Welches historische Ereignis wird hier auf spielerische Weise aufbereitet aufgegriffen?
Der russische Bär
Es gibt erschütternde Augenblicke. Wie, wenn man abends unvermutet plötzlich den Dicken aus der Pfalz mit aufgeweichtem Gesicht im TV sieht, obwohl man den doch eigentlich längst im Altersheim mit den anderen Polit-Zombies endgelagert erwartet hätte. Und das nicht, weil es plötzlich keine leckeren Saumägen mehr gäbe. Oder weil ihm plötzlich von all dem Aussitzen damals das umfängliche Gesäß mal so richtig schmerzte. Sondern weil der nette, tapsige, ausschließlich Wässerchen trinkende Ex-Präsident der Vorzeigedemokratie Russland, Boris Jelzin, verstorben ist. Schockschwerenot!
Dessen Nachfolger als Präsident der Vorzeigedemokratie Russland, Wladimir Wladimirowitsch Putin, weint bestimmt auch schon Krokodilstränen. Und wir fragen uns, wie lange es noch dauert, bis nach Michail Gorbatschow und Boris Jelzin nun auch Putin in die Flasche gefüllt wird. Oder hat der nette Ex-KGB-Chef etwa mit einem Sonderurlaub im Kaukasus gedroht, falls jemand so vorwitzig sein sollte?
Nastrovje, jedenfalls!
Bild mal meine Meinung ab!
Wir alle fragen uns sicher regelmäßig, wo Umfrageergebnisse wie „Männer finden Ursula von der Leyens neue Frisur gut“, „Deutsche fahren im Urlaub nur ungern in die Ukraine“ oder „Wenn morgen Bundestagswahl wäre, würde Knut zur sexiesten Schauspielerin gewählt“ herkommen. Bisher war mein Grundgedanke, dass da einige irre PR-Menschen in bombensicheren Kellern sitzen und solche Zahlen auswürfeln. Dann klingelte mein Telefon.
Eine Frau mittleren Alters aus der brandenburgischen Provinz war dran und sagte, sie rufe für das Meinungsforschungsinstitut Emnid an, ob sie bitte ein Haushaltsmitglied über 60 Jahren sprechen könne. Meine Erleichterung, dem Schicksal noch einmal entflohen zu sein, hielt nicht lange: auch wenn es bei uns kein solches gebe, würde sie mir gerne einige Fragen stellen, sagte die Frau. Ich willigte ein, fragte aber vorher selbst nach, wie man bitteschön an meine Nummer, die ich noch nicht mal kenne, und die wirklich nirgendwo verzeichnet sei, komme. Das mache ein Zufallsgenerator, entgegnete die Frau und legte los. Nach 23:15 Minuten war ich fertig, hatte zwei wundtelefonierte Ohren und meinen Beitrag zu einem Haufen toller Tortendiagramme in einem Haufen hochwertiger Medien geliefert.
Bei folgenden Statistiken werde ich in den nächsten Monaten „Mama, ich bin im Fernsehen!“ schreien dürfen:
- betr. der Zufriedenheit mit der Bundespolitik („Geht so“)
- betr. der Zufriedenheit mit der NRW-Landespolitik („Haben Sie die Option ‚Beschissen‘?“)
- die sog. Sonntagsfrage
- betr. des Rauchverbots bzw. dessen Interpretation durch die NRW-Landesregierung
- betr. der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Mordfall Buback und der möglichen Begnadigung von Christian Klar
- betr. meiner Präferenzen für Kartoffelpuffer oder Reibekuchen (in deed: auf die Frage nach meiner Meinung über politisch motivierten Terrorismus folgte eine zu Kartoffelpuffern und Reibekuchen …)
- betr. meines Geldinstituts
- betr. meiner Erfahrungen mit Versandhändlern („telefonisch, Katalog, Internet“)
- betr. meiner Erfahrungen zu Dienstleistungen per Internet (inkl. Musikdownloads)
- betr. meiner Meinung und Erfahrung zu und mit Biolebensmitteln
- betr. meinem Geschmack in Sachen Feinkostsalate („darunter verstehen wir Salate, die mit Mayonaise zubereitet werden“)
- betr. diverser statistischer Daten meines Haushalts
Interessant. Ich befürworte übrigens, dass Christian Klar mit der Landesregierung in NRW Kartoffelpuffer essen soll – aber nur, wenn sie aus biologischem Anbau kommen und mit Apfelmus serviert werden.
Heute ist der Welttag des Buches. Aus diesem Anlass hier eine Liste mit den schönsten, wichtigsten, belesensten Literatur-Songs. Wie immer so unvollständig wie mein Gedächtnis:
- Muff Potter – Bis zum Mond
- Nirvana – Scentless Apprentice (über „Das Parfüm“ von Patrick Süßkind)
- Maxïmo Park – Russian Literature
- Kashmir – Small Poem Of Old Friend
- Manic Street Preachers – The Girl Who Wanted To Be God (nach einem Zitat von Sylvia Plath)
- Ryan Adams – Sylvia Plath
- Jupiter Jones – Reiß die Trauer aus den Büchern
- The Beatles – Paperback Writer
- Elton John – Goodbye Yellow Brick Road (bezieht sich auf „The Wizard Of Oz“)
- Love – My Little Red Book
- Simon & Garfunkel – Bookends
- Modest Mouse – Bukowski
- The Weakerthans – Our Retired Explorer (Dines With Michel Foucault In Paris, 1961)
- The Ataris – If You Really Wanna Hear About It … (erste Zeile aus „The Catcher In The Rye“)
- Piebald – Holden Caulfield (benannt nach der Hauptfigur ebenda)
- Babyshambles – À Rebours (benannt nach einem Roman von Joris-Karl Huysmans)
- Tocotronic – Gegen den Strich (benannt nach dem deutschen Titel des Huysmans-Romans)
- Black Rebel Motorcycle Club – Howl (benannt nach dem berühmten Beatgedicht von Allen Ginsberg)
- Smashing Pumpkins – Soma (benannt nach der Droge in „Brave New World von Aldous Huxley)
Und hier der große Alice-im-Wunderland-Zugabenblock:
- The Sisters Of Mercy – Alice
- Elton John – Mona Lisa And Mad Hatters
- Aimee Mann – Humpty Dumpty
- Jefferson Airplane – White Rabbit
- Symphony X – Through The Looking Glass
- Travis – The Humpty Dumpty Love Song
- Bright Eyes – Down In A Rabbit Hole
Eine Leiche zum Dessert
Vergangener Donnerstag, Gebäude 9. Die erste Deutschland-Tournee führte Murder By Death aus Bloomington, Indiana nach Köln. Und diese Mischung aus düsterem Punk, zickigem Rockabilly und dramatischer Americana begeisterte das Publikum – trotz bisweilen schepperigem Sounds – vom ersten Moment. Die Spielfreude der Band, besonders der grollende Tenor von Sänger Adam Turla und das warme Jaulen von Sarah Balliets Cello, schubste sich von Höhepunkt zu Höhepunkt.
Und es gab akustische Vergleichsversuche im faszinierten Publikum: Die einen wollten die White Stripes oder den Gun Club herausgehört haben, die anderen dachten an 16 Horsepower oder Two Gallants, und noch jemand verglich Turla mit einem Bastard von Johnny Cash und Glenn Danzig. Stimmt alles, und ist doch komplett am Ziel vorbei. Nicht jedoch so weit daneben, wie der immer noch nicht ausgerottete Zusammenhang mit dem Genred called Emo, der damals einzig auf einer Labelzugehörigkeit beruhte. Albumtitel wie „Like the exorcist, but more breakdancing“ und „Who will survive, and what will be left of them“ sind tolle Vorboten für noch tollere Musik, und das lose an Dante Alighieris Göttlicher Komödie ausgerichtete „In bocca al lupo“ setzt dem Ganzen die Krone auf. Das ist das ganz große Rock’n’Roll-Drama, und quält sich doch wie der Kojote aus dem Schwarzweiß-Western Deiner Wahl. Und wer immer noch zweifelt, höre einfach „Brother“ auf der Myspace-Seite nach (oder schaue das entsprechende Video) – und verneige sich innerlich.
Gerade einmal 10 Euro Eintritt für eins der fasznierendsten Konzerte der letzten Monate. Da mag das Lineup z.B. der diesjährigen Pearl-Jam-Openairs, die mit eben Pearl Jam, Interpol und den Futureheads wuchern dürfen, „fetter“ wirken. Aber das Preisleistungsverhältnis saugt tote Hamster durch Strohhälme. Vor einigen Jahren kam auf der Mailingliste LostHighwayGermany anläßlich einer Neil-Young-Solotour mit Ticketpreisen über 100 Euronen die Theorie auf, bei diesen Preisen wäre eine Idiotensteuer mitinbegriffen, die fällig würde, sobald jemand bereit wäre, diesen Preis zu zahlen. Herr Steinbrück, bitte mitschreiben!
PS: Die Überschrift bezieht sich natürlich auf die großartige Neil-Simon-Verfilmung „Murder by death“ u.a. mit Peter Falk, David Niven, Alec Guinness, Peter Sellers, Maggie Smith, James Cromwell und Truman Capote. Gucken. Jetzt.
Zeichen und Wunder und so. Da lese ich unbedarft im deutschen Rolling Stone, und plötzlich entdecke ich eine Aussage des notorischen Dylan- und Stones-Apologeten Wolfgang Doebeling, der sich gefälligst ein jeder vollinhaltlich anzuschließen hat. Gab’s das schon mal? Vermutlich: nicht.
Aber worum ging es eigentlich? Das anbetungswürdige „Fairytale of New York“ von The Pogues mit der viel zu früh verstorbenen Kirsty MacColl, wird da auf Seite 113 der April-Ausgabe im „Vinyl“-Kasten behauptet, sei der „großartigste aller Xmas-Tracks“. Nicht nur in Zeiten, in denen die Temperaturen in Deutschland zu Ostern so sind wie sonst auf Malle in der Hochsaison, ist das mal die definitive Wahrheit. Und nicht mal die grundgute Coverversion der grundguten Stars, die man als B‑Seite von „Your ex-lover is dead“ im City-Slang-Store käuflich erwerben kann, wird daran etwas ändern. Und Doebelings Fauxpas, der Song hieße „Fairytale in New York“, schon mal gar nicht. Das alles muß etwas zu bedeuten haben. Vermutlich: nichts.
„Fairytale of New York“ – Video bei Youtube
Herrlich derangierte Livefassung vom St. Patrick’s Day 1988, ebenfalls bei YouTube
Sparen wir uns den Klimaschutz
Wer sich für großartige Sätze von großartigen Musikern begeistern kann, dem sei der aktuelle Musikexpress (Mai 2007) wärmstens ans Herz gelegt. Auf leider nur einer Seite befragt Jan Wigger Peter Hein von den Fehlfarben – und der sagt so viele tolle Sachen, dass man gar nicht mehr weiß, welchen Spruch man sich demnächst auf ein T‑Shirt (wohl vorsichtshalber in XXXXXL) drucken lassen soll.
Zum Thema Fußball-WM und dem sog. „positiven Patriotismus“ (Fahnenschwenken):
Ich habe natürlich gegen die deutsche Mannschaft gehalten, das mache ich immer. Zum Fahnenschwenken: Natürlich geht das. Die Hälfte der Leute mit den Fahnen konnte ja kaum Deutsch, die leben halt hier und konnten ihrem von zu Hause gewohnten Fahnenschwenken mal freien Lauf lassen. Ich fand es auch in Ordnung, wie man sich mit diesen Winkelementen an den Autos lächerlich gemacht hat.
Über Franz Josef Wagners Kolumne in der „Bild“-Zeitung:
„Post von Wagner“ fand ich früher nur blöd. Aber seitdem mir mal jemand plausibel gemacht hat, dass der wirklich „amtlich durchgeknallt“ ist, bleibe ich daran hängen. […] Also ab und zu schreibt der auch was Wahres, und ich lese das mit Belustigung.“
Auf die Frage, ob Pete Doherty Punk sei:
Also Pete Doherty ganz bestimmt nicht, der ist eher Sid Vicious. Und das ist nicht Punk, sondern (überlegt) … Depp.
Als ihm der Promoter eine Brötchentüte reicht:
Mensch, da ist ja gar nichts von dem drin, was ich bestellt habe. Kein Ei, kein Sandwich, nur so’n Körner-Kack. Wenigstens ist das Tier tot, was auf dem Brötchen ist.
Über MP3s:
Das ist im Prinzip nur Scheiße, da gehst du einmal mit nem Magnet vorbei, und dann haben sie ihre Musik mal gehabt. Ich stelle mir immer vor, wie die jetzt 30-Jährigen in zwanzig Jahren auf dem Flohmarkt stehen und da ihre Chips verhökern (verstellt die Stimme): „Ey, hallo, 30 Gigabyte, ey voll krass, mussu hören!“
Der Rest des Heftes ist auch zu empfehlen, die neue Fehlfarben-Platte offenbar auch.
Bloody April
Gestern wurden auf dem Campus der Universität von Blacksburg, Va. mehr als 30 Menschen von einem Amokläufer erschossen. Das ist unglaublich schrecklich, eine sehr, sehr traurige Geschichte. Viele Menschen rund um die ganze Welt sind entsetzt und sprachlos – und es wäre wirklich wünschenswert, wenn auch die Journalisten angedenk eines solchen Ereignisses einfach mal sprachlos wären und die Schnauze hielten. Die New York Times dokumentiert sehr eindrucksvoll, wie die Fernsehreporter auf dem Campus einfielen, und wie Augenzeugen per Handykamera und Internet die Nachrichtenstation mit Bildern aus der Schusslinie versorgten. Der Artikel schließt mit einem Zitat, das zynisch zu nennen ich mich nicht scheue:
“Stay out of harm’s way,” the CNN anchor Don Lemon said, addressing students at Virginia Tech. “But send us your pictures and video.”
Aber auch die deutschen Medien schalteten sofort auf Turbo und schritten beherzt und enthirnt zur Tat. Dabei war die „Bild“-Schlagzeile, die etwas vom „größten Blutbad aller Zeiten“ faselte, sogar noch das kleinste Übel. Je nachdem, wie man den Begriff „Blutbad“ definiert und wie man den Superlativ räumlich einschränken will, stimmt die Behauptung sogar: in den USA hat es nie einen Amoklauf mit mehr Todesopfern gegeben.
In fast jeder Zeitungs- oder Fernsehredaktion musste sich ein Mitarbeiter daran machen, eine Chronik der schlimmsten Amokläufer zu erstellen. Auch das kann man kritisch sehen, aber es kann ja auch ganz hilfreich sein, sich noch mal ein paar Fakten ins Gedächtnis zu rufen.
Da schon während des Amoklaufs reichlich von Studenten der Virginia Tech über die Ereignisse gebloggt wurde, kann man sich nun an die Web-Auslese machen. Das ist sogar aus medientheoretischer Sicht hochinteressant, da es bisher kaum vergleichbare Ereignisse gibt, die derart medial abgedeckt sind.
Was Spiegel Online sich dann aber noch leistet, ist entweder als Beschäftigungstherapie für Praktikanten oder als endgültige Gleichsetzung von SpOn mit „Bild“ anzusehen:
Die Amokläufe von Littleton, Erfurt und Blacksburg haben nicht nur das Leid und den Schrecken gemeinsam, den wenige über viele gebracht haben. Sie teilen auch den Monat, in dem die Schreckenstaten verübt wurden.
Und in deed: das einzige, was dem Artikel noch fehlt, sind die Quersummen der Tage, an denen die Amokläufe stattfanden (34, 16, 20). Über den gestrigen Täter schreibt jdl:
Waren Klebold und Harris auch seine Vorbilder? Kannte er die Wahnsinnstat des Robert Steinhäuser? War das Datum bewusst gewählt? Schon die Fragen sind beängstigend. Wie werden erst die Antworten sein?
Beängstigend, fürwahr. Denn die „Bild“-gleiche Überschrift
Monat der Massaker: Blutiger April
bezieht sich ja gar nicht auf eine mögliche Nachahmungstat (die man im Moment ebenso wenig ausschließen wie bestätigen kann), sondern auf einen verdammten Monat. Ein Blick in die SpOn-eigene Chronik hätte gezeigt, dass von den 18 dort aufgeführten Amokläufen 15 in Nicht-April-Monaten stattfanden – dafür vier im März (!!!!1). Vielleicht liegt es ja an den Sternen …
Nachtrag, 19:17 Uhr: Stefan Niggemeier schreibt dazu:
Im weltweiten Rennen um den dümmsten Bericht zum Amoklauf in Blacksburg liegt Spiegel Online mit diesem Artikel fast uneinholbar in Führung
Warten wir’s ab …
Listenpanik (2): Hier kommt Rock’n’Roll
Die letzte Bestandsaufnahme ist schon wieder fast zwei Monate her und so richtig sinnvoll will mir dieses unstrukturierte Vorgehen nicht erscheinen. Deswegen gibt es hier ab demnächst immer am Monatsende eine Liste der wichtigsten Platten und Singles. Jetzt aber erst mal die für Ende Februar bis Mitte April – natürlich wie immer streng subjektiv und garantiert unter versehentlichem Vergessen von hundert anderen Sachen, die auch toll sind.
Alben
1. Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chronicles Of A Bohemian Teenager
Passender kann ein Albumtitel kaum sein: Ganz großes Gefühlskino mitten aus dem Leben, das von verspieltem Geplucker vor dem Sturz in den Emo-Strudel bewahrt wird. Sam Duckworth ist gerade mal 20 und damit ein mehr als würdiger Erbe für Connor Oberst, dessen Bright Eyes das Tal der Tränen langsam zu verlassen wollen scheinen.
2. Mika – Life In Cartoon Motion
Passender kann ein Albumtitel kaum sein: Höchst vergnüglicher Bubblegum-Pop, der immer kurz davor steht, ins Alberne abzuschweifen, sich aber immer wieder rettet. Dass der 23jährige Sänger (als Kind mit seiner Mutter aus dem Libanon geflohen, der Vater sieben Monate im Irak verschwunden, hat früher Telefonwarteschleifen besungen) bisher schon ein für heutige Verhältnisse erschreckend bewegtes Leben geführt hat, macht ihn auch als Interviewpartner interessant.
3. Flowerpornoes – Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?
Passender … Nee, anders: Es mag Zufall sein, dass Tom Liwa seine Band in dem Jahr reaktivierte, in dem mit Blumfeld eine andere große deutschsprachige Indieband der ersten Stunde die Bühne verlässt. Strapazierte Liwa auf seinen letzten Soloplatten die Nerven seiner bodenständigeren Fans mitunter erheblich mit esoterischen Themen, steht er plötzlich wieder mitten im Leben. Die E‑Gitarren bollern und er singt Geschichten von Zahnarzttöchtern, Apfelkernen und Rock’n’Roll. Und der ist bekanntlich größer als wir alle.
4. Maxïmo Park – Our Earthly Pleasures
Die neben Bloc Party vermutlich spannendste Band der British Class of 2005 legt ebenfalls nach. Wie es sich für einen guten Zweitling gehört, wirkt die Band gefestigter und scheint ihren Weg gefunden zu haben. Musikalisch großer Indiepop mit vollem Instrumentarium, textlich oft genug ganz tief drin in den menschlichen Abgründen.
5. Just Jack – Overtones
Hip Hop? Funk? Pop? Na ja, in irgendeine Schublade wird man das Album schon stopfen können. Besser aufgehoben ist es aber im Discman, während man auf der Wiese in der Sonne liegt. So laid back und sommerlich kann Musik klingen, ohne gleich süßlich duften zu müssen.
Singles
1. Manic Street Preachers – Your Love Alone Is Not Enough
Okay, okay: noch ist die Single nicht erschienen. Aber wenn die Manic Street Preachers durch die Soloausflüge von James Dean Bradfield und Nicky Wire zu alter Stärke zurückfinden und dann noch ein Duett mit Nina Persson von den Cardigans, der Frau in die jeder ordentliche Indiehörer und ‑musiker mindestens einmal verliebt war, veröffentlichen, ist das Releasedate ja wohl egal. Wenn Bradfield und Persson durch diese nach Petticoat und Tanztee klingende Nummer schunkeln und nebenbei noch ein paar Selbstzitate verbraten („You stole the sun“ – „Straight from my heart, from my heart, from my heart“), ist das eben ganz und gar großartig.
2. Travis – Closer
Auch noch nicht erschienen, aber ebenfalls bereits zu hören ist die Comeback-Single von Travis. „Closer“ ist ein echter grower, der beim ersten Hören langweilig erscheint, und den man nach fünf Durchgängen schon ewig zu kennen glaubt. „Gänsehaut-Zeitlupen-Stadion-Pophymne“ nennt das die Presseinfo und hat damit sogar irgendwie recht. Die Band tänzelt durchs Video und man würde es ihr gerne gleichtun. Das macht – zusammen mit den anderen Hörproben, die es bereits gab – ganz große Lust auf das neue Album.
3. Just Jack – Starz In Their Eyes
Night fever, night fever! In der sog. gerechten Welt wäre das der Tanzbodenfüller der Saison. So ist es eben nur der Funksong, mit dem man sich bis zum Erscheinen des nächsten Phoenix-Albums die Beine vertreten kann. Oder was man sonst mit Beinen so macht, wenn Musik läuft.
4. Kilians – Fight The Start
Ja ja, die klingen total wie die Strokes. Nur, dass ich mich nicht erinnern könnte, dass die Strokes je A Tribe Called Quest zitiert hätten. Außerdem können Menschen, die sich für besonders schöne Bassläufe interessieren, hier noch richtig was lernen. Und alle anderen auch. Gerechte Welt: Riesenhit. Kann man sogar nachhelfen.
5. The View – Wasted Little DJ’s
Bevor alle Welt New Rave feiert – was auch immer das genau sein soll – gibt es hier noch mal Indierock. Der Song dengelt zwischen Libertines und Beach Boys dahin und sollte dieses Jahr auf keinem Mixtape fehlen.
Man kann nicht immer alles gut finden und abfeiern. Selbst wenn an einem Tag zwei Platten erscheinen, auf die ich mich freue wie als Kind auf Weihnachten, so kommen am gleichen Tag doch mindestens genausoviele Platten, die auf deutlich andere Käufer hoffen müssen. Auch im Radio kommen auf einen guten Song mindestens drei okay und eine richtige Nervensäge (das ist jetzt nur geschätzt, ich bin aber fast bereit, Feldversuche durchzuführen) – und das fernab von Tokio Hotel, Xavier Naidoo und Silbermond.
Deswegen jetzt und hier: Die „Darum tret‘ ich Dein Radio ein“-Charts – total subjektiv und krass polemisch.
05. Snow Patrol – Shut Your Eyes
Snow Patrol sind eine recht ordentliche Band. Man kann jedes Mal betonen, dass „Final Straw“, das Album vor dem Durchbruch, deutlich besser war als das Durchbruchsalbum „Eyes Open“ selbst. „Chasing Cars“ war eine Mörderhymne, aber „Shut Your Eyes“ hat zu wenig Melodie, zu wenig Spannung, zu wenig Song. Einfach nur öde.
04. Incubus – Love Hurts
Ich hab Incubus immer schon für eine schwache Red-Hot-Chili-Peppers-Tribute-Band gehalten und diese Single bestätigt mich in meinem Glauben. Green Days „Boulevard Of Broken Dreams“ auf Valium.
03. Razorlight – Before I Fall To Pieces
Razorlight sind ein weiches Ziel, noch extremer als Keane: kein Musikjournalist würde je öffentlich zugeben, die Band um den Fünf-Minuten-Libertines-Bassisten Johnny Borrell auch nur ansatzweise gut zu finden – trotzdem war „America“ ein netter Popsong. „Before I Fall To Pieces“ ist jetzt aber eine sterbenslangweilige Rock’n’Roll-Parodie, die selbst gegen Neunzigjährige nicht ankommt.
02. Dendemann – Endlich Nichtschwimmer
Bis hierher waren die Songs nur öde, jetzt werden sie nervig – und das richtig schnell und ganz doll. Der „Bluessänger auf Abwegen“ Dendemann rappt sich durch Uraltbeats und Dicke-Hose-Strophen und krönt den Track mit einem der nervigsten Refrains ever.
01. Boundzound – Louder
Wenn das eigentlich sehr gute Musikerkollektiv Seeed mal gerade Betriebsferien hat, machen die diversen Mitglieder was anderes. Ob es unbedingt Musik sein muss, ist zumindest im Fall von Sänger Demba Nabé eine berechtigte Frage, denn die erste Single seines Projekts Boundzound ist nervtötender als vier Stunden Nachbars Alarmanlage hören – aber ähnlich repetitiv und melodiös. Selten reagiere ich körperlich auf unliebsame Musik, hier stehe ich kurz vor Schüttelkrämpfen. Das Lied ist so doof, dass ich mir sogar den unglaublichen Wortwitz von wegen Leiserdrehen spare.
Seite heute 17 Uhr gibt es auf RTL eine neue Serie: Ahornallee.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Witwer zieht wegen Arbeitslosigkeit von der Ostwestfalenmetropole Herford nach Düsseldorf (genauer: in die Ahornallee), um dort einen neuen Job als Hausmeister anzutreten. Dort soll er sich um eine Schickimicki- Villa kümmern. Erwartungsgemäß findet er dort als bodenständiger Mensch keinen Anschluss. Oder, um mal die Wikipedia zu zitieren:
Die Serie zeigt vor allem gesellschaftliche Differenzen auf, der Kleinkrieg der armen Familie mit den anderen, höherstehenden Bewohnern der Ahornallee.
Es wohnen im Haus:
- Der neue Hausmeister Willi Schlosser nebst Tochter Petra und Sohn Jan, die Mutter ist ein Jahr zuvor gestorben
- „Gönner“ Karsten Winterberg, der den Hausmeister eingestellt hat, seine Frau Erika, seine Schickimicki- Tochter Julia und der verkommene Sohn Stefan, der das Internat geschmissen hat
- Ilona und Stefan Keller, er Schönheitschirurg, haben ne Tochter namens Jasmin, die sich in den Hausmeistersohn verguckt
- Das Porno- Pärchen Isabelle Ferenczy und Udo Meister, beide relativ schleimig und unsympathisch
- Lehrerin Silvia Eichhoff mit Sohn Lukas mit HIM-Shirt, Buttons und Jeansjacke
Kleine Fakten am Rande:
- Der Umzugs-LKW der Hausmeisterfamilie ist liebevoll mit Müll drapiert
- Ehepaar Keller besteht aus Claudia Neidig und Hans Holzbecher, die bereits vor einiger Zeit bei Unter Uns einen Auftritt fanden.
- Wilde Schnittführung, fiese Kameraführung
- Klassischer Konflikt: Arm vs. Reich
- Flippige Soundtrack- Musik (von Billy Talent bis Gwen Stefani)
- Schlecht gemachte Fake- Wunden
- Gedreht wird in einer echten Villa in München
Hinter den Kulissen der „Ahornallee“ arbeiten bei Tresor TV rund 70 Personen an der Herstellung der Serie. Im Haus wird mit drei Kameras gedreht, im Außendreh kommt eine vierte Kamera zum Einsatz. Innovativ ist der so genannte „tapeless workflow“. Erstmals werden im Rahmen einer RTL-Serienproduktion alle Szenen auf Festplatte aufgezeichnet und weiterverarbeitet. Bänder werden nur noch zur Archivierung und für Backups verwendet. (Quelle)
Fazit: Eine weitere Soap, die eigentlich keiner braucht.


