Wette sich, wer kann

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Dezember 2014 18:19

Die Nachricht, dass die Unterhaltungssendung “Wetten, dass..?” nach 33 Jahren ihren Geist aufgeben würde, war der Redaktion von “Spiegel Online” am Abend des 5. April sogar eine Breaking News wert. Autopsie und Trauerfeier waren da bereits in vollem Gange.

Das ZDF wurde für seine Pressemitteilungsformulierung der “geänderten Sehgewohnheiten” mit Häme überzogen — überwiegend von Menschen, die gerne amerikanische TV-Serien auf Computern und Tablets schauen und sich Sonntagsabends online verabreden, um gemeinschaftlich eine einzelne deutsche TV-Serie scheiße zu finden. Markus Lanz und die Redaktion wurden zu den Alleinschuldigen erklärt, was auch Quatsch war: Zwar hatten der joviale Baumarkteröffnungscharmeur und seine Truppe im Hintergrund, die es auch schon mal für eine gute Idee gehalten hatte, sich völlig ohne Grund eine ausschweifende Rassismusdebatte an den Hals zu holen, tatsächlich keinen guten Job gemacht, aber das Problem lag auch woanders. In einer Zeit, wo wirklich jeder durch Castingshow und YouTube zum “Star” werden kann, braucht der Normalbürger keine abseitigen Begabungen mehr, um für einen Abend im Rampenlicht zu stehen. Man kann es jetzt zu mittelfristiger TV-Prominenz bringen, ohne Wärmflaschen aufzupusten oder die Postleitzahlen aller deutschen Städte benennen zu können.1 Frank Elstner meldete sich auf Twitter zu Wort und vielerorts las man wieder von Elstner, kleinen Kindern in der Badewanne und im Bademantel.2

Immer wieder kam das Bild auf, das Florian Illies 2000 beschrieben hatte: Wie er als Kind Samstagsabends, frisch gebadet und im Bademantel auf der Couch sitzen und “Wetten, dass..?” mit Frank Elstner gucken durfte. Illies beschrieb dies in seinem Bestseller “Generation Golf”, dessen Titel schon Teil des Problems ist, zu dem wir gleich noch kommen, und je mehr deckungsgleiche Wortmeldungen in den Sozialen Netzwerken aufschlugen, desto bohrender wurde die Frage: Hatten wir – das Personalpronomen ist hier besonders wichtig – wirklich so ähnliche Kindheitserlebnisse oder brach sich hier gerade die Erinnerungsverfälschung Raum, die sonst gerne auch schon mal gerne dafür sorgt, dass Menschen sich detailreich daran erinnern, wo sie bei der Mondlandung, der Ermordung John F. Kennedys, dem Mauerfall, dem Unfalltod von Diana Spencer und am 11. September 2001 waren — nur, dass das oft gar nicht stimmt.

Ich für meinen Teil bin zum Beispiel zu jung, um jemals bewusst “Wetten, dass..?” mit Frank Elstner gesehen zu haben. Ich erinnere mich an eine Ausgabe, in der jemand mithilfe handlicher Schrottballen sagen konnte, um was für ein Auto es sich zuvor gehandelt hatte. Es mag mein erster bewusster Kontakt mit der Sendung gewesen sein, der Moderator war wohl schon Thomas Gottschalk und wenn es da draußen jemanden gibt, der auf Anhieb sagen kann, ob das stimmt, wann die Sendung lief und aus welcher Mehrzweckhalle die Sendung damals kam, dann ist es jetzt zu spät, um aus dieser Inselbegabung noch Kapital zu schlagen.

Frank Elstner, das war für mich der Moderator von “Nase vorn”, dem vielleicht überambitioniertesten Unterhaltungsshowversuch, bis es ProSiebenSat1 mit der “Millionärswahl” versuchte, und der teilweise live von der Trabrennbahn in Dinslaken übertragen wurde, in deren buchstäblicher Wurfweite unsere damalige Wohnung lag. Mit großem Eifer glotzte ich damals jede Samstagabendshow weg, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen Ende der 1980er, Anfang der 1990er auf die Gebührenzahler losließ,3 zur Not zwang ich meine Großeltern (und nicht andersherum), mit mir den “Musikantenstadl” zu schauen — es war eben Samstagabend, ich war da und wollte unterhalten werden! Am Liebsten aber die “Rudi Carrell Show”4 und später “Geld oder Liebe” mit Jürgen von der Lippe, das ich im Nachhinein gerne zur besten Samstagabendshow aller Zeiten verkläre. Wenn es mir gelänge, heute etwas ähnlich harmlos-anarchisch-unterhaltsames zu konzipieren, wäre ich ein gemachter Mann.

“Wetten, dass..?”, jedenfalls, ist im Begriff, sehr bald Geschichte zu sein, und all jene, die damals tatsächlich oder gefühlt im Bademantel zugeschaut hatten, gaben sich dem hin, was seit “Generation Golf” Allgemeingut ist: der fraternisierenden, leicht anironisierten Nostalgie derer, die für echte Nostalgie nicht nur zu jung sind, sondern auch zu wenig erlebt hatten. Und weil die Vertreter dieser … nun ja: Generation heute an den entscheidenden Stellen bundesdeutscher Onlinedienste und Medienseiten sitzen, kann man diese Erinnerungen überall lesen, wo sie von Menschen mit den gleichen tatsächlichen oder gefühlten Erinnerungen kommentiert werden, auf dass sich auch die Nachgeborenen damit infizieren und sich später felsenfest daran erinnern, wie sie damals selbst auf der Couch …

“Kids today gettin’ old too fast / They can’t wait to grow up so they can kiss some ass / They get nostalgic about the last ten years / Before the last ten years have passed”, hat Ben Folds mal gesungen. Das ist inzwischen neun Jahre her und die Entwicklung der Sozialen Netzwerke hat seitdem nicht gerade zu einer Entspannung der Situation beigetragen. “Throwback Thursday” nennen sie es, wenn Menschen am Donnerstag besonders peinliche5 Fotos von sich selbst in einem jüngeren Zustand auf Facebook oder Twitter posten, was besonders reizvoll ist, wenn die Menschen Anfang Zwanzig und die Fotos selbst noch nicht mal im Grundschulalter sind. Jan Böhmermann6 sorgte im Frühjahr mit einem “So waren die 90er”-Video für Furore im deutschsprachigen Internet, 90er-Parties erfreuen sich schon seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit und ich saß auch schon stocknüchtern inmitten unterschiedlich alkoholisierter Menschen auf Parties, starrte auf einen Laptopbildschirm und nahm einen YouTube-Reigen von Mr. President, Take That, Echt und Tic Tac Toe mit einer stets wechselnden Mischung aus Faszination, Abscheu, Nostalgie, Fassungslosigkeit und Begeisterung zur Kenntnis. Es waren Menschen mit ansonsten vermutlich tadellosem Musikgeschmack, aber niemand kam auf die Idee, wenigstens mal zur Abwechslung Interpreten wie Nirvana, Oasis oder Pearl Jam in die Runde zu werfen. Das war auch nicht mehr mit dem leidigen Thema Überironisierung zu erklären.

Mein Vater verabscheut heute mit großer Hingabe vieles, was sich auf den angeblich repräsentativen Hit-Samplern seiner Jugend findet,7 trotz fehlenden Alters waltet bei mir eine erschütternde Milde: Ich könnte jederzeit ausführlich und fundiert begründen, warum Sunrise Avenue große Grütze sind, würde mich aber im Zweifelsfall vermutlich dazu hinreißen lassen, “What Is Love?” von Haddaway wortreich gegen jedwede Kritik zu verteidigen.

Die Musik, die heute dort angesagt ist, wo Indiebereich und Mainstream kleinen Grenzverkehr pflegen, klingt oft, als sei sie schon mindestens 40 Jahre alt. Vor zehn, fünfzehn Jahren wurden haufenweise Fernsehserien der 70er und 80er fürs Kino adaptiert, heute sind plötzlich Fernsehserien erfolgreich, die auf 20 Jahre alten Kinofilmen basieren. Und das ist erst der Anfang.

Der Herm fragte letzte Woche auf Twitter:

Kurz darauf ging dann ein neuer “Terminator”-Trailer online.

Über das Phänomen der “Retromanie” sind inzwischen Artikel und ganze Bücher geschrieben worden. Und, klar: Wenn Kulturepochen nicht mehr 50 oder 100 Jahre dauern, sondern nur ein paar Monate8, können sie auch schneller wiederkommen. Die Renaissance rekurrierte noch auf ein Zeitalter, das seit etwa 800 Jahren vorbei war.

Und so ist in einer Zeit, in der angeblich alles individueller wird9, die Erinnerung an “Dolomiti”, “Yps” und “Raider” (“heißt jetzt ‘Twix'”) das, was die Menschen heimelig zusammenbringt. Die Jeanette-Biedermeier-Epoche.

Um “Wetten dass..?” wird jetzt bis zuletzt ein Gewese gemacht, das die Show selbst seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gerechtfertigt hat. Aber so ist das in Deutschland: Wir haben ja kulturell nicht so viel und wenn wir doch mal jemanden haben, werden diejenigen so sehr gefeiert, bis sie niemand mehr ernsthaft ertragen kann. Stichwort: Til Schweiger, Jan Josef Liefers, Helene Fischer, Unheilig. Alle vier sind am Samstag bei der letzten Sendung dabei.

  1. Oder ohne irgendetwas zu können. []
  2. Was jetzt vielleicht ein bisschen unglücklich formuliert ist. []
  3. “Verstehen Sie Spaß?” mit Paola und Kurt Felix! Der “Flitterabend”! Die “Goldmillion”! []
  4. Ich bin unsicher, wann genau ich begriff, dass die Kandidaten – “gerade noch im Reisebüro, jetzt auf unserer Showbühne!” – sich gar nicht so schnell umziehen konnten, sondern dort mit vorab aufgezeichneten Beiträgen gearbeitet wurde, fürchte aber, es ist noch gar nicht sooo lange her. []
  5. Zu irgendeiner Zeit hätte man gesagt: “affige”. []
  6. Je nach Bezugsgeneration der Harald Schmidt oder Stefan Raab seiner eigenen Generation. []
  7. Mungo Jerry! The Lovin’ Spoonful! []
  8. Oder gar 140 Zeichen. []
  9. Mode- und Einrichtungsblogs sprechen da eine etwas andere Sprache. []

The music that saves you

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. November 2014 20:10

Bei den meisten wirklich guten Freundschaften kann man sich ja noch daran erinnern, wie man sich kennengelernt hat. Einen meiner besten und langjährigsten Freunde lernte ich am ersten Schultag auf dem Gymnasium kennen, als wir uns gegenseitig aufs Maul hauen wollten.

Die Musik von Andrew McMahon lernte ich im Sommer 2003 kennen, als das Debütalbum seiner Band Something Corporate in Deutschland erschien. Wie es damals so üblich war, besorgte ich mir ein paar Songs (“Hurricane” und “If You See Jordan”, wenn ich mich richtig erinnere) in sogenannten Tauschbörsen, hörte sie einige Male, packte sie auf Mixtapes und kaufte mir ein paar Monate später dann endlich auch “Leaving Through The Window”. Der erste Song, den ich (eher zufällig) hörte, nachdem meine Eltern mich im Studentenwohnheim abgesetzt und alleine auf den Heimweg gemacht hatten, war “The Astronaut”. Sowas prägt.

Ich wusste damals nicht, wie die Bandmitglieder von Something Corporate hießen, und habe auch nicht allzu sehr auf die Texte geachtet. Als das Zweitwerk “North” (wiederum mit einiger Verspätung) in Deutschland erschien, besorgte ich mir wieder ein paar Songs, dachte aber nicht weiter an die Band. Irgendwann las ich bei visions.de, dass der Sänger an Leukämie erkrankt sei, dachte “Puh” und vergaß auch das wieder.

“North” kaufte ich mir schließlich bei Rasputin Records, als ich im Herbst 2006 für drei Monate in San Francisco lebte. Gemeinsam mit einigen anderen Alben bildete das Album den Soundtrack meines Aufenthalts. Aber richtig los ging die Geschichte erst drei Jahre später.

Im Sommer 2009 stolperte ich bei WDR 2 (of all places) über einen Song mit viel Klavier, der mir sehr gefiel. Wie sich rausstellte, war es “The Resolution” von Jack’s Mannequin von denen ich wusste, dass es die Zweitband des Something-Corporate-Sängers war. Andrew McMahon. Im Sommer und Herbst 2009 habe ich “The Glass Passenger” quasi ununterbrochen gehört. Mein Leben war damals sehr im Umbruch und die Musik begleitete mich dabei. Ich hörte auch wieder die alten Something-Corporate-Alben und achtete diesmal auch auf die Texte — und es klingt doof und nach Selbsthilfegruppe, aber da sprach jemand zu mir. Andrew McMahon sang über Mädchen, die jede Nacht mit einem anderen Typen nach hause gingen und die er retten wollte; über betrunkene Mädchen, die er (also: das Lyrische Ich, so viel Literaturstudium muss sein) geküsst hatte, obwohl er es nicht hätte tun sollen; und darüber, den Kopf über Wasser zu halten und weiter zu schwimmen, bis man den Horizont erreicht. Und ich dachte: “Krass. Ja. Kenn ich.”

Andrew McMahon war gegen die schon erwähnte Leukämie angeschwommen, er sang “I’m alive/ I don’t need a witness / To know that I survived”. Mit der Geschichte im Hinterkopf (Lyrisches Ich am Arsch!) singt man ein bisschen vorsichtiger mit, weil man sich das Ausmaß gar nicht vorstellen kann. Man bekommt aber eine Ahnung davon in dem Film “Dear Jack”, in dem Andy (ich kenne seine Musik jetzt so lange, ich nenn’ ihn einfach mal so) seine Krankengeschichte dokumentiert. Ich habe mir das nur einmal ansehen können, aber es war sehr bewegend und – entschuldigen Sie das Ekelwort – inspirierend.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich glaube, ich habe inzwischen alle Aufnahmen, an denen Andrew McMahon jemals beteiligt war. Er löste nach dem dritten Album auch Jack’s Mannequin auf und veröffentlichte dieser Tage ein neues Album, das wie sein neues Projekt und damit fast wie er selbst: Andrew McMahon In The Wilderness.

Andrew McMahon (Pressefoto)

Nach den ersten Hörproben war ich skeptisch. “Cecilia And The Satellite” war eine durchaus schöne Hymne an die neugeborene Tochter, aber irgendwie klang das alles sehr poppig und damit meilenweit von zumindest Something Corporate weg. Aber das ist offensichtlich Absicht und konsequent zu Ende gedacht: “Driving Through A Dream” etwa könnte bis ins kleinste Detail der Produktion ein Song von Phil Collins sein. Als jemand, der mit Phil Collins aufgewachsen ist und seine Musik bis heute liebt, fühle ich mich dort sofort sehr zuhause.

Normalerweise ist man zwischen 15 und 20 Jahre alt, wenn man sich von Musik direkt angesprochen fühlt — ich habe kürzlich noch mal “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte gehört und – hell, yeah! – ich weiß, wovon ich spreche. Dass ich mit 31 noch einmal ein Album auf Dauerschleife laufen lassen würde, hätte ich – gerade vor dem Hintergrund, dass ich im Moment eher wenig zum Musikhören komme – nicht gedacht. Und doch läuft “Andrew McMahon In The Wilderness” bei mir jetzt seit zweieinhalb Wochen rauf und runter. Ich kenne Andrew McMahon nicht persönlich und habe keine Ahnung, ob wir uns verstehen würden, wenn wir uns mal in einer Bar träfen, aber auf eine völlig bizarre Art, die ich sonst nur von ausgewählten deutschsprachigen Textern kenne, fühle ich mich ihm sehr verbunden — was auch damit zusammenhängen mag, dass er nur ein Jahr älter ist als ich und wir beide dieses Jahr zum ersten Mal Väter geworden sind (worauf er gleich in zwei Liedern – dem schon erwähnten “Cecilia And The Satellite” und dem etwas schwachen “See Her On The Weekend” – eingeht).

In fast jedem Song des Albums gibt es mindestens eine Zeile, die ich mir sofort tätowieren (oder zumindest rahmen) lassen würde:”Take all your troubles, put them to bed / Burn down the mission, the maps in your head” (“Canyon Moon”), “I’ve loved some girls that I barely knew / I’ve made some friends, and I’ve lost some too” (“Cecilia And The Satellite”), “You dance with your headphones on and I / Could watch you all night long / Dancing to someone else’s song” (“High Dive”), “There’s only two mistakes that I have made / It’s running from the people who could love me best / And trying to fix a world that I can’t change.” (“All Our Lives”), “Do you ever rewind to the summer you knew me?” (“Black And White Movies”), “No cash in the bank / No paid holidays / All we have is / Gas in the tank / And maps for the getaway” (“Maps For The Getaway”).

Das Gefühl von “Ich verstehe Dich” bzw. “Da ist jemand, der mich versteht” ist so stark, dass ich mich in weniger aufrichtigen Momenten fast selbst beruhigen möchte: Ist ja nur Musik. Nee, ist mehr.

Andrew McMahon In The Wilderness (Albumcover)In Zeitschriften und Blogartikeln werden wir bombardiert mit Generationsbeschreibungen, Labels und Ansprüchen, von denen wir uns gleichzeitig ganz schnell frei machen sollen. Unsere Frauen sollen Familie und Beruf nicht nur unter einen Hut kriegen, sondern das auch wollen — während sie dabei wie Hollywood-Stars und ganz natürlich ausschauen. Unsere Kinder sollen drei Fremdsprachen lernen, die verpassten Chancen von uns und unseren Eltern nachholen und sich dabei frei entfalten können. Und wir Männer sollen gleichzeitig einfühlsam, stark, sportlich und kreativ sein. Vor allem aber, immer wieder: “wir”, dieser lächerliche Fraternisierungsversuch von zehntausenden Ertrinkenden, die sich aneinander klammern. Mit Gefühlen, die irgendwelche Slam-Poetinnen in (geborgte) Worte fassen, woraufhin dann alle anderthalb Tage sehr emo sind, bis Jan Böhmermann eine Parodie darauf veröffentlicht und alle wieder total ironisch sein können.

Da höre ich lieber die Songs von Andrew McMahon.

Ich weiß nicht, wie Menschen dieses Album hören, die vorher gar nichts oder nur wenig von ihm kannten — als eher okayes Pop-Album, vermutlich. Wirklich überall sind Keyboardflächen, auf virtuoses Klavierspiel verzichtet Andy hier ebenso wie auf Gitarren. In einigen Texten verarbeitet er derart deutlich seine eigene Lebensgeschichte, dass ich den meisten Musikern raten würde: “Nimm Dich mal zurück, leg hier nicht alles offen, sei doch auch mal literarisch”. Bei manchen Leuten ertrage ich das nicht (mehr), bei Andrew McMahon aber fühle ich mich zuhause, auch wenn er über Dinge singt, die mit meinem Leben eher gar nichts zu tun haben.

In seinen Texten geht es – daran hat sich nicht viel geändert – um Weltraum, Wasser und Straßen, auf denen er unterwegs ist, also um Menschen in Isolation und in Bewegung. Das erste Jack’s-Mannequin-Album hieß ja nicht umsonst “Everything In Transit”. Bemerkenswert ist da eher, dass Marcus Wiebusch, der Sänger von kettcar, der dieses Jahr auch ein sehr, sehr tolles Soloalbum aufgenommen hat, in seinem Song “Springen” so eindeutig auf Jack’s Mannequins “Swim” Bezug nimmt, dass das eigentlich kein Zufall sein kann: “Halt den Kopf oben” singt er da (“Just keep your head above”) und benennt, wie Andy, einige Gründe, warum man weiterschwimmen sollte: “Schwimmen für die Songs, die noch geschrieben werden”. Zum Beispiel von Andrew McMahon.

Lucky & Fred: Episode 7

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 15. Oktober 2014 12:20

Nach einem gewohnt launigen Auftakt wollen wir uns kritisch zum Zeitgeschehen äußern: Was haben Lebkuchen, Sharia und Waschstraßen miteinander zu tun und was ist das Yoko-Ono-Prinzip bei deutschen Kanzlergattinnen?
Wir sprechen über WDR-Redakteur Heribert Schwan, der 600 Stunden im Keller von Helmut Kohl gefangen war, die Wiedervereinigung des maroden Deutschlands und die Dreiteilung des Ruhrgebiets, gründen die Bewegung der Heimatvertriebenen der Alten Bundesrepublik und erklären, wofür es die FDP und die Piratenpartei braucht.
Außerdem: Kartoffelernte auf Facebook.

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Song des Tages: The Hold Steady – Constructive Summer

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. Oktober 2014 18:11

Zum ersten Mal gehört: Im Sommer 2008, als das vierte Hold-Steady-Album “Stay Positive” erschien.

Wer musiziert da? Eine Band aus Brooklyn (ursprünglich aus Minneapolis/St. Paul, Minnesota), deren Wurzeln im Hardcore liegen, die aber heute Rockmusik macht.

Warum gefällt mir das? Ich mag die Mischung aus roher Energie und Verspieltheit (dieses Jim-Steinman-Klavier!), ich mag die Lyrics über Parties, Freundschaft und Sommer (und Joe Strummer!) und ich liebe The Hold Steady. Und in ca. zwei Stunden stehe ich im Kölner Luxor und sehe sie mir zum zweiten Mal live an.

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Song des Tages: Eels – Packing Blankets

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Oktober 2014 16:45

Zum ersten Mal gehört: Um das Jahr 2000 herum. Auch “Daisies Of The Galaxy” von den Eels war eines dieser Alben, die ich aus der Dinslakener Stadtbibliothek nach hause geschleppt hatte, um meine damals noch spärliche MP3-Sammlung um einzelne Titel zu erweitern.

Wer musiziert da? Die Eels, die Band um Mark Oliver Everett. Unter den Bands, von denen ich immer noch zu wenig weiß und zu wenig Musik habe, ist es vermutlich meine Liebste.

Warum gefällt mir das? Ich mag diesen Spielzeuginstrumentensound. Und die Stimme. Und den Text. Das Lied erinnert mich an meine Jugend. Und mein Sohn findet es auch ganz toll.

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Song des Tages: Great Lake Swimmers – Your Rocky Spine

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. Oktober 2014 10:28

Your Rocky Spine – Great Lake Swimmers from Scott Cudmore on Vimeo.

Zum ersten Mal gehört: Anfang 2007, als ich ein Rezensionsexemplar des dazugehörigen Albums “Ongiara” in die Hände bekam.

Wer musiziert da? Eine kanadische Folk-Rock-Band namens Great Lake Swimmers. Alles Weitere würde ich auch nur aus der Wikipedia kopieren. Ich weiß quasi nichts über diese Band, außer, dass ich “Ongiara” ganz phantastisch finde.

Warum gefällt mir das? Ich mag diesen filigranen, fast zerbrechlichen Sound, der dennoch an Fahrt aufnimmt. Ich habe einen soft spot für so Folk-Musik, auch wenn in letzter Zeit ja irgendwie jeder Folk macht. Der Text ist übrigens auch ganz gelungen, es geht nämlich Metaphern- und Vergleichsreich um den weiblichen Körper: “Falling over your rocky spine / The glaciers made you and now you’re mine” — der Rücken der Liebsten als Endmuräne.

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Song des Tages: Weezer – Back To The Shack

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Oktober 2014 15:31

Zum ersten Mal gehört: Vor ein paar Wochen bei “All Songs Considered”. Da wollte ich es direkt hier verbraten, aber es gab nichts verlinkbares — bis diese Woche das offizielle Video online ging.

Wer musiziert da? Die amerikanische Alternative-Rockband Weezer, die das Kunststück schafft, seit 18 Jahren die (etwas übertriebenen) Erwartungen ihrer Fans zu enttäuschen und diese Fans dennoch bei der Stange zu halten. Also so ein bisschen der VfL Bochum unter den Bands.

Warum gefällt mir das? Erstmal mag ich sowieso viele Weezer-Songs und war auch mit dem Grünen Album und “Raditude” recht zufrieden. An “Back To The Shack” gefällt mir aber vor allem die maximale Selbstreferentialität in Musik und Text.

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Lost In The Supermarket

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. Oktober 2014 14:54

Vor sechs Jahren, in der heißen Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfs, wäre Barack Obama beinahe heilig gesprochen worden. Vor fünf Jahren wurde er es.

Eintausend US-Abhör-Enthüllungen und etliche Drohnen-Tote später gilt Obama hierzulande nicht mehr ganz so als die coole Sau, die er damals noch war. Und die elenden und erschöpfenden Anspielungen auf seinen Wahlkampfslogan “Yes, we can” ließen auch spürbar nach.

Insofern ist es schon etwas überraschend, ja geradezu anachronistisch, dass im Kaiser’s-Supermarkt in der “Mall of Berlin” jetzt dieser Schriftzug auf dem Boden prangt:

Yes, ve gan

Es ist das Logo der veganen Supermarktkette Veganz (und das Covermotiv des Buchs von Veganz-Gründer Jan Breddack) und was die im Kaiser’s-Markt macht, hat der Peer (von dem auch das Foto hier ist) im Supermarktblog aufgeschrieben.

Song des Tages: Udo Jürgens – Tausend Jahre sind ein Tag

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. September 2014 13:34


1000 Jahre sind ein Tag by Ghostriderin

Zum ersten Mal gehört: So ca. 1989/90, als Titelmusik der grandiosen Zeichentrickserie “Es war einmal der Mensch”.

Wer musiziert da? Udo Jürgens. ESC-Sieger von 1966 (“Merci Cherie”) und eine der wenigen echten Legenden, die das deutschsprachige Musikgeschäft so hergibt. Ein Mann, der noch Ansprüche an sich und seine Kollegen stellte und vermeintliche Karaoke- und Partyhits wie “Griechischer Wein” und “Ich war noch niemals in New York” schrieb, die unter der bunten Mitgrölizität bewegende große Psychogramme des Kleinbürgers sind. Heute wird er 80 und eine der besten Lobpreisungen kommt von Franz Josef Wagner.

Warum gefällt mir das? Natürlich zunächst mal wegen der Kindheitserinnerungen. Aber das ist auch einfach ein famoser Song! Da ist zunächst mal dieser Klaviersound, der auch aus einer aktuellen Coldplay-Nummer stammen könnte. Dann diese minimal vom Zeitgeist (der Song wurde 1979 aufgenommen) beeinflusste Produktion und dann natürlich der Text: “Jo, Kinder, die Welt geht unter. Sorry, unser Fehler!” Wie er auch mit jeder neuen Strophe die Worte (“Goodwill”! “Overkill”!) immer mehr ausspuckt!
Jürgens’ Song ist ein Musterbeispiel des Apokalyptischen Schlagers, zu dem auch “Mein Freund der Baum” von Alexandra (1968) oder “Jenseits von Eden” von Nino de Angelo (1983) zählen — und auf ‘ne Art auch Nicoles ESC-Siegertitel “Ein bisschen Frieden”.

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Song des Tages: Dan Bern – God Said No

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. September 2014 15:07

Zum ersten Mal gehört: Im Sommer 2002, Sonntagsabends in einer (durchaus ernstzunehmenden) Musiksendung auf WDR 2.

Wer musiziert da? Dan Bern, ein Musiker aus Iowa, von dem ich nur ein Album und ein paar einzelne Songs kenne. “New American Language” allerdings ist geradezu ein Meisterwerk, vom rockigen Opener bis zum ausufernden, zehnminütigen Finalsong. Alles dazwischen ist wie Bob Dylan und Elvis Costello in ihren besten Momenten durcheinander.

Warum gefällt mir das? Das ist natürlich auch so ein Song, der vor allem über die Lyrics funktioniert: Da trifft der Erzähler auf Gott und bittet darum, in der Zeit zurückreisen zu können, um a) Kurt Cobain vom Selbstmord abzuhalten, b) Hitler zu erschießen, bevor der größeren Schaden anrichten kann und c) Jesus vor der Kreuzigung zu bewahren. Aber Gott sagt jedes Mal “Nein” — wohlbegründet! Dass das Ganze komplett unpeinlich, ja im Gegenteil: unglaublich anrührend ist, muss man erst mal hinkriegen. Und die Musik ist ja auch ganz schön.

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