Wir haben uns für die Erbsensuppe entschieden

Von Lukas Heinser, 20. September 2009 12:25

Die gelernte Naturwissenschaftlerin Merkel wird diese Art Beweisführung zulassen müssen: Um ein unbekanntes Element zu erforschen, kann es hilfreich sein, die Daranheftenden und Drumherumschwirrenden zu definieren. Wenn sie zum stets in ihrer Nähe schleichenden Pofalla blickt, nickt er meist sofort. Oder schüttelt den Kopf. Was halt gerade gewünscht wird. Seine Größe ist allein durch Unterwerfung bedingt.

Der Typus Pofalla wird nicht abgestoßen von Merkel, anders als widerständigere Charaktere.

Benjamin von Stuckrad-Barre, das vergisst man gerne, hat ja nur einen Roman und eine Handvoll fiktionaler Texte veröffentlicht. Den Großteil seines Werks machen journalistische Arbeiten aus, besonders Reportagen.

Und die kann der Mann, der kürzlich vom Magazin „Cicero“ sehr schön porträtiert wurde, auch immer noch schreiben — man kriegt davon nur nichts mit, weil sie in Zeitungen wie der „Welt am Sonntag“ veröffentlicht werden.

Dass es über Merkel, je länger sie regiert, immer weniger Witze gibt, ist auch merkwürdig. Wenn Opposition, Herausforderer und Kommentatoren ihr mangelnde Greifbarkeit vorhalten und quecksilbrige Positionen, klingt das hilflos. Wenn aber den Witzemachern zu ihr nichts mehr einfällt, müssen wir das vielleicht ernst nehmen.

Seine Reportage über eine Zugfahrt mit Angela Merkel kann ich Ihnen nur wärmstens empfehlen, nicht zuletzt wegen des sagenhaften Nicht-Interviews, aus dem man mehr über die Kanzlerin erfährt als aus vier Jahren Regierungsverantwortung:

Wenn Sie aus dem Zug schauen, was für ein Land sehen Sie?

Ich sehe ein ziemlich intaktes Land, im Vergleich zu anderen Ländern, in denen man schon so war.

(Man! Länder, in denen man schon so war! Das erste, was einem ein Psychotherapeut beibringt: Sagen Sie nicht „man“, sagen Sie „ich“. Das erste, was man als Profipolitiker wahrscheinlich lernt: öfter mal „man“ sagen, dann kann nichts groß passieren.)

„Wie war die Wurst?“ von Benjamin von Stuckrad-Barre bei welt.de.

15 Kommentare

  1. pell
    20. September 2009, 12:36

    Sie wirkt fast ein bisschen lethargisch, ja sogar zum Teil deprimiert mit ihren knappen Antworten.

  2. SvenR
    20. September 2009, 17:08

    Politiker-Miakodo – wer sich zuerst bewegt, verliert. Wahrscheinlich geht’s sich aus.

  3. Hirnschrittmacher » “Wie war die Wurst?”
    21. September 2009, 8:39

    […] [via] Tagged: Adenauer, Artikel, CDU, Merkel, Pofalla, Reportage, Rheingold, Vergangenheit, Welt, Zugfahrt […]

  4. Kathi
    21. September 2009, 11:46

    Oh, Herr von Stuckrad-Barre. Ich habe seine Texte geliebt, bis „Deutsches Theater“. Jahrelang nix mehr gehört, dann saß er auf einmal bei Frauke Ludowig in Monaco und hat irgendein Formel-1-Rennen kommentiert, fing an, Details über Frau Engelke preiszugeben (ob wahr oder nicht, er wirkte unfassbar weinerlich und selbstgerecht), dann diese Exklusivarbeit für Springer…

    Vielleicht hat er durch die anhaltende Ablehnung und die persönlichen Angriffe auf sich, die Ende der 90er passiert sind, einen großen Schaden davongetragen und reagiert jetzt mit der Darstellung seiner Person als glitschigster Fisch von allen, so oft ironisch gebrochen, dass ihn keiner mehr sieht – hoffentlich tut er selbst es noch, wenn er in den Spiegel sieht.

    Ich kann damit jedenfalls nix anfangen, denn ja: Bekenntnisse gegen Springer a la Niggemeier und Roche mögen lächerlich sein. Aber sie sind von Ehrlichkeit, und damit auch angreifbar. An Stuckrad-Barre gleitet alles ab. Das finde ich fies.

    Die Reportage ist dennoch super, vielleicht sollte er sich ein Pseudonym zulegen. Danke fürs Verlinken.

  5. Matthias
    21. September 2009, 16:18

    Bin ich eigentlich der einzige, der es bedenklich findet, dass ein Großteil der Kommentatoren unter dem Welt-Artikel dem Autor Wahlwerbung für die CDU vorwirft? Ist es um die Lesekompetenz in Deutschland wirklich schon so schlimm bestellt?

  6. hagen
    21. September 2009, 17:04

    @matthias: war auch mein eindruck, die erschreckend große zahl der kommentare, die verrieten, dass der verfasser die zwischentöne ganz und gar nicht mitbekommen hat …

  7. Tobias
    21. September 2009, 17:10

    @ Matthias und hagen:
    Das liegt daran, dass der Grossteil der Welt.de Leser die Republikaner, als eine „konservative“ Alternative zur sozialistischen CDU waehlt.

  8. Lukas
    21. September 2009, 18:29

    Großer Gott, Ihr könnt doch nicht bei welt.de die Kommentare lesen!

  9. Hannah
    21. September 2009, 22:06

    doch, das ist sogar ziemlich spannend – Lesekompetenz teilweise mangelhaft

  10. Bernie
    23. September 2009, 0:01

    Großartig auch damals sein Stück über Wowereit in der Jubiläums-„Tempo“. Kann man wieder und wieder lesen.

  11. Talent Copies - Genius Steals » Blog Archiv » Lese-Empfehlung: Stuckrad-Barre über Merkel
    23. September 2009, 23:14

    […] mir Benjamin von Stuckrad-Barre zum ersten Mal seit Jahren wieder. Und da ist er schon wieder. Lukas empfiehlt diese Reportage des ehemaligen Pop-Literaten, der sich – von mir völlig unbemerkt – […]

  12. Susanne
    24. September 2009, 13:36

    Ich habe mir jetzt tatsächlich das Kommentar-Lesen bei welt.de gespart, aber zumindest was die Wahlbalken-Animation in der Mitte angeht, hatte der Ersteller wohl eindeutige politische Präferenzen (Direktlink zur Grafik: http://www.welt.de/multimedia/.....71778a.gif) …

  13. hagen
    25. September 2009, 0:14

    auch gut: von stuckrad-barre über, mit und bei wowereit.

    http://www.reporter-forum.de/f.....-barre.pdf

  14. Bookmarks vom 19. September 2009 bis 25. September 2009 | Herr Pfleger
    25. September 2009, 16:02

    […] Wir haben uns für die Erbsensuppe entschieden […]

  15. Coffee And TV: » Pop revisited
    4. April 2010, 0:03

    […] dem Lehrplan stünde?), hier aber magischerweise funktioniert. Als Sabine Heinrich im inzwischen legendären Angela-Merkel-Interview die Rolle der Kanzlerin liest, ist sie allerdings ihrerseits so klug, auf […]

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