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Familie Leben

Abschied von Omi

Ich weiß noch, wie ich im Februar 2006 mit einer Kollegin unterwegs war, sie einen offenbar unspektakulären Anruf bekam, aber hinterher sagte: „Jedes Mal, wenn meine Mutter anruft, denke ich, es ist was mit Omma!“ Damit fasste sie etwas in Worte, was ich auch schon unterbewusst gedacht hatte, und was ich seitdem immer wieder dachte, wenn mein Handy anzeigte, dass meine Eltern anriefen.

Ich weiß im Gegensatz dazu nicht so genau, wann das angefangen hat, dass ich an Weihnachten und den Geburtstagen meiner Großeltern dachte: „Ich fahr mal lieber nach Dinslaken; wer weiß, wie oft wir das noch zusammen feiern?“, aber auch das muss jetzt über zehn Jahre her sein.

Drei Anrufe hatte ich schon bekommen (alle auf dem Festnetztelefon): im Juli 2012, als mein entfremdeter Großvater gestorben war, ein Mann, den ich zuletzt Mitte der 1990er Jahre gesehen hatte und den ich in der Stadt nicht erkannt hätte, wenn wir uns begegnet wären; im August 2017, als meine Großmutter mütterlicherseits nach einer Operation im Krankenhaus starb, zu der sie sich mit den Worten verabschiedet hatte, es wäre nicht schlimm, wenn das jetzt schief ginge, wir bräuchten nicht traurig zu sein, es sei dann auch gut gewesen; Ende Dezember 2017, 96 Stunden nachdem wir mit unserem Großvater väterlicherseits noch einmal Weihnachten gefeiert und geahnt hatten, dass es das letzte Mal sein würde, aber noch an ein letztes gemeinsames Osterfest geglaubt hatten.

Aber eine Großmutter war ja immer noch da, so wie sie immer dagewesen war: Omi, von der wir zwölf Enkelkinder wirklich fast immer nur als Omi sprachen — so als gäbe es nur eine einzige auf der Welt; die anderen bekamen ihren Namen angehängt, aber „Omi Sigrid“ sagten wir wirklich selten, es war doch eh klar, von wem wir sprachen.

Mit jedem Geburtstag und jedem Weihnachtsfest sank – die trockenen Zahlen betrachtet – die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einem Jahr noch einmal gemeinsam feiern können würden. In den Seuchenjahren 2020 und ’21 schafften wir es immerhin, ihren Geburtstag auf der Terrasse zu feiern; mit Masken und Abstand, aber auch mit Sekt, so wie es sich gehörte. 2020 saßen wir an Weihnachten vor dem Tablet und winkten nach Dinslaken, in der Hoffnung, dass die Pharmaindustrie schnell genug sein würde, damit wir eine geimpfte Omi noch einmal in den Arm nehmen könnten. Vielleicht sogar zu Weihnachten. Und auch wenn es 2021 keine Feier in ihrem engsten Familienkreis (Stand damals: 43 Personen) mehr gab, weil es einfach zu viel gewesen wäre und sie in großen Gruppen nicht mehr gescheit zuhören konnte, so waren wir im Laufe der Feiertage doch fast alle noch mal bei ihr im Wohnzimmer, aßen Lebkuchen, die sie selbstverständlich selbst aus der Küche geholt hatte, denn davon würde sie sich niemals abbringen lassen, und genossen das Geschenk, allen Widrig- und Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, noch einmal Weihnachten mit Omi verbringen zu dürfen.

Im Juni wurde Omi – für uns Enkelkinder: plötzlich; für ihre Kinder, die sie Tag für Tag besuchten und umsorgten: absehbar – schwächer. Auf einmal schien die entscheidende Frage, ob wir es noch mal an ihr Bett nach Dinslaken schaffen würden; ihr eine Sonnenblume hinstellen könnten; noch einmal mit ihr sprechen und uns bedanken können würden. Wir konnten. Es wurden noch einige Sonnenblumen und Gespräche und Ende August saß sie an ihrem 96. Geburtstag wie selbstverständlich auf der Terrasse, ließ Gesänge und Lobpreisungen eher widerwillig über sich ergehen, freute sich über neugeborene Urenkelinnen und fast 80-jährige Nichten, die zu Besuch gekommen waren, und erhob natürlich das obligatorische Glas Sekt.

Luki und Omi

Wenn ich in den letzten Jahren die Todesanzeigen in der Zeitung studierte (was ich aus einer Mischung aus „Memento mori“ und „Ich könnte ja jemanden kenne“ regelmäßig tue), vergingen inzwischen manchmal ganze Monate, ohne dass auch nur eine einzige verstorbene Person älter als Omi gewesen wäre. In die Nachrichten schafften es immerhin Betty White, Queen Elizabeth II und Angela Lansbury, die allesamt älter waren (wenn auch zum Teil nur wenige Monate). Eingedenk der Weltlage erschien es mir irgendwann zumindest theoretisch möglich, dass wir uns nie von Omi verabschieden müssen würden, sondern einfach alles vor ihr endet.

Nun: Der Anruf kam am Abend des 25. Oktober 2022. Nach Tagen, an denen sie nicht mehr gegessen und getrunken hatte, war Omi – man soll diese Formulierung in der Gegenwart von Kindern vermeiden, denn Tote sind tot, sie können nicht wieder aufwachen; aber hier trifft sie dann eben doch mal in einem weniger als 50% metaphorischen Sinne zu – friedlich eingeschlafen.

Ich glaube, es war Thees Uhlmann, der mal gesagt hat, dass man versuchen sollte, Denkmäler für die Menschen zu errichten, denen sonst keine Denkmäler gebaut werden. Also habe ich bei Instagram versucht, in Worte zu fassen, was Omi, ihre Süßigkeiten, ihre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe und ihr Glaube für mich bedeutet haben und immer bedeuten werden. Ich hab bei ihrem Beerdigungskaffeetrinken eine kleine Ansprache gehalten, in der ich versucht habe, ihr Leben (oder wenigstens die 39 Jahre, die ich mit ihr verbringen durfte) zu würdigen. Ich wusste vorher schon: Ich könnte ein Buch schreiben über Omi, unsere Familie und das Ruhrgebiet, dessen Geschichte so eng mit der unserer Familie verwoben ist. Und damit fange ich jetzt an!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter “Post vom Einheinser”, für den man sich hier anmelden kann.

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Leben Musik

Was den Himmel erhellt

Ich erinnere mich, wie ich am ersten Arbeitstag des Jahres 2006 die Post in der Musikredaktion von CT das radio öffnete und darin die Promo für die neue Tomte-CD („Watermarked #89“) lag. Wie ich die CD am Abend zum ersten Mal hörte und wusste, dass ich viel Zeit mit diesem Album verbringen würde.

Ich erinnere mich, wie ich Thees Uhlmann zum Interview im Düsseldorfer Zakk traf. Wie ich ihm unbeholfen das Demo einer befreundeten Band in die Hand drückte, das ich eigentlich für Simon Rass vom Grand Hotel van Cleef mitgebracht hatte, der aber gar nicht vor Ort war, und wie Thees zum ersten Mal die Kilians hörte.

Ich erinner mich, wie ich um vier Uhr morgens in Dinslaken aufstand und zum Düsseldorfer Flughafen fuhr, um nach Nürnberg zu fliegen (mein allererster Flug ohne Eltern!). Wie ich mit dem Zug nach Erlangen weiterfuhr, um die Kilians zu treffen, die jetzt, acht Wochen nach dem Interview, bei Tomte im Vorprogramm spielten. Ich stellte mich als Backliner und Roadie vor, bekam meinen eigenen Backstage-Pass und vergaß direkt am ersten Abend den Teppich, der auf der Bühne unter Micka Schürmanns Schlagzeug liegen sollte, in einer Ecke des E-Werks.

Ich erinnere mich daran, Tomte vier Tage hintereinander live zu sehen, die neuen Songs zu hören, die ich schon in- und auswendig kannte, und zu spüren, wie diese Band auf der Welle der Emotionen surfte, die ihnen entgegengebracht wurde. An die Zeile „Und du sagtest: Da ist zu viel Krebs in deiner Familie“, die mir jeden Abend die Tränen in die Augen trieb, weil mein geliebter Großonkel gerade im Krankenhaus lag und vier Monate später an dieser Arschloch-Krankheit starb. An Soundchecks, Backstageräume und den Deckel einer Rohlingspindel, aus dem Thees Wodka-O trank, bevor ich ihn auf die Stirn küsste.

Ich erinnere mich an zahlreiche Festivals im Sommer, auf denen ich Tomte immer wieder live sah, und wie wir beim Essen Original so nass wurden, dass das Wasser beim Gehen aus unseren Schuhen schwappte.

Ich erinnere mich, wie ich für CT eine eigene Version von „New York“ zusammenschnitt, weil die Albumversion zu lang war, aber auf der Singleversion das tolle Intro fehlte. (Ich glaube, das ist illegal, und die Band und ihr Produzent Swen Meyer könnten mich wahrscheinlich heute noch verklagen.)

Ich erinnere mich, wie ich im September für drei Monate zu meiner amerikanischen Familie nach San Francisco flog und dachte, dass es ja ein merkwürdiger Zufall ist, dass Thees mit „Walter & Gail“ ein Lied über seine amerikanische Familie geschrieben hatte.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Onkel nach New York flog, das damals wirklich noch die „Stadt mit Loch“ war. Dass ich am Chelsea Hotel vorbeiging und wir am Sonntagnachmittag durch den Central Park spazierten und bei Sonnenuntergang das Reservoir erreichten und wie ich dachte, dass manchmal einfach alles einen Sinn ergibt.

Ich erinnere mich, wie ich im Dezember wieder in meinem WG-Zimmer im Bochumer Studentenwohnheim saß, die Platte und „New York“ in all meinen Jahresbestenlisten auf Platz 1 setzte und dachte, dass es wahrscheinlich nie wieder ein Album geben würde, das so eng mit meinem Leben verbunden ist — und dass das auch okay sein würde.

Heute vor 15 Jahren erschien „Buchstaben über der Stadt“ von Tomte. L.Y.B.E.

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Leben Unterwegs

Another Decade Under The Influence: 2018

2018. Die Beerdigung meines Großvaters artet zu einem fröhlichen Besäufnis aus („Hätte ihm gefallen!“). Dienstreise nach Hamburg: Nach all den Jahren zum ersten Mal im alten Elbtunnel und in der Thai Oase. Wir legen uns einen eigenen Gemüsegarten an. Wichtig rumstehen beim Grimme Preis. Ein neues iPhone nach sechs Jahren. So viele Ausflüge mit der Straßenbahn und dem Laufrad. Viel Zeit mit meiner Oma in Dinslaken, viel Zeit im Garten. Kann sein, dass das Ende bevorsteht / Leb’ mein Leben wie Anthony Bourdain. Michalis Pantelouris holt mich zum JWD und ich darf nach über zehn Jahren mal wieder Musikjournalismus machen! ESC in Lissabon: Nach all den Desastern der letzten Jahre singt uns Michael Schulte auf Platz 4! Die erste Lucky & Fred Liveshow — zurück auf den Brettern, die die Welt bedeuten! Fuck it all / We killed it tonight. Endlich Tipp-Kick und Minigolf spielen mit dem Kind. Schweden schafft es bis ins WM-Viertelfinale, der größte Triumph seit 24 Jahren. Der erste richtige Kindergeburtstag. Eine Woche Berlin mit dem Kind, allen fahrenden U-Bahn-Linien und den ganzen guten Leuten, die ich in dieser Stadt so kenne. But if you crash and nobody sees / Just remember there will always be / A room for you in my house in the trees. Ein Ausflug nach Arnhem. Immer wieder kettcar und Backstage-Bier. Ananas ernten in Herne, Halloween im Tierpark. I’m just curious, is it serious? Mit U- und Straßenbahnen zur Martinikirmes nach Dinslaken (Recherche für meine große Ruhrpott-Reportage). People love, people leave, people let down / People show up, roll up, people grow up. Das Kind und ich basteln gemeinsam Weihnachtskarten, die das Kind dann unterschreibt. „Last Christmas“ singen mit Frau Ado und den Goldkanten, „Schöne Bescherung“ gucken im Freundeskreis. Silvester mit dem Kind und Kinderfeuerwerk.

Ein Jahr, das eigentlich viel besser war, als es sich in dem Moment anfühlte. Ein Jahr, in dem ich so viele Dinge wieder gemacht habe, die ich seit Jahren nicht mehr gemacht hatte — und die so viel Bock gemacht haben! (Mein einziger Ratschlag fürs Leben: Macht mehr von den Dingen, die Euch glücklich machen!) Und das Jahr, in dem ich nach dem ESC in Lissabon geblieben bin, um mit dem Kind und seiner Mama noch ein paar Tage Urlaub zu machen. Nicht „wie eine richtige Familie“, sondern als richtige Familie! It’s not the song, it is the singin’.

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Leben Musik

Another Decade Under The Influence: 2017

2017. Schnee! Meine Oma zieht ins Seniorenheim. Ich habe eine neue Brille, ein „New Yorker“-Abo (plus Stoffbeutel) und eine Therapeutin — jetzt noch ein Cordsakko und ich bin ein echter Ostküsten-Intellektueller! Ein neues Tattoo. Ganz viele Ausflüge mit U-Bahnen, Straßenbahnen und Zügen. Ich entwerfe und baue mein erstes ganz eigenes Möbel! The Ataris, Wanda und Soulwax live. Ostern ohne Eltern, aber mit eigenem Kaffeetrinken. Wir fallen runter wie Glitzer auf Beton / Und malen die Stadt so bunt wie wir eben sind. ESC in Kiew: Dr. Peter Urban ist zum 20. Mal dabei, ich inzwischen auch schon zum achten. Eltern-und-Kind-Turnen, ein Euphemismus für „Eltern die letzte Lebensenergie aussaugen“. Mein MacBook, treuer Begleiter seit Duslog-Tagen, raucht ab. Endlich wieder Stadtpark-Nachmittage! I want a life, that’s all I need lately / I am alive but all alone. Meine Oma verabschiedet sich für immer. I got loyalty, got royalty inside my DNA. Flugzeuge gucken in Düsseldorf. Wie die Starken die Schwachen, die Müden die Wachen / Umarmen, umarmen. Einen ganzen Tag Geburtstag feiern! Ein Familientreffen in Freiburg. kettcar sind zurück — aber sowas von! Wir gehen zur Eröffnung von neuen Stadtbahnhaltestellen und Straßenbahnlinien. Ich hab jetzt lange Haare. Plätzchenbacken und Weihnachtsmärkte. Eine Schneeballschlacht vor der eigenen Haustür. Eine Modelleisenbahn unterm Weihnachtsbaum. An Weihnachten wird klar: Das ist das letzte Mal mit unserem Opa; was keiner ahnt: 96 Stunden später ist er tot. Nobody else will be there then / Nobody else will be there. Einmal Silvester mit Raclette und Bleigießen feiern, wie so ganz normale Erwachsene.

Ein ziemlich okayes Jahr, auch wenn gleich zwei meiner Großeltern gestorben sind. Ein Jahr, das aber auch einigermaßen öde gewesen wäre, wenn meine beste Freundin mich nicht ständig vor die Tür und ins Leben geschleift hätte: zu Phil Collins, ins Stadion, auf die Cranger Kirmes, zu 15 Jahre Grand Hotel van Cleef, an meinem Geburtstag ins Phantasialand und ein Wochenende nach Holland an den Strand. Und nicht eher schlafen, bevor wir hier / Heute Nacht das Meer sehen / Spüren, wie kalt es wirklich ist.

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Leben

In memoriam Renate Erichsen

Ich schreibe jetzt seit über 25 Jahren: Schulaufsätze, Liedtexte, Drehbücher, Rezensionen, Artikel, Seminararbeiten, Blogeinträge, Vorträge, Witze, Moderationen, Newsletter, Tweets, … 

Letzte Woche gab es eine Premiere, auf die ich auch noch ein paar Jahre hätte verzichten können: Ich habe meine erste Trauerrede geschrieben und gehalten — auf meine Oma, die heute vor einem Monat im Alter von 84 Jahren gestorben ist.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich darüber etwas schreiben soll, weil es ja nicht nur um mein Privatleben geht, sondern auch um das meiner Oma und meiner Familie, deswegen will ich nicht ins Detail gehen, aber andererseits war meine Oma medial bis zuletzt fit, hat mein Blog (und andere) gelesen, “Lucky & Fred” gehört (weswegen ich ihren Tod auch in der letzten Folge thematisiert habe) und mit uns Enkeln per Telegram kommuniziert (WhatsApp lief nicht auf ihrem iPad). Außerdem gab es ja sonst keine Nachrufe auf sie und mutmaßlich wird man auch keine Straßen nach ihr benennen oder ihr Statuen errichten.

Renate Erichsen, die für uns nur Omi Nate war, wurde 1932 in Berlin geboren, während des Krieges floh ihre Familie nach Fehmarn und ließ sich dann später in Dinslaken (of all places) nieder. Sie war, wohl auch deshalb, politisch und gesellschaftlich sehr interessiert und wollte von ihren Enkelinnen und Enkeln immer wissen, wie wir über bestimmte Dinge denken. 

Die Renationalisierungen, die in der EU – aber nicht nur dort – in den letzten Jahren zu beobachten waren, bereiteten ihr große Sorgen, politische Strömungen wie AfD und Donald Trump auch. “Das habe ich alles schon mal erlebt”, sagte sie dann und es gab keine Zweifel daran, dass sie das nicht noch mal haben musste — und auch niemandem sonst wünschte.

Bei einem unserer Telefongespräche nach dem Brexit-Referendum im vergangenen Jahr beklagte sie sich darüber, dass so wenige junge Menschen zur Wahl gegangen waren — aber auch und vor allem, dass so viele alte Menschen über die Zukunft der Jungen abgestimmt und ihnen damit die Zukunft verbaut hätten. Obwohl sie, wie sie oft erwähnte, eine kleine Rente hatte, stimmte sie bei Wahlen lieber so ab, wie sie es für “die jungen Leute” (also: uns) für richtig hielt.

All das und einige andere Dinge habe ich versucht, in meine Rede einzubauen und dabei festgestellt, dass das auf ein paar Seiten Text gar nicht so einfach ist. Klar: Auch in meinen journalistischen Arbeiten ist nie Platz für alles, aber die fühlen sich nicht an, als müssten sie ein Thema (oder in diesem Fall: ein Leben) quasi “abschließend” verhandeln.

Vor der Trauerfeier war es auch so, dass ich hauptsächlich an meine Rede gedacht habe, was sich einerseits total egoistisch und fehl am Platze anfühlte, andererseits aber eine ganz gute emotionale Ablenkung war — und ich wollte ja auch, dass die Rede einigermaßen gut und vor allem angemessen wird.

Ich habe deshalb auch noch mal die Rede gegoogelt, die Thees Uhlmann von Tomte im Februar 2004 (Wahnsinn, wie lang das schon wieder her ist!) auf der Beerdigung von Rocco Clein gehalten hat — für meine Zwecke nur bedingt hilfreich, aber auch all die Jahre später immer noch groß, gewaltig und tröstend. Und bei der Suche bin ich auch auf ein Doppelinterview mit Thees und Benjamin von Stuckrad-Barre gestoßen, das letztes Jahr im “Musikexpress” erschienen ist. Die beiden liegen mir ja eh sehr am Herzen (im Sinne von: ich würde ohne die beiden vermutlich gar nicht schreiben — oder zumindest nicht so, wie ich es jetzt – auch hier, gerade in diesem Moment – tue), aber es ist auch so ein schönes Gespräch, in dem es auch um besondere Menschen geht.

Und so erschien mir der Rückweg aus Dinslaken nach Trauerfeier, Urnenbeisetzung, Kaffeetrinken und sehr engem familiären Beisammensein dann auch der richtig Zeitpunkt, um nach Jahren mal wieder “Hinter all diesen Fenstern” zu hören, das Album mit dem Tomte damals in mein Leben gekracht waren und das ich damals ganz oft im Zug von Dinslaken nach Bochum und zurück gehört hatte.

Es war sicherlich auch den besonderen Umständen geschuldet, dass mich das Album noch einmal mitten ins Herz traf: “Schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt”, “Das war ich, der den wegbrachte, den Du am längsten kennst”, “Es könnte Trost geben, den es gilt zu sehen, zu erkennen, zu buchstabieren”, “Von den Menschen berührt, die an dem Friedhof standen, am Ende eines Lebens” — ich hätte mir sofort das gesamte Album tätowieren lassen können.

Dieses Gefühl, dass da jemand vor inzwischen 15 Jahren ein paar Texte geschrieben hat, die etwas mit seinem damaligen Leben zu tun hatten, und dass diese Texte dann zu verschiedenen Zeitpunkten im eigenen Leben in einem genau die wunden Stellen treffen und gleichzeitig wehtun und beim Heilen helfen: Wahnsinn! Immer wieder aufs Neue!

Und dann noch mal die liner notes zum Album lesen und immer wieder nicken und sich verstanden fühlen. Meine Oma hat Zeit ihres Lebens alle Literatur verschlungen, derer sie habhaft werden konnte — “ich habe mehr durch Musik gelernt, als durch Bibliotheken”, sang wiederum Thees Uhlmann auf der finalen Tomte-Platte.

Im Übrigen hat sich herausgestellt, dass so ein Tod (zumindest, wenn er nach einem langen und erfüllten Leben kam und die Verstorbene sich angemessen verabschieden konnte) ein vielleicht etwas abseitiger, aber zuverlässiger Gesprächsmotor ist. Ich habe jedenfalls in den letzten Wochen viele sehr gute Gespräche mit engen Freunden, aber auch ganz anderen Menschen geführt.

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter “Post vom Einheinser”, für den man sich hier anmelden kann.

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Digital

Mutti is now following you on twitter

“The Onion” ist eine amerikanische Satirezeitung und -website, die oft mit sensationell komischen Ideen aufwartet.

Aber irgendwie ist das hier zu ernst und realistisch, um darüber lachen zu können:

Hier klicken, um den Inhalt von www.theonion.com anzuzeigen


Facebook, Twitter Revolutionizing How Parents Stalk Their College-Aged Kids

[via Facebook]

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Digital

Father And Son (ca. 2020)

– “Papa, Papa!”
– “Ja, mein Sohn?”
– “Ich hab gerade in der Encyclopedia Blogia gescrollt …”
– “Oh.”
– “Was ist dieses ‘Spiegel Online’, von dem 2008 so viele Leute geschrieben haben?”
– “Das war damals ein großes Online-Magazin. Erst gab es über viele Jahrzehnte ein angesehenes Printmagazin …”
– “Tote Bäume?”
– “Genau. Das hatte lange einen guten Ruf. Dann hatte es irgendwann einen unfassbar schlechten Ruf – aber nicht beim einfachen Volk. Das hat sowohl die Print- als auch die Online-Version geliebt. ‘Spiegel Online’ war das meistgelesene Online-Medium zu dieser Zeit.”
– “So wie ‘Coffee And TV’ heute?”
– (lacht) “Ja, so ungefähr. Die Leute haben alles geglaubt, was bei ‘Spiegel Online’ stand. Nur die Medienkritiker …”
– “Leute wie Du, Onkel Niggi und Onkel Knüwi?”
– “Solche Leute, genau. Wir haben ‘Spiegel Online’ kritisiert für schlechte Recherche, einseitige Berichterstattung und deren Klick…”
– “Die haben noch Klickhurerei gemacht?!”
– “Wo hast Du denn das Wort schon wieder gelernt?”
– (lacht)
– (grummelt) “Jedenfalls: ja, haben sie.”
– “Oh Mann, wie peinlich!”
– “Du musst wissen: damals galten page impressions noch als heiliger Gral im Internet.”
– (lacht)
– “Na ja, das waren jedenfalls ‘Spiegel’ und ‘Spiegel Online’. 2008 müsste das Jahr gewesen sein, in dem sie gefragt haben, ob das Internet doof macht, und über Twitterer und Blogger gelästert haben.”
– “Aber warum das denn?”
– “Zum einen, weil sie Angst davor hatten – zu Recht, wie wir heute wissen – zum anderen, weil sie sichergehen konnten, dass fast alle Blogger und Twitterer darüber schreiben würden. Und wenn alle über den ‘Spiegel’ schreiben, sieht es noch ein bisschen länger so aus, als sei der ‘Spiegel’ relevant.”
– “Hmmmm. Aber eins versteh ich nicht …”
– “Ja?”
– “Warum haben denn immer alle Blogger und Twitterer darüber geschrieben? Konnte denen das nicht egal sein?”
– “Ja sicher, eigentlich schon.”
– “Oma hat mir mal erzählt, wie sie vor vielen Jahren mit anderen Leuten ein Atu … Autom …”
– “Atomkraftwerk?”
– “Ich glaube ja. Wie sie sowas verhindert haben. Denen war immer egal, was die anderen gedacht, gesagt und in der Zeitung geschrieben haben.”
– “Tja. Die waren damals viel an der frischen Luft um zu demonstrieren, Sauerstoff beruhigt. Wir saßen schlecht gelaunt in unseren Büros und haben uns dann halt aufgeregt. Ab 2009 hat aber keiner – oder kaum noch einer – auf den ‘Spiegel’ reagiert, so dass sie 2010 aufgeben mussten.”
– “2010? Noch vor Zoomer?!”
– “Ja, das ging damals ganz schnell.”
– “Und was ist aus den ganzen Leuten geworden, die da gearbeitet haben?”
– “Das war das lustigste: Als ‘Spiegel Online’ zugemacht hat, kam raus, dass da nur drei verwirrte alte Männer gearbeitet haben: ein Taxifahrer, ein Drogenabhängiger und ein Mann, dem ein wahnsinniger Wissenschaftler ein Brötchen anstelle seines Gehirns eingepflanzt hatte. Alles andere kam aus Computern.”
– “Gruselig.”
– “Ja. Aber nur halb so gruselig wie deren Texte.”
– “Papa?”
– “Ja?”
– “Können wir noch ein bisschen Hologramme gucken?”
– “Was willste denn sehen?”
– “Den Film mit dem Zeitungsmann, der stirbt. Mit dem Schlitten. Das ist sooooo lustig!”

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Leben

Forever Young

Ergänzend zu meiner Alte-Fotos-Digitalisier-Aktion fand ich heute dieses Bild in meiner Mailbox:

Lukas Heinser (veraltet)

Es zeigt mich vor 16, 17 Jahren, kommt von Tim Schneider, mit dem ich einige Jahre zur Grundschule gegangen bin, und erreicht mich zu einer Zeit, in der ich verstärkt darüber nachdenke, dass ich so jung auch nicht mehr bin.

Fußballnationalspieler und Rockstars sind bereits jünger als ich und neulich fragte ich mich, wie man sich wohl fühlt, wenn auch erst mal die Sprecher der “Tagesschau” der eigenen Generation angehören – von Bundesministern ganz zu schweigen. Im vergangenen Jahr wurde in meinem Freundeskreis das erste Kind geboren und im Heimaturlaub hört man immer regelmäßiger von Altersgenossen, die Nachwuchs erwarten oder den Bund der Ehe einzugehen gedenken. ((Kürzlich hörte ich gar über Umwege, ich selbst habe bereits vor einigen Jahren heiraten wollen. Das fand ich sehr interessant, weil mir die Nachricht zum einen völlig neu war und sie zum anderen aus einer Richtung kam, die für mich beim besten Willen nicht mit Sinn zu füllen war.)) Einige sind auch schon mit dem Studium fertig und müssen jetzt richtig arbeiten.

Mütter wissen so etwas ja immer sofort und ganz genau, was zu Sätzen führt wie:

Ich hab’ die [Mutter eines Bekannten] getroffen, die hat gesagt, der … Wie hieß denn dieser Pole in Eurer Stufe? Jedenfalls wird der jetzt Vater und der … Dings, der Sohn von diesem … Ach, wer war das denn, da aus Eurer Parallelklasse? Also, der ist schwul und sie meinte [Name eines früheren Mitschülers] vielleicht auch, weil der noch nie ‘ne Freundin hatte.

Danach braucht man fünf Minuten, um die eigenen Gedanken zu sortieren und sich zu einem “Aha” hinreißen zu lassen, das auch aufrichtig desinteressiert klingen soll und nicht so gespielt desinteressiert wie die “Aha”s, die man äußert, wenn man von Dritten über die neuesten Männerbekanntschaften ehemaliger Schwärme unterrichtet wird. Ich bin mir sicher, dass es die DDR heute noch gäbe, wenn man nur mehr Mütter als informelle Stasi-Mitarbeiter hätte gewinnen können.

Während ich diese Zeilen tippe, lausche ich einer CD, die ich mir vor über zehn Jahren zum ersten Mal auf Kassette überspielt habe ((Pet Shop Boys – Bilingual.)), und ich muss mir etwas Mühe geben, die Schrift auf meinem alten Röhrenmonitor zu fokussieren. Meine Brille liegt zwar zwei Meter neben mir, aber ich weigere mich immer noch, sie außerhalb des Autos zu tragen. Oder außerhalb eines Kinos. Oder eines Hörsaals.

Meine Brille bekam ich vor etwa neun Jahren, weil ich Probleme mit den Augen hatte. ((Dieser Satz erscheint mir beim Korrekturlesen einigermaßen banal und überflüssig, aber irgendwo muss die Information, dass ich vor neun Jahren eine Brille bekam, ja hin.)) Ich suchte mir ein ähnliches Modell wie es Roberto Benigni bei der damals wenige Tage zurückliegenden Oscarverleihung getragen hatte, aus. Etwa ein Jahr lang trug ich die Brille in jeder wachen Minute, dann dachte ich mir, dass ich auch ohne ganz gut sehen und möglicherweise besser aussehen würde. Im Zivildienst bekam ich ein weiteres Exemplar, das mir zu weiten Teilen von Bundesbehörden bezahlt wurde, bei dem ich mich aber stilistisch so stark vergriff, dass ich die alte Brille weiter bevorzugte.

Zum Beginn meines Studiums trug ich die Brille, weil ich in den riesigen Bochumer Hörsälen sonst die Tafeln und Overhead-Projektionen nicht sehen konnte. Dann fand ich, dass ich damit zu sehr nach Germanistik-Student und nach Musikjournalist aussähe – zwei Eindrücke, die ich unbedingt vermeiden wollte. Lange kam ich ganz ohne Brille aus, die einzigen Sichtbeeinträchtigungen entstanden durch meine Frisur. Doch in der letzten Zeit wurde es immer schwieriger, selbst größere Schilder zu entziffern, und als ich letzte Woche bei einer Max-Goldt-Lesung im Bochumer Schauspielhaus dachte, Herr Goldt habe nicht geringe Ähnlichkeiten mit Hugh Laurie, wusste ich Bescheid.

Wie bin ich jetzt hierhin gekommen? Ach, nicht mal das weiß ich mehr. Ich werde echt alt.

PS: Passend zur Überschrift: Die meiner Meinung nach beste Version von Alphavilles “Forver Young” – die von Youth Group.

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Gesellschaft Rundfunk

Schattenkinder

Aus aktuellem Anlass lief gerade in der ARD die Dokumentation “Schattenkinder” von Uta König. Es geht um Kinder in Hamburg-Jenfeld, die aus kaputten Familien kommen: Bei der einen trinkt der Vater, beim anderen sitzen die Eltern den ganzen Tag vor dem Computer – man hat das so oft gehört, dass es genau solche Allgemeinplätze geworden sind wie die neuesten Opferzahlen aus dem Irak.

Uta Königs Film gibt den Allgemeinplätzen Gesichter. Da ist ein kleines, dickes Mädchen, das nichts hat außer seiner sprechenden und tanzenden Barbiepuppe. Ein Junge, der in viel zu kleinen Schuhen herumläuft und sich nichts wünscht außer passende Schuhe und ein UNO-Spiel. Zwei Schwestern, neun und elf, deren Mutter am Alkohol gestorben ist und deren Vater säuft und rumschreit.

Da steht dann der Vater betrunken vor der Tür der (ebenfalls alkoholkranken) Lebensgefährtin, zu der die Töchter geflohen sind, und randaliert. Die Reporterin versteckt sich mit den Kindern. Draußen poltert es, die Kamera ist nur noch auf das angsterfüllte Gesicht der Elfjährigen gerichtet und der Popkultur-geschädigte Zuschauer ertappt sich dabei, wie er “Wie ‘Blair Witch Project’ …” denkt, weil er sonst die hoffnungslose Realität dahinter anerkennen müsste und in Tränen ausbrechen würde, während die Kinder da zusammengekauert hocken und nicht weinen.

Das Jugendamt hielt es zu diesem Zeitpunkt übrigens noch nicht für nötig, einzugreifen: Der Vater sei zwar gewalttätig, aber (noch) nicht gegen die Kinder. Da erscheint es einem als Zuschauer unmöglich, amtliche Vorschriften auf der einen und gesunden Menschenverstand und menschliche Seele auf der anderen Seite irgendwie zusammenzupacken. Als der Vater schließlich seine letzte Chance verspielt und die Mädchen zu einer Pflegefamilie kommen, weigert sich das Amt wiederum, der christlichen Organisation “Arche”, die sich als einzige um die Kinder gekümmert hat und wo die Beiden Freunde hatten, einen Kontakt zu ihnen zu ermöglichen.

Überhaupt: Diese “Arche” hält alles zusammen. Die Kinder kriegen dort eine warme Mahlzeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung – all das, was für Kinder in einer Industrienation selbstverständlich sein sollte. Einige der Kinder sind hochgradig verstört, andere wirken schon mit zehn unglaublich lebensklug und können sich besser artikulieren als ihre Eltern. Aber natürlich wäre es viel schöner, naive, fröhliche, alberne, nervige Zehnjährige zu sehen.

“Schattenkinder” ist aus mindestens zwei Gründen beeindruckend und wichtig: Zum einen zeigt der Film anhand von Einzelschicksalen, wie es in ungezählten Familien aussehen muss und wovon man als Außenstehender nichts mitkriegt. (Als Mittelklasse-Kind bekommt man ja eh meist nur in der Grundschule einen Einblick in sozial schwache Familien, in denen sich niemand um die Kinder kümmert. Das deutsche Schulsystem sorgt ja sehr schnell dafür, dass die Kinder, die sich aus Gründen wie den oben genannten nicht auf die Schule konzentrieren können, sehr schnell den Anschluss verpassen und so nie aus dem System werden ausbrechen können.) Zum anderen sieht man, wie wichtig die Arbeit solcher Organisationen wie der “Arche” ist, die sich zu 95% über Spenden und staatliche Fördermittel finanziert.

Nachtrag 26. November, 23:45 Uhr: Wegen des großen Interesses an dem Film, das sich auch in meinen Suchanfragen wiederspiegelt, hat sich der NDR entschlossen, “Schattenkinder” zu wiederholen. Und zwar gerade eben

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Gesellschaft

Im Stechschritt in den Fettnapf

Ich wollte nichts mehr über Eva Herman schreiben, wirklich nicht. Die Frau war für mich unter DBDDHKPUAKKU1 einsortiert und ich wollte zum Tagesgeschäft übergehen. Doch dann stolperte ich bei den Osthessen News über einen Tonmitschnitt ihrer Rede beim Forum Deutscher Katholiken, die ja auch schon für etwas Wirbel gesorgt hatte.

Um nicht als böswillig, sinnentstellend und gleichgeschaltet zu gelten, habe ich mir mit den Zähnen in der Tischplatte die ganze Rede angehört. Danach wusste ich zumindest, warum sie bei Kerner nicht auf die Argumente der anderen Gesprächspartner einzugehen vermochte: Sie wollte gerade ihre Rede vom Wochenende auswendig aufsagen und war nicht auf Improvisationen eingestellt.

Aus der Rede wird eines deutlich, noch deutlicher als aus ihrem Auftritt bei Kerner: Eva Herman wird nie als große Rhetorikerin in die Geschichte eingehen. Da beschwert sie sich erst, ein Halbsatz von ihr sei falsch und sinnentstellend zitiert worden und sie würde ja eh immer schnell in die rechte Ecke gerückt, und dann sagt sie allen Ernstes Sätze wie diese:

“Wir marschieren im Stechschritt durch einen anstrengenden Alltag voller Widersprüche. Wir sehnen uns verzweifelt nach Geborgenheit, Heim und Familie, und kämpfen täglich unser einsames Gefecht in der männlich geprägten Arbeitswelt.”

“Marschieren”! “Im Stechschritt”! “Einsames Gefecht”! Wer auch immer der Frau seinen Metaphern-Duden geliehen hat: Er sollte ihn schnellstens zurückfordern.

Keine zwei Minuten später:

“Sofern jemand das Wort erhebt und sich für diese Werte einsetzt, wird er bombardiert, es wird Nazilob in ihn projeziert und gleichzeitig wird er als Sympathisant dieser Ideologie öffentlich verurteilt.”

Er wird “bombadiert”? Ja hallo, geht’s denn noch? Muss sich eine Frau, der die braune Kacke nur so am Schuh klebt, denn auch noch hinstellen und aus dem riesigen Strauß sprachlicher Bilder ausgerechnet diejenigen herauspicken, auf denen “Explosive devices, do not touch” steht?

Alice Schwarzer bezeichnet sie als “Chef-Feministin”, die mitverantwortlich sei für eine der “beispiellosesten Abtreibungskampagnen auf dieser Erde” und man freut sich, dass man sich an dem Superlativ der Beispiellosigkeit festbeißen kann und gar nicht erst auf die inhaltliche Ebene hinunterklettern muss.

Frau Herman fürchtet allen Ernstes, dass “wir” aussterben und angesichts der immer schneller wachsenden Weltbevölkerung müsste sie sich eigentlich fragen lassen, wer zum Henker denn da aussterben soll. Sie kann von Glück reden, dass gerade kein böser, gleichgeschalteter Journalist vorbeikam, der ihr zynischerweise “das deutsche Volk” unterstellen wollte.

Bald sieht sie sich und die Ihrigen gar verfolgt und spätestens in diesem Moment wäre ich wohl aufgesprungen und hätte sie losgeschickt, mal fünf Minuten mit jemandem zu reden, der wirklich verfolgt wurde oder wird. Egal ob im Dritten Reich, in der DDR oder in China.

Noch was richtig unglücklich Formuliertes? Bitteschön:

“Die Statistiken, die ernüchternd sind, die Diskussion, die Ursachen und die Folgen der heutigen Kinderlosigkeit werden mich auch weiterhin dazu bewegen, diese Diskussion zu führen – da hilft auch kein Berufsverbot.”

“Berufsverbot”?! Nee, sicher: Gab’s auch alles schon vor den Nazis und hinterher natürlich auch. Zum Beispiel für die vielgescholtenen Achtundsechziger.

In den USA würde man spätestens hier den Umstand betonen, wie toll es doch sei, in einem freien Land leben zu können, wo jeder frei sprechen könne – auch Eva Herman. Und vielleicht sollte man wirklich mal die Goldwaage wegpacken, die sprachliche Ebene auf der eh nichts mehr zu holen ist, verlassen und sich dem Inhaltlichen zuwenden.

So erzählt Eva Herman die Geschichte, wie sehr die Geburt ihres Kindes ihr Leben verändert habe, und wie unvereinbar Familie für sie plötzlich mit einem Beruf schien. Man glaubt ihr das ja, man ahnt, dass man hier ganz nah dran ist an dem Knacks, den diese Frau irgendwann mal erlitten haben muss. Nur schließt sie dabei wie so oft von ihrer persönlichen Erfahrung auf andere und selbst, wenn ihr statt 700 Katholiken 700.000 zugejubelt hätten, würden mir immer noch genug Frauen einfallen, die Beruf und Familie unter einen Hut bekommen haben – offenbar ohne daran zu zerbrechen.

Man sollte ihre Meinung und vor allem ihren Glauben respektieren, sollte sie bemitleiden für die Karriere, die sie tragischerweise gemacht hat, und sie beglückwünschen dafür, dass sie für sich die “Wahrheit” entdeckt hat – so, wie man jedem Menschen wünscht, dass er nach seiner Fasson glücklich werde. Aber sie macht es einem so schwer, indem sie ihre Ansichten als unumstößliche Fakten darstellt, das Singledasein als unvollendeten Schöpfungswillen betrachtet und in einer Tour von einem “Wir” spricht, ohne je zu sagen, wer das sein soll: Alle Frauen, alle konservativen Frauen, alle paranoiden Ex-Fernsehmoderatorinnen?

Eva Hermans Weltsicht ist eine derart verquastete Melange aus Kapitalismuskritik, Schöpfungslehre und Fortschrittsfeindlichkeit, dass ich mir dagegen wie ein neoliberaler Atheist vorkomme – und so will ich mich nie wieder fühlen. Fast wäre man geneigt zu sagen, sie habe einen Urknall, wenn man sich nicht sicher sein könnte, dass sie genau den nicht hat.

1 Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen und auch keine kalten Umschläge.

Nachtrag 13:14 Uhr: Irgendwie scheint der ganze Themenkomplex verunglückte Metaphern regelrecht anzuziehen. Diesmal ist es Franz Josef Wagner, der Kerner vorwirft, mit Herman überhaupt über das Thema Nationalsozialismus gesprochen zu haben.

Mit diesen Worten:

Das Monster Hitler sprengt unsere Tafelrunde.

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Gesellschaft Rundfunk

Das Ende der Herman-Schlacht

Manchmal bin ich doch überrascht von der Schnelligkeit eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Da schreibt das “Hamburger Abendblatt” am Freitag als einzige anwesende Zeitung darüber, dass Eva Herman bei der Präsentation ihres neuen Buches “Das Prinzip Arche Noah” die “Wertschätzung der Mutter” im Nationalsozialismus als “sehr gut” bezeichnet habe (mehr zur “relativ eingeschränkten” Wertschätzung der Mutter bei den Nazis gibt’s bei wirres.net) und schon am Sonntag vermeldet “Welt Online” Vollzug:

Volker Herres, NDR-Programmdirektor Fernsehen, sagte: „Frau Hermans schriftstellerische Tätigkeit ist aus unserer Sicht nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin. Dies ist nach ihren Äußerungen anlässlich einer Buchpräsentation in der vergangenen Woche deutlich geworden.“

Im Gegensatz zu 3,7 Millionen anderen Arbeitslosen in Deutschland wird Frau Herman auch ohne ihren Posten als freie NDR-Mitarbeiterin gut verdienen, denn vermutlich wird gerade diese Geschichte den Erfolg ihres Buches noch weiter vorantreiben.1 Trotzdem finde ich es beruhigend, dass Personen, die derart unreflektiert über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen, nicht weiter durch Fernsehgebühren finanziert werden.

[via Pottblog]

1 Auch wenn ich glaube, dass ihre Bücher mehr gekauft und weniger gelesen werden.