Listenpanik 06/09

Von Lukas Heinser, 16. Juli 2009 16:02

Himmel hilf: Der Juli ist schon zur Hälfte um und die Juni-Liste war bis eben immer noch unveröffentlicht. Schieben wir es auf die schiere Menge an Neuveröffentlichungen und die ganze tolle Musik, die sonst noch so da war:

Alben
The Pains Of Being Pure At Heart – The Pains Of Being Pure At Heart (Nachtrag)
Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben (so wie ich bis vor kurzem): Das ist der Indiepop-Geheimtipp der Saison. Fachzeitschriften nennen dieses New Yorker Quartett „eine amerikanische Version der Smiths“, was gleichermaßen treffend wie irreführend ist. Mein internes Katalogsystem führt die Band unter „irgendwie kanadisch“, was an den Gitarrensounds, Glockenspielen und wechselnden Sänger(inne)n liegen könnte.

Fanfarlo – Reservoir (Nachtrag)
Noch ein Nachtrag, noch mal „irgendwie kanadisch“, obwohl es sich doch um eine schwedisch-englische Band handelt: Zuerst bei „All Songs Considered“ entdeckt, dann das Album für einen Euro gekauft. Bildhübscher Indiepop mit Hang zum Orchestralen. Für einen Sommer auf der Wiese.

Regina Spektor – Far
Kommen wir nun zur beliebten Reihe „Acts, die jahrelang an mir vorbeigegangen sind“. In diesem Fall so sehr, dass ich dachte, Regina Spektor (die wirklich so heißt) hätte irgendwas mit Phil Spector (der auch wirklich so heißt) zu tun. Aber dann kam erst das letzte Ben-Folds-Album, auf dem Regina Spektor bei „You Don’t Know Me“ mitträllerte, und dann kam „Laughing With“, das mich auf Anhieb begeisterte (s.u.). Der Pianopop auf „Far“ ist schon toll, aber über allem stehen die Texte — selten habe ich bei einem englischsprachigen Album so früh so gründlich auf die Texte geachtet und sie für so großartig befunden.

Wilco – Wilco (The Album)
Das mit Wilco und mir war immer ein bisschen schwierig: Ich bin mit „Yankee Hotel Foxtrott“ eingestiegen, das einige toll Songs hatte, mich aber nie so ganz überzeugen konnte, dann habe ich mich vor fünf Jahren zufällig in „Summerteeth“ verliebt, ehe mich „A Ghost Is Born“ und „Sky Blue Sky“ etwas ratlos zurückließen. Gut für mich, dass „Wilco (The Album)“ ziemlich genau da weitermacht, wo „Summerteeth“ aufgehört hat: Leicht verspielter Indierock, der aber nicht in riesige Soundflächen ausufert, sondern sich auf drei bis vier Minuten konzentriert.

The Sounds – Crossing The Rubicon
Als vor sechs Jahren das Sounds-Debüt „Living In America“ in Deutschland erschien, wurden die Schweden als „die neuen Blondie“ vermarktet, was nicht völlig abwegig, aber eben auch „die neuen Irgendwasse“-dämlich war. Zum Zweitwerk „Dying To Say This To You“ habe ich nie einen richtigen Zugang gefunden, aber „Crossing The Rubicon“ spricht mich wieder sehr stark an: Leicht überdrehte Rocksongs mit schrammelnden Gitarren, tanzbaren Beats und vergleichsweise wenigen Synthesizern. Und irgendwie muss Maja Ivarsson Singen gelernt haben — aber das macht ja nichts.

Placebo – Battle For The Sun
Ich hatte immer das Gefühl, alle Placebo-Alben klängen im Wesentlichen gleich (und damit gleich gut), aber das stimmt gar nicht. Natürlich gibt es auch diesmal wieder treibende Beats, wüstes Gitarrengeschrammel und die alles dominierende Stimme von Brian Molko, aber einiges ist anders. Das kann zum Beispiel am neuen Schlagzeuger liegen (der, höflich gesagt, nicht ganz so filigran arbeitet wie sein Vorgänger) oder daran, dass Placebo ernsthaft ein Feelgood-Album aufnehmen wollten. Jetzt gibt es Streicher und Anklänge von Trompeten und Glockenspielen und vieles klingt tatsächlich – im Placebo-Rahmen – sehr uplifting. Das ist total anders als der düstere Vorgänger „Meds“, dessen Qualität schwerlich wieder zu erreichen war. Aber „Battle For The Sun“ ist ein solides Album, das sich von allen anderen der Band deutlich unterscheidet.

Moby – Wait For Me
Vor zehn Jahren war Mobys Karriere vorbei. Dann veröffentlichte er „Play“ und wurde zum Nummer-Eins-Lieferanten für Werbespots und Filmsoundtracks. Danach hat er verschiedenes ausprobiert, jetzt kehrt er fast komplett zum Sound von „Play“ zurück. Erstaunlicherweise gelingt ihm damit sein bestes Album seit eben jenem „Play“. Gesungen wird wenig, getanzt kaum, und manchmal nimmt man die Musik beim Nebenbeihören gar nicht mehr wahr, aber es ist ein atmosphärisch dichtes Album, dessen Songs sicher bald wieder Werbespots und Filmsoundtracks zieren werden.

Eels – Hombre Lobo
Mein erstes komplettes Eels-Album. Was soll ich sagen? Ja, kann man sich auch über vierzig Minuten anhören. Eine schöne Mischung aus filigranen, fast Kinderlied-haften Popsongs und charmant-knarzigen Rocknummern.

Songs
Eels – That Look You Give That Guy
Ich hatte das Lied ja hier schon ausführlich gelobt. Seitdem habe ich es mehr als zwanzig Mal gehört und finde es immer noch ganz wunderbar. Nur eine Frage beschäftigt mich die letzten Tage: Was ist eigentlich das Gegenteil von Eifersucht?

Regina Spektor – Laughing With
Eigentlich kann man sich alle Ausführungen zu diesem Lied sparen: die Lyrics sprechen für sich. Ich hörte den Song erstmals bei „All Songs Considered“, am S-Bahn-Gleis des Bochumer Hauptbahnhofs stehend. Alle Störgeräusche verschwanden, ich hörte nur noch das Klavier und diese leicht eigentümliche Stimme, die diesen wunder-wunderschönen Text sang. Es wäre unangemessen gewesen, an diesem Ort loszuheulen, aber es gibt wenige Songs, bei denen ich so kurz davor stand.

Wilco – You And I
In einem normalen Monat wäre sowas ganz klar der Song des Monats geworden: Ein charmanter Popsong mit anrührendem Text und den Stimmen von Jeff Tweedy und Gastsängerin Leslie Feist. Nun: Es war kein normaler Monat, wie Sie oben sehen, sondern der Monat der überlebensgroßen Songs mit phantastischen Lyrics. Aber es gibt hier ja sowieso keine Rangliste mehr. (Das Lied habe ich übrigens zum ersten Mal auf WDR 2 gehört und danach beschlossen, mir das Album zu kaufen. So viel zum Thema „das Radio hat als Multiplikator ausgedient“ …)

The Pains Of Being Pure At Heart – This Love Is Fucking Right!
Die Länge von Bandnamen und Songtitel machen es unmöglich, diesen Song auf ein Mixtape zu packen — der Platz auf so einem Beipackzettel ist ja leider nur begrenzt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich den Liedtext richtig verstanden habe (meine Interpretation wäre in zahlreichen Ländern der Welt illegal), aber: Hey, es ist ein wunderschöner kleiner Song und der Titel ein wunderbarer Slogan. (Überhaupt bräuchte es mehr Songtitel mit Ausrufezeichen am Ende.)

[Listenpanik, die Serie]

15 Kommentare

  1. Bernie
    16. Juli 2009, 16:59

    Das Gegenteil von Eifersucht, hmm…

    Gelassenheit?

  2. sculti
    16. Juli 2009, 17:46

    ich empfehle die alten Alben von Regina Spektor übrigens ;)

    vor allem Soviet Kitch, allein „Us“

  3. epihelix
    16. Juli 2009, 22:25

    ich empfehle den letterman auftritt von wilco feat feist performing you and i

  4. Tobias
    16. Juli 2009, 22:29

    … und ich empfehle, sich die Songs echt anzuhören … falls es Leser gibt, die das „sonst nie machen“ … ;o)

    Habe hier schon einige Musiker/Bands „kennengelernt“, die ich vorher noch nicht kannte und deren Alben ich mir dann zugelegt habe.

    Danke Lukas und Crew …

  5. jan
    17. Juli 2009, 10:21

    Und das mit dem illegal: sie ist die sister, weil sie doch den mister (noch?) hat – reim dich oder ich fress dich auf englisch – hey, it’s rock’n roll and i like it

  6. Patrick
    17. Juli 2009, 10:43

    Es gibt 2 Gegenteile von Eifersucht:

    Innerhalb einer Beziehung Vertrauen und ausserhalb einer Beziehung Gleichgültigkeit

  7. Lukas
    17. Juli 2009, 10:57

    Ich hatte eher an sowas „Mitfreude“ in Analogie zu Mitleid gedacht …

  8. heb
    17. Juli 2009, 17:08

    ich kann mich nur sculti anschließen. soviet kitch und da vor allem der song „us“ sind so ziemlich das beste, was ich die letzten jahre hören durfte. begin to hope mit „fidelity“, „samson“ oder „better“ ist auch ganz großartig.

    ich kann zudem nur jedem empfehlen sich ein paar live-videos von regina spektor anzuschauen. unbeschreiblich.

  9. fabian
    17. Juli 2009, 17:20

    Bei Moby’s Plattenkritik kann ich dir nur zustimmen- bis auf eine Kleinigkeit: Die Musik nimmt man beim Nebenbeihören wirklich manchmal nicht wahr. So wie man beim schreiben manchmal nicht wahrnimmt, dass bei war das h fehlt.

  10. Lukas
    17. Juli 2009, 21:56

    $*§@! Dämliche Sprache!

    Danke, ist korrigiert.

  11. Julian
    19. Juli 2009, 10:07

    Für Songtitel mit Ausrufezeichen empfehle ich ja immer Sufjan Stevens und da natürlich vor allem den Song „They Are Night Zombies!! They Are Neighbors!! They Have Come Back from the Dead!! Ahhhh!“ (inklusive dem Outro „Let’s Hear That String Part Again, Because I Don’t Think They Heard It All the Way Out in Bushnell“). Nicht nur ein imposanter Titel, sondern auch ein wahnsinning guter Song.

  12. Christian
    22. Juli 2009, 13:32

    Da ich bisher auch nur die beiden von dir gemochten Wilco-Alben hab, muss ich in das neue wohl auch mal reinhören.

  13. Anja
    24. Juli 2009, 4:25

    Regina Spektor hat ja auch mit Ben Folds das tolle „You Don’t Know Me“ gesungen. Auf seiner Solo-Platte „Stems And Seeds“.

  14. Coffee And TV: » Haldern Pop 2009: Liveblog Freitag
    14. August 2009, 21:52

    […] habe ich ihre Musik jetzt gehört und war begeistert. Kluger Singer/Songwriter-Pop zwischen Regina Spektor und First Aid […]

  15. Coffee And TV: » Gesammelte Platten Januar 2010
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    […] – End Times Das letzte Eels-Album “Hombre Lobo” ist gerade ein halbes Jahr alt, da kommt auch schon der Nachfolger. Die richtig rumpelnden Songs […]