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… und wir sind nur die Kandidaten

Montagnachmittag im Kölner E-Werk: Außer Rentnern, Studenten und Arbeitslosen hat um diese Zeit eigentlich niemand Zeit. Trotzdem haben WDR und NDR es hinbekommen, 179 Bundesbürger anzukarren, die angeblich repräsentativ für 82 Millionen sind: alt und jung, aus Nord und Süd, Mann und Frau — die ganze Palette halt. Sie sollen SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier in einer dieser Townhall-Meeting-Simulationen, die der neueste Schrei im deutschen Polit-TV sind, auf den Zahn fühlen. Bizarrerweise bin ich einer dieser 179.

Nach dem nur verhaltenen Warm-Up durch einen Kollegen (es ist halt eine öffentlich-rechtliche Politiksendung, keine Privatfernseh-Comedy) begrüßen die Moderatoren Jörg Schönenborn und Andreas Cichowicz erst uns und dann den Mann, der Kanzler werden will. Steinmeier begrüßt die Zuschauer, die um ihn herum sitzen, routiniert und man ist froh, dass er nicht gleich mit dem Händeschütteln anfängt. Er hätte ja gar nicht kommen brauchen, sagt er, so toll habe ihn “der Jonas”, ein junger Zuschauer mit blondierten Haaren, der im Warm-Up seinen Platz eingenommen hatte, ja vertreten. Solche Aussagen sorgen für Stimmung, aber dann erinnert Schönenborn, der trotz seiner sonstigen Kernaufgabe, Zahlen von einem Monitor abzulesen, menschlicher wirkt als der lebende Aktendeckel Steinmeier, daran, dass wir ja nicht zum Vergnügen hier seien, und es geht los.

Die erste Frage wird gestellt und die erste Antwort gegeben. Im Vorfeld hatten sich die WDR-Redakteure telefonisch erkundigt, was man eventuell fragen wolle, aber im Studio lässt sich (außer bei ein paar ausgewählten Gästen) nicht zuordnen, wer welche Frage stellen würde — eine wie auch immer geartete Kontrolle scheint ausgeschlossen. Ein Mann wird vorgestellt, der 33 Jahre bei Hertie gearbeitet hat und “mit nichts mehr als einem feuchten Händedruck” (er muss sehr feucht gewesen sein, denn er findet zwei Mal Erwähnung) verabschiedet wurde. Hoffentlich war es nicht auch noch der selbe Hertie-Mitarbeiter wie vor drei Wochen bei RTL. Steinmeier sagt von Anfang an oft “ich” und “wir”, ohne dass klar wird, welche geheimnisvolle Truppe er damit meint. Die magischen Buchstaben “SPD” nimmt er nach 67 Minuten zum ersten Mal in den Mund, “CDU” folgt kurz darauf. Er redet viel und sagt wenig. Sagt ein Zuschauer, woher er kommt, kommen von Steinmeier stets die gleichen backchannels: “Rheda-Wiedenbrück, ah!”, “Grevenbroich, ah!”, “Bochum, ah!”. Ein Mann, der bei Continental arbeitet, wird fast zu Steinmeiers Joe the plumber: Zwar kann er sich den Namen des Mannes nicht merken, aber auf den “Arbeiter bei Conti” kommt der Kanzlerkandidat an jeder passenden und unpassenden Stelle gern noch mal zurück.

Konkrete Fragen beantwortet Steinmeier mit dem Hinweis, “sofort” auf den Kern zurückzukommen, nur um dann so weit auszuholen, dass er an einer beliebigen Stelle abbiegen und über irgendwas reden kann. Als Fragesteller ist man zu betäubt, um das sofort zu merken, und die Moderatoren wissen natürlich sowieso am Besten, dass sie hier keine konkreten Antworten erwarten können.

Eine ältere Dame, die zuvor bereits wüst in die Kamera gewunken hatte, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie eine Frage stellen will, hat ein paar kopierte Zettel dabei und fragt Steinmeier, ob er schon Gelegenheit gehabt habe, den aktuellen “Spiegel” zu lesen. Steinmeier wird aber gerade frisch überpudert und kann deshalb nicht antworten, weswegen Schönenborn bittet, eine konkrete Frage zu formulieren. Es geht um die Besteuerung von Sonntagsarbeit und Steinmeier antwortet, man dürfe auch nicht alles glauben, was in der Zeitung stehe. Obwohl es natürlich stimmt, kommt das ein bisschen meckerig rüber und die Dame entgegnet, es habe ja nicht in “Bild” gestanden, sondern im “Spiegel” und dem müsse man ja trauen. Ich hoffe, dass die Raummikros zu schwach eingestellt waren, als dass man mein glucksendes Gelächter auch noch zuhause hören könnte.

Weil ich ein “junger Mann im karierten Hemd” bin, darf ich auch eine Frage stellen, aber ich merke schon, als das Fragezeichen durch den Raum schwebt, dass das keine gute Idee war. Ich will wissen, ob Steinmeier manchmal von Murat Kurnaz träume, aber der Kanzlerkandidat antwortet mit dem Verweis auf irgendwelche Dokumentationen über sich und darauf, dass ein Untersuchungsausschuss seine (Steinmeiers) Unschuld bewiesen habe. Man müsse jetzt auch mal mit diesen Anschuldigungen aufhören, sagt er, während wir irgendwie haarscharf aneinander vorbei gucken, und ich das Gefühl habe, unter den Blicken der anderen Zuschauer und der Hitze der Scheinwerfer langsam zu zerfließen.

Mit Politikern zu sprechen ist eine der unbefriedigendsten Beschäftigungen überhaupt, weil einem immer erst hinterher klar wird, dass das gar kein Gespräch war, sondern eine Phrasen-Routine, die man schon im Informatikunterricht der siebten Klasse schreiben kann. (Es kann kein Zufall sein, dass Douglas Adams einst an einem Computerprogramm namens “Reagan” arbeitete, das Fernsehdebatten anstelle des US-Präsidenten hätte führen können.) Es macht fast mehr Spaß, im Herbst Laub zusammenzukehren und die Wiese kurz nach dem Wegpacken des Rechens schon wieder mit Blättern übersät zu sehen.

Das Thema Außenpolitik kommt in der Befragung des Außenministers nicht vor. Fragen nach afghanischen Tanklastern (“Wie viele davon werden wir noch in die Luft sprengen müssen, bis es in dem Land keine Taliban und keine Zivilisten mehr gibt und wir nach hause gehen können?”) verbieten sich wegen der Vorlaufzeit von fast 30 Stunden: Wer weiß, wie die Nachrichtenlage bei Ausstrahlung aussieht? Afghanistan kommt trotzdem vor, wenn auch anders als gedacht: Die Mutter eines Soldaten fragt nicht etwa, wann ihr Junge dauerhaft zuhause und in Sicherheit bleiben darf, sondern erkundigt sich nach besserer technischer Ausstattung für die Truppen. Dass sich die Sendung so amerikanisch anfühlen würde, war sicher nicht geplant.

Zur Auflockerung werden Steinmeier zwischendurch zwei “Wer wird Millionär?”-mäßige Quizfragen gestellt. Es fällt schwer zu glauben, dass eine mutmaßlich gut bezahlte Redaktion in monatelanger Vorbereitung nicht über “Was werden Sie nach dem Ende der großen Koalition am meisten vermissen? A: Angela Merkel, B: Karl-Theodor zu Guttenberg, C: Ursula von der Leyen, D: meinen Dienstwagen” hinausgekommen ist. Immerhin gibt es Steinmeier die Gelegenheit zum einzigen Mal in 75 Minuten mit Witz und Schlagfertigkeit zu glänzen, als er antwortet: “‘D’ scheidet ja aus, denn wenn die große Koalition endet, sitze ich ja im Kanzleramt.”

Als Schönenborn eine längere, komplizierte Zwischenmoderation, in der es auch irgendwie um die FDP geht, augenscheinlich völlig frei (also jedenfalls ohne Teleprompter und ohne noch mal auf seine Karten zu gucken) in die Kamera spricht, werde ich zu seinem glühenden Verehrer. Cichowicz dagegen gerät bei seinen kurzen Textpassagen häufiger ins Schwimmen, hat dafür aber das Zwischen-Zuschauern-Hocken in der Tradition von Jürgen Fliege und Günther Jauch im Repertoire. Zwischendurch stürzen immer wieder studentische Mikrofon-hinhalte-Kräfte die Treppen hinunter, was man am Bildschirm vermutlich nur als grotesk anmutende Satzpausen wahrnimmt.

Kurz vor Schluss darf noch eine Mutter mit Migrationshintergrund eine Frage stellen und weil sie in Steinmeiers Rücken sitzt, gerät diese Gesprächssimulation vollends zum Desaster: Steinmeier dreht ihr halb die Schulter zu und redet lieber zu Schönenborn und Kamera 1 und berichtet dann – Einzelschicksale hervorheben! – von einer jungen Türkin, die er kürzlich in Mainz kennengelernt habe und die jetzt ihren Hauptschulabschluss nachmache. Dass vor hinter ihm das vielleicht spannendere Einzelschicksal sitzt, ist egal: Die Frau aus Mainz passt besser in die Routine.

Die ersten Zuschauer erheben sich schon während des Abspanns.

Wahlarena: Zuschauer fragen Frank-Walter Steinmeier
Dienstag, 8. September 2009
21:05 Uhr im Ersten

Nachtrag, 9. September: Bis zum kommenden Samstag kann man sich die Sendung jetzt auch in der ARD-Mediathek ansehen.

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Holzmichel auf dem Holzweg

Jaaaaaaaaa, Friedbert Pflüger lebt also auch noch. ((Für die 81 Millionen Deutschen, die Friedbert Pflüger nicht kennen: Das ist der Mann, der vor zwei Jahren gerne Regierender Bürgermeister in Berlin geworden wäre. Er sieht immer ein bisschen so aus, als habe er gerade die Jahresproduktion einer Zitronensaftkonzentratfabrik leergetrunken, und ist gerade mit seinem einzigen bekannten politischen Ziel, dem Erhalt eines knuffigen Stadtflughafens, gescheitert. Kurzum: Er ist der Typ, der in amerikanischen High-School-Komödien immer in den Spind gesperrt wird. Außerdem bloggt Friedbert Pflüger.)) Um auf diesen Umstand hinzuweisen, hat er zu Beginn der Woche die Absetzung der Talkshow “Anne Will” gefordert. In der Ausgabe vom letzten Sonntag gab es einen Einspieler zu sehen, der laut Herrn Pflüger die rot-rote Regierung in Berlin in einem viel zu guten Licht hat erscheinen lassen.

Ich habe die betreffende Sendung nicht gesehen, ich habe “Anne Will” überhaupt noch nie gesehen, ebenso wie ich mich nicht erinnern kann, je eine ganze Ausgabe “Sabine Christiansen” ertragen zu haben. Ich ertrage kein Talkshows, in denen Politiker und Menschen auswendig gelernte Sätze aufsagen, und sich in keiner Weise durch das beirren lassen, was die anderen Gäste auswendig aufsagen. ((In den drei Sendungen von “Hart aber fair”, die ich gesehen habe, redeten Menschen laut und wüst durcheinander und gegen Ende wurde klar, dass es theoretisch einen Moderator gegeben hätte, der das Ganze hätte lenken können. Wieso alle Welt “Hart aber fair” so toll findet, ist mir völlig schleierhaft.))

In seinem Blog schrieb Pflüger über “Anne Will”:

Mit Journalismus hat das alles wenig zu tun. Das ist Ideologie und Liebedienerei, dazu noch schlecht gemacht. Frau Will missbraucht ihren privilegierten Sendeplatz und wirbt für eine politische Richtung, anstatt zu informieren.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet “Bild” Pflügers Vorlage aufnahm.

Dann warf Pflüger seine komplette Ahnungslosigkeit in Sachen Medienpolitik in die Wagschale:

Ich bin – auch als Rundfunkrat des rbb – nicht bereit, dass auf sich beruhen zu lassen.

Ich bin mir sicher, dass man beim NDR, der die Sendung “Anne Will” verantwortet, schon mit den Knien schlottert, angesichts dieser Kampfansage.

Oder wie es Lorenz Maroldt in seinem klugen Kommentar im “Tagesspiegel” zusammenfasst:

Für die Frage, ob Anne Will durch Frank Plasberg ersetzt wird, ist Pflügers Stimme ebenso wichtig wie die von Lothar Matthäus für die Aufstellung der Nationalmannschaft.

Bis hierhin war es nur Friedbert Pflüger, der sich freuen konnte, mal wieder in der bundesweiten Presse gelandet zu sein. Doch heute fordern – ebenfalls in “Bild” – Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und David McAllister, CDU-Fraktionschef in Niedersachsen und Mitglied im NDR-Rundfunkrat ebenfalls Konsequenzen, die bis zur Absetzung der Sendung reichen.

Journalistische Fehler passieren immer wieder und Frank Schirrmacher, der dem Thema einen klugen, aber etwas umständlichen Text gewidmet hat, dürfte Recht haben, wenn er sagt, die Redaktion der Sendung würde sich über solche Fehler wohl am meisten ärgern. ((Wenigstens will ich Schirrmachers Optimismus teilen.)) Im konkreten Fall scheint aber noch nicht einmal völlig klar, ob die in der Sendung aufgestellte Behauptung, die rot-rote Regierung habe in Berlin 60 Millionen Milliarden Euro “geerbt” nun wirklich falsch oder nur unglücklich formuliert war. Vermutlich ist es einfach eine Interpretationssache.

Dass nun Politiker direkt in die Programmplanung eingreifen wollen, finde ich sehr gefährlich. Zwar haben gerade die Zuschauer öffentlich-rechtlicher Programme einen Anspruch auf richtige Fakten und möglichst objektive Berichterstattung, aber erstens ist der strittige Sachverhalt ja offenbar gar nicht so klar und zweitens strahlt die ARD ja auch immer noch den “Report aus München” aus. In keinem Falle aber sollten Politiker, denen eine politische Talkshow nicht in den Kram passt, erklären wollen, wie guter Journalismus geht.

Wie diese ganzen CDU-Politiker wohl reagiert hätten, wenn in der Sendung Stimmung gegen rot-rot gemacht worden wäre?