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Gesellschaft Politik

Sonst ist der bitt’re Frost mein Tod

Als ich noch kein Kind hatte, fand ich die Frage “Haben Sie selbst Kinder?” in einer Diskussion immer etwas unverschämt — so, als ob einem das Schicksal der Welt und der Menschen weniger wichtig wäre, nur weil man sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt hat. Stellt sich raus: Es ändert sich tatsächlich wahnsinnig viel und plötzlich steht man am Morgen nach einer US-Präsidentschaftswahl weinend unter der Dusche, weil man langsam echt Angst bekommt, in was für einer kranken Welt das Kind und seine Freunde eigentlich aufwachsen sollen.

Die neue Sicht auf die Welt ist aber nicht ausschließlich apokalyptisch — im Gegenteil: Die Geschichte von St. Martin hat mich als Kind nie ernsthaft beschäftigt. Klar: Bettler, Mantel, Heiliger. Jedes Jahr gab es in Dinslaken einen Großen Martinszug mit Pferd und Feuer, danach gab es Stutenkerle, aber das alles war nur das Vorprogramm für die Martinikirmes, über die wir anschließend mit Omas Kirmesgeld in der Tasche ziehen durften — und deren Name uns auch erst sehr viel später irgendwie mehrdeutig und lustig erschien. Letztes Jahr aber, als wir das erste Mal mit dem Kind beim Martinszug waren und die Flüchtlingskrise gerade auf dem Höhepunkt war, da erschien mir die Geschichte des römischen Soldaten, der sich um einen Obdachlosen vor den Stadttoren kümmert, plötzlich wahnsinnig wichtig und aktuell. Da hätte der Pfarrer bei seiner Rezitation der Martinsgeschichte gar nicht mehr den Bogen in die Gegenwart schlagen müssen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Martinsfest der vielleicht wichtigste – sicherlich aber: greifbarste – christliche Feiertag sein könnte. Geburt oder Auferstehung eines Heilands, Heiliger Geist und WasgenaufeiertmannochmalanFronleichnam? sind von der Lebenswirklichkeit der Menschen dann doch eher weit entfernt, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe verstehen die meisten noch. Da braucht es dann auch gar nicht unbedingt noch die Schlusspointe und die fünfte Strophe des Martinslieds, wo Jesus Christus auftaucht und erklärt, dass der gute Martin jetzt für ihn, Christus, den Mantel gegeben hätte.

Nachdem Angela Merkel mit ihrem Aufruf, Liederzettel zu kopieren und Blockflötisten zu Rate zu ziehen, mal wieder für großes Hallo auf dem Gebiet gesorgt hatte, das die meisten Deutschen immer noch für Satire halten, veröffentlichte der WDR in seiner Sendung “WDR aktuell” einen Beitrag aus dem WDR-Lehrbuch “WDR-Beiträge, die wie WDR-Beiträge aussehen”: Erst sangen normale Menschen auf der Straße Weihnachtslieder in Kamera und Mikrofon, dann gab es Schnittbilder von der Kanzlerin, schließlich kamen ein paar einordnende O-Ton-Geber zu Wort. Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Stadtrat, Andreas Hartnigk, erklärt:

Wir sind hier in einer christlich-abendländischen Kultur groß geworden, wir leben diese Kultur auch, und da singen wir keine Sonne-Mond-und-Sterne-Lieder, sondern wir singen St.-Martins-Lieder und das Ding heißt auch St.-Martins-Umzug. Und das muss auch so bleiben und jeder, der das nicht will, kann sich einen andern Lebensraum suchen, wenn er das nicht akzeptiert, oder er hält sich vornehm zurück.

Ich habe ein paar Stunden gebraucht, bis mir dieser O-Ton richtig übel aufstieß. Mal davon ab, dass “Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne” nun seit Jahrzehnten zum Repertoire eines Martinszugs gehören dürfte, klopft hier ein ganz anderes Problem an: Wäre es nicht irgendwie sinnvoller, sich dafür zu interessieren, was die Botschaft hinter dem Fest und dem Umzug ist, und nicht, wie andere Leute das Ding nennen?

Die Panik, dass unsere schönen christlichen Feste umbenannt werden, treibt Konservative und Neurechte seit Jahren um und sorgt immer wieder für besorgte Falschmeldungen. (Klar: Nichts transportiert die Weihnachtsbotschaft besser als ein sogenannter Weihnachtsmarkt, auf dem sich erwachsene Menschen nach Feierabend mit minderwertiger Plörre betrinken. Den sollte man auf keinen Fall in “Wintermarkt” umbenennen!) In denen meisten Fällen geht es ihnen dabei gar nicht um den Anlass eines solchen Feiertags, sondern um die reine Existenz dieses Feiertags, abgekoppelt von seiner Geschichte. Der Ursprung des Zitats, Tradition sei nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers, ist einigermaßen unklar, aber man sollte diese Worte mal ein bisschen in Hirn und Herz bewegen.

Als Alexander Gauland von der AfD im Gespräch mit FAZ-Reportern seinen berüchtigten Jérôme-Boateng-Nachbarn-Satz äußerte, sagte er auch, unter den Anhängern seiner Partei gebe es die Sorge, “dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition”. Die Wortwahl war auffällig, weil er nicht wie andere Konservative von einer “christlich-abendländischen” Kultur oder Tradition sprach — die christlichen Kirchen hatten zu diesem Zeitpunkt die AfD nämlich schon mitunter deutlich kritisiert. Wenn es ernsthaft um christliche Werte ginge, hätte ja auch die CSU ein völlig anderes Parteiprogramm.

Der musikalische Leiter des Schauspielhauses Dortmund, Tommy Finke, ein guter Freund von mir, sagt dann auch den entscheidenden Satz in diesem WDR-Beitrag:

Viele unserer christlichen Werte sind ja eigentlich humanistische Werte, das heißt, sie sind nicht unbedingt der christlichen Religion allein zuzuschreiben.

Ich bin Kind einer Mischehe, evangelisch getauft, habe aber von meiner Oma die volle Palette der katholischen Schutzheiligen mitbekommen. Wenn sie in ihrem Haushalt etwas nicht wiederfindet, zündet sie eine Kerze für den Heiligen Antonius an, in der Hoffnung, dass der “Klüngeltünnes” ihr hilft. (Meine Oma sagt aber auch immer: “Ein Haus verliert nichts”, was die Verantwortung ein bisschen von den Schultern des Heiligen nimmt.) Das ist harmlose, lebensnahe Religionsausübung, das Gegenteil von Kreuzzügen und Heiligem Krieg. Ich selbst habe mir das Gottesbild aus dem Kindergottesdienst bewahrt und sehe es pragmatisch: Da man die Nichtexistenz eines höheren Wesens nicht beweisen kann, kann man auch dran glauben, wenn es einem selbst weiterhilft und man anderen damit nicht zur Last fällt. Ich find’s aber auch total in Ordnung, wenn jemand sagt, er glaube nicht an Gott — das ist ja das Wesen von “Glauben”. (Wenn jemand behauptet, er wisse, dass Gott existiere – oder, dass der nicht existiere – wird’s schwierig: Beides. Ist. Wissenschaftlich. Nicht. Beweisbar.)

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft finde ich gut, unabhängig davon, ob man jetzt aus religiösen oder humanistischen Gründen handelt. Aber man kann ja schlecht immer den Untergang der “christlichen Werte” beweinen, wenn man sie selber nicht lebt. Und das meinte die Kanzlerin ja auch mit ihren Ausführungen zu Blockflöte und Weihnachtsliedern: Eine Religion geht ja nicht dadurch unter, dass plötzlich (im Sinne von: seit über fünfzig Jahren) Menschen einer anderen Religion in einem Land leben, sondern dadurch, dass sie nicht mehr bzw. nur als seelenlose Tradition praktiziert wird. Und ein sprichwörtlicher fußballspielender Senegalese wird vom Generalsekretär einer sogenannten christlichen Partei auch noch dafür gescholten, dass er ministriert, weil man ihn dann nicht mehr abschieben könne. Da hat sich die Logik ja schon auf halber Strecke selbst ans Kreuz genagelt.

Wie war ich da jetzt hingekommen und wie kriege ich diesen Text zu Ende, ohne auch noch Schlenker über Donald Trump, die Geschichte der römisch-katholischen Kirche und die Songs des gestern verstorbenen Leonard Cohen zu nehmen?

Ich wünsche Ihnen und vor allem Ihren Kindern einen schönen St.-Martins-Tag und schauen Sie heute vielleicht mal ein bisschen genauer hin, ob jemand in Ihrer Umgebung Hilfe gebrauchen könnte!

Nachtrag, 16.28 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Artikels habe ich gelesen, dass der St.-Martins-Umzug eines Kindergartens in Fürth abgesagt bzw. verlegt werden musste, weil zur gleichen Zeit am gleichen Ort Pegida unter dem Motto “Sankt Martin und seine heutige Bedeutung” demonstriert.

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Film Leben

Cinema And Beer: “Junges Licht”

Ein Sommer im Ruhrgebiet: In den 1960er Jahren eine heiße, mehrwöchige Phase, in der Heranwachsende nicht wussten, wie sie die Zeit totschlagen sollten und was mit ihnen und um sie herum passiert; im Jahr 2016 ein einzelner schöner Abend vor einer Kneipe im Bochumer Ehrenfeld.

Letzteres reicht aber aus, um ersteres zu besprechen, und so widmen sich Tom Thelen und Lukas Heinser in ihrer beliebten Podcastreihe dem Film “Junges Licht” von Adolf Winkelmann und auch dem Ruhrgebiet an sich. Begleitet natürlich von einem kühlen Getränk aus Bochum (und aus Liebe).

Junges Licht (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “Junges Licht”
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2010 — Der Jahresrückblick (Teil 2)

In der zweiten Folge unseres Jahresrückblicks sprechen Herr Finke, Herr Redelings und ich über Musik, Fußball und Politik, sowie über andere Katastrophen:

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2010 — Der Jahresrückblick (Teil 1)

Das Jahr 2010 ist zwar gerade erst zu elf Zwölfteln vorbei, aber die Jahresrückblicke gehören zur Adventszeit wie Spekulatius und Lebkuchen. Da wollen auch wir nicht länger warten und gehen – als Erste – in die Vollen:

Tommy Finke, Ben Redelings und ich blicken zurück auf die Fußball-WM, den Sieg Lena Meyer-Landruts beim Eurovision Song Contest, das Kulturhauptstadt-Jahr und vieles mehr. Nur hier, im Internet!

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Leben

Out Of Time

Ich war vorhin mit Tommy Finke beim Zollamt Bochum, um die gemeinsam bestellten Sondereditionen des neuen Ben-Folds-Albums abzuholen. Schon beim Betreten des Gebäudes merkten wir, dass etwas nicht stimmte: Die Zeit, die ja bekanntlich relativ ist, begann, sich gen Unendlichkeit zu dehnen. Alles. Wurde. Langsamer.

Ein Mann, der aufgrund seines Arbeitsplatzes wohl als Zollbeamter interpretiert werden darf, schlurfte zu uns heran und bewegte seinen Mund. Wer ganz aufmerksam war, konnte Laute erkennen, die das menschliche Gehirn, in derlei Aufgaben geschult, zu einzelnen Worten und ganzen Sätzen zusammensetzen konnte. Ich reichte ihm das Anschreiben, das mich darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass die von mir bestellten Tonträger in jenem kleinen Haus kurz vor dem Rand der Erdscheibe abzuholen seien, und der Mann verschwand in einem Raum, in dem vermutlich mehrere Tonnen Elfenbein, Kokain und Anthrax-Viren seit vielen, vielen Jahren ihrer Abholung harren.

Ich dreht mich zu Tommy – eine Bewegung, die für die Menschen in dieser Zeitblase wie der Flügelschlag eines Kolibris gewirkt haben muss – um “Hier sieht’s genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe” zu sagen, doch da hatte Tommy schon “Hier sieht’s genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe” gesagt. An der Pinnwand hingen fotokopierte Hinweise aus einer Zeit, als die Olympia ES 200 gerade frisch auf den Markt gekommen war, auf einem Schreibtisch stand ein Wimpel des FC Schalke 04, auf den Fensterbänken: Bürobegleitgrün.

Der Zollbeamte kehrte mit einem Paket zurück, das uns sagte, dass es eine gute Idee gewesen war, mit dem Bulli vorbeizukommen. Umständlich holte er ein Teppichmesser, mit dem ich das Paket öffnen durfte. “Teppichmesser”, dachte ich, “haben damit nicht die Attentäter des 11. Sept…” Weiter kam ich nicht: In der unfassbar ruhigen Atmosphäre des Zollamts war mein Gehirn einfach eingeschlafen.

Eine Putzfrau wirbelte um uns herum in einem Tempo, in dem ich für meine eigene Wohnung zwar zwei Tage bräuchte, das in diesem Hause aber als hektisch empfunden werden musste. “Sie machen ja alles nass”, sagte der Zollbeamte, wobei sein monotoner Tonfall offen ließ, ob es sich dabei um einen Vorwurf oder nur um eine Feststellung handelte. Er bat uns in einen Nebenraum und riet uns, auf dem feuchten Untergrund vorsichtig zu gehen — nicht auszumalen, wenn sich einer von uns auf die Fresse gelegt hätte.

Während ich einige Zettel unterschreiben musste, durchbrach Tommy die Grabesstille mit einem Smalltalkversuch:

Finke: “Das ist aber ganz schön ruhig hier bei Ihnen …”
Zollbeamter: “Das täuscht.”
Finke: “Ah. Vor Weihnachten ist wahrscheinlich am meisten los, ne?”
Zollbeamter: “Seit eBay. Seitdem ist hier die Hölle los. Früher war’s ruhig.”

Tommy und ich sahen uns an und sogleich wieder weg. Jetzt bitte nicht losbrüllen vor Gelächter. Ruhig bleiben! Kein Problem an einem Ort, gegen den in einem Zen-Tempel ein Trubel wie in der Grand Central Station herrscht. Ich bezahlte die Mehrwertsteuer und bekam mein Wechselgeld wieder, kurz bevor es aufgrund der normalen Inflationsentwicklung völlig wertlos geworden war. Wir durften gehen.

“Dann wünsche ich Ihnen noch einen geruhsamen Arbeitstag”, sagte Tommy zu unserem Sachbearbeiter und rief zum Abschied ein aufmunterndes “Gehen Sie verantwortungsvoll mit unseren Steuergeldern um!” in das fassungslose Großraumbüro. Ein Mann blickte kaum merklich von seinem Computerbildschirm auf und hob missbilligend die Augenbraue.

Dieser Text ist eine Ergänzung zu meiner “Ämter”-Trilogie (bestehend aus dem Singspiel “Kreiswehrersatzamt”, dem klassischen Drama “Finanzamt” und dem absurden Fragment “Arbeitsamt”).

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Musik Sport

Und wieder mal besiegt

Nach der desaströsen letzten Saison und dem Abstieg aus der 1. Bundesliga muss sich einiges ändern beim VfL Bochum. Deshalb kam es zur Gründung der Initiative “Wir sind VfL”, die es sich zum Ziel gesetzt hat, “die bestehenden Vereinsstrukturen und die sportliche Zukunft des VfL Bochum nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern konstruktiv und offensiv mitzugestalten”.

Zur Unterstützung und Untermalung dieser Aktion hat mein Kumpel Tommy Finke ein Lied über den VfL aufgenommen:

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“Wir sind VfL (Jetzt erst recht!)” kann man sich auf Tommys Website kostenlos herunterladen.

Nach “Das hier ist Fußball” von Thees Uhlmann über den FC St. Pauli fehlt mir jetzt eigentlich nur noch ein Borussia-Mönchengladbach-Song von Simon den Hartog in meiner Sammlung.

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Musik

Melodien für Vuvuzelen

Falls Ihnen beim Deutschland-Spiel aus dem einen oder anderen Grund langweilig wird:

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Musik

Das Gegenteil von Stadion

Vergangene Woche hat das sehr empfehlenswerte Internetmusikmagazin getaddicted.org im mindestens ebenso empfehlenswerten Freibeuter einen Akustik-Cover-Abend veranstaltet. Es spielten und sangen Nicholas Müller von Jupiter Jones, die mir bisher unbekannte Band Tengo Hambre Pero No Tengo Dinero und mein Kumpel Tommy Finke, der Laden war voll und die Stimmung hehr.

Tommy Finke im Freibeuter

Die Auswahl der gecoverten Songs war mindestens eklektisch zu nennen und beinhaltete Leonard Cohens “Hallelujah” ebenso wie “Can You Feel The Love Tonight” von Elton John, Ingrid Michaelsons “Be Ok” ebenso wie “With Or Without You” von U2.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Die netten Menschen von getaddicted.org haben angefangen, Videos von dem Abend online zu stellen. Und so können Sie jetzt noch einmal miterleben, wie Nicholas Müller “Timshel” von Mumford & Sons singt, oder Tommy Finke mit “Wonderwall” (Originalinterpret bekannt) den ganzen Laden zum Mitsingen bringt.

Mein persönliches Highlight aber … Ach, sehen Sie selbst!

(Weil die Videos automatisch starten, hab ich sie hier nicht eingebaut.)

Das dürfte ja wohl eine der cleversten Riff-Amputationen in einem Coversong seit Cat Powers “Satisfaction” sein!

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Musik

Gesammelte Platten Januar 2010

Nach gut drei Jahren Coffee And TV dachten wir, es sei mal an der Zeit, irgendwas anders zu machen. Nachdem die Kategorie “Listenpanik” (deren Titel sich übrigens exakt niemand mehr erklären kann) im vergangenen Jahr von ihrer Ranglistenhaftigkeit befreit worden war, haben wir sie jetzt endgültig in die Tonne getreten. Und durch etwas – wie wir finden – viel Besseres ersetzt:

Ab jetzt wird nicht mehr Herr Heinser alleine erzählen, welche neuen Platten seinen “schon arg mainstreamigen Geschmack” (O-Ton gute Freundin) getroffen haben — Nein: Das ganze Team darf ran.

Es wird weiterhin grob nach Veröffentlichungsterminen gestaffelt (weswegen wir überraschenderweise mit den empfehlenswerten Veröffentlichungen des Monats Januar beginnen) und dann einfach alphabetisch sortiert.

Beach House – Teen Dream
Beach House sind angeblich Dream Pop, was auch immer das sein mag. Ihre letzte Platte “Devotion” kannte ich nur, weil ich mich nach ihrem Erscheinen ein paarmal dazu gezwungen hatte, sie nebenher laufen zu lassen, wenn ich gerade den Abwasch machte oder staubsaugte. Irgendwann muss sie dann aber doch hängengeblieben sein, denn als ich davon hörte, dass es einen Nachfolger geben würde, stiegen ungekannte Affektationen für diese Band in mir herauf, und seither freue ich mich über diese Platte wie ein kleines Kind, das sich wahrscheinlich über etwas anderes freut als eine Platte. Verträumt ist sie ja nun auch schon, aber das als konstituierendes Merkmal zu bezeichnen, würde ich vielleicht unterlassen angesichts der durchaus auch tonal innovativen Songs, die sich nur auf den ersten Blick wie Schablonenpop zeigen. (MS)

Eels – End Times
Das letzte Eels-Album “Hombre Lobo” ist gerade ein halbes Jahr alt, da kommt auch schon der Nachfolger. Die richtig rumpelnden Songs sind diesmal nicht dabei, E hat mindestens einen Gang zurückgeschaltet, so ungefähr “Daisies Of The Galaxy” mit weniger Zuckerguss. “End Times” erinnert mal wieder an eine Therapiesitzung, Dramatik und Humor prügeln sich um die Vorherrschaft und am Ende sagt die erste Strophe von “A Line In The Dirt” wahrscheinlich alles: “She locked herself in the bathroom again / So I am pissing in the yard / I have to laugh when I think how far it’s gone / But things aren’t funny any more”. Man möchte Mark Oliver Everett am liebsten in den Arm nehmen — um ihn zu trösten und sich zu bedanken. (LH)

Tommy Finke – Poet der Affen/Poet Of The Apes
Natürlich kann man es etwas überambitioniert finden, ein Doppelalbum zu veröffentlichen, bei dem jeder Song einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch enthalten sind. Und tatsächlich wäre “Poet der Affen” ohne englische Zugabe schon eine runde Sache gewesen — aber man muss ja nicht beide Seiten hören. Aber zwei CDs zum Preis von einer sind erstens was nettes (Nicht wahr, Axl Rose und Connor Oberst?) und zweitens entwickeln Songs wie das famose “Borderline Betty”, die wunderbare Single “Halt’ alle Uhren an” (die irritierenderweise jetzt in beiden Versionen “Stop The Clocks” heißt) oder das schwer traurige “Die Tiere suchen Futter” noch einmal eine ganz andere Bedeutung, wenn man auch ihre englischsprachigen Geschwister hinzuzieht. “Poet der Affen” hat das an Gefühl, was dem letzten kettcar-Album fehlte. (LH, Rezensionsexemplar)

First Aid Kit – The Big Black And The Blue
Es war mit Sicherheit eines der außergewöhnlichsten Konzerte des Jahres, als diese zwei jungen schwedischen Schwestern da letztes Jahr am hellichten Tag in einem Zelt auf einem zentralen Osloer Platz spielten und die Kiefer der Zuschauer reihenweise runterklappten: First Aid Kit hatten das by:larm im Sturm erobert. Jetzt ist ihr Debütalbum erschienen, das ohne Fleet-Foxes-Coverversionen auskommen muss, aber trotzdem wundervoll geworden ist. Klara und Johanna Söderberg singen immer noch über Themen, von denen sie altersbedingt eigentlich gar keine Ahnung haben dürften, und sie tun das nach wie vor gerne zweistimmig und Gänsehaut verursachend. Den sparsamen Folk-Arrangements amerikanischer Prägung merkt man nicht an, dass sie in Europas Pop-Nation Nummer 2 entstanden sind — das klingt schon sehr nach weiter Prärie und schneebedeckten Bergen. Aber letztere hat man ja im Moment sowieso überall. (LH)

Owen Pallett – Heartland
Warum Owen Pallett nun auch offiziell Owen Pallett heißt und nicht mehr Final Fantasy, könnte vielerlei Gründe haben. Gehen wir davon aus, dass man als erwachsener Mann nicht mit einer eher mittelmäßigen Videospielreihe verwechselt werden will, darauf immerhin können wir uns sicher einigen, alles andere wäre auch Spekulation und außerdem der klaren Sicht auf das Hörergebnis völlig im Weg. Das ist nämlich ziemlich schön, meines Erachtens im Gegensatz zu älteren Final-Fantasy-Produkten, bei denen ich mich meistens nach der Hälfte nur noch beim unwillkürlichen Durchskippen erwischte. Hier allerdings wurde gut gespielt, gut arrangiert und mit Spannung gearbeitet. Das Durchhören eines Albums, ohne wegschalten zu müssen, ist zwar im Normalfall kein hochgradig qualitatives Merkmal, aber weil mir das bei dem jungen Mann hier zum ersten Mal passiert, lassen Sie mir doch bitte die Freude das abzufeiern und Herrn Pallett schulterklopfend gratulieren zu wollen. (MS)

Surfer Blood – Astro Coast
Hervorragendes Album, dem man es (natürlich auf Autosuggestion begründet) durchaus anhören kann, dass es nicht in einem Studio, sondern komplett in einem Stockbettschlafzimmer aufgenommen worden ist. Dass verstärkte Gitarren und ein echtes Schlagzeug involviert waren, mindert den meterhohen Stoß Ruhestörungsbeschwerden der Nachbarn an den zuständigen Universitätsdekan sicherlich nicht. Verhaltenheit und schlechtes Gewissen hört man hier aber trotzdem äußerst selten. (MS)

Tocotronic – Schall & Wahn
Um Tocotronic zu verstehen sind mutmaßlich bedeutend mehr Semester Germanistik vonnöten, als ich jemals ausgehalten hätte. So kann ich sie also nur hören, was aber auch wie üblich ein Erlebnis ist: So laut und gitarrenbetont klang schon lange kein Tocotronic-Album mehr. So düster allerdings auch nicht — bei den ersten vier Songs deuten schon die Titel an, wohin die Reise geht: “Eure Liebe tötet mich”, “Ein leiser Hauch von Terror”, “Die Folter endet nie”, “Das Blut an meinen Händen”. Aber spätestens wenn Graf Macbeth zur Halbzeit mit “Bitte oszillieren Sie” den größten Toco-Unterhaltungsschlager seit ungefähr “Die Welt kann mich nicht mehr verstehen” anstimmt und Journalisten den Text im Interview sehr ernsthaft zu entschlüsseln versuchen, klopft die Frage an, wie viel die Band eigentlich noch ernst meint und wie viel Spaß am Vorführen von Feuilletonisten dabei ist. Die Antwort könnte allerdings auch total egal sein, denn man kann Tocotronic ja auch ganz wunderbar hören ohne sie verstehen zu wollen. (LH)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl

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Musik

Listenpanik: Reste 2009

Das Jahr ist bald zu Ende, Markus hat seine Bestenliste schon rausgehauen, aber ich muss ja für nächste Woche erst mal das Jahr 2008 abfrühstücken, ehe ich mich doppelt und dreifach dem Rückblick auf das aktuelle Jahr widmen kann.

Vorher sollen aber schon die Alben und Songs genannt werden, die dieses Jahr für mich mitbestimmt haben, aber bisher auf keiner Listenpanik-Liste genannt sind. Dass ich immer noch jede Menge übersehen habe, dürfte klar sein. Aber wenigstens das hier ist schon mal nicht vergessen:

Alben
Kid Cudi – Man On The Moon — The End Of Day
Wie gesagt: Ich höre mich gerade erst ein in dieses Genre, das sie Hip-Hop oder Rap nennen. Ich bin also noch nicht sehr gut im Zuordnen (worauf die Zeile “I got ninety-nine problems and they all bitches” anspielt, ist mir trotzdem aufgefallen), aber wer dieses Album hört, muss sofort erkennen, dass da jemand kluges Musik macht. Beats, Samples und Instrumente werden da zu anspruchsvollen Playbacks aufgetürmt, über die der 25-jährige Scott Ramon Seguro Mescudi dann rappt wie ein Mann, der schon alles gesehen hat. Die meisten Songs sind eher laid back und düster und insgesamt ist das Album, an dem auch Bands wie MGMT und Ratatat mitgewirkt haben, weit entfernt vom Arsch-und-Titten-Hip-Hop, den man sonst im Musikfernsehen sieht, falls gerade mal Videos laufen. Ach ja: Lady Gaga wird auch noch gesampelt.

Jay-Z – The Blueprint 3
Noch mal Hip-Hop, noch mal klug und anspruchsvoll. Genauer kann ich das gar nicht beschreiben, aber es fühlt sich gut an, dieses Album zu hören. Und wer sich “Forever Young” von Alphaville vornimmt, hat bei mir quasi immer gewonnen (vgl. Die Goldenen Zitronen, Youth Group, Bushido feat. Karel Gott).

White Lies – To Lose My Life
Irgendwann bin ich nicht mehr mitgekommen mit diesen Joy-Division-Bands. Sind White Lies überhaupt eine? Jedenfalls kombinieren sie treibende Rhythmen, Gitarrengeschrammel, Keyboardflächen und leidenschaftlichen Gesang. Und obwohl mir das in vier von fünf Fällen unglaublich auf die Ketten geht, gefällt es mir hier.

Tom Liwa – Eine Liebe ausschließlich
Nach Esoterik-Projekten und einer Flowerpornoes-Reunion hat Tom Liwa mal wieder ein richtiges Soloalbum aufgenommen: nur er und eine Gitarre. Eröffnet wird “Eine Liebe ausschließlich” von einer Gänsehaut-Version von “Chasing Cars” (ja, das von Snow Patrol), hinterher gibt’s auch noch mal Dylan (“Idiot Wind”), dazwischen ganz viel Liwa. Man kann nur ahnen, was für Dramen sich abgespielt haben müssen, sollten die Texte allesamt autobiographisch sein. Es ist Liwas beste Platte seit “St. Amour” vor neun Jahren und erinnert in ihrer Reduktion und Direktheit mitunter sogar an die “American Recordings” von Johnny Cash — die mitunter gewagten Übersteuerungen inklusive.

Songs
Kid Cudi – Up Up & Away
Da lobe ich ein Hip-Hop-Album und hebe dann den einen Song hervor, in dem vor allem Gitarren zu hören sind. Aber, Entschuldigung, “Up Up & Away” ist einfach ein Hammer von einem Song. Textlich eine wunderbare Unabhängigkeitserklärung, musikalisch eine der euphoriesteigerndsten Nummern des Jahres. Und dann dieser Slogan für T-Shirts und Unterarm-Tätowierungen: “They go judge me anyway, so: whatever?”

Glasvegas – Geraldine
Glasvegas live zu sehen war eine schlechte Idee für den ersten Eindruck, denn ihr Auftritt hat mir die Band schon arg verleidet. So bedurfte es ausgerechnet einer Lagerfeuerversion von Thees Uhlmann und Simon den Hartog, damit ich erkannte, was für ein toller Song “Geraldine” ist. So ungefähr der einzige richtig tolle auf dem selbstbetitelten Debüt-Album der Schotten, aber dafür eben ein wirklich richtig toller. Als Linguist ist man erstaunt, wie viele Vokale in Zeilen wie “My name is Geraldine, I’m your social worker” offensichtlich überflüssig sind und ganz einfach weggelassen werden können.

Jay-Z – Empire State Of Mind
Er sei der neue Sinatra, rappt Jay-Z in seinem “New York”-Pendant. Und wahrscheinlich hat er damit nicht mal unrecht. Dazu Streicher, Klavier, Chöre und Alicia Keys. Einen Song dieser Größe hat die Stadt verdient (“und umgekehrt”, falls das Sinn ergibt), so wie Berlin “Schwarz zu Blau” von Peter Fox.

Tommy Finke – Halt’ alle Uhren an
Tommy Finke hat mir jetzt schon mehrfach zu erklären versucht, was das für ein Sound ist, der da das Riff spielt. Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben, es zu verstehen, aber es ist auch egal. Ein schöner Sound, ein eingängiges Riff und ein wunderbarer Song. Das Album kommt im Januar 2010, die Single ist jetzt schon draußen und weil ich gemeinsam mit den Jungs von Get Addicted mit dem Künstler eine Wette über Chartplatzierungen laufen habe, täten Sie uns allen einen Gefallen (sich selbst natürlich sowieso), wenn Sie das Lied käuflich erwürben.

Virginia Jetzt! – Dieses Ende wird ein Anfang sein
Virginia Jetzt! hatte ich irgendwann nach dem zweiten Album aus den Augen verloren. Kürzlich war ich bei einem ihrer Konzerte (eigentlich nur, um mir Oh, Napoleon im Vorprogramm anzusehen) und ich war wirklich schwer begeistert. So sehr, dass ich mir ihr aktuelles Album gekauft habe. Was live super funktionierte, ist auf Platte mitunter arg hart an der Grenze (wobei die Idee, Stefan Zauner von der Münchener Freiheit Background-Chöre singen zu lassen, natürlich schon gigantisch ist), aber “Dieses Ende wird ein Anfang sein”, diese charmante Up-Tempo-Nummer mit Bläsern, die ist schon sehr gut geworden.

White Lies – To Lose My Life
“Let’s grow old together and die at the same time” ist eigentlich auch nichts groß anderes als das, was John Lennon 1980 in “Grow Old With Me” ausdrücken wollte — und trotzdem natürlich irre romantisch. Dazu ein treibender Refrain mit einem Keyboard, das so sensationell nervig rein dröhnt, dass man sich die Ohren zuhalten müsste — wenn das beim Tanzen nicht total beknackt aussähe. Ein schöner Song.

Lady Gaga – Paparazzi
“Ernsthaft?” Ernsthaft! Was für coole Sounds, was für ein gelungener Refrain! Außerdem dachte ich am Anfang, als ich nur die Strophe gehört habe, das sei eine neuer Song von The Knife.

[Listenpanik, die Serie]

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Musik

Uhr-Instinkt

Den Bochumer Liedermacher ((Falls sich jemand findet, der ein zeitgemäßes Synonym zur Hand hat, das nicht so sehr nach Lederweste und selbstgedrehten Zigaretten klingt, möge er es bitte in den Kommentaren abstellen.)) Tommy Finke hatte ich hier ja schon mehrfach lobend am Rande erwähnt.

Demnächst erscheint sein neues Album “Poet der Affen/Poet of the Apes” und entsprechend gibt es vorher eine Single:

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[“Halt’ alle Uhren an”]

Ich mag besonders die losen Oasis-Referenzen im Refrain und diesen komischen Flötensound ((Der mutmaßlich alles, nur kein Flötensound ist.)) vor den Strophen. Als Waschzetteltexter würde ich jetzt sowas schreiben wie: “Jugendlicher als Kettcar, zugänglicher als Gisbert zu Knyphausen und – natürlich sowieso – besser als Revolverheld.” Es erinnert aber auch ein bisschen an Athlete, finde ich.

Jedenfalls kenne ich nicht viele deutschsprachige Musiker, die so knietief im Pop stehen und dabei so weit von jedem Schlagervorwurf entfernt sind. Spätestens beim dritten Hören nistet sich der Song in den Gehörgängen ein, aber kaufen kann man ihn leider erst im Oktober.

Und wenn Sie partout keine deutschsprachige Musik mögen, hören Sie sich eben die englische Version des Songs an.

Disclosure: Ich habe mit Tommy Finke mal ein Bier getrunken getrunken, es aber selbst bezahlt.

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Musik Unterwegs

Bochum Total 2009

In den letzten Tagen war Bochum mal wieder der Mittelpunkt irgendeiner Welt — mutmaßlich der Musikwelt Nordrhein-Westfalens. Jedenfalls war Bochum Total und aus mir selbst nicht ganz nachvollziehbaren Gründen wollte ich möglichst viel davon mitkriegen.

Ort der Gegensätze: Bochum Total

Vier Tage, 60 Bands, hunderttausende Liter Bier und noch ein bisschen mehr Regenwasser — eine persönliche Dokumentation:

Donnerstag, 2. Juli

Man kann nicht behaupten, ich sei schlecht vorbereitet gewesen: Centimeterdick hatte ich Sonnencreme aufgetragen, um eine zerfetzte Nase wie nach meinem Nordsee-Urlaub zu vermeiden. Ich hatte eine Sonnenbrille auf, die nicht nur ungefährdetes fassungsloses Anstarren bizarr gekleideter Menschen ermöglichte, sondern auch derbste Gewittertierchen-Schwärme davon abhielt, mir in die Augen zu fliegen. Warum das alles nur halbgut vorbereitet war, lesen Sie gleich …