Hinter dem Horizont geht’s weiter

Von Lukas Heinser, 18. März 2016 23:36

„lit.COLOGNE zählt nicht: Da ist überall ausverkauft!“

Ist das Koketterie, Understatement oder echter Selbstzweifel? Bei Benjamin von Stuckrad-Barre weiß man ja nie. Vermutlich hätten die Mitarbeiter vom Verlag und vom WDR alleine den Sendesaal („Ist das eigentlich der große?“) vollgemacht, aber es gibt wohl auch genug zahlende Gäste und auch noch genug zahlungswillige, für die dann aber leider echt kein Platz mehr ist. Quasi-Heimspiel, Comeback, jetzt aber wirklich!

Stuckrad-Barre hat, das war in den letzten Tagen vielleicht gelegentlich mal in den Feuilletons und Kultursendungen angeklungen, ein neues Buch geschrieben, das „Panikherz“ heißt, von ihm selbst konsequent als „Memoir“ bezeichnet wird und eine Bestandsaufnahme der ersten vierzig Jahre Leben ist, die auch Stoff für achtzig Jahre geboten hätten. Jetzt sind’s eben 564 Seiten geworden.

Im ersten Kapitel, das hier heute Abend live vorgelesen wird, geht es um die Zeit in der Redaktion der kurzlebigen ARD-Sendung „Privatfernsehen“ mit Friedrich Küppersbusch. Das ist insofern lustig, weil Friedrich selbst auf der Bühne sitzt und vorliest, was da über ihn, Küppersbusch, in der dritten Person geschrieben steht. Ich habe mehr als 15 Jahre später in der Redaktion seiner (von vornherein als kurzlebig geplanten) WDR-Sendung „Tagesschaum“ gearbeitet und neben mir sitzt der Redaktionsleiter beider Sendungen und ich versuche, alle seine Reaktionen zu deuten. Hallo, Hermeneutik!

Es geht dann aber recht schnell auch um das, was „Panikherz“ für die etwas boulevardesker eingestellten Journalisten interessant macht: um Drogen, Abstürze und Selbstzweifel. In einer langen, aber grandiosen Passage erklärt Stuckrad-Barre, warum er unter keinen Umständen zu seinem 20-jährigen Abitreffen gehen konnte — dass jeder seinen Aufstieg und Fall, wenn schon nicht live medial miterlebt, in der Wikipedia nachlesen kann, spielt dabei keine Rolle, er findet genug andere Gründe.

In den vorgelesenen Kapiteln sind Selbstzweifel und Maximalabstürze mitunter schon auf Pointe gebürstet, das hilft hier natürlich, denn über zwei Stunden Elendsbeichte wären dann – lit.COLOGNE hin oder her – vielleicht doch ein bisschen zu viel. Kann man ja dann zuhause noch mal nachlesen und feststellen, dass es eigentlich gar nicht lustig ist. Und ohne Stuckrads Udo-Lindenberg-Imitationen (es geht in dem Buch viel um Udo Lindenberg, den Helden seit Kindheitstagen und Retter in den dunkelsten Stunden) fehlt bei der Lektüre im Lehnstuhl dann auch was.

Zwischendurch denke ich: Da sitzen jetzt echt der Mann, dessentwegen ich schon als Kind zum Fernsehen wollte, und mit dem ich heute ab und zu Podcasts produziere, und der Mann, dessentwegen ich als Teenager mit dem Schreiben angefangen habe, auf einer Bühne und lesen aus einem Buch, das zwar eigentlich eine Autobiographie – Verzeihung: ein Memoir! – ist, das aber auch super als Atlas der Popkultur der letzten 20 Jahre taugt. Tell me more, tell me more!

Zwischen dem Auftritt mit Rockstargeste zu „Suburbia“ von – natürlich! – den Pet Shop Boys und der Verabschiedung mit völlig aufrichtig wirkender Dankbarkeit liegen viele Seiten des Buches und einiges an Geplänkel zwischen den beiden Vortragenden. Wer alles deuten und interpretieren will, sieht das gealterte ADHS-Kind während dieser Zeit sicherer – und damit weniger albern – werden. Wer bei der langen Umarmung, bevor Friedrich Benjamin die Bühne zur Zugabe überlässt, nicht schlucken muss, hat ein frittiertes Herz.

Benjamin von Stuckrad-Barre ist wieder da und es sieht aus, als plane er zu bleiben. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte: ich hab noch über 400 Seiten vor mir.

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