„Geh in die rechte Ecke und schäm dich!“

Von Lukas Heinser, 10. Oktober 2007 1:31

Es gibt Situationen, da stehen sich zwei Menschen gegenüber und man weiß gar nicht, wer von den Beiden jetzt unsympathischer ist und die schlechteren Argumente hat. So geht mir das zum Beispiel beim Kleinkrieg zwischen Hartmut Mehdorn (Deutsche Bahn AG) und Manfred Schell (Gewerkschaft der Lokführer). Man wünscht sich immer einen übergroßen Klassenlehrer, der beide am Arm packt, vor die Tür schleift und sie mit ernster Stimme bittet, das unter sich zu klären. „Wie erwachsene Menschen“, würde er klugerweise nicht sagen.

So ähnlich war das gerade beim großen „TV-Eklat“, dem „Rauswurf“ von Eva Herman bei Johannes B. Kerner. Kerner hatte sich die frühere NDR-Moderatorin wohl in seine Sendung eingeladen, um ein Exempel in Sachen Reue zu statuieren: Es wäre doch gelacht gewesen, wenn sie sich nicht unter Tränen beim deutschen Volk Zuschauer für ihre „missverständlichen Äußerungen“ entschuldigt hätte. Um es vorweg zu nehmen: Sie tat es natürlich nicht und ich habe wirklich keine Ahnung, wer von beiden unsympathischer war.

Es war ein weitgehend würdeloser Eiertanz, der nur deshalb zu ertragen war, weil die großartige Senta Berger ein paar grandiose Oneliner landen konnte und die erstaunlich sympathisch wirkende Margarethe Schreinemakers mit aller gebotenen Unhöflichkeit auf den dort gesprochenen Irrsinn reagierte.

Kerner, der einem fast schon leid tun konnte in seinem Versuch, der Unbelehrbaren Andeutungen von Selbstzweifeln zu entlocken, wurde irgendwann so etwas ähnliches wie sauer und dann passierte – erstmal wieder nichts. Stattdessen redete Eva Herman nun auch noch von „Bändern“, die „unter Verschluss gehalten“ würden, und einer „Herausgabe des Materials“ und für einen Moment dachte ich mir „Wennse die ma nich übermorgen inner Badewanne finden!“ Prof. Wolfgang Wippermann, mit dem Herman zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr sprechen wollte, sprach von „Verschwörungspathologie“ und obwohl der Mann Geschichtsprofessor ist, glaubte ich ihm seine Diagnose sofort.

Nach einer schier endlosen Zeit, in der Herman tatsächlich auch noch auf die Autobahnen zu sprechen kam, drohte Senta Berger schließlich damit, die Runde zu verlassen (erste Anzeichen von Altersmilde: früher wäre sie einfach gegangen) und Kerner schickte stattdessen Eva Herman nach hause. Die bedankte sich auch noch artig und lief nicht einmal in einen Gitarrenverstärker, als sie die Show verließ.1

1 Warum ist der Auftritt von Bettina Böttinger in der „Harald Schmidt Show“ nicht bei YouTube zu finden?

13 Kommentare

  1. corax
    10. Oktober 2007, 1:55

    Ich mochte die Frau noch nie und ungeschickt ist Sie auch, aber Sie zwingen zu wollen sich für etwas zu entschuldigen was Sie nie gesagt hat, ist kein guter Stil. Falls das hier zutrifft:

    http://eva-herman.de/mediendar.....ung_1.html

    Die Bennenung von falsifizierbaren Quellen ist dem deutschen Journalismus ja schon seit längerem komplett abhanden gekommen.

    Was ich von Kerner halte sage ich hier lieber nicht, Senta Berger hat die Sendung gerettet imo.

    Pax

  2. Lukas
    10. Oktober 2007, 2:02

    Ich verstehe aber ehrlich gesagt nicht so ganz, inwieweit die Darstellung im „Hamburger Abendblatt“, die den ganzen Trubel ja ausgelöst haben, jetzt in krassem Gegensatz zu dem etwas wirren Reden der Frau Herman stehen soll.

    Gesagt hat Herman:

    “Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….“

    Und das schrieb das Abendblatt:

    In diesem Zusammenhang machte die Autorin einen Schlenker zum Dritten Reich. Da sei vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter. Die hätten die 68er abgeschafft, und deshalb habe man nun den gesellschaftlichen Salat.

    Wenn sie angeblich etwas völlig anderes gemeint hat, dann hätte sie als Journalistin und Buchautorin in der Lage sein müssen, das mit „damals“ auch irgendwie auszudrücken.

  3. corax
    10. Oktober 2007, 2:21

    Ich will die Frau nicht verteidigen, hab auch keine Lust mich damit näher zu beschäftigen.
    Das die Dame etwas neben der Spur ist, ist ja unstrittig.
    Bloß die Nazi-Karte zu spielen halte ich für übertrieben, genau wie damals beim „Jellinek?“
    Bundestagsprecher.

    Und ne Gleichschaltung der Medien unterschreib ich sofort, auch wenns Nazisprech ist trifft es zu. Man schaue sich nur gerade die Ashkan Dejagah Hetze an. Oder das Nachrichtenagenturen und auflagenstarke Medien hemmungslos unreflektiert von einander abschreiben, wie öfters beim S. Niggemeier oder Spiegelfechter nachzulesen ist.

    Mir gings eher um Medienkritik.
    Warum berichten die Medien nicht so engagiert darüber, dass vermutlich der Personalausweis demnächst mit Fingerabdrücken versehen sein wird und damit alle Bundesbürger ab 16 so erfasst werden wie bisher bloß Kriminelle?

    Pax

  4. Thomas Kurbjuhn
    10. Oktober 2007, 8:45

    [Werbelink zum eigenen Blog ohne direkten Zusammenhang zum hiesigen Artikel entfernt.]

  5. Sebastian
    10. Oktober 2007, 11:22

    Glückwunsch, Dein Blog wurde kurbjuhnisiert.

  6. Lukas
    10. Oktober 2007, 13:58

    Frau Herman hätte darauf hinweisen können, dass der Großteil der journalistischen Arbeit in diesem Land inzwischen aus dem Erfinden eigener Überschriften für Agentur-Meldungen besteht, und ich hätte ihr zum ersten Mal an diesem Abend zugestimmt. Aber in dieser, in ihrer Situation auch noch mit Vokabeln wie „Gleichschaltung“ und „Autobahnen“ zu hantieren, war einfach unsagbar dumm. Nicht, weil man solche Begriffe nicht verwenden dürfte, sondern weil sie selbst weiß (nach dem Auftritt bin ich geneigt zu sagen: wissen sollte), dass die Öffentlichkeit nur auf solche Buzzwords wartet.

    Davon ab würde mich auch interessieren, wie viele Meldungen die letzte aufrechte Journalistin Eva Herman so während ihrer „Tagesschau“-Zeit auf Richtigkeit überprüft hat.

  7. Stephan
    10. Oktober 2007, 14:00

    Habe die Sendung gestern zufällig gesehen – normalerweise schaue ich mir Kerner aus Prinzip nicht an, aber als ich diese illustre Runde da so sitzen sah, konnte ich nicht mehr wegzappen.

    Wie bereits in anderen Worten gesagt, hat sich Eva Herman da übelst verzettelt – meiner Meinung nach ohne böse Absicht. Der Teleprompter sorgt eben dafür, daß bei der Tagesschau keine großen Rhetoriker benötigt werden, und das ist Herman auch bis heute nicht. Ich finde es schier unglaublich, daß Kerner gegen Herman einen Universitätsprofessor auflaufen läßt und dann noch irgendwelche verqueren Nazi-Zitate findet, die irgendwie so ähnlich in Hermans Buch vorkommen. Ich finde ja auch, dass heutzutage manchmal etwas mehr Sensibilität an den Tag gelegt werden könnte angesichts von Nazijargon und -ideologie. Aber man kann doch echt nicht erwarten, dass jedes geschriebene Wort der Naziliteratur heute nicht mehr benutzt werden darf – auch nicht in völlig anderen Zusammenhängen. Von daher fand ich Eva Hermans Autobahn-Äußerung im Prinzip völlig richtig. Aber die beiden Mutter Theresas Kerner und Schreinemakers, beide Zeit ihres Lebens natürlich völlig frei von ökonomischen Interessen (!), waren dann natürlich gar nicht mehr zu stoppen, da sie ja ohnehin nur auf Stichworte zu reagieren vermögen und einen Kontext nicht einmal erkennen wenn er ihnen vor die Füße fällt.

    Laßt diese Frau doch einfach ihren Kreuzzug führen, sie tut doch niemandem weh damit und ist überhaupt nicht in der Position, irgendetwas zu erreichen. Freie Meinungsäußerung finde ich trotzdem noch ne gute Sache – Kernersche Quotengeilheit und Schreinemakerssche Doppelmoral find ich übrigens immer noch zum Kotzen.

  8. Norman
    10. Oktober 2007, 14:01

    Da bin ich also über drei Ecken hier her gekommen und siehe da, der Text ist klasse.

    Eine Stufe drüber wäre ja schon kritik am TV selber und dessen Inhalten. Kann man schonmal machen.

    Und diese Angst in Deutschland von Volk, Kraft, Stolz, ja und eben Mütter zu reden. Traurig.

  9. Tom
    18. Oktober 2007, 22:35

    Ich bin mir sicher, hier werden nur Eva Hermann Kritiker veröffentlicht. Die Masse der Bevölkerung denkt da aber anders.Der rausschmiss ist bei youtube in 6 teilen nochmal zu sehen, dann bekommt man ein anderes Bild. Fern der hetzenden Presse!

  10. Susi
    18. Oktober 2007, 22:37

    Habe mich erst im Nachhinein um diese Problematik gekümmert und in youtube.de mir diesen „Rausschmiss“ angesehen. Unglaublich, was da abging. Es ist mir leider bekannt, wie auch in der übrigen Presse dieses „Pharisäertum“ gepflegt wird.
    Möchte mich vor dem Mut, Geradlinigkeit und Charakterstärke verbeugen. Wenn hier von Intelligenz gesprochen wird, so hab ich diese nur bei Eva Hermann in dieser Sendung entdecken können. Wenn man es verfolgt, könnte man meinen, es wär eine Sendung von „Vorsicht Kamera“ gewesen und Ihnen hätte man als einzige das Ohropax entfernt.
    Ob Professor, Kerner, Berger oder Schreinemarkers, entsetzlich wie hier das Wort im Munde verdreht wurde. Deutlicher als Eva Hermann tat, konnte man es doch nicht klarstellen und sich vom rechten Gedankengut abgrenzen. Und was war da noch verurteilenswert? Weil sie für hohe Werte einsteht? Weil Sie die 68er Fraktion kritisierte? Letztere hat gutes aber auch schlechtes hervorgebracht. Vieles was wir als falsch mittlerweile erkannt haben: Freie Liebe, Antiautoritäre Erziehung und das Umwerfen aller Werte.

    Nein, hier geht es um etwas anderes, die Presse hat sich auf Eva Hermann eingeschossen, war zuvor wohl nur auf höhere Auflagen bedacht und hat das Übliche getan, die Wahrheit verbogen. In ihrem Fall ist es nun schwer zurückzurudern und das Gegenteil einzugestehen. Also teilt man weiter aus, egal zu welchem Preis. Selbst kein Opportunist, hätte ich es sicher sehr schwer in einem NS-Regime gehabt und wohl um mein Leben fürchten müssen. Aber da hätte ich nicht Hermann gefürchtet, sondern jene Charakterschwächlinge, die immer mit dem Strom schwimmen, egal in welche Richtung dieser gerade fließt.
    Selbst in der Öffentlichkeit stehend, kenne ich dieses Pharisäertum, dass es aber so offen und geradezu dumm ausgetragen wird, hätte ich in Deutschland bisher nicht für möglich gehalten.-

    Hoffe beizeiten auf „ehrliche“ Aufklärung über diese Verleumdungen.

  11. Sebastian
    18. Oktober 2007, 23:13

    Ich hoffe inständig, Susis Beitrag ist Satire, um Toms Beitrag zu widersprechen.

  12. Susi
    23. Oktober 2007, 21:44

    Hier Felix Hau, ein Journalist, der sich eingehend mit dieser Problematik beschäftigt hat und es analysierte:

    http://www.berzengeschnetz.de/blog/?p=87

  13. Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene « Sendungsbewusstsein
    14. Juni 2009, 14:40

    […] drei Beiträgen, die nur von wenigen Kommentaren begleitet werden, – zuerst ziemlich plauderig (Link), dann folgt eine etwas ernstere Medienbeobachtung (Link) und anschliessend eine ausgezeichnete […]