Wochenendspaß mit der WAZ (1)

Von Lukas Heinser, 2. Dezember 2016 18:32

Am Morgen (oder, genauer: Vormittag) nach der „1Live Krone“ durchweht den Bochumer Hauptbahnhof immer ein entfernter Hauch von Jetset und Glamour: Musikindustriemitarbeiter, leiht zu erkennen an der Kombination „Jogginganzug/Louis-Vuitton-Weekender“ und der Baseballkappe auf dem Kopf, warten auf ihre Züge, die sie zurück nach Hamburg, Berlin oder … äh, ja: nach Hamburg oder Berlin bringen.

Ich habe gestern kurz den Schluss der Veranstaltung im WDR Fernsehen gesehen und bekam das wohlige Gefühl, es mir gerade exakt in dem Lebensabschnitt bequem machen zu können, wo ich 90% der dort vertretenen Leute nicht mehr bzw. noch nicht kennen muss.

Das bringt aber auch gewisse Schwierigkeiten mit sich, wenn man sich über Verlauf und Ausgang der Veranstaltung bei WAZ.de (ehemals Der Westen) informieren will.

Oder können Sie mir sagen, wie viele Personen die folgende Aufzählung umfasst?

Mark Foster, Silbermond, die Katze, Daniela Katzenberger mit ihrem Mann, Felix Jaehn, die Rapper von Bonez MC & Raf Camora.

Meine Lieblingsstelle in dem Artikel, die bei mir wildestes Kopfkino ausgelöst hat, ist aber diese hier:

Nach dem Ende der Veranstaltung aber hat [Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD)] dann ein anderes Problem. Er müsste dringend auf die Toilette, die Halle füllt sich nur langsam.

Und wo wir einmal auf der „Bochum“-Seite von WAZ.de sind, möchte ich Ihnen noch zwei weitere aktuelle Highlights mit an die Hand geben: Diese Bildergalerie, die beweist, dass man im Ruhrgebiet wirklich zu feiern weiß (und zwar alles), und diesen Blaulichtmeldung über einen Mann, der mit 2,8 Promille im Blut einen Notarztwagen in Wattenscheid mit Butter beworfen hatte, weil ihn dessen Martinshorn störte.

So weit, so normal. Spektakulär wird die Meldung durch diesen Satz:

Spontan entriss der 46-Jährige seiner ebenfalls betrunkenen Begleiterin zwei Päckchen Butter, wie die Polizei berichtete.

Laut Pressemitteilung der Polizei Bochum waren es übrigens sogar „zwei zuvor gekaufte Pakete Butter und ein Kunststoffteil, das aus einer Baustellenabsperrung stammte“.

Little Brother Is Watching You

Von Lukas Heinser, 24. November 2016 14:36

Ich sitze gerade im Café, um zu arbeiten. (Dafür trinke ich meinen Kaffee dann in meinem Arbeitszimmer.) Ich habe also meinen Laptop aufgeklappt und lese gerade diesen „Süddeutsche“-Artikel über Sahra Wagenknechts Rede in der gestrigen Generaldebatte des Bundestags.

Und jetzt steht Wagenknecht im Hohen Haus und sagt an die Bundesregierung gerichtet: „Offenbar hat ja selbst noch ein Donald Trump wirtschaftspolitisch mehr drauf als Sie.“

Alles klar, denke ich, und teile den Artikel mit dem Satz „Eine von Angela Merkels wichtigsten Wahlkämpferinnen heißt Sahra Wagenknecht“ bei Facebook.

Minuten später geht ein junger Mann auf dem Weg zum Ausgang an mir vorbei und sagt: „Gute Rede!“
„Hmmmm“, frage ich, weil ich mich – ganz egozentrischer Medienfuzzi – gar nicht erinnern kann, in letzter Zeit irgendwelche Reden gehalten oder geschrieben zu haben.
„Die Rede von Sahra Wagenknecht gestern. Die hast Du doch gerade geliked, oder?“
Ich erkläre, dass ich die Rede eher kritisiert hätte, und Politiker, die Donald Trump lobten, jetzt eher nicht so ernst nehmen könne.
„Sie hat ja nur gesagt, dass er eine bessere Wirtschaftspolitik hat, und das stimmt, finde ich!“, sagt der junge Mann und ich merke, dass seine Begleiterin ihn schon sanft Richtung Tür schiebt.
„Nee“, entgegne ich und denke, dass ich bei Online-Diskussionen echt schlagfertiger bin als im real life.
„Find ich schon“, sagt er und schiebt nach: „Und ich bin ein Linker!“

In diesem Moment fällt mir ein, dass gerade jemand in meinem Rücken Martin Schulz als „Verbrecher“ und „Wichser“ bezeichnet hatte, und jetzt weiß ich auch, wer das war.
Die Begleiterin schafft es, den Mann durch die Tür zu bugsieren, wir tauschen noch hastig freundliche Verabschiedungsworte aus, dann sehe ich, wie sie ihn mit dieser Mischung aus Zuneigung, Erfahrung und Resignation, wie sie nur in sehr langjährigen Beziehungen vorkommt, an die Hand nimmt.

„Komisch“, denke ich und widme mich vorsichtig wieder meinem Laptop. „Früher waren die Linken doch gegen Überwachung!“

Wir könnten dann wieder!

Von Lukas Heinser, 14. November 2016 11:49

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Barack Obama für das Amt des US-Präsidenten kandidierte und mit knackigen Slogans wie „Change“, „Hope“ und „Yes, we can!“ um sich warf? Es entstand ein Mem, das man damals noch nicht „Mem“ genannt hat, und die Liste der Trittbrettfahrer und Nachahmungstäter war lang.

Der diesjährige Wahlkampf war freudlos und auch wenn nicht völlig auszuschließen davon auszugehen ist, dass der Hashtag #ImWithHer bei der kommenden Bundestagswahl von der Jungen Union noch einmal aufgewärmt wird, hat sich außer Oliver Pocher, dem Walter Mondale der deutschen Comedy, diese Leistungsverweigerungsschau der Inspiration bisher niemand zum Vorbild genommen.

Bisher.

Ladies and gentlemen, I present you Wolfgang Kubicki, die lose Kanone der Freien Demokraten:

[via Boris Rosenkranz, natürlich]

Wir müssen reden!

Von Lukas Heinser, 12. November 2016 19:40

Vier Tage sind seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten vergangen und ich habe seitdem viele Texte gelesen, warum das überraschend oder nicht überraschend war, dass die Demokraten daran schuld seien oder die weißen Männer, dass vielleicht alles gar nicht so schlimm wird oder vielleicht alles noch schlimmer, dass wir mit den AfD-Wählern reden müssen oder ihnen zuhören, dass wir Verständnis für sie zeigen sollen oder klare Kante. Kurzum: Das linksliberale Lager, in dem ich mich bewege, ist mindestens genauso gespalten wie die Gesellschaft selbst. Der Motor hat gerattert, diverse Warnlampen sind angegangen, es kam Qualm aus der Motorhaube und die Tankanzeige leuchtete und jetzt stehen wir vor einem liegengebliebenen Auto und diskutieren darüber, ob wir vielleicht Luft in die Reifen hätten packen sollen.

Manchmal wird jetzt darauf hingewiesen, dass nicht alle Trump-Wähler Rassisten und/oder Sexisten seien, was sicherlich richtig ist. Aber sie sammeln sich hinter einem Mann, der mit rassistischen Ressentiments nur so um sich geworfen hat und bei dem alles dafür spricht, dass er Frauen als Objekte betrachtet, mit denen er machen kann, was er will. Und das wirft ja dann doch Fragen auf. Nicht jeder, der einen rassistischen oder sexistischen Witz macht, ist deshalb automatisch Rassist oder Sexist, aber es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, auf den rassistischen bzw. sexistischen Hintergrund des Witzes aufmerksam zu machen und zu verstehen zu geben, dass wir so etwas nicht akzeptieren. Wer das nicht verstehen will und munter weiter macht, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich Rassist bzw. Sexist ist, deutlich.

Ich glaube, dass es einigermaßen müßig ist, sich öffentlich mit Chefpropagandisten wie Udo Ulfkotte oder namhaften AfD-Politikern zu bekämpfen (und es schmerzt mich wirklich, eine Formulierung wie „namhafte AfD-Politiker“ zu verwenden). Die wird man auf keinen Fall überzeugen können und deren Anhänger reagieren mit Ablehnung, wenn man ihre Helden mit dem schweren Gerät in die Mangel nimmt, das für Volksverhetzer, Lügner und Populisten notwendig ist.

Aber wir können mit den „normalen Menschen“ reden. (Einschub: Diese Formulierung klingt immer so, als seien aufgeklärte, fortschrittliche Linke und Liberale keine normalen Menschen und als ob es irgendeinen natürlichen Interessenkonflikt zwischen der Arbeiterklasse und intellektueller orientierten Großstädtern gäbe. Meine Freunde und ich sind erst mal genauso normal wie Bauern im Allgäu, Automechaniker in Sachsen-Anhalt oder Werftarbeiter in Niedersachsen. Wenn jemand anfängt, anderen Menschen Rechte abzusprechen, schwenkt er aus dem Bereich der Normalität aus. Einschub Ende.) Nicht, indem wir versuchen, ihnen die gesamte Welt zu erklären, sondern indem wir ihnen von anderen Menschen erzählen, die genauso normal sind und sich im aktuellen politischen Klima ernsthafte Sorgen um ihr Leben und das ihrer Kinder machen. Wir müssen Fakten auswendig lernen, Zahlen kennen und von Menschen aus unserem Umfeld berichten. Wenn wir die Aufstellungen aller Bundesligavereine, die Sieger des Eurovision Song Contest seit 1956 und die Zitate aus allen Filmen von Monty Python und Loriot kennen, kann es ja nicht so schwer sein, sich ein paar zusätzliche Informationen draufzuschaffen.

Ich habe als direkte, erste persönliche Konsequenz aus Donald Trumps Wahlerfolg angefangen, online mit Menschen zu diskutieren. Nicht, sie beschimpfen, sondern ihnen meinen Standpunkt zu erklären und zu versuchen, ihren Standpunkt zu verstehen. Ich habe dabei zahlreiche Beschimpfungen in mein Wohnzimmer gebrüllt, nur um zwei, drei Kommentare später festzustellen, dass wir inhaltlich gar nicht so weit auseinanderliegen. Zum Beispiel beim Thema „Political Correctness“, die früher „Anstand“ hieß und die für viele Menschen, auch solche, die weit davon entfernt sind, AfD zu wählen auf merkwürdige Art ein rotes Tuch darstellt. Ich verstehe nicht, warum Menschen sich so schwer damit tun, auf Begriffe zu verzichten, durch die sich andere Menschen verletzt oder ausgegrenzt fühlen. Es bricht einem doch kein Zacken aus der Krone, wenn in einem Behördenschreibern „Bürger*Innen“ steht oder man zu einer Backware, die sowieso schon alles andere als gesund und natürlich ist, jetzt „Schaumkuss“ sagen soll, obwohl man jahrelang ein anderes Wort gebraucht hat.

Das heißt: Aus sprachwissenschaftlicher Sicht habe ich da sogar ein gewisses Verständnis. Bücher über Grammatik und Rechtschreibung waren anfangs deskriptiv, irgendwelche Leute haben also alle paar Jahre oder Jahrzehnte aufgeschrieben, wie die Menschen gerade so gesprochen und geschrieben haben. Der „Duden“, wie wir ihn seit unserer Schulzeit kennen, fungierte aber schon als Unterscheidung zwischen „richtig“ und „falsch“ (es ist halt auch einfacher, wenn man weiß, wovon der andere schreibt). Dann kam die sogenannte Rechtschreibreform und ein Gremium hatte plötzlich ganz viele neue Vorschläge für Schreibweisen, die sich aber nicht an dem orientierten, wie die Leute schrieben (denn die schrieben ja so, wie es bisher im Duden stand), sondern die manchmal verständliche, manchmal falsch abgeleitete neue Vorschläge waren. Nicht nur, dass (Achtung, Achtung: das „dass“ ist ein schönes Beispiel!) die Leute plötzlich anders schreiben sollten ohne zu wissen warum, die Zeitungen hielten sich nicht daran, in den Schulen gab es ein Hin und Her im Lehrplan und letztlich weiß seit 20 Jahren ungefähr niemand mehr, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Sprache ist aber etwas, was uns Menschen ganz nahe ist, die wir alle benutzen. Selbst Menschen, die von Geburt an nicht hören können, nutzen sehr häufig eine Gebärdensprache — weswegen sie – Hallo, Political Correctness! – auch nicht „taubstumm“ sind, sondern „gehörlos“. Wir alle benutzen Sprache, überall auf der Welt. Sprache wird von mehr Menschen genutzt als Autos, es können mehr Menschen sprechen als schwimmen, wir nutzen Sprache, um uns gegenseitig bei Facebook anzuschreien, aber auch, um unseren Liebsten mitzuteilen, was wir für sie empfinden. Wenn da jemand an unseren Wortschatz heranmöchte, ist das irritierend, vielleicht sogar erschreckend und wenn man dann noch zufällig mal irgendwas über George Orwells „1984“ gelesen hat, ist der Schrei, hier sei die „Sprachpolizei“ am Werk, nicht mehr weit.

Vor 30 Jahren war es total normal, in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten, sogar in Zügen und Flugzeugen zu rauchen. Jeder einzelne Raucher konnte die Luft für hundert Menschen um ihn herum verpesten und deren Gesundheit gefährden. Inzwischen gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Zügen und Flugzeugen in Ordnung sind (bei Gaststätten ist das schwieriger und meine eigene Position zu dem Thema könnte drei weitere Blog-Einträge füllen, denen ich mich gerne widmen will, wenn wir wieder Zeit für die etwas weniger drängenden Probleme haben), dass man eher nicht raucht, wenn Kinder in der Nähe sind und dass Rauchen generell nicht so doll für die Gesundheit ist. Diese Rauchverbote kamen natürlich auch auf Druck von Bürgerinitiativen zustande, die Politik musste sie aber von oben herab durchsetzen — gegen den erklärten Willen der mächtigen Tabaklobby. Ein „Lasst uns doch einfach alle mal aufhören, in der Straßenbahn zu rauchen“ hätte keinen Erfolg gehabt. Diese Rauchverbote sind für alle besser, aber sie zwingen Raucher dazu, vor die Tür zu gehen oder stundenlange Bahn- und Flugreisen ohne Nikotinzufuhr durchzustehen, was tatsächlich wahnsinnig anstrengend sein kann.

„Bürger*Innen“, „Schaumkuss“ und „gehörlos“ tun niemandem weh. Niemand bekommt deswegen Schmacht. Ja, es kann sogar jeder, der diese Begriffe nicht mag, vollkommen legal andere benutzen. Er sollte sich nur nicht wundern, wenn er von anderen Menschen schief angeschaut wird, weil die im Laufe der Zeit eine stärkere Sensibilität dafür entwickelt haben. Denn Sprache hat auch Macht und prägt das Denken. (Das ist jetzt schwer vereinfacht ausgedrückt, aber ich habe das Gefühl, mit meinem Mansplaining hier schon genug Leserinnen und Leser verloren zu haben. Entschuldigung, aber ich versuche wirklich, das alles Schritt für Schritt verständlich zu machen und ich hab das auch mal studiert.) Ich möchte nicht, dass mein Kind in einer Welt aufwächst, wo „schwul“ und „behindert“ als Synonyme für „doof“, „schlecht“ oder „scheiße“ verwendet werden. Denn selbst wer darauf beharrt, nichts gegen Schwule und Menschen mit Behinderung zu haben, sorgt sonst dafür, dass diese Begriffe negativ konnotiert sind. Und während ich ganz gut damit leben kann, dass Vokabeln wie „geil“ oder „Chip“ im Laufe der Zeit ihre Bedeutung geändert bzw. mehrere Bedeutungen haben, finde ich es inakzeptabel, dass Begriffe, die eine Bevölkerungsgruppe beschreiben, in einem anderen Kontext als abwertend benutzt werden.

Meine Mutter hat sich in den 1980er Jahren mit anderen Eltern zusammengetan, um lokal gegen Umweltverschmutzung, Atomkraftwerke und den Klimawandel zu kämpfen. Es ist unfassbar, dass wir nicht nur diese Probleme noch nicht in den Griff bekommen haben, sondern wir jetzt auch noch ganz ernsthaft vor Problemen stehen, die damals schon seit Jahrzehnten überstanden schienen. Aber so ist eben jetzt die Lage, also müssen wir da ran und gleichzeitig für die völlige Gleichstellung von Frauen, der LGBTI-Community und Menschen mit Behinderung auf der einen Seite kämpfen, während wir auf der anderen Seite mit Leuten diskutieren, die die simpelsten menschenrechtlichen Errungenschaften auf den Prüfstand stellen wollen.

Wir müssen also jetzt mit den Leuten in der Kneipe reden, in der Straßenbahn, im Stadion, schlimmstenfalls sogar beim Familienkaffee. Wir dürfen nicht die Augen verdrehen und gleich „Nazi!“ denken, wenn jemand etwas sagt, was nicht unserer Meinung entspricht. Wir müssen klarstellen, dass universelle Menschenrechte nicht verhandelbar sind, und in Detailfragen den Austausch suchen. Wir müssen sagen, dass wir es auch nicht gut finden, wenn muslimische Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen, es aber auch nicht vertretbar ist, sie dazu zu zwingen, keines zu tragen, wenn sie denn eins tragen wollen. Und wir müssen bei der Frage: „Und wie soll man das unterscheiden?“ sagen, dass wir das jetzt auch nicht wissen, dass es aber keine Lösung sein kann, eine Volksgruppe unter Generalverdacht zu stellen. (Es aber andererseits auch nicht in Ordnung ist, alle Menschen, die ein Problem damit haben, dass Muslimas ein Kopftuch tragen, ohne weitere Diskussion als „Faschisten“ zu brandmarken.)

Wir müssen diesen Leuten sagen, dass Rechtspopulisten vielleicht Probleme benennen, dann aber nur Sündenböcke präsentieren und keine Lösungsansätze, die irgendwie realistisch oder moralisch oder legal sind. Dass Schwule und Lesben endlich wirklich heiraten und eine Familie gründen wollen und dass deren Leben dadurch viel besser wird, aber das Leben keiner einzigen Hetero-Familie deswegen schlechter. Dass wir, wenn die Politik dieses langwierige Orchideenthema Gleichberechtigung endlich mal abgehakt hat (was nach meiner Einschätzung fast an einem Tag in Bundestag und Bundesrat zu schaffen sein könnte), sofort über andere Themen sprechen können. Dass „Victim Blaming“ noch so ein doofes, neues Akademikerwort sein mag, dass aber auch niemand „selbst schuld“ ist, wenn er oder sie Opfer eines Verbrechens wird. Dass fremde Menschen in der eigenen Heimat keine Gefahr sein müssen, sondern auch eine Chance darstellen können. Dass man niemals Menschen gegeneinander ausspielen sollte. Dass Journalisten keine „Regierungsagenda“ vorantreiben, sondern manchmal höchstens ein bisschen faul und auf ihre eigene Welt fokussiert sind. Dass Experten nicht eingebildete, weltfremde Affen sind und man sich mit Zahnschmerzen, Ausschlag oder Herzinfarkt ja auch gerne in fachmännischer Obhut wüsste. Dass Claudia Roth ganz sicher nicht die Sharia einführen will. Dass die Frage, ob hier irgendein Abendland islamisiert werden könnte, bald keine Rolle mehr spielen wird, weil wir, wenn wir den Klimawandel (den es übrigens tatsächlich gibt!) nicht ganz schnell in den Griff bekommen, bald weder Abendland noch Muslime haben. Und wir müssen ihnen sagen, dass „die da oben“ nicht machen, was sie wollen, sondern dass Politik wahnsinnig komplex ist.

Ich für meinen Teil kann einigermaßen damit leben, dass Politiker von meiner Lebenswirklichkeit keine Ahnung haben — ich habe ja umgekehrt auch kein Interesse an Details über Verkehrsausschüsse, Ergänzungsanträge zu Verordnungen und diesem ganzen Kram. Ich tue mich ehrlich gesagt etwas schwer damit, Politiker überhaupt gegen ihre Kritiker zu verteidigen, denn es gibt zahlreiche Dinge, die mich an der Politik aufregen (und die steuerliche Besserstellung kinderloser Ehepaare gegenüber unverheirateten Eltern ist nur das wichtigste Beispiel), und ich sehe Lobbyismus und den Einfluss von Großkonzernen mit Sorge. Ich glaube aber auch, dass die meisten Mitglieder des Bundestages schon im Großen und Ganzen ihr Bestes geben. Mit mir haben in den letzten Jahren keine Politiker gesprochen. Ich aber auch nicht mit ihnen.

Sonst ist der bitt’re Frost mein Tod

Von Lukas Heinser, 11. November 2016 15:58

Als ich noch kein Kind hatte, fand ich die Frage „Haben Sie selbst Kinder?“ in einer Diskussion immer etwas unverschämt — so, als ob einem das Schicksal der Welt und der Menschen weniger wichtig wäre, nur weil man sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt hat. Stellt sich raus: Es ändert sich tatsächlich wahnsinnig viel und plötzlich steht man am Morgen nach einer US-Präsidentschaftswahl weinend unter der Dusche, weil man langsam echt Angst bekommt, in was für einer kranken Welt das Kind und seine Freunde eigentlich aufwachsen sollen.

Die neue Sicht auf die Welt ist aber nicht ausschließlich apokalyptisch — im Gegenteil: Die Geschichte von St. Martin hat mich als Kind nie ernsthaft beschäftigt. Klar: Bettler, Mantel, Heiliger. Jedes Jahr gab es in Dinslaken einen Großen Martinszug mit Pferd und Feuer, danach gab es Stutenkerle, aber das alles war nur das Vorprogramm für die Martinikirmes, über die wir anschließend mit Omas Kirmesgeld in der Tasche ziehen durften — und deren Name uns auch erst sehr viel später irgendwie mehrdeutig und lustig erschien. Letztes Jahr aber, als wir das erste Mal mit dem Kind beim Martinszug waren und die Flüchtlingskrise gerade auf dem Höhepunkt war, da erschien mir die Geschichte des römischen Soldaten, der sich um einen Obdachlosen vor den Stadttoren kümmert, plötzlich wahnsinnig wichtig und aktuell. Da hätte der Pfarrer bei seiner Rezitation der Martinsgeschichte gar nicht mehr den Bogen in die Gegenwart schlagen müssen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Martinsfest der vielleicht wichtigste – sicherlich aber: greifbarste – christliche Feiertag sein könnte. Geburt oder Auferstehung eines Heilands, Heiliger Geist und WasgenaufeiertmannochmalanFronleichnam? sind von der Lebenswirklichkeit der Menschen dann doch eher weit entfernt, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe verstehen die meisten noch. Da braucht es dann auch gar nicht unbedingt noch die Schlusspointe und die fünfte Strophe des Martinslieds, wo Jesus Christus auftaucht und erklärt, dass der gute Martin jetzt für ihn, Christus, den Mantel gegeben hätte.

Nachdem Angela Merkel mit ihrem Aufruf, Liederzettel zu kopieren und Blockflötisten zu Rate zu ziehen, mal wieder für großes Hallo auf dem Gebiet gesorgt hatte, das die meisten Deutschen immer noch für Satire halten, veröffentlichte der WDR in seiner Sendung „WDR aktuell“ einen Beitrag aus dem WDR-Lehrbuch „WDR-Beiträge, die wie WDR-Beiträge aussehen“: Erst sangen normale Menschen auf der Straße Weihnachtslieder in Kamera und Mikrofon, dann gab es Schnittbilder von der Kanzlerin, schließlich kamen ein paar einordnende O-Ton-Geber zu Wort. Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Stadtrat, Andreas Hartnigk, erklärt:

Wir sind hier in einer christlich-abendländischen Kultur groß geworden, wir leben diese Kultur auch, und da singen wir keine Sonne-Mond-und-Sterne-Lieder, sondern wir singen St.-Martins-Lieder und das Ding heißt auch St.-Martins-Umzug. Und das muss auch so bleiben und jeder, der das nicht will, kann sich einen andern Lebensraum suchen, wenn er das nicht akzeptiert, oder er hält sich vornehm zurück.

Ich habe ein paar Stunden gebraucht, bis mir dieser O-Ton richtig übel aufstieß. Mal davon ab, dass „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ nun seit Jahrzehnten zum Repertoire eines Martinszugs gehören dürfte, klopft hier ein ganz anderes Problem an: Wäre es nicht irgendwie sinnvoller, sich dafür zu interessieren, was die Botschaft hinter dem Fest und dem Umzug ist, und nicht, wie andere Leute das Ding nennen?

Die Panik, dass unsere schönen christlichen Feste umbenannt werden, treibt Konservative und Neurechte seit Jahren um und sorgt immer wieder für besorgte Falschmeldungen. (Klar: Nichts transportiert die Weihnachtsbotschaft besser als ein sogenannter Weihnachtsmarkt, auf dem sich erwachsene Menschen nach Feierabend mit minderwertiger Plörre betrinken. Den sollte man auf keinen Fall in „Wintermarkt“ umbenennen!) In denen meisten Fällen geht es ihnen dabei gar nicht um den Anlass eines solchen Feiertags, sondern um die reine Existenz dieses Feiertags, abgekoppelt von seiner Geschichte. Der Ursprung des Zitats, Tradition sei nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers, ist einigermaßen unklar, aber man sollte diese Worte mal ein bisschen in Hirn und Herz bewegen.

Als Alexander Gauland von der AfD im Gespräch mit FAZ-Reportern seinen berüchtigten Jérôme-Boateng-Nachbarn-Satz äußerte, sagte er auch, unter den Anhängern seiner Partei gebe es die Sorge, „dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition“. Die Wortwahl war auffällig, weil er nicht wie andere Konservative von einer „christlich-abendländischen“ Kultur oder Tradition sprach — die christlichen Kirchen hatten zu diesem Zeitpunkt die AfD nämlich schon mitunter deutlich kritisiert. Wenn es ernsthaft um christliche Werte ginge, hätte ja auch die CSU ein völlig anderes Parteiprogramm.

Der musikalische Leiter des Schauspielhauses Dortmund, Tommy Finke, ein guter Freund von mir, sagt dann auch den entscheidenden Satz in diesem WDR-Beitrag:

Viele unserer christlichen Werte sind ja eigentlich humanistische Werte, das heißt, sie sind nicht unbedingt der christlichen Religion allein zuzuschreiben.

Ich bin Kind einer Mischehe, evangelisch getauft, habe aber von meiner Oma die volle Palette der katholischen Schutzheiligen mitbekommen. Wenn sie in ihrem Haushalt etwas nicht wiederfindet, zündet sie eine Kerze für den Heiligen Antonius an, in der Hoffnung, dass der „Klüngeltünnes“ ihr hilft. (Meine Oma sagt aber auch immer: „Ein Haus verliert nichts“, was die Verantwortung ein bisschen von den Schultern des Heiligen nimmt.) Das ist harmlose, lebensnahe Religionsausübung, das Gegenteil von Kreuzzügen und Heiligem Krieg. Ich selbst habe mir das Gottesbild aus dem Kindergottesdienst bewahrt und sehe es pragmatisch: Da man die Nichtexistenz eines höheren Wesens nicht beweisen kann, kann man auch dran glauben, wenn es einem selbst weiterhilft und man anderen damit nicht zur Last fällt. Ich find’s aber auch total in Ordnung, wenn jemand sagt, er glaube nicht an Gott — das ist ja das Wesen von „Glauben“. (Wenn jemand behauptet, er wisse, dass Gott existiere – oder, dass der nicht existiere – wird’s schwierig: Beides. Ist. Wissenschaftlich. Nicht. Beweisbar.)

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft finde ich gut, unabhängig davon, ob man jetzt aus religiösen oder humanistischen Gründen handelt. Aber man kann ja schlecht immer den Untergang der „christlichen Werte“ beweinen, wenn man sie selber nicht lebt. Und das meinte die Kanzlerin ja auch mit ihren Ausführungen zu Blockflöte und Weihnachtsliedern: Eine Religion geht ja nicht dadurch unter, dass plötzlich (im Sinne von: seit über fünfzig Jahren) Menschen einer anderen Religion in einem Land leben, sondern dadurch, dass sie nicht mehr bzw. nur als seelenlose Tradition praktiziert wird. Und ein sprichwörtlicher fußballspielender Senegalese wird vom Generalsekretär einer sogenannten christlichen Partei auch noch dafür gescholten, dass er ministriert, weil man ihn dann nicht mehr abschieben könne. Da hat sich die Logik ja schon auf halber Strecke selbst ans Kreuz genagelt.

Wie war ich da jetzt hingekommen und wie kriege ich diesen Text zu Ende, ohne auch noch Schlenker über Donald Trump, die Geschichte der römisch-katholischen Kirche und die Songs des gestern verstorbenen Leonard Cohen zu nehmen?

Ich wünsche Ihnen und vor allem Ihren Kindern einen schönen St.-Martins-Tag und schauen Sie heute vielleicht mal ein bisschen genauer hin, ob jemand in Ihrer Umgebung Hilfe gebrauchen könnte!

Nachtrag, 16.28 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Artikels habe ich gelesen, dass der St.-Martins-Umzug eines Kindergartens in Fürth abgesagt bzw. verlegt werden musste, weil zur gleichen Zeit am gleichen Ort Pegida unter dem Motto „Sankt Martin und seine heutige Bedeutung“ demonstriert.

Die Nummer Eins im Land sind die hier:

Von Lukas Heinser, 8. November 2016 20:00

Während wir uns alle bereit machen, die wichtigste US-Präsidentschaftswahl seit der letzten US-Präsidentschaftswahl live zu verfolgen und in Sozialen Medien zu kommentieren …

Egal. Ich hab gegoogelt und nichts gefunden. Deswegen jetzt hier noch eben ganz schnell eine weitere wichtige Liste für heute Nacht: Welche Songs bei welcher Wahl auf Platz 1 der Billboard-Charts waren!

2012: Maroon 5 – One More Night
2008: T.I. – Whatever You Like
2004: Usher & Alicia Keyes – My Boo
2000: Christina Aguilera – Come On Over Baby (All I Want Is You)
1996: Los del Rio – Macarena (Bayside Boys Mix)
1992: Boyz II Men – End Of The Road
1988: The Beach Boys – Kokomo
1984: Billy Ocean – Caribbean Queen (No More Love On The Run)
1980: Barbra Streisand – Woman In Love
1976: Chicago – If You Leave Me Now
1972: Johnny Nash – I Can See Clearly Now
1968: The Beatles – Hey Jude
1964: The Supremes – Baby Love
1960: The Drifters – Save The Last Dance For Me

[Quelle: billboard.com]

Welche Bedeutung diese Liste für den Wahlausgang heute hat, müssen Sie selbst entscheiden.

Das ist übrigens die aktuelles Nummer Eins:

Lucky & Fred: Episode 15

Von Coffee And TV, 23. September 2016 11:34

Brangelina sind Geschichte, Lucky & Fred sind wieder da: Zurück aus der Sommerfrische sprechen sie über Populisten wie Donald Trump und Horst Seehofer, zerlegen die Nullformel „Wir schaffen das“ inhaltlich und sprachlich und rätseln, wie es mit dem Konservativismus weitergehen könnte.

Außerdem erzählen sie alles, alles über Nationalhymnen, verraten, wer neuer Bundespräsident wird, und welches Amt Lucky demnächst übernehmen wird.

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Feedbackschleife

Von Lukas Heinser, 19. September 2016 17:34

Ich mag WhatsApp nicht — ich kann noch nicht mal genau sagen, warum. Vielleicht ist es das Design, vielleicht der Hinweiston, vielleicht auch der Umstand, dass es jahrelang keine Möglichkeit gab, die Funktionen der App auf einem richtigen Computer zu nutzen. Jedenfalls fand ich WhatsApp schon doof, bevor die App1 neue AGBs veröffentlicht hat, die fordern, dass man nicht nur die Daten aller Kontakte auf seinem Telefon mit der WhatsApp-Mutter Facebook teilt, sondern man auch noch erklären soll, dass man die Genehmigung hat, diese Daten weiterzugeben — was eine lustige, große Abmahnwelle auslösen könnte.

Mal davon ab, dass ich E-Mail immer noch für das sinnvollste Kommunikationsmedium halte (so man denn rudimentär in der Lage ist, dieses vernünftig zu nutzen), war ich aber auch immer ein großer Fan von ICQ. In den Blütezeiten von BILDblog, Oslog und co haben Stefan Niggemeier und ich vermutlich Tausende von Stunden über ICQ kommuniziert und dabei zahlreiche Sternstunden des Humors produziert.

Ich kann mich aber seit längerem nicht mehr bei ICQ einloggen, weil alle potentiellen Passwörter, die ich jemals verwendet habe, nicht funktionieren und auch die „Passwort zurücksetzen“-Funktion auf der ICQ-Website für meinen Account aus irgendwelchen Gründen nicht zur Verfügung steht.

Ich schrieb also im April dieses Jahres eine E-Mail an den ICQ-Support mit der Bitte um Hilfe:

Hallo, liebe Menschen,

ich habe seit ca. 1998 ein ICQ-Konto (Nr. XXX), das ich in den letzten Jahren nicht benutzt habe. Weil Facebook, WhatsApp und co alle schrecklich sind, wollte ich mein Konto reaktivieren, aber alle Passwörter, die ich womöglich mal verwendet habe, passen nicht mehr. Auch ein Zurücksetzen des Passworts klappt aus irgendwelchen obskuren Gründen nicht. Könnt Ihr mir vielleicht helfen?

Vielen Dank und beste Grüße,
Lukas Heinser

Die Antwort aus dem Hause mail.ru, zu dem ICQ seit 2010 gehört, kam erstaunlich schnell — und war erstaunlich umfangreich:

Hallo,
Vielen Dank, dass Du uns kontaktiert hast!
Wir benötigen so viel wie möglich Informationen, um sicherzustellen, dass das Konto auch dir gehört:
1. Geschätztes Datum der Registrierung
2. Die dem Konto verknüpfte E-Mail-Adresse
3. Die mit dem Konto verknüpfte Telefonnummer
4. Falls Du eine Sicherheitsfrage hattest, welche und wie lautet die Antwort?
5. Geschätztes Datum, an dem Du das Problem herausgefunden hast
6. Bitte geben Sie die ICQ-Nummern Kontakte in Ihrer Kontaktliste waren
7. IP-Adressen, von denen Sie Zugriff auf das Netzwerk in den letzten Jahren.
8. Handy-Modell und das Betriebssystem , auf dem Sie die Anwendung installieren.
Die kompletten Informationen erlauben uns, den Zugriff auf Dein Konto wiederherzustellen.
Mit freundlichen Grüßen,
Dein ICQ-Support-Team
Bitte zitiere bei einer Antwort die gesamte Unterhaltung.

Ich tat mein Möglichstes, um wenigstens einen Teil dieser Fragen zu beantworten. Da ich mich mit der ICQ-App, die auf meinem antiquierten iPod Touch installiert ist, sogar noch einloggen kann (Passwort herausfinden oder ändern geht leider nicht), war es mir sogar möglich, die ICQ-Nummern von Menschen herauszufinden, mit denen ich vor vielen Jahren via ICQ kommuniziert hatte.

Ich bekam eine Antwort, die mich in nicht mehr ganz so verständlichem Deutsch darum bat, Kontakt mit den Inhabern dieser ICQ-Nummern aufzunehmen, damit diese unter Angabe einer Berichtsnummer Kontakt mit ICQ/mail.ru aufnehmen, um zu bestätigen, dass ich ich bin. Mit zwei dieser Menschen war ich zum Glück immer noch befreundet und konnte sie so bitten, sich an ICQ zu wenden, was sie auch taten.

Die nächsten vier Monate hörte ich: nichts. Als dann die Nachricht von den neuen WhatsApp-AGBs kam, fiel mir wieder ein, dass ich ja meinen ICQ-Account reaktivieren wollte, und hakte noch mal nach:

Guten Tag!

Im April hatte ich versucht, meinen ICQ-Account zu reaktivieren. Ist dies inzwischen irgendwie möglich?

Beste Grüße,
Lukas Heinser

Ich bekam diese Antwort:

Hallo,

Bitte geben Sie Ihre gültige Handy-Nummer, die nicht an ICQ-Account verbunden ist.
Diese Zahl werden wir auf Ihr Konto legen.

Da ich vermutete, dass die Nachfrage meiner Handynummer galt, schickte ich diese als Antwort.

Daraufhin schrieb mir ICQ:

Hallo,

Überprüfen Sie die Richtigkeit Telefonnummer einzugeben.

Ich interpretierte das als Aufforderung, mich auf der ICQ-Website mit meiner Handynummer einzuloggen, scheiterte bei dem Versuch aber kläglich:

Hello,

I just tried to login with my phone number (+49 XXX) but I got logged into the account number XXX and not mine (XXX).

Als Antwort bekam ich:

Hallo,

Diese Telefonnummer +49 XXX ist ungültig. Es bleibt noch eine Ziffer einzugeben.

Das war … merkwürdig, denn mein Handynummer besteht seit langer, langer Zeit aus einer vierstelligen Vorwahl und einer siebenstelligen Durchwahl. Noch glaubte ich deshalb an eine lösbare Aufgabe:

Hallo,

diese Nummer ist seit 15 Jahren meine Telefonnummer, Sie können gerne anrufen.

Ich weiß nicht, ob sie die Nummer mit oder ohne 0 nach der Länderkennung (+49) brauchen, also ist es entweder

0XXX

oder +49XXX.

Vielen Dank!

Das sah der Customer Support bei ICQ aber anders:

Hallo,

Wir können diese Telefonnummer nicht anhängen, es fehlt eine Ziffer.

Mit freundlichen Grüßen,
Dein ICQ-Support-Team
Bitte zitiere bei einer Antwort die gesamte Unterhaltung.

Ich gebe zu, dass ich langsam genervt war, als ich am Freitag antwortete:

Hallo,

ich verstehe nicht, wo das Problem liegt: 0XX-XXX ist meine Telefonnummer. Mehr Ziffern gibt es nicht. Wenn Ihr System diese gültige Telefonnummer nicht anerkennt, stimmt etwas mit Ihrem System nicht.

Viele Grüße,
Lukas Heinser

Nun kam gerade eine E-Mail aus Russland, die uns überraschend vier Monate zurückwarf:

Hallo,
Leider ohne Bestätigung Ihrer Kontakte, können wir Ihnen nicht helfen.

Ich werde es aber weiter versuchen. Vielleicht schaffen die es ja, meinen Account zu reaktivieren, solange ICQ noch mindestens einen weiteren Nutzer hat!

  1. Nachdem ich jetzt vier Mal „App“ geschrieben habe, halte ich es auch für möglich, dass ich WhatsApp deshalb doof finde, weil ich den Begriff „App“ so super-doof finde. []

Schwarm, wir müssen reden!

Von Lukas Heinser, 5. September 2016 13:00

Vor ziemlich genau zehn Jahren habe ich mit dem Bloggen angefangen. Erst drüben in unserem damaligen Auslandssemester-Blog und später dann hier. Mit einer kleinen Truppe von AutorInnen wollten wir „die Zeitung machen, die wir selber gerne lesen würden“ — was bei Licht besehen auch damals schon etwas vermessen war, aber wir wollten einfach mal gucken, was so passiert.

Es wurde sehr schnell ein Blog, in dem ich mich vor allem über Medien und Journalisten ausließ — was daran lag, dass ich damals vor allem das Blog von Stefan Niggemeier und das BILDblog gelesen habe. Es wäre aber falsch, Stefan und Christoph Schultheis die Schuld an meinem altklugen, übellaunigen Geblogge zu geben — ich dachte, glaube ich, wirklich, dass sie bei „RP Online“ irgendwann mit ihren Klickstrecken aufhören würden, wenn ich mich nur oft genug darüber aufrege. Inzwischen gibt es BuzzFeed und Social Media und ich sehe ein, dass „RP Online“ allenfalls einen vorläufigen Tiefpunkt dargestellt hat.

Blogs waren damals noch etwas anderes, nämlich die mutmaßliche Zukunft. Wir lasen gegenseitig unsere Blogs, verlinkten unsere Einträge untereinander, führten Debatten weiter und machten uns gegenseitig auf nervige, aber auch auf tolle Dinge aufmerksam. Dann kamen Facebook und Twitter und inzwischen redet ungefähr niemand mehr über Blogs, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht.1 YouTube ist der neue heiße Scheiß und die gleichen Medien, die ein Leistungsschutzrecht einführen wollten, weil Google News Teile ihrer Texte zitiert, entsorgen ihren Content heute direkt bei Facebook, in der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Krümel abzubekommen.

Während Facebook früher noch das digitale Wohnzimmer war, wo man Freunde und Bekannte um sich sammelte und lustige Videos mit ihnen teilte, sind inzwischen alle Seitenwände abgebaut worden wie weiland im „Torn“-Video und wir können sehen, dass nebenan der Stammtisch tobt, den man früher nie wahr- oder gar ernstgenommen hätte, und ein merkwürdiger Mob jede Nachricht kommentiert, so dass man anschließend glaubt, die Welt sei voller rechtschreibschwacher Menschenhasser, die wiederum glauben, die Welt sei voller Terroristen und „linksgrün-versiffter Gutmenschen“. Menschen mit ausgedachten Berufsbezeichnungen sind derweil damit beschäftigt, jede Woche eine neue App zu finden, die angeblich „das neue Facebook“ sei.

Kurzum: Ich bekomme richtig schlechte Laune, woraufhin ich richtig übellaunige Sachen bei Facebook und Twitter poste, wo es daraufhin aussieht, als sei ich ein richtig übellauniger Mensch. Zum Bloggen komme ich nicht, weil ich die ganze Zeit mit Social Media beschäftigt bin und deshalb leider nicht mehr aufschreiben kann, was mir eigentlich gute Laune macht und was ich gerade toll finde.

Dieses Dilemma hatte ich vor zwei Jahren schon einmal zu beheben versucht, indem ich jeden Tag einen „Song des Tages“ posten wollte. Kleiner Haken: Durch die Festlegung auf dieses Format wurde die schöne Idee bald zur lästigen Aufgabe, die mir – korrekt! – schlechte Laune machte.

Sue Reindke, deren Blog ich früher sehr gerne gelesen habe und die ich heute (s.o.) eigentlich nur noch über Social Media mitbekomme, hat letzte Woche ein Experiment gestartet: Sie will ungefähr jede Woche einen Newsletter verschicken mit Dingen, die sie beschäftigen. Ich hatte früher schon öfter über das Medium Newsletter nachgedacht und finde die Idee richtig gut: Statt die Inhalte alle bei Facebook zu verballern, wo Facebook damit auch noch Geld macht und wo sie – vor allem außerhalb eines Webbrowsers – auf technisch grauenhafteste und unbrauchbarste Art irgendwo ins Nirwana diffundieren, kann man sie auch per E-Mail schicken, dem ungefähr einzig brauchbaren Kommunikationsweg, den das Internet jemals hervorgebracht hat. Die Produktion geht nicht so schnell und impulsiv vonstatten wie die eines Tweets und man kann die E-Mail in Ruhe lesen, wenn man mal Zeit hat. Das will ich direkt auch mal probieren!

Ich werde mein Privatleben weiter weitgehend aus dem Internet raushalten, aber statt weiter bunte Papierschmetterlinge in Pinkelrinnen zu werfen, will ich versuchen, positive oder zumindest interessante Dinge an einem Ort zu versammeln: Musik, Trailer, empfehlenswerte Texte, Podcasts oder Videos und ein paar eigene Gedanken. Gleichzeitig will ich versuchen, wieder mehr in diesem Blog zu machen (immerhin feiert das im Februar seinen zehnten Geburtstag), aber das alles ohne Zwang.

Post vom Einheinser — Ich will mitlesen!

* Pflichtangabe




So lange schon mal: mein aktuelles Lieblingslied!

  1. Okay: So richtig redet niemand mehr über die Zukunft des Journalismus. []

Katastrophenjournalismus-Mäander

Von Lukas Heinser, 25. Juli 2016 23:07

Ich war ein etwas merkwürdiges Kind und legte schon früh eine gewisse Obsession für Journalismus an den Tag, besonders in Katastrophensituationen: als in meinem Heimatdorf ein Gasthaus abbrannte, schnitt mein siebenjähriges Ich in den nächsten Tagen alle Artikel darüber aus der Zeitung aus und editierte sie neu zusammen, um sie in einer von mir selbst moderierten Nachrichtensendung (Zuschauer: meine Stofftiere) zu verlesen.

Mit acht sammelte ich in Zeitungen und Radio alle Informationen über einen Flugzeugabsturz in Amsterdam, derer ich habhaft werden konnte. Nach dem Absturz eines Bundeswehrhubschraubers1 bei der Jugendmesse „YOU“ in Dortmund, nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana, nach dem ICE-Unfall von Eschede schaltete ich Fernseher und Videotext ein und wechselte jede halbe Stunde zum Radio, um aus den dortigen Nachrichten mögliche neue Entwicklungen zu entnehmen und – ich wünschte wirklich, ich dächte mir das aus – zu notieren: Soundso viele Tote, Ursache noch unklar, drückte den Hinterbliebenen an der Unfallstelle sein Mitgefühl aus. Den 11. September 2001 verbrachte ich kniend auf dem Wohnzimmerteppich meiner Eltern vor dem Fernseher, am 7. Juli 2005 verließ ich mein Wohnheimszimmer nicht.

Dann wurden im August 2006 in Großbritannien zahlreiche Verdächtige festgenommen, die Anschläge auf Passagiermaschinen geplant haben sollten, und nach etwa einer halben Stunde CNN und BBC schaltete ich den Fernseher aus, ging raus und dachte „Was’n Scheiß!“

Ziemlich exakt seit es mir technisch möglich wäre, mich in Echtzeit selbst über Ereignisse zu informieren, noch während sie passieren, wünsche ich mir, darüber im Geschichtsbuch lesen zu können. Mit allen Erkenntnissen, die im Laufe der Jahre gewachsen sind, mit historischer Einordnung und in genau dem Umfang, der ihnen angemessen ist: Doppelseite, halbe Seite, kleiner Kasten, Fußnote.

***

Als ich am vergangenen Freitag die erste Meldung bekam, dass sich in München irgendwas schlimmes ereignet habe,2 guckte ich kurz bei Facebook Live und Periscope rein, weil ich ja manchmal auch für aktuelle Informationssendungen arbeite und mir diese Technik mal aus einer professionellen Perspektive ansehen wollte. Ich sah also verwackelte Videobilder, auf denen Menschen mit erhobenen Händen in Richtung von Polizeiautos rannten, und die von einem Mann mit bayrischen Akzent mit anhaltendem „krass, krass“ kommentiert wurden. Die Wörter „München“, „Olympia“, „Schüsse“ und „Kamera“ bildeten in meinem Kopf eine Linie und ich dachte, dass man so Scheiße wie 1972, als die Geiselnehmer dank Live-Fernsehen permanent über die Aktionen der Polizei informiert waren, ja ruhig 44 Jahre später mit Mitteln für den Heimanwender noch mal wiederholen kann. Ich erbrach mich kurz bei Twitter und tat dann das Einzige, was mir an einem solchen Tag noch sinnvoll und sachdienlich erschien: ich ging in die Küche und machte Marmorkuchen und Nudelsalat für einen Kindergeburtstag.

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Der Begriff des „Zeugen“ ist in erster Linie ein juristischer. Zeugen haben von den Strafverfolgungsbehörden (und dort von möglichst geschultem Personal) gehört zu werden und sollten nach Möglichkeit nicht vor laufende Kameras gezerrt werden. Schon bei einem harmlosen Verkehrsunfall kann man die widersprüchlichsten Informationen zusammensammeln, bei einer unübersichtlichen Gefährdungslage dürfte die Chance, tatsächlichen Mehrwert zu generieren (der sich anschließend inhaltlich auch noch als zutreffend erweist), genauso groß sein wie wenn der Moderator im Studio einfach mal rät, was passiert sein könnte.

Zu den Leuten, die nach bestem Wissen und Gewissen ausplaudern, was sie gesehen und gehört zu glauben haben, kommen natürlich noch die Idioten hinzu, die sich irgendwas ausdenken, um auf Twitter oder Facebook geteilt zu werden — oder weil es sich ja zufällig als treffend erweisen könnte.

Auf einem der Periscope-Videos aus München sah ich Dutzende Menschen, die alle ihre Handys in Richtung eines nicht näher einzuordnenden Ortes richteten, den ich jetzt einfach mal als „potentielle Gefahrenquelle“ bezeichnen würde. Die Geiselnehmer von Gladbeck müssten heute nicht mal mehr warten, dass „Hans Meiser, deutsches Fernsehen“ bei ihnen anruft oder der spätere „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel zu ihnen ins Auto steigt.

Neben all dem findet man in den Sozialen Netzwerken natürlich auch die Besserwisser:3 das Fernsehen soll mehr berichten, das Fernsehen soll weniger berichten, die Politiker sollen sich gefälligst jetzt äußern. Fast würde man diesen Leuten ein „Macht’s besser!“, entgegen schreien wollen, wenn man nicht davon ausgehen müsste, dass sie schon im Glauben sind, auf ihren Profilen genau das zu tun.

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Während etwas geschieht, ist man in aller Regel nicht in der Lage, die Dimension dieses Ereignisses auch einzuschätzen. Das gilt für die erste Begegnung mit der späteren großen Liebe genauso wie für Nachrichten. Es hat sich mir förmlich ins Hirn gebrannt, wie ich mit fünf Jahren versehentlich eine Ausgabe der „Aktuellen Stunde“ mitkriegte, die vom Absturz eines US-Kampfflugzeugs in einer Stadt namens Remscheid berichtete.4 Die Worte „Flugzeugabsturz“ und „Remscheid“ sind für mich seitdem untrennbar semantisch miteinander verbunden, obwohl ich bis heute nicht sagen könnte, wo Remscheid liegt.5 Die allermeisten Menschen, die diese Nachricht damals zur Kenntnis genommen haben und nicht direkt von dem Absturz betroffen waren, dürften sie komplett vergessen haben — die damaligen Moderatoren der „Aktuellen Stunde“ inklusive. Für die Stadt Remscheid dürfte der Tag eine deutlich größere Bedeutung haben als für die US Air Force. Und allein die Tatsache, dass ich die Fakten dazu jetzt ganz schnell nachschlagen konnte, gibt dem Unglück ja eine gewisse Wertung: Es ist nicht auszuschließen, dass am gleichen Tag auf den Straßen in NRW mehr Todesopfer bei Autounfällen zu beklagen waren – Anfang Dezember, vielleicht Blitzeis? – als die sieben beim Flugzeugabsturz, aber dazu gibt es halt keinen Wikipedia-Eintrag.

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Als ich noch relativ klein war, lief ein psychisch kranker Mann mit einer Schusswaffe durch die Dinslakener Innenstadt, schoss auf Polizisten und erschoss sich am Ende in einer Garage. Jedenfalls ist es das, woran ich mich sehr dunkel – und ausschließlich auf Erzählungen meiner Mutter an jenem Tag basierend – erinnere. Ich bilde mir ein, dass es im Herbst 1991 gewesen sein müsste, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung — um das ganze irgendwie verifizieren zu können, müsste ich nach Dinslaken fahren und in den Archiven der Lokalredaktionen von „NRZ“ und „Rheinischer Post“ meterweise Mikrofilm sichten. Angeblich war auch das Fernsehen vor Ort, vielleicht fände ich etwas im Keller von RTL West.

Nur zehn Jahre später hätte dieses Ereignis zumindest ein paar Artikel in Online-Medien nach sich gezogen, die ich jetzt ergoogeln könnte. Zwanzig Jahre später hätte es vermutlich schon so viel Social-Media-Buzz erzeugt, dass man die Entwicklungen auch in einer fernen Zukunft noch minutengenau nachvollziehen könnte — oder halt beim Nachlesen genauso ahnungslos ist, als wäre man selbst dabei. Und in dieser Woche wäre es nicht unter einem „Brennpunkt“ und einer Solidaritätsadresse mindestens eines ausländischen Spitzenpolitikers auf Twitter passiert. Der örtliche Polizeipressesprecher hätte sich auch andere Fragen anhören müssen.

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Schon seit einigen Jahren erwähnt Barack Obama, wenn er wieder mal mit zitternder Unterlippe ein Statement zu einer Massenschießerei in den USA abgeben muss, dass er bereits zu viele Statements zu einer Massenschießerei in den USA abgegeben habe.

Nun bin ich – Gott sei Dank – nicht der US-Präsident und glaube auch nicht, dass es irgendwelche größeren Auswirkungen hat, wenn ich hier meine Meinungen zu Medienberichten nach schrecklichen Ereignissen veröffentliche, aber auch ich habe schon viel zu oft meine Meinung zu Medienberichten nach schrecklichen Ereignissen veröffentlicht:

  1. Die Typenbezeichnung Bell UH-1D könnte ich Ihnen ohne nachzudenken nennen, wenn Sie mich nachts um vier aus dem Bett klingelten — was Sie aber bitte in unser beider Interesse unterlassen! []
  2. Bizarrerweise per Push-Benachrichtigung der BBC-App. []
  3. Zu denen ich in der Blüte der Arroganz von Jugend und Internetglauben auch gehört habe. []
  4. Note to self: Niemals Nachrichten gucken, wenn das Kind in der Nähe ist. []
  5. An der A1 zwischen Wuppertal und Köln, aber was weiß ich, wo die A1 lang führt — und wo zum Henker liegt überhaupt Wuppertal, außer halt südlich des Ruhrgebiets? []

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