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Leben

Another Decade Under The Influence: 2016

Dieser Eintrag ist Teil 7 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2016. Silvesterfeuerwerk gucken auf dem Dach der Dortmunder Oper. Mal wieder renovieren und Fußboden verlegen. Plötzlich wieder alleine frühstücken tut weh, aber das Kind wohnt ja die Hälfte der Zeit hier. In meinem Wikipedia-Eintrag steht kurzzeitig, dass ich eine IKEA-Küche erfolgreich aufgebaut habe (keine Ahnung, warum das wieder gelöscht wurde). Ich schreibe tausend ungenutzte Gags für die Panellisten beim „Comedy Clip Club“ und werde zum Maxi-Gstettenbauer-Fan. Benjamin von Stuckrad-Barre is back — da kann man doch mal entspannt auf drei Lesungen gehen! It’s a long way to happiness / A long way to go / But I’m gonna get there, boy / The only way I know. Dating & Crushes. ESC in Stockholm: Ganz viel Lakritzschokolade, wir sehen Björn von ABBA und Justin Timberlake live! So viele Ausflüge zum Hauptbahnhof und zum Kemnader See. We got the wind in our sail / Like Darwin on the Beagle / Or Mendel experimenting with a pea. Ich lackiere Möbel neu, die seit Jahrzehnten im Familienbesitz sind. Ich fahre zum ersten Mal Wasserski: Macht voll Bock, ich habe aber ein Jahr lang Muskelkater. Post von der Königin für meine Omi. Den halben Sommer im Planschbecken verbracht. There’s just something about the light / That lets all of us think that their problems aren’t our problems. Mein kleiner Bruder heiratet. Das Kind kommt in den Kindergarten. Mit meiner ganzen Familie nach Holland. Der Idiot wird tatsächlich zum US-Präsidenten gewählt. When I wake in the morning / I’ve forgotten what it is to cope. Einmal Elbphilharmonie gucken, in Bochum eröffnet das Musikforum. Kekse backen und verzieren. Ich drehe „Rückwärts“, meine erste ganz eigene Sendereihe für den MDR (na gut: fürs Internet). Die Weihnachtszeit beginnt am 23. Dezember um 17.32 Uhr.

Ein Jahr, um erstmal wieder auf die Beine zu kommen. Das Leben ist ein bisschen so wie früher, aber trotzdem ganz anders. Es sterben gefühlt alle Prominenten, aber irgendwie haben wir überlebt. Ich hab eine schöne neue Wohnung mit Garten, in der wir es uns gemütlich machen.

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Leben

Another Decade Under The Influence: 2015

Dieser Eintrag ist Teil 6 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2015. Aus unserer Wohnung wird eine WG. Überall Babybrei. Ich kriege überraschend schnell einen Therapieplatz. Mit der ganzen Familie nach Domburg, dem Kind das Meer zeigen. ESC in Wien, eine Runde im Praterriesenrad. Die gute Nachricht: Ich kann mich immer noch verknallen. Die schlechte (oder gute): Das führt zu nichts. It was just like a movie / It was just like a song. Die ersten Wörter, die ersten Ausflüge in den Tierpark. Es gibt gute und schlechte Tage. Is my malfunction so surprising cause I always seem so stable and bright? / Ain’t it always the quiet types? Ich arbeite beim Webvideopreis und habe seitdem „Journalist und Autor“ in meiner E-Mail-Signatur stehen. Ich arbeite bei „Popstars“ und drehe Videos mit Stefanie Heinzmann und Bibi von „Bibis Beauty Palace“. Meine ersten 40-Stunden-Wochen (und hoffentlich auch die letzten). Der erste Geburtstag, mit Schokokuchen im Haar. Die ersten Schritte. You’re my wanderer, little wanderer. Ich probiere dieses (Online-)Dating mal aus. Mein erstes eigenes Auto. Nach langer Zeit mal wieder auf Konzerte — wie gut das tut! Laternen basteln (Überall Kleister!) und der erste Martinszug. Ich gehe zum Fußball gucken in die Kneipe und wir sehen alle, wie der Terror sich entfaltet. Shut up and dance with me. Schon wieder auf Wohnungssuche. Es gibt einen neuen „Star Wars“-Film und ich bin so euphorisch wie mit 16. Weihnachten mit leuchtenden Kinderaugen, zerfetztem Geschenkpapier und der Frage: Wie haben wir das bis hierhin geschafft?

Ein Jahr, in dem ich mich an fast nichts erinnern kann, was nicht mit dem Kind oder der Arbeit zu tun hatte. Vielleicht gab es da auch einfach nichts. Ein wahnsinnig anstrengendes Jahr, das aber auch so viele tolle Momente hatte. In all dem positiven und negativen Chaos: Zehn Tage Wien mit dem besten Team, das man sich vorstellen kann. Viel Arbeit, wenig Schlaf, so viele tolle Leute. Bei all dem Trubel vor Ort fühlt es sich für mich an wie im windstillen Auge eines Hurricanes — und dann landen wir auf dem historisch einmalig schlechten 27. Platz. Ja, so widersprüchlich war 2015.

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Leben Familie

Another Decade Under The Influence: 2014

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2014. Das wird unser Jahr! Mit den Nachtfreunden in Berlin. Die erste Folge „Lucky & Fred“. Eine quälend lange Wohnungssuche, eine Renovierung und ein Umzug. Die letzten guten Tage: zu zweit mit Hund in Hamburg. Eigentlich hab ich keinen Stress, Herr Doktor. Are we out of the woods? / Are we in the clear yet? Eine abgesagte Hochzeit. Ein neuer Job, mitten in der Nacht. Der ESC in Kopenhagen, 10 Jahre BILDblog. Noch mehr neue Jobs in Köln. Kinderzimmer einrichten, Babyklamotten kaufen, Babyparty schmeißen. I’ve made some friends / And I’ve lost some, too. Holland wird WM-Dritter. Eine schwere Geburt. Hallo, ich bin Dein Papa! Die Diamant-Hochzeit meiner Großeltern — ob ich 60 Jahre je schaffe? Der erste Spaziergang, das erste Bad. Was genau muss ich tun?! Alles, was ich je wollte: Mama, Papa, Kind & Hund. Immer wieder Diskussionen und Streits. Wer ist dieses Skelett im Spiegel? Das erste Mal Babyschwimmen. Halt den Kopf oben. Eine Taufe am 1. Advent. Zu Besuch bei Harry Potter. Okay, lass uns sagen, das war’s. Statt 200 Abende in der Kneipe vielleicht zehn außer Haus. Das erste Weihnachten als Familie, trotz allem. Write it, write it, write it down / I will read it when the days don’t look so bad.

Ein Jahr wie ein Autounfall in Zeitlupe: überhöhte Geschwindigkeit, Hindernisse auf der Fahrbahn, schlechte Witterungsbedingungen und meine Hände nicht am Steuer. Das hatten wir uns alles anders vorgestellt. Heute weiß ich: Es gibt Situationen, die kann man nicht alleine schaffen. Es ist nie falsch, sich Hilfe zu holen. Irgendwann reicht es nicht mehr zu hoffen, dass alles gut ausgeht. Mittenrein in diese implodierende Liebe wird unser Kind geboren. Und als an dem Tag die Sonne untergeht, ist alles für immer anders. Besser, trotz allem.

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Leben

Another Decade Under The Influence: 2013

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2013. Ein Anfang zu zweit. Und mit Hund. „Im Schneefall auf der Straße knutschen“ auf der bucket list abhaken. Eine Grimme-Preis-Nominierung fürs Dschungelcamp. Eine Dienstreise nach Budapest: In Ungarn über Pressefreiheit sprechen fühlt sich seltsam an. Partys, Kneipen, Wochenenden. Ein herrenloser Einkaufswagen. We’re up all night ’til the sun / We’re up all night to get some / We’re up all night for good fun / We’re up all night to get lucky. Renovierungen und Umzüge anderer Leute. Ein neuer Job beim ESC: Plötzlich sitze ich tatsächlich an der Seite von Peter Urban! Noch ein neuer Job: Plötzlich bin ich Social-Media-Hansel bei „Tagesschaum“ mit Friedrich Küppersbusch, den ich noch aus meiner Kindheit aus dem Fernsehen kenne. Ein Sommerurlaub, wie man halt Sommerurlaube macht: in Holland am Meer. Das war die schönste Zeit / Weil alles dort begann. Die Hochzeit meiner kleinen Schwester inkl. Autocorso (schon geil, wenn man Teil davon ist!) und kaum aufwendigem Hochzeitsfilm. Mein 30. Geburtstag auf dem Macklemore-Konzert und eine Party, die sich nach Abschied anfühlt. I don’t care / I love it. Mit dem Hund im Fernsehen. Ein im letzten Moment abgesagtes Travis-Konzert. Eigentlich sollten wir erwachsen werden: Die Kilians auf Abschiedstournee. Gemeinsam auf Wohnungssuche. Ein positiver Schwangerschaftstest. Mit Ansage: Zum letzten Mal Heiligabend feiern in Dinslaken.

Ein Jahr zwischen „growing up“ und „being grown up“, das sich eigentlich schon wieder nach so viel mehr anfühlt. Jede Menge Szenen für den Supercut meines Lebens. Die Erkenntnis, dass alles zu zweit noch bunter, lauter, schöner sein kann — aber auch anstrengender. Ein Tag in Amsterdam mit einer Grachtenrundfahrt in der Abenddämmerung und die Ansage der Reiseleiterin, dass man, wenn man sich unter der Magere Brug küsst, für immer zusammenbleibt. (Spoiler alert: Dies gilt offenbar nicht immer.) Und wir stehen auf unseren Brücken / Unter uns der Strom / Die Aussicht scheinbar endlos / Unser Thron.

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Politik Gesellschaft

Sonst ist der bitt’re Frost mein Tod

Als ich noch kein Kind hatte, fand ich die Frage “Haben Sie selbst Kinder?” in einer Diskussion immer etwas unverschämt — so, als ob einem das Schicksal der Welt und der Menschen weniger wichtig wäre, nur weil man sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt hat. Stellt sich raus: Es ändert sich tatsächlich wahnsinnig viel und plötzlich steht man am Morgen nach einer US-Präsidentschaftswahl weinend unter der Dusche, weil man langsam echt Angst bekommt, in was für einer kranken Welt das Kind und seine Freunde eigentlich aufwachsen sollen.

Die neue Sicht auf die Welt ist aber nicht ausschließlich apokalyptisch — im Gegenteil: Die Geschichte von St. Martin hat mich als Kind nie ernsthaft beschäftigt. Klar: Bettler, Mantel, Heiliger. Jedes Jahr gab es in Dinslaken einen Großen Martinszug mit Pferd und Feuer, danach gab es Stutenkerle, aber das alles war nur das Vorprogramm für die Martinikirmes, über die wir anschließend mit Omas Kirmesgeld in der Tasche ziehen durften — und deren Name uns auch erst sehr viel später irgendwie mehrdeutig und lustig erschien. Letztes Jahr aber, als wir das erste Mal mit dem Kind beim Martinszug waren und die Flüchtlingskrise gerade auf dem Höhepunkt war, da erschien mir die Geschichte des römischen Soldaten, der sich um einen Obdachlosen vor den Stadttoren kümmert, plötzlich wahnsinnig wichtig und aktuell. Da hätte der Pfarrer bei seiner Rezitation der Martinsgeschichte gar nicht mehr den Bogen in die Gegenwart schlagen müssen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Martinsfest der vielleicht wichtigste – sicherlich aber: greifbarste – christliche Feiertag sein könnte. Geburt oder Auferstehung eines Heilands, Heiliger Geist und WasgenaufeiertmannochmalanFronleichnam? sind von der Lebenswirklichkeit der Menschen dann doch eher weit entfernt, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe verstehen die meisten noch. Da braucht es dann auch gar nicht unbedingt noch die Schlusspointe und die fünfte Strophe des Martinslieds, wo Jesus Christus auftaucht und erklärt, dass der gute Martin jetzt für ihn, Christus, den Mantel gegeben hätte.

Nachdem Angela Merkel mit ihrem Aufruf, Liederzettel zu kopieren und Blockflötisten zu Rate zu ziehen, mal wieder für großes Hallo auf dem Gebiet gesorgt hatte, das die meisten Deutschen immer noch für Satire halten, veröffentlichte der WDR in seiner Sendung “WDR aktuell” einen Beitrag aus dem WDR-Lehrbuch “WDR-Beiträge, die wie WDR-Beiträge aussehen”: Erst sangen normale Menschen auf der Straße Weihnachtslieder in Kamera und Mikrofon, dann gab es Schnittbilder von der Kanzlerin, schließlich kamen ein paar einordnende O-Ton-Geber zu Wort. Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Stadtrat, Andreas Hartnigk, erklärt:

Wir sind hier in einer christlich-abendländischen Kultur groß geworden, wir leben diese Kultur auch, und da singen wir keine Sonne-Mond-und-Sterne-Lieder, sondern wir singen St.-Martins-Lieder und das Ding heißt auch St.-Martins-Umzug. Und das muss auch so bleiben und jeder, der das nicht will, kann sich einen andern Lebensraum suchen, wenn er das nicht akzeptiert, oder er hält sich vornehm zurück.

Ich habe ein paar Stunden gebraucht, bis mir dieser O-Ton richtig übel aufstieß. Mal davon ab, dass “Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne” nun seit Jahrzehnten zum Repertoire eines Martinszugs gehören dürfte, klopft hier ein ganz anderes Problem an: Wäre es nicht irgendwie sinnvoller, sich dafür zu interessieren, was die Botschaft hinter dem Fest und dem Umzug ist, und nicht, wie andere Leute das Ding nennen?

Die Panik, dass unsere schönen christlichen Feste umbenannt werden, treibt Konservative und Neurechte seit Jahren um und sorgt immer wieder für besorgte Falschmeldungen. (Klar: Nichts transportiert die Weihnachtsbotschaft besser als ein sogenannter Weihnachtsmarkt, auf dem sich erwachsene Menschen nach Feierabend mit minderwertiger Plörre betrinken. Den sollte man auf keinen Fall in “Wintermarkt” umbenennen!) In denen meisten Fällen geht es ihnen dabei gar nicht um den Anlass eines solchen Feiertags, sondern um die reine Existenz dieses Feiertags, abgekoppelt von seiner Geschichte. Der Ursprung des Zitats, Tradition sei nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers, ist einigermaßen unklar, aber man sollte diese Worte mal ein bisschen in Hirn und Herz bewegen.

Als Alexander Gauland von der AfD im Gespräch mit FAZ-Reportern seinen berüchtigten Jérôme-Boateng-Nachbarn-Satz äußerte, sagte er auch, unter den Anhängern seiner Partei gebe es die Sorge, “dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition”. Die Wortwahl war auffällig, weil er nicht wie andere Konservative von einer “christlich-abendländischen” Kultur oder Tradition sprach — die christlichen Kirchen hatten zu diesem Zeitpunkt die AfD nämlich schon mitunter deutlich kritisiert. Wenn es ernsthaft um christliche Werte ginge, hätte ja auch die CSU ein völlig anderes Parteiprogramm.

Der musikalische Leiter des Schauspielhauses Dortmund, Tommy Finke, ein guter Freund von mir, sagt dann auch den entscheidenden Satz in diesem WDR-Beitrag:

Viele unserer christlichen Werte sind ja eigentlich humanistische Werte, das heißt, sie sind nicht unbedingt der christlichen Religion allein zuzuschreiben.

Ich bin Kind einer Mischehe, evangelisch getauft, habe aber von meiner Oma die volle Palette der katholischen Schutzheiligen mitbekommen. Wenn sie in ihrem Haushalt etwas nicht wiederfindet, zündet sie eine Kerze für den Heiligen Antonius an, in der Hoffnung, dass der “Klüngeltünnes” ihr hilft. (Meine Oma sagt aber auch immer: “Ein Haus verliert nichts”, was die Verantwortung ein bisschen von den Schultern des Heiligen nimmt.) Das ist harmlose, lebensnahe Religionsausübung, das Gegenteil von Kreuzzügen und Heiligem Krieg. Ich selbst habe mir das Gottesbild aus dem Kindergottesdienst bewahrt und sehe es pragmatisch: Da man die Nichtexistenz eines höheren Wesens nicht beweisen kann, kann man auch dran glauben, wenn es einem selbst weiterhilft und man anderen damit nicht zur Last fällt. Ich find’s aber auch total in Ordnung, wenn jemand sagt, er glaube nicht an Gott — das ist ja das Wesen von “Glauben”. (Wenn jemand behauptet, er wisse, dass Gott existiere – oder, dass der nicht existiere – wird’s schwierig: Beides. Ist. Wissenschaftlich. Nicht. Beweisbar.)

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft finde ich gut, unabhängig davon, ob man jetzt aus religiösen oder humanistischen Gründen handelt. Aber man kann ja schlecht immer den Untergang der “christlichen Werte” beweinen, wenn man sie selber nicht lebt. Und das meinte die Kanzlerin ja auch mit ihren Ausführungen zu Blockflöte und Weihnachtsliedern: Eine Religion geht ja nicht dadurch unter, dass plötzlich (im Sinne von: seit über fünfzig Jahren) Menschen einer anderen Religion in einem Land leben, sondern dadurch, dass sie nicht mehr bzw. nur als seelenlose Tradition praktiziert wird. Und ein sprichwörtlicher fußballspielender Senegalese wird vom Generalsekretär einer sogenannten christlichen Partei auch noch dafür gescholten, dass er ministriert, weil man ihn dann nicht mehr abschieben könne. Da hat sich die Logik ja schon auf halber Strecke selbst ans Kreuz genagelt.

Wie war ich da jetzt hingekommen und wie kriege ich diesen Text zu Ende, ohne auch noch Schlenker über Donald Trump, die Geschichte der römisch-katholischen Kirche und die Songs des gestern verstorbenen Leonard Cohen zu nehmen?

Ich wünsche Ihnen und vor allem Ihren Kindern einen schönen St.-Martins-Tag und schauen Sie heute vielleicht mal ein bisschen genauer hin, ob jemand in Ihrer Umgebung Hilfe gebrauchen könnte!

Nachtrag, 16.28 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Artikels habe ich gelesen, dass der St.-Martins-Umzug eines Kindergartens in Fürth abgesagt bzw. verlegt werden musste, weil zur gleichen Zeit am gleichen Ort Pegida unter dem Motto “Sankt Martin und seine heutige Bedeutung” demonstriert.

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Leben Familie

Nachtgeschichte

Heute Nacht ist er das erste mal plötzlich wach. Er hat nicht geweint.
Ich schlage die Augen auf und er liegt neben mir. Zieht mir, wenig zärtlich, an den Haaren und lacht, als gehe die Sonne auf.
Es ist allerdings erst zwei Uhr. Nachts. Die Sonne hat noch nicht einmal daran gedacht, wieder aufzugehen.
“Dada bababa da”, höre ich.
“Genau”, denke ich benebelt.
Zunächst versuche ich, mich schlafend zu stellen. Vielleicht schläft er ja dann auch wieder ein. Er brabbelt und lacht aber einfach fröhlich weiter und will mir offensichtlich mitteilen, wie schön er es findet, gerade so wach neben mir rumzustrampeln. Das ist ja auch ne ganz neue Erfahrung. Alles so dunkel und ruhig.
Schlafend stellen funktioniert also nicht. “Ich kann aber nicht schlafen wenn er nicht schläft”, denke ich und döse weg. 10 Minuten später mache ich die Augen wieder auf. Naja eher das eine Auge, das andere will nicht, das schläft einfach weiter.
Ich stehe auf, nehme ihn auf den Arm und laufe wippend durchs Zimmer.
Wipp Wipp Wipp, Schuckel Schuckel Schuckel.
Und laufe voll vor die Wäschetonne. Verdammt.
Wir zucken beide erschrocken zusammen und sind aus der Entspannung gerissen. Naja, müder ist er offensichtlich eh nicht geworden. Er strahlt mich von meinem Arm aus an und betrachtet aufmerksam die dunkle Umgebung. Zwischendurch versucht er im Vorbeigehen, Dinge von der Kommode zu schnappen.
Wir legen uns wieder ins Bett. Mittlerweile ist es 3 Uhr. Ich sehe neben mich. Er liegt auf dem Bauch und trommelt mit beiden Händen begeistert auf meinem nackten Unterarm. Mein persönlicher Applaus.
3 Uhr 15. Er liegt auf dem Rücken neben mir und ist mittlerweile dazu übergegangen, seine Hände im Dunkeln zu betrachten. Ich muss unwillkürlich lächeln. Das ist so ein friedliches, vollkommenes Bild. Er betrachtet die Hände konzentriert und dreht sie hin und wieder her, hin und her, hin und her, hin und her und gähnt.
Er gähnt.
Ha!
Ich schnappe ihn mir erneut und laufe wippend und Kind-schuckelnd durch den Raum. Er sieht mich an und lächelt breit. Kein Anzeichen von Müdigkeit mehr vorhanden. Vielleicht hatte ich mir das Gähnen auch nur erträumt.
Ich lege ihn wieder neben mich ins Bett. Es ist halb 4. Langsam werden seine Augen dann doch müde und er reibt sie mit seinen kleinen Händchen.
Ich nehme ihn in den Arm und wiege ihn leicht.
Die Augen schließen sich.
Sein Atem wird gleichmäßiger, meiner auch.
Ich schließe die Augen.
Stille.
Etwas zieht mich an den Haaren.
Ein “Bababa” kämpft sich in mein müdes Bewusstsein.
Meine Augen kämpfen erneut, um sich zu öffnen.
Er lacht mich an.
Ich schaue auf die Uhr.
Es ist zwanzig vor 4.
Nachts.
Gut angetäuscht.
Ich stehe auf, um wach zu werden, und spiele kurz mit dem Gedanken, den Tag einfach zu beginnen und Kaffee zu kochen, entscheide mich aber aus zwanzig vor vier Gründen dagegen.
Ich setze mich zu ihm ins Bett, setze ihn in meinen Schneidesitz und wiege mich mit ihm hin und her. Ich versuche zu singen, aber sogar meine Stimme und mein Mund sind zu müde, es ist eher ein Krächzen. Ihm und mir zuliebe lasse ich das lieber.
Es ist 4 Uhr.
Er wiegt sich neben mir im Dunkeln hin und her, strampelt, lacht, kaut auf seinem Nilpferd rum.
Ich mache die Affenspieluhr an.
La Le Lu erfüllt den Raum.
Bei mir funktioniert das super, ich werde direkt noch müder.
Er lacht mich an und freut sich über die Musik. So liegen wir da.
Abwartend.
Es ist 4 Uhr 15, als er endlich beginnt, alleine die Augen zu schließen. Ich sehe ihm beim Einschlafen zu. Ich betrachte das kleine, völlig friedliche, wunderschöne Gesicht.
Es ist 4Uhr 30. Er schläft und ich bin müde, müde, müde und voll mit Liebe für dieses kleine Wesen.
Morgen ist Kaffee mein bester Freund.

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Musik

Song des Tages: Ben Folds – Still Fighting It

Sorry, da ist die Serie jetzt mal ganz amtlich gerissen. Aber es gibt einfach auch wichtigere Dinge, als irgendwelchen Kram ins Internet zu schreiben!

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Zum ersten Mal gehört: Am Mittag des 24. August 2001, als ich endlich das Rezensionsexemplar von “Rockin’ The Suburbs” in den Händen hielt, des für den 11. September angekündigten Solodebüts von Ben F… aber das hab ich ja alles schon mal aufgeschrieben.

Wer musiziert da? Ben Folds, damals frisch gebackener Ex-Bandleader des inzwischen wiedervereinigten Trios Ben Folds Five, und einer meiner ganz großen musikalischen Helden.

Warum gefällt mir das? It’s Ben Folds, stupid! Außerdem ist “Everybody knows it sucks to grow up / But everybody does” eine der besten, allgemeingültigen Zusammenfassungen vom Erwachsenwerden, aber gleichzeitig auch sehr tröstend. Und auch musikalisch ist das ja wohl allererste Güte — vor allem wenn man bedenkt, was junge Eltern sonst so verzapfen. Fast 13 Jahre lang hab ich davon geträumt, den Song eines Tages meinem Sohn vorzuspielen oder -singen. Er fand’s glaub ich ganz okay.

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Musik

Song des Tages: Andrew McMahon – Cecilia And The Satellite

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Zum ersten Mal gehört: Vor ungefähr einer halben Stunde. Seitdem auf heavy rotation.

Wer musiziert da? Andre McMahon, der frühere Sänger von Something Corporate und Jack’s Mannequin, der mich jetzt schon seit mehr als zehn Jahren mit seiner Musik durch mein Leben begleitet und dem ich mich sehr verbunden fühle.

Warum gefällt mir das? Nun ja: Es ist Andrew McMahon. Das Lied richtet sich an seine Tochter Cecilia, die im Februar geboren wurde, und auch wenn es fast immer richtig schief geht, wenn Musiker Lieder für oder über ihre Kinder schreiben, bin ich froh, dass es bei Andrew McMahon fast so gut gegangen ist wie bei meinem anderen Piano-Helden, Ben Folds.

Andrew McMahon hat zu dem Song ein paar Liner Notes veröffentlicht, die ich an dieser Stelle nicht unzitiert lassen möchte:

I’ve been writing music most of my life. Songs have always been the place where I’ve sorted out the events of day. If you trace these songs back far enough they tell a story of where I’ve been and what I’ve seen along the way. That said, most people don’t have the time to sort through the hundreds of songs that have collected in the wake of my 20 plus years behind a piano, and that’s why I love “Cecilia and the Satellite”. As a song it encapsulate so much living against the back drop of a new life. Cecilia was written with the knowledge that my wife and I would soon meet our first child. With the hope of avoiding territory this type of song often treads, I tried to create a road map of the life I had lived leading up to that moment. One my daughter might look back on some day. A strange life of constant motion, spent traveling in the pursuit of music. A life I’ve nearly lost on more than one occasion and one which I am thankful for, now more than ever. Deep down this song is about more than me and where I’ve been, it’s about more than my daughter and what I want for her. It’s about being proud of where you come from and wanting the most for the people you share your world with.

Die Produktion ist (wie schon bei Andrew McMahons Solo-Debüt-EP “The Pop Underground”) vielleicht ein bisschen sehr plastikhaft und elektronisch, aber: Dieses “Such Great Heights”-Pulsieren! Diese Trommeln-und-Chöre-Passage! Satelliten! Das ist Musik, genau für mich gemacht.

[Alle Songs des Tages]

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Nächste Woche: Koli-Quiz

Ich bin ja auch der Meinung, dass man mit der intellektuellen Förderung von Kindern gar nicht früh genug anfangen kann. Aber muss man diese verantwortungsvolle Aufgabe denn ausgerechnet Bakterien überlassen?

Salmonellen in Dinslakener Kitas geben Rätsel auf

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Print

Was Killerchen nicht lernt …

Die Sammlung “Die geschmacklosesten Einleitungssätze aller Zeiten” wird zwar gerade erst eröffnet, aber die “Chemnitzer Morgenpost” dürfte sich schon mal einen Platz in der ewigen Ruhmeshalle erkämpft haben:

MÜHLAU - Früh übt sich, was ein Holzklotz-Killer werden will: Drei Tage nach Verurteilung des Oldenburgers Nicolai H. (31) warfen jetzt auf der A72 zwei Kinder von einer Brücke aus Steine auf die Fahrbahn. Eine Fahrerin (53) entkam dem Tode nur knapp.

Mit Dank an BILDblog-Hinweisgeber Fabian H.

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Aaaah, Glückauf

Bochum im Frühling

Als BILDblogger muss man regelmäßig “Bild” lesen. Um nicht als Vorzeige-Leser zu gelten und irgendwann namentlich begrüßt zu werden, versuche ich, meine Zeitung immer woanders zu kaufen. Bei uns im Viertel gibt es eine Tankstelle, einen Aldi, eine Lottoannahmestelle und ein Büdchen, die “Bild” im Sortiment haben. Ich versuche mich an einem rotierenden System, gehe aber trotzdem am liebsten zum Büdchen.

Das liegt nicht nur am nächsten, es hat auch die schönste Atmosphäre: Neben Boulevardzeitungen werden dort auch Eis und gemischte Tüten verkauft. Da ich nicht weiß, ob letzteres außerhalb des Ruhrgebiets überhaupt bekannt ist, hier eine kurze Erklärung: In zahlreichen Glas- oder Plastikgefäßen lagern verschiedene Süßigkeiten, die einem der Büdchen-Besitzer dann nach Wunsch (“Drei Frösche, vier Salami-Brezeln und drei Cola-Kracher”) oder nach Pauschale (“Eine gemischte Tüte für einen Euro, bitte”) zusammenstellt. Das ist zwar teurer als im Supermarkt, fühlt sich aber besser an.

Schon die knapp 200 Meter zum Büdchen sind wunderbar. An manchen Computer-intensiven Tagen sind sie das einzige, was ich von der Außenwelt sehe. Im Moment zeigt sich der Frühling von seiner knalligsten Seite (Büsche in pink und gelb leuchten am Wegesrand) und die Menschen bringen ihre Balkone und Vorgärten in Ordnung. Da werden Fenster geputzt, Rasen gemäht und Treppen geschrubbt.

Vorhin sah ich eine alte Frau in Kittelschürze, die sich mit einem Leder, dessen Oberfläche zu mehr als 50% aus Löchern bestand, und einem Schrubber abmühte. Kinder gingen von der nahen Grundschule nach hause, sagten so kluge Kindersätze wie “Die größte Winterzeit war mal in Norwegen. Da waren Minus neunenneunzich Grad!” und ein Mädchen erinnerte mich unfreiwillig an eines meiner größten Kindheitstraumata: Mit dem Tornister auf dem Rücken hinfallen und dann hilflos wie ein Maikäfer liegen bleiben.

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Gesellschaft

Heidenspaß

Kürbis (Foto: Lukas Heinser)

Beim Blick auf den Kalender wird es so manchem siedend heiß eingefallen sein: Heute ist der 31. Oktober, was bedeutet, dass heute wieder ein Feiertag begangen wird, der vor wenigen Jahren hierzulande noch so gut wie unbekannt war. Die Häuser werden geschmückt, die Kinder verkleiden sich und es herrscht ein buntes Treiben auf den Straßen: es ist Reformationstag.

Wie im ganzen Land, so haben auch die Mütter in Bochum ihren Kleinen spätmittelalterliche Kostüme genäht, damit diese heute Abend rülpsend und furzend (in Erinnerung an das berühmte Luther-Zitat) durch die Nachbarschaft ziehen können. Wie auch schon in den vergangenen Jahren werden sie nur bei Katholiken klingeln und diese mit dem Spruch “Tresen oder Thesen” zur Herausgabe harter Alkoholika auffordern. Weigern sich die Papst-Jünger, nageln ihnen die jungen Reformatoren aufwändig gestaltete Zettel an die Haus- oder Wohnungstür — “Bildersturm” nennen sie diese Aktion.

Calvin, acht Jahre alt und ganz stolz auf die Tonsur, die ihm sein Vater extra für den heutigen Abend geschoren hat, berichtet, dass er im vergangenen Jahr ganze 95 Türen beschlagen hat. Viele Katholiken waren auf den noch jungen Brauch schlicht nicht vorbereitet. Calvin hofft, dass sich das in diesem Jahr geändert hat, denn wegen einer Erkältung hat er in diesem Jahr nur 30 Thesen-Papiere vorbereiten können — außerdem ist ein Nachbar immer noch wütend, weil Calvin und seine Freunde ihm im vergangenen Jahr “die Tür kaputt gemacht” hätten.

Justus Jonas, Soziologe am Bochumer Lehr-Ort für erwähnenswerte Daten, erklärt das noch junge Brauchtum mit der Geschichte des Kirchengelehrten Martin Luther, der vor fast fünfhundert Jahren gegen die katholische Kirche rebelliert haben soll. Andere Quellen sprechen allerdings von außerirdischen Messerstechern, die am 31. Oktober 1978 in Haddonfield im US-Bundesstaat Illinois ein brutales Massaker an heimischen Kürbissen verübt haben sollen. Jonas hat davon gehört, hält das Szenario mit dem wütenden ostdeutschen Pfarrer aber für realistischer.

Nicht alle Deutschen sind begeistert vom Trend “Reformationstag”. Viele Katholiken finden es unverantwortlich, jungen Kindern Alkohol auszuhändigen. Der Nürnberger Philosoph Hans Sachs bezeichnete die kostümierten Jugendlichen als “lutherische Narren” und rief die Bevölkerung zum “Narrenschneiden” auf. Josef Kaczmierczik, Lokführer aus Wattenscheid-Höntrop hat bereits angekündigt, sein Reihenendhaus gegen die jugendlichen Angreifer zu schützen: “Dat wird ein’ feste Burg”, sagte er unserem Reporter.

[Nach einer Idee von Sebastian B. & Thomas K.]