20 Jahre Totalversagen

Von Lukas Heinser, 15. August 2008 17:53

Journalisten lieben Jubiläen. Im Gegensatz zu tatsächlichen, tagesaktuellen Ereignissen treten diese nicht überraschend auf, man kann die Themen gründlich recherchieren, mit Zeitzeugen sprechen und das Geschehen frei von Affekten in seinen historischen Kontext einordnen. Ich würde nicht ausschließen, dass die ersten Reporter am Abend des 11. September 2001 begannen, ihre große „Ten years after“-Geschichte vorzubereiten.

Dieser Tage jährt sich das Geiseldrama von Gladbeck zum zwanzigsten Mal. Ein im wahrsten Wortsinne tragisches Ereignis, bei dem schlichtweg alles schief ging, was schief gehen konnte, und das insofern in einer Reihe mit dem Olympia-Attentat von München und der Schleyer-Entführung steht. Eine Verkettung von Unerfahrenheit und Inkompetenz auf Seiten der Behörden, ein Totalversagen der berichterstattenden Presse.

Ich bin zu jung, um mich an die drei Tage im August 1988 erinnern zu können, aber man kennt ja die Bilder von Silke Bischoff mit der Pistole an der Schläfe und Hans-Jürgen Rösner mit der Pistole zwischen den Zähnen. Und gerade das Foto von Silke Bischoff macht die große Erinnerungsparade, die schon seit einigen Wochen in den deutschen Medien abgehalten wird, zu einer Gratwanderung.

Bereits vor einem Monat brachte „Bild“ im Zuge einer großen Gladbeck-Serie einen Artikel über Silke Bischoffs Mutter, der wie folgt überschrieben war:

20 Jahre nach Gladbeck: Dieses Bild lässt die Mutter der toten Silke nie mehr los

Das Demonstrativpronomen stand da natürlich nicht versehentlich, denn „dieses Bild“ war darüber natürlich noch einmal riesengroß abgedruckt.1

Fast ähnlich bizarr ist der Spagat, den die „WAZ“ vollbringt: auf derwesten.de ist ein Foto von Tätern, Waffen und Geisel zu sehen, nur wenige Zentimeter über diesem Absatz:

Dass es überhaupt dieses Bild gibt: der Täter, die Waffe, die Geisel. Und dann aus dem Off diese Frage, was für eine Frage! "Was fühlen Sie so, mit der Waffe am Hals?" Silke Bischoff guckt fast freundlich über das Mikrofon, es ist ihr bald so nah wie der Revolver. "Gut", sagt sie, sie habe bloß Angst, "dass jemand umgebracht wird oder so".

Da weiß man auch nicht, ob die folgende Passage Selbstkritik oder Rechtfertigung sein soll:

Journalisten handeln statt nur zu beobachten. Angesehene Reporter sind unter ihnen, von öffentlich-rechtlichen Sendern und auch von der WAZ. Oft weiß die Presse mehr als die Polizei.

Es ist schwierig, über die Fehler der Presse von damals zu berichten, in der Presse von heute. Und es ist schwierig, diese Fotos zu verwenden. Einerseits gibt es sie, sie sind journalistische Fakten, die damals geschaffen wurden und nicht rückgängig gemacht werden können. Andererseits besteht die Gefahr, mit jedem Wiederabdruck nicht nur das Leid der Angehörigen (s. o.) zu vergrößern, sondern auch die Demütigung der damaligen Opfer zu wiederholen. Wir haben es natürlich mit Zeitdokumenten zu tun, aber man kann sie heute nur zeigen, weil die Medien damals versagt haben. Und so ist es einigermaßen schizophren, das Medienversagen von damals mit genau diesen Fotos zu bebildern.

Wenn man länger über diesen Sachverhalt nachdenkt, befindet man sich plötzlich tief in einer ethischen Grundsatzdiskussion. Wozu sind Bilder wie die von der verängstigten Silke Bischoff auf der Rückbank oder von Hanns Martin Schleyer im durchgeschwitzten Unterhemd da? Sollen sie mahnen, dass sich das Gezeigte nicht wiederholen dürfe, sollen sie Mitleid erzeugen oder sollen sie (abermals) die Sensationsgier befriedigen?2 Solche Bilder sind durch ihre ständige Wiederholung irgendwann mehr als nur die Abbildung von Ereignissen. Sie werden zu popkulturellen Ikonen, so wie die Einschläge der Flugzeuge am 11. September 2001, die bereits einen Tag später als Dauerschleife Teil des On-Screen-Designs in den Sondersendungen von RTL waren. Sie waren aber genau genommen auch nie nur die Abbildung von Ereignissen, gerade diese Bilder waren selbst Teil der Ereignisse.

Auch stellt sich die Frage, ob es „gut“, „schlecht“ oder „egal“ ist, wenn solche Bilder zu Ikonen werden. Vermutlich kommt es da unter anderem darauf an, ob man sich an die Täter oder an die Opfer erinnert. Es laufen ja ernsthaft immer noch Menschen mit dem Foto von Charles Manson auf dem T-Shirt herum und Marilyn Manson hat sich ja bewusst nach Marilyn Monroe und Charles Manson benannt. Die Band 18 Summers hieß übrigens lange Jahre Silke Bischoff, was man ganz und gar geschmacklos finden, aber vielleicht auch verstehen kann, wenn Sänger Felix Flaucher erklärt, dass es ihm um das Schicksal einer Einzelperson gehe, das viel stärker berühren kann als das einer anonymen Menge.

Wenn wir als Schüler im Geschichtsunterricht Fotos aus den frisch befreiten Konzentrationslagern gezeigt bekamen, war die Botschaft klar: So etwas darf nie wieder passieren, sorgt gefälligst dafür! Was aber sollen uns die Fotos von Gladbeck3 heute sagen? Für Journalisten schwingt da natürlich ein „nie wieder“ mit und die – zugegeben eher theoretische – Frage, wie man sich eigentlich selbst in einem solchen Fall verhalten würde. Aber Journalisten sind eine ziemliche Minderheit.

Andererseits rufen Medien in Großbritannien oder den USA schon länger ihre Zuschauer bzw. Leser dazu auf, sich bei großen Ereignissen (also spannenden Katastrophen) an der Berichterstattung zu beteiligen. So kam CNN im vergangenen Jahr an einen Teil seiner Bilder vom Amoklauf in Blacksburg, VA. Udo Röbel, der sich damals als Reporter des Kölner „Express“ besonders unrühmlich hervortat, als er zu den Tätern ins Auto stieg und sie aus der Stadt lotste, sagt jetzt in einem sehr lesenswerten Artikel der „Süddeutschen Zeitung“:

„Aber was ich schon glaube, ist, dass wir irgendwann ein Gladbeck anderer Art kriegen könnten. Inzwischen tummeln sich ja Leute in der Medienwelt, die Journalismus gar nicht gelernt haben. Es gibt Müller, Meier, Schulze, die mit dem Handy unterwegs sind und jederzeit in Situationen kommen können, wo etwas passiert, was sie dann filmen.“

Vielleicht würde ein ähnliches Verbrechen heute unter der 1414 stattfinden.

Lange wird die Erinnerung an „Gladbeck“ und die Selbstreflexion allerdings sowieso nicht vorhalten: am 28. August steht „20 Jahre Ramstein“ an.

  1. Dass das Foto inzwischen aus der Online-Version des Artikels entfernt wurde, hat wenig zu bedeuten – erfahrungsgemäß hat das bei Bild.de häufig mit Bildrechten und selten mit Anstand zu tun. []
  2. Der Fall Schleyer unterscheidet sich vom Fall Bischoff insofern, als die Entführer die Fotos selbst gemacht haben – zum einen, um zu beweisen, dass sie Schleyer tatsächlich in ihrer Gewalt haben und er noch lebt, zum anderen sicher auch, um ihr Opfer zu demütigen. []
  3. „Gladbeck“ ist ja in diesem Fall auch nur ein vereinfachendes Schlagwort, Silke Bischoff wurde ja in Bremen als Geisel genommen, die berühmt-berüchtigten Fotos entstanden auf der Domplatte in Köln. []

6 Kommentare

  1. kaltmamsell
    15. August 2008, 18:37

    Das fiel 1988 genau in das letzte halbe Jahr meines Volontariats bei einer Tageszeitung, das ich auch noch im dafür verantwortlichen Ressort (Weltspiegel) verbrachte. Möglicherweise begann mit diesem Horror mein Abschied vom Journalismus. Heute verdiene ich mein Geld mit PR. Das fühlt sich ehrlicher an.

  2. SvenR
    15. August 2008, 21:31

    Jetzt habe ich einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Okay, ich bin ja noch immer emotional zerrüttet (wird langsam besser und wandelt sich in reines Glück), aber dieser Text geht mir nahe. Warum hat eine Ex-Terroristin (zurecht) die Möglichkeit unter einem neuen Namen ein neues Leben zu beginnen und die Angehörigen von Silke Bischoff und der anderen Geisel, deren Namen mir immer noch erinnerlich ist, den ich aber nicht hinschreiben werde, werden jetzt alle zehn Jahre aufs neue „bestraft“?

    Cui bono, wem nutzt es? Gut, von der Bild erwarte ich sowieso nichts anderes. Es machen aber alle mit.

  3. rea.d
    16. August 2008, 0:08

    Ich war damals auch Volontärin, in Köln, gerade 2 Wochen dabei. Für mich ist also die Frage, „Wie hätte ich mich verhalten“, nicht so theoretisch. Was ich vor allem – viel später – daraus gelernt habe: Journalisten lernen „on the job“ keine ethischen Standards, sondern werden sofort in das Handlungssystem einer Redaktion integriert. Über die Richtigkeit des Tuns wurde nicht nachgedacht; erst, als Silke Bischoff tot war, wachten alle auf wie aus einem Wahn, dem Wahn, etwas Aufregendes erlebt zu haben. Einzig die Express-Reporter wurden verteufelt, alle anderen bestätigten sich gegenseitig in ihren Rechtfertigungen. Wir Volontäre wurden nicht dazu angehalten, das zu hinterfragen – auch nicht bei den „seriösen“ Regionalzeitungen.

  4. Stefan
    17. August 2008, 0:02

    Ich war im 8. Monat, also noch nicht auf der Welt. Vor ein, zwei Jahren habe ich zufällig Silke Bischoff gehört. Nach einigen Liedern habe ich mich über den Namen gewundert und bei Wiki nachgelesen.

    Vorhin im Fernsehen kam ein Bericht über das Gladbecker Geiseldrama. Es ist unglaublich. Wie in amerikanischen Filmen mit Verfolgungsjagd und sensationsgeiler Presse.

  5. niels
    17. August 2008, 13:52

    Röbels Statement ist ja irgendwie schräg. Journalistische Grenzübschreitungen waren vielleicht nie wieder so offenkundig wie damals, aber sie sind dennoch alltäglich. Jetzt so einen gewagten Bogen zu spannen zu bösen „Leserjournalisten“, die ja nicht zuletzt von etablierten Medien zu ihrem Treiben angestiftet werden, hat was von den Bock zum Gärtner machen.

  6. Coffee And TV: » Die zwei Bedeutungen von “Erinnerung”
    21. April 2009, 16:47

    […] wie schon im letzten Jahr, als der 20. Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas anstand, frage ich mich, ob die Presse auf alle […]