilen und Fragen wie „Spielen wir das Spiel der AfD mit, wenn wir darüber diskutieren?“ gesorgt hat. Sondern, weil Weidels Empörung so unglaublich unglaubwürdig war.

Sie wirkte wie eine Oberstufenschülerin, die keinen Bock hat, Teil der Abizeitungs-AG zu sein, aber aus Gründen ihrer sozialen Stellung innerhalb der Stufe das nicht einfach zugeben kann, und deswegen verzweifelt versucht, irgendeinen Grund zu finden, Papiere in die Luft zu werfen und kopfschüttelnd den Oberstufenraum zu verlassen, um dann anschließend melodramatisch augenrollend in der Raucherecke an ihrer Zigarette zu ziehen.

Kommen wir deshalb nun zu unserer neuen Rubrik „Menschen, die bessere Schauspieler sind als Alice Weidel“. Die Liste umfasst rund 7,1 Milliarden Menschen, deswegen hier nur die fünf Erstplatzierten:

5. Til Schweiger

4. Donald Trump

3. Pepe

2. Cristiano Ronaldo

1. Berti Vogts

Furchtbar

Von Lukas Heinser, 1. September 2017 12:50

Durch Umstände, die diesmal nichts zur Sache tun, bin ich gerade über eine rund zweieinhalb Jahre alte Überschrift auf bunte.de gestolpert:

Kai Wiesinger: "Es ist furchtbar!"

Im Vorspann steht:

Der Tod von Chantal de Freitas im Sommer 2013 war überraschend. Die damals 45-jährige Schauspielerin und getrennt lebende Ehefrau von Kai Wiesinger starb plötzlich und unerwartet. Zurück blieben ihre zwei Töchter – und ein trauernder Kai Wiesinger …

Und das kann man sich ja gut vorstellen, dass eine solche Situation furchtbar ist.

Allein — wenn man den dazugehörigen Artikel auf bunte.de komplett liest, stellt man fest, dass das Zitat in der Schlagzeile vielleicht ein bisschen … nennen wir es mal: aus dem Zusammenhang gerissen ist:

"Es ist furchtbar, wie Medien ein falsches Bild von jemandem erschaffen können" Chantal de Freitas hinterließ zwei Töchter aus ihrer Ehe mit Kai Wiesinger. Im Interview mit dem Magazin "DONNA"​ spricht der 48-Jährige jetzt über die schwere Zeit. "Es ist furchtbar, wie Medien durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate ein falsches Bild von jemandem erschaffen können. Es ist sehr schwer, so etwas auszuhalten und dabei öffentlich keine Stellung zu beziehen."

Womöglich braucht man gar nicht viel mehr als dieses Beispiel, um das Wesen von Boulevardjournalismus zu erklären.

The District Sleeps Alone Tonight

Von Lukas Heinser, 29. August 2017 1:47

Guten Morgen,

mein Name ist Lukas und ich sollte eigentlich längst schlafen. Aber dann hab ich bei YouTube ein Video entdeckt:

Einer meiner Lieblingsmusiker covert einen meiner Lieblingssongs von einer meiner Lieblingsbands! Das muss ich natürlich noch gucken und dann …

Okay: Frank Turner covert noch einen Song von The Hold Steady, aber diesmal mit einem Bandmitglied von The Hold Steady! Aber danach kann ich ja …

Okay: „Constructive Summer“ mag ich aus persönlichen Gründen noch ein bisschen mehr, aber danach sollte ich …

What the … ? Frank Turner covert einen Song einer meiner anderen Lieblingsbands!

Und noch einen! („Plea From A Cat Named Virtute“ halte ich persönlich ja für einen der besten Texte, der je geschrieben wurde — was um so bemerkenswerter ist, wenn man bedenkt, was mit anderen Menschen passiert ist, die Texte aus der Sicht einer Katze geschrieben haben.)

ARGH! Gibt es irgendeinen meiner Lieblingssongs, den Frank Turner nicht gecovert hat?

Ich muss jetzt wirklich ausmachen, aber weil sich der Kreis hier so wunderbar schließt:

Noch ein Song von The Postal Service, gecovert von einem noch absoluteren Lieblingsmusiker.

Gute Nacht!

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