Straßenbahn des Todes

Von Lukas Heinser, 17. Oktober 2017 12:02

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen
Will auf und davon und nie wiederkommen
Kein Lebewohl, will euch nicht kennen
Die Stadt muss brennen

(Casper – Im Ascheregen)

Ich hab in diesem Jahr schon mehrfach Social-Media-Pausen gemacht, die „digital detox“ zu nennen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Ferien hatte, wenn wir mal übers Wochenende oder etwas länger weggefahren sind, hab ich Facebook und Twitter einfach ausgelassen. Zum einen, weil die iPhones-Apps im Vergleich zur richtigen Nutzung (ich bin vermutlich der einzige Mensch Mitte Dreißig, für den ein Computer mit Bildschirm, Tastatur und Browser die „richtige“ Anwendung ist und ein Smartphone maximal eine hilfreiche Krücke für unterwegs, aber das ist mir – wie so vieles – egal) einfach noch unpraktischer sind (und das will schon was heißen), zum anderen, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Laune macht.

Jetzt war ich übers Wochenende am Meer, hab gerade wieder den Laptop aufgeklappt, kurz in Facebook reingeguckt und schon wäre die ganze wunderbare Erholung (Strahlend blauer Himmel, knallende Sonne und 24 Grad Mitte Oktober! 17 Grad Wassertemperatur! In der Nordsee!) fast wieder weg gewesen.

Und dann traf mich die Erkenntnis und ich hatte endlich einen Vergleich bzw. eine Metapher für das gefunden, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich geradezu von „krank machen“ sprechen würde: Es ist, als säße man in der Straßenbahn und könnte die Gedanken jedes einzelnen Menschen mithören. Da sitzt ein Mann, der gerade seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dort ist eine Frau, die gerade auf dem Weg in die Klinik ist: Ihre Mutter hat Krebs im Endstadium. Hier sitzt ein 16-jähriges Mädchen, dessen Freund, ihre erste große Liebe, gerade Schluss gemacht hat und schon mit einer anderen zusammen ist. Und da drüben ein kleiner Junge, dessen Hamster gestern gestorben ist.

Natürlich sitzen da auch welche, denen es gut geht: Eine Familie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gerade seinen neugeborenen Urenkel besucht hat und sich gleich eine Dose Linsensuppe warmmachen wird, sein Leibgericht. Eine junge Frau auf dem Weg zum ersten Date — sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann später heiraten und eine glückliche Familie mit ihm gründen. Doch ihre Gedanken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlechte Ding kreisen, sondern sie entspannt und glücklich in sich ruhen. Eher das Schnurren einer zufriedenen Katze — und damit unhörbar im Vergleich zu dem Geschrei einer Metallstange, die sich in einem sehr großen Getriebe verkantet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all diese Gedanken hören — alle können einander hören. Und die, die selbst schon völlig durch sind, schreien dann die anderen an: „Sie sind eh unfähig, völlig klar, dass Sie entlassen wurden!“, „Interessiert mich nicht mit Deiner Mutter, jeder muss mal sterben!“, „Dumme Schlampe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlechter Männergeschmack und keinerlei Menschenkenntnis!“, „Hamster sind eh hässlich und dumm!“

Das ist kein Ort, an dem ich gerne wäre. Da möchte ich nicht mal fehlen.

Und doch setze ich mich dem regelmäßig freiwillig aus — oder glaube, es tun zu müssen. Weil ich beruflich wissen muss, „was das Netz so sagt“. Bei Facebook sieht die Wahrheit eher so aus: Journalistenkollegen berichten Journalistenkollegen, was in der Welt so Schlechtes los ist. „Normale“ Menschen aus meinem Umfeld posten schon kaum noch bei Facebook. Und, klar: Es ist die Aufgabe von Journalisten, zu berichten — auch und vor allem über Schlechtes. Aber dann doch vielleicht in einem Medium? Facebook war mal als digitales Wohnzimmer gestartet, inzwischen weiß niemand mehr, was es genau sein soll/will, nur, dass es so gefährlich ist, dass es mutmaßlich durch externe Manipulation die US-Wahl mit entschieden haben könnte. Die wenigsten Dinge starten als leicht schrammelige Wohnzimmer-Couch und landen als Atombombe.

Und natürlich: Es sind extreme Zeiten. Der Brexit, die US-Wahl, der Aufstieg der AfD, jetzt die Wahl in Österreich — wenn die Offenbarung von der Redaktion des „Economist“ geschrieben worden wäre, kämen darin vermutlich weniger Schafe und Siegel vor und mehr von solchen Schlagzeilen. Die letzten Tage waren geprägt von immer neuen Enthüllungen über den ehemaligen Filmproduzenten und hoffentlich angehenden Strafgefangenen Harvey Weinstein, dessen Umgangsformen gegenüber Frauen allenfalls mit denen des amtierenden US-Präsidenten zu vergleichen sind. Nach zahlreichen Frauen, die von Weinstein belästigt oder gar vergewaltigt wurden, melden sich jetzt auch viele zu Wort, die in anderen Situationen Opfer von beschissenem Verhalten widerlicher Männer geworden sind. Und, Spoiler-Alert: Es sind viele. Verdammt viele. Mutmaßlich einfach alle.

Auftritt weitere Arschlöcher: „PR-Aktion!“, „Dich würde doch eh niemand anpacken!“, „Habt Ihr doch vor vier Jahren schon gepostet, #aufschrei!“ Und während man sich mit der Hoffnung retten kann, dass sich diesmal vielleicht wirklich etwas ändern könnte (einiges deutet darauf hin, dass Harvey Weinstein tatsächlich von jener Hollywood-Gesellschaft ausgeschlossen werden könnte, die sich allzulang in seinem Licht gesonnt hatte), kommen die nächsten Kommentare rein und man zweifelt daran, ob da überhaupt noch irgendwo irgendwas zu retten ist.

Nimm einen ganz normalen Typen, so wie er im Buche steht
Gib diesem Typen Anonymität
Gib ihm Publikum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümmste Arschloch, das man nicht vergisst

(Marcus Wiebusch – Haters Gonna Hate)

Es gibt verdiente Kollegen wie Sebastian Dalkowski, die sich wirklich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fakten interessieren, weiterhin Fakten entgegenzusetzen. Die all den kleinen und großen Scheiß, den die so apostrophierten Besorgten Bürger und ihre medialen Fürsprecher so von sich geben, gegenchecken — und dafür wieder nur Hass und Spott ernten. Für Menschen wie ihn haben kettcar „Den Revolver entsichern“ geschrieben, den klugen Schlusssong des grandiosen neuen Albums „Ich vs. Wir“, in dem sie auch die vielleicht zentralste Frage unserer Zeit stellen: „What’s so funny about peace, love, and understanding?“

Aber selbst, wenn Sebastian ein oder zwei Menschen überzeugen sollte (was ich, so viel Optimismus ist durchaus noch da, einfach mal hoffe), muss ich jeden Morgen bei ihm lesen, welche Sau jene Leute, die Vokabeln wie „Gutmenschen“ und „Banhofsklatscher“ verwenden, um damit Menschen zu bezeichnen, die noch nicht ganz so viel Welthass, Pessimismus und Misanthropentum in ihren Herzen tragen wie sie selbst, jetzt wieder durchs Dorf getrieben haben. Und ich weiß, dass man es als „ignorant“ und „unprofessionell“ abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und verbittert nütze ich der Welt noch weniger. Ich hab sechs Jahre BILDblog gemacht — wenn ich heute wissen will, was in Julian Reichelts Kopf wieder schief gelaufen ist, kann ich das bei den Kollegen nachlesen, die unsere Arbeit dankenswerterweise immer noch weiterführen. Ich muss das nicht zwischen den vereinzelten Kinderfotos entfernter Bekannter in meinem Facebook-Feed haben. Das gute Leben findet inzwischen eh bei Instagram statt.

Ich wollte nie große Ansagen machen wie „Ich hab mich jetzt bei Twitter abgemeldet“ — muss ja jeder selbst wissen, kann ja jeder halten, wie er/sie will, wirkt auch immer ein bisschen eitel. Nur: Facebook und Twitter haben mittlerweile eine Macht, die ihren Erfindern kaum klar ist. Sie kommen nicht mehr klar mit dem Irrsinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der ganze Quatsch, dass richtige Medien ihre Inhalte dort abkippen, um wenigstens ein paar Krümel abzubekommen. Natürlich interessiert es Facebook und Twitter kein bisschen, wenn ihnen ein unbedeutender Blogger aus Bochum alle verfügbaren Mittelfinger zeigt, aber: Hey, immerhin bin ich Blogger! Immerhin hab ich hier ein Zuhause im Internet. Und wenn mir einer auf den Teppich pisst, kann ich ihn achtkantig rauswerfen.

Ich weiß, dass Teile der Welt immer schlecht waren, sind und sein werden — ich brauche nicht die tägliche Bestätigung. Wie können es uns hier so gemütlich machen, wie es in dieser Welt (die übrigens auch ganz viele wundervolle Teile hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch meinen Newsletter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schreiben
Und ein Fußball Team zu supporten.

(Thees Uhlmann – 17 Worte)

PS: Am Meer war es übrigens wirklich wunderschön, das kriegt kein Social Media dieser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

Lucky & Fred: Episode 19

Von Coffee And TV, 13. Oktober 2017 0:47

No Sozi, No Cry: Deutschland hat gewählt und das Ergebnis deutet auf Jamaika hin — sowohl als Regierungskoalition als auch als lohnendes Exil-Ziel angesichts von 12,6% für die AfD.

Lucky und Fred drücken die Zornbank, sprechen über gute und schlechte „Spiegel“-Titelgeschichten und leider dann doch auch wieder über die Partei von Tourette-Trixi und Alexander IrgendwasmitGAU.

In der Rubrik „Johnny Cash fragt, Lucky & Fred antworten“ dreht sich diesmal alles ums Thema Heimat, Fred vermisst die Bonner Republik und Lucky entdeckt sein Herz für Konservative und spricht über sein neues Hobby Staatsphilosophie.

Shownotes:

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Cinema And Beer: „Atomic Blonde“

Von Coffee And TV, 7. September 2017 1:29

Atomic Blonde (Offizielles Filmplakat)

Berlin im November 1989: Kurz bevor die Mauer fällt, prügelt sich eine britische Agentin durch Ost- und Westteil der Stadt. Tom Thelen und Lukas Heinser diskutieren über Plansequenzen, Feminismus und Wodka.

Cinema And Beer: „Atomic Blonde“

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Abgang nach Maas

Von Lukas Heinser, 6. September 2017 18:51

Sie haben es vermutlich schon mitbekommen: Alice Weidel, Spitzenkandidatin einer Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt, hat gestern eine Polit-Talkshow im ZDF verlassen:

Dieser Abgang ist historisch. Nicht, weil er irgendeinen berechtigten Anlass gehabt hätte; auch nicht, weil er heute wieder für ganz viele Schlagzeilen und Fragen wie „Spielen wir das Spiel der AfD mit, wenn wir darüber diskutieren?“ gesorgt hat. Sondern, weil Weidels Empörung so unglaublich unglaubwürdig war.

Sie wirkte wie eine Oberstufenschülerin, die keinen Bock hat, Teil der Abizeitungs-AG zu sein, aber aus Gründen ihrer sozialen Stellung innerhalb der Stufe das nicht einfach zugeben kann, und deswegen verzweifelt versucht, irgendeinen Grund zu finden, Papiere in die Luft zu werfen und kopfschüttelnd den Oberstufenraum zu verlassen, um dann anschließend melodramatisch augenrollend in der Raucherecke an ihrer Zigarette zu ziehen.

Kommen wir deshalb nun zu unserer neuen Rubrik „Menschen, die bessere Schauspieler sind als Alice Weidel“. Die Liste umfasst rund 7,1 Milliarden Menschen, deswegen hier nur die fünf Erstplatzierten:

5. Til Schweiger

4. Donald Trump

3. Pepe

2. Cristiano Ronaldo

1. Berti Vogts

Furchtbar

Von Lukas Heinser, 1. September 2017 12:50

Durch Umstände, die diesmal nichts zur Sache tun, bin ich gerade über eine rund zweieinhalb Jahre alte Überschrift auf bunte.de gestolpert:

Kai Wiesinger: "Es ist furchtbar!"

Im Vorspann steht:

Der Tod von Chantal de Freitas im Sommer 2013 war überraschend. Die damals 45-jährige Schauspielerin und getrennt lebende Ehefrau von Kai Wiesinger starb plötzlich und unerwartet. Zurück blieben ihre zwei Töchter – und ein trauernder Kai Wiesinger …

Und das kann man sich ja gut vorstellen, dass eine solche Situation furchtbar ist.

Allein — wenn man den dazugehörigen Artikel auf bunte.de komplett liest, stellt man fest, dass das Zitat in der Schlagzeile vielleicht ein bisschen … nennen wir es mal: aus dem Zusammenhang gerissen ist:

"Es ist furchtbar, wie Medien ein falsches Bild von jemandem erschaffen können" Chantal de Freitas hinterließ zwei Töchter aus ihrer Ehe mit Kai Wiesinger. Im Interview mit dem Magazin "DONNA"​ spricht der 48-Jährige jetzt über die schwere Zeit. "Es ist furchtbar, wie Medien durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate ein falsches Bild von jemandem erschaffen können. Es ist sehr schwer, so etwas auszuhalten und dabei öffentlich keine Stellung zu beziehen."

Womöglich braucht man gar nicht viel mehr als dieses Beispiel, um das Wesen von Boulevardjournalismus zu erklären.

The District Sleeps Alone Tonight

Von Lukas Heinser, 29. August 2017 1:47

Guten Morgen,

mein Name ist Lukas und ich sollte eigentlich längst schlafen. Aber dann hab ich bei YouTube ein Video entdeckt:

Einer meiner Lieblingsmusiker covert einen meiner Lieblingssongs von einer meiner Lieblingsbands! Das muss ich natürlich noch gucken und dann …

Okay: Frank Turner covert noch einen Song von The Hold Steady, aber diesmal mit einem Bandmitglied von The Hold Steady! Aber danach kann ich ja …

Okay: „Constructive Summer“ mag ich aus persönlichen Gründen noch ein bisschen mehr, aber danach sollte ich …

What the … ? Frank Turner covert einen Song einer meiner anderen Lieblingsbands!

Und noch einen! („Plea From A Cat Named Virtute“ halte ich persönlich ja für einen der besten Texte, der je geschrieben wurde — was um so bemerkenswerter ist, wenn man bedenkt, was mit anderen Menschen passiert ist, die Texte aus der Sicht einer Katze geschrieben haben.)

ARGH! Gibt es irgendeinen meiner Lieblingssongs, den Frank Turner nicht gecovert hat?

Ich muss jetzt wirklich ausmachen, aber weil sich der Kreis hier so wunderbar schließt:

Noch ein Song von The Postal Service, gecovert von einem noch absoluteren Lieblingsmusiker.

Gute Nacht!

Nevermind Gonna Give You Up

Von Lukas Heinser, 21. August 2017 10:59

Wir hatten Rick Astley letztes Jahr im „ARD Morgenmagazin“ zu Gast — am Morgen nach dem schrecklichen Anschlag in Nizza. Wir dachten „Achtziger-Schnulzensänger“, „Internet-Punchingbag“, aber überraschenderweise war 1. sein neuer Song super und 2. er genau der richtige Gast, um so eine doofe, traurige Dreieinhalb-Stunden-Sendung zu überstehen.

Hier ist er also am Wochenende in Japan mit den Foo Fighters, wie er – natürlich – „Never Gonna Give You Up“ singt, das erstaunlicherweise wie ein Nirvana-Song klingt:

[via Spin]

Komm, Welt, lass Dich umarmen

Von Lukas Heinser, 20. August 2017 23:35

Der erste Spieltag der neuen Bundesligasaison ist rum, Gladbach hat 1:0 gegen den 1. FC Köln gewonnen.

Zeit, noch einmal nostalgisch an meine allererste Saison als Fan zurückzudenken und an das Lied, das für mich auf ewig die Gladbacher Torhymne sein wird:

Falls ich den Song jemals in voller Länge gehört haben sollte, ist das sicher über zwanzig Jahre her. Es ist natürlich ein Song, dessen natürlicher Lebensraum schon bei Uwe Hübner in der „ZDF-Hitparade“ liegt, aber man muss diesen ganzen Schlagersängern der 1980er und 1990er gegenüber ja Abbitte leisten, denn so viel schlimmer als das Allermeiste, was aktuell im Radio läuft, war das ja nun wirklich nicht. Und die Stimme ist schon geil, oder? (Sie kommt vielleicht noch ein bisschen besser rüber in diesem Auftritt, der auch noch komplett stilecht von Dieter-Thomas Heck anmoderiert und -gewunken wird.)

Mario Jordan (fragen Sie mich bitte nicht, warum mein Gehirn diesen Namen sofort griffbereit hatte!) hieß, wie ich der Wikipedia entnehme, eigentlich Mario Lehner und ist leider schon vor sieben Jahren gestorben.

Das Lied kennen Sie natürlich auch, wenn Sie nie im Bökelbergstadion waren, denn es war seinerzeit auch der Werbesong einer sympathischen niederrheinischen Brauerei, die damals Trikotsponsor von Borussia Mönchengladbach war — und das Lied vermutlich gleich mitgebracht hat.

(Kurzer Exkurs: Die Brauerei Diebels war bis zum Jahr 2011 auch Getränkepartner des Haldern Pop Festivals, was bedeutete, dass man – sympathisch und niederrheinisch hin oder her – dort lange nur Altbier trinken konnte. Ab 2005 braute Diebels dann auch (wieder) Pils, das aber seit 2010 schon nicht mehr in Fässern angeboten wurde. Die Website des Unternehmens wirkt seltsam verwaist und der aktuellen Berichterstattung entnehme ich, dass der weltgrößte Braukonzern Anheuser-Busch Inbev – „sympathisch“ und „niederrheinisch“ – die Marke offenbar dringend loswerden will. Wenn also irgendjemand überhaupt nicht vom aktuellen Craftbeer-Trend profitiert hat, dann das Alt-Bier. Und Hausgetränk der sogenannten Alt-Right-Bewegung will man ja auch nicht sein. Exkurs Ende.)

Die legendären Diebels-Werbespots sind übrigens auch der Grund dafür, warum ich „Welch ein Tag“ auch jedes Mal im Ohr habe, wenn ich ein Kettenkarussell sehe:

(Ich hatte den Spot übrigens so in Erinnerung, dass da zwei Menschen gemeinsam auf dem Karussell fahren und sich dort zuprosten. Alter Romantiker, ich.)

Lucky & Fred: Episode 18 (feat. Mandelstute Brandy)

Von Coffee And TV, 17. August 2017 12:53

Lucky und Fred haben sich diesmal Unterstützung von jemandem geholt, der beruflich beim Radio arbeitet: Mit Mandelstute Brandy wollen die beiden Trucker nicht über Donald Trump sprechen, sondern über ewige KanzlerInnen, junge Fachleute, prügelnde Präsidentengattinnen und die anstehende Bundestagswahl.

Wie entscheiden Lucky und Fred, wen sie wählen? Warum ist Christian Lindner Peter Alexander? Und was hat der WDR mit all dem zu tun?

Es ist nicht gerade Raketenwissenschaft, dafür aber Familientherapie am Frühstückstisch.

Shownotes:

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
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„Lucky & Fred“ bei Facebook

One More Night

Von Lukas Heinser, 13. Juni 2017 23:59

Es ist jetzt fast auf den Tag genau 15 Jahre her, dass ich mein Abi-Zeugnis ausgehändigt bekam und ins sogenannte Erwachsenenleben entlassen wurde. Ein Abitreffen ist nicht angesetzt (zumindest weiß ich nichts davon) und so werde ich auch weiter nicht wissen, was die früheren Klassenclowns, Skater, Traumfrauen und Nervensägen heute machen — zumindest diejenigen, deren Eltern meine Mutter nicht regelmäßig in Dinslaken auf dem Wochenmarkt trifft. Das ist aber auch okay, denn Nostalgie ist ein Gefühl, das ich (wie die meisten anderen Gefühle auch) am Liebsten in den eigenen vier Wänden auslebe.

Oder eben in der ausverkauften Kölnarena, wo Phil Collins diese Woche nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, sondern fünf Konzerte spielt. Collins ist, wie ich schon einmal in einem eher ungelenken Blog-Eintrag zu beschreiben versucht habe, der auch erst knackige zehn Jahre alt ist, ein Held meiner Kindheit. Jahrelang ging ich als eifriger, aber fremdsprachlich unterentwickelter Schlagzeug-Schüler davon aus, der drum fill, also jene Akzentuierung, die einen Übergang von einem Songteil (z.B. Strophe) zum nächsten (z.B. Refrain) markiert, sei nach Phil Collins benannt.

Als Collins die Konzerte (zunächst waren für Köln zwei geplant) im vergangenen Jahr ankündigte, habe ich den Gedanken nach kurzer Überlegung verworfen — hatte ich mir doch geschworen, dass die 80,40 Euro, die ich im Jahr 2011 für Paul McCartney gezahlt hatte, meine teuerste Konzertkarte jemals bleiben sollten. Dann saß ich letzte Woche mit einer Freundin zusammen, wir sprachen über die Konzerte, guckten nach wieder verfügbaren Karten und sagten uns mit größenwahnsinniger Selbstverständlichkeit: „Klar, 100 Euro, warum auch nicht?!“

Erst als wir auf der Autobahn Richtung Köln sind und die größten Phil-Collins-Hits (also: die, die in eine siebzigminütige Autofahrt passen) aus den Boxen schallen, wird mir richtig klar, worauf wir uns hier eingelassen haben: eine popkulturelle Rückführung in ein früheres Leben — eines, wo man Kind war, auf dem Wohnzimmerteppich liegend das hörte, was die Eltern hörten, und Musik noch nicht dem Distinktionsgewinn diente, sondern ausschließlich der Unterhaltung.

Bereich Arena ab ca. 18 Uhr hohes Verkehrsaufkommen - PHIL COLLINS -

Rund um die Kölnarena herrscht schon um 18 Uhr großer Andrang: In langen Schlangen stehen die Menschen, um rechtzeitig … äh, ja: auf ihren nummerierten Plätzen sitzen zu können. Die größte Überraschung ist die, dass wir nicht die Jüngsten sind. Ticketübergabe, dann in der angrenzenden Systemgastronomie essen. Ich fühle mich wieder wie 16, als man freitagsabends mit Freunden ins Multiplexkino am Einkaufszentrum der nächsten größeren Stadt gehen durfte. (Das kostet ja inzwischen bestimmt auch genauso viel.)

Unsere Plätze liegen so, dass sie den Eindruck, hundert Euro wert zu sein, ziemlich gut erwecken können. Auf den LED-Wänden links und rechts der Bühne und auf der Gaze vor der Bühne laufen Fotos aus allen Lebens- und Schaffensperioden des Künstlers und ich denke zum wiederholten Male, dass die Ähnlichkeit zwischen ihm und Fran Healy zu jeder Zeit gegeben war.

Schlag Acht geht die Werbung auf dem Videowürfel unter der Hallendecke aus, kurz darauf auch die Saalbeleuchtung und schließlich schlurft der leibhaftige, 66-jährige Phil Collins mit einem Krückstock auf die Bühne und setzt sich, während sich weite Teile des Publikums erhoben haben, auf einen Stuhl am Bühnenrand. An der Stirn hat er ein großes Pflaster, nachdem er letzte Woche in London im Hotelzimmer gestürzt war und zwei Konzerte verschieben musste. „My back hurts, my leg is fucked“, erklärt er, und eigentlich habe er das alles nicht mehr machen wollen: „But I missed you so much!“ Das könnte man jetzt unter klassischem Konzertgeschmeichel abtun, aber dann denkt man daran, dass der Mann nach seiner „Pensionierung“ in seinem Schweizer Domizil vor lauter Langeweile ein Alkoholproblem entwickelt hatte, und man will, nein: muss ihm einfach glauben!

In diesen Austausch von Herzlichkeiten hinein perlen die ersten Klaviertöne und es wird direkt klar: Hier werden heute Abend keine Gefangenen gemacht, hier wird gleich mal mit dem Riesenhit „Against All Odds“ eröffnet. Die Band steht, für das Publikum immer noch unsichtbar, hinter der Gaze und als das Schlagzeug einsetzt, wird der Drummer von hinten so angestrahlt, dass sein Schatten riesengroß über dem sitzenden Phil Collins erscheint — was als irgendwie verdrehte Metapher ganz, ganz wundervoll ist, denn der Drummer ist dessen 16-jähriger Sohn Nicholas.

Dann geht der Vorhang hoch, man sieht die Band und die Messlatte wird mit „Another Day In Paradise“ noch mal ein bisschen höher gelegt. Dieser Song ist – neben Tina Turners „The Best“ und Miles Davis‘ „Human Nature“-Cover – für mich der Klang elterlicher Geburtstage, an denen wir lange aufbleiben und den Erwachsenen mit unserer Anwesenheit auf die Nerven gehen durften. Ja, ich habe Paul McCartney „Hey Jude“ singen gesehen, Robbie Williams „Angels“ und a-ha „Take On Me“, aber das war alles höchstens das Warm-Up für die emotionale Überforderung, die nun einsetzt, und der ich nur zu begegnen weiß, indem ich schnell den Refrain auf dem iPhone mitfilme und an meine ganze Familie schicke.

Die Stimmung wird ein wenig runtergekühlt mit „One More Night“ und „Wake Up Call“, einem Song aus dem Spätwerk „Testify“, das, wie eine Akklamation in der Halle ergibt, fünf oder sechs Menschen gekauft haben — „but don’t worry: I didn’t buy your records, either!“ Und dann: „Follow You Follow Me“, der große Genesis-Hit. Auf den LED-Wänden sind Szenen aus allen Epochen der Band (inkl. Peter Gabriel) zu sehen und es fühlt sich ein bisschen beruhigend an, dass ich nicht zur Mehrheit der Menschen hier in der Halle gehöre, die dieser Song jetzt an die damals so genannten „Feten“ in den Kellern ihrer Elternhäuser erinnert, sondern ich ihn schon auf einem Oldie-Sampler kennengelernt habe.

Die nächsten Minuten verbringe ich damit, mir eine Meinung über das zu bilden, was bei einem Konzert in gewisser Weise das Wichtigste sein könnte: die Musik. Manche Songs klingen tight und perfekt eingespielt (weite Teile der Band spielen schon mindestens doppelt so lange mit Phil Collins, wie Drummer Nicholas auf der Welt ist), andere schleppen und zerfasern so, dass sie fast auseinander zu fallen drohen. Akustisch macht die Kölnarena ihrem schlechten Ruf wieder alle Ehre: kennt man den Text eines Songs, geht’s, kennt man ihn nicht, versteht man kein Wort.

Aus mir persönlich nicht verständlichen Gründen singt Collins auch „Separate Lives“, einen Song, der seinen Ruf als pop culture punching bag mitbegründet haben dürfte: cheesy, auf das ausgelegt, was unsere Eltern „Klammerblues“ nannten, und bei aller Liebe einer seiner schlimmsten Songs — und das, obwohl er ihn gar nicht selbst geschrieben hat. Nach „Only You Know And I Know“ geht’s in die zwanzigminütige Pause: „You might need to go the bathrooms and we will do the same!“

Meine Begleitung nutzt die Zeit, um das Merchandise zu inspizieren: T-Shirts für 30 und Pullover für 50 Euro erscheinen einem für ein Arena-Konzert beinahe angemessen.
„Keine Drumsticks?“, frage ich enttäuscht. „Für Phil Collins signature drumsticks würde ich heute Abend jeden Preis bezahlen!“
Schnitt: Zwei junge Frauen kehren in unseren Block zurück, in ihren Händen jeweils ein Paar Drumsticks.

Ich frage mich, ob Nicholas Collins auch mit den Stöcken trommeln muss, auf denen die Unterschrift seines Vaters prangt. Nach der Pause darf er in einem ausführlichen Duett mit Percussionist Luis Conte jedenfalls noch mal ohne jedes Beiwerk zeigen, was er so drauf hat. Das hätte ich vermutlich auch nicht hinbekommen, wenn ich meinen Schlagzeugunterricht damals ernst genommen hätte. Aber wenn ich meinen Biologieunterricht ernst genommen hätte, könnte ich jetzt etwas über „Vererbungslehre“ schreiben.

Bei „You Know What I Mean“ beweist Nicholas, dass ein Collins natürlich mehr als nur ein Instrument beherrscht: er spielt die Ballade am Klavier, sein Vater, der vermutlich nie mehr irgendein Instrument wird spielen können, sitzt daneben und singt und als Nic Phil danach im tosenden Applaus umarmt und auf die Glatze küsst, muss ich mich wegdrehen und zu den Worten „Entschuldigung, ich hab auch einen Sohn“ hektisch vor meinem Gesicht herumwedeln.

Überhaupt kann man sich an diesem Abend ja kein Stück freimachen von der ganzen story, die hier permanent mitschwingt: dass das hier eben Comeback und Abschied zugleich ist, weil es – zumindest Stand heute Abend – eher unwahrscheinlich erscheint, dass Phil Collins sich das alles noch mal antun wird. Er ist zwar „Not Dead Yet“, wie Tour und Autobiographie heißen, aber eben auch eher das Gegenteil eines Mick Jagger, der mit 182 Jahren immer noch über die Bühne gockelt. Man verzeiht ihm deshalb, wenn die Stimme mal nicht mehr ganz so frisch klingt (was aber selten passiert), wenn die Band einen tausend Mal gehörten Hit eine Spur zu langsam anstimmt, und auch, dass sich die Produzenten der Show in der zweiten Hälfte dafür entschieden haben, auf der Bühne eine Art „Wetten, dass..?“-Atmosphäre (aus den Frank-Elstner-Jahren) zu simulieren: Hinter der Bühne weht ein ockerner Vorhang, der so vermutlich immer noch in der Stadthalle Böblingen hängt, die Lichter strahlen in Orange und Gelb.

Und dann, nach all den Hits, endlich der Hit: angeschlossen an ein gefühlt achtminütiges Intro beginnt der Roland CR-78 zu zirpen und der Saal atmet tief durch. „In The Air Tonight“. Alle singen mit, fast alle stehen und natürlich warten alle nur auf diesen einen Moment, der auf der Albumversion nach 3:41 Minuten kommt — der vermutlich berühmteste drum break aller Zeiten. Es ist dann letztlich: ein Takt, zehn Schläge, wahnsinnig viel Licht — und es geht weiter. Manchmal kommt es in der Popmusik, wie im Leben, aber auf diesen einen Moment an.

Danach bewegt sich – um mal eine besonders schiefe Metapher zu verwenden – das Hit-Feuerwerk auf die Zielgerade: „You Can’t Hurry Love“, „Dance Into The Light“, „Invisible Touch“, „Easy Lover“ und „Sussudio“, dem man an diesem Abend einfach mal verzeiht, dass es ein ziemlich dummer Song ist; im Wesentlichen ein schlecht umlackiertes „1999“ von Prince, dessen Fahrgestellnummer nur notdürftig rausgefeilt wurde. Dafür gibt es buntes Konfetti und alle tanzen!

Zur ersten Zugabe, dem Vera-Lynn-Cover „If You Love (Really Love Me)“ steht Collins angelehnt ans Klavier, danach schließt der Abend mit einem ausgiebigen „Take Me Home“. Als die Hallenbeleuchtung angeht, ist es 22.47 Uhr. Die Drumsticks kosten 20 Euro — ein nicht völlig absurder Preis, den ich hier und jetzt natürlich gerne zahle. Wir brauchen ewig, um zu unserem Auto zu kommen, und noch länger, um damit das Parkhaus zu verlassen. Heute waren wir fünf Jahre alt. Und 16. Und erwachsen.

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