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Literatur Musik

And through it all

Früher waren Leute berühmt, weil sie etwas (z.B. malen, singen, schreiben, Kriege gewinnen) besonders gut konnten. Heute sind sie berühmt, weil sie das Eine gut konnten und jetzt etwas ganz anderes machen (z.B. Fernsehköche, Lena Meyer-Landrut, Donald Trump — wobei: was kann der schon?). Benjamin von Stuckrad-Barre war vor fast 20 Jahren der gefeierte Jung- bzw. Popliterat (“Popjungliterat” ging wohl irgendwie nicht), vor zwei Jahren der geläuterte Held seiner Autobiographie und ist jetzt binnen weniger Monate zum König von Instagram geworden. Gut: Über 18.000 Follower lachen echte Influencer natürlich, aber was er da in kurzer Zeit für eine (uh, ah) Community aufgebaut hat, ist schon beeindruckend. Erwachsene Leute, die sich weigern würden, einer Partei oder auch nur einem Sportverein beizutreten, filmen sich dabei, wie sie den (wirklich extrem catchygen) Titel seines neuen Buchs in die Kamera sagen: “Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen — Remix 3”.

Und so ist dieser Abend hier in der Bochumer Zeche ein bisschen wie die “Glow” im Kleinen. Für Leute, die mehr Bücher als Makeup zuhause haben. Erstmal den Backdrop (auf dem dann doch nur Platz für “Remix 3” war) bei Insta posten! In der Reihe hinter mir sagen Männer den Satz, den Männer im Jahr 2018 so sagen, wenn sie das mit der Rockstar-Karriere wirklich aufgegeben haben und die E-Gitarren als Deko im Pinterest-Wohnzimmer verstauben: “Lass mal ‘nen Podcast zusammen machen!”

Um kurz nach Acht geht das Saallicht aus, ein popkulturelles Maximal-Mashup erklingt und dann, als Aufmarschmusik: “The Heavy Entertainment Show” von Robbie Williams. Das lief aber beim letzten Mal vor zwei Jahren auch schon! Der Popliterat ist von Anfang an voll da und muss erstmal umständlich eine Noel-Gallagher-Fahne am Tisch befestigen (“Es ist halt schon einfacher, wenn man Joko und Klaas ist!”). Die hat er beim Konzert in Hamburg gekauft, von dem er ausführlich via Instagram-Story berichtet hatte — und ich lag im Bett, sah das auf meinem iPhone und fühlte mich ein bisschen, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Das Wort “Lesung” hat es bei Stuckrad-Barre noch nie so richtig getroffen, fast wichtiger als die Texte ist das Drumherum, das Rumhibbeln und das Abschweifen. Als er dann trotzdem liest, steigt er direkt mit dem stärksten Text des Buches ein, einem Porträt über Jürgen Fliege, das ich schon bei Erstveröffentlichung in der “Welt” gelesen und gefeiert, danach aber für sechseinhalb Jahre vergessen hatte. Es ist ein Text der Sorte “Unsagbar gut, muss ich jetzt täglich drei Mal lesen, um mir zu merken, wie man eigentlich schreibt!”

Überhaupt: “Remix” (das eine wilde Sammlung von zuvor veröffentlichten Texten enthielt und damals gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors nicht “Remix 1” hieß) war im Sommer vor 18 Jahren das Buch, bei dem es bei mir “Klick” gemacht hat, und nach dem ich angefangen habe, eigene, sehr meinungsfreudige Texte zu schreiben und ins Internet zu stellen (wo sie hoffentlich weniger Leser*innen hatten als ich heute Follower auf Instagram). An “Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft: Remix 2” kann ich mich kaum erinnern (und dem Autor geht es da vermutlich genauso), die Brillanz kam dann erst wieder mit “Auch Deutsche unter den Opfern” zum Vorschein.

All diesen Büchern ist gemein, dass es sich um Textsammlungen handelt, die Themen und vor allem die Qualität also etwas schwanken. Nach dem grandiosen Besuch beim TV-Pfarrer folgt also in der Live-Darbietung ein Text darüber, wie sich Stuckrad und seine Freundin Partnertattoos stechen lassen, weil sie so verliebt sind. Das ist im Buch schon einer der schwächsten Texte (die Faustregel, wonach glückliche Künstler keine gute Kunst erschaffen können, hat leider weiterhin Bestand), wird in der Gegenwart aber auch nur bedingt dadurch aufgewertet, dass Beziehung und Tattoos inzwischen schon wieder Geschichte sind.

Zur Auflockerung sollen danach alle, die auch bei Instagram sind, auf die Bühne, damit er uns fotografieren und hinterher taggen kann. Wir kommen der Aufforderung brav nach, in diesem Moment ist völlig unklar, ob das hier die Gründungsveranstaltung einer neuen Sekte ist und wie viel das noch (wenn überhaupt) mit Ironie zu tun hat. Wir stellen uns also zum ersten Klassenfoto seit 15, 20 Jahren auf und nachdem wir endlich richtig stehen und Stuckrad-Barre sein Foto gemacht hat, bedankt er sich so überschwänglich, dass langsam klar wird: der meint das ernst. Er macht sich ständig über diesen Instagram-Kram und seine Rolle darin lustig, aber er genießt es wirklich, diese Stimmung in die echte Welt zu holen: “Auf Instagram gibt’s keine Nazis, da gibt’s nur Herzen!” Hach.

Die Idee, im Frühjahr 2018 einen Text über die Fußball-WM 2010 zu lesen, ist dann geradezu absurd, aber drumherum kommen wieder so viele Ausschweifungen, dass Jogi Löws babyblauer Babykashmir-Pullovera jetzt wirklich kaum noch was zur Sache tut. Dafür gibt es Geschichten aus dem Chateau Marmont, “in dem ich aus Image-Gründen lebe — zumindest so lange, bis die ganze Kohle aufgebraucht ist und ich wieder auf Lesereise gehen muss”, und eine Diskussion mit einer Zuschauerin über Tocotronic (inkl. Hörprobe und Ausführungen darüber, dass man als Fan die Schuld für das Nicht-mehr-Verstehen eines Idols bei sich selbst suchen sollte). Als Zugabe, für die er aber gar nicht erst von der Bühne geht, dann den wiederum sehr guten Text über ein Madonna-Konzert, bei dem das mit dem ständigen “Remix” jetzt endlich mal Sinn ergibt (oder so ähnlich), weil Stuckrad den Namen “Madonna” (beinahe) konsequent durch “Bettina Böttinger” ersetzt.

Ein Lied habe er noch für uns, sagt er schließlich und aus der augenzwinkernden Popkulturreferenz wird plötzlich Ernst, denn vom Band (sagt man noch “Band”?) läuft jetzt plötzlich eine Live-Version von Robbie Williams’ “Angels” und der Popliterat wird zum Sänger (und das nicht mal schlecht):

Das ist nun plötzlich no surface, all feeling: Anders als niedere Unterhaltungskünstler wie Jan Böhmermann es vielleicht machen würden, ist das hier keine Pose mit Fluchtmöglichkeit auf die Ironie-Ebene. Benjamin von Stuckrad-Barre meint das hier alles völlig ernst: Er singt ein Lied, das er liebt, und ist umgeben von Menschen, die sich freuen, hier zu sein. Um das jetzt doof zu finden, muss man entweder sehr kaltherzig sein oder mit Popkultur so gar nichts anfangen können (was aufs Selbe rauskommt).

Am Bücherstand dürfen wir uns alle selber auf dem Gruppenfoto markieren, der Autor signiert und posiert lange für Fotos, die natürlich alle auf Instagram landen. Falls es so etwas gibt, fühlt es sich an wie die denkbar positivste Version eines Klassentreffens. Auch wenn wir da alle natürlich eigentlich nie hingehen würden.

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Literatur

Hinter dem Horizont geht’s weiter

“lit.COLOGNE zählt nicht: Da ist überall ausverkauft!”

Ist das Koketterie, Understatement oder echter Selbstzweifel? Bei Benjamin von Stuckrad-Barre weiß man ja nie. Vermutlich hätten die Mitarbeiter vom Verlag und vom WDR alleine den Sendesaal (“Ist das eigentlich der große?”) vollgemacht, aber es gibt wohl auch genug zahlende Gäste und auch noch genug zahlungswillige, für die dann aber leider echt kein Platz mehr ist. Quasi-Heimspiel, Comeback, jetzt aber wirklich!

Stuckrad-Barre hat, das war in den letzten Tagen vielleicht gelegentlich mal in den Feuilletons und Kultursendungen angeklungen, ein neues Buch geschrieben, das “Panikherz” heißt, von ihm selbst konsequent als “Memoir” bezeichnet wird und eine Bestandsaufnahme der ersten vierzig Jahre Leben ist, die auch Stoff für achtzig Jahre geboten hätten. Jetzt sind’s eben 564 Seiten geworden.

Im ersten Kapitel, das hier heute Abend live vorgelesen wird, geht es um die Zeit in der Redaktion der kurzlebigen ARD-Sendung “Privatfernsehen” mit Friedrich Küppersbusch. Das ist insofern lustig, weil Friedrich selbst auf der Bühne sitzt und vorliest, was da über ihn, Küppersbusch, in der dritten Person geschrieben steht. Ich habe mehr als 15 Jahre später in der Redaktion seiner (von vornherein als kurzlebig geplanten) WDR-Sendung “Tagesschaum” gearbeitet und neben mir sitzt der Redaktionsleiter beider Sendungen und ich versuche, alle seine Reaktionen zu deuten. Hallo, Hermeneutik!

Es geht dann aber recht schnell auch um das, was “Panikherz” für die etwas boulevardesker eingestellten Journalisten interessant macht: um Drogen, Abstürze und Selbstzweifel. In einer langen, aber grandiosen Passage erklärt Stuckrad-Barre, warum er unter keinen Umständen zu seinem 20-jährigen Abitreffen gehen konnte — dass jeder seinen Aufstieg und Fall, wenn schon nicht live medial miterlebt, in der Wikipedia nachlesen kann, spielt dabei keine Rolle, er findet genug andere Gründe.

In den vorgelesenen Kapiteln sind Selbstzweifel und Maximalabstürze mitunter schon auf Pointe gebürstet, das hilft hier natürlich, denn über zwei Stunden Elendsbeichte wären dann – lit.COLOGNE hin oder her – vielleicht doch ein bisschen zu viel. Kann man ja dann zuhause noch mal nachlesen und feststellen, dass es eigentlich gar nicht lustig ist. Und ohne Stuckrads Udo-Lindenberg-Imitationen (es geht in dem Buch viel um Udo Lindenberg, den Helden seit Kindheitstagen und Retter in den dunkelsten Stunden) fehlt bei der Lektüre im Lehnstuhl dann auch was.

Zwischendurch denke ich: Da sitzen jetzt echt der Mann, dessentwegen ich schon als Kind zum Fernsehen wollte, und mit dem ich heute ab und zu Podcasts produziere, und der Mann, dessentwegen ich als Teenager mit dem Schreiben angefangen habe, auf einer Bühne und lesen aus einem Buch, das zwar eigentlich eine Autobiographie – Verzeihung: ein Memoir! – ist, das aber auch super als Atlas der Popkultur der letzten 20 Jahre taugt. Tell me more, tell me more!

Zwischen dem Auftritt mit Rockstargeste zu “Suburbia” von – natürlich! – den Pet Shop Boys und der Verabschiedung mit völlig aufrichtig wirkender Dankbarkeit liegen viele Seiten des Buches und einiges an Geplänkel zwischen den beiden Vortragenden. Wer alles deuten und interpretieren will, sieht das gealterte ADHS-Kind während dieser Zeit sicherer – und damit weniger albern – werden. Wer bei der langen Umarmung, bevor Friedrich Benjamin die Bühne zur Zugabe überlässt, nicht schlucken muss, hat ein frittiertes Herz.

Benjamin von Stuckrad-Barre ist wieder da und es sieht aus, als plane er zu bleiben. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte: ich hab noch über 400 Seiten vor mir.

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Rundfunk Literatur Radio

Pop revisited

von Katharina Schliebs und Lukas Heinser

Einslive jedenfalls, die “Jugendwelle” des Westdeutschen Rundfunks, feierte am Freitag ihren 15. Geburtstag.

Wir verbrachten den ganzen Nachmittag in einer Köln-Ehrenfelder Wohnung, ließen uns bekochen und hörten dabei Einslive. Zumindest letzteres gehört zu den Dingen, die Menschen in unserem Alter sonst eher vermeiden. Doch diesmal war es etwas anderes: Wir hörten regelrecht gebannt zu und veranstalteten ein privates Popquiz, denn gefeiert wurde mit einem eigentlich nur brillant zu nennenden Sende-Marathon, in dem zwischen 6 und 21 Uhr jede Stunde einem anderen Jahr gewidmet war. Los ging es mit dem Jahr 2009 und dann immer weiter vorwärts in die Vergangenheit.

So saßen wir zu dritt vor dem Radio und hörten die Jahre 1998, 1997, 1996, 1995 und wurden dabei immer alberner und übertrafen und gegenseitig mit Nerdwissen aus 100 Jahren Popmusik. Dabei sind persönliche Musikhör-Biografien natürlich irgendwann stark abweichend zu dem, was im Radio an Musik läuft. Dennoch darf man nicht unterschätzen, wie viel Radio man dann aber doch gehört hat und wie viele Lieder man kennt, auch wenn man sie eigentlich schlimm oder belanglos findet (Wer um alles in der Welt kann ernsthaft auf die Idee kommen, ein so völlig egales Lied wie “Got ‘Til It’s Gone” von Janet Jackson irgendwie gut zu finden oder sogar die Single zu kaufen? Ein Riesenhit dennoch!), und wie viele Erinnerungen verbunden sind mit diesen Radiopopsongs und den Radiocomedys. Und sogar mit den Betten, Drops und Jingles! Niemals hätte man “Einslive macht hörig” rausschmeißen dürfen.

Exkurs “Nerdwissen über Einslive”: Früher kam direkt nach den Nachrichten eine Begrüßung. Mit dem Relaunch 2007 lief nach den Nachrichten erst ein Lied und dann sagte der Moderator Hallo. Sogar diesen Relaunch hat Einslive für einige Stunden zurückgenommen und die Moderatoren haben wieder direkt nach den Nachrichten eine Begrüßung gesprochen! Mit dem Original-Bett von früher! Und wenn das niemandem sonst auf der ganzen Welt aufgefallen sein sollte: In der Ehrenfelder Küche wurde es bemerkt. Und bejubelt. Exkurs Ende.

Je näher der Rückblick dem Gründungsjahr 1995 kam, desto deutlicher wurde die Rolle, die Eins Live bei der eigenen Adoleszenz gespielt hatte: Nahezu jeden Song konnten wir noch mitsingen — nicht bei jedem kannte man Titel und Interpret, aber wir hatten alles unzählige Male gehört. Damals tatsächlich noch ausschließlich über Radio, denn wir hatten ja nichts. Die Zielgruppe, die jetzt zuhause vor dem Webstream saß und damals noch gar nicht geboren war, wird in 15 Jahren kaum so viele gemeinsame Erinnerungen an ein Medium ihrer Jugend haben.

Wir fühlten uns natürlich alt und sprachen darüber, dass das Konservative manchmal auch seine guten Seiten habe, der Gastgeber brachte Bier — und das war der Moment, in dem wir entdeckten, dass die “Beck’s”-Flaschen neue Etiketten haben. Unsere Reaktion darauf darf man ruhig hysterisch nennen.

Was ja auch nur in einer Medienmetropole wie Köln geht: Den Beginn einer landesweit ausgestrahlten Sendung am heimischen Radio verfolgen und eine Stunde später selbst in der Sendung sitzen und applaudieren. Benjamin von Stuckrad-Barre war zu Gast in der Sendung “Klubbing” und das passte irgendwie ganz wunderbar zur Popkultur-Nostalgie an diesem Karfreitag: Stuckrad-Barre verkörpert die späten 1990er Jahre fast noch besser als Eins Live. Aber während der Sender mit seinem immer profilärmeren Programm gerade die größte Hörerschaft seiner Geschichte feiert, hat es der Literat mit seinem durchaus famosen neuen Buch “Auch Deutsche unter den Opfern” nicht mehr auf die sichtbaren Plätze irgendwelcher Bestselller-Charts geschafft. In großen Buchhandlungen liegen zwar genug Exemplare von “Axolotl Roadkill” aus, um damit die ganze Oberstufe eines Gymnasiums zu versorgen, aber den neuen Stuckrad-Barre müsste man bestellen. Wenn einem das jemand vor zehn Jahren erzählt hätte, als man am Tag der Veröffentlichung von “Blackbox” kleine Buchläden in Dinslaken und Göttingen gestürmt hat …

Wenigstens seine Lesungen (zuletzt gerne mit Christian Ulmen) sind immer noch ausverkauft. Und auch hier im dritten Stock über dem nächtlichen Mediapark ist der Einslive Salon gut besucht. Außen an der Tür hängt immer noch ein Schild, das den Raum als “Kultkomplexcafé” bezeichnet, dieser seltsam absurde Name, der in seiner Eigenartigkeit unbedingt erhaltenswert gewesen wäre, denn “Salon” ist ja nun doch, mit Verlaub, immer noch das, wo man zum Haareschneiden hingeht.

Das erste Gespräch, das Sabine Heinrich mit Stuckrad-Barre noch ohne Publikum im Studio führte, ließ zwar nicht das Schlimmste, aber doch Ungutes befürchten: Nach einem etwas umständlichen “Sie oder Du”-Einstieg waren die beiden ungefähr eine Minute beim sehr unergiebigen Thema “Ostermärsche” hängen geblieben, wobei Stuckrads Antworten zusehends knapper und genervter klangen.

Doch dann steht sie vor einem und man ist sofort verzaubert: Sabine Heinrich hört sich besser an und sieht besser aus als im Fernsehen, wie sie da auf der Bühne des Einslive Salons steht und dem Publikum erklärt, dass es die Handys nach der Lesung gerne wieder anstellen darf. Eins ihrer Hosenbeine ist aus den Stiefeln gerutscht und hängt jetzt über dem Schuh, sie trägt ein weißes T-Shirt und einen Pferdeschwanz, und wenn sie so die Echo-Verleihung moderiert hätte, dann wäre das mit Robbie Williams vielleicht was geworden.

Jetzt aber betritt erst mal Benjamin von Stuckrad-Barre die Bühne. Er sitzt nicht einfach schon da rum wie viele andere Autoren vor ihm, er braucht den Auftritt — und wenn es nur einer durch eine ganz normale Zimmertür ist. Hat er nicht früher seine Lesungen auch mit “Let Me Entertain You” eröffnet?

Benjamin von Stuckrad-Barre

DJ Larse legt irgendwelche Elektro-Musik auf, dann wird abwechselnd gelesen und getalkt, wobei sich zwei Dinge abzeichnen: Stuckrad-Barre ist ein sehr guter Autor, aber ein noch besserer Performer, und Sabine Heinrich ist zwar eine wahnsinnig charmante Moderatorin, aber eben auch eine eher nur mittelgute Interviewerin.

Es ist ein denkbar ungünstige Konstellation: Eine aufgeregte Fragestellerin trifft auf einen Talkgast, der keinerlei Bereitschaft zeigt, die etwas unglücklich formulierten Fragen wohlwollend aufzunehmen. “Was ist denn ein Sittengemälde?” – “Naja ich mein das ist ein ganz schönes deutsches Kompositum. Sitten-Gemälde. Das ist ja … Heiz-Körper. Was ist ein Heizkörper?” – “Ich hab noch nie so ein Wort benutzt! Sittengemälde!” – “Du bist zuviel mit Matthias Opdenhövel zusammen.”

Es läuft nicht. Im Salon ist es heiß, stickig, und sehr, sehr voll. Man könnte jetzt die eigene Hand abnagen (oder die des Sitznachbarn). Mag gar nicht aufhören, den Dialog zwischen Sabine Heinrich und BvSB wiederzugeben, man kann einfach nicht weghören.

Sabine Heinrich sagt: “Hör mal, in deinem Buch war mal die Rede von Müsli mit Brombeeren.”
BvSB: “Ja, das ist saisonabhängig. Nä?”
Heinrich: “Pflückst du die selber in deinem eigenen Garten?”
BvSB: “Im Supermarkt.”
Heinrich: “Eigener Biogarten.”
BvSB: “GARTEN?!? Nein, nein. Gärten gilt es wirklich zu vermeiden. Das ist ja der Anfang vom Ende.”
Heinrich: “Du hast ja auch keine Küche, hast du gesagt.”
BvSB: “Aber das mit dem Garten stimmt! Ja, nee, nein. Gärten.”

Es geht so weiter. Frau Heinrich fragte, wie Herr von Stuckrad-Barre lebt, wie er wohnt, was er von Möbeln hält, ob er denn selber kocht (Antwort: “Nein!”). Er kann sich offensichtlich nicht entscheiden, ob er Frau Heinrich jetzt wirklich permanent auflaufen lassen soll oder nicht und schwankt dann zwischen absoluter Sabotage des Gesprächs und mitleidigem Nachgeben.

Und man will ja Sabine Heinrich nett finden! Und ein bisschen Mitleid mit ihr haben, weil Benjamin von Stuckrad-Barre sich so bockig zeigt! Aber dann sagt sie Sachen, da ist man froh, dass ihr Gesprächspartner entsprechend reagiert:

“Ich hab dich bei Jörg Thadeusz in der Sendung gehört, als Podcast, liebe Grüße an den Jörg, und der hat dich gefragt, -”
“Jetzt wird’s aber ein bisschen privat, oder?“, unterbricht Stuckrad-Barre erneut, zurecht, leicht amüsiert.
“Es kann ja sein, dass Jörg diese Sendung beim Laufen hört”, gibt Frau Heinrich tapfer zu bedenken.
“Na dann aber auch schöne Grüße. Lieber Jörg, es war schön mit dir in Leipzig.“ Zu Frau Heinrich, verschwörerischer Unterton: “Meinze der hört das?” – “Bestimmt!” – “Jörg? Sollen wir in Bochum zusammen lesen oder in Dortmund?”

Und jetzt raten Sie, wer im Publikum an dieser Stelle nicht an sich halten kann und laut “Bochum!” ruft. Stuckrad-Barre wendet sich daraufhin dem Publikum zu und will das ausdiskutieren, aber da wirft sich Frau Heinrich dazwischen: “Darf ich jetzt bitte mal meine Frage durchbringen?!” Sie darf. Aber sie hätte es auch lassen können.

Irgendwann liest Stuckrad-Barre Ausschnitte aus dem längsten Text des Buches, in dem er von der Entstehung der letzten Udo-Lindenberg-Platte berichtet. Was bei der Lesung nur am Rande anklingt: Es ist einer der persönlichsten und intensivsten Texte, den der Autor je veröffentlicht hat. Kommt Lindenberg zu Wort, parodiert Stuckrad den typischen Tonfall des Musikers, was sehr, sehr peinlich wirken könnte (steht nicht irgendwo im Frühwerk des Popliteraten, dass Lindenberg an Parodisten-Schulen in der ersten Stunde auf dem Lehrplan stünde?), hier aber magischerweise funktioniert. Als Sabine Heinrich im inzwischen legendären Angela-Merkel-Interview die Rolle der Kanzlerin liest, ist sie allerdings ihrerseits so klug, auf jedweden Parodie-Versuch zu verzichten.

Um Mitternacht ist die Sendung vorbei, Karfreitag und das Tanzverbot. Es ist wieder 2010 und Einslive klingt auch wieder so. Alle sind wieder so alt, wie sie sich fühlen, und Benjamin von Stuckrad-Barre signiert Bücher.

Podcast der Sendung herunterladen

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Charlotte Roche las BILDblog

Die Maßeinheit für verspätet vorgetragene Zeitgeistthemen heißt “Polylux”. Entsprechend unangenehm ist es mir, meinen eigenen kleinen Film mit ein paar Impressionen der BILDblog-Lesung erst jetzt, nach vollen sieben Tagen, präsentieren zu können. Er hing so lange hinter den sieben Hardenbergen, bei den sieben Hardenzwergen fest. Oder auf deutsch: Es gab erhebliche technische Schwierigkeiten, die zu 85% auf meiner geringen Weitsicht beruhten.

Aber jetzt ist er ja endlich da und Sie sollen ohne weitere zu Gesicht bekommen, wie es war, als Charlotte Roche, die in Wirklichkeit noch charmanter, aber auch noch ein bisschen kleiner ist als im Fernsehen, BILDblog las:

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