Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Ich hoffe, die Musik hilft:
Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Ich hoffe, die Musik hilft:
Dieses kleine Popkultur-Blog wird in zehn Tagen volljährig (wait for it!) und weil wir so ein kreativer Laden sind und weil wir finden, dass es in diesen Zeiten dringend notwendig ist, schöne Dinge hervorzuheben, haben wir uns ein neues Format ausgedacht: 5 Songs, die Ihr im Januar gehört haben solltet!
Natürlich gibt es auch weiterhin unser beliebtes CTV-Mixtape mit den 5 Songs aus dem Video und vielen weiteren. Dieses Mal u.a. dabei: Neue Songs von Thursday, Heather Nova und Travis, ein Radiohead-Cover von Blossoms und Klassik vom südafrikanischen Cellisten Abel Selacoe. Philine Sonny ist natürlich genauso vertreten wie das Grand Hotel van Cleef — diesmal mit Amos The Kid.
10. Pet Shop Boys
31 Jahre, nachdem sie mit „Go West“ in mein Leben getreten waren (und damit lange, bevor ich um Begriffe wie „queer“ wusste), haben die Pet Shop Boys ihr 15. Studioalbum veröffentlicht. „Nonetheless“ (Parlophone; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) heißt es – „Nichtsdestotrotz“, was für ein schönes Wort! – und es zählt im Gesamtwerk zu den eher melancholischen Alben. Ansonsten machen Neil Tennant und Chris Lowe einfach weiter genau ihr Ding: Es geht um Liebe und Nachtleben, aber ebenso selbstverständlich um die ZDF-Hitparade und einen von Donald Trumps Bodyguards. Natürlich. Immer wieder erkennt man Versatzstücke aus älteren Songs, aber das ist ja Teil des Gesamtkunstwerks, wie wir spätestens seit „DJ Culture“ (dem PSB-Song von 1991, nicht dem Buch von Ulf Poschardt) wissen. Persönlicher Höhepunkt: Ich durfte für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über das Album schreiben, jenes Blatt, in dem ich noch als Schüler über die Band gelesen hatte.
9. Vanessa Peters
Bevor Mark Zuckerberg beschloss, Instagram zur weiteren Zersetzung der Demokratie zu nutzen, konnte man dort tatsächlich Musik entdecken: Acts haben kleine Clips aus ihren Musikvideos als Werbung geschaltet und die gleichen Algorithmen, die mich jetzt von den Vorzügen des Faschismus überzeugen sollen (Vergiss es, Pudel!), haben mir dann überraschend präzise Songs vorgespielt, die mich sofort überzeugt haben. So bin ich jedenfalls 2021 auf die Amerikanerin Vanessa Peters und ihr Album „Modern Age“ aufmerksam geworden und seitdem verfolge ich ihr Schaffen. Damals hatte ich geschrieben: „Als hätten Aimee Mann, Suzanne Vega und Kathleen Edwards eine Supergroup gegründet.“ Das gilt immer noch und ich meine es als eines der höchsten Komplimente, denn auch „Flying On Instruments“ (Idol Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) ist wieder ein Americana/Folk-Album, das mich an die besten Seiten der amerikanischen Kultur erinnert. Also an das Gegenteil von Mark Zuckerberg.
8. Maro
Maro ist immer das Beispiel, das ich bringe, wenn ich erklären will, dass der Eurovision Song Contest längst keine alberne Quatsch-Veranstaltung voll Eurodance-B-Ware ist (das war er in dieser Absolutheit noch nicht mal in den 1980er bis 2000er Jahren), sondern ein Musikfestival im klassischsten Sinne: Natürlich hätte ich auch auf anderen Wegen (das Internet existiert ja) von der jungen Musikerin mit dem bürgerlichen Namen Mariana Brito da Cruz Forjaz Secca und der wunderbar verschlafenen Stimme erfahren können, aber ihr Auftritt in Turin 2022 war dann doch ein ganz besonders beeindruckender Kennenlernmoment. Ende September habe ich sie endlich wieder live gesehen, durchaus angemessen im Konzerthaus Dortmund, und es war eines der schönsten, umarmendsten Konzerte, das ich je besucht habe. Wie junge Acts das so machen, hat sie während des ganzen Jahres immer wieder Songs herausgebracht, u.a. mit Parcels, vor allem aber mit dem Musiker Nasaya, der auf der französischen Insel Reunion im indischen Ozean aufgewachsen ist, wie Maro das Berklee College of Music besucht hat, und mit dem sie 2021 schon mal eine ganze EP mit vier Songs veröffentlicht hatte. Das gemeinsame Album „Lifeline“ (Secca Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) kam erst am 15. Januar raus, aber das bedeutet ja nur, dass Maro auch 2025 wieder zu meinen Acts des Jahres gehören kann.
7. Joy Oladokun
Auf das Musikjahr 2023 haben wir ja in einer gemeinsamen Sendung zurückgeschaut. Deswegen gibt es keine persönliche Bestenliste, die ich jetzt verlinken kann, und auf der Joy Oladokun mit ihrem Album „Proof Of Life“ meinen Platz 1 belegt hätte. Das wird nicht der Hauptgrund sein, warum sie 2024 direkt das nächste Album, ihr fünftes, veröffentlicht hat, aber auch „Observations From A Crowded Room“ (Amigo Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) ist wieder verdammt gut geworden. Sie macht sich Gedanken über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt, sie singt über die Kraftanstrengungen, überhaupt aufzustehen und weiterzumachen — und all das hat so viel Groove, so viel schöne Melodien und so viele Gospel-Chöre, dass einen diese vermeintlichen Widersprüche ganz aufwühlen. Aber war das bei Marvin Gaye, Sam Cooke oder Aretha Franklin anders?
6. MJ Lenderman
Manchmal gibt es ja so Namen und Alben, von denen man so oft in verschiedenen Zusammenhängen liest, dass man sie einfach hören muss: Das vierte Soloalbum von MJ Lenderman war so eins und das Überraschende war eigentlich nur, dass es nach vielen Jahren mal wieder ein Indierock-Album war, über das so viele Leute sprachen — und dass es mir dann auch noch gefiel! „Manning Fireworks“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) klingt, als würde ich es schon mein halbes Leben kennen. Oder, anders: So, wie wenn The Get Up Kids und The Weakerthans sich vor 20, 25 Jahren in einer Scheune in Montana, in der zufällig noch ein paar Folk-Musiker sitzen, gegenseitig gecovert hätten.
5. Christian Lee Hutson
Ich kann gar nicht mehr rekonstruieren, wie ich zum ersten Mal „After Hours“ von Christian Lee Hutson gehört habe. Ich weiß nur, dass die 3:12 Minuten, die der Song dauert, noch nicht durch waren, als ich ihn meinen engsten Freund*innen schon wärmstens – lass alles stehen und liegen und hör es Dir JETZT an! – ans Herz gelegt hatte. Entsprechend ist es auch mein Song des Jahrs 2024 geworden. Wenn ich Songs so doll liebe, habe ich manchmal Angst vor dem Album, dem sie vorangingen, aber „Paradise Pop. 10“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) löste sogar mehr Versprechen ein, als die Single aufgestellt hatte: Songs wie „Autopilot“, „Water Ballet“ oder besagtes „After Hours“ klingen, wie sich die eigene Bettdecke an einem diesigen, kalten Sonntagvormittag anfühlt. Es gibt Klavierballaden, melancholische Folksongs und etwas lärmendere Folkrock-Nummern für Fans von Elliott Smith, The Weakerthans und Bright Eyes. Jetzt machen also Menschen, die 1990 geboren sind, Musik, wie ich sie 2004 gehört habe.
4. Philine Sonny
Ich weiß nicht, ob man es merkt, aber ich habe einen gewissen Hang zum Lokalpatriotismus. Man müsste mir schon sehr viel Geld bieten, damit ich das Ruhrgebiet oder auch nur Bochum-Ehrenfeld verlasse. Wenn es um Philine Sonny geht, ist es deshalb, als würde der VfL Bayern München schlagen: Sowas ist hier möglich! Und wer wohnt schon in Düsseldorf? Dabei hat das ja alles gar nichts mir mir zu tun und vielleicht auch nur in Teilen mit der Stadt. Im März, jedenfalls, hatte die 23-jährige Musikerin und Songschreiberin ihre zweite EP „Invader“ (Nettwerk; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) veröffentlicht, danach noch jede Menge Singles. Im Herbst begann sie dann ihr nächstes Projekt, bei dem sie Songs in 15 Minuten schreibt, innerhalb weniger Tage aufnimmt und dann so schnell wie möglich veröffentlicht. „So schnell wie möglich“ bedeutet bei einem Label – bei Nettwerk erscheinen auch Angus & Julia Stone, The Paper Kites, Joshua Radin und Great Lake Swimmers – und Streamingdiensten immer noch rund zweieinhalb Monate, aber das ganze Konzept und die Daten im Songtitel verleihen den Songs eine gewisse Unmittelbarkeit. Und ich tue, was ich kann, um Philine Sonny noch berühmter zu machen — zum Beispiel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über sie schreiben.
3. Suzan Köcher’s Suprafon
Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an Pink Floyd, Ölprojektoren und die Generation unserer Eltern, die bekifft auf einem Flokati liegt. Okay, ich komm noch mal rein: Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an David Lynch, die mittleren Byrds und orangefarbene U‑Bahn-Haltestellen. Habt Ihr die Bilder? Okay, dann kommt jetzt der Soundtrack, denn Suzan Köcher’s Suprafon machen laut eigener Aussage Psychedelia (nur, damit Ihr’s schonmal gehört habt: im Englischen ist das „P“ stumm), aber auch Dream Pop, Krautrock, Disco und Desert Americana. Tatsächlich entstehen in meinem Kopf sofort Filme der Coen Brothers, Wim Wenders und Paul Thomas Anderson; ein Steppenläufer rollt definitiv durch die staubige Landschaft und es ist entweder immer gerade Mittag oder die Zeit kurz nach Sonnenuntergang. Also: Alltag im Bergischen Land, denn Suzan Köcher selbst stammt aus Solingen, ihre Band aus dem Umkreis (und damit ein Strich mehr bei „Ruhrgebiet“). Ihr drittes Album „In These Dying Times“ (Unique Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, YouTube Music, Bandcamp) wäre, wenn es aus den USA käme, überall in den Jahresbestenlisten. So wenigstens bei mir.
2. kettcar
Er habe mehr durch Musik gelernt als durch Bibliotheken, hat Thees Uhlmann mal gesungen (und dabei Bruce Springsteen referenziert) und er hat leicht reden, denn unsere gemeinsamen Buddies von kettcar veröffentlichen auf Grand Hotel van Cleef, dem Label, das sie mit ihm gemeinsam betreiben, ja regelmäßig Alben, deren Songs ganze Bücher ersetzen. So gesehen ist „Gute Laune ungerecht verteilt“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) wieder eine 45-minütige Bibliothek zum Hören: Die brachiale Single „München“ ist ein eigenes, umfassendes Werk über Alltagsrassismus; „Rügen“ referiert die Freude und Nachteile des Eltern-Seins besser als es ein Buch irgendeiner Twitter-Berühmtheit je könnte; „Kanye in Bayreuth“ ist das feuilletonistische Essay über die Schwierigkeit, Werk und Autor zu trennen; „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ die vertonte Kolumne über gestiegene Lebensmittelpreise und „Blaue Lagune, 21:45 Uhr“ der Antihelden-Roman, der in Rezensionen mit Tarantino verglichen wird. Dass das alles noch so schön erhebend klingt und man alles mitsingen kann, ist ja das eigentliche Kunststück, aber kettcar lassen es ganz leicht aussehen. Da wartet man auch gerne mal fünf Jahre drauf!
1. Japandroids
2024 war für viele von uns ein schwieriges Jahr, das in der zweiten Jahreshälfte völlig aus der Kurve zu fliegen schien: Donald Trump, AfD, Neuwahlen, dazu immer noch Krieg in der Ukraine und eine ungelöste Klimakatastrophe — und das war nur die Scheiße aus den Nachrichten, die uns alle betraf. Hinzu kamen private Schicksalsschläge und die immer absurder erscheinende Aufgabenstellung, auch noch den sogenannten Alltag bewältigen zu sollen. Am 25. Oktober starb meine geliebte Tante Dörte und ich war wirklich froh, dass ich neben meinem engsten Umfeld auch immer noch Musik hatte. Genau eine Woche zuvor war „Fate & Alcohol“ (schon wieder Anti — Label des Jahres!; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal , YouTube Music, Bandcamp) erschienen, das vierte und vorab schon als solches angekündigte letzte Album der Japandroids. Fragt mich nicht, wie Brian King und David Prowse diesen Sound mit nur einer Gitarre und einem Schlagzeug hinbekommen, denn ich habe sie leider nie live gesehen, aber das ist auch egal, denn für „Fate & Alcohol“ gilt, was Faithless damals in „God Is A DJ“ deklamierten: „This is my church / This is where I heal my hurts“. Wann immer ich vergessen hatte, dass ich am Leben bin, und wie sich das anfühlt, habe ich dieses Album gehört. Und es legte mir sacht seine Hand auf meine Schulter und gemeinsam wussten wir: Ja, unsere Hände sind blau und geschwollen, aber wir können daraus immer noch ein Herz formen (und zwar so wie Millennials, also richtig), eine Faust machen und sie in den Himmel strecken. Die Musik klingt immer noch, als würde sie vom ersten bis zum letzten Ton das Leben feiern, aber anders als auf den ersten Alben nicht aus jugendlicher Ignoranz heraus, sondern aus erwachsenem Verständnis und Trotz: Ja, das Leben enthält auch Enttäuschungen, Trauer und andere Tiefschläge und genau deshalb ist es so wertvoll und wunderschön. Nonetheless. Wenn meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben ein Album wäre, sie würde so klingen. „For a few hours, it’ll be alright, Baby!“
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Wenn Silvester vorbei ist, beginnt für mich eine Zeit der inneren Anspannung: Ich will unbedingt meine musikalische Rückschau auf das vergangene Jahr abschließen, muss aber auch erstmal den Alltag wieder rebooten. Ich weiß, dass Ihr nicht alle mit den Hufen scharrt und wütend werdet, wenn ich meine Liste später veröffentliche (oder gar nicht, wie in den Jahren, als das Kind ganz klein war und ich mit anderem beschäftigt war), aber irgendwie gehört es für mich ebenso zum Jahresabschluss wie das Abtakeln des Tannenbaums (der auch noch steht).
Beim Durchhören meiner Vorauswahl (ein ausgesprochen komplizierter Prozess, gegen den jede Papstwahl wie ein Kindergartenausflug aussieht) dachte ich immer wieder: „Das war musikalisch ein sehr guter Jahrgang!“ Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass ich wirklich wenige Songs in ihrem Kontext gehört habe — also als Teil eines Albums. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich auf zehn Alben komme, die ich öfter als drei Mal gehört habe.
Ein paar Trends waren zu erkennen: Im Vereinigten Königreich kam Drum ’n‘ Bass sowas von zurück (und es interessierte, wie schon in den 1990er Jahren, hierzulande kaum jemanden im Mainstream); es gab überraschend viele junge Bands, die wie The Strokes klangen, eine Band, die für Menschen unter 30 eigentlich eine Oldie-Band sein muss, und ich habe – besonders im Vergleich zu vor 15, 20 Jahren – ziemlich viele Songs dabei, die von Frauen gesungen werden.
Bei vielen Songs habe ich zwar keine Ahnung, wie ich überhaupt auf sie aufmerksam geworden bin, aber sie haben mich dann eben doch über Monate begleitet, bei allem, was man so tut und erlebt. Es wurde aber auch irgendwann beliebig: Bei vielen Songs dachte ich, wenn ich sie im Laufe des Jahres ein paar Mal öfter gehört hätte, hätten sie am Ende auch auf einem einstelligen Rang landen können. Über 100 Songs in der Vorauswahl und fast alle sind gleich gut?

Es gibt also jetzt eine Liste mit 100 Songs (Sorry!). Man kann sie auf Shuffle hören, dann ist sicherlich viel Schönes dabei, aber vor allem die ersten zehn, zwanzig Songs folgen auch einer gewissen Hierarchie:
10. Crowded House – Oh Hi
Ich verrate Euch jetzt ein Geheimnis: An mehr als 182 Tagen im Jahr halte ich Neil Finn für einen bedeutenderen Songwriter als John Lennon und Paul McCartney. Etliche der Songs, die er für die gerade mal vier Alben von Crowded House in den 1980er und 90er Jahren geschrieben hat, sind längst Klassiker; „Don’t Dream It’s Over“ ist für mich einer der schönsten Songs aller Zeiten (und wenn man ein Orgelsolo heiraten könnte: Hier würd ich’s tun!) und „Everyone Is Here“, das Album, das er 2004 mit seinem Bruder Tim aufgenommen hat, wäre bei meinen Top 10 für die einsame Insel mit dabei. Seit ein paar Jahren sind seine Söhne Liam und Elroy Teil von Crowded House und zusammen haben sie letztes Jahr das Album „Gravity Stairs“ veröffentlicht. Nicht der ganz große Wurf, aber die Vorab-Single „Oh Hi“ vereint wieder eingängige Melodien mit einem schwerelosen Pop-Arrangement, wie man es von der Band seit knapp 40 Jahren kennt. Ein Klang, so vertraut wie das Wohnzimmer meiner Eltern.
9. Lambrini Girls – Company Culture
Eine englische all girl Punkband, die einen wütenden, kompromisslosen und trotzdem lustigen Song über Sexismus am Arbeitsplatz spielt? Count me in!
8. Bon Iver – Speyside
Ich möchte ehrlich sein: So ganz hab ich nicht alles verstanden, was Justin Vernon nach dem zweiten Bon-Iver-Album „Bon Iver“ gemacht hat. Dieses Gezirpe, die komischen Songtitel, die 42 Gastsänger*innen — aber Vernon war von Anfang an über so viele Zweifel erhaben, dass ich den Fehler natürlich bei mir gesucht habe. Jetzt hat er die Akustikgitarre wiedergefunden und die Drei-Song-EP „SABLE,“ (nur echt in Großbuchstaben, mit Komma und vier Tracks, weil der erste nur Geräusch ist) klingt, als sei sie der noch kleinere Anbau zu der Waldhütte, in der im Winter 2006/07 das Debütalbum „For Emma, Forever Ago“ entstanden ist. „Speyside“ klingt entsprechend, wie nach einer langen Reise wieder zuhause anzukommen.
7. Manic Street Preachers – Decline & Fall
Ich bin jetzt seit fast 25 Jahren Fan der Manic Street Preachers; sie haben mich durch die Oberstufenzeit begleitet und politisiert. Ihr letztes richtig gutes Album ist jetzt auch schon vierzehn Jahre alt — und dann ballern sie plötzlich so eine Single raus: eine Piano-Hook wie bei ABBA, Gitarren wie bei Guns ‘n’ Roses und eine Gesangsmelodie, die ungefähr so eingängig ist wie ein gelungenerer Schlager. Der Text handelt davon, im Angesicht einer verfallenden Welt die kleinen Wunder zu feiern — vielleicht ein bisschen fatalistisch für eine Band, die die meiste Zeit ihrer Karriere die kommunistische Weltrevolution anzetteln wollte, aber in Zeiten, in denen sich so viele immer radikaler äußern, ist es auch auf eine Art radikal, das Gegenteil zu tun. Am 31. Januar erscheint dann auch endlich das neue Manics-Album, dessen Titel ebenfalls perfekt in unsere Zeit passt: „Critical Thinking“.
6. Ider – You Don’t Know How To Drive
Wir waren bei Coffee And TV schon große Fans von Ider, bevor das britische Elektropop-Duo überhaupt 2019 sein Debütalbum „Emotional Education“ veröffentlicht hatte. Der Bildspender für den Titel dieser Single ist die männliche Unfähigkeit, sich im Straßenverkehr zu orientieren, aber immer gute Ratschläge zu geben — und das ist nur die erste Strophe, denn die burns werden danach noch viel, viel gemeiner: „I wanna throw your shit in the middle of the street / Really make a big scene and burn your red SG / Delete the files of your solo EP, yeah no one’s gonna hear it now“, singen Megan Markwick und Lily Somerville im Refrain und vielleicht muss man ein paar Musiker im Bekanntenkreis haben, um die Tiefe und Schärfe dieser Zeilen voll würdigen zu können, aber lasst es mich so sagen: Das hier ist die nukleare Option — aber sehr, sehr lustig! Das dritte Ider-Album „Late To The World“ erscheint am 21. Februar; Ende März spielen sie in Hamburg, Berlin und Köln.
5. MJ Lenderman – She’s Leaving You
Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es noch mal einen Act wie MJ Lenderman geben würde: klassischer Indierock, den Menschen zwischen 16 und 61 gut finden und über den eine Zeitlang wirklich alle in meinem Umfeld reden. „You can put your clothes back on / She’s leaving you“ ist kein ganz schlechter Anfang, es wird danach aber noch besser: Es fällt schwer, den Refrain „It falls apart, we all got work to do / It gets dark, we all got work to do“ nicht auf das allgemeine Weltgeschehen zu beziehen — aber was bezieht man dieser Tage nicht darauf? Dabei ist der Song doch eigentlich das „Sie ist weg“ der Generation Z (hoffe ich).
4. kettcar – Auch für mich 6. Stunde
Ja, ja, natürlich: „München“ hatte mehr Wucht, war politischer und wichtiger — so wie damals „Sommer ’89“. Aber kettcar benennen ja nicht nur Probleme, sie haben immer auch Trost dabei: „Ein Bengalo in der Nacht“. So ist „Auch für mich 6. Stunde“, der Opener ihres sehr, sehr guten 2024er Albums „Gute Laune ungerecht verteilt“ vielleicht eher der Zwilling von „Ankunftshalle“ vom Vorgänger „Ich vs. Wir“: Ja, da ist ganz schön viel Scheiße in der Welt, aber wir müssen da nicht alleine durch. Und das ist für mich dann die noch schönere Botschaft, getragen von diesem wunderbaren Snow-Patrol-Arrangement.
3. Philine Sonny – In Denial
Dafür, dass sie erst seit wenigen Jahren Musik veröffentlicht, gehört Philine Sonny schon sehr deutlich zu unseren Lieblings-Acts. Okay: Sie wohnt ja auch in Bochum, aber das hier ist mehr als Lokalpatriotismus, das ist „Ich fänd’s auch geil, wenn es aus den USA käme und bei All Songs Considered und Pitchfork vorgestellt würde“. Im März erschien ihre EP „Invader“, darauf auch „In Denial“, ein langjähriger fan favorite bei den Konzerten. Dieses „Somebody out there“ muss man mal live erlebt haben, wie das Publikum es mitsingt.
2. Japandroids – Positively 34th Street
Kann man mit über 25 noch glaubhafte Liebeslieder schreiben? Ben Folds war 34, als er „The Luckiest“ aufnahm; Marcus Wiebusch 43 bei „Rettung“. Also: Ja. Brian King ist 41, als das finale Album seiner Band Japandroids erscheint. „Positively 34th Street“ ist nicht nur ein Verweis auf Bob Dylan, es ist auch eines der erwachsensten Liebeslieder, das ich je gehört habe. Und eines der schönsten. Wie man auch nach Jahren, nach all dem Chaos, das wir „Leben“ nennen, noch an eine Person von früher denken kann; wie man es noch mal versucht, immer wieder hadert und zweifelt und die Geschichte vielleicht doch noch gut ausgeht, zumindest aber erstmal überhaupt noch anfängt, das ist schon grandioses, lebensnahes Songwriting. Und das alles in diesem klassischen Hüsker-Dü-treffen-Bruce-Springsteen-Sound, den Japandroids über ihre vier Studioalben gepflegt haben: Dieser Song ist das Gegenteil von midlife crisis, von Porsche, Goldkettchen und die Demokratie zerstören. So klingen Männer, die es irgendwie doch noch geschafft haben; geschunden zwar, aber im Einklang mit sich und ihren Gefühlen.
1. Christian Lee Hutson – After Hours
Seit dem Release Anfang Juli lag ich meiner gesamten peer group in den Ohren, dass sie sich bitte, unbedingt, keine Zeit zu Warten, diesen Song anhören sollen. Nein: müssen! „After Hours“ klingt, als würde ich es seit 25 Jahren kennen, aber ich kann nicht genau sagen, an was mich Stimme und Musik erinnern: Nick Drake? Nein. The Weakerthans? Auch nicht. Vor allem war Christian Lee Hutson vor 25 Jahren gerade acht und hat (hoffentlich, denn das Wort „fuck“ kommt auch drin vor) noch nicht solche Songs geschrieben. Refrains gibt’s keine, dafür Strophen, die sich frei assoziativ von Spätis im Himmel über die Schauspielerin Catherine O’Hara bis zur Feststellung „The good stuff is behind a paywall“ erstrecken. Es war ein wildes Jahr für mich, vor allem in der zweiten Hälfte, aber dann war dieser Song immer für mich da, der sich anfühlt wie in der warmen Badewanne einzuschlafen (Vorsicht bitte!). Einatmen, ausatmen. „It’s crazy I know, I’ve got nowhere to go / But up here, I wear my seatbelt“.
100 Songs, über 6 Stunden:
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Am Samstag hat unsere Redaktion einen Betriebsausflug zum Sounds Like Sugar Festival in Herne gemacht. Von da bringt Lukas viel neue Musik mit, es gibt aber auch ein Wiederhören mit Bands wie Nada Surf und Eels, die ihn schon sein halbes Leben begleiten.
Alle Songs:
Shownotes:
Etwas verspätet kommt die neueste Ausgabe unserer kleinen Musiksendung, aber wir mussten noch kurz auf die neue EP von Philine Sonny warten. Jetzt gibt’s „In Denial“ direkt bei uns zu hören, genauso wie neue Songs von Monta, Hana Vu und 1010benja.
Außerdem blicken wir im Blog bekanntlich auf bedeutsame Alben des Jahres 1999 zurück – und beginnen da mit „Clarity“ von Jimmy Eat World.
Alle Songs:
Shownotes:
Es sind anstrengende Zeiten, aber Lukas sagt, mit ein bisschen Sonne und viel Musik wird das allermeiste ein bisschen besser. Deswegen gibt es heute energetischen Indierock von Bilbao, anrührenden Soul von Joy Denalane, Indiepop von Philine Sonny, ein ordentliches Brett von Sincere Engineer und mehr!
Und dann wollen wir noch wissen, was Eure Songs, Acts und Alben des Jahres 2023 sind! Schreibt uns eine E‑Mail oder bei Instagram oder Facebook!
Alle Songs:
Shownotes:
Bochum, das musikalische Zentrum der Bundesrepublik: Jana von Janou erzählt uns, was es mit dem neuen Song „Boy Is Broken“ auf sich hat, dann hören wir Philine Sonny, unsere Botschafterin beim SXSW. Außerdem hat Lukas neue Musik von Meet Me @ The Altar, King Princess und Kendrick Scott mitgebracht, wir schwelgen in Erinnerungen und tanzen zum Oscar-prämierten „Naatu Naatu“.
Alle Songs:
Show notes:
Der erste Monat 2023 ist fast rum, schnell noch eben die Acts des Jahres 2022 in eine ordentliche Liste packen:
10. Sudan Archives
Schon der Name, unter dem Brittney Denise Parks Musik macht, macht neugierig: Sudan Archives, das klingt erstmal nach field recordings, nach Ethnologie und world music. Ja, aber: Die Art, wie sie Einflüsse aus afrikanischer Musik, Elektronik und Hip-Hop mischt und zwischendurch noch auf ihrer Geige spielt, ist nur eine (wenn man so will: akademische) Ebene ihres Sounds. Vor allem flirrt, klopft und groovt ihre Musik; oft passiert vieles gleichzeitig und doch bleibt noch viel Platz in den Arrangements, um zu atmen. „Natural Brown Prom Queen“ (Stones Throw Records; Apple Music, Spotify, Bandcamp) heißt ihr zweites Album und der Titel kommt schon angemessen breitschultrig daher: Wer women of color im Jahr 2022 noch an den Rand drängen wollte, ist bei Sudan Archives an der falschen Adresse (natürlich auch generell; diversity exists, get used to it). „I’m not average“ wiederholt sie im Quasi-Titeltrack „NBPQ (Topless)“ und beschreibt darin, wie es ist, ausgegrenzt und kritisch beäugt zu werden und dieses Anders-Sein zu einer Art Markenzeichen umzuwidmen. „Natural Brown Prom Queen“ ist also ein Album, das sowohl bei sorgfältiger Beschäftigung auf der inhaltlichen Ebene funktioniert, als auch einfach gut als Soundtrack des eigenen Lebens funktioniert – und das ist ja immer super, wenn sowas möglich ist!
9. Janou
Ich finde es ja immer stark, wenn Menschen ihr Ding durchziehen: Ich kenne Jana von Janou jetzt schon mehr als zehn Jahre und habe erlebt, wie sie rumorende Bochumer Kneipen zum Schweigen brachte, indem sie ihre Stimme zur Akustikgitarre erhob. Seit einigen Jahren ist Janou ein Duo mit starken elektronischen Einflüssen und diese ganzen Sounds lassen ihre ausdrucksstarke Stimme noch mehr strahlen. Nach einigen Singles erschien 2022 mit „Fluid Ground“ (Skip A Beat; Apple Music, Spotify) die erste EP, die Bock auf mehr macht: Wenn im opening cut „Down“ kurz eine Erinnerung an „She Drives Me Crazy“ von den Fine Young Cannibals durchschimmert, wenn „Lonely Boy“ von den Black Keys mit Genehmigung der Band zu „Lonely Boy (Girl)“ umgewidmet wird, „Solitude“ ein Licht in der Dunkelheit anzündet oder „Rosemary“, mein persönlicher Sommerhit 2022 (s.a. die Songs des Jahres), Bochum nach LA oder Miami verlegt. Wo sind die Radiosender, die sowas auf Rotation nehmen?!
8. Maro
Ich habe es im letzten Jahr in jedem Interview gesagt und ich wiederhole es gerne: Der Eurovision Song Contest hat nur noch wenig mit dem freakigen musikalischen Paralleluniversum zu tun, als das er über Jahrzehnte galt. Er ist nicht mehr nur die jährliche Leistungsschau der Bühnentechnik-Industrie, sondern auch ein … nun ja: ernstzunehmendes Musikfestival, bei dem man Acts entdecken kann, die einem die heimische Musikpresse und der Spotify-Algorithmus jetzt eher nicht vorgestellt hätte. So auch Mariana Secca aus Portugal, die als Maro (gesprochen: Maru) großartige Musik macht: Ihr ESC-Beitrag „Saudade, Saudade“ (s.a. die Songs des Jahres) ist auf ihrem letztjährigen Album „Can You See Me?“ (Secca Records; Apple Music, Spotify) gar nicht vertreten, dafür Songs wie das hypnotische „Am I Not Enough For Now?“, das schläfrige „We’ve Been Loving In Silence“ oder „Like We’re Wired“, das klingt wie ein Sonnenaufgang. Inhaltlich bildet das Album die Gefühlswelt einer Frau Mitte Zwanzig ab, mit all den großen Erwartungen und Enttäuschungen, die auch Liz Phair, Fiona Apple oder Tori Amos vor 30 Jahren schon besungen haben; musikalisch steht vor allem Maros Stimme im Vordergrund, aber dahinter spannen die Gitarren, Klaviere und Drumcomputer einen weiten Raum auf. Und wenn man denkt, das klingt jetzt schon alles sehr ähnlich, kommt mittendrin das portugiesisch-sprachige Duett „Juro Que Vi Flores“. Das nächste Album hat Maro für dieses Jahr schon angekündigt.
7. Philine Sonny
Irgendwie hat man es ja bei all dem neuen Elend schon fast vergessen, aber in den Jahren 2020 und 2021 (und ein Stück weit auch noch 2022) gab es in Europa eine Pandemie, die das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gebracht hatte. Als nach zwei Jahren Zwangspause im letzten Sommer die Musikfestivals zurückkehrten, habe ich mich zum ersten Mal richtig aufs Bochum Total gefreut: endlich wieder Livemusik, fußläufig vor der eigenen Haustür, portionsgerecht fürs eigene Kind und ein guter Anlass, um endlich mal wieder die eigenen Freund*innen zu treffen. Genialerweise hatte auch noch ein fellow nerd eine Spotify-Playlist gebaut, mit der man sich im Vorfeld auf das Festival vorbereiten konnte, weil einem die meisten Namen ja doch noch nichts sagen. Als ich zu den Songs von Philine Sonny kam, war ich als Erstes überrascht, dass ein Act, der so nach Weltformat klingt, tatsächlich beim Bochum Total spielt. Dann stellte ich fest, dass Philine Sonny aus Unna stammt, was jetzt – selbst von Bochum aus betrachtet – eher das Gegenteil der großen, weiten Welt ist. So klingt das also, wenn man mit The War On Drugs, Ryan Adams, Bright Eyes und Lucy Dacus aufgewachsen ist und diese Musik ganz doll fühlt (oder zumindest klingt es so, als wäre Philine Sonny mit dieser Musik aufgewachsen). Die erste EP „Lose Yourself“ (Mightkillya; Apple Music, Spotify) haut den Pflock auf alle Fälle schon mal sehr fest in den Boden und jetzt, wo Philine Sonny in Bochum wohnt und zum legendären showcase festival South By Southwest eingeladen wurde, würde ich sagen: sky’s the limit.
6. Anaïs Mitchell
Manchmal frage ich mich schon, wie bestimmte Acts so lange an mir vorbeigehen konnten. Dann fühle ich mich kurz schlecht und nehme ich mir vor, noch mehr Musik zu hören, aber dann denke ich auch wieder: „Das hier ist kein Wettbewerb und Musik findet einen eh immer im richtigen Moment!“ 2022 war also der richtige Moment, um Anaïs Mitchell nach 18 Jahren und einigem „Ich hab davon gehört/gelesen“ in mein Leben zu lassen – rechtzeitig zum achten, selbstbetitelten Album (BMG; Apple Music, Spotify). Ich hab das bei Musik, die irgendwie mit Folk zu tun hat, immer, dass ich mir beim Hören weite Landschaften vorstelle (was ja auch Sinn dieses Genres ist), aber bei diesem Album ist es besonders stark: es klingt wie ein road trip durch Gegenden, die man am Besten schnell hinter sich lässt, auf der Suche nach dem großen Glück und dem Ort, wo man seine Pläne verwirklichen kann. Es erinnert mich aber auch an Hem, k.d. lang und Bon Iver und es gibt nicht viel besseres, was ich über Musik sagen kann.
5. Lou Turner
Noch mehr Indie-Folk: Auf ihrem dritten Album „Microcosmos“ (Lou Turner; Apple Music, Spotify, Bandcamp) setzt sich Lou Turner unter den Eindrücken der Pandemie mit der Frage auseinander, was es bedeutet, „unterwegs“ und „zuhause“ zu sein. Es geht um die Welt, die im Lockdown gleichzeitig kleiner und größer wurde, als Spaziergänge durch die eigene Nachbarschaft plötzlich die neuen Reisen waren. Dabei orientiert sie sich u.a. an Joni Mitchells Album „Hejira“ (das sie in „Empty Tame And Ugly“ auch namentlich erwähnt) und das alles, Musik und Lyrics, sind wirklich wunderbar.
4. Koffee
Gut: Den Künstlernamen finden wir hier im Blog natürlich schon mal grundsympathisch. Auch Koffees Karriere ist eng mit der COVID-19-Pandemie verbunden: Als gefeierte Nachwuchskünstlerin wurde sie 2020 erstmal ausgebremst, die Single „Lockdown“ wurde im selbigen zum Hit. „Gifted“ (Promised Land; Apple Music, Spotify) ist ihr Debüt-Album und gilt offiziell als Reggae. Ich habe dafür alle Vorurteile, die ich gegenüber dem Genre hatte (auch bzw. vor allem Dank seines studentischen Publikums in Deutschland), über Bord geworfen und mich im Frühjahr 2022, als die „Normalität“ so langsam, aber sicher zurückkam, sehr an diesem Album erfreut. Im opening cut „x10“ läuft Bob Marleys „Redemption Song“ einfach im Hintergrund und auch wenn das natürlich vor allem als Ehrerweisung gemeint ist, zeigt es auch: Dieses Album ist etwas anderes.
3. Bülow
Alter ist ja etwas, was man ungefähr nie gescheit einschätzen kann: Als Kind und Teenager sind Musiker*innen halt alle irgendwie „älter“ und die, mit denen man aufgewachsen ist, werden immer älter bleiben. Dann kommen plötzlich Menschen, die signifikant jünger sind als man selbst, und man denkt: „Woher können die das denn schon alles?“ Naja: George Harrison war 20, als das erste Beatles-Album rauskam, Beck war bei „Loser“ auch nur ein paar Jährchen älter und Conor Oberst ist mit zwölf schon mit eigenen Songs aufgetreten. Also: Megan Bülow ist Ende Dezember 23 geworden und macht professionell Musik, seit sie 16 ist. Das klang immer schon gut, aber ihre EP „Booty Call“ (Universal; Apple Music, Spotify) zeigt ihre Stärken nochmal besser als alle bisherigen Releases: fünf Songs, etwas über 13 Minuten – maximal verdichteter Indie-Pop zwischen besagten Beck und Conor Oberst, mit großer Schnoddrigkeit, nachklingender teenage angst und einem generell starken nineties vibe. Hören junge Menschen noch Alben? Nehmen junge Acts noch welche auf? Ich fänd’s stark!
2. King Princess
Das große Aufreger-Thema in den US-Medien waren Ende des Jahres die „Nepo babies“, also junge Menschen, die – so das Narrativ – aufgrund ihrer Abstammung einen leichteren Einstieg ins Berufsleben und bessere Aufstiegschancen haben. Sicherlich ein ernsthaftes Problem, aber gerade die mediale Fokussierung auf die Unterhaltungsbranche nahm der Kritik auch ein bisschen den Wind aus den Segeln: Wenn Du unter Künstler*innen aufwächst, ist es halt wahrscheinlich, dass Du selbst ein gewisses Interesse an Kunst und Kultur entwickelst. Dazu kommen dann eben noch Talent und Kontakte, also: check your privilege, aber so what?! (Dass deutsche Medien sich vor allem um eine Nacherzählung einer amerikanischen Debatte bemühten, aber nicht für eine Sekunde auf die Idee kamen, dass Thema auf Deutschland herunterzubrechen, spricht entweder für oder gegen sie – ich bin mir da noch unsicher.) Mikaela Straus, jedenfalls, tauchte auf dieser Liste der nepo babies auch auf, weil ihr Vater recording engineer ist und ihr Ur-Urgroßvater (!) Isidor Straus einer der Besitzer von Macy’s war, bevor er mit seiner Frau beim Untergang der „Titanic“ (bekanntermaßen im Jahr 1912) ums Leben kam. Ja, interessante Fußnote, aber viel interessanter ist doch nun wirklich die Musik, die Mikaela (Jahrgang 1998) als King Princess veröffentlicht: krachender Indie-Pop mit großen Melodien und klugen Texten. Mit elf hatte sie einen Plattenvertrag abgelehnt, weil sie die kreative Kontrolle nicht abgeben wollte, und das scheint sich ausgezahlt zu haben: „Hold On Baby“ (Zelig Records; Apple Music, Spotify) ist ihr zweites Album und man ahnt, dass es auf einem Major-Label eventuell etwas anders klingen würde. Inhaltlich geht es um Beziehungsspannungen in der Pandemie, um Freundschaften, gender identity und Selbstzweifel im Sex Shop. Mit Mark Ronson, Ethan Gruska, Aaron Dessner, Bryce Dessner und Tobias Jesso Jr. haben einige der aktuell namhaftesten Produzenten am Album mitgewirkt und der closer „Let Us Die“ ist einer der letzten Song, auf dem Taylor Hawkins von den Foo Fighters vor seinem viel zu frühen Tod getrommelt hat. Kurzum: Es gibt viel zu entdecken und zum Nachdenken und das mag ich ja immer, wenn man Musik hören, aber ihr auch zuhören kann. Bei passendem Verkehrsaufkommen „reicht“ das Album genau von meinem Elternhaus bis zu unserer Haustür und in jedem normalen Jahr hätten King Princess und „Hold On Baby“ den Spitzenplatz meiner Rangliste belegt, aber 2022 war auch in dieser Hinsicht kein normales Jahr.
1. Pale
Ich hab die Geschichte jetzt schon ein paar Mal erzählt: Pale hatten sich eigentlich 2009 aufgelöst. Dann wurde 2019 bei ihrem ehemaligen Gitarristen Christian ein Gehirntumor diagnostiziert, was die Mitglieder auf die Idee brachte, wieder gemeinsam Musik zu machen. Schlagzeuger Stephan hatte mit einer eigenen schweren Erkrankung zu kämpfen, dann kam die Pandemie und im Frühjahr 2021 ist Christian leider gestorben. Man muss diese Geschichte kennen, um zu verstehen, was „The Night, The Dawn And What Remains“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spotify), das finale Album, das aus all dem doch noch entstanden ist, eigentlich ist: eine einzige Feier des Lebens, der Freundschaft und der Musik. Vom instrumentalen Opener „Wherever You Will Go“, der an U2 und Stars erinnert und die Tür schon mal entsprechend weit aufmacht, über die Singles „New York“ (s.a. Songs des Jahres), „Man Of 20 Lives“ (für Stephan) und „Bigger Than Life“ (für Christian) bis zum Schlussakkord von „Someday You Will Know“ zelebriert dieses Album das Trotzdem, das Überleben, das Zurückbleiben und auch die Trauer. Es ist wie ein Bengalo auf einer Beerdigung. Und dann taucht mittendrin plötzlich Simon den Hartog auf. Der ehemalige Sänger der Kilians hat zwar fast eine ganze Dekade nicht gesungen, aber auf „Still You Feel“ kuschelt sich seine altbekannte, jung gebliebene Reibeisenstimme plötzlich an die von Pale-Sänger Holger Kochs und gemeinsam singen sie über große Gefühle, Musik und Heimatstädte. Ich wusste selbst nicht, wie dringend ich genau das gebraucht hatte, aber: Junge, war ich glücklich, als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe! Klar, dass die Songs zu meinem täglichen Begleiter wurden, als ich nach dem Tod meiner Omi mit meiner eigenen Trauer, meinen Erinnerungen und vor allem aber auch meiner alles überlagernden Liebe für alles und alle klarkommen musste. Klar, dass so ein Album natürlich wieder beim GHvC erscheinen musste. Klar, dass so ein Album seinen ganz eigenen Platz auf meinem privaten Popkultur-Altar bekommen muss – und wie krass ist es da bitte, dass das Albumcover einen Popkultur-Altar zeigt, auf dem (neben einer Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“) ein Mixtape namens „Hometown Mix“ steht, dessen B‑Seite (nur auf der Vinyl-Version zu entziffern) mit „Dinslaken 2002“ beschriftet ist?! Eben. It is the last stop that tells you a lot about where you came from and what you have got.

Ich brauche traditionell immer ein bisschen länger, um meine Songs des Jahres zusammenzustellen, aber ich finde das besser, als das Jahr schon im November einpacken zu wollen; hier ist mein Blog mit meinen Regeln und außerdem ist ja noch Januar. Also: Hier sind – Stand jetzt – meine Lieblingslieder des Jahres 2022!
25. Death Cab For Cutie – Here To Forever
Ben Gibbards Lyrics sind ja mitunter so spezifisch, dass sie schon zum Meme taugen. Das muss natürlich nicht schlecht sein, im Gegenteil:
In every movie I watch from the ’50s
There’s only one thought that swirls
Around my head now
And that’s that everyone there on the screen
Yeah, everyone there on the screen
Well, they’re all dead now
Damit hat er einmal mehr einen Gedanken ausformuliert, den ich so oder so ähnlich selbst schon oft hatte. Und wenn Du dann am Tag nach dem Tod Deiner Großmutter im Wohnzimmer des Großelternhauses stehst, auf einem Regal die Fotos all der Großtanten und ‑onkel, dann knallen diese Zeilen noch mal ganz neu in die offene Wunde: Die sind jetzt alle tot. Das neue Death-Cab-Album „Asphalt Meadows“ hat mich irgendwie nicht so richtig abgeholt, aber dieser Song wird immer Teil meiner Geschichte sein.
24. Nina Chuba – Wildberry Lillet
Ich bin jetzt in einem Alter, wo es zunehmend schwer wird, mit den jungen Leuten Schritt zu halten – vor allem, wenn man keinen Bock hat, sich chinesische Spionage-Software aufs Handy zu laden. Ich habe dieses Lied also erst relativ spät in einem prähistorischen Medium namens Musikfernsehen entdeckt, aber mir war sofort klar, warum das ein Hit ist: Diese Hook, die gekonnt auf der Grenze zwischen „eingängig“ und „nervig“ hüpft; diese Lyrics, die im klassischsten Sinne das durchspielen, was wir musical theater kids den „I Want“-Song nennen, und dabei sowohl im Dicke-Hose-Rap („Ich will Immos, ich will Dollars, ich will fliegen wie bei Marvel“) abschöpfen, als auch fast rührend kindlich („Will, dass alle meine Freunde bei mir wohnen in der Straße“) daherkommen; diese fröhlich-rumpelige Pippi-Langstrumpf-Haltung, mit der wieder mal eine neue Generation ihren Teil vom Kuchen einfordert – oder hier gleich die ganze Bäckerei („Ich hab‘ Hunger, also nehm‘ ich mir alles vom Buffet“). Und mittendrin eine Zeile, die man als immer jugendlichen Trotz lesen kann – oder als wahnsinnig traurigen Fatalismus: „Ich will nicht alt werden“. Wenn man den Song feuilletonistisch naserümpfend neben den „Fridays For Future“-Aktivismus legt, wird man feststellen, dass die Jugend (Nina Chuba ist da mit 24 gerade noch im richtigen Alter für den Song) ganz schön widersprüchlich sein kann: „We’re the young generation, and we’ve got something to say“ hatten die Monkees ja schon 1967 gesungen – und darüber hinaus nichts zu sagen gehabt, während zeitgleich mal wieder eine Zeitenwende ausbrach.
23. Harry Styles – As It Was
Damit hätte jetzt auch niemand rechnen können, dass ausgerechnet „Take On Me“ von a‑ha mal zu einem der prägendsten Einflüsse auf eine neue Generation Popmusik werden würde: Schon „Blinding Lights“ von The Weeknd war von der legendären Keyboard-Hook … sagen wir mal: „inspiriert“ und auch „As It Was“ kann eine gewisse Verwandtschaft nicht bestreiten. Aber erstens bitte nichts gegen a‑ha und zweitens passiert hier in 2:47 Minuten (während die Kinofilme immer länger werden, werden die Popsongs immer kürzer – die Menschen haben ja auch nicht unendlich viel Zeit) so viel, dass man kaum hinterher kommt. Und über Harry Styles muss man ja eh nichts mehr sagen.1
22. The National feat. Bon Iver – Weird Goodbyes
„What your favorite sad dad band says about you“ titelte McSweeney’s im Januar 2022, dabei war der Witz da schon mindestens viereinhalb Jahre alt. The National und Bon Iver sind natürlich auf beiden Listen und wenn sie nicht gerade mit Taylor Swift Musik machen, machen sie die halt gemeinsam (dass Aaron Dessner von The National und Justin Vernon von Bon Iver auch noch gemeinsam bei Big Red Machine spielen, verwirrt an dieser Stelle zwar nur, ich muss es aber erwähnen, weil sonst meine Mitgliedschaft in der „Musikjournalisten-Nerds“-Unterabteilung des Bochumer „Sad Dad“-Clubs in Gefahr wäre). So wie bei diesem Song, der nicht Teil des neuen The-National-Albums sein wird, das inzwischen angekündigt wurde und „First Two Pages of Frankenstein“ (man ahnt eine etwas umständliche Referenz, die da irgendwo als Witz im Hintergrund lauert) heißt. Es ist trotzdem ein schöner Song! Und die Band verkauft inzwischen „Sad Dad“-Merchandise.
21. Rae Morris – No Woman Is An Island
Rae Morris ist der erste und bisher einzige Act, der schon zwei Mal meine Liste der „Songs des Jahres“ angeführt hat: 2012 und 2018. Rechnerisch wäre sie also erst 2024 wieder dran, was ja auch gut sein kann. „No Woman Is An Island“ ist natürlich auch nicht schlecht, ich hab nur eben 20 Songs (von ca. 4.000 gehörten) gefunden, die ich 2022 besser fand als diese leicht theatralische (im Sinne von Bühnenaufführung, nicht im Sinne von übertrieben) Feminismus-Ballade.