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Gesammelte Platten August/​September 2010

This ent­ry is part 8 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Best Coast – Cra­zy For You
Stel­len Sie sich vor, Blon­die hät­ten ein Beach-Boys-Tri­bu­te-Album auf­ge­nom­men. Ver­ges­sen Sie wie­der, was Sie sich gera­de vor­ge­stellt haben, und hören Sie sich „Cra­zy For You“ an, das Debüt­al­bum von Best Coast. Auf dem Cover sieht man eine Kat­ze, deren Hin­tern die Umris­se Kali­for­ni­ens hat. Da fra­ge ich Sie: Was will man mehr?
Anspiel­tipps: „Boy­fri­end“, „The End“, „Sum­mer Mood“, „Each And Ever­y­day“. (LH)

The Black Angels – Phos­phene Dream
Da woll­te ich gera­de mit einer Emp­feh­lung ange­ben, die ich mir in Lon­don im renom­mier­ten Rough-Trade-Plat­ten­la­den geholt habe, und stel­le fest, dass das natür­lich das neue Hype/­Kon­sens-The­ma ist: The Black Angels aus Aus­tin, Texas, wahl­wei­se ein­sor­tiert unter „Psy­che­de­lic Rock“, „Stoner Rock“ oder auch „Blues Rock“. Die Musik klingt jeden­falls, als stam­me sie aus dem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert – „Sun­day After­noon“ könn­te gar von den spä­ten Beat­les stam­men, „River Of Blood“ von den Doors und so man­ches erin­nert an The Vel­vet Under­ground, die auch für den Band­na­men Pate stan­den. Dröh­nen­de Gitar­ren, schep­per­ne­des Schlag­werk – herr­lich!
Anspiel­tipps: „Bad Vibra­ti­ons“, „Sun­day After­noon“, „Tele­pho­ne“. (LH)

Erd­mö­bel – Kro­kus
Ich wür­de nie behaup­ten, wirk­lich zu ver­ste­hen, wovon Mar­kus Ber­ges hier singt. Die Wor­te sind deutsch (zumin­dest die meis­ten), aber die Sät­ze, die dar­aus ent­ste­hen, tra­gen sie­ben Sie­gel. Doch es ist eine ver­spiel­te Peter­Licht-Rät­sel­haf­tig­keit, kein „Oh mein Gott, ich bin zu dumm!“-Gefühl wie bei Toco­tro­nic. Wie bei den frü­hen R.E.M.-Alben ist es aber auf eine gewis­se Wei­se auch ganz egal, wovon die Tex­te han­deln (obwohl die musi­ka­li­sche Ver­ar­bei­tung eines wit­te­rungs­be­ding­ten Not­halts in der nie­der­rhei­ni­schen Pro­vinz längst über­fäl­lig war und jetzt end­lich in „Emma“ nach­ge­holt wur­de), weil der Gesang auch als zusätz­li­ches Instru­ment funk­tio­niert. Musi­ka­lisch ist das Album mit sei­nen vie­len Sam­ba- und Jazz-Anlei­hen eh top und wenn es am Ende heißt „Das Leben ist schön“, dann ver­steht man das auch beim ers­ten Hören. Ich bin zu faul, das zu veri­fi­zie­ren, aber es könn­te sich um das bes­te deutsch­spra­chi­ge Album des Jah­res han­deln.
Anspiel­tipps: „77ste Lie­be“, „Frem­des“, „Wort ist das fal­sche Wort“, „Emma“, „Kro­kus­se“, „Das Leben ist schön“. (LH)

Ben Folds – Lonely Ave­nue
Da ist es also end­lich, das Album, auf dem Ben Folds Tex­te von Nick Horn­by ver­tont hat. Alle Zwei­fel, ob die Tex­te eines Schrift­stel­lers nicht etwas zu sper­rig für Pop­songs sein könn­ten, zer­schla­gen sich spä­tes­tens mit dem zwei­ten Track des Albums: „Pic­tu­re Win­dow“ ist der bes­te Folds-Songs seit min­des­tens fünf Jah­ren. Und Geschich­ten über ver­schie­de­ne Cha­rak­te­re hat Folds ja immer schon erzählt, war also inso­fern selbst schon immer schwer lite­ra­risch tätig. Nach dem etwas spe­zi­el­len „Way To Nor­mal“ ist „Lonely Ave­nue“ musi­ka­lisch wie­der deut­lich ent­spann­ter und melan­cho­li­scher gewor­den
Anspiel­tipps: „Pic­tu­re Win­dow“, „Doc Pomus“, „From Abo­ve“, „Saskia Hamil­ton“, „Belin­da“. (LH)

I Bla­me Coco – The Pre­par­ty
Ich wuss­te ja von nichts, also nicht wie Sting mit bür­ger­li­chem Namen heißt (Gor­don Sum­ner). Weder, dass er eine modeln­de und sin­gen­de Toch­ter hat (Coco Sum­ner ali­as Eli­ot Pau­li­ne Sum­ner). Geschwei­ge denn, dass die gute Dame ent­ge­gen­ge­setzt aller Kli­schees, die man dann sofort abspult wenn der Herr Papa ein erfolg­rei­cher und von mir wert­ge­schät­zer Musi­ker ist, erfüllt.
Ganz und gar nicht, Coco Sum­ner fetzt! So rich­tig, eine taf­fe jun­ge Künst­le­rin, die sich hin­ter ihrem Vater nicht ver­ste­cken braucht. Die Stim­me rau­chig, die Songs erfri­schend und pas­send für gedie­gen­de Aben­de mit Freun­den, zum herr­lich tan­zen oder, oder, oder!
Der Ope­ner auf Pre­par­ty heißt „Bohe­mi­an Love“ und so rela­xed und gemüt­lich klin­gen auch vie­le der ande­ren Songs. „Voice In My Head“ erin­nert dann schon an den Herrn Vater, was aber wun­der­bar stim­mig ist. Ein biss­chen Reg­gae ein wenig Folk, aber vor allem eine ange­nehm wür­zi­ge Stim­me und eine gefühl­te Relaxt­heit die sich bei mir ein­schleicht. Was nicht heißt das die Plat­te ein­schlä­fert, nein, viel­mehr gibt es die­se Momen­te, in denen man sich ent­spannt zurück leh­nen kann und genießt.
Die neue Plat­te „The Con­stant“ ist auch schon drau­ßen und ist auch äußerst hörens­wert!
Anspiel-genie­ßer-tipps: „Bohe­mi­an Love“, „How Did All The­se Peo­p­le Get In My Room“, „Voice In My Head“. (AK)

Manic Street Pre­a­chers – Post­cards From A Young Man
Die Solo­al­ben, die James Dean Brad­field und Nicky Wire 2006 ver­öf­fent­licht haben, waren das bes­te, was den Manic Street Pre­a­chers pas­sie­ren konn­te, denn seit­dem erlebt die Band ihren zwei­ten Früh­ling: „Send Away The Tigers“ war groß, „Jour­nal For Pla­gue Lovers“ rau – und mit ihrem zehn­ten Album zie­len die Manics noch mal ganz prä­zi­se in Rich­tung Sta­di­on. Strei­cher, Chö­re, ein­gän­gigs­te Melo­dien – alles ist dabei und Brad­fields Stim­me klingt sogar noch ein biss­chen bes­ser als frü­her. „Post­cards From A Young Man“ ist als Alters­werk gewollt, in den Tex­ten klingt eini­ges an Resi­gna­ti­on und Melan­cho­lie mit, aber alt klingt die Band kein biss­chen. Und wenn es jetzt Tra­di­ti­on wird, dass Nicky Wire auf jedem Album einen Song sin­gen darf, dann dür­fen die Manics von mir aus ger­ne bis zum Ren­ten­al­ter wei­ter­ma­chen. „The Future Has Been Here 4 Ever“ klingt jeden­falls schon mal arg nach den Rol­ling Stones.
Anspiel­tipps: „(It’s Not War) Just The End Of Love“, „Some Kind Of Not­hing­ness“, „Hazel­ton Ave­nue“. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Las­se Mat­thies­sen – Stray Dog
Man­che Din­ge sind etwas ganz beson­de­res. Man­che Musi­ker sind etwas ganz beson­de­res. Man­che Musi­ker kön­nen allei­ne auf einer Büh­ne ste­hen und man­che haben noch ein paar mehr Musi­ker dabei.
Las­se Mat­thies­sen, ursprüng­lich aus Däne­mark und jetzt Part­ti­me-Ber­li­ner, ist so ein Beson­de­rer, der allei­ne und manch­mal mit sei­ner Band im Quar­tett sein Publi­kum ver­zau­bert.
Immer mit den lei­sen Tönen, dem gekonn­ten Spie­len mit Laut und Lei­se, auch dem Laut und Lei­se in sei­ner Stim­me. Mit uner­war­te­ten Brü­chen, Gefühl und Witz. Mit sei­ner Gitar­re, einer Mund­har­mo­ni­ka und sei­ner Band, bestehend aus Vio­li­ne (Søren Sten­sby), Kon­tra­bass (Niels Knud­sen) und Schlag­zeug (Ter­kel Nør­gaard), hat Las­se Mat­thies­sen etwas ganz beson­de­res geschaf­fen. Zwi­schen Singer/​ Song­wri­ter, Folk, Indie und Jazz ver­wan­deln sich die Akkor­de zu wun­der­ba­ren Melo­dien.
Ich hat­te das gro­ße, gro­ße Glück ihn in einer mei­ner klei­nen Lieb­lings­or­te (der Popo Bar in Neu­kölln) in Ber­lin bei einem Live-Kon­zert zu sehen. Was mich immer beson­ders glück­lich macht, wenn inner­halb einer Band alle Musi­ker Raum haben für ihr Instru­ment und sich zusam­men so wun­der­bar ergän­zen.
Am Ende bleibt ein kol­lek­tiv zufrie­de­nes Publi­kum.
Habe mir gleich die CD geschnappt und freu mich, hier CD und Kon­zert Review in einem Abzu­lie­fern.
Anspiel­tipps: „Befo­re We Dissap­pear“, „Soon The Spring“, „Bor­ro­wed Time“, „Whe­re Are You“. (AK)

Pro­fes­sor Green – Ali­ve Till I’m Dead
Beschrei­bun­gen wie „der eng­li­sche Emi­nem“ sind natür­lich nie wirk­lich aus­sa­ge­kräf­tig, hel­fen einem aber enorm bei der gro­ben Ein­ord­nung. „Die männ­li­che Lady Sove­reign“ wür­de es schon bes­ser tref­fen, aber allein die Samples („Just Be Good To Me“ von The SOS Band, gesun­gen von Lily Allen, und „Need You Tonight“ von INXS) spre­chen für sich. „Ali­ve Till I’m Dead“ ist eine cle­ve­re, höchst ver­gnüg­li­che Rap-Plat­te für Leu­te, die Mike Skin­ners Akzent nicht ertra­gen.
Anspiel­tipps: „Just Be Good To Green“, „I Need You Tonight“, „Do For You“, „Mons­ter“, „Clo­sing The Door“. (LH)

Phil­ip Sel­way – Fami­li­al
Ganz bedäch­tig klingt der ers­te Song „By Some Mira­cle“, auf Sanft­pfo­ten tra­gen sich die Töne ins Ohr. Mit „Fami­li­al“ beginnt das Solo­al­bum des Drum­mers DER Band (Radio­head) wirk­lich mit lei­sen Tönen. Ein biss­chen mys­te­ri­ös. Ein wenig wun­der­lich, aber Radio­head war schon immer wun­der­lich und mys­te­ri­ös.
Lei­se Kan­ten und anschmieg­sa­me Ecken zeich­nen die­ses Album aus. Die Melo­dien sind nicht auf­dring­lich, die Tex­te ste­hen für die Zwi­schen­tö­ne im Leben. Und doch bleibt die Span­nung der Plat­te fast durch­ge­hend auf­recht erhal­ten.
Und mehr will ich zu die­ser Spät­som­mer/Herbst- und bestimmt wie­der ent­deck­ba­ren Früh­jahrs­plat­te gar nicht sagen. Sel­ber lau­schen, ist eh bes­ser!
Anspiel­tipp: „Bey­ond Reason“, „The Ties That Bind Us“. (AK)

Wir Sind Hel­den – Bring mich nach Hau­se
Ich will ehr­lich sein: Nach unse­rer ener­vie­ren­den Lis­tening-Ses­si­on hat­te ich kein Bedürf­nis mehr, das Album noch ein­mal auf­zu­le­gen. Das mag der Band gegen­über unge­recht sein, aber da war ein­fach so viel ande­re Musik, die mich mehr inter­es­siert hat.
Anspiel­tipps: „Alles“, „Bring mich nach Hau­se“. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
AK: Anni­ka Krü­ger
LH: Lukas Hein­ser

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Musik

Gesammelte Platten Juli 2010

This ent­ry is part 7 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Som­mer. Die Autoren sind unter­wegs oder beschäf­tigt, die Plat­ten­fir­men neh­men Anlauf für die zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen im Herbst.

Vor­her aber:

Admi­ral Rad­ley – I Heart Cali­for­nia
Frü­her war Jason Lyt­le der Chef von Grand­ad­dy. Im letz­ten Jahr hat er ein Solo­al­bum her­aus­ge­bracht, das außer­halb die­ses Blogs viel beach­tet wur­de. Nun hat er mit Grand­ad­dy-Drum­mer Aaron Burtch und Aaron Espi­no­za und Aria­na Mur­ray von der befreun­de­ten Band Ear­limart eine neue Band gegrün­det: Admi­ral Rad­ley. Deren Debüt­al­bum ist voll von Power­pop zwi­schen Weezer und den Magne­tic Fields, Jay Rea­tard und Built To Spill. Man­che Songs gehen über­dreht (und ordent­lich über­steu­ert) nach vor­ne, ande­re tän­zeln melan­cho­lisch vor sich hin.
Anspiel­tipps: „I Heart Cali­for­nia“, „Sun­b­urn Kids“, „I’m All Fucked On Beer“, „G N D N“, „I Left U Cuz I Luft U“ (LH)

Dan­ger Mou­se & Spark­le­hor­se – Dark Night Of The Soul
Was für ein irres Pro­jekt: Bri­an Bur­ton ali­as Dan­ger Mou­se, einer der wich­tigs­ten Pro­du­zen­ten der Nuller Jah­re und kom­mer­zi­ell erfolg­reich als eine Hälf­te von Gnarls Bar­kley, und Spark­le­hor­se, die gefei­er­te Alter­na­ti­ve-Rock-Band, tun sich mit David Lynch zusam­men, um ein Mul­ti­me­dia­les Pro­jekt zu erschaf­fen: Lynch lie­fert düs­te­re (was sonst?) Fotos, die Musi­ker die dazu­ge­hö­ri­ge Musik. Wegen recht­li­cher Schwie­rig­kei­ten ver­schiebt sich die Ver­öf­fent­li­chung immer wei­ter, in der Zwi­schen­zeit nimmt sich Spark­le­hor­se-Kopf Mark Lin­kous das Leben. Jetzt, da das Album auch offi­zi­ell erscheint, kommt man kaum umhin, es als Nach­lass zu lesen – aber das ver­hin­dern die vie­len Gast­sän­ger: Die Fla­ming Lips sind z.B. dabei, Juli­an Cas­blan­cas, Nina Pers­son und – ach was! – Jason Lyt­le. Was auf dem Papier nach einer kru­den Mischung und schwe­rer Kost aus­sieht, erweist sich in Wirk­lich­keit als durch­aus hör­ba­res Album, das mal an Film­mu­sik, mal an Pink Floyd, mal an Moby erin­nert. Ande­rer­seits rocken die Tracks mit Frank Black und Iggy Pop sogar ordent­lich. Beson­ders bewe­gend: „Grim Augu­ry“, der Song mit Vic Ches­nutt, der sich inzwi­schen eben­falls umge­bracht hat.
Anspiel­tipps: „Reven­ge“, „Jay­kub“, „Grim Augu­ry“, „Dark Night Of The Soul“ (LH)

Emi­nem – Reco­very
Klar: Emi­nem habe ich seit min­des­tens zehn Jah­ren auf dem Schirm, aber auf vol­ler Album­län­ge bin ich mit sei­ner Musik bis­her nie so rich­tig warm gewor­den. Bis­her, denn „Reco­very“ ist anders: Mit 77 Minu­ten und 17 Tracks zwar durch­aus sper­rig, aber eben ein durch­ge­hen­des Album mit 17 „ech­ten“ Songs, eini­gen Gast­stars und durch­ar­ran­gier­ten Play­backs (ich mei­ne: Da wur­de Had­da­ways „What Is Love“ gesam­plet!). Emi­nem klingt immer noch, als wol­le man ihm lie­ber nicht per­sön­lich begeg­nen, aber die Musik klingt zumin­dest stel­len­wei­se opti­mis­tisch und warm. Fünf, sechs Songs weni­ger hät­ten das Album noch hör­ba­rer gemacht, aber man will einem Mann, der gera­de sei­ne Dämo­nen bezwun­gen hat, ja nicht vor­schrei­ben, das in kom­pa­ti­bler Form zu machen.
Anspiel­tipps: „Cold Wind Blows“, „On Fire“, „Not Afraid“, „Almost Famous“ (LH)

KATZE – Du bist mei­ne Freun­de
Zu Cam­pus­ra­dio­zei­ten gal­ten KATZE als „schwie­ri­ges“ „The­ma“: Durch­aus char­man­te deutsch­spra­chi­ge Indie­rock-Songs, aber die Stim­me von Klaus Corn­field ist dann doch nicht unbe­dingt das, was man ohne Vor­war­nung auf unbe­darf­te Hörer (und sei­en sie auch Stu­den­ten) los­las­sen kann. Wenn man sich aber auf Corn­fields Organ und die auf den ers­ten Blick nai­ven und/​oder schrä­gen Tex­te ein­lässt, ist das eigent­lich ganz schö­ne Musik, die man jetzt viel­leicht nicht gera­de bei der nächs­ten Din­ner­par­ty auf­le­gen soll­te, aber dafür gibt es ja Katie Melua.
Anspiel­tipps: „Fran­zi wir wol­len, dass du bei uns in der Band mit­machst“, „Hübsch aber dumm“, „Der Ein­sa­me“ (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
LH: Lukas Hein­ser

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Musik

Gesammelte Platten Juni 2010

This ent­ry is part 6 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Two Door Cine­ma Club – Tou­rist Histo­ry
Kei­ne hal­ben Sachen, dach­ten die sich, hab ich mir so gedacht als ich die Plat­te im Laden ange­hört hab.
Der ers­te Song „Ciga­ret­tes In The Theat­re“ knallt gleich mit­ten ins Ohr. Die Füße wip­pen im Takt mit, der Kopf geht hin und her. Am liebs­ten wür­de man die Plat­te schnell in den nächs­ten Club mit­neh­men, dem DJ in die Hand drü­cken und sagen, „Ein­mal anma­chen und durch­lau­fen las­sen reicht! Dan­ke!“.
Und die Krei­se auf der Tanz­flä­che wären end­los, und die Nacht wäre eine, an die man zurück­denkt und grin­sen muss, weil lan­ge nichts mehr so direkt ins Tanz­bein schoß!
Und die haben eine Kat­ze auf dem Cover. Hal­lo? Eine Kat­ze auf dem Cover mit Kro­ne!!!
Aber mal abge­se­hen von Kat­zen­con­tent, das Debut kann eini­ges. Man merkt ihnen den Enthu­si­as­mus ein­fach an – jun­ge Wil­de die genau Wis­sen was gut klingt. Kei­ne hal­ben Sachen, Beats die Knal­len, Lyrics die einen grin­sen las­sen, Melo­dien direkt fürs Herz. Ich bin dann mal end­lo­se Krei­se ziehn!
Anspiel­tipps: „Ciga­ret­tes In The Theat­re“, „Do You Want It All“, „I Can Talk“. (AK)

Efter­klang – Magic Chairs
Zau­ber­stüh­le. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich hab noch kei­nen Zau­ber­stuhl ent­deckt.
Aber ich wür­de ger­ne eine spon­ta­ne Para­de ver­an­stal­ten. Und alle Lie­der von Efter­klang dort spie­len! Es wür­de Zucker­wat­te und Heli­um­bal­lons in allen Far­ben und For­men geben. Und Brau­se en mas­se.
Die­se Album ist so vol­ler Som­mer und Arme-in-die-Luft-Gefühl, dass ich es hier kaum hin­schrei­ben kann.
Die Her­ren aus Däne­mark sind mit ihrem drit­ten Stu­dio­al­bum seit Febru­ar in den Gehör­gän­gen zu fin­den. Ein gan­zes Jahr lang haben sie am Album gewer­kelt und gebas­telt. Waren mit ein paar Songs schon vor Release auf Tour, und man merkt es. Opu­lent und Klang­far­ben­froh, sind nur zwei von vie­len Asso­zia­tio­nen die mir so in den Sinn kom­men. An man­chen Stel­len hät­te weni­ger Opu­lenz dem Album mehr Schwung ver­lie­hen.
Aber dann hört man „Har­mo­nics“ zum ers­ten Mal und es packt einen direkt. Ryth­mus, über­lap­pen­de Gesan­ge­s­pas­sa­gen, Gitar­ren­riff und nur die Stim­me von Front­sän­ger Cas­par Clau­sen trei­ben den Hör­ge­nuss direkt an den Platz im Herz wo es gut tut!
Sowie­so kann ich mich bei den High­lights fast gar nicht ent­schei­den. Am bes­ten alle anhö­ren und ver­lie­ben!
Anspiel­tipps: „Modern Drift“, „Har­mo­nics“, „Rain­coats“, „Full Moon“, „Scan­di­na­vi­an Love“. (AK)

The Gas­light Anthem – Ame­ri­can Slang
So, jetzt bit­te: Das ers­te Album danach, nach dem gro­ßen Durch­bruch, nach dem Glas­ton­bu­ry-Auf­tritt mit Springsteen. The Gas­light Anthem sind plötz­lich kein Geheim­tipp mehr, son­dern Kon­sens, und was machen sie? Neh­men „The ’59 Sound“ ein­fach noch mal auf. Zu fast jedem Song des neu­en Albums könn­te man ein Äqui­va­lent des Vor­gän­gers benen­nen – das Prin­zip Oasis. Trotz­dem ist „Ame­ri­can Slang“ ein run­des Album gewor­den, das nach eini­gen Durch­läu­fen durch­aus eige­ne Qua­li­tä­ten offen­bart.
Anspiel­tipps: „Ame­ri­can Slang“, „Bring It On“. (LH)

Sia – We Are Born
Eigent­lich ja bekannt für herz­ze­reis­sen­de Songs, in die man sich fal­len lässt, wenn der Lie­bes­kum­mer einen in sei­ner Kral­le ein­packt und nicht mehr los­lässt. Jetzt aber mit vier­tem Stu­dio­al­bum über­rascht die Aus­tra­lie­rin Sia Fur­ler mit einem Album das vor Lebens-Ja nur so brüllt!
Die opti­mis­ti­sches Sicht, die Songs sind hel­ler und weni­ger melan­cho­lisch. Was nicht heißt, dass es die pure Glück­see­lig­keit ist, nein – genau hin­hö­ren!
Aber es ist eine klei­ne Über­ra­schung! Die Songs sind Pop – im bes­ten Sin­ne der Defi­ni­ti­on. Und wenn eini­ge viel­leicht die alte Sia ver­mis­sen, ich fin­de die neue Rich­tung tut ihr gut!
„You’­ve Chan­ged“ viel­leicht die Kampf­an­sa­ge über­haupt! „Oh Father“ ein Cover des alten Madon­na-Songs, klingt nach der guten Por­ti­on Sia wirk­lich super! Und auch den Rest des Albums soll­te man sich auf kei­nen Fall ent­ge­hen las­sen.
Anspiel­tipps: „The Fight“, „Cloud“, „You’­ve chan­ged“, „Oh Father“. (AK, Rezen­si­ons­exem­plar)

Stars – The Five Ghosts
Jetzt geht’s aber los bei den Kana­di­ern: Gera­de erst Bro­ken Social Sce­ne, gleich Arca­de Fire, dazwi­schen noch eben Stars. Die Zuta­ten sind bekannt: Viel Melan­cho­lie und die Stim­men von Tor­quil Camp­bell und Amy Mil­lan – mehr brauch­te es ja auch auf „Set Yours­elf On Fire“ und „In Our Bed­room After The War“ kaum. Trotz­dem ist es dies­mal anders: Mehr Elek­tro­nik, mehr Upt­em­po-Songs, mehr unbe­ding­ter Wil­le zur Indi­edis­co.
Was für ein schö­nes, klu­ges Album, das in 39 Minu­ten sehr viel mehr Dra­ma und Pop-Appeal unter­ge­bracht kriegt als man­che Bands in zwan­zig Jah­ren Band­ge­schich­te. Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen, ist das düs­te­re „The Last Song Ever Writ­ten“ der dritt­letz­te Song auf der Plat­te, die mit dem umar­men­den „Win­ter Bones“ endet.
Anspiel­tipps: „I Died So I Could Haunt You“, „We Don’t Want Your Body“, „The Last Song Ever Writ­ten“, „How Much More“. (LH)

The Tal­lest Man On Earth – The Wild Hunt
Irgend­wann letz­ten Monat hat­te ich einen klei­nen Streit über den bes­ten Sound­track ever made. Zumal es eigent­lich eine nicht beant­wort­ba­re Fra­ge ist (für mich immer­noch der „Cruel Intentions“-OST, für den ande­ren der Sound­track von „Into the Wild“) zum ande­ren, weil es wie mit Eis ist, die Aus­wahl macht glück­lich.
Und dann muss­te ich an The Tal­lest Man On Earth den­ken. Dreh­te sein neu­es Album laut an und der klei­ne Zwist war ver­ges­sen.
Zwei Alben ist er jetzt alt, der gute Herr Kris­ti­an Mats­son aus Schwe­den. Das ers­te Album „Shal­low Gra­ves“ war die klei­ne Folk Erleuch­tung letz­tes Jahr. Auf Tour war er mit Bon Iver und man hört ihm das Rei­sen auch an.
Er braucht nur sei­ne Gitar­re und sei­ne gran­dio­se, wür­zi­ge, unver­wech­sel­ba­re Stim­me! Er hat etwas sehr eige­nes und erin­nert wirk­lich an Wild­nis und Lager­feu­er und Fern­weh. Oder an Land­strei­cher-Dasein und in einem Zug durchs Land brau­sen.
Jeden­falls möch­te man The Tal­les Man On Earth ers­tens live sehen (wer die­ses Jahr beim Hald­ern ist, hat Glück!) und ihn zwei­tens immer dabei haben, wenn einen das Fern­weh packt.
Sein zwei­tes Album „The Wild Hunt“ ist die wun­der­ba­re Fort­set­zung des ers­ten Albums. Was sehr gut ist, denn sein Debüt war ein gran­dio­ses, durch sei­ne Stim­me und Git­tar­re allein getra­ge­nes, fol­ki­ges Meis­ter­stück. Aber gleich­zei­tig sind immer wie­der gleich­klin­gen­de Lie­der irgend­wann lang­wei­lig. Wenn da nicht die­se Stim­me, die­se Gitar­re und vor­al­lem die­se wahn­sin­ni­gen Tex­te wären. Gera­de das letz­te Stück „Kids On The Run“, in dem ein Kla­vier auf­taucht und man fast weh­mü­tig wird, weil es das letz­te Stück ist, ist den Kauf der Plat­te mehr als wert.
Anspiel­tipps: „King Of Spain“, „Thousand Ways“, „The Dry­ing Of The Lawns“, „Kids On The Run“. (AK)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
AK: Anni­ka Krü­ger
LH: Lukas Hein­ser

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Musik

Gesammelte Platten Mai 2010

This ent­ry is part 5 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Band Of Hor­ses – Infi­ni­te Arms
Bei „All Songs Con­side­red“ spre­chen sie längst nur noch von „bär­ti­ger Musik“, wenn bär­ti­ge jun­ge Män­ner auf ihre Gitar­ren ein­dre­schen und mehr­stim­mig melan­cho­li­sche Songs schmet­tern. Band Of Hor­ses hal­ten die­se Grund­re­geln auch auf ihrem drit­ten Album ein, was sich aber bedeu­tend lang­wei­li­ger liest, als es sich anhört. Musi­ka­lisch irgend­wo zwi­schen Nada Surf, Built To Spill und Fleet Foxes wird eher geschwelgt als gerockt: Weit­ge­hend sehr ent­spannt pen­delt „Infi­ni­te Arms“ zwi­schen Ent­spannt­heit und Melan­cho­lie und wäre damit ten­den­zi­ell eher ein Herbst-Album, aber gute Musik ist jah­res­zeit­los schön.
Anspiel­tipps: „Fac­to­ry“, „On My Way Back Home“, „Evening Kit­chen“, „Bart­les + James“. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Beach Fos­sils – Beach Fos­sils
Beach Fos­sils klin­gen wie vor vier­zig Jah­ren oder wahl­wei­se eben auch wie Real Estate, die Pro­duk­ti­on ist rau­schig und ver­mumpft, und so rich­tig Dri­ve ist da auch nicht drin. Und trotz­dem sind sie groß­ar­tig. Andau­ernd muss ich sie hören, was viel­leicht etwas weni­ger mit der Musik zu tun hat als viel mehr mit einem in mir lan­ge ver­lo­ren geglaub­ten Ent­span­nungs­ge­fühl beim Hören lah­mer, halb­psy­che­de­li­scher Trend-Indie­mu­sik zusam­men hängt. So ein Meta-Moment, in dem mir rela­tiv wurscht wird, ob das, was ich höre, hoch­gra­dig inno­va­tiv ist oder nicht. Ein biss­chen wie Vel­vet Under­ground auch und Joy Divi­si­on, falls Sie da Refe­ren­zen brau­chen.
Anspiel­tipps: „Day­d­ream“, „Win­dow View“, „Wide Awa­ke“. (MS)

The Black Keys – Brot­her
Man bräuch­te ein Beam­ge­rät. Das den­ke ich so oft. Ein­fach rein und zack! ist man am gewünsch­ten Ort und muss nicht der Bahn das Geld in den Rachen wer­fen. Die­se Insti­tu­ti­on trans­por­tiert eh nur noch Mil­lio­nä­re, die­ser Tage. Lei­der gibt es noch kein Beam­ge­rät, aber das neue Album der Gebrü­der Black Keys ist ein klei­ner Ver­such.
Wenn man auf Play drückt, ertönt ein blue­si­ger Gitar­ren­sound aus den 70ern und beamt sich dann mal schnell ins Zeit­al­ter des Gara­gen­rock um dann wei­ter zu hüp­fen ins Jetzt. Sie neh­men aus den Jah­ren des Rock ein­fach das Bes­te mit.
„Brot­hers“, das sechs­te Werk mit dem super Cover, das nur den Titel trägt: „This is an album by The Black Keys. The name of the album is Brot­hers.“, ist viel­leicht das smoot­hes­te bis jetzt. Dan Auer­bach und Patrick Car­ney lie­fern ab.
Sie haben den dre­cki­gen Sound ihrer Vor­gän­ger­al­ben mit ein wenig fun­ky Smooth gekop­pelt, „Sinis­ter Kid“ drischt und macht lust auf Tan­zen bis man nicht mehr kann. Bei „Tigh­ten Up“ haben die bei­den sich Dan­ger Mou­se ins Stu­dio gebeamt und mei­nen unglaub­lich lang­wie­rigs­ten Ohr­wurm erschaf­fen (auch das Video dazu ist nur zu Emp­feh­len).
Oder man beamt sich ein wenig in ein Zeit­kon­ti­nu­um, in dem man die Zeit mal ver­gisst und ein­fach die­se super Plat­te genießt.
High­lights: „Tigh­ten Up“, „Sinis­ter Kid“. (AK)

The Divi­ne Come­dy – Bang Goes The Knight­hood
Ich bin ein wenig in Sor­ge, dass ich schon sehr bald nur noch neue Alben von Bands kau­fen wer­de, die ich sowie­so schon ken­ne und schät­ze, dass ich die­se Alben ein paar Mal hören und dann sagen wer­de: „Ja, schön, aber die hat­ten auch schon bes­se­re …“ Nun ja, wer ein Divi­ne-Come­dy-Album kauft, weiß, was ihn erwar­tet und genau das bekommt er auch: Luf­ti­gen Pop mit eher baro­cker Instru­men­tie­rung, intel­li­gen­te Tex­te und viel bri­ti­schen Stil – also ein biss­chen wie die Pet Shop Boys in ana­log. Neil Han­non macht also unge­fähr da wei­ter, wo er vor vier Jah­ren auf „Vic­to­ry For The Comic Muse“ auf­ge­hört hat (kul­mi­nie­rend im gro­ßen Selbst­zi­tat „The Lost Art Of Con­ver­sa­ti­on“), und das ist ja nicht das Schlech­tes­te. Die rich­tig her­aus­ra­gen­den Songs feh­len bis auf die Sin­gle „At The Indie Dis­co“ ein wenig, dafür ist der Ope­ner „Down In The Street Below“ so laid back wie kaum etwas seit der „Rege­ne­ra­ti­on“.
Anspiel­tipps: „Down In The Street Below“, „At The Indie Dis­co“, „When A Man Cries“, „I Like“. (LH)

Foals – Total Life Fore­ver
Dass ich mal was über Mathe schrei­ben wür­de. Aber die Her­ren Foals aus dem Ver­ei­ni­gen König­reich haben mit ihrer neu­en Plat­te „Total Life Fore­ver“ und ihrem Math-Rock ein­fach mit­ten in mein der­zei­ti­ges Elek­tro-Rock-Herz getrof­fen. Seit zwei Wochen lauf ich jetzt schon mit der Plat­te durch die Stra­ßen und grin­se in mich rein, wenn ich von den Beats im Ohr ange­feu­ert wer­de.
Bei „Spa­nish Saha­ra“ hal­te ich dann inne, weil ich jedes mal sowas von über­rum­pelt wer­de, wenn bei 4:12 ein Sound ein­setzt, der wie Som­mer­re­gen und Wun­der­ker­zen klingt. Jedes­mal bleib ich ste­hen oder schlie­ße die Augen und lass die­ses Lied über mich reg­nen. Das Kon­zept geht auf, wahn­sin­nig geni­al kom­po­nier­te Melo­dien gepaart mit einem super Schlag­zeug und der Stim­me von Sän­ger Yan­nis Phil­ip­pa­kis erzeu­gen ein­fach eine per­fek­te Gän­se­haut.
Es ist die­se Mischung aus futu­ris­ti­scher Welt­an­schau­ung und trotz­dem an alten Din­gen fest­hal­ten. Das Album passt als Gesamt­werk wun­der­bar zusam­men. Die Songs neh­men sich nichts weg, son­dern zei­gen ver­schie­de­nen Per­sepek­ti­ven und wer­fen neu­es Licht auf die Welt. Schö­ne Welt da, bei den Foals.
Anspiel­tipps: „Black Gold“, „Spa­nish Saha­ra“, „Ala­bas­ter“. (AK)

Gis­bert zu Knyphau­sen – Hur­ra! Hur­ra! So nicht
Men­schen kom­men und gehen und die wenigs­ten blei­ben. Die meis­ten gehen wie­der und die aller­we­nigs­ten las­sen etwas zurück. Mit Herrn zu Knyphau­sen war das ähn­lich. Ihn brach­te mir jemand mit, der dann wie­der ging, und er war einer der weni­gen, die gin­gen und etwas da lie­ßen, und so denk ich immer auch ein wenig an ihn, wenn ich Gis­bert höre.
Wenn wir jetzt in die neue Plat­te rein­sprin­gen, dann merkt man, dass Herr Knyphau­sen ein wenig ver­schmit­zer gewor­den ist („Es ist still auf dem Park­platz Krach­gar­ten“). Ähn­lich wie Dami­en Rice, der ein­mal in einem Inter­view sag­te, er wür­de nicht ewig nur trau­ri­ge Lie­der schrei­ben kön­nen, weil er gar nicht so melan­cho­lisch ist. Und so geht es mir mit Gis­berts zwei­tem gro­ßen Album „Hur­ra! Hur­ra! So nicht“. Natür­lich sind die Töne nach­denk­lich und beschrei­ben die­se Gefühls­nost­al­gie und Momen­te, aber es schwingt jetzt auch Opti­mis­mus in den Lie­dern mit. Auch das typi­sche Knyphau­sen-jaja­ja­ja ist dabei und das Talent, die irr­wit­zi­gen Momen­te des Lebens ins Bil­der umzu­bas­teln.
Es ist jetzt nicht mehr nur Gis­bert mit sei­ner Gitar­re, nein, es ist auch ein Schlag­zeug und ein Bass dabei! Und wenn mir auch die alten Lie­der des­halb so gefal­len haben, weil es nur er, die Gitar­re und du waren, so muss ich doch sagen, dass das Arran­ge­ment sehr gut gewor­den ist! Die Lie­der packen an der rich­ti­gen Stel­le, das Schlag­zeug morst die klei­nen musi­ka­li­schen Bot­scha­fen direkt ins Ohr und ins Herz. Die neue Plat­te ist gut, rich­tig gut!
Anspiel­tipps: „Grau Grau Grau“, „Es ist still auf dem Park­platz Krach­gar­ten“, „Krä­ne“. (AK)

The Natio­nal – High Vio­let
Eigent­lich hat­te ich ja bereits Anfang Mai ein paar hun­dert lob­prei­sen­de Absät­ze über die­ses Album geschrie­ben und eigent­lich nicht gedacht, dass da noch etwas hin­zu­zu­fü­gen sein könn­te. An mei­ner per­sön­li­chen Wer­tung, die objek­tiv irgend­wo bei 100 von 5 Ster­nen liegt, weil das halt ein­fach so ist, hat sich auch nichts geän­dert. Viel­leicht ist es aber ganz gut, mei­nen Anfangs­ein­druck nach mitt­ler­wei­le fast mehr­mo­na­ti­gem Hören und auch mal Nicht­hö­ren auf den neu­es­ten Stand zu brin­gen: Ent­ge­gen aller mei­ner Erwar­tun­gen über­sprin­ge ich den unty­pi­schen Ope­ner „Ter­ri­ble Love“ immer noch nicht, wenn ich das Album höre. Was für ein Knal­ler, mit einer Demo-Auf­nah­me anzu­fan­gen, wenn man sei­ne fünf­te LP ver­öf­fent­licht. In der Süd­deut­schen Zei­tung stand über „High Vio­let“: Kon­sens­rock. Mit schlech­ter Note. Ich mag mich irren, aber ist etwas von vorn­her­ein als lang­wei­lig zu ver­ur­tei­len, wenn jeder es irgend­wie hören kann, ohne sich über­ge­ben zu müs­sen? Oder weil die Gitar­ren einem nicht das Gehör zer­sä­gen, son­dern man sie sozu­sa­gen erst­mal suchen muss? Wei­ter möch­te ich mich gar nicht auf­re­gen. Super Sache, das Album! (MS)

The New Por­no­graph­ers – Tog­e­ther
Ein­mal Kana­di­er sein! Man stellt sich auf die Stra­ße vor die eige­ne Haus­tür, hebt kaum merk­lich für ein bis zwei Sekun­den die Hand, sagt etwas wie „Ich habe eine Gitar­re da drin, möch­te von euch viel­leicht irgend­wer mit­spie­len?“ und schwupps, hat man ein Orches­ter in der Hüt­te. Kei­ne Beschwer­den bit­te, die­se Vor­stel­lung bestä­tigt sich qua­si allei­ne, also ohne Stütz­rä­der, sozu­sa­gen von selbst, unge­fragt, wenn Sie mögen, wenn man sich nur mal Bro­ken Social Sce­ne anschaut und den Baum von Quer­ver­wei­sen, Zita­ten, Mit­glie­der­wech­seln, Aus­hilfs­gi­tar­ris­ten, Sän­ge­rin­nen und Sän­gern und so wei­ter ver­sucht nach­zu­voll­zie­hen, ohne dabei zumin­dest einen Notiz­block zu haben. Ein kaum über­wind­ba­rer Arbeits­berg. Zurück zum The­ma. The New Por­no­graph­ers bestehen, lässt man die halt­lo­se Anschul­di­gung, es han­de­le sich dabei um Sän­ger Carl New­man mit Gäs­ten, aus drei haupt­säch­lich mit Song­wri­ting und Sin­gen beschäf­tig­ten Men­schen, von denen A.C., oder Carl, New­man nur einer ist, und einer Rei­he wei­te­rer Musi­ker. Die übri­gen bei­den Song­schrei­ber der Band sind Neko Case, die vor nicht all­zu­lan­ger Zeit mit dem Solo­al­bum „Midd­le Cyclo­ne“ ein ganz schön tol­les Ding abge­lie­fert hat, und Dani­el Bejar, dem ein­zi­gen fes­ten Mit­glied der auch gar nicht so mar­gi­nal bekann­ten Band Des­troy­er. Hät­te ich das Bedürf­nis, geohr­feigt zu wer­den, wür­de ich für die New Por­no­graph­ers also ein Wort benut­zen, das mit S anfängt und mit uper­group auf­hört, aber ich bin ja nicht von allen guten Geis­tern ver­las­sen. Was soll die­se gan­ze Ein­lei­tung? Man erwar­tet von einer Band mit solch einem Kalei­do­skop der Eigen­köp­fig­keit und Solo­plat­ten­er­fah­rung mög­li­cher­wei­se eine ver­kopf­te, anstren­gen­de, über­kan­di­del­te Ver­öf­fent­li­chung nach der ande­ren. Das Bemer­kens­wer­te ist, dass „Tog­e­ther“ weni­ger eitel nicht sein könn­te. Es klingt, als wäre Carl New­man damals nicht nur ein­fach auf die Stra­ße gelau­fen, um Leu­te zu suchen, die mit ihm musi­zie­ren wol­len, son­dern hät­te in der Fra­ge auch ganz ein­deu­tig noch die For­mu­lie­rung „Bit­te bringt eine Tüte gute Lau­ne pro Per­son mit!“ benutzt. Ein hoch­gra­dig erhei­tern­des und schö­nes Album ist das hier. Wenn hier über­haupt ein Kon­zept durch­ge­zo­gen wer­den soll­te, dann ver­mut­lich ein­fach das, einen Rie­sen­spaß zu haben. Hat man die Band ein­mal live gese­hen, ver­dich­tet sich die­ser Ein­druck zusätz­lich, was lei­der manch­mal zu einem Hauch Schü­ler­band­ge­fühl führt. Muss ja aber auch nichts Schlim­mes sein.
Anspiel­tipps: „Val­ky­rie In The Rol­ler Dis­co“, „Crash Years“, „We End Up Tog­e­ther“. (MS)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
AK: Anni­ka Krü­ger
LH: Lukas Hein­ser
MS: Mar­kus Steidl

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Musik

Gesammelte Platten April 2010

This ent­ry is part 4 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Blunt Mecha­nic – World Record
Man soll ja Plat­ten nicht nur auf­grund ihrer Cover beur­tei­len, aber: Gott, ist das nied­lich! Ähem … Das ist also das Ein-Mann-Pro­jekt von Ben Bar­nett, der neue US-Import auf Grand Hotel van Cleef. Wobei es schon ein biss­chen über­ra­schend ist, dass das Album von 2009 ist – vom Sound her könn­te es auch bereits 15 Jah­re alt sein und der Hoch­zeit von Pave­ment, Lemon­heads, Weezer und They Might Be Giants ent­stam­men. Unauf­ge­reg­ter ame­ri­ka­ni­scher Indie­rock eben. Alles schep­pert und rauscht ein biss­chen, aber genau die­ses etwas Schrä­ge macht das Album so sym­pa­thisch. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Bro­ken Social Sce­ne – For­gi­ve­ness Rock Record
Wie erklärt man das jetzt? Die­se Band war da, als mir etwas abhan­den kam. Wie beschreibt man jetzt die­ses Musi­ker­kol­lek­tiv aus Kana­da, das Feist, Emi­ly Hai­nes und Wahn­sinn­s­al­ben und Sound­tracks her­vor­ge­bracht hat?
Und was sagt man dann über die­ses neue Album „For­gi­ve­ness Rock Record“?
Ein Ver­such. Man ist ja vie­les gewöhnt bei den Bro­ken Social Sce­n­es­ters, es gibt da Alben von Ihnen, die rein Instru­men­tal sind und einen weg­bla­sen, dann kom­men Alben, bei denen die Lyrics allei­ne einen umhau­en, und dann fängt die neue Plat­te mit „World Sick“ an und dann passiert’s: Alles fließt zusam­men – Melo­die, Text, Arran­ge­ment und Gesang und man ist mit­ten­drin, in der Bro­ken Social Sce­ne, die bei die­sem Album alle ihre Sub­kul­tu­ren zum bes­ten ver­schmol­zen haben. Sieb­zi­ger­jah­re-Tau­mel­rock und Waber­syn­thie­or­gel­parts, Strei­cher und Key­boards – fast jeder Song ist eine klei­ne Hym­ne für sich allein. Und wer hät­te nach „You For­get It In Peo­p­le“ gedacht, dass die Bro­ken Social Sce­ne nicht in ihre Ein­zel­tei­le zer­springt, son­dern im Kol­lek­tiv so ein Album raus­bringt?
Jeden­falls bin ich mir sicher, dass die­ses mal bei die­sem Alben auch eini­ge noch nicht gewuss­te Lücken ihre Bro­ken-Socia- Sce­ne-Fül­lung erhal­ten.
High­lights: Kann ich jeden Song hier hin schrei­ben? Wenn ich dann doch aus­wäh­len muss: World Sick, Art House Direc­tor und Me In The Base­ment. (AK)

Jakob Dylan – Women And Coun­try
Offi­zi­ell lie­gen die Wall­flowers nur auf Eis, aber so rich­tig wür­de es mich nicht stö­ren, wenn Jakob Dylan sei­ne Haupt­band nicht mehr wie­der­auf­er­ste­hen lie­ße – die hat­ten zwar die Hits und die grö­ße­ren Pop­songs, aber seit Dylan solo unter­wegs ist, hat er noch ein­mal einen gro­ßen Sprung als Musi­ker gemacht. Nach der völ­lig redu­zier­ten Rick-Rubin-Pro­duk­ti­on auf „See­ing Things“ sorgt dies­mal T‑Bone Bur­nett für einen vol­le­ren Süd­staa­ten­sound. Neko Case und Kel­ly Hogan sind als Back­ground-Sän­ge­rin mit dabei und ver­lei­hen den düs­ter vor sich hin­stap­fen­den Songs damit noch eine ganz eige­ne Note. In den Tex­ten geht es um apo­ka­lyp­ti­sche Bil­der und Fins­ter­nis, aber drun­ter macht es Jakob Dylan ja seit Jah­ren schon nicht mehr. Man kann die­ses Album kaum hören, ohne vor dem geis­ti­gen Auge die Step­pen­läu­fer in der Abend­son­ne im Staub tan­zen zu sehen. In sei­ner ver­meint­lich stoi­schen Ruhe liegt eine unge­heu­re Kraft, die einen fest­hält und run­ter­zieht – nur damit die Musik einen im nächs­ten Moment sanft über die Din­ge hebt. Groß­ar­ti­ge Auf­trit­te von Dylan und sei­ner Begleit­band auch bei NPR und Day­trot­ter. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

The Hold Ste­ady – Hea­ven Is When­ever
Jah­re­lang waren The Hold Ste­ady an mir vor­bei­ge­rauscht, dann tra­fen sich mich mit „Stay Posi­ti­ve“ mit vol­ler Wucht und ich muss­te alle Alben haben. Jetzt also der ers­te Album­re­lease als Fan und die­se ganz beson­de­re Mischung aus Vor­freu­de und Angst vor Ent­täu­schung – zumal Key­boar­der Franz Nico­lay die Band ja gera­de erst ver­las­sen hat­te. Der Ope­ner „The Sweet Part Of The City“ beginnt schlep­pend und mit slide gui­tars und lässt mich etwas rat­los zurück. Aber dann: „Soft In The Cen­ter“ mit einem Refrain, der gleich­zei­tig die Arme aus­brei­tet und um einen schlingt (ver­su­chen Sie das mal als Mensch!); „The Weeken­ders“ mit ganz vie­len „Woooo-hoooo“-Chören und U2-mäßi­gen Stro­phen; in der ers­ten Sin­gle „Hur­ri­ca­ne J“ klafft die Sche­re zwi­schen eupho­ri­scher Musik und resi­gnier­tem Text – das Album läuft und es läuft rund. Die Lyrics sind wie­der vol­ler Par­ty-Beschrei­bun­gen und Selbst­zi­ta­te (und eini­ger wun­der­schön wind­schie­fer Lie­bes­er­klä­run­gen), die Musik vol­ler Ener­gie. „Hea­ven Is When­ever“ braucht ein paar Anläu­fe und es ist sicher nicht das bes­te Hold-Ste­ady-Album (das ist „Boys And Girls In Ame­ri­ca“), aber es gibt kei­nen Grund zur Ent­täu­schung. (LH)

Sophie Hun­ger – 1983
Ein wil­des Kind. Eine wider­spens­ti­ge Frau. Feuil­le­ton­lieb­ling und eine der­je­ni­gen, die man auch wirk­lich als „Künst­le­rin“ bezei­chenen kann. Über­all auf der Welt auf­ge­wach­sen, Enke­lin von Schwei­zer Urvä­tern, eigent­lich nicht kate­go­ri­sier­bar. Am aller­wich­tis­ten aber ist, dass sie eine wahn­sin­nig begab­te Musi­ke­rin ist. Irgend­wo zwi­schen Jazz, Folk­lo­re, Pop. Uni­ver­sal­ta­lent. Uni­ver­sal­mu­sik.
Wer Inter­views mit ihr sieht, sieht einen sehr eigen­wil­li­gen Men­schen. Sophie Hun­ger ist sehr grad­li­nig, was ihre Aus­sa­gen betrifft, was man bei ihr eigent­lich eher nicht erwar­tet. Sie ist schwer greif­bar. Fra­gen in Inter­views wer­den seziert und auf den Punkt gebracht. Die Tex­te sind Mosai­ke oder eher Emo­tio­nen die man dann beim Hören spürt. Und man ver­gisst manch­mal bei all der Ernst­haf­tig­keit, wie viel Spaß ihr die Musik bringt. Viel­leicht ist das ihr Über­ra­schungs­mo­ment.
Das zwei­te Album „1983“ ist ein Wech­sel­bad der Hör­ge­füh­le. Heiß, kalt, laut und lei­se. Aber immer mit­ten ins Herz oder ins Ohr. Ihr wisst schon, das Organ, das Musik als ers­tes fühlt. Schon ihr Debüt­al­bum „Mon­day Ghost“ war ver­zau­bernd. Zumin­dest bin ich dem Zau­ber der Sophie Hun­ger erle­gen gewe­sen und bin es immer noch.
Viel­leicht passt Zau­ber sehr gut zu die­sem Album. Ein wenig exzen­trisch, ein wenig eigen­wil­lig aber eben Sophie Hun­ger pur.
High­lights: „Lea­ve Me With The Mon­keys“, „Your Per­so­nal Reli­gi­on“ und „Invin­ci­b­le“: „Some­whe­re in the Hin­du­kush /​ Lives the grea­test poet /​ Scribb­ling sings into the dust /​ And we will never know it“. (AK)

Jón­si – Go
Noch so ein Band­lea­der mit Solo­al­bum: Wäh­rend Sigur Rós ger­ne mal etwas län­ger brau­chen, nutzt deren Sän­ger die aktu­el­le Krea­tiv- und Baby­pau­se, um ein Album nach dem ande­ren raus­zu­hau­en. Letz­tes Jahr das Pro­jekt „Rice­boy Sleeps“, jetzt also ein offi­zi­el­les Solo­al­bum. Schon wegen Jón Þór Bir­gis­sons cha­rak­te­ris­ti­scher Stim­me erin­nert das natür­lich immer wie­der an die Haupt­band, aber dann klingt es doch wie­der ganz anders. Songs wie „Ani­mal Arith­me­tic“ oder „Boy Lili­koi“ sind zu Musik geron­ne­ne Eupho­rie, aber auch Melan­cho­li­ker bekom­men genug Stoff. Der Span­nungs­bo­gen fällt nach den … äh: Par­ty­songs (auf sol­che Par­ties wür­de ich wirk­lich, wirk­lich ger­ne mal ein­ge­la­den wer­den) am Anfang kon­ti­nu­ier­lich ab, bis man am Ende bei „Hen­gilás“ die Ster­ne auf­ge­hen sieht. Ach ja: Das Wort „Schwe­re­lo­sig­keit“ soll­te auch noch in die­ser Rezen­si­on ste­hen. Tut’s ja jetzt. Toll! (LH)

The Radio Dept. – Clinging To A Sche­me
Wir befin­den uns in einem Land, in dem die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung im Süden des Lan­des lebt, Inte­gra­ti­on eigent­lich Stan­dard ist und seit Jah­ren Musik in die Welt kata­pul­tiert, das man allein beim Wort­as­so­zia­ti­ons­spiel jedes Stadt-Land-Fluss-Spiel gewin­nen könn­te. Hier Euer 10-Punk­te-Bonus für R – The Radio Dept.
Die Her­ren Radio Dept. kom­men aus Lund, bestehen aus drei Mit­glie­dern, haben seit Grün­dung 1995 ihre Beset­zung ein paar mal gewech­selt und schwim­men zwi­schen Dream Pop, Show­ga­ze und dem Indie­o­zan hin und her. Ich kann­te die Her­ren nicht, bin durch glück­li­chen Recher­che­zu­fall drü­ber gestol­pert und beim Hören hän­gen geblie­ben.
Eigen­wil­lig ist ja immer gut. Eigen­wil­lig­keit über­schrei­tet Gen­re­gren­zen. The Radio Dept. haben auf ihrem drit­ten Album für mich als Erst­hör­ling alles rich­tig gemacht. Schlaue Melo­dien, ein wenig schwe­di­sche Melan­cho­lie und Talent für Kom­po­si­ti­on. An den rich­ti­gen Ecken bleibt man hän­gen und auch sonst haben sie ihr Ziel für mei­nen Geheim­tipp erreicht.
High­lights in no par­ti­cu­lar order: „You Stop­ped Making Sen­se“, „Never Fol­low Suit“ und „Heaven’s On Fire“. (AK)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
AK: Anni­ka Krü­ger
LH: Lukas Hein­ser

Kategorien
Musik

Gesammelte Platten März 2010

This ent­ry is part 3 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

An Hor­se – Rear­ran­ge Beds
Manch­mal ist man ja erstaunt, wie wenig es für gute Musik braucht: Mann, Frau, Schlag­zeug, Gitar­re – und den Ver­zicht auf Riffs, die betrun­ke­ne Fuß­ball­fans mit­grö­len könn­ten. Statt­des­sen Indie­rock, irgend­wo zwi­schen Tegan And Sara, Slea­ter-Kin­ney und den Yeah Yeah Yeahs. Gro­ße Ges­te und klu­ge Tex­te. Wer die Aus­tra­li­er im Vor­pro­gramm von Simon den Har­tog ver­passt hat (und das trotz mas­si­ver Bericht­erstat­tung), hat im Som­mer noch ein­mal Gele­gen­heit sich davon zu über­zeu­gen, dass die bei­den die­sen Sound auch live hin­be­kom­men. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Frigh­ten­ed Rab­bit – The Win­ter Of Mixed Drinks
Ich kann ja jetzt nicht jedes Mal schrei­ben, wie indie­mü­de ich bin. Zumal wenn da so eine Band vor­bei­kommt wie Frigh­ten­ed Rab­bit und durch die Woh­nung fegt wie ein Haus­mäd­chen auf Speed, die Fens­ter auf­reißt, die Bet­ten auf­schüt­telt und gene­rell den Früh­ling her­beit­anzt. Pas­send zum Album­ti­tel. Mir sind die Voka­beln aus­ge­gan­gen, aber „The Win­ter Of Mixed Drinks“ ist ziem­lich genau das Album, das die Shout Out Louds die­ses Jahr lei­der nicht gemacht haben: Alles natür­lich schon mal da gewe­sen, aber neu zusam­men­ge­setzt und in sei­ner Gesamt­heit uplif­ting as hell. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Peter Gabri­el – Scratch My Back
Wer wie ich „Scrubs“ liebt, der hat bestimmt auch wie ein Schloss­hund geheult, als nach der ach­ten Staf­fel erst­mal jeder dach­te, es ist jetzt wirk­lich zu Ende. Kein J.D. mehr, kein Turk, kein Jani­tor, der sich die phä­no­me­n­als­ten Din­ger aus­denkt. All der lie­bens­wer­te Schwach­sinn ist zu Ende. Aber ich schwei­fe ab.
Im Abspann bei „Scrubs“, als man sehen kann wie das Leben aller Prot­ago­nis­ten ver­läuft, lief der wohl schöns­te Song, den ich bis­her kann­te: „The Book Of Love“. Eigent­lich von den Magne­tic Fields, aber nur Peter Gabri­el singt ihn rich­tig, trifft die Töne da wo man beim Hören Gän­se­haut bekommt und hat die­se unbe­schreib­li­chen Gei­gen. Was soll man aber von Peter Gabri­el hal­ten, der auf ein­mal nur noch Cover auf eine Plat­te zusam­men bringt? Ich bin ehr­lich: Ich dach­te mir, dass es nix wird, und ich war skep­tisch und hab ver­sucht, mir nicht von den Gei­gen das Hirn weich-fideln zu las­sen. Hat nicht funk­tio­niert. Mit „Scrach My Back“ hat sich Peter Gabri­el was gutes aus­ge­dacht, die Cover sind alle mit Orches­ter neu inter­pre­tiert wor­den, viel­leicht ein wenig zu viel Gei­ge und Pathos. „Après Moi“ von Regi­na Spek­tor klingt sehr düs­ter. „Mir­ror­ball“ von Elbow darf man eigent­lich gar nicht ver­glei­chen und „Flu­me“ von Bon Iver ist was ganz ande­res. Die Songs wer­den – und das ist ja auch das schö­ne an Covern – in eine ande­re Rich­tung geschubst und man sieht man­che Songs von ande­ren Sei­ten und ent­deckt viel­leicht noch eine Nuan­ce mehr, an der man sich fest­lie­ben kann. So ging es mit „Mir­ror­ball“ und mit „My Body Is A Cage“.
Man darf gespannt sein, wie „I’ll Scratch Yours“ wird, das Album, auf dem die geco­ver­ten Künst­ler wie­der­um Peter Gabri­el covern. (AK)

Kash­mir – Tre­s­pas­sers
Ich wür­de mich manch­mal wirk­lich ger­ne bes­ser dar­an erin­nern kön­nen, wo ich bestimm­te Bands zum ers­ten Mal gehört hab. Da wär die Ein­lei­tungs-Anek­do­te ein wenig ein­fa­cher. Bei Kash­mir fal­len mir nur Rake­ten und Welt­raum­rei­sen an. Also ich bin jetzt kei­ne Astro­nau­tin und mit Rake­ten hab ich auch nichts am Hut, aber bei dem Titel und dem Ope­ner „Mouthful Of Wasps“ fühlt man sich irgend­wie wie auf einer Welt­raum­rei­se, jeden­falls in ande­ren Sphä­ren. „Still Boy“ pul­siert und „Dan­ger Bear“ kühlt das Getrie­be wie­der etwas run­ter. Album Num­mer sechs der Band aus Däne­mark ist sehr viel­sei­tig gewr­den. Gro­ße Melo­dien zusam­men mit Orches­ter, die ein­dring­li­che Stim­me von Kas­per Eis­trup, die­se berühm­te Kash­mir-esquen Gitar­ren­pas­sa­gen, Lie­der, die Geschich­ten sind, und Melo­dien, die über einem wie Wel­len zusam­men­bre­chen. Ja, viel­leicht sind Kash­mir ähn­lich wie das Meer. Weit und durch­ein­an­der, opu­lent, geräusch­voll, har­mo­nisch und chao­tisch. (AK, Rezen­si­ons­exem­plar)

Lau­ra Mar­ling – I Speak Becau­se I Can
Wenn man auf Play drückt, dann hört man am Anfang click-knis­ter-Geräu­sche und etwas, was ein wenig nach Wind klingt. Und dann sowas wie Syn­thie­or­geln – damals in der Schu­le lern­te ich, sowas zählt zu einer Kako­pho­nie. Ah ja. Dann setzt die Gitar­re ein und die Sitm­me von Lau­ra Mar­ling und der ers­te song „Devil Spo­ke“ zischt und trifft. Ab da ist die gan­ze Plat­te „I Speak Becau­se I Can“ der bri­ti­schen Singer/​Songwriterin einer der Ohren­schmäu­se des Monats März. Viel­elicht sogar des Jah­res. Apro­pos „Schmaus“: Wie mir mei­ne Mut­ter neu­lich bei­brach­te, ist „Schmau­en das neue Schmau­sen“. „Schmau­en“ bedeu­tet, dass man sich Zeit nimmt und genießt. Und das­sel­be kann man vor­treff­lich mit die­ser Plat­te machen. Play drü­cken und schmau­en. Es steckt, für eine 20 Jah­re jun­ge Frau, schon unglaub­lich viel in die­ser Lau­ra Mar­ling. Die Tex­te sind unglaub­lich wei­se. Die Melo­dien sind wahn­sin­nig voll mit Gefüh­len und die Stim­me von Lau­ra ist sehr klar und prä­sent. Sie will gehört wer­den, weil sie etwas zu sagen hat. „Stür­mi­scher Folk“ und, sagt der NME, ähn­lich wie Mum­ford & Sons. Ja, weil stür­misch ganz her­vor­ra­gend passt und Mum­ford & Sons ein ähli­ches Talent für Geschich­ten und Melo­dien besit­zen. Nein, weil Lau­ra Mar­ling mit ihrem Album „I Speak Becau­se I Can“ sich nicht ein­reiht, son­dern sehr gut auf eige­nen Bei­nen steht. (AK)

Lou Rho­des – One Good Thing
Unglaub­lich trau­rig muss die­se Lou Rho­des sein. Ihre bei­den Vor­gän­ger-Alben ken­ne ich nicht und viel­leicht ist das gar nicht so schlecht. Eine Stim­me, die sich zwi­schen Anna Tern­heim und Mar­tha Wain­w­right ste­cken lässt, eine fei­ne Gitar­re und Melo­dien, die Folk und Emo­tio­nen ein­fan­gen. Die Stim­me von Mrs. Rho­des ist sehr schön, wech­selt zwi­schen hoch und tief und besitzt die­ses leicht krat­zi­ge, bal­sa­mi­ge. Per­fekt für Melan­cho­lie. „One Good Thing“, das drit­te Album, besticht nicht mit Diver­si­tät, jedoch mit Emo­tio­nen. Die Songs mäan­dern inein­an­der und man hat hier die­sen 90er Jah­re Tech­no-Effekt – es hört sich alles gleich an. Den­noch: „The More I Run“ und „One Good Thing“ sind für mich die bei­den High­lights. Mit Sicher­heit hat es Lou Rho­des gut gemeint, hat ihr vol­les Herz­blut hin­ein­ge­steckt. Lei­der hal­te ich 11 trau­ri­ge Lie­der nicht so lan­ge durch. Ich mag Melan­cho­lie sehr ger­ne, in gesun­der Dosie­rung. Viel­leicht darf ich die Plat­te aber auch nicht so oft am Stück hören. (AK)

She & Him – Volu­me Two
Wie macht Sie das bloß? Manch­mal frag ich mich, wie man so viel Din­ge gleich­zei­tig machen kann. Jeden­falls fällt mir für die­se „Kri­tik“ nur posi­ti­ves ein. Zooey Descha­nel, ist ein­fach eine die­ser Super­frau­en, die ihre Sache gut machen. Nicht des Erfol­ges wegen, son­dern weil sie es ein­fach von Her­zen ger­ne Musik machen. Und das hört man auch. Das Zwei­te Album, das Frau Descha­nel mit Mr. M. Ward kom­po­niert hat, ist so eine „Lieb­lings­plat­te“ gewor­den. Die muss man ein­fach mögen, beim Hören hat man ein Lächeln auf den Lip­pen und es geht einem gut. Sie ist ein wenig fröh­li­cher als die ers­te Plat­te und auch ein wenig schnel­ler. Dies­mal hört man auch M. Ward öfter sin­gen. She & Him haben ihr Herz immer­noch am glei­chen Fleck, und auch der schnör­ke­li­ge Sound ist geblie­ben. Sie und Er sind eben bei­de Nost­al­gi­ker, ein wenig Fünz­i­ger-Jah­re-Kitsch und immer ist irgend­wo ein Pol­ka­dot. Wer also mit Schmun­zeln und guter Lau­ne durch die Welt lau­fen mag, dem sei „Volu­me 2“ ans Herz gelegt. (AK)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
AK: Anni­ka Krü­ger
LH: Lukas Hein­ser

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Musik

Gesammelte Platten Februar 2010

This ent­ry is part 2 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Die Idee, eine neue Serie zu star­ten, war ja gut. Der Gedan­ke, dass man aus Grün­den des Grup­pen­zwangs eher ver­sucht sein könn­te, sich an Abga­be­ter­mi­ne zu hal­ten, war auch nicht schlecht. Und dann war’s natür­lich wie­der der (eigent­lich nie) so genann­te Chef, der am Längs­ten gebraucht hat.

Dafür haben wir jetzt eine (wie wir fin­den) ansehn­li­che Lis­te bei­sam­men mit Plat­ten aus dem Monat Febru­ar (oder so – die Ver­öf­fent­li­chungs­ter­mi­ne in Deutsch­land schei­nen immer will­kür­li­cher, absur­der und mehr­fa­cher zu wer­den). Und März kommt dann hof­fent­lich auch recht bald!

The Album Leaf – A Cho­rus Of Sto­rytel­lers
Der Titel des fünf­ten Album von The Album Leaf wun­dert mich über­haupt nicht. Er passt sogar wun­der­bar, denn das neue Werk aus der Feder von Jim­my LaVal­le und sei­nem Team hat mich wirk­lich beein­druckt. Atmo­sphä­ri­scher Post-Rock, der beim Hören Klang­wel­ten auf­baut, die einen hin­weg­tra­gen und zu einem Sound­track des Moments wer­den las­sen, wenn man denn will. „Moment­auf­nah­men“ beschreibt das Werk ziem­lich nah, ohne es zu sehr ein­zu­gren­zen. Kohä­siv sind die Songs und fügen sich in das Bild von Geschich­ten sehr gut. Cle­ver ver­knüpf­te Gei­gen mit pul­sie­ren­den Melo­dien.
Liegt viel­leicht auch dar­an, dass LaVal­le „A Cho­rus Of Sto­rytel­lers“ wie sei­ne Vor­gän­ger auf Island auf­ge­nom­men hat. Pas­sen die Songs doch per­fekt zu Land­schaf­ten, die man mit Island in Ver­bin­dung bringt, in denen Zeit in ande­ren Ein­hei­ten gezählt wird. An man­chen Lie­dern bleibt man hän­gen und Zeit spielt kei­ne Rol­le, bis man wei­ter­ge­tra­gen wird und die Zeit rennt. Tex­te ver­teilt Jim­my LaVal­le auf die­ser Plat­te nicht vie­le, wenn er es den­noch tut, bleibt viel Platz für Mög­lich­kei­ten: „There’s a wind behind ever­yo­ne /​ That takes us through our lives /​ I wish I could have stay­ed /​ But this wind takes me away.“ Viel­leicht ist das Album auch ein wenig die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit. (AK)

The Blue Van – Man Up
Kön­nen wir offen spre­chen? Ich bin in letz­ter Zeit ein biss­chen genervt bis ent­täuscht von Gitar­ren­rock­bands. Die Sachen, die mich im letz­ten Jahr wirk­lich gekickt haben, waren meist Hip-Hop oder Elek­tro, ger­ne auch irgend­was mit viel Kla­vier, Glo­cken­spie­len und Xylo­pho­nen. Nicht die bes­te Vor­aus­set­zung also, um sich mit einer skan­di­na­vi­schen Indierock­band zu befas­sen. Und doch hat das drit­te Album von The Blue Van aus Däne­mark eini­ges von dem Schwung der Debüts von Man­do Diao und Franz Fer­di­nand und erin­nert dar­über hin­aus an Bands wie The Hives, Jet und The Alex­an­dria Quar­tet. Also: Defi­ni­tiv nix Neu­es, aber durch­aus druck­voll und unter­halt­sam. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Enno Bun­ger – Ein biss­chen mehr Herz
Es braucht in der Regel nicht viel mehr als ein Kla­vier, um mich zu begeis­tern. Enno Bun­ger, der Front­mann von Enno Bun­ger, spielt Kla­vier, also sieht es mit Anlei­hen bei Kea­ne, Cold­play und Stray­light Run schon mal ganz gut aus. Bei den Tex­ten bin ich durch­aus zu Dis­kus­sio­nen bereit, denn deutsch­spra­chi­ges Gesin­ge über Gefüh­le läuft ja schnell Gefahr, schla­ge­resk zu klin­gen. In der Tat sind man­che Tex­te selbst für mich als Virginia-Jetzt!-Gutfinder hart an der Gren­ze, aber wenn man das Trio aus Leer erst mal live gese­hen hat, erschließt sich einem das Werk sehr viel bes­ser. Ich kann ver­ste­hen, wenn man Enno Bun­ger nicht mag, aber ich mag sie. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Lightspeed Cham­pi­on – Life Is Sweet! Nice To Meet You.
Nach dem Ende der Test Ici­c­les mach­te Dev Hynes (der, wie ich gera­de erschro­cken fest­stel­le, auch jün­ger ist als ich selbst) plötz­lich Folk­mu­sik und ver­öf­fent­lich­te mit „Fal­ling Off The Laven­der Bridge“ vor zwei Jah­ren ein Album, das nach Wüs­ten­staub klang. Davon ver­ab­schie­det sich das Zweit­werk schon rela­tiv früh und schwankt dann durch die ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten von Indiepop. Das Album erin­nert an WHY?, We Are Sci­en­tists und die Shout Out Louds, dann bricht plötz­lich („The Big Guns Of High­s­mith“) ein Män­ner­chor her­vor, wie man ihn seit „Sam’s Town“ von den Kil­lers nicht mehr gehört hat. Das ist manch­mal ein biss­chen zu eklek­tisch (und mit 15 Songs auch etwas zu viel), aber ins­ge­samt immer noch sehr schön. (LH)

Local Nati­ves – Goril­la Man­or
Ver­kürzt könn­te man die­se Plat­te fol­gen­der­ma­ßen beschrei­ben: Ein Biss­chen wie Vam­pi­re Weekend, nur eben ohne fürch­ter­lich zu sein. Dass da Res­t­erklä­rungs­be­darf zurück­bleibt, ist zumin­dest vor­stell­bar. Local Nati­ves kom­men aus Sil­ver Lake (oder Sil­ver­la­ke?), wor­über ich mir ein­mal (mit etwa 700 ande­ren zusam­men) auf einem „Kon­zert“ von Hen­ry Roll­ins per­sön­lich erklä­ren las­sen durf­te, dass das eine ziem­lich üble Ecke in Los Ange­les ist (oder war, der Herr Roll­ins hat da wohl um 1840 mal gewohnt). Der Her­kunfts­ort ist natür­lich völ­lig irrele­vant, aber man soll ja per­sön­li­che oder geo­gra­phi­sche Bezü­ge zu sei­nem Unter­su­chungs­ob­jekt her­stel­len. Jeden­falls war mein ers­ter Gedan­ke beim Hören die­ser Plat­te: „Hui. Klingt wie Vam­pi­re Weekend, nur nicht so fürch­ter­lich.“ Tut es ja aber gar nicht. „Goril­la Man­or“ ist halt eigent­lich ganz schön Indie-Rock, aber eben mit dem Extra-Meter Spaß (Ah, Rezen­si­ons­plat­ti­tü­den!), den man gemein­hin als den „The-Blood-Arm-Effekt“ kennt: Auf den ers­ten Blick sehr direk­ter Schub­la­den­rock, der es aber aus bestimm­ten, unvor­her­seh­ba­ren Grün­den schafft, zu wach­sen und Bedeu­tung zu erlan­gen. Inso­fern sind Refe­ren­zen auch depla­ziert, wer aber trotz­dem wel­che braucht: Ein wenig Grizz­ly Bear (wegen der Chö­re), ein biss­chen Ani­mal Coll­ec­ti­ve (wegen der spo­ra­di­schen Busch­trom­meln) und ein wenig The Natio­nal (wegen der kon­ven­tio­nel­len Mach­art). Gefällt mir sehr gut! Objek­ti­ver wird es nicht. (MS)

Mas­si­ve Attack – Heli­go­land
Kein Mann ist eine Insel. Stimmt. Heli­go­land ist in dem Fall das fünf­te Stu­dio­al­bum des bri­ti­schen Trip-Hop-Duos Mas­si­ve Attack. Nach eini­ger War­te­zeit, in der die Bei­den sich mit Sound­tracks und ande­ren ambi­tio­nier­ten Pro­jek­ten beschäf­tigt haben, war ein kom­plet­tes Album fer­tig, was jedoch wie­der ver­wor­fen wur­de. Für Heli­go­land haben sich die Bei­den den wun­der­ba­ren Tun­de Adeb­im­pe von TV On The Radio, Damon Albarn von Blur, Adri­an Utley von Port­is­head, Guy Gar­vey von Elbow und etli­che ande­re Künst­ler an Bord geholt, die durch­aus char­mant für „Heli­go­land“ kol­la­bo­rier­ten und man kann sagen, es ist eine ein­dring­li­che Plat­te gewor­den. Nicht ganz bequem beim ers­ten Mal hören, aber die Kan­ten, an die man beim Hören aneckt, sind sehr sehr gut kon­zi­piert. Vor allem „Babel“ und „Para­di­se Cir­cuits“ sind für mich High­lights. Düs­ter, wabern­de Beats, ein wenig los­ge­lös­te Melo­dien. Mas­si­ve Attack wie man Sie kennt. Ich bin dann mal auf Heli­go­land. Insel­ur­laub. (AK)

Joan­na News­om – Have One On Me
Was die­se Frau auch immer macht. Da bringt sie zuletzt ein Album auf den Markt, das mit „Ys“ einen doch eher undurch­sich­ti­gen Titel sein Eigen nennt. Wird man dann aller­dings des Covers ange­sich­tig, ver­schlägt es einem fast die Spra­che ob des gan­zen Mit­tel­al­ter-Klim­bims, den man da vor sich hat. Ein Hören der Musik kann einen dann sofort eines Bes­se­ren beleh­ren, wenn man sich nicht schon zu arg dar­auf ein­ge­schos­sen hat, das als Herr-der-Rin­ge-Sound­track abtun zu wol­len. Aber um „Ys“ geht es ja nicht. Es geht dar­um, was sie jetzt schon wie­der gemacht hat, die gute Frau News­om. In Zei­ten der nach­hal­ti­gen Für­to­t­er­klä­rung der hap­ti­schen Kom­po­nen­te von Musik ent­schei­det sie sich dafür, eine Drei­fach-CD /​ LP her­aus­zu­brin­gen. Natür­lich ist da durch­aus eini­ges an Book­let und Art­work dabei, um den tat­säch­li­chen Hard­co­ver-Käu­fer für sei­ne ana­chro­nis­ti­sche Tat zu ent­loh­nen, aber den­noch: Pro­duk­ti­ons­kos­ten und so, Sper­rig­keit etc. pp. Apro­pos: Nicht einer die­ser gan­zen Songs hat kon­ven­tio­nel­le Pop­son­glän­ge (ob das gene­rell gut oder gene­rell schlecht ist, steht in einem ande­ren Pam­phlet, das selbst schon müde gewor­den ist; auch eine her­aus­ra­gen­de Leis­tung für etwas aus Papier, nicht wahr?). Dar­über­hin­aus wur­de hier mit einer der­ar­ti­gen instru­men­ta­len Opu­lenz ans Werk gegan­gen, dass man sich allein im Ope­ner „Easy“ ver­lie­ren kann und bestän­dig Neu­es hört, und das vor allem (jetzt kommt fast der wich­tigs­te Punkt), ohne sich auch nur ein­mal zu fra­gen, war­um man das jetzt irgend­wie gut fin­den soll. Es fehlt also qua­si der Moder­ne-Kunst-Moment, in dem man vor einem Tri­pty­chon von Miró mit dem Titel „Gefäng­nis aus der Sicht eines Insas­sen“ oder so ähn­lich steht und denkt: „Hm, das ist jetzt also die­se Kunst, von der immer alle spre­chen“. Natür­lich ist Miró super, kei­ne Sor­ge, und so schön bunt und so. Aber „Have One On Me“ könn­te tat­säch­lich so in etwa die Ana­lo­gie zu Pie­ter Brueg­hels des Älte­ren „Land­schaft mit dem Sturz des Ika­rus“ sein: Hand­werk­lich her­vor­ra­gend, aber dar­über­hin­aus so alle­go­rien- und bild­reich, dass man sich noch Jahr­hun­der­te lang dar­über den Kopf zer­bre­chen kann. Wenn man das mag. Ansons­ten ist es auch ein­fach so ziem­lich schön! (MS)

Sca­ry Man­si­on – Make Me Cry
Manch­mal ist es gut, dass Album­co­ver in Zei­ten von MP3s eine eher unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len, denn das zu „Make Me Cry“ hät­te mich dann doch nicht unbe­dingt zum Hören ein­ge­la­den. Da wäre mir doch glatt was ent­gan­gen, denn der Indie­rock die­ser Band aus Brook­lyn gefällt mir aus­ge­spro­chen gut. Mein Musik­gen­re­be­nenn­ro­bo­tor hat grad den Dienst quit­tiert, also ver­su­che ich mich lie­ber an Ver­glei­chen: The Pains Of Being Pure At Heart, Yo La Ten­go, The Sounds … Na ja, so unge­fähr. Jeden­falls: Lieb­rei­zen­der Gesang einer Sän­ge­rin über ver­zerr­te Gitar­ren, die mal Upt­em­po, mal epi­scher sind. Das wird mich im kom­men­den Früh­ling sicher noch län­ger beglei­ten. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

Seabear – We Built A Fire
Seabear, das sind sie­ben auf einen Streich. Was als Solo­pro­jekt von Sin­dri Már Sig­fús­son aus Island begann, ist jetzt eine sie­ben­köp­fi­ge musi­zie­ren­de Band, die mit ihrem Indie-Folk einen gelun­gen Nach­fol­ger zu ihrem Debut­al­bum „The Ghost That Car­ri­ed Us Away“ ablie­fert. „We Built A Fire“ kann sich auf jeden Fall hören las­sen, egal zu wel­cher Jah­res­zeit. Es ist alles dabei: Hör­ner, Gei­gen, unauf­dring­li­ches Schlag­zeug, tol­le Melo­dien und die­se beson­de­ren islän­di­schen Emo­tio­nen, oder was die sonst noch in ihre Songs rein­mi­schen, dass man ein­fach gebannt vor dem Laut­spre­cher sitzt. Von lei­sen Tönen („Cold Sum­mer“) bis hin zu fre­chen Tönen („Wolf­boy“, „Wod­den Tee­th“) ist auf „We Built A Fire“ alles vor­han­den. Vor allem aber ist nichts vorraus­seh­bar, außer dass Seabear wirk­lich ein gelun­ge­nes Werk geschaf­fen haben, das die leich­ten Melo­dien auch immer mit der dazu­ge­hö­ri­gen Tie­fe ver­bin­det. Was es des­halb so emp­feh­lens­wert macht. (AK)

Shout Out Louds – Work
Ist das Kon­zept die­ser Serie hier eigent­lich, nur Emp­feh­lun­gen aus­zu­spre­chen? Dann hat die neue Shout-Out-Louds-Plat­te hier eigent­lich nicht viel ver­lo­ren, denn sie ist schon eine ziem­li­che Ent­täu­schung. Dass sie etwas ruhi­ger ist als die bei­den Vor­gän­ger, ist an sich ja nichts schlim­mes, aber lei­der bleibt außer der Sin­gle „Fall Hard“ ein­fach nicht viel hän­gen. Nach eini­gen Durch­gän­gen kommt dann zwar ein biss­chen Atmo­sphä­re auf, aber bis dahin hat man eigent­lich schon lie­ber zu „Our Ill Wills“ oder „Howl Howl Gaf Gaff“ gegrif­fen. Scha­de! (LH)

Yea­say­er – Odd Blood
Irgend­wann vor zwei Wochen habe ich eine Sam­mel-Mail bekom­men mit der Fra­ge, ob jemand mit aufs Yea­say­er-Kon­zert im Fried­richs­hai­ner Post­bahn­hof gehen wür­de. Habe dann ganz schnell Yea gesagt. Hät­te ich viel­leicht nicht tun sol­len, denn es war eins der lang­wei­ligs­ten Kon­zer­te, an die ich mich erin­nern kann. Nicht, dass es schlecht gewe­sen wäre, dann hät­te man ja ein­fach gehen kön­nen. Es war im Gegen­teil immer mal wie­der ganz gut, viel­ver­spre­chend, sodass man stän­dig dar­auf gewar­tet hat, dass es end­lich mal rich­tig los geht. Das ist dann lei­der den gan­zen Abend lang nicht pas­siert, was aller­dings selt­sam ist, in Anbe­tracht des­sen, dass es auf die­sem Album eigent­lich die gan­ze Zeit, Ver­zei­hung, so rich­tig los geht. Von die­sem irre­füh­ren­den, genia­len Ope­ner mit der effekt­ver­zier­ten und hun­der­te Okta­ven nach unten gedrück­ten Stim­me über den, Ver­zei­hung noch­mals, Hit „Ambling Alp“ bis zum Schluss ist das durch­weg inter­es­san­te Kost, die durch­aus gewöh­nungs­be­dürf­tig ist, aber doch – auf die gute Art! – Hip­pie­mu­sik mit Tech­no und total über­trie­be­nem Lati­no­kitsch ver­mischt. Eigent­lich über­haupt nicht mein Ding, wäre es aber sicher­lich gewor­den und hät­te „Odd Blood“ zu einem die­ser gebets­müh­len­ar­tig beschwo­re­nen „frü­hen Anwär­ter“ auf mein Album des Jah­res wer­den las­sen. Wäre nicht die­ses Kon­zert so ver­ma­le­deit öde gewe­sen. Scha­de! Anhö­ren lohnt sich wohl aber trotz­dem. (MS)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
AK: Anni­ka Krü­ger
LH: Lukas Hein­ser
MS: Mar­kus Steidl

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Musik

Gesammelte Platten Januar 2010

This ent­ry is part 1 of 8 in the series Gesam­mel­te Plat­ten

Nach gut drei Jah­ren Cof­fee And TV dach­ten wir, es sei mal an der Zeit, irgend­was anders zu machen. Nach­dem die Kate­go­rie „Lis­ten­pa­nik“ (deren Titel sich übri­gens exakt nie­mand mehr erklä­ren kann) im ver­gan­ge­nen Jahr von ihrer Rang­lis­ten­haf­tig­keit befreit wor­den war, haben wir sie jetzt end­gül­tig in die Ton­ne getre­ten. Und durch etwas – wie wir fin­den – viel Bes­se­res ersetzt:

Ab jetzt wird nicht mehr Herr Hein­ser allei­ne erzäh­len, wel­che neu­en Plat­ten sei­nen „schon arg main­strea­mi­gen Geschmack“ (O‑Ton gute Freun­din) getrof­fen haben – Nein: Das gan­ze Team darf ran.

Es wird wei­ter­hin grob nach Ver­öf­fent­li­chungs­ter­mi­nen gestaf­felt (wes­we­gen wir über­ra­schen­der­wei­se mit den emp­feh­lens­wer­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen des Monats Janu­ar begin­nen) und dann ein­fach alpha­be­tisch sor­tiert.

Beach House – Teen Dream
Beach House sind angeb­lich Dream Pop, was auch immer das sein mag. Ihre letz­te Plat­te „Devo­ti­on“ kann­te ich nur, weil ich mich nach ihrem Erschei­nen ein paar­mal dazu gezwun­gen hat­te, sie neben­her lau­fen zu las­sen, wenn ich gera­de den Abwasch mach­te oder staub­saug­te. Irgend­wann muss sie dann aber doch hän­gen­ge­blie­ben sein, denn als ich davon hör­te, dass es einen Nach­fol­ger geben wür­de, stie­gen unge­kann­te Affekt­a­tio­nen für die­se Band in mir her­auf, und seit­her freue ich mich über die­se Plat­te wie ein klei­nes Kind, das sich wahr­schein­lich über etwas ande­res freut als eine Plat­te. Ver­träumt ist sie ja nun auch schon, aber das als kon­sti­tu­ie­ren­des Merk­mal zu bezeich­nen, wür­de ich viel­leicht unter­las­sen ange­sichts der durch­aus auch tonal inno­va­ti­ven Songs, die sich nur auf den ers­ten Blick wie Scha­blo­nen­pop zei­gen. (MS)

Eels – End Times
Das letz­te Eels-Album „Hombre Lobo“ ist gera­de ein hal­bes Jahr alt, da kommt auch schon der Nach­fol­ger. Die rich­tig rum­peln­den Songs sind dies­mal nicht dabei, E hat min­des­tens einen Gang zurück­ge­schal­tet, so unge­fähr „Dai­sies Of The Gala­xy“ mit weni­ger Zucker­guss. „End Times“ erin­nert mal wie­der an eine The­ra­pie­sit­zung, Dra­ma­tik und Humor prü­geln sich um die Vor­herr­schaft und am Ende sagt die ers­te Stro­phe von „A Line In The Dirt“ wahr­schein­lich alles: „She locked hers­elf in the bath­room again /​ So I am pis­sing in the yard /​ I have to laugh when I think how far it’s gone /​ But things are­n’t fun­ny any more“. Man möch­te Mark Oli­ver Ever­ett am liebs­ten in den Arm neh­men – um ihn zu trös­ten und sich zu bedan­ken. (LH)

Tom­my Fin­ke – Poet der Affen/​Poet Of The Apes
Natür­lich kann man es etwas über­am­bi­tio­niert fin­den, ein Dop­pel­al­bum zu ver­öf­fent­li­chen, bei dem jeder Song ein­mal auf Deutsch und ein­mal auf Eng­lisch ent­hal­ten sind. Und tat­säch­lich wäre „Poet der Affen“ ohne eng­li­sche Zuga­be schon eine run­de Sache gewe­sen – aber man muss ja nicht bei­de Sei­ten hören. Aber zwei CDs zum Preis von einer sind ers­tens was net­tes (Nicht wahr, Axl Rose und Con­nor Oberst?) und zwei­tens ent­wi­ckeln Songs wie das famo­se „Bor­der­line Bet­ty“, die wun­der­ba­re Sin­gle „Halt‘ alle Uhren an“ (die irri­tie­ren­der­wei­se jetzt in bei­den Ver­sio­nen „Stop The Clocks“ heißt) oder das schwer trau­ri­ge „Die Tie­re suchen Fut­ter“ noch ein­mal eine ganz ande­re Bedeu­tung, wenn man auch ihre eng­lisch­spra­chi­gen Geschwis­ter hin­zu­zieht. „Poet der Affen“ hat das an Gefühl, was dem letz­ten kett­car-Album fehl­te. (LH, Rezen­si­ons­exem­plar)

First Aid Kit – The Big Black And The Blue
Es war mit Sicher­heit eines der außer­ge­wöhn­lichs­ten Kon­zer­te des Jah­res, als die­se zwei jun­gen schwe­di­schen Schwes­tern da letz­tes Jahr am hel­lich­ten Tag in einem Zelt auf einem zen­tra­len Oslo­er Platz spiel­ten und die Kie­fer der Zuschau­er rei­hen­wei­se run­ter­klapp­ten: First Aid Kit hat­ten das by:larm im Sturm erobert. Jetzt ist ihr Debüt­al­bum erschie­nen, das ohne Fleet-Foxes-Cover­ver­sio­nen aus­kom­men muss, aber trotz­dem wun­der­voll gewor­den ist. Kla­ra und Johan­na Söder­berg sin­gen immer noch über The­men, von denen sie alters­be­dingt eigent­lich gar kei­ne Ahnung haben dürf­ten, und sie tun das nach wie vor ger­ne zwei­stim­mig und Gän­se­haut ver­ur­sa­chend. Den spar­sa­men Folk-Arran­ge­ments ame­ri­ka­ni­scher Prä­gung merkt man nicht an, dass sie in Euro­pas Pop-Nati­on Num­mer 2 ent­stan­den sind – das klingt schon sehr nach wei­ter Prä­rie und schnee­be­deck­ten Ber­gen. Aber letz­te­re hat man ja im Moment sowie­so über­all. (LH)

Owen Pal­lett – Heart­land
War­um Owen Pal­lett nun auch offi­zi­ell Owen Pal­lett heißt und nicht mehr Final Fan­ta­sy, könn­te vie­ler­lei Grün­de haben. Gehen wir davon aus, dass man als erwach­se­ner Mann nicht mit einer eher mit­tel­mä­ßi­gen Video­spiel­rei­he ver­wech­selt wer­den will, dar­auf immer­hin kön­nen wir uns sicher eini­gen, alles ande­re wäre auch Spe­ku­la­ti­on und außer­dem der kla­ren Sicht auf das Hör­ergeb­nis völ­lig im Weg. Das ist näm­lich ziem­lich schön, mei­nes Erach­tens im Gegen­satz zu älte­ren Final-Fan­ta­sy-Pro­duk­ten, bei denen ich mich meis­tens nach der Hälf­te nur noch beim unwill­kür­li­chen Durch­skip­pen erwisch­te. Hier aller­dings wur­de gut gespielt, gut arran­giert und mit Span­nung gear­bei­tet. Das Durch­hö­ren eines Albums, ohne weg­schal­ten zu müs­sen, ist zwar im Nor­mal­fall kein hoch­gra­dig qua­li­ta­ti­ves Merk­mal, aber weil mir das bei dem jun­gen Mann hier zum ers­ten Mal pas­siert, las­sen Sie mir doch bit­te die Freu­de das abzu­fei­ern und Herrn Pal­lett schul­ter­klop­fend gra­tu­lie­ren zu wol­len. (MS)

Sur­fer Blood – Astro Coast
Her­vor­ra­gen­des Album, dem man es (natür­lich auf Auto­sug­ges­ti­on begrün­det) durch­aus anhö­ren kann, dass es nicht in einem Stu­dio, son­dern kom­plett in einem Stock­bett­schlaf­zim­mer auf­ge­nom­men wor­den ist. Dass ver­stärk­te Gitar­ren und ein ech­tes Schlag­zeug invol­viert waren, min­dert den meter­ho­hen Stoß Ruhe­stö­rungs­be­schwer­den der Nach­barn an den zustän­di­gen Uni­ver­si­täts­de­kan sicher­lich nicht. Ver­hal­ten­heit und schlech­tes Gewis­sen hört man hier aber trotz­dem äußerst sel­ten. (MS)

Toco­tro­nic – Schall & Wahn
Um Toco­tro­nic zu ver­ste­hen sind mut­maß­lich bedeu­tend mehr Semes­ter Ger­ma­nis­tik von­nö­ten, als ich jemals aus­ge­hal­ten hät­te. So kann ich sie also nur hören, was aber auch wie üblich ein Erleb­nis ist: So laut und gitar­ren­be­tont klang schon lan­ge kein Toco­tro­nic-Album mehr. So düs­ter aller­dings auch nicht – bei den ers­ten vier Songs deu­ten schon die Titel an, wohin die Rei­se geht: „Eure Lie­be tötet mich“, „Ein lei­ser Hauch von Ter­ror“, „Die Fol­ter endet nie“, „Das Blut an mei­nen Hän­den“. Aber spä­tes­tens wenn Graf Mac­beth zur Halb­zeit mit „Bit­te oszil­lie­ren Sie“ den größ­ten Toco-Unter­hal­tungs­schla­ger seit unge­fähr „Die Welt kann mich nicht mehr ver­ste­hen“ anstimmt und Jour­na­lis­ten den Text im Inter­view sehr ernst­haft zu ent­schlüs­seln ver­su­chen, klopft die Fra­ge an, wie viel die Band eigent­lich noch ernst meint und wie viel Spaß am Vor­füh­ren von Feuil­le­to­nis­ten dabei ist. Die Ant­wort könn­te aller­dings auch total egal sein, denn man kann Toco­tro­nic ja auch ganz wun­der­bar hören ohne sie ver­ste­hen zu wol­len. (LH)

Mit­ar­beit an die­ser Aus­ga­be:
LH: Lukas Hein­ser
MS: Mar­kus Steidl