Heucheln wird olympisch

Von Lukas am Samstag, 2. August 2008 15:08
Kategorie: My Favourite Game, Political Science

Ich liebe es, Sport im Fernsehen zu gucken. Ich selber betreibe außer Treppensteigen gar keinen Sport, aber anderen dabei zuzusehen, macht mir Spaß. Gerade die Olympischen Spiele, bei denen man so außergewöhnliche Disziplinen wie Tontaubenschießen, Dreisprung oder (im Winter natürlich) Curling zu sehen bekommt, begeistern mich immer wieder. Außerdem werden sie meistens von Sportreportern kommentiert und nicht von Steffen Simon, Bela Réthy oder Reinhold Beckmann.

In diesem Jahr weiß ich echt nicht, ob ich mir die Olympischen Spiele im Fernsehen ansehen soll. Nicht nur, weil sie wegen der Zeitverschiebung zu etwas anstrengenden Zeiten übertragen werden, die ganze Aktion kommt mir von vorne bis hinten missglückt vor.

Da ist zunächst einmal China, von dem ich gerne glaube, dass es ein tolles, spannendes Land ist, das aber auch von einem völlig indiskutablen Regime geführt wird. Hinzu kommt das Internationale Olympische Komitee, bei dem ich mich mittlerweile frage, ob man dort eigentlich nur Mitglied werden kann, wenn man seinen letzten Rest Selbstachtung vorher an der Garderobe abgegeben hat. Allerspätestens, als die internationalen Journalisten (entgegen vorheriger Zusagen) keinen freien Zugang zum Internet erhielten, hätte es ein Donnerwetter geben müssen – doch das IOC zuckte nur mit den Schultern und die Journalisten arbeiteten unter Protest weiter.

Den Athleten sind während der Spiele nicht nur politische Äußerungen, sondern auch jegliche kommerzielle und journalistische Tätigkeit verboten – ein im Prinzip ehrenwerter Gedanke, sozusagen der letzte Rest der olympischen Idee von Pierre de Coubertin. Leider wirkt das einigermaßen verlogen vor dem Hintergrund, dass die olympischen Spiele in Peking eine einzige politische Demonstration des Gastgeberlandes waren, sind und sein werden, und die Spiele selbst ein Milliardenschweres Marketingprodukt sind.

Ja, sagt dann das IOC, aber ohne die Sponsoren wären doch die schönen Olympischen Spiele gar nicht möglich. Das stimmt natürlich auch. Es geht ja auch gar nicht um die Sponsoren, es geht darum, dass das IOC mit erschütternder Vehemenz die Sonderrolle seiner Spiele verteidigt und so tut, als handele es sich dabei um ein Event mit einem höheren ethischen Wert als jedes andere kommerzielle Großereignis.

Zugegeben: “Wir treffen uns hier alle vier Jahre, nicht immer in Ländern, in denen wir gerne selbst leben würden, wir machen Werbung für ungesundes Fast Food und totalitäre Regimes, ein paar von uns werden wieder versuchen zu bescheißen (und womöglich damit durchkommen), aber wir wollen mal sehen, das wir das Beste draus machen und ein bisschen Spaß haben” ist ein etwas mittelprächtiger Wahlspruch, aber bei “Rock am Ring” faselt doch auch niemand vom “musikalischen Geist”.

Von den Sportjournalisten ist leider nichts zu erwarten, wie Christian Zaschke (selbst Sportjournalist) in seinem sehr empfehlenswerten Artikel für die “Süddeutsche Zeitung” feststellt. Wer bei den letzten beiden Fußballgroßereignissen gleichermaßen mantrahaft und orgiastisch immerzu vom “Sommermärchen” faselte, wird jetzt wohl kaum plötzlich kritische Fragen stellen.

Aber würde sich irgendwas ändern, wenn ich, wenn Millionen nicht einschalten würden? Ich würde den Olympiasieger im Bogenschießen nicht kennenlernen, obwohl er und seine Kollegen die Aufmerksamkeit sicher wenigstens einmal in vier Jahren verdient hätten. ARD und ZDF würden wohl nicht einmal darüber nachdenken, ob man wirklich Unsummen von Gebührengeldern in eine solche Riesenveranstaltung investieren muss, oder ob das komplett Werbefinanzierte Privatfernsehen nicht eher der natürliche Lebensraum für derartiges Event-TV wäre. Olympische Spiele gehören für sie zur Grundversorgung – auch so ein hehres Wort.

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7 Kommentare

  1. 1

    Hab sogar für einen kurzen Moment überlegt, ob ich zur Heimreise in Peking vorbeischauen sollte. Aber dann aus ähnlichen Gründen verworfen, aus denen ich schon eine USA-Reise abgelehnt habe. Komisch, wie die Sympathie für Regierungen die Reise für ein Land beeinflusst..

    Übrigens weiss ich gar nicht, ob ich hoffen sollte, dass möglichst wenige Leute Olympia gucken, denn im Zweifelsfall haben die Unsympathiträger ihren Schnitt ja schon gemacht und die einzigen, die von der Ignoranz getroffen werden, sind die Athleten, und denen wünscht man die Ignoranz ja wirklich nicht.. :S

  2. 2

    Ich gebe Ihnen vollinhaltlich recht. Bis auf den Knüweresken ÖR-Bashing-Versuch mit der Diskreditierung des Wortes “Grundversogung”. Auch meiner Meinung nach sollte nicht jede Verrenkung von ARD und ZDF einfach so hingenommen werden, ich bin aber grundsätzlich ein Freund des ÖR-Rundfunks und Fernsehen. Und schlussendlich der Grundversorgung an sich.

    Aber was machen wir jetzt? Ich werde aufgrund der Geburt von Baby #3 voraussichtlich ab dem 7. August vier Wochen Urlaub haben. Mit nachts schlafen ist dann sowieso erst mal Schluss. Und dann wäre doch so ein bisschen rhythmische Sportgymnastik, moderner Fünfkampf (gibt’s das überhaupt noch?) oder Synchronspringen ganz nett.

    Darf ich das noch nett finden? Will ich das wirklich, mir Gedanken, machen, ob ich das nett finde? Ändert es etwas, wenn ich nicht kucke?

    Man,man, man.

  3. 3

    @SvenR: Das war gar nicht als Bashing von ARD und ZDF gemeint. Ich weiß durchaus, was der Begriff “Grundversorgung” bedeutet (nämlich alles, was auch noch da sein soll, falls sich die Privatsender morgen in Luft auflösen), aber selbst als großer Sport- und insbesondere Bundesligafan bin ich der Meinung, dass ARD und ZDF nicht allen Quatsch mitmachen müssen. Eine Sendung, die so schlecht ist wie die “Sportschau”, konnte ich schon vor zehn, zwölf Jahren auf Sat.1 haben und Fußballweltmeisterschaften werden nicht weniger bedeutsam, wenn sie bei RTL laufen.

  4. 4

    “von einem völlig indiskutablen Regime geführt”

    Nach wessen Maßstäben? Nach Ihren, nach denen von 1,3 Millionen Chinesen oder nach denen des Dalai Lama?

  5. 5

    Nach Maßstäben, die freie Diskussionen mit jedem gewünschten Medium an jedem gewünschten Ort zulassen, I suppose.

  6. 6

    [...] habe ich mir die Olympischen Spiele im Fernsehen dann doch angesehen. Die Diskussion mit mir, ob das moralisch vertretbar sei, dauerte letztlich wenige [...]

  7. 7

    [...] Coffee and TV habe ich soeben eine interessanten Artikel zum Thema Olympische Spiele gelesen (Twitter sei dank)! [...]

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