Restposten der spätkindlichen Infantilgesellschaft

Von Lukas Heinser, 2. Februar 2010 12:32

Ich weiß nicht, ob Sie’s mitbekommen haben,1 aber es gibt da ja gerade eine neue deutsche Literatursensation, die die großen jungen deutschen Literatursensationen der vergangenen Dekaden, „Crazy“ und „Feuchtgebiete“ kurzschließt: „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann (17).

Gelesen habe ich das Buch noch nicht,2 aber allein der Titel ist schon mal toll. „Axolotol“, diese Bezeichnung für einen mexikanischen Lurch, der sein Leben lang Kind bleibt, stand nämlich immer auf der Liste der außergewöhnlichen Worte, die mein bester Freund und ich zu Schulzeiten geführt haben.3

Über Helene Hegemann jedenfalls ist schon viel geschrieben worden, meist in der üblichen ahnungslosen Begeisterung, mit der sich Erwachsene, die nicht als frühvergreist gelten wollen, der Welt und der Sprache von Jugendlichen nähern. Wer lange genug sucht, wird sicher eine Rezension finden, in der frühneuhochdeutsche Begriffe wie „geil“ oder „Bock haben“ vorkommen.

Der Text, den Simone Meier für die „Basler Zeitung“ geschrieben hat, ist anders. Er stellt die mediale Figur Helene Hegemann in Frage, haut auf den anderen Feuilletonisten rum und knallt mit voller Wucht ein paar Formulierungen raus, die man so gerne mal in Büchern lesen würde:

Das Selbstbewusstsein und der Mut zum Leiden sind gleichermassen ungeheuer, man hat die Hormone im Kopf und den Wahnsinn im Herzen. Und man kann eine Pose so lange und so betörend reproduzieren, bis es zu viel wird und man sie automatisch wieder erbricht. Selbstfindung in der Pubertät ist gewissermassen eine anhaltende Bulimie halb garer Haltungen und Gefühle.

Frau Meier steigert sich fast in einen grundsympathischen Welthass Bernhard’scher Prägung, wenn sie in einem Absatz mal eben den halben deutschen Kulturbetrieb, ach: die halbe deutsche Gesellschaft umreißt:

Es scheint, als habe Helene Hegemann mit all ihren wie rasend hergestellten, ausgekotzten kleinen Werken wirklich einen wahren Kern gefunden. So etwas wie den hässlichen Bodensatz der Berliner Bohème, mit dem sich die Kinder der Generation Selbstverwirklichung herumschlagen müssen. Es ist ein Bodensatz, in dem sich alle gleichen, weil Kindheit längst nicht mehr den Kindern gehört, sondern zum Fetisch der Erwachsenen geworden ist. Das Erstaunlichste an „Axolotl“ ist nämlich dies: dass hier ein Teenager schreibt, als wäre er einer jener auf dem Dancefloor hängen gebliebenen Mittdreissiger oder Anfangsvierziger. Dass er zwei Generationen kurzschliesst: diejenige des frühreifen Wunderkinds und jene der Restposten aus der spätkindlichen Infantilgesellschaft.

Dass Frau Meier es schafft, einen Text, der derart offen auf seine Subjekte einschlägt, versöhnlich enden zu lassen, spricht für die beiden.

Aber lesen Sie selbst:

„Die Schönheit des kaputten Kindes“ von Simone Meier

  1. Hahahahaha. []
  2. Ich bin gerade – leicht andere Baustelle – mit „The Wild Things“ von Dave Eggers beschäftigt. []
  3. Ebenfalls auf der Liste: „Wadi“, „semipermeable Membran“ und „Aum“. Irgendwann werden sich auch damit noch mal Therapeuten befassen müssen. []

23 Kommentare

  1. Tessa
    2. Februar 2010, 13:31

    Danke für die Empfehlung. Das Buch liegt neben mir und wartet auf ein bißchen Zeit.

    Billers Kritik fand ich ebenfalls lesenswert, die damit schließt: „Und Helene Hegemann? Wie geht es ihr? Wer ist sie überhaupt? Keine Ahnung, es interessiert mich nicht. Aber wenn Sie unbedingt etwas über sie wissen wollen – sie soll 17 und Tochter eines berühmten Berliner Intellektuellen sein, und einen Film hat sie auch schon gemacht -, dann googeln Sie es doch selbst. Ich bin hier nicht für Klatsch und das Verbreiten von Verlags-PR zuständig, sondern für große, unvergessliche Literatur.“

  2. Muriel
    2. Februar 2010, 13:43

    Ich sehe ein, dass es wahrscheinlich eher gegen mich spricht, aber für meinen Geschmack klingt das nach einem ganz schrecklichen Kopfschmerzbuch.
    Ich weiß nicht, ob ich Leute beneiden soll, die Freude an solchen Feuilletonbüchern haben.

  3. Ole
    2. Februar 2010, 13:43

    „Semipermeable Membran“ ist auch eines meiner liebsten Wörter aus Schulzeiten. Ob es daran liegt, dass ich ungefähr zur gleichen Zeit das NRW-Bildungssystem durchlaufen habe…?

  4. Muriel
    2. Februar 2010, 13:48

    Sammelt ihr eigentlich noch? Ich fand reziproke Impedanz immer sehr schön.

  5. Lukas
    2. Februar 2010, 13:52

    @Tessa: Oh, das klingt aber in der Tat auch toll.

    @Muriel: Manchmal (aber nur manchmal) muss oder sollte oder kann man auch mal Kopfschmerzbücher lesen, finde ich. Aber generell lese ich auch lieber, um Spaß daran zu haben. Wobei das eine das andere nicht ausschließt und „Kopfschmerzbuch“ ein tolles Wort ist.

    @Ole: Ich würde eher auf Zufall tippen. In neun Jahren Gymnasium hatte ich nämlich insgesamt maximal dreieinhalb Jahre Biologie. Genug, um zu lernen, dass Adam und Eva die Dinosaurier getötet haben und wir alle vom Storch abstammen, aber der Rest der Wissensvermittlung auf dem Gebiet war dann tatsächlich zufällig.

  6. Lukas
    2. Februar 2010, 14:01

    Du wirst lachen (auch eine der sinnlosesten Formulierungen deutscher Sprache), aber jetzt, wo Du’s sagst: „reziprok“ stand tatsächlich auf dem Zettel.

  7. Muriel
    2. Februar 2010, 14:15

    @Lukas: Ja, manchmal. Und manchmal sind sie dann sogar gar keine Kopfschmerzbücher. Krieg und Frieden hat mir zum Beispiel richtig Spaß gemacht.
    Reziprok alleine finde ich in der substantivizierten Form noch schöner. Leider wird „impedante Reziprozität“ von Physikern nicht akzeptiert.

  8. finzent
    2. Februar 2010, 14:23

    Ich halte es für ziemlich ausgeschlossen dass ein 17-jähriger Mensch in der Lage ist ein Buch zu schreiben das nicht scheisse ist.

    Klingt vielleicht etwas besserwisserisch, aber mir kommt das wie eine ofensichtliche Wahrheit vor.

  9. Jonas Schaible
    2. Februar 2010, 15:47

    Jemand, der schreibt, ein Axolotl sei ein Lurch, „der immer Kind bleibt“, hat entweder Biologie wirklich eher uninspiriert verfolgt oder von Jana Simon im Zeit-Magazin abgeschrieben. Oder beides. ;)
    Man muss es ja mit der Vermenschlichung wirklich nicht übertreiben, wo es doch das schöne Wort Larvenstadium gibt.
    (Übrigens: „Endoplasmatisches Retikulum“ war bei uns immer ganz weit vorne).

  10. Bernie
    2. Februar 2010, 15:49

    Kopfschmerzbuch? Ein bisschen. Ich bin grad auf S. 50 und weiß noch nicht so genau, ob ich es gut finde. Der Erzählstil ist so, wie man sich den einer wütenden Siebzehnjährigen vorstellt, allerdings ohne das große Selbstmitleid, das man eigentlich erwartet. Im Gegenteil geht die Ich-Erzählerin mit der Welt und auch mit sich selbst sehr schonungslos um. Mich nervt etwas, dass das gesamte Buch ein Innerlichkeits-Befindlichkeits-Monolog ist und alle Handlung nur durch den verschwommenen, verdrogten Blick dieser verkorksten Wohlstandskindprotagonistin stattfindet. Aber das konnte ich mir ja vor dem Kauf schon denken.

    An außergewöhnlichen Worten biete ich auf: Apnoe, Mummenschanz, Satrap, Menetekel

  11. Brinja
    2. Februar 2010, 16:47

    Spitzenrefinazierungsfascilitäten ist ein Wort, dasss mich zwar erst im Studium ereilt hat, dafür aber durch seinen wunderbaren Klang, wenn man es in der U-Bahn versucht im Kanon aufzusagen (im Chor konnten wir auch nach dem Stuidum noch) immer noch ein Schmunzeln auslöst.

    und das schöne: Ich kann’s nicht mal mehr wirklich erklären (im Gegensatz zu den Bio-Begriffen aus der Schulzeit)

  12. Hannah
    2. Februar 2010, 17:24

    meine damalige Biolehrerin hat es locker geschafft, endoplasmatisches Retikulum, Axolotl und semipermeable Membran in einer Stunde unterzubringen – wobei uns die Zusammenhänge nicht immer ganz klar geworden sind. Aber immerhin hat sie uns auch erzählt, dass man Mäuse tatsächlich melken kann, es aber wirtschaftlich nicht tragbar wäre, das im grossen Stil aufzuziehen – und ich hatte mich schon auf meiner Mäusemilch-Farm gesehen…jähes Ende eines Karrieretraums!

  13. Boje
    2. Februar 2010, 18:06

    Ich biete „Thixotrope Flüssigkeit“ auch weil es genauso plötzlich endet wie es beginnt.

    Falls jemand Wörter auch nach dem Aussehen beurteilen mag, biete ich: Nizzaallee.

    Schönen Abend noch.

  14. zoom » Umleitung: «
    2. Februar 2010, 22:23

    […] Restposten der spätkindlichen Infantilgesellschaft … coffee&tv Tags »   Dinther, Katholische Kirche, Schnee, Sexueller Missbrauch, […]

  15. SvenR
    2. Februar 2010, 23:40

    Ich hab‘ gerade zum ersten Mal von »Axolotl« gehört und kann weder mit Lukas‘, noch mit Jonas Schaibles Erläuterung auch nur irgendetwas anfangen, aber ich hab‘ ja auch vor mittlerweile fast vierundzwanzig (sic!) Jahren Abitur in Hessen (sic!!) gemacht…
    Meine Lieblingsworte aus der Schulzeit habe ich scheinbar alle vergessen. Dafür biete ich jetzt »Securisation« an, dass ich trotz mehrjährigem Gebrauch, weder in deutsch oder englisch richtig aussprechen kann, noch auf Anhieb richtig schreiben. Aber es ist auf der anderen Seite ein sehr böses Wort, dass sich so heimlich heranschleicht.

  16. Something Fishy
    3. Februar 2010, 11:51

    „Aber lesen Sie selbst…“

    Nein danke, ich verzichte. Eine Rezensentin, bei der betörend reproduzierte Posen erbrochen werden, kann unmöglich besser sein als das verrissene Buch.

  17. ponk
    3. Februar 2010, 14:51

    Wer die Junge Dame hören will, sie war letztens im High Noon bei Radio Fritz zum Thema „Können Eltern und ihre Kinder Freunde sein?“

    Momentan noch als Podcast hier zu finden (mp3):
    http://download.fritz.de/highn.....ghnoon.mp3

  18. Thomas L
    4. Februar 2010, 9:04

    @finzent Ganz richtig, man muss erst alt und vergnazt sein, wie Sie.

  19. finzent
    4. Februar 2010, 14:18

    Oh…jugendliche Empörung…

    Sie können mich aber ruhig duzen.

  20. Helene Hegemann: Remix-Meisterwerk oder postmoderner Plagiarismus? (Update: Jetzt auch mit Inhalt) : netzpolitik.org
    7. Februar 2010, 15:52

    […] der neuen deutschen Literatur. Ihr Debütroman, der nach einem mexikanischen Lurch benannt ist (Danke, Lukas!) wird derzeit von den Feuilletonisten des Landes gefeiert, wie sonst allenfalls ein deutscher Papst […]

  21. Rese
    8. Februar 2010, 15:18

    Ganz schön heute bei Bildblog.de zu erfahren, dass die junge Dame die Hälfte nur abgeschrieben hat.

    Sieh.
    http://www.gefuehlskonserve.de.....22010.html

  22. Coffee And TV: » Die Arroganz der Jungen, die Ignoranz der Alten
    9. Februar 2010, 13:47

    […] müssen dann leider noch mal auf “Axolotl Roadkill” zurückkommen, das literarische Hype-Thema der Stunde. Nicht, […]

  23. Restebloggen zum Wochenende (28) « überschaubare Relevanz
    13. Februar 2010, 20:47

    […] Axolotl Roadkill. Finde ich Klasse. Ist so ein Buch, bei dem mir schon der Titel verrät, dass ich lieber die Finger davon lasse, weil es spontanen Brechdurchfall auslösen würde. Ich mag ehrliches Marketing. […]

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