Song des Tages: Jens Friebe – Kennedy

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. September 2014 11:51

Jens Friebe – “Kennedy” 2005 from Nelja Stump on Vimeo.

Zum ersten Mal gehört: Irgendwann im Sommer 2005, als wir bei CT damit bemustert wurden.

Wer musiziert da? Jens Friebe, ein Musiker, der in Berlin lebt.

Warum gefällt mir das? Ich mag zum einen diesen schunkelnden Beat-Sound, zum anderen aber auch diesen absolut grandiosen Text, der auf eine Art die Ermordung John F. Kennedys aus dessen Perspektive nacherzählt, zum anderen aber auch von irgendetwas ganz anderem handelt.

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Song des Tages: Professor Green – Monster

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 28. August 2014 15:37

Monster von
Professor Green auf tape.tv.

Zum ersten Mal gehört: Im Oktober 2010 auf dem Rückflug von London, wo ich mir (neben hundert anderen CDs) “Alive Till I’m Dead” von Professor Green gekauft hatte.

Wer musiziert da? Professor Green, ein britischer Hip-Hopper, in diesem Fall mit Unterstützung von Example, den ich damals noch gar nicht kannte.

Warum gefällt mir das? Ich liebe britischen Hip Hop, mehr noch als amerikanischen. The Streets fand ich grandios, aber auch die neueren Sachen wie Tinie Tempah, Example oder eben Professor Green (wobei das Nachfolgealbum “At Your Inconvenience” eine ziemliche Enttäuschung war). In dem durchaus nachdenklichen Text geht es um das Böse, das in uns allen wohnt. Uiuiui. Ich mag des Song aber vor allem auch wegen des druckvollen Refrains von Example.

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Song des Tages: Steely Dan – Barrytown

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 27. August 2014 12:24

Zum ersten Mal gehört: Im Sommer 2000 über den Umweg einer Coverversion, die Ben Folds Five für den Soundtrack zu “Me, Myself & Irene” aufgenommen hatten. (Auch eine eher absurde Idee: Den Soundtrack zu einer Jim-Carrey-Klamotte zur Hälfte mit Steely-Dan-Coverversionen von Künstlern wie Wilco, Brian Setzer oder Smash Mouth zu befüllen!)

Wer musiziert da? Steely Dan, die amerikanische Jazz-Rock-Band um Donald Fagen und Walter Becker, die hierzulande vor allem wegen “Rikki Don’t Lose That Number” berühmt ist. “Barrytown” ist auf dem gleichen Album: “Pretzel Logic” von 1974.

Warum gefällt mir das? Ich mag den jazzigen Sound (die nicht sonderlich abweichende Ben-Folds-Five-Version schließt nahtlos an deren Album “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” an), die Harmonien und den Text. Das trifft zweifellos auf viele Steely-Dan-Titel zu. Nun ja: Ich mag Steely Dan.

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Song des Tages: Andrew W.K. – We Want Fun

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. August 2014 20:29

Zum ersten Mal gehört: Anfang 2003, als ein Freund von mir den Song für den Trailer eines von ihm geschnittenen Snowboard-Films verwendet hat. Damals runtergeladen und für viele Jahre aus den Augen/Ohren verloren. Ungefähr 2010 hab ich Andrew W.K. dann für mich (wieder)entdeckt.

Wer musiziert da? Andrew W.K., ein amerikanischer Musiker und Motivationslehrer, dessen Hauptthema Partymachen ist. Sie müssen seine Kolumne für “Village Voice” lesen, die immer wieder beeindruckend, berührend und ermutigend ist.

Warum gefällt mir das? Ich mag es, wie der Song das einlöst, was er selbst einfordert: Spaß. Andrew W.K.s Musik sprudelt über mit Spiel- und Lebensfreude und geht dabei voll auf die Fresse — auf ‘ne positive Art. Solche Musik höre ich gerne vor oder während der Arbeit. Und beim Feiern. Also generell: gerne immer.

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Song des Tages: Savage Garden – Affirmation

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 25. August 2014 11:50

Affirmation von
Savage Garden auf tape.tv.

Zum ersten Mal gehört: Irgendwann so 1999/2000, als ich wie ein Wahnsinniger CDs aus der Stadtbibliothek nach hause geschleppt habe um kurz reinzuhören und mir dann meine Favoriten als MP3 auf die Festplatte zu packen.

Wer musiziert da? Savage Garden. Zwei Australier, die für … äh … “gefälligen Radiopop” berühmt waren.

Warum gefällt mir das? Hauptsächlich wegen des Textes. Es ist, wie der Titel schon nahelegt, ein Glaubensbekenntnis, das grandios zwischen Kalenderblattweisheiten und echter Lebenshilfe oszilliert: “I believe that junk food tastes so good because it’s bad for you / I believe your parents did the best job they knew how to do”. Musikalisch ist das natürlich super-cheesy (sogar schlimmer, als ich es in Erinnerung hatte), aber ich freu mich immer noch, wenn der Song im Radio läuft.

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Song des Tages: Toploader – Dancing In The Moonlight

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 19. August 2014 11:16

Dancing in The Moonlight von
Toploader auf tape.tv.

Zum ersten Mal gehört: Irgendwann im Sommer 2000, als der Song im Radio rauf und runter lief.

Wer musiziert da? Eine Band aus Eastbourne, die damals vor allem im Vereinigten Königreich unfassbar erfolgreich, aber nie wirklich kredibel war. Die Band gibt’s übrigens wieder. Bei dem Song handelt es sich um ein Cover, das Original stammt von der amerikanischen Band King Harvest.

Warum gefällt mir das? Heute vor allem aus nostalgischen Gründen. Es errinnert mich an den Spätsommer und Herbst 2000, als ich mich an den Wochenenden abends mit meinen Freunden am Rhein getroffen habe. Dieses Lied lief damals ständig im Radio, auf Kassette oder MD (Mini Disc, das waren so kleine Plastikdinger, wo man Musik drauf aufnehmen konnte — keine Ahnung, was das sollte) und später auch auf CD, weil ich das Album zum Geburtstag bekam. Musik hatte damals noch eine viel längere Haltbarkeit und so haben mich “Dancing In The Moonlight” und “Onkas Big Moka” lange begleitet.

Der Song und das Video sind auch Dokumente einer Zeitenwende: Das hier sind, obwohl das Album im Jahr 2000 erschien, eindeutig noch die Neunziger. Die Produktion (Das Orgelsolo! Die Congas! Das Schlagzeug!) und der Look (Die Lederjacke! Die Koteletten! Sogar das verdammte Haus, in dem dieses Video spielt und in dem ich damals unbedingt wohnen wollte!) atmen noch voll den Geist von Cool Britannia, der hier allerdings schon deutlich angestaubt ist und schon beinahe ausschließlich als Zitat (nicht) funktioniert. Das waren Zeiten!

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Song des Tages: Kathleen Edwards – Six O’Clock News

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. August 2014 15:04

Zum ersten Mal gehört: Irgendwann im Jahr 2003. Ich meine, dass das irgendwie mit dem Buch “31 Songs” von Nick Hornby zusammenhing, kann den Zusammenhang gerade aber nicht mehr richtig rekonstruieren.

Wer musiziert da? Kathleen Edwards, eine kanadische Singer/Songwriterin, und wahrscheinlich meine Lieblingssängerin. Ich kann alle ihre Alben empfehlen, gerne auch “Voyageur”, das Justin Vernon von Bon Iver produziert hat.

Warum gefällt mir das? Ich mag den Sound, ich liebe diese Stimme und der Text hat so eine unglaubliche Tragik, die man beim ersten Hören jetzt vielleicht nicht unbedingt erwarten würde.

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Hebt die Gläser für John Keating

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. August 2014 11:16

Gestern, auf dem Weg nach hause, hatte ich die Idee, “Reiß die Trauer aus den Büchern” von Jupiter Jones zum heutigen Song des Tages zu machen. Zum einen, weil es auch nach zehn Jahren immer noch ein unglaublich guter Song ist, aber auch ein bisschen, um mich und alle anderen daran zu erinnern, wie diese Band mal angefangen hat. Und wegen der Textzeile “Hebt die Gläser für John Keating”.

Heute erwachte ich zu der Nachricht, dass Robin Williams, der den Lehrer John Keating in Peter Weirs “Der Club der toten Dichter” gespielt hatte, gestorben ist.

Wir haben “Der Club der toten Dichter” in der zehnten Klasse im Deutschunterricht gelesen, was insofern ein bisschen absurd ist, weil es sich um ein ursprünglich englischsprachiges Buch handelte, das auf Grundlage des Drehbuchs zu einem Hollywood-Film geschrieben wurde. Und “gelesen” habe ich es, wie ungefähr alle Lektüren in der Schulzeit, allenfalls quer. Natürlich haben wir uns auch den Film angesehen, von dem ich weniger über Literatur gelernt habe (noch heute werde ich mit Lyrik nicht so richtig warm), aber viel über unpassende Synthesizer-Klänge und über Pathos.

Die Schlussszene, wenn die Schüler auf ihre Tische steigen und die erste Zeile aus Walt Whitmans “O Captain! My Captain!” rezitieren, während Ihr Lehrer John Keating abberufen wird, traf mich mit ungeheurer Wucht ins Herz. Sie sorgte dafür, dass ich im Real Life häufig von Abschieden etwas enttäuscht war, weil sie mit dieser Fiktion nicht mithalten konnten. Ich sehe eine direkte Linie zwischen dieser Szene und meiner Begeisterung für leicht melodramatische amerikanische Popkultur (“Dawson’s Creek”, Springsteen, Bücher von John Green) und für die Lieder von Tomte. Schon an normalen Tagen kann ich diese Szene nicht anschauen, ohne Gänsehaut und feuchte Augen zu bekommen.

Meine erste richtige “Begegnung” mit Robin Williams lag zu dieser Zeit schon fünf Jahre zurück: Mit zehn hatte ich “Mrs. Doubtfire” gesehen und für einige Jahre zu meinem Lieblingsfilm erkoren. Ich muss den Film in dieser Zeit buchstäblich Dutzende Male gesehen haben.

Robin Williams spielt darin den Vater Daniel Hillard, der seine Kinder nach der Trennung von seiner Frau zu selten sehen darf und sich deshalb als Kindermädchen verkleidet, um ihnen dennoch nahe sein zu können. Ich bezweifle, dass mir das als Zehnjährigem aufgefallen ist und es ist schon Jahre her, dass ich den Film zuletzt gesehen habe, aber in der Erinnerung ist es eine unglaubliche Mischung aus Klamauk und Warmherzigkeit, die diesen Film ausmacht — und aus schrecklichen 90er-Jahre-Klamotten.

Die jetzt zitierten essentiellen Robin-Williams-Filme wie “König der Fischer” oder “Hook” habe ich nie gesehen, aber viele andere: “Jumanji”, “Good Morning, Vietnam”, “Good Will Hunting” und die deutlich düstereren “One Hour Photo” und “Insomnia”, in denen er den Psychopathen hinter der Maske des netten Jedermanns gab. Wer, wie ich, die Filme überwiegend der deutschen Synchronfassung kennengelernt hat, für den ist Williams’ Gesicht untrennbar mit der Stimme von Peer Augustinski verknüpft, der zwischendurch nach einem Schlaganfall lange pausieren musste. Es ist sicherlich nicht einfach, jemanden wie Williams zu sprechen, der in den albernen Szenen selbst ständig die Stimme wechselte und in anderen Momenten eine ungeheure Weisheit, Ruhe und Melancholie ausstrahlen konnte, aber Augustinski hat dies meisterhaft gemacht.

Robin Williams war irgendwie immer in Sichtweite, so wie der etwas merkwürdige Onkel in einer Familie, von dem man mal gute, mal schlechte Nachrichten hört: in den letzten Jahren las man von einem Entzug, einer Herz-OP und von einem Comedian, der nach Jahrzehnten des Strauchelns mit sich selbst im Reinen schien. Seine neue TV-Serie “The Crazy Ones” – von der ich Dank der Kurzatmigkeit von ProSieben eine Folge gesehen habe – wurde nach nur einer Staffel eingestellt, aber es gab wohl recht konkrete Pläne für eine Fortsetzung von “Mrs. Doubtfire”.

Robin Williams ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Er litt offenbar an Depressionen, was einen Reigen von “Trauriger Clown”-Artikeln nach sich ziehen dürfte. Dabei war er deutlich mehr als nur das.

Hebt die Gläser für Robin Williams!

Dieser Text soll wütend machen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. August 2014 14:44

Ich habe angefangen, einen Text zu verfassen. Unglaublich, was dann passierte.

Man weiß ja eigentlich, dass eine Sache popkulturell durch ist, wenn die Parodien darauf anfangen, einem massiv auf den Sack zu gehen.1 Die Nummer mit dem “Heftigstyle” ist also eigentlich durch.

Der “Heftigstyle” ist benannt nach dem “stilistischen” Vorbild heftig.co, einer Internetseite, die es sich zum Ziel gesetzt hat, bunte Meldungen von anderen, internationalen Trash-Portalen zusammenzuklauben, diese grob ins Deutsche zu übersetzen und mit plumpen Anreißertexten in Sozialen Netzwerken zu streuen. Ungefähr alles, was man über diese Website wissen muss, die vom guten Anstand über die Prinzipien des Kapitalismus bis hin zum geringsten sprachlichen Empfinden einfach alles beleidigt, hat der Herm schon vor drei Monaten aufgeschrieben. In meinen eigenen Social-Network-Feeds tauchen Meldungen von “Heftig” auffallend selten auf, was ich sehr gut finde, aber die Seuche greift um sich — immer mehr (meist ebenfalls unseriöse) Internetportale beteasern ihre Artikel in “Heftig”-Manier. Einen groben Überblick über diese Hölle liefert der inzwischen schon wieder etwas verwaist erscheinende tumblr “heftigstyle”.

Formulierungen wie “Dieser Elfmeterschütze möchte besonders angeben. Doch was dann folgt, ist einfach zum Lachen.” machen mich so unfassbar aggressiv wie sonst nur tropfende Wasserhähne über Edelstahlspülen. Ich brauchte ein paar Wochen mit mir und meinen Gefühlen um zu begreifen, warum das so ist. Dann wurde mir klar: Es ist die völlige Bevormundung des Lesers. Er soll schon vor der Lektüre des ganzen (meist lächerlich kurzen) Artikels wissen, wie er zu reagieren hat — im konkreten Fall Lachen. Mal davon ab, dass die wenigsten als besonders lustig angepriesenen Geschichten die entstandene Erwartungshaltung erfüllen können, ist das für mich auf eine Art ausgeprägte Menschenverachtung. Es ist irgendwie noch schlimmer als Fast-Food-Verpackung, auf die groß “Lecker!” gedruckt ist, es ist die maximale Unterforderung des Rezipienten.

Das Law-and-Order-Format “Achtung Kontrolle” auf Kabel Eins arbeitet mit den gleichen rhetorischen Mitteln, wenn die laienschauspielernden Polizisten oder Steuerfahnder ebenso leb- wie lieblos Satzkonstruktionen ablesen, die ungefähr so gehen: “Ich habe den Mann dann noch mal aufgesucht und was ich dann sah, hat mich wirklich überrascht.” Darauf folgt die nachgestellte Szene, in der der Ordnungshüter den Mann noch einmal aufsucht und dann etwas sieht, was ihn wirklich überrascht. Normal entwickelte Fünfjährige würden diesen Ablauf korrekt verstehen und einordnen, aber für die angeblich erwachsenen Zuschauer, die die Macher dieser Sendung offenbar für lernbehinderte Matschkartoffeln auf dem heimischen Sofa halten, wird das schön erklärt — und nach der Werbepause noch mal vom Off-Sprecher wiederholt.

Klar, wir Akademiker könnten uns jetzt schön zurücklehnen und sagen: “Das ist halt Trash-TV fürs Trash-Volk. Bildungsferne Schichten, Hartz IV, Dosenbier — die sind halt doof.” Also genau das, was sich die Produzenten solcher TV-Sendungen in all ihrer Überheblichkeit – und der daraus folgenden Menschenverachtung – auch denken. Aber ich weigere mich, das zu glauben. Billy Wilder hat mal gesagt,2 man dürfe den Zuschauer nicht unterschätzen bzw. unterfordern, er sei schlau genug, eins und eins selbständig zusammenzuzählen.

Bei “Tagesschaum” hatten wir spaßeshalber mal das Mission Statement “Wir wollen den Zuschauer auf mehreren Ebenen überfordern” formuliert — und dieses Versprechen sicherlich auch oft genug eingelöst.3 Ich habe erst mit der Zeit begriffen, dass es beim Fernsehen wirklich außergewöhnlich ist, gewisse Fakten als bekannt vorauszusetzen und den Zuschauer vor allem mal eigene Schlüsse ziehen zu lassen. Man kann ja heute kaum noch eine Nachrichtensendung schauen, in denen Aufnahmen von hungernden Kindern, vertriebenen Menschen oder den Auswirkungen von Naturkatastrophen nicht als “schlimme Bilder” anmoderiert werden — ganz so, als wäre das Publikum nicht selbst in der Lage, das Gezeigte als schlimm einzuordnen.

Womöglich bin ich da alleine, aber ich fühle mich von solchen Erklärungen immer bevormundet — genauso übrigens wie von den meisten Auflösungen in Krimis. Da haben die Autoren im ersten und zweiten Akt schön ihre Fährten gelegt und Hinweise gegeben,4 und dann wird im dritten Akt noch mal eine Rückblende abgefeuert, damit auch der größte Depp (aus Sicht der Macher: der Zuschauer an sich) begreift, was ambach ist.

Ich möchte hier noch mal in Betracht ziehen, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, dem es so geht, aber ich denke bei Filmen oder Romanen lieber “Das habe ich jetzt nicht verstanden, da hätte ich besser aufpassen müssen, mein Fehler!” als “Ja-haaa! Ich hab’s verstanden!”. Ich weiß noch, wie wütend ich beim Sehen von Quentin Tarantinos “Inglourious Basterds” an einer Stelle wurde: In einer Gaststätte hatte sich ein Brite als Deutscher ausgegeben, tadelloses Deutsch gesprochen und war doch aufgeflogen. Er hatte beim Bestellen von drei Gläsern Scotch den Zeige-, Mittel- und Ringfinger hochgehalten — ein echter Deutscher würde die Zahl Drei aber mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger anzeigen. Man sieht in der Szene, wie August Diehl Michael Fassbenders Finger anstarrt und sein Gehirn rattert. Selbst wenn man nicht mit den kulturellen Unterschieden des finger-countings vertraut ist, gehen an dieser Stelle quasi alle Sirenen an und der Satz “Hier stimmt etwas nicht, Ihr seid aufgeflogen!” läuft in Laufschrift über Diehls Stirn.5 Und trotzdem hielt Tarantino (womöglich: hielten die Produzenten) es für notwendig, die Sache mit den Fingern später noch einmal im Dialog aufzulösen. Damit auch der Letzte begreift, warum die Tarnung aufgeflogen ist.

Man hört ja immer wieder davon, dass viele Menschen, allen voran natürlich Schulkinder, nicht mehr in der Lage seien, einfache Texte sinnentnehmend zu lesen. Klar: Wenn ich daran gewöhnt bin bzw. werde, dass eine überraschende Wendung als solche gekennzeichnet wird oder dass traurige Musik anschwillt, wenn etwas trauriges passiert, dann wird es schwierig, wenn sich plötzlich der Asphalt vor mir auftut und der Tagebruch nicht “Überraschung!” schreit und die Musik ausbleibt, wenn der Hamster stirbt. Da bedarf es schon ein bisschen Vorwissen und Transferleistung, um das von selber auf die Kette zu kriegen.

Verschwörungstheoretiker würden jetzt erklären, dass es Wunsch und Auftrag von Regierung und/oder Werbekunden sei, das Volk dumm zu halten, aber ich fürchte, die Erklärung ist wie so oft viel einfacher, also schlimmer: Irgendwelche Controller haben in irgendwelchen Umfragen herausgefunden, wie man mit noch weniger eigenem Aufwand noch mehr Leute erreichen kann, die sich schon so sehr daran gewöhnt haben, für Toastbrot gehalten zu werden, dass es sie gar nicht mehr aufregt.

  1. Das ist in der Regel der Moment, in dem Radiosender anfangen, die betreffende Sache in ihr “Comedy”-Repertoire aufzunehmen. []
  2. Sinngemäß, ich finde das Zitat leider auf die Schnelle nicht mehr wieder, es ist aber irgendwo im Wilder-Buch von Hellmuth Karasek zu finden. []
  3. Und, klar: Unsere Quoten konnten nicht mit denen von “Achtung Kontrolle” mithalten. []
  4. Inzwischen muss man ja schon froh sein, wenn das noch halbwegs natürlich geschieht und nicht irgendwelche Einblendungen aufpoppen, auf denen “Achtung! Diese Information wird gleich noch wichtig!” steht. []
  5. Damit wir uns nicht falsch verstehen: August Diehl macht in diesem Film einen phantastischen Job. Ich fand ihn fast noch besser als Christoph Waltz. []

Song des Tages: Estrich Boy – Saving The End Of Summer

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. August 2014 11:31

Zum ersten Mal gehört: Anfang 2003, als der Song auf der Bandhomepage zum kostenlosen Download zur Verfügung stand. Glaube/Hoffe ich.

Wer musiziert da? Estrich Boy, eine nach einer Baumaschine benannte Band aus der niederrheinischen Retortenstadt Voerde. Eine Band, die schon mehrfach den großen Durchbruch hätte schaffen sollen, dies aber leider noch nicht geschafft hat. Was aus denen wohl geworden ist? Über die Bedeutung Voerdes (und dort: insbesondere die der “Stockumer Schule” und des Clubs “Rolling Stone”, später “Index” und “The Hamburger Schule Club”) für die Musikszene sind meines Erachtens übrigens noch nicht genug Bücher geschrieben worden. Das gilt es nachzuholen, mit Dinslaken als vergleichsweise kurzem Kapitel.

Warum gefällt mir das? Das ist die Musik, die wir damals “Emo” nannten, und die sich auch genauso anfühlte. Das Lied fiel in die Zeit von Zivildienst und Warten auf den Studienbeginn, in der Zeilen wie “There is so much to do / So I better don’t do anything at all / I’d better do nothing” perfekt passten. Ich liebe es, wie sich dieses Lied immer weiter steigert und die Gitarren in jedem Durchgang von Strophe und Refrain neu klingen und mit anderen Rhythmen um die Ecke kommen.

[Alle Songs des Tages]

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