Lucky & Fred: Episode 24

Von Coffee And TV, 20. Juli 2018 14:05

 
In einem ansonsten menschenleeren Büro in Dortmund-Barop müssen sich Lucky und Fred erstmal wieder daran gewöhnen, wie es ist, ohne Theaterpublikum zu sein. Dabei hilft ihnen ein Mann, der seit Jahren von der Rolle ist: Horst Seehofer, der Donald Trump aus Ingolstadt.

Nachdem sie den Bundesinnenminister hinreichend verarztet haben, kümmern sich die chronisch überwitzelten Chronisten um Donald Trump, den Horst Seehofer aus New York.

Lucky erwägt, einer Partei beizutreten, Fred schafft die Sommerzeit ab und gemeinsam erinnern sie an das bedeutendste fünfte Jubiläum in der Geschichte des WDR Fernsehens.

Der Trost, wie immer: Es war nicht alles schlecht — und Lucky und Fred werden auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zurückkehren!

Shownotes:

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Irgendwo da draußen

Von Lukas Heinser, 11. Juli 2018 14:59

Ich hatte hier ja schon mehrfach über Rae Morris geschrieben.

Mit nur viermonatiger Verspätung habe ich jetzt festgestellt, dass es zu „Someone Like You“, dem Titeltrack ihres sehr, sehr guten zweiten Albums, ein Musikvideo gibt:

Wunderschöner Song und das Video drückt bei mir natürlich auch alle Knöpfe: dieses Fotoshoot-Setup mit den „normalen“ Menschen, das Mitsingen und dann auch noch ein tanzendes altes Paar! Hach! Bis zur letzten Einstellung!

„Wo hab ich das mit diesen Leuten, die fotografiert werden sollen, denn schon mal gesehen?“, habe ich mich gefragt und mir die Frage dann auch gleich selbst beantwortet.

Zum Beispiel (deutlich patriotischer — und das vor 9/11) bei Madonna:

Oder bei „’74–’75“, diesem unwahrscheinlichen 90er-Hit der amerikanischen Band The Connells über die Abschlussklasse von 1975 (und damit lustigerweise auch über den Abijahrgang meiner Eltern):

Bei meinen kurzen Recherchen zu „’74–’75“ bin ich nicht nur auf einen charmanten kleinen Text über das Lied beim „Guardian“ gestoßen (verstörenderweise in der Rubrik „Old Music“ — Entschuldigung, 1995 war doch gerade erst?!), sondern auch auf dieses sehr rührende Update des Musikvideos zum 40-jährigen Abitreffen der Class of ’75:

Und weil’s thematisch so schön passt, bin ich dann gerade auch noch über einen Song gestolpert, der nach meinem Abijahrgang benannt ist: „2002“ der britischen Sängerin Anne-Marie Nicholson, der aktuell auf Platz 60 der deutschen Charts steht. (Anne-Marie war 2002 elf Jahre alt.)

Liebling, ich bin gegen Deutschland

Von Lukas Heinser, 23. Juni 2018 11:55

Es ist inzwischen ein paar Jahre her, dass die Münsteraner Band muff potter. einen Song veröffentlichte, in dem sie – vorsichtig ausgedrückt – Kritik übte an einem merkwürdigen neuen deutschen Nationalstolz:

Neue Stimmen und neue Lieder
verkünden: Wir sind wieder wer!
Und wer sind eigentlich wir?
Und ich frag mich: Was zum Teufel wollt eigentlich Ihr?

Der Song heißt „Punkt 9“,1 klingt „als ob Refused ABBA covern“2 und das bemerkenswerteste daran ist: er erschien schon im Herbst 2005, also fast ein Jahr, bevor „die Welt zu Gast bei Freunden“ war und sich Deutschland im „Sommermärchen“ „schwarz-rot-geil“3 fand.

Deutsche Flagge

Ich erinnere mich noch gut, wie ich am Mittag des 9. Juni 2006 mit der Bahn von Bochum nach Dinslaken fuhr und in Duisburg an einer Häuserfront vorbeikam, die voller deutscher Flaggen hing, und dachte: „Holla! Goebbels wäre stolz!“4 Rund fünf Stunden später saß ich bei Schulfreunden im elterlichen Wohnzimmer, Philipp Lahm schoss das 1:0 gegen Costa Rica und für vier Wochen war ich bereit, dem Narrativ eines neuen, „positiven“ oder „unverkrampften“ Patriotismus zu glauben.

muff potter. bezogen sich damals aber nicht (nur) auf Fußballfans, sondern z.B. auf die Medienkampagne „Du bist Deutschland“, an die sich heute außer ein paar Agenturnasen vermutlich niemand mehr erinnert und die eine „Initialzündung einer Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland“ sein sollte — also ein Remix von Roman Herzogs „Ruck“-Rede vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Agenda 2010.

Den Startpunkt für diese „neue deutsche Zeitrechnung“ verorteten Sänger/Gitarrist Nagel und Schlagzeuger Brami in ihrem Text „Neunzehnvierundfünzig in Bern“ und tatsächlich war „Das Wunder von Bern“ 2003 in einem erfolgreichen Kinofilm von Sönke Wortmann noch einmal für die nachfolgenden Generationen aufbereitet worden.

Wenn man „Punkt 9“ heute hört, hat man ein bisschen das Gefühl, dass das Lied seiner Zeit nicht nur im Bezug auf den „Party-Patriotismus“ voraus war, sondern auch, was Politik angeht:

Mit warmen Visionen von Identität
und der Reflexion auf Nulldiät
wird Geschichte vertauscht, verdreht und umgekehrt
Hysterisch, wer sich da beschwert

„Ja, gab’s denn damals schon die AfD?“, möchte man fragen — und übersieht dabei, dass ein Alexander Gauland damals schon seit über 30 Jahren in der CDU war und in der Union auch Leute wie Peter Gauweiler, Roland Koch, Horst Seehofer, Friedrich Merz und Erika Steinbach zu Verhaltensauffälligkeiten neigten. Merz zum Beispiel hatte im Jahr 2000 mit dem Begriff der „deutschen Leitkultur“ für ein großes Hallo in der damals noch jungen Berliner Republik gesorgt. Und der Schriftsteller Martin Walser hatte 1998 in seiner Paulskirchenrede eine „Instrumentalisierung unserer Schande“ beklagt und diese als „Moralkeule“ bezeichnet und somit eine Blaupause geschaffen für alle noch zu haltenden Reden von Björn Höcke und Alexander Gauland.

Das alles war, nach der Einschränkung des Asylrechts und zahlreichen, mitunter tödlichen Brandanschlägen auf Asylbewerber*innen und Migrant*innen Anfang der 1990er Jahre,5 also das Klima, in dem „Punkt 9“ entstand.6

Und es war auch nicht der erste Song zum Thema.

Schon im Oktober 1990 – und damit gerade mal drei Monate nach dem deutschen Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft und drei Wochen nach der formellen Wiedervereinigung – erschien das Album „X für ’e U“ („Ein X für ein U“) der Kölner Band BAP, dessen Opener „Denn mer sinn widder wer“ („Denn wir sind wieder wer“) in hochdeutscher Übersetzung so beginnt:

Wo man hinschaut, nur noch Deutschland,
So penetrant, wie ich es noch nicht kannte,
Als gäbe es sonst nichts mehr, als gäbe es sonst nichts mehr.

Der Song entwickelte zusätzliche und besondere Bedeutung beim Konzert auf dem Kölner Chlodwigplatz, auf dem am 9. November 1992 100.000 Menschen unter dem Motto „Arsch huh, Zäng ussenander“ („Arsch hoch, Zähne auseinander“) gegen Rassismus und Neonazis demonstrierten.7 BAP-Sänger Wolfgang Niedecken beschreibt bei diesem Auftritt die Entstehungsgeschichte des Songs, als nach dem deutschen WM-Sieg „die ersten Hirnis mit der Reichskriegsflagge rumfuhren und meinten, sie könnten ihr Süppchen mitkochen“. Diese Formulierung ist – vielleicht ganz bewusst, vielleicht eher aus Versehen – ziemlich gut, weil sie zunächst einmal zwischen Fußball-Anhängern und Neonazis unterscheidet und dann aber doch einen, wenn auch eher parasitären, Zusammenhang zwischen beidem herstellt.

Ich hatte „Denn mer sinn widder wer“ wieder im Kopf, als wir nach dem Endspiel der WM 2002, bei dem Deutschland gegen Brasilien verloren hatte, mit unseren Fahrrädern nach Hause fuhren und in der Innenstadt von Dinslaken Menschen mit Deutschlandfahnen rumliefen, von denen einige tatsächlich riefen: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Es fühlte sich nach Jahren einer gefühlten Entspannung der Lage an wie ein Schlag in die Magengrube — und war im Nachhinein ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Während der WM 2010 stand im Bochumer Bermudadreieck ein fast schon Karikaturenhafter Mann mit einer schwarz-weiß-roten Flagge, als wäre es das Normalste der Welt. Die von uns informierte Polizei konnte nichts machen: Die Flagge des Kaiserreiches ist nicht verboten.

Tatsächlich sehen nicht wenige Experten einen mehr oder weniger großen Zusammenhang zwischen dem seit 12 Jahren regelmäßig ausbrechenden „Party-Patriotismus“ und dem Aufkommen neuer nationalistischer Strömungen wie der AfD.

Wenn also die Weltmeistertitel von 1954 und 1990 wahlweise Ausgangspunkte oder zumindest Marker eines veränderten deutschen Selbstverständnisses waren: Baby, what did you expect, 2014?8 Drei Monate später „spazierte“ die Pegida-Bewegung zum ersten Mal durch Dresden.9

Den Übergang von vermeintlich harmloser Fußballbegeisterung hin zu Permanenznationalismus kann man in einem kleinen Sticker sehen: 2006, als das „Sommermärchen“ langsam zu Ende ging, brachte „Bild“ einen Aufkleber in Umlauf, der verkündete: „Schwarz rot geil — Wir machen weiter!“. Im Blatt schrieb die Redaktion dazu: „Lassen Sie sich die gute Stimmung nicht verderben, zeigen Sie weiter Flagge!“

Mal davon ab, dass die Deutschland-Besoffenheit von „Bild“ schon während der WM alles andere als entspannt und unverkrampft gewesen war (BILDblog berichtete mehrfach), konnte ab hier keiner mehr behaupten, dass es „nur“ um Fußball und die Farben einer Mannschaft ging.

Das passende Lied zur aktuellen Lage kommt von kettcar und heißt „Mannschaftsaufstellung“:

Wir bilden eine Mauer, machen alle Räume dicht
Mit einem Populisten, der durch die Abwehr bricht
Ein Stammtischphilosoph am rechten Außenfeld
Die Doppelsechs, die alles Fremde ins Abseits stellt

kettcar-Sänger Marcus Wiebusch hatte Fußball bei seiner früheren Band …But Alive schon öfter als Bildspender benutzt — allerdings im Bezug auf gescheiterte Beziehungen („Entlassen (Vor der Winterpause)“) und Freundschaften („Erinnert sich jemand an Kalle ‚del Haye?“). Der Text zu „Mannschaftsaufstellung“ stammt vom Bassisten Reimer Bustorff.

Der Refrain kommt dann auf den Punkt:

Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen
Die Aufstellung hörten, unser Abendbrot aßen
Nahmst du meine Hand und sagtest:
„Liebling, ich bin gegen Deutschland“

Der Irrsinn ist nur inzwischen so weit fortgeschritten, dass es angesichts der „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil und der „Ankündigung“ der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel, die deutsche Mannschaft nicht unterstützen zu wollen, inzwischen beinahe eine linke, subversive Position ist, für das deutsche Team zu sein — so wie man angesichts der „Merkel muss weg!“-Rufe aus der ganz rechten Ecke bei der letzten Bundestagswahl ja trotz aller Kritik irgendwie für Angela Merkel sein musste.

Die Musik zum Turnier ist natürlich wieder die übliche Erbauungslyrik mit „Viva La Vida“-Chören, die man leider kaum besser zusammenfassen kann als mit „Menschen Leben Tanzen Welt“. 2018 heißt der Max Giesiniger unter den Andreas Bouranis dieser Welt Adel Tawil und singt in „Flutlicht“:

Im Wind wehen unsere Fahnen, über ein Meer aus unsern Farben
Auf diesen Moment warten wir schon so lang
Wir singen eure Namen, uns’re Lieder soll’n euch tragen
Wir stehen hinter euch wie ein zwölfter Mann

(„Fahnen“ waren bei muff potter. und BAP noch Symbole des Bösen, hier sind sie ganz banal Fahnen. Immerhin sind sie nicht hoch.)

Lieder, die mal irgendwie Stellung beziehen, darf man von den aktuellen Popbarden nicht erwarten, da muss man ja schon froh sein, wenn sich mal jemand dergestalt äußert, dass er keine AfD-Anhänger unter seinen Fans haben will. Aber gut: Was will man von Leuten erwarten, die ein Lied singen über den anstrengenden Alltag einer alleinerziehenden Mutter, das dann in der Sentenz „Wenn sie tanzt ist sie woanders“ gipfelt? Tanz den Hartz!

Das war Anfang der 1990er Jahre noch anders. Die Prinzen, damals eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt, sangen 1992 in ihrem Lied „Bombe“:

Schmierst Du an die Wand eine hohle
Naziparole,
Dann möchte ich …
Wenn Du einen „Kanacke“ nennst,
Weil Du seine Sprache nicht kennst,
Dann möchte ich …
Willst Du allen in die Fresse hau’n
Und bist im Kopf schon ganz braun,
Dann möchte ich …
Wenn Du Dir den Schädel rasierst
Und im Gleichschritt marschierst,
Dann möchte ich …

Dieses „Möchten“ wird im Refrain so aufgelöst:

Dann möchte ich ’ne Bombe sein
Und einfach explodieren,
Wenn alle Leute „Hilfe schreien,
Dann würde was passieren.
Manchmal möchte ich zerplatzen und laut knallen
Und alles, was nicht stimmt, würde auseinander fallen.

Im Song gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Dinge, wegen derer das Lyrische Ich gerne „explodieren“ würde („Wenn manche Eltern sich trauen, ihre Kinder zu hauen“, „Wenn Jan das Essen nicht schmeckt und er schmeißt es weg“), die manchmal fast rührend naiv erscheinen.10 Jede Menge Minimalpositionen, mit denen man heute als „mutig“ oder „kontrovers“ gelten würde. Und wenn jemand angeben würde, einen Liedtext gut zu finden, in dem explodiert wird und alles auseinander fällt, müsste er/sie damit rechnen, von Julian Reichelt öffentlich angegriffen zu werden.

Ein weiteres Beispiel für Mainstream-Antifaschismus: Udo Lindenberg mit seinem Song „Panik Panther“, ebenfalls von 1992.

Die Zeiten werden härter,
wir können keinem trauen.
Erst gestern haben so Zombies
schon wieder brutal draufgehauen.
Total blind im Rassenwahn,
zünden sie nachts Häuser an.
Aber wir klären hier in unserer Stadt,
dass kein Skin was zu sagen hat.

Das Lied zählt jetzt weder musikalisch noch textlich zu Lindenbergs bedeutendsten Werken, war aber damals Single und Titeltrack des Albums.

In meiner Kindheit war es gesellschaftlicher Konsens, gegen „rechts“ zu sein. Die Nazis waren klarer zu erkennen, zu beschreiben und zu karikieren11 und die Gefahr war vielleicht greifbarer, weil noch groß in den Medien berichtet wurde, wenn mal wieder Häuser brannten. Ich erinnere mich noch gut an diese Nachrichten, die man als Kind natürlich überhaupt nicht einordnen kann,12 und an die Ängste, die ich damals hatte. Der „rationale“ Beruhigungsversuch „Bei uns im Haus wohnen keine Ausländer“ ist ja nicht wirklich ein Trost, sondern im Rückblick schlichtweg Zynismus.

Heute sitzen Politiker*innen, die sich nicht scheuen, bewusst auf NaziVokabular zurückzugreifen, nicht nur in vielen Parlamenten, sondern sogar in vielen Regierungen. Die diesjährige Fußball-WM, die wegen ihres Austragungsortes schon politisch genug wäre, ist für die Medien nicht mehr nur Eskapismus, Bild- und Identifikationsspender, sondern sie wird direkt mit der von der CSU ausgelösten und am Kochen gehaltenen Regierungskrise verknüpft: „Bild“ montiert im Rahmen der inoffiziellen Kampagne „Schade: Immer noch kein Bürgerkrieg“ die Maximal-Kritik an Mesut Özil neben die Trump’schen Lügen einer gestiegenen Kriminalitätsrate in Deutschland und suggeriert damit, Nationalelf und Politik seien das gleiche. Wenn Deutschland in der Vorrunde ausscheidet, ist auch die Kanzlerschaft Angela Merkels vorbei.

Das alles macht keinen Spaß mehr. Nicht an Fußball, schon gar nicht an Politik. Aber wenn’s mal so richtig scheiße ist, ist wenigstens noch die Musik da.

  1. Benannt nach Punkt 9 auf der Liste der Tourbusregeln der Band: „Klappe halten!“ []
  2. Schlagzeuger Brami, der Mann hat Recht! []
  3. „Bild“, natürlich. []
  4. Ja, mir war auch damals schon klar, dass Joseph Goebbels über schwarz-rot-goldene Beflaggung vermutlich eher erbost gewesen wäre, aber die kleine Transferleistung können wir schon gemeinsam erbringen, ne? []
  5. Übrigens auch in Hünxe und damit ganz in meiner Nähe. []
  6. Darüber hinaus hatten die Mitglieder des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ bis zur Veröffentlichung des Songs schon sieben Morde begangen, die aber erst sechs Jahre später als rechtsextrem motiviert eingestuft werden sollten. []
  7. Die man damals übrigens noch gut erkennen konnte: „Mit deutscher Reichsfahne und mit Bomberjacke“. []
  8. Bonusfrage: Wie fucking gut muss es Deutschland 1974 trotz vorheriger Ölkrise gegangen sein, dass der WM-Sieg vergleichsweise folgenlos blieb? []
  9. Andererseits gibt es diese nationalistischen Tendenzen aktuell fast überall in Europa. Italien, Ungarn und Österreich sind bei der WM gar nicht dabei, Polen und Deutschland haben ihre Auftaktspiele verloren. []
  10. Im Fall von „Ruf ich nachts bei Dir an und Du gehst nicht ran“ müsste man heute auch mindestens eine #MeToo-Augenbraue heben. []
  11. „Glatzen“ bei Lindenberg, „Bomberjacke“ bei BAP. []
  12. Okay: Wie soll man das als Erwachsener? []

Lucky & Fred: Episode 23

Von Coffee And TV, 8. Juni 2018 8:55


 
Ein Abend, fünf Jahre in der Mache: Vor ausverkauftem Haus feierten Lucky & Fred am Schauspiel Dortmund die Premiere ihrer Gala.

Lucky verrät heiße Insider-Infos über den ECHO, Fred erzählt einen vom Wolf, der Vogel des Jahres wird ausgezeichnet — und dann kommt noch ein Überraschungsgast, um zu erklären, dass ja nicht alles schlecht war.

Also: Alles etwas anders als sonst, aber irgendwie auch wie immer!

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Peter Urban FAQ

Von Lukas Heinser, 8. Mai 2018 17:30

Heute Abend ist es wieder soweit: Mit der Ausstrahlung des 1. Halbfinals (21 Uhr, One) beginnt auch im Fernsehen der Eurovision Song Contest 2018.

Der Blick aus der deutschen Sprecherkabine beim ESC 2018.

Ich sitze jetzt das sechste Jahr in Folge neben Peter Urban in der deutschen Sprecherkabine und assistiere ihm bei den Vorbereitungen und während der Sendung. Und weil in den letzten Jahren auf den diversen Social-Media-Plattformen verschiedene Fragen immer wieder gestellt wurden, habe ich diese einfach mal gesammelt und beantwortet.

Good evening, Europe! Here are the results for the Peter Urban FAQ:

Was macht Peter Urban den Rest des Jahres?
Er moderiert die Musiksendung „NDR 2 Soundcheck — Die Peter-Urban Show“ und hat als pensionierter Redakteur viel Tagesfreizeit

Wann geht Peter Urban in Rente?
Am 26. Juni 2013 wurde Peter beim NDR offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Seitdem ist er als freier Mitarbeiter weiter für den Sender tätig, moderiert seine Radiosendungen und kommentiert den ESC.

Was weiß Peter Urban überhaupt von Musik?
Nun: Er hat seine Doktorarbeit über Texte in der Rockmusik verfasst („Rollende Worte – Die Poesie des Rock“, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt, 1979), arbeitet seit mehr als 50 Jahren als Musikjournalist und spielt seit 40 Jahren in der Band Bad News Reunion.

Liest Peter Urban auf Twitter mit?
Nein. Während der Show hat er für sowas gar keine Zeit. Allerdings twittere ich auf meinem Account live aus der deutschen Sprecherkabine und werfe dabei auch ein Auge auf andere Tweets.
Wenn Peter Urban etwas Ähnliches sagt, wie gerade jemand auf Twitter geschrieben hat, ist das Zufall: manche Kommentare sind eben naheliegend, Peters sind aber schon Stunden vor der Liveshow aufgeschrieben.

Hat Peter Urban einen Twitter-Account?
Jahrelang musste ich diese Frage mit „Nein“ beantworten, aber seit ein paar Wochen ist es endlich soweit: Peter Urban twittert! Und er ist auf Instagram! (Allerdings ist er während der Shows natürlich beschäftigt.)

Nachtrag, 10. Mai:

Kann Peter Urban nicht mal die Klappe halten?
Was ist das denn für ’ne Frage? Aber wenn Sie die Sendungen ohne Kommentar verfolgen wollen, können Sie das z.B. auf eurovision.de oder eurovision.tv tun. (Ja, das ist schwer zu finden, so versteckt auf den offiziellen Webseiten, aber: Entschuldigung, Sie sind doch hier im Internet!)

Was macht Peter Urban an den anderen 364 Tagen im Jahr?
s.o.
Allerdings ist Peter beim ESC auch länger als einen Tag im Einsatz: Es gibt alleine drei Liveshows, zu denen es jeweils auch einen Tag voller Proben gibt. Und dann reist Peter schon früher mit der deutschen Delegation an, um die Proben des deutschen Acts (wiederum an zwei Tagen) zu sehen und Pressetermine wahrzunehmen.

And through it all

Von Lukas Heinser, 12. April 2018 13:27

Früher waren Leute berühmt, weil sie etwas (z.B. malen, singen, schreiben, Kriege gewinnen) besonders gut konnten. Heute sind sie berühmt, weil sie das Eine gut konnten und jetzt etwas ganz anderes machen (z.B. Fernsehköche, Lena Meyer-Landrut, Donald Trump — wobei: was kann der schon?). Benjamin von Stuckrad-Barre war vor fast 20 Jahren der gefeierte Jung- bzw. Popliterat („Popjungliterat“ ging wohl irgendwie nicht), vor zwei Jahren der geläuterte Held seiner Autobiographie und ist jetzt binnen weniger Monate zum König von Instagram geworden. Gut: Über 18.000 Follower lachen echte Influencer natürlich, aber was er da in kurzer Zeit für eine (uh, ah) Community aufgebaut hat, ist schon beeindruckend. Erwachsene Leute, die sich weigern würden, einer Partei oder auch nur einem Sportverein beizutreten, filmen sich dabei, wie sie den (wirklich extrem catchygen) Titel seines neuen Buchs in die Kamera sagen: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen — Remix 3“.

Und so ist dieser Abend hier in der Bochumer Zeche ein bisschen wie die „Glow“ im Kleinen. Für Leute, die mehr Bücher als Makeup zuhause haben. Erstmal den Backdrop (auf dem dann doch nur Platz für „Remix 3“ war) bei Insta posten! In der Reihe hinter mir sagen Männer den Satz, den Männer im Jahr 2018 so sagen, wenn sie das mit der Rockstar-Karriere wirklich aufgegeben haben und die E-Gitarren als Deko im Pinterest-Wohnzimmer verstauben: „Lass mal ’nen Podcast zusammen machen!“

Um kurz nach Acht geht das Saallicht aus, ein popkulturelles Maximal-Mashup erklingt und dann, als Aufmarschmusik: „The Heavy Entertainment Show“ von Robbie Williams. Das lief aber beim letzten Mal vor zwei Jahren auch schon! Der Popliterat ist von Anfang an voll da und muss erstmal umständlich eine Noel-Gallagher-Fahne am Tisch befestigen („Es ist halt schon einfacher, wenn man Joko und Klaas ist!“). Die hat er beim Konzert in Hamburg gekauft, von dem er ausführlich via Instagram-Story berichtet hatte — und ich lag im Bett, sah das auf meinem iPhone und fühlte mich ein bisschen, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Das Wort „Lesung“ hat es bei Stuckrad-Barre noch nie so richtig getroffen, fast wichtiger als die Texte ist das Drumherum, das Rumhibbeln und das Abschweifen. Als er dann trotzdem liest, steigt er direkt mit dem stärksten Text des Buches ein, einem Porträt über Jürgen Fliege, das ich schon bei Erstveröffentlichung in der „Welt“ gelesen und gefeiert, danach aber für sechseinhalb Jahre vergessen hatte. Es ist ein Text der Sorte „Unsagbar gut, muss ich jetzt täglich drei Mal lesen, um mir zu merken, wie man eigentlich schreibt!“

Überhaupt: „Remix“ (das eine wilde Sammlung von zuvor veröffentlichten Texten enthielt und damals gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors nicht „Remix 1“ hieß) war im Sommer vor 18 Jahren das Buch, bei dem es bei mir „Klick“ gemacht hat, und nach dem ich angefangen habe, eigene, sehr meinungsfreudige Texte zu schreiben und ins Internet zu stellen (wo sie hoffentlich weniger Leser*innen hatten als ich heute Follower auf Instagram). An „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft: Remix 2“ kann ich mich kaum erinnern (und dem Autor geht es da vermutlich genauso), die Brillanz kam dann erst wieder mit „Auch Deutsche unter den Opfern“ zum Vorschein.

All diesen Büchern ist gemein, dass es sich um Textsammlungen handelt, die Themen und vor allem die Qualität also etwas schwanken. Nach dem grandiosen Besuch beim TV-Pfarrer folgt also in der Live-Darbietung ein Text darüber, wie sich Stuckrad und seine Freundin Partnertattoos stechen lassen, weil sie so verliebt sind. Das ist im Buch schon einer der schwächsten Texte (die Faustregel, wonach glückliche Künstler keine gute Kunst erschaffen können, hat leider weiterhin Bestand), wird in der Gegenwart aber auch nur bedingt dadurch aufgewertet, dass Beziehung und Tattoos inzwischen schon wieder Geschichte sind.

Zur Auflockerung sollen danach alle, die auch bei Instagram sind, auf die Bühne, damit er uns fotografieren und hinterher taggen kann. Wir kommen der Aufforderung brav nach, in diesem Moment ist völlig unklar, ob das hier die Gründungsveranstaltung einer neuen Sekte ist und wie viel das noch (wenn überhaupt) mit Ironie zu tun hat. Wir stellen uns also zum ersten Klassenfoto seit 15, 20 Jahren auf und nachdem wir endlich richtig stehen und Stuckrad-Barre sein Foto gemacht hat, bedankt er sich so überschwänglich, dass langsam klar wird: der meint das ernst. Er macht sich ständig über diesen Instagram-Kram und seine Rolle darin lustig, aber er genießt es wirklich, diese Stimmung in die echte Welt zu holen: „Auf Instagram gibt’s keine Nazis, da gibt’s nur Herzen!“ Hach.

Die Idee, im Frühjahr 2018 einen Text über die Fußball-WM 2010 zu lesen, ist dann geradezu absurd, aber drumherum kommen wieder so viele Ausschweifungen, dass Jogi Löws babyblauer Babykashmir-Pullovera jetzt wirklich kaum noch was zur Sache tut. Dafür gibt es Geschichten aus dem Chateau Marmont, „in dem ich aus Image-Gründen lebe — zumindest so lange, bis die ganze Kohle aufgebraucht ist und ich wieder auf Lesereise gehen muss“, und eine Diskussion mit einer Zuschauerin über Tocotronic (inkl. Hörprobe und Ausführungen darüber, dass man als Fan die Schuld für das Nicht-mehr-Verstehen eines Idols bei sich selbst suchen sollte). Als Zugabe, für die er aber gar nicht erst von der Bühne geht, dann den wiederum sehr guten Text über ein Madonna-Konzert, bei dem das mit dem ständigen „Remix“ jetzt endlich mal Sinn ergibt (oder so ähnlich), weil Stuckrad den Namen „Madonna“ (beinahe) konsequent durch „Bettina Böttinger“ ersetzt.

Ein Lied habe er noch für uns, sagt er schließlich und aus der augenzwinkernden Popkulturreferenz wird plötzlich Ernst, denn vom Band (sagt man noch „Band“?) läuft jetzt plötzlich eine Live-Version von Robbie Williams‘ „Angels“ und der Popliterat wird zum Sänger (und das nicht mal schlecht):

Das ist nun plötzlich no surface, all feeling: Anders als niedere Unterhaltungskünstler wie Jan Böhmermann es vielleicht machen würden, ist das hier keine Pose mit Fluchtmöglichkeit auf die Ironie-Ebene. Benjamin von Stuckrad-Barre meint das hier alles völlig ernst: Er singt ein Lied, das er liebt, und ist umgeben von Menschen, die sich freuen, hier zu sein. Um das jetzt doof zu finden, muss man entweder sehr kaltherzig sein oder mit Popkultur so gar nichts anfangen können (was aufs Selbe rauskommt).

Am Bücherstand dürfen wir uns alle selber auf dem Gruppenfoto markieren, der Autor signiert und posiert lange für Fotos, die natürlich alle auf Instagram landen. Falls es so etwas gibt, fühlt es sich an wie die denkbar positivste Version eines Klassentreffens. Auch wenn wir da alle natürlich eigentlich nie hingehen würden.

Zum Schreien

Von Lukas Heinser, 11. April 2018 11:57

Ich habe den Moment noch relativ genau vor Augen: Vor über 20 Jahren (es muss im Frühjahr 1995 oder ’96 gewesen sein) ging ich in San Francisco eine Straße entlang und hatte ein Lied im Kopf, das ich zuvor bei „Hit Clip“, der legendären Musikvideoshow im WDR Fernsehen, gehört hatte. Eigentlich hatte ich nur einen Teil des Refrains im Kopf und der hatte folgenden Text: „Scream and shout, shout and let it out“. Den Interpreten wusste ich nicht und auch den Song, irgendsoein zeitgenössisches Eurodance-Dingen hatte ich schon weitgehend vergessen. Auch diese Zeile sollte alsbald wieder aus meinem Kopf verschwinden.

Bis sie irgendwann, Jahrzehnte später, wieder da war. „Kein Problem“, dachte ich, „kann man ja alles googeln!“ Allein: Diese Zeile führte zu keinem Ergebnis. Die Isley Brothers waren es nicht, die riefen zwar, drehten (sich) aber dazu und schrieen nicht. will.i.am von den schrecklichen Black Eyed Peas und Britney „Bitch“ Spears riefen und schrieen zwar (und wollten gar alles rauslassen), hatten den von mir gesuchten Song aber weder gecovert noch gesamplet. Oasis hatten zwar (zu einer Zeit, als sie nicht nur noch grandiose Songs schrieben, sondern diese sogar als B-Seiten veröffentlichten) davon gesungen, alles laut herauszurufen, aber die suchte ich natürlich ebenso wenig wie die Shout Out Louds.

Das war vor einigen Jahren. Die Textzeile kam immer mal wieder in meinem Gehirn vorbei und verlangte von mir, dass ich im Internet nach ihrer Heimat suchte, aber diese blieb unauffindbar und „Scream and shout, shout and let it out“ wurde bald zur Erika Steinbach meiner persönlichen Popkulturrätsel. (Klar: Neunzehnhundertwasmitneunzich hatte sich noch nicht jede Plattenfirma, die sich auf die schnelle Vermarktung von Autoscootermusik spezialisiert hatte, die Mühe gemacht, ihre – oftmals ja auch nicht besonders tiefgehenden – Texte ins damals noch sehr junge WWW zu stellen. Aber dieses Wissen half mir ja auch nicht.)

Und dann, letzte Woche: Auf Spotify erfuhr ich, dass Alex Christensen (Platz 20 beim ESC 2009) seinen alten Projektnamen U96 (benannt nach dem U-Boot aus dem Film, dessen Klaus-Doldinger-Titelmusik er weiland zu einem sehr erfolgreichen Technostampfer umgebaut hatte) wieder ausgegraben hatte, um mit dem ehemaligen Kraftwerk-Schlagzeuger Wolfgang Flür eine Art Kraftwerk-Tribute-Single aufzunehmen, die zwar „Zukunftsmusik“ heißt, aber natürlich das Gegenteil dessen ist.

Plötzlich war alles wieder da: „Club Bizarre“, 2 Unlimited — und auch diese verdammte Liedzeile. Also wieder: bei Google eingeben, vorab schon resignieren und …

Doch da: ein Suchergebnis!

Google-Suchergebnis

Warum steht denn da „2011“? Das hätte ich doch in den letzten Jahren … Egal: schnell nach „the free shout“ gesucht und, endlich, nach all den Jahren und Jahrzehnten, hatte ich den Rest vom Puzzle gefunden!

Gut: Ich muss das Lied jetzt auch kein drittes Mal hören!

Lucky & Fred: Episode 22

Von Coffee And TV, 6. April 2018 0:30

 
Deutschland hat endlich eine Bundesregierung — und Lucky fragt Fred gleich mal ab, wer da so alles drin ist. Vor allem ein Minister wirft Fragen auf: Was will Angela Merkel mit Jens Spahn?

Wir feiern die besten Bundestagsreden der letzten Wochen, hoffen, dass die amerikanischen Schülerinnen und Schüler den Kampf für stärkere Waffenkontrollen gewinnen, und widmen uns dem Datenskandal bei Facebook.

Wie immer war auch diesmal nicht alles schlecht — und dann haben wir auch noch eine Ankündigung zu machen!

Shownotes:

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Shut Down Volume 2

Von Lukas Heinser, 23. März 2018 12:27

Ich habe Menschen, die beruflich so etwas wie „Social-Media-Optimierung“ betreiben, schon immer für die Wunderheiler des 21. Jahrhunderts gehalten: Da sitzen sie, in ihren Loft-Büros mit Kickertisch und Fixie an der Wand, sprechen (oder noch schlimmer: schreiben in Slack) über „organische Reichweiten“ wie andere Scharlatane über „heilende Steine“, und erklären auf Facebook ungefragt jedem, wie Facebook funktioniere und wie nicht.

Seit dieser Woche wissen wir: Wenn sie sich nur genug Mühe geben und ein bisschen kriminelle Energie mitbringen, kann ihr Hokuspokus funktionieren. Und plötzlich wollen alle anderen ihre Facebook-Accounts löschen.

Facebook (Symbolbild).

Facebook und Mark Zuckerberg eignen sich dabei natürlich wunderbar als James-Bond-Schurken, weil wir alle unsere Ängste auf das Unternehmen projizieren können. Niemand versteht so recht, wie das eigentlich funktioniert, was man da täglich nutzt. Das gilt auch für Flugzeuge und Kernkraftwerke, aber da gibt es Menschen, die was Ordentliches studiert haben und wissen, was sie da tun — und meistens geht ja auch alles gut. Bei Facebook bin ich mir inzwischen sehr unsicher, ob Mark Zuckerberg selbst weiß, was da eigentlich passiert. Und wenn dann weitere Schurkenroman-Motive wie russische Hacker, noch dubiosere Unternehmen mit so geil seriös-unseriösen Namen wie „Cambridge Analytica“ und die Wahl von Donald Trump ins Spiel kommen, ist die Science-Fiction-Dystopie komplett.

Dabei geht es bei Facebook eigentlich immer um zwei Fragen: die datenschutzrechtlichen Bedenken, die es immer schon gab, bisher aber gerne von den Anwender*innen ignoriert wurden, und „Was bringt mir das noch außer schlechter Laune und täglicher Volksverhetzung?“ Jetzt kommt aber beides auf unheilvolle Weise zusammen.

In meinem Facebook-Feed sind eigentlich fast nur noch Kolleg*innen, die „was mit Medien“ machen und ihre aktuellsten Arbeiten anpreisen, und entfernte Verwandte oder frühere Mitschüler*innen, die fröhlich die Persönlichkeitsrechte ihrer Kleinkinder verletzten, indem sie Fotos von denen online stellen. Freund*innen und Verwandte, die seriöse Berufe ergriffen haben, gucken da immer noch rein, was man an deren Reaktionen auf eigene Posts sehen kann, posten aber selbst nichts mehr. Das war mal anders.

Wenn man Facebook jetzt mit dem großen, roten Knopf abschalten würde, den ich mir manchmal wünsche, würden die Leute, die mit den Frühformen des Internets aufgewachsen sind, wieder in ihre IRC-Channels und zu jetzt.de zurückkehren. Die ganzen Extremisten verschiedenster Coleur, die sich dort rumtreiben, würden sicherlich auch schnell eine neue Plattform finden. Aber diese ganzen Leute zwischen 45 und 60, die sich dort angemeldet haben, um mit ihren groß gewordenen Kindern in Kontakt zu bleiben, die Profilfotos voller Rosen oder Motorräder und deutlich zu viel Tagesfreizeit haben und deshalb unter jedem Zeitungsartikel oder Fernsehbeitrag kommentieren und die Schuld für alles Elend dieser Welt bei Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik suchen und finden, die würden dann vielleicht einfach nur noch „Candy Crush“ auf ihren Smartphones spielen.

Nun ist es sicherlich so, dass man in manchen Berufen, vor allem in den Medien, auf Facebook sein muss — auch, wenn man kein Schamane mit Breitband-Anschluss in der Agentur ist. Weil man den Facebook-Auftritt des Unternehmens oder der Behörde befüllt, weil man mit Kunden oder Bürgern in Kontakt treten soll, oder mal schauen können muss, „was das Netz so sagt“. Eigentlich müsste der Arbeitgeber da zusätzliches Schmerzensgeld zahlen.

Aber auch privat kann man dem Elend gar nicht so leicht entkommen: Versuchen Sie mal, ohne Facebook und/oder WhatsApp mit einer größeren Gruppe Menschen (Elternrat in der Kita, Einladung zum Osterfrühstück, Organisation von Geburtstagsgeschenken oder – gerne nicht – Junggesellenabschieden) zu kommunizieren! Das geht vielleicht, wenn alle ein iPhone haben und iMessage nutzen können, oder wenn man ausschließlich Nerd-Freunde hat, die Dienste wie Threema oder Telegram nutzen.

Und WhatsApp gehört ja genauso zu Facebook wie Instagram und Facebook selbst. Wenn man da einmal einen Haken falsch gesetzt hat, hat man der Firma die Daten all seiner Kontakte übermittelt. WhatsApp funktioniert sowieso nur noch, nachdem man das getan hat — und sich damit nach Ansicht vieler Datenschützer und Juristen strafbar gemacht hat, weil man diese Daten niemals hätte weitergeben dürfen.

Welcher Fluchtpunkt bleibt uns noch? Vor drei Wochen war Vero – ironisch gebrochen – das große Ding. Dahinter stecken ein libanesischer Milliardär, der vorher als Bauunternehmer erfolgreich wurde, indem er seine Arbeiter nicht bezahlte, und jede Menge russische Entwickler, was für viele gleich ein Alarmsignal war wegen der russischen Umtriebe bei Facebook und Twitter. Andererseits könnte man sagen: Bei Vero steht wenigstens schon „schön dubios“ dran.

Wenn Leute (gerne natürlich: Journalist*innen) jetzt auf Facebook schreiben, man könne Facebook doch nicht einfach so hinter sich lassen – die vielen Lese-Empfehlungen, die netten Kontakte -, scheinen sie vergessen zu haben, dass es mal eine Zeit gab im Internet, als wir alle noch nicht bei Facebook unterwegs waren. Sondern z.B. in Blogs.

Dieser Text besteht aus Gedanken, die ich mir gemacht habe, bevor ich mit Bremen Zwei über Facebook gesprochen habe, die aber nicht alle im Gespräch Platz fanden.

Außerdem habe ich heute (hoffentlich) sämtliche Facebook-Interaktions-Tools aus dem Blog geworfen.

Einfach mal machen!

Von Lukas Heinser, 21. März 2018 21:50

Ich bin verliebt. In diesen Song, das dazugehörige Album und ein bisschen auch in diese Frau:

Die Frau ist Rae Morris und ihr Song „Don’t Go“, der im Serienfinale von „Skins“ lief (also, „Serienfinale“ in dem Sinne, wie „The Book Of Love“ von Peter Gabriel das „Serienfinale“ von „Scrubs“ untermalte: danach kamen noch Folgen, aber wen interessieren die, denn das hier war der große Moment mit einem phantastischen Song, den ich vorher noch nicht kannte und anschließend hundert Mal auf Repeat hören musste und … ich schweife ab), war mein Lied des Jahres 2012.

2015 erschien ihr Debütalbum „Unguarded“, was … okay war, und am 2. Februar dann ihr Zweitwerk „Someone Out There“, was sehr, sehr gut geworden ist und musikalisch irgendwo zwischen Imogen Heap, Björk, Lily Allen und Emmy The Great changiert.

„Do It“ ist bereits vor einem halben Jahr als 2. Vorabsingle erschienen, aber ich habe es erst jetzt mitbekommen. Auch ohne das Video hätte ich den Song synästhetisch so beschrieben: warmer Sommernachmittag, der in den Abend übergeht, Bier im Stadtpark (und ein Hauch von Beck’s-Reklame), Leute treffen, zu zweit sein und sich mit zunehmender Dunkelheit und Alkoholisierung immer weniger verstohlene Blicke zuwerfen, sich irgendwann angrinsen und vermutlich irgendwann knutschen.

Ein Lied, das klingt, wie der Moment, wenn man sich verliebt (welcher natürlich auf allerallerbeste Weise literarisch verewigt wurde von John Green in „The Fault In Our Stars“ mit: „I fell in love the way you fall asleep: slowly, then all at once.“, aber das wusstet Ihr ja alle schon), und das eine ebenso simple wie oft unmöglich umzusetzende Botschaft enthält: einfach mal machen!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter „Post vom Einheinser“, für den man sich hier anmelden kann.

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