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Peking 2008 – Der Versuch einer Bilanz

Natürlich habe ich mir die Olympischen Spiele im Fernsehen dann doch angesehen. Die Diskussion mit mir, ob das moralisch vertretbar sei, dauerte letztlich wenige Sekunden. Ich gucke halt gerne Sport im Fernsehen und da kann mich relativ wenig von abhalten. Als langjähriger begeisterter Tour-de-France-Gucker bin ich es gewohnt, mit dem Risiko zu leben, gerade ganz massiv von dopenden Sportlern verarscht zu werden. Nennen Sie es abgebrüht, zynisch oder sonst irgendwas, aber es gibt immer genug, was einen für solche Finsternissen entschädigt.

Über China mag ich mir kein Urteil erlauben. Natürlich würde ich mir wünschen, wenn das, was wir Menschenrechte nennen, überall gelten würde, aber ich verstehe nichts von China. Und weil es mich so aufregt, wenn ahnungslose Menschen über die USA, das einzige Land neben Deutschland, in dem ich mal mehr als vier Wochen am Stück verbracht habe, reden, will ich nicht ahnungslos über China reden. Es könnte zum Beispiel meinen besten Freund aufregen, der schon mehrfach für längere Zeit in China war.

Was ich mir zu beurteilen anmaße, sind die Ankündigungen, die die chinesische Führung gegenüber dem IOC gemacht und nicht eingehalten hat. Zu einem gepflegten Vertragsbruch gehören aber zumindest in diesem Fall zwei: die, die verarschen, und die, die sich freundlich lächelnd verarschen lassen und anschließend das großartige und gründliche Vorgehen der Verarschenden beim Verarschen loben.

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[via Stefan]

Anders ausgedrückt: Dem chinesischen Funktionär in diesem beeindruckenden Videodokument nehme ich ab, dass er das, was er da erzählt, aus tiefster Überzeugung glaubt. Es ist wie bei Wolfgang Schäuble oder Papst Benedikt XVI.: diese Männer haben eine Überzeugung, die über Jahrzehnte in ihnen gereift ist, die ich nicht teilen kann, die sie aber mit einer Vehemenz vertreten, die mir Respekt abnötigt. Und dann ist da die IOC-Funktionärin, die sich kritischen Journalistenfragen auf unsouveränste Art verweigert. Sie lernt gerade erst, fundamental und weltfremd zu werden, und ist in ihrem Stoizismus kein Stück beeindruckend, sondern nur peinlich. Sie ist vergleichbar mit der Partei “Die Linke” oder dem Verein “Kinder in Gefahr”.

Von der Eröffnungsfeier habe ich wegen des Haldern Pop leider nichts mitbekommen. Dass dort auf verschiedene Weise getrickst wurde, ist mir aber auch egal: es handelt sich um eine Show. Natürlich um eine politische (die ganzen Spiele waren ja eine politische Demonstration des chinesischen Regimes), aber das macht sie nur noch mehr zur Show – und bei Shows darf man tricksen, Playback singen und Windeln tragen. Menschlich gesehen ist es natürlich unmöglich, einem kleinen Mädchen zu sagen, sie sei zu hässlich für ein Milliardenpublikum.

Aber reden wir über die, um die es eigentlich ging, reden wir über die Sportler: Wie es sich gehört, habe ich neue Helden gefunden – den sympathischen Vielseitigkeitsreiter und Zahnarzt Hinrich Romeike und den mindestens genauso sympathischen Gewichtheber Matthias Steiner, zum Beispiel. Ich bin auch naiv genug zu glauben, dass Michael Phelps seine acht Goldmedaillen auf legalem Wege gewonnen hat. Wenn er halt den idealen Körperbau hat und so präzise trainiert – warum sollte er dann nicht schneller schwimmen können als ich laufen kann? Auch bei Usain Bolt muss ich bis zum Beweis des Gegenteils annehmen, dass er so schnell ist – die Goldmedaille im 100-Meter-Lauf hätte ich ihm trotzdem wegen grober Unsportlichkeit und Verhöhnung der Konkurrenten aberkannt.

Sportkonsum im Fernsehen geht leider nicht ohne Sportreporter. Während der Kommentator beim Dressurreiten seine Arbeit gleichsam zur literarischen Performance ausbaute, war der Rest größtenteils zum In-die-Tonne-Kloppen. Béla Réthy zum Beispiel durfte beim Damen-Hockey endlich mal zeigen, dass er nicht nur unfassbar viel Mist reden kann (das kennt man von Fußballländerspielen), sondern auch unfassbar viel chauvinistischen Mist. Michael Antwerpes entpuppte sich als Beckmann für Arme, als er im Talk mit Matthias Steiner minutenlang auf einem privaten Schicksalsschlag des Sportlers herumritt und bei der (sinngemäßen) Antwort “die Journalisten wollen das eben immer wieder hören” übersah, wie der stärkste Mann der Welt gerade vor seinen Augen mit der chinesischen Mauer winkte. Zum Glück für Antwerpes gibt es aber immer noch Castor Beckmann und Pollux B. Kerner, die Not der ARD und das Elend vom ZDF, die bequem alles unterkellern, was bisher als unterste Talsohle des Niveaus gegolten hatte. Kerner hatte man auch noch Katrin Müller-Hohenstein zur Seite gestellt, was viele Vergleiche mit Marianne und Michael zuließe, wenn man letztere damit nicht böse verunglimpfen würde. Deshalb nur so viel: Bis Waldi Hartmann nicht mehr negativ auffällt, muss schon eine Menge Mist gesendet worden sein. Und Harald Schmidts Karriere kann man jetzt auch in einem Wort zusammenfassen: “vorbei”.

Wenn es wenigstens nur die unfähigen Hallodri (wie konnte ich Michael Steinbrecher vergessen?) vor Kamera und Mikrofon gewesen wären – aber auch technisch lief es bei ARD und ZDF ja alles andere als rund. “Ja, das ist halt live”, flötete dann die jeweils aktuelle Föhnwelle in die Kamera – ganz so, als sei es noch 1969 und Peter Frankenfeld versuche gerade die erste Eurovisionsschalte zum Mond. Aber die beiden Sender hatten mit 500 Leuten erstens die größte Delegation von allen und zweitens war das ja gar nicht alles live: Wüst wurde zwischen live und live on tape hin- und hergeschaltet, wurden Dinge wiederholt, die man schon gesehen hatte, wurde plötzlich wieder irgendwohin gesprungen, ohne dass der Zuschauer noch wusste, was jetzt wann und wo passiert war. Da verließ man dann schon mal in der 84. Minute (und vor dem entscheidenden Tor) ein Fußballspiel der deutschen Damenmannschaft, um ein aufgezeichnetes Halbfinale im Fechten zu zeigen. Der Fechtverband habe sich wohl beschwert, hörte man es munkeln.

Zwar hatten sich ARD und ZDF Mühe gegeben, via Internet und ihre obskuren Digitalkanäle möglichst viel gleichzeitig anzubieten, aber ich bin mir sicher: London 2012 werden zumindest die interessierten Zuschauer ganz anders erleben. Mit einer eigenen digitalen Senderegie für jeden, wo man sich mehrere Sachen gleichzeitig ansehen kann, live oder zeitversetzt, mit Kommentar oder mit Originalatmosphäre. Ich würde dafür einiges an Geld bezahlen.

Zu guter letzt war es natürlich so wie immer: ich saß da, fieberte mit den Athleten mit, freute mich über die Stimmung und fragte mich, wie ich als absolut unsportlicher Mensch wohl auch mal eine Medaille bei Olympischen Spielen gewinnen könnte. Ich werde mir demnächst mal einige Schießclubs ansehen, vielleicht sind Luftpistole oder Bogen ja was für mich.

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Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!

Nun ist diese Fußball-EM also auch schon wieder vorbei. Deutschland hat sie nicht gewonnen (was zu erwarten war), ist aber Zweiter geworden (was nicht zu erwarten war).

Somit ist es Zeit für den Coffee-And-TV-EM-Rückblick:

Die Gastgeber
Legen wir ausnahmsweise mal, was wir bei der Hymne nie tun würden, die Hand aufs Herz: Schweizer und Österreicher gelten den Deutschen ja irgendwie als die etwas weltfernen Stiefcousins. Die, die so ähnlich wie wir reden, aber doch anders, und die, die beruhigenderweise immer noch schlechter Fußball spielen als die Deutschen.

Entsprechend war es dann auch das erste wichtige Turnier, bei dem alle Gastgeber die Vorrunde nicht überstanden, was wohl auch die Stimmung vor Ort etwas trübte. Von Österreich und der Schweiz bekam man im Fernsehen leider viel zu wenig mit, die Bilder aus den Innenstädten hätten auch in Dresden, Hannover oder einer anderen deutschen Stadt, in der ich noch nie war, gedreht sein können. Doch gestern nach dem Finale wurde klar: die Gastgeber waren die bescheidenen kleinen Brüder von Deutschland 2006. Alles war ein bisschen gedämpfter, stilvoller.

Die Favoriten
Ja, das war etwas merkwürdig: Mein Europameistertipp Tschechien überstand die Vorrunde ebensowenig wie meine Lieblingsmannschaft Schweden, die Italiener retteten sich mit Mühe und Not gegen die dann ausgeschiedenen Franzosen über die Gruppenphase, und Griechenland bewies endlich, dass der Gewinn der EM vor vier Jahren wirklich nur ein Betriebsunfall der Fußballgeschichte gewesen war. Vorher hatten sie uns allerdings mit dem 0:2 gegen Schweden eines der grauenhaftesten Spiele des Profisports geboten.

Nachdem sie in der Vorrunde den Weltmeister, den Vizeweltmeister und schließlich mit einer B-Mannschaft auch noch die Rumänen in Grund und Boden gedemütigt hatten, galten die Holländer als klarer Favorit, was sich alsbald als die bei diesem Turnier unliebsamste Rolle herausstellte: Zack!, brachen sie gegen die Russen ein wie eine labbrige Fritte im Nordseesturm. Von allen Gruppenersten schaffte es gerade mal Spanien, sich nach einem freudlosen Spiel gegen die Italiener durchzusetzen – aber auch nur, weil deren Elfmeterglück nach dem Berliner WM-Finale bis mindestens 2044 aufgebraucht ist. Portugal scheiterte an den Deutschen, die zur Überraschung aller ein gutes Spiel ablieferten, die Kroaten, die wirkten als hätte man ihnen das mit Elfmeterschießen erst nach Ende der Verlängerung erklärt, scheiterten letztlich an der unfassbaren Last-Minute-Macht der Türken.

Um die dem Turnier innewohnende Tragik auf die Spitze zu treiben, erwischte es im Halbfinale ausnahmsweise mal die Türkei in der letzten Minute, woraufhin Deutschland versehentlich im Finale stand, in das am Folgetag die Spanier einzogen. Auch Guus Hiddinks Russen, die sich im ersten Gruppenspiel gegen Spanien trickreich totgestellt und danach alles dominiert hatten, konnten die Iberer (Sportjournalismus geht nicht ohne Thesaurus) nicht mehr stoppen.

Im Finale musste Spanien nur noch Deutschland schlagen, was dann auch kein Problem mehr war, weil die Deutschen neben Philipp Lahm und Jens Lehmann ausschließlich Doppelgänger ihrer Stammelf aufgestellt hatten. Beim einzigen Gegentor kamen sich konsequenterweise Lahm und Lehmann in die Quere.

Dies Spanier wurden völlig verdient Europameister und bewiesen bei der Pokalübergabe auch noch, dass sie deutlich besser erzogen sind als die Italiener, die sich den Cup vor zwei Jahren einfach selbst verliehen hatten. Michel Platini wirkte wie ein Lehrer auf Klassenfahrt, als er inmitten der spanischen Spieler die am wenigsten hässliche Sporttrophäe der Welt (man ist ja schon für Kleinigkeiten dankbar) Iker Casillas in die Hand drückte.

Deutschland
Die eigentliche Sensation ereignete sich bereits am 8. Juni: Deutschland gewann ein EM-Spiel. Viel mehr hatten sich Joachim Löw und seine Mannschaft wohl nicht vorgenommen, weswegen man im darauffolgenden Spiel gegen Kroatien einfach mal alles (außer dem eigenen Harn) laufen ließ. Ich habe glücklicherweise die zweite Halbzeit verschlafen und wurde erst pünktlich zur roten Karte gegen Bastian Schweinsteiger wieder wach. Vermutlich zum letzten Mal in der Nationalmannschaft gesehen haben wir David Odonkor, bei Mario Gomez wird sehr, sehr viel Aufbauarbeit nötig sein.

Gegen Österreich erlebte man endlich wieder die klassische deutsche Turniermannschaft wie bei der EM ’96 oder der WM 2002: schwach spielen, hinten sauber halten, vorne eine Standardsituation ausnutzen, weiterkommen. Gegen Portugal siegte dann Bastian Schweinsteiger im Alleingang, wie er das jetzt offenbar immer gegen Portugal machen will, und gegen die Türkei war Deutschland so unfassbar schlecht, dass es einzig und allein dem grundsympathischen Philipp Lahm und dessen Siegtor zu verdanken war, dass ich mir das Finale überhaupt ansehen wollte. Das Trauma des Halbfinals, dass man sich über einen völlig unverdienten Sieg freuen sollte, wiederholte sich gestern Abend dann zum Glück nicht: Nach zehn Minuten Fußball wollte das Deutsche Team auch mal “was mit Rasen” machen und servierte den Spaniern die Torchancen auf einem Silbertablett mit Platinintarsien. Wenn man der spanischen Mannschaft einen Vorwurf machen kann, dann den, dass ihre Chancenausbeute genauso schlecht war wie bei allen anderen Mannschaften ab dem Viertelfinale. Ich möchte hiermit die neue Regel vorschlagen, dass, wenn zwei Mannschaften es nicht schaffen, innerhalb von 120 Minuten wenigstens ein Tor zu schießen, einfach beide aus dem Turnier ausscheiden.

Nicht unerwähnt bleiben sollte Angela Merkel, die im Stadion nicht nur die wichtigste Entscheidung ihrer bisherigen Amtszeit traf (Bastian Schweinsteiger motivieren), sondern auf der Tribüne und im Interview einmal mehr ihren Fußballsachverstand bewies. Ich möchte sie hiermit ganz ehrlich als kommende DFB-Präsidentin vorschlagen, was sicher auch im Hinblick auf 2011 ein schönes Signal wäre.

Regeln & Schiedsrichter
Die schon länger bestehende Regelung, dass in der Gruppenphase bei Punktgleichheit der direkte Vergleich zähle, sorgte dank des gut ausgearbeiteten Spielplans dafür, dass gleich drei Gruppensieger schon vor dem letzten Spiel feststanden, weswegen sie entsprechend mit einer B- bis C-Mannschaft (Oma der Nachbarin des Busfahrers) aufliefen. Andererseits gab es so in jeder Gruppe ein Endspiel um den zweiten Tabellenplatz. Das zwischen der Türkei und Tschechien schrieb Fußballgeschichte, als die Tschechen es in den letzten Spielminuten nicht schafften, den Ball auch nur in die Nähe des türkischen Tores zu schlagen, in dem seit der roten Karte gegen den türkischen Torwart ein Feldspieler stand. Außerdem gab es noch eine gelbe Karte für einen Ersatzspieler auf der Bank.

Die WM 2006 hatte den unverdienten Elfmeter der Italiener (ja, ich weiß, dass das ein Pleonasmus ist) gegen die Australier und die drei gelben Karten gegen Josip Simunic in einem Spiel, ist mir aber sonst nicht durch größere Schiedsrichter-Inkompetenzen in Erinnerung geblieben. Diesmal war es anders: die Fehlentscheidungen häuften sich und bei manchen Szenen fragte man sich, ob man – so das wirklich die Elite der europäischen Unparteiischen sein sollte – in Zukunft bei einer EM nicht besser Kollegen aus Trinidad und Tobago einfliegen sollte. Gab es vor Spielen Geschrei um die Nationalität eines Schiedsrichters (der Deutsche bei Spanien – Italien, der Schweizer bei Deutschland – Türkei, der Italiener im Finale), gaben sich diese größte Mühe, die Bedenken zu zerstreuen, in dem sie konsequent gegen die von ihnen vermeintlich bevorzugte Mannschaft pfiffen. Nur beim Handspiel Lehmanns an der Strafraumlinie bei erschöpftem Auswechselkontingent zwanzig Minuten vor Schluss kam den Deutschen mal die Inkompetenz des Schiri-Gespanns entgegen.

Der Tiefpunkt war da freilich schon lange erreicht gewesen: die Verbannung beider Trainer auf die Tribüne im Spiel Österreich – Deutschland war eine gefährliche Mischung aus den Ego-Problemen des sogenannten vierten Offiziellen und der Unentspanntheit des spanischen Schiedsrichters. Die UEFA bewies Humor, indem sie beide Trainer für je ein Spiel sperrte und eben jenen Spanier im Viertelfinale gegen Portugal als vierten Mann aufstellte. Wo er dann auch kurz davor stand, wenigstens den portugiesischen Trainer auf die Tribüne schicken zu lassen.

Immerhin eine Schiedsrichter-Entscheidung blieb positiv in Erinnerung: im Spiel Holland – Italien wusste der Schiedsrichter, dass das vermeintliche Abseitstor keines war (also kein Abseits, ein Tor war es ja sehr wohl).

Fernsehen
Schlimmer als Schiedsrichter und Deutsche waren immerhin noch die Leute, die uns den Fußball ins Haus bringen: es ging gar nichts. Nichts.

Béla Réthy, von den Printkollegen merkwürdigerweise immer über den grünen Klee gelobt, nervt nur. Er redet in einem fort, nur als im Halbfinale plötzlich das Bild ausfiel und man auf sein Gequassel angewiesen war, wurden seine Sätze knapper. Tom Bartels kann selbst Fußballkrimis zum Sandmännchen degradieren, so dass man gestern Angst haben musste, die deutschen Spieler hätten versehentlich seinen Kommentar aufs Ohr bekommen und seien deshalb so müde. Steffen Simon ist einer dieser Menschen, die beim Italiener “brusketta” und “jnokki” bestellen, weil sie mal ein Semester in der Volkshochschule waren. Besonders peinlich wurde es immer dann, wenn er einen ausländischen Namen zum gefühlt hundertsten Mal vorgeturnt hatte, und man anschließen den muttersprachlichen Stadionsprecher etwas ähnliches, aber doch ganz anderes sagen hörte. Wie wohltuend bodenständig war dagegen Wolf-Dieter Poschmann, der alles so aussprach wie man’s schreibt.

Beckmann und Kerner gehen per se nicht, in keiner Rolle und auf keinem Sender, mit Netzer und Delling sollte langsam auch mal gut sein, Jürgen Klopp ist mir unsympathisch. Urs Meyer geht, der großartige Mehmet Scholl kam bei Beckmann (s.o.) nicht wirklich zur Entfaltung. Monika Lierhaus wirkte bei den Trainerinterviews immer wie Kai Diekmann bei der Papstaudienz (außer in dem unpassenden Moment, wo sie endlich mal journalistisch wirken wollte) und Katrin Müller-Hohenstein … ach ja. Als ich es einmal nicht mehr aushielt mit Béla Réthy und im Radio weiterhören wollte, war dort grad Sabine Töpperwien am Mikrofon und relativierte wieder einiges, wenn auch nicht alles, was ich schlechts über Réthy zu sagen hätte.

Es sei an dieser Stelle nur noch einmal darauf hingewiesen: diese Kommentatoren, Moderatoren und sonstigen Sportjournalistendarsteller werden von uns allen bezahlt. Gutes Personal ist halt schwer zu finden.

Die Fans
Was soll das eigentlich mit diesem “Schland” und wann und wo hat das angefangen? An die Beflaggung von Wohnhäusern und Automobilen hat man sich zwei Jahre nach der Geburt des “positiven Patriotismus” inzwischen gewöhnt, die Reichsparteitagsverweise sind längst nur noch Brauchtum und Ironie.

Wie undogmatisch die Deutschen sind zeigte sich immer wieder, wenn die gleichen Leute, die morgens beim “Bild”-Kauf über die Benzinpreise jammerten, Abends beim Autokorso (nach dem Österreich-Spiel!) den Gegenwert eines Finaltickets in den Innenstädten verbrannten. Auch die Boulevardpresse schaffte diesen Spagat, indem sie vor dem Halbfinale gegen die Türkei gleichzeitig zu Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufrief und für die kommende Nacht bürgerkriegsähnliche Zustände voraussagte.

Das Coffee-And-TV-Redaktionsteam bewies seine große Fußballkompetnz, indem es sich vor dem Eröffnungsspiel mit Fahnen eindeckte, die allesamt zum Ende der Vorrunde eingeholt werden konnten: Schweden, Griechenland und die Schweiz spielten ungefähr so gut, wie wir tippten. In der familieninternen Tipprunde musste ich mich nicht nur meinem Bruder, sondern auch meinen Eltern und meiner Schwester geschlagen geben. Aber als Borussia-Mönchengladbach-Fan ist man leiden gewohnt.

So geht’s weiter …
Am 9./10. August startet der DFB-Pokal, eine Woche später die Bundesliga. Mönchengladbach ist wieder da, wo es hingehört, der MSV Duisburg auch.

Die Nationalmannschaft wird sich für die WM 2010 qualifizieren und wenn sie da plötzlich die Leistungen aus so manchen Qualifikationsspielen und dem EM-Viertelfinale wiederholen, könnte das schon was werden. Außerdem spricht 2006: 3., 2008: 2. für 2010: 1. Die einzige Alternative wäre eine goldene Generation im deutschen Team: wie die Portugiesen immer schön spielen und Favorit sein, es dann aber nie schaffen. Die Rolle des ewig erfolglosen Geheimfavoriten ist seit gestern Abend unbesetzt.

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Mädchen, warum hast Du nichts gelernt?

Na, das hat ja alles bestens geklappt: Der “Rauswurf” der Eva Herman bei und durch Johannes B. Kerner ist das Tagesthema. Allüberall entwickeln sich lange und spannende Diskussionen (selbst bei uns), Kerner hat eine “Topquote” eingefahren und Eva Hermans aktuelles Buch ist in den Bestsellerlisten von Amazon fleißig nach oben geklettert (Platz 17 um 16 Uhr). Also eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten?

Nun, Herman dürfte sich für längere Zeit ins Aus manövriert haben. Nicht, weil sie obskure Wertevorstellungen hat (die darf jeder haben), noch nicht einmal, weil sie sich vor sechs Wochen so verquastet und missverständlich geäußert hat. Aber weil sie gestern gegen die goldene Regel des Medienbetriebs verstoßen hat: gegen das Recht des Publikums auf eine großangelegte Entschuldigungszeremonie.

Christoph Daum durfte, nachdem er sich wortreich für seine Kokain-Affäre entschuldigt hatte, weiter als Fußballtrainer arbeiten; Michel Friedman, dem auch Kokain zum Verhängnis wurde, leistete öffentlich Abbitte und ist heute wieder in fast allen Medien präsent. Noch schneller verzieh das Land Erik Zabel, der aus der tränenreichen Pressekonferenz ging, als sei nie etwas gewesen, und selbst in den USA verzieh der Disney-Konzern seinem Teeniestar Vanessa Hudgens deren Nacktbilder, nachdem sie sich dafür entschuldigt hatte. Sie alle haben die Mechanismen der Medien begriffen: Einmal zerknirscht und am Besten unter Tränen vor die Presse treten, dann ist irgendwann alles wieder gut – egal, ob man das eigene Verhalten jetzt wirklich als Fehler ansieht, egal ob es überhaupt ein Fehler war.

Diejenigen, die keine Fehler einräumen und sich nicht entschuldigen wollten, werden im kollektiven Gedächtnis unter “unbelehrbar”, “verrückt” oder gar “paranoid” einsortiert. Ihre Namen lauten Jürgen W. Möllemann, Dieter Baumann oder Jan Ullrich. Das Gemeine an dieser Situation: Wir wissen nicht, ob Dieter Baumanns Zahnpasta mit Dopingmitteln versetzt wurde, wir wissen nicht, ob Jan Ullrich nicht vielleicht wirklich unschuldig ist. Wir wissen ja auch nicht, ob Daum und Friedman ihr Drogenkonsum wirklich leid tut, aber wir müssen es glauben, weil es durch die Medien ging.

Da stellt sich die Frage, ob Jan Ullrich nicht längst wieder Rennen fahren (oder zumindest kommentieren) dürfte, wenn er zugegeben hätte, gedopt zu haben – selbst, wenn er es nie getan hätte. Ist eine tränenreiche Entschuldigung nicht in jedem Falle hilfreicher als die Verbreitung kruder Verschwörungstheorien – etwas, womit Eva Herman gestern bei Kerner zu ihrem Unglück auch noch angefangen hat?

Sicher, das wäre schon sehr zynisch, aber zynisch ist die Welt, sind vor allem die Medien. Eva Herman sollte, nein: muss das wissen. Es sind die Regeln eines großen Spiels, das sich mitunter um Karrieren und Menschenleben dreht. Man könnte es ihr als persönliche Stärke anrechnen, sich nicht für etwas entschuldigen zu wollen, das sie nach eigener Auffassung nicht gesagt und schon gar nicht gemeint hat. Aber Johannes B. Kerner war in der Beziehung erstaunlich fair: Er wollte nicht einmal ein “Mir tut das alles so unendlich leid” hören, ihm hätte ein “Nun ja, ich sehe ein, dass meine Sätze in der freien Rede etwas krude und missverständlich waren. Was ich sagen wollte, ist Folgendes …” gereicht. Allein: Eva Herman war nicht einmal bereit, eigene linguistische Unzulänglichkeiten einzugestehen und bezog sich munter weiter auf die Sätze, die sie gesagt hatte, und die eben wirr formuliert as hell waren. Nicht einmal, als ihr Margarethe Schreinemakers diesen Weg vorformuliert aufzeigte.

Was dann folgte, war nur noch unprofessionell: Sie kommentierte von oben herab (“Wer redet heute noch über Deine Sendung?” zu Frau Schreinemakers, “Mit Ihnen rede ich nicht mehr!” zum geladenen Experten) und es war plötzlich völlig egal, dass Frau Schreinemakers auch schon unrühmliche TV-Momente hatte (wobei wir wieder nicht wissen, was an der ganzen “Steueraffäre” eigentlich dran war) und dass Prof. Wolfgang Wippermann nicht unumstritten ist und zu Beginn der Sendung ziemlichen Quark gequasselt hatte. Sie redete von einer “Gleichschaltung” der Medien und verhinderte jegliche Diskussion über den inhaltlichen Wahrheitsgehalt (alle schreiben von den Agenturen ab, die wiederum bei der “Bild”-Zeitung abgeschrieben haben), indem sie dieses in ihrer Situation völlig unglückliche Wort verwendete. Es spielt keine Rolle mehr, dass Worte per se nicht “gut” oder “böse” sind, oder wer das Wort sonst noch so verwendet: Es war ein weiteres Buzzword auf der Nazi-Bingo-Karte, die das Publikum in den Händen hielt. Und auf dem letzten freien Feld stand “Autobahnen”.

Das Mediengeschäft ist ein hartes, schmutziges, durchaus auch zynisches. Viele ahnungslose Menschen können sich darin verheddern oder darin verloren gehen. Eva Herman muss sich als langjährige Journalistin und erfahrene Provokateuse aber vorwerfen lassen muss, dass sie offenbar nicht abschätzen konnte, worauf sie sich gestern Abend einließ.

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“Geh in die rechte Ecke und schäm dich!”

Es gibt Situationen, da stehen sich zwei Menschen gegenüber und man weiß gar nicht, wer von den Beiden jetzt unsympathischer ist und die schlechteren Argumente hat. So geht mir das zum Beispiel beim Kleinkrieg zwischen Hartmut Mehdorn (Deutsche Bahn AG) und Manfred Schell (Gewerkschaft der Lokführer). Man wünscht sich immer einen übergroßen Klassenlehrer, der beide am Arm packt, vor die Tür schleift und sie mit ernster Stimme bittet, das unter sich zu klären. “Wie erwachsene Menschen”, würde er klugerweise nicht sagen.

So ähnlich war das gerade beim großen “TV-Eklat”, dem “Rauswurf” von Eva Herman bei Johannes B. Kerner. Kerner hatte sich die frühere NDR-Moderatorin wohl in seine Sendung eingeladen, um ein Exempel in Sachen Reue zu statuieren: Es wäre doch gelacht gewesen, wenn sie sich nicht unter Tränen beim deutschen Volk Zuschauer für ihre “missverständlichen Äußerungen” entschuldigt hätte. Um es vorweg zu nehmen: Sie tat es natürlich nicht und ich habe wirklich keine Ahnung, wer von beiden unsympathischer war.

Es war ein weitgehend würdeloser Eiertanz, der nur deshalb zu ertragen war, weil die großartige Senta Berger ein paar grandiose Oneliner landen konnte und die erstaunlich sympathisch wirkende Margarethe Schreinemakers mit aller gebotenen Unhöflichkeit auf den dort gesprochenen Irrsinn reagierte.

Kerner, der einem fast schon leid tun konnte in seinem Versuch, der Unbelehrbaren Andeutungen von Selbstzweifeln zu entlocken, wurde irgendwann so etwas ähnliches wie sauer und dann passierte – erstmal wieder nichts. Stattdessen redete Eva Herman nun auch noch von “Bändern”, die “unter Verschluss gehalten” würden, und einer “Herausgabe des Materials” und für einen Moment dachte ich mir “Wennse die ma nich übermorgen inner Badewanne finden!” Prof. Wolfgang Wippermann, mit dem Herman zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr sprechen wollte, sprach von “Verschwörungspathologie” und obwohl der Mann Geschichtsprofessor ist, glaubte ich ihm seine Diagnose sofort.

Nach einer schier endlosen Zeit, in der Herman tatsächlich auch noch auf die Autobahnen zu sprechen kam, drohte Senta Berger schließlich damit, die Runde zu verlassen (erste Anzeichen von Altersmilde: früher wäre sie einfach gegangen) und Kerner schickte stattdessen Eva Herman nach hause. Die bedankte sich auch noch artig und lief nicht einmal in einen Gitarrenverstärker, als sie die Show verließ.1

1 Warum ist der Auftritt von Bettina Böttinger in der “Harald Schmidt Show” nicht bei YouTube zu finden?

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Liveblog: Deutschland – San Marino

18:30 Uhr Ich begrüße die Zuschauer hier in meinem Elternhaus und an den heimischen Computern und wünsche uns allen einen schönen Fußballabend. Den wird es leider nicht geben, denn moderiert wird das Rahmenprogramm von Johannes Bekerner, der offenbar den Gerhard-Delling-Wortspielpreis der Kriegsblinden gewinnen will.