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2003 (Teil 1)

Ein Blick auf den Kalender verrät: Das Jahr 2003 ist inzwischen auch schon zwanzig Jahre her. Und genauso alt waren Jens Kölsch und Lukas Heinser damals, weswegen sie sich selbst zu ihren 40. Geburtstagen ein zweiteiliges 2003-Special schenken: Im ersten Teil spielen sie Songs aus besagtem Jahr, die sie damals schon gehört haben.

Es geht um Alben als Begleiter bei Liebeskummer, um den Anfang einer ganz neuen Welle von Deutschpop, um Indierock und generell um empfindsame Musik — mit Exkursen zum Thema „Illegale Downloads“, „Emo“ und „Abilieder“. Die beiden gehen mit ihren jüngeren Ichs zwischendurch hart ins Gericht, aber alles in allem ist es doch eine sehr versöhnliche Sendung, an der Ihr hoffentlich genauso viel Spaß habt wie Jens und Lukas selbst.

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Alle Songs:

  • The Cardigans – You’re The Storm
  • Beginner – Gustav Gans
  • Wir sind Helden – Die Zeit heilt alle Wunder
  • The Strokes – Reptilia
  • Starsailor – Four To The Floor
  • Billy Talent – Try Honesty
  • Tomte – Die Schönheit der Chance
  • Franz Ferdinand – Darts Of Pleasure

Shownotes:

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Wenn es passiert

Ja, das mit den Podcasts hat nicht geklappt. Das Mikrofon lief nur am HTC-Smartphone, aber da funktionierte die zugehörige App plötzlich nicht mehr. Das tat sie zwar auf dem iPod touch, aber der weigerte sich, das Mikro anzuerkennen. Die Zukunft liegt im CB-Funk, sag ich Ihnen. Egal …

Jedenfalls hab ich jetzt von jedem Act, den ich gesehen hab, ein einminütiges Video gedreht, das Sie hier zu sehen bekommen.

Festivals sind wie “Lethal Weapon”-Filme: Das Personal ist weitgehend gleich, die einzelnen Versatzstücke sind bekannt und alle paar Minuten sagt jemand, er sei zu alt für diesen Scheiß. Es fliegen nur weniger Dinge in die Luft und es werden weniger Leute von Surfbrettern enthauptet.

Die wichtigste Nachricht noch zu Beginn: Das Tragen von Jeanshemden ist in Deutschland offenbar wieder straffrei möglich. Vermutlich hat die Bundesregierung verschlafen, das entsprechende Gesetz zu verlängern und jetzt haben wir alle den Salat. Schön ist das nicht!

Und nun: Musik!

Yuck

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In Haldern steht ein Spiegelzelt und ich hasse es — wenn ich nicht reinkomme. Vor dessen Einlass hat sich eine mehrere hundert Meter lange Schlange gebildet, in denen die Menschen friedlich und in Zweierreihen darauf warten, noch hineingelassen zu werden. Einigermaßen vergeblich, wie ihnen selbst klar sein muss. Aber die Konzerte von drinnen werden nach draußen in den Biergarten übertragen und so können wir alle Yuck aus London sehen und hören, die neue Shoegaze-Sensation. Der angenehm schrammelige Sound ihres selbstbetitelten Debütalbums kommt auch live schön rüber und das Jeanshemd darf der Sänger (der in jedem Bob-Dylan-Biopic die Idealbesetzung wäre) ja wieder tragen.

Julia Marcell

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Mit ihrer durchsichtigen Bluse bringt Julia Marcell ein bisschen ESC-Atmosphäre aufs Haldern. Vielleicht ist es aber auch nur ein Regencape, sowas tragen hier draußen grad alle. Musikalisch wäre das stellenweise auch beim Songcontest denkbar, aber mit diesen Björk-Anleihen käme Polen vermutlich nicht ins Finale. Julia Marcells neues Album erscheint auf Haldern Pop Recordings, das Programmheft spricht von “Opulenz”, was es wohl ganz gut trifft.

The Avett Brothers

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Das könnten vom Publikumszuspruch her die nächsten Mumford & Sons werden — nur, dass die Avett Brothers schon viel länger dabei sind und (zumindest zum Teil) wirklich Brüder sind. Bei den diesjährigen Grammys haben sie gemeinsam mit Mumford & Sons und Bob Dylan performt und damit ist ja wohl alles gesagt. Ihr folkiger Rock mit Bluegrass- und Punkeinflüssen kommt super an, die Menschen tanzen auch draußen im Nieselregen, nur der Sound ist leider sehr schlecht.

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Kampagnenjournalismus

Warum musst du springen wie der Springer dich schuf
Mädchen, hattest du nicht eigentlich einen anderen Beruf

(Wir Sind Helden – Zieh Dir was an)

Wenn man Besucherzahlen und Verlinkungen als Parameter für Erfolg ansieht, war es eine sehr erfolgreiche Woche fürs BILDblog. Was uns allerdings verwundert hat: Nicht einer der vielen Artikel über die Sonderbehandlung, die “Bild” Karl-Theodor zu Guttenberg angedeihen ließ, hat letztlich unseren Server zum Knirschen gebracht, sondern der wütende, leicht hilflose Brief einer Popsängerin.

Die Werbeagentur Jung von Matt hatte bei Judith Holofernes und ihrer Band Wir Sind Helden angefragt, ob diese nicht im Rahmen einer Werbekampagne “ihre of­fe­ne, ehr­li­che und un­ge­schön­te Mei­nung zur BILD” äußern wollten. Das war angesichts der Tatsache, dass Holofernes mit ihrer Meinung zu “Bild” nie hinterm Berg gehalten hatte, eine steile Anfrage — nach Maßstäben von Werbern also womöglich eine brillante Idee.

Aber Sängerin und Band wollten nicht auf ein Plakat, sie teilten ihre Ansichten der Menschheit lieber unentgeltlich mit: auf der eigenen Website, bei uns und später, als beide Server am Boden waren oder in den Seilen hingen, auch noch anderswo.

Die Reaktionen haben alles getoppt, was wir (und wohl auch die Band selbst) erwartet hätten. Mehr als 50.000 Menschen haben inzwischen den Facebook-“Gefällt mir”-Button unter dem BILDblog-Eintrag geklickt, was für uns eine so unvorstellbar hohe Zahl ist, dass ich sie nur noch mit der Einwohnerzahl meiner alten Heimatstadt vergleichen kann. So gesehen geht da also noch was.

Die Reaktionen waren überwiegend, aber nicht ausschließlich positiv. Und sie warfen auch Fragen auf, die ein Facebook-Freund von mir so auf den Punkt brachte:

Warum ist das so ne Sensation, das “Wir sind Helden” nicht für BILD werben? Das ist doch wohl das Mindeste, das man von jemandem mit Anstand erwarten kann.

Ja, das stimmt natürlich. Dennoch werben Leute wie Hans-Dietrich Genscher, Gregor Gysi, Jonathan Meese, David Garrett, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, aber natürlich auch Til Schweiger für das Blatt. Die dürfen dann zwar auch ein bisschen Kritik äußern, aber sie machen natürlich trotzdem für bundesweite Plakatierung und 10.000 Euro für einen guten Zweck gemeinsame Sache mit “Bild”. (Bemerkenswert übrigens, dass der am ehesten “kritisch” zu nennende Beitrag ausgerechnet der Radiospot des Komikers Atze Schröder ist.) Die damalige Frauenrechtlerin und heutige “Bild”-Gerichtsreporterin Alice Schwarzer war übrigens schon bei einer früheren “Bild”-Kampagne dabei.

Offenbar ist der (an vielen Stellen rührend ungelenke) Brief von Judith Holofernes ein bisschen wie das Kind aus “Des Kaisers neue Kleider”, das “Aber der ist doch nackt!” ruft. “Endlich sagt’s mal jemand”, lautete an vielen Stellen der Tenor, was einen natürlich schon ein bisschen betrübt zurück lässt, wenn man seit Jahren zu belegen versucht, was Holofernes jetzt noch mal aufschreibt:

Die BILD -​Zei­tung ist kein au­gen­zwin­kernd zu be­trach­ten­des Trash-​Kul­tur­gut und kein harm­lo­ses “Guilty Plea­su­re” für wohl­fri­sier­te Auf­stre­ber, keine wit­zi­ge so­zia­le Re­fe­renz und kein Li­fes­tyle-​Zi­tat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zei­tung das, als was ihr sie ver­kau­fen wollt: Hass­ge­lieb­tes, aber wei­test­ge­hend harm­lo­ses In­ven­tar eines ei­gent­lich viel schlaue­ren Deutsch­lands.

Genau das war ja die Motivation von Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis, als sie vor fast sieben Jahren BILDblog gegründet haben: zu zeigen, dass “Bild” eben “kein lustiges Quatschblatt” ist, wie Stefan es immer wieder ausgedrückt hat.

Das scheint plötzlich auch der “Spiegel” erkannt zu haben, der morgen – ein Zufall, tatsächlich – mit dieser Geschichte aufmacht:

Bild — Die Brandstifter

Ich habe das Heft noch nicht gelesen, die Vorabbesprechungen fallen ziemlich enttäuscht aus und doch ist es bemerkenswert, dass sich ein großes deutsches Medium so explizit mit “Bild” befasst.

Den etwa 40.000 BILDblog-Lesern an einem durchschnittlichen Tag (diese Woche waren es meist mehr oder sehr viel mehr) und den 50.000 Facebook-Likes des Helden-Aufsatzes steht eine “Bild”-Auflage gegenüber, die zwar kontinuierlich sinkt, aber immer noch bei 2,9 Millionen liegt. Die Reichweite (eine Zahl, die durch das Werfen von Hühnerknochen bei Vollmond ermittelt wird) liegt sogar bei über elf Millionen. Dagegen nehmen sich selbst die Auflage und die Reichweite des “Spiegel” (knapp eine Million und 5,9 Millionen) eher bescheiden aus, aber es ist eben ein Vielfaches dessen, was wir oder ein Medienmagazin wie “Zapp” erreicht. (Zumal der Anteil der Leute, die “Bild” bisher “irgendwie ganz okay” fanden, unter den “Spiegel”-Lesern deutlich größer sein dürfte, als unter denen des BILDblog.)

* * *

Ein Vorwurf, der immer mal wieder aufkam, lautete, mit ihrer Antwort hätten Wir Sind Helden “Bild” nur noch mehr Aufmerksamkeit verschafft. Mit der gleichen Logik könnte man Greenpeace vorwerfen, indirekte PR für BP zu machen. Das alte Mantra “Any PR is good PR” steht im Raum, das ich für ziemlichen Unfug halte. Fragen Sie mal Jörg Kachelmann, welche Auswirkungen die ständige Erwähnung seines Namens in den Medien während der letzten elf Monate auf dessen Karriere und Leben gehabt haben! Zudem braucht die “Marke” “Bild” ungefähr so dringend weitere Aufmerksamkeit von jungen, kritischen Menschen, wie die “Marke” “Apple” von Microsoft-Verehren und Linux-Fans.

Der andere Haupt-Kritikpunkt war, die Band wolle doch nur auf sich aufmerksam machen. Stefan Winterbauer, der Blinde unter den Einäugigen bei “Meedia”, schrieb:

Es ist bezeichnend, dass “Wir sind Helden” einen solchen Popularitätsschub mit einer eher oberflächlichen und wirren Bild-Schelte erreicht und nicht mit ihrer Musik. Das jüngst erschienene Best-of-Album “Tausend wirre Worte” schaffte es nicht mehr in die Top-Ten der Album Charts und rangiert auch bei Download-Plattformen wie iTunes weit hinten.

Die Kommentare bei “Meedia” fielen überwiegend vernichtend aus, einige zeigten sich gar “enttäuscht” von dem Mediendienst, was insofern erstaunlich ist, als das ja immerhin eine vage positive Erwartungshaltung voraussetzen würde.

Natürlich kann man der Band diesen Vorwurf machen. Ich glaube nur, dass er in diesem speziellen Fall ins Leere läuft: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Judith Holofernes öffentlich zu gesellschaftlichen Themen Stellung bezieht, und auch nicht das erste Mal, dass sie “Bild” schilt. Wenn eine Frau, die sonst für ihre durchdachten Texte gelobt wird, sich regelrecht auskotzt und dabei ein Brief entsteht, den man unter ästhetischen Gesichtspunkten eher so als “mittel” bezeichnen würde, nehme ich ihr die Empörung wirklich ab.

* * *

Nun kam am Freitag auch die neue Single der Helden auf den Markt, weswegen man der Aktion ein “Geschmäckle” attestieren kann. Allerdings lag uns das Angebot der Band, den Text zu veröffentlichen, schon neun Tage vorher vor. Dass es letztlich so lange dauerte, lag an der Verpeiltheit auf beiden Seiten.

Und so richtig berechnend wirkt Judith Holofernes auch nicht, wenn sie im Interview mit jetzt.de schon gegen die nächsten stichelt:

Also, wenn diese E -Mail uns fünf schlaue, nette Leute in die Arme treibt, die uns bis jetzt scheiße fanden, und wir die dann vielleicht gegen die fünf Leute eintauschen können, die uns in ihrem Plattenregal neben den “Grafen” gestellt ahaben [sic!], weil sie “halt irgendwie so deutsche Texte mögen”, dann ist das doch ein guter Deal.

* * *

Und während ich diesen Eintrag schrieb, erreichte mich die Nachricht, dass der Brief von Judith Holofernes morgen in einer ganzseitigen Werbeanzeige von “Bild” in der “taz” erscheinen wird. Damit setze ich dann gerne auch darauf, wer aus diesem Scharmützel als Verlierer hervorgehen wird: die “taz”, wenn morgen wieder ein paar hundert Abo-Kündigungen eingehen.

Disclosure: Ich kann mit dem aktuellen Album von Wir Sind Helden nichts anfangen.

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2010 – the year something broke

In Jahresendzeitstimmung schaut man ja gerne zurück auf das endende Jahr, resümiert und fertigt – wenn man derlei Neurosen pflegt – obskure Listen an. Auf eine Leserwahl haben wir nach dem Muse-Debakel im Vorjahr einfach mal verzichtet und Unheilig per Akklamation zu Ihrer Lieblingsband 2010 ernannt.

Doch die letzten Dezembertage ließen mich auch persönlich nachdenklich zurück: Was hatte ich eigentlich gehört und gut gefunden?

Meine last.fm-Charts waren einigermaßen wertlos: Aus verschiedenen Gründen tauchten Songs wie “Fireflies” (Owl City), “Baby” (Justin Bieber) oder “Catch Me I’m Falling” (Real Life, hätten Sie’s gewusst?) in meinen Jahres-Top-25 auf, was ich in erster Linie besorgniserregend fand. Außerdem waren alle Songs des Albums von The National dabei, was immerhin schon mal einen deutlichen Hinweis auf das Album des Jahres gibt, denn so unfassbar groß wie “High Violet” war 2010 tatsächlich nichts mehr.

Es ist nicht auszuschließen, dass ich das Beste wie üblich übersehen habe: Arcade Fire, Get Cape. Wear Cape. Fly, Eels, Sufjan Stevens — alles nicht oft genug gehört, weil mir der Sinn grad nach etwas Anderem stand. So habe ich ja auch “Only Revolutions” von Biffy Clyro erst im Oktober 2010 für mich entdeckt, es ist also denkbar, dass es auch im letzten Jahr wenigstens ein gutes Gitarrenrock-Album gab — wahrscheinlich ist es allerdings nicht, zu wenig ist in den vergangenen Jahren im Rocksegment passiert. Die Manic Street Preachers etwa haben mit “Postcards From A Young Man” ein durchaus sehr gutes Spätwerk rausgebracht, aber geknallt hat das jetzt auch nicht richtig. Und falls es spannende Neulinge gab, muss ich sie allesamt übersehen haben: The Hold Steady haben souverän gerockt, Jason Lytle hat mit seiner Post-Grandaddy-Band Admiral Radley schön verschrobenen Indierock gemacht, The Gaslight Anthem waren okay, Ende des Jahres kam mit “All Soul’s Day” ein ordentliches Lebenszeichen von The Ataris — aber, Entschuldigung: Wir sprechen vom Jahr 2010! Völlig okay, dass Ben Folds mit lyrischer Unterstützung von Nick Hornby endlich mal wieder ein richtig gutes Album gemacht hat, aber der Mann ist jetzt auch schon seit 17 Jahren dabei.

Immerhin haben nicht alle Bands so enttäuscht wie Wir Sind Helden, Shout Out Louds, Stereophonics oder – richtig schlecht – Jimmy Eat World und Danko Jones. Weezer haben angeblich schon wieder mindestens ein Album veröffentlicht. Die meisten meiner Lieblingsbands hatten sich eh eine Auszeit genommen und ihre Sänger solo vorgeschickt: Alles überragte dabei Jónsi von Sigur Rós, dessen “Go” zu den besten Alben des Jahres gehört. Jakob Dylan war schon zum zweiten Mal ohne Wallflowers unterwegs, hat die Band aber immer noch nicht aufgelöst. Dabei ist das düster-folkige “Women & Country” eigentlich besser als alles, was er vorher gemacht hat. Fran Healy (Travis) und Brandon Flowers (The Killers) ließen erst Therapiesitzungen erwarten, klangen dann aber gar nicht mehr so anders als ihre Bands — eben gut, aber auch nicht mehr so richtig spannend. Carl Barât gehört auch irgendwie in diese Aufzählung, obwohl er die Dirty Pretty Things ja längst aufgelöst hat und es die Libertines wieder gibt. Kele (Bloc Party) und Paul Smith (Maxïmo Park) hab ich verpasst. Und dieses Jahr veröffentlicht dann Thees Uhlmann (Tomte) sein Solo-Debüt …

In Sachen Hip-Hop ging auch nicht mehr so richtig viel: Kid Cudi blieb mit seinem Zweitwerk hinter den Erwartungen zurück, Kanye West hat ein irres Gesamtkunstwerk rausgebracht, das mit dem Album eines Einzelinterpreten wenig gemein hat und sich mir womöglich erst in ein, zwei Jahrhunderten erschließen wird. Eminem war durchaus kraftvoll wieder da, kriegte den meisten Airplay aber für ein Duett mit der langsam unvermeidlichen Rihanna. Aus Großbritannien kam immerhin Professor Green mit einem dreckig-bunten Grime-Strauß.

Im Pop gab es (neben Lady Gaga) vor allem zwei Themen: Das große Comeback von Take That als Quintett und Lena. Mit Hilfe von Stuart Price (s.a. Scissor Sisters) nahm die einstige Vorzeige-Boygroup (Huch, aus welchem Paralleluniversum kam denn diese Klischee-Formulierung?) ein erstaunlich elektronisches Album auf — “reif” hatte die Band seit ihrem Comeback 2006 ja die ganze Zeit geklungen. Die zu “Progress” gehörende Dokumentation “Look Back, Don’t Stare” zeigt die Fünf dann auch als weise ältere Herren, die ihre Dämonen langsam aber sicher alle bekämpft haben und jedem Mann Mitte/Ende Zwanzig Mut machen, in zehn bis fünfzehn Jahren so gut auszusehen wie nie zuvor. Oder man zeugt wenigstens eine Tochter wie Lena Meyer-Landrut, die exakt fünf Takte brauchte, bis sich erst alle Zuschauer von “Unser Star für Oslo” und dann 85% der deutschen Bevölkerung in sie verliebten. Natürlich war der Triumph beim Eurovision Song Contest eine mittelschwere Sensation und auch für mich persönlich ein Erlebnis, aber das Album “My Cassette Player” war leider trotzdem eine ziemliche Enttäuschung. Textlich schwer rührend, aber auch völlig seelenlos produziert, ragt das von Ellie Goulding geschriebene “Not Following” hervor, der Rest ist nett, aber belanglos.

Was kam sonst aus Deutschland? Tocotronic, die mich etwas ratlos zurückließen, Erdmöbel mit dem besten deutschsprachigen Album seit Jahren, Die Fantastischen Vier, die sich irgendwo zwischen “Bild”-Interview (in Morgenmänteln im Bett!) und Werbedeals vollends der Bedeutungslosigkeit hingaben, während Fettes Brot ihr vorläufiges Ende verkündeten. Und dann halt so Leute, die man persönlich kennt wie Tommy Finke, Enno Bunger oder die phantasischen Polyana Felbel.

Auf vier bis acht großartige Alben folgt eine ganze Menge Mittelmaß und die Gewissheit, dass ich vieles sicher noch überhört habe. Dafür haben mich die Alben, die ich dann tatsächlich gehört habe, zu sehr aufgehalten: The National, Erdmöbel, Delphic, Jónsi, Jakob Dylan und die Vorjahresübersehungen Biffy Clyro und Mumford & Sons. Die Liste meiner Lieblingssongs wird irgendwo hinter Platz 8 recht schnell beliebig, hat aber immerhin einen richtigen Kracher auf der Eins: “Tokyo” von The Wombats, mit denen ich ehrlich gesagt am allerwenigsten gerechnet hätte.

In den Charts dominierten erst die Fußballhymnen (das vom Kommerz zerstörte “Wavin’ Flag” von K’naan und das nur nervige “Waka Waka” von Shakira), ehe sich das Land zum Jahresende zwei wahnsinnig unwahrscheinliche Nummer-Eins-Hits gönnte: Eine 17 Jahre alte Kreuzung zweier Evergreens auf der Ukulele, gesungen vom schwergewichtigen und zwischenzeitlich verstorbenen Israel Kamakawiwo’ole und ein aus dem Werbefernsehen bekannter, ursprünglich nicht als Single angedachter Song von Empire Of The Sun, die anderthalb Jahre zuvor erfolglos versucht hatten, mit einem sehr viel eingängigeren Song über das Werbefernsehen erfolgreich zu sein. In den Albumcharts durfte sowieso jeder mal ran und wenn gerade kein großer Name (Peter Maffay, AC/DC, Iron Maiden, Joe Cocker, Depeche Mode, Bruce Springsteen) sein neues Album rausgehauen hatte, schossen wie selbstverständlich Unheilig wieder an die Spitze der Hitparade.

Na ja: Neues Jahr, neues Glück.

Songs & Alben 2010 — Die Listen

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Gesammelte Platten August/September 2010

Dieser Eintrag ist Teil 8 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Best Coast – Crazy For You
Stellen Sie sich vor, Blondie hätten ein Beach-Boys-Tribute-Album aufgenommen. Vergessen Sie wieder, was Sie sich gerade vorgestellt haben, und hören Sie sich “Crazy For You” an, das Debütalbum von Best Coast. Auf dem Cover sieht man eine Katze, deren Hintern die Umrisse Kaliforniens hat. Da frage ich Sie: Was will man mehr?
Anspieltipps: “Boyfriend”, “The End”, “Summer Mood”, “Each And Everyday”. (LH)

The Black Angels – Phosphene Dream
Da wollte ich gerade mit einer Empfehlung angeben, die ich mir in London im renommierten Rough-Trade-Plattenladen geholt habe, und stelle fest, dass das natürlich das neue Hype/Konsens-Thema ist: The Black Angels aus Austin, Texas, wahlweise einsortiert unter “Psychedelic Rock”, “Stoner Rock” oder auch “Blues Rock”. Die Musik klingt jedenfalls, als stamme sie aus dem vergangenen Jahrhundert — “Sunday Afternoon” könnte gar von den späten Beatles stammen, “River Of Blood” von den Doors und so manches erinnert an The Velvet Underground, die auch für den Bandnamen Pate standen. Dröhnende Gitarren, scheppernedes Schlagwerk — herrlich!
Anspieltipps: “Bad Vibrations”, “Sunday Afternoon”, “Telephone”. (LH)

Erdmöbel – Krokus
Ich würde nie behaupten, wirklich zu verstehen, wovon Markus Berges hier singt. Die Worte sind deutsch (zumindest die meisten), aber die Sätze, die daraus entstehen, tragen sieben Siegel. Doch es ist eine verspielte PeterLicht-Rätselhaftigkeit, kein “Oh mein Gott, ich bin zu dumm!”-Gefühl wie bei Tocotronic. Wie bei den frühen R.E.M.-Alben ist es aber auf eine gewisse Weise auch ganz egal, wovon die Texte handeln (obwohl die musikalische Verarbeitung eines witterungsbedingten Nothalts in der niederrheinischen Provinz längst überfällig war und jetzt endlich in “Emma” nachgeholt wurde), weil der Gesang auch als zusätzliches Instrument funktioniert. Musikalisch ist das Album mit seinen vielen Samba- und Jazz-Anleihen eh top und wenn es am Ende heißt “Das Leben ist schön”, dann versteht man das auch beim ersten Hören. Ich bin zu faul, das zu verifizieren, aber es könnte sich um das beste deutschsprachige Album des Jahres handeln.
Anspieltipps: “77ste Liebe”, “Fremdes”, “Wort ist das falsche Wort”, “Emma”, “Krokusse”, “Das Leben ist schön”. (LH)

Ben Folds – Lonely Avenue
Da ist es also endlich, das Album, auf dem Ben Folds Texte von Nick Hornby vertont hat. Alle Zweifel, ob die Texte eines Schriftstellers nicht etwas zu sperrig für Popsongs sein könnten, zerschlagen sich spätestens mit dem zweiten Track des Albums: “Picture Window” ist der beste Folds-Songs seit mindestens fünf Jahren. Und Geschichten über verschiedene Charaktere hat Folds ja immer schon erzählt, war also insofern selbst schon immer schwer literarisch tätig. Nach dem etwas speziellen “Way To Normal” ist “Lonely Avenue” musikalisch wieder deutlich entspannter und melancholischer geworden
Anspieltipps: “Picture Window”, “Doc Pomus”, “From Above”, “Saskia Hamilton”, “Belinda”. (LH)

I Blame Coco – The Preparty
Ich wusste ja von nichts, also nicht wie Sting mit bürgerlichem Namen heißt (Gordon Sumner). Weder, dass er eine modelnde und singende Tochter hat (Coco Sumner alias Eliot Pauline Sumner). Geschweige denn, dass die gute Dame entgegengesetzt aller Klischees, die man dann sofort abspult wenn der Herr Papa ein erfolgreicher und von mir wertgeschätzer Musiker ist, erfüllt.
Ganz und gar nicht, Coco Sumner fetzt! So richtig, eine taffe junge Künstlerin, die sich hinter ihrem Vater nicht verstecken braucht. Die Stimme rauchig, die Songs erfrischend und passend für gediegende Abende mit Freunden, zum herrlich tanzen oder, oder, oder!
Der Opener auf Preparty heißt “Bohemian Love” und so relaxed und gemütlich klingen auch viele der anderen Songs. “Voice In My Head” erinnert dann schon an den Herrn Vater, was aber wunderbar stimmig ist. Ein bisschen Reggae ein wenig Folk, aber vor allem eine angenehm würzige Stimme und eine gefühlte Relaxtheit die sich bei mir einschleicht. Was nicht heißt das die Platte einschläfert, nein, vielmehr gibt es diese Momente, in denen man sich entspannt zurück lehnen kann und genießt.
Die neue Platte “The Constant” ist auch schon draußen und ist auch äußerst hörenswert!
Anspiel-genießer-tipps: “Bohemian Love”, “How Did All These People Get In My Room”, “Voice In My Head”. (AK)

Manic Street Preachers – Postcards From A Young Man
Die Soloalben, die James Dean Bradfield und Nicky Wire 2006 veröffentlicht haben, waren das beste, was den Manic Street Preachers passieren konnte, denn seitdem erlebt die Band ihren zweiten Frühling: “Send Away The Tigers” war groß, “Journal For Plague Lovers” rau — und mit ihrem zehnten Album zielen die Manics noch mal ganz präzise in Richtung Stadion. Streicher, Chöre, eingängigste Melodien — alles ist dabei und Bradfields Stimme klingt sogar noch ein bisschen besser als früher. “Postcards From A Young Man” ist als Alterswerk gewollt, in den Texten klingt einiges an Resignation und Melancholie mit, aber alt klingt die Band kein bisschen. Und wenn es jetzt Tradition wird, dass Nicky Wire auf jedem Album einen Song singen darf, dann dürfen die Manics von mir aus gerne bis zum Rentenalter weitermachen. “The Future Has Been Here 4 Ever” klingt jedenfalls schon mal arg nach den Rolling Stones.
Anspieltipps: “(It’s Not War) Just The End Of Love”, “Some Kind Of Nothingness”, “Hazelton Avenue”. (LH, Rezensionsexemplar)

Lasse Matthiessen – Stray Dog
Manche Dinge sind etwas ganz besonderes. Manche Musiker sind etwas ganz besonderes. Manche Musiker können alleine auf einer Bühne stehen und manche haben noch ein paar mehr Musiker dabei.
Lasse Matthiessen, ursprünglich aus Dänemark und jetzt Parttime-Berliner, ist so ein Besonderer, der alleine und manchmal mit seiner Band im Quartett sein Publikum verzaubert.
Immer mit den leisen Tönen, dem gekonnten Spielen mit Laut und Leise, auch dem Laut und Leise in seiner Stimme. Mit unerwarteten Brüchen, Gefühl und Witz. Mit seiner Gitarre, einer Mundharmonika und seiner Band, bestehend aus Violine (Søren Stensby), Kontrabass (Niels Knudsen) und Schlagzeug (Terkel Nørgaard), hat Lasse Matthiessen etwas ganz besonderes geschaffen. Zwischen Singer/ Songwriter, Folk, Indie und Jazz verwandeln sich die Akkorde zu wunderbaren Melodien.
Ich hatte das große, große Glück ihn in einer meiner kleinen Lieblingsorte (der Popo Bar in Neukölln) in Berlin bei einem Live-Konzert zu sehen. Was mich immer besonders glücklich macht, wenn innerhalb einer Band alle Musiker Raum haben für ihr Instrument und sich zusammen so wunderbar ergänzen.
Am Ende bleibt ein kollektiv zufriedenes Publikum.
Habe mir gleich die CD geschnappt und freu mich, hier CD und Konzert Review in einem Abzuliefern.
Anspieltipps: “Before We Dissappear”, “Soon The Spring”, “Borrowed Time”, “Where Are You”. (AK)

Professor Green – Alive Till I’m Dead
Beschreibungen wie “der englische Eminem” sind natürlich nie wirklich aussagekräftig, helfen einem aber enorm bei der groben Einordnung. “Die männliche Lady Sovereign” würde es schon besser treffen, aber allein die Samples (“Just Be Good To Me” von The SOS Band, gesungen von Lily Allen, und “Need You Tonight” von INXS) sprechen für sich. “Alive Till I’m Dead” ist eine clevere, höchst vergnügliche Rap-Platte für Leute, die Mike Skinners Akzent nicht ertragen.
Anspieltipps: “Just Be Good To Green”, “I Need You Tonight”, “Do For You”, “Monster”, “Closing The Door”. (LH)

Philip Selway – Familial
Ganz bedächtig klingt der erste Song “By Some Miracle”, auf Sanftpfoten tragen sich die Töne ins Ohr. Mit “Familial” beginnt das Soloalbum des Drummers DER Band (Radiohead) wirklich mit leisen Tönen. Ein bisschen mysteriös. Ein wenig wunderlich, aber Radiohead war schon immer wunderlich und mysteriös.
Leise Kanten und anschmiegsame Ecken zeichnen dieses Album aus. Die Melodien sind nicht aufdringlich, die Texte stehen für die Zwischentöne im Leben. Und doch bleibt die Spannung der Platte fast durchgehend aufrecht erhalten.
Und mehr will ich zu dieser Spätsommer/Herbst- und bestimmt wieder entdeckbaren Frühjahrsplatte gar nicht sagen. Selber lauschen, ist eh besser!
Anspieltipp: “Beyond Reason”, “The Ties That Bind Us”. (AK)

Wir Sind Helden – Bring mich nach Hause
Ich will ehrlich sein: Nach unserer enervierenden Listening-Session hatte ich kein Bedürfnis mehr, das Album noch einmal aufzulegen. Das mag der Band gegenüber ungerecht sein, aber da war einfach so viel andere Musik, die mich mehr interessiert hat.
Anspieltipps: “Alles”, “Bring mich nach Hause”. (LH, Rezensionsexemplar)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

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Musik

Spexen für Anfänger

Wir Sind Helden haben ein Album veröffentlicht, das unsere Autoren spaltet: Katharina Schliebs ist begeistert von seiner Tiefe, Lukas Heinser wollte es nach zwei Durchgängen eigentlich nie wieder auflegen. Gemeinsam haben sie sich noch einmal durch “Bring mich nach Hause” gehört und ihre Eindrücke in ein Chatfenster geschrieben.

Herausgekommen ist so etwas ähnliches wie ein Text:

Katharina: “In den Bibliotheken städtischer Ballungen / stapeln sich Bücher über läppische Wallungen / neben Bänden voller Lieder über Beulen und Schräglagen / und die Wände hallen wieder vom Heulen und Wehklagen.” — Was für ein großer Text über die Kleinigkeiten, die zur Soap des Lebens aufgeblasen werden.
Lukas: Den Song würde ich glaub ich skippen, wenn ich das Album hören würde.
Katharina: Der ist unglaublich schön in seiner zarten Subtilität. Gänzlich undramatisch fließt es so dahin, und diese Trompete ist wunderbar. (Ist es eine Trompete?) Ich hab den gestern im Zug immer wieder auf repeat gehört. Dieses Album ist eben etwas schwerer zugänglich.
Lukas: Ich find dieses “Drama-Dramatiker” im Refrain so unfassbar nervtötend.
Katharina: Ja, aber da haben wir eine Überschneidung von Text/Musik/Aussage. Das ist so fein aufgebaut: Die Mädchen regen sich über die Jungs auf, die Jungs über die Mädchen, und die Renter stehen für die Zuschauer, die dann auch noch einen guten Rat parat haben – Frühvergreisung der Besserwisser Anfang 20… ach! Und alles ist immer so dramatisch, dabei pupst das Leben einfach unspektakulär vor sich hin. Und Judith Holofernes sagt im Interview: Es ist Zeit, mal weniger zu wollen und die Dinge einfach mal geschehen zu lassen.
Lukas: Das sagt sich natürlich leicht, wenn man gerade ein Album aufgenommen hat, auf dem man definitiv zu viel gewollt hat.
Katharina: Hat man? Ich find nicht!
Lukas: Das dritte Album war ja schon ein bisschen überambitioniert, aber das neue lässt mich noch ratloser zurück als Tocotronic. Vielleicht bin ich auch einfach nicht gebaut für Intellektuellen-Pop.
Katharina: Ja, das ist schade, dass es vielleicht zu “intellektuell” und damit schwerer zugänglich ist… andererseits müssen WsH auch keine Ansprüche erfüllen. Judith hat auch gesagt, sie hätte schon beim 3. Album etwas dämonisch gedacht: “Mal gucken, wer da jetzt noch mitkommt.”
Lukas: Was natürlich eine schöne Weiterentwicklung vom Slogan-Pop des ersten Albums ist. Wobei die Slogans ja nur verschachtelter geworden sind.
Katharina: Das ganze Album ist im Prinzip das erste und das zweite Album nur in besser! Die Themen sind die gleichen, immer!
Lukas: Na, die Themen sind bei ungefähr jeder Band immer dieselben.
Katharina: “Dramatiker” wäre zum Beispiel “Geht auseinander”.
Lukas: Dieser Sprachwitz, der bei “Die Zeit heilt alle Wunder” noch charmant und unverbraucht war (obwohl das im Rückblick auch näherungsweise albern ist), ermüdet mich auf die Dauer. Das wird so Christian-Morgenstern-mäßig, Heinz-Erhardt-esk.
Katharina: Ja, aber irgendwie find ich das immer noch lustig: Dramatiker, Batiker, Statiker, Talarsticker, Starkicker. “Wer zu viel frisst aus Frust verlässt danach oft die Bar dicker” — ich muss immer grinsen. Und das ist ja nur das eine Lied! Warte mal die anderen ab!

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Digital Musik

My name is Adam, I’m your biggest fan

Man kennt das ja aus den einschlägigen Büchern und den Schilderungen von Vätern, Onkels oder anderen alten Leuten: Wie die Menschen früher vor dem elterlichen Radio gesessen haben, das Mikrofon des Kassettenrekorders vor den Boxen und dann hoffen, dass einer dieser damals vermutlich “hip” oder “fetzig” genannten Songs läuft. Schnell auf “Aufnehmen” drücken und dann beten, dass der Moderator seine verdammte Klappe hält. Ach, ich hab es doch selbst noch so gemacht!

Später kam dann das Musikfernsehen und man konnte den ganzen Quatsch mit Videorecordern wiederholen, die natürlich immer dann von Aufnahmebereitschaft auf Stop wechselten, wenn der erhoffte Clip endlich kam. Ob man sich das Band mit den gesammelten Videos jemals ansehen würde, war zweitrangig.

Und dann: Das Internet. Mit dem Aufkommen von Tauschbörsen waren obskure B-Seiten und Liveversionen der Lieblingsbands plötzlich in Reichweite. Zwar tropften sie anfangs nur in Modem-Geschwindigkeit durch die Leitung, aber hinterher hatte man (wenn die Leitung nicht unterbrochen wurde) einen Song, den man rauf und runter hören konnte. Manche stellte eine Band oder ein Künstler einen neuen Song in schlechter Audioqualität im sogenannten Realplayer ins Internet und man konnte die Wiedergabe an der Soundkarte mitschneiden — vorausgesetzt, die Bandbreite reichte für eine ruckelfreie Wiedergabe.

Damals habe ich auch noch physische Singles gekauft: Zehn, elf D-Mark (später sechs, sieben Euro) für drei, vier Songs. Aber man hatte den ersten Track des neuen Travis-, Coldplay- oder Oasis-Albums, bevor das endlich auf den Markt kam, und man hatte B-Seiten. Manche B-Seiten aus dieser Zeit habe ich öfter gehört als manche Albumtracks aus der jüngeren Schaffensphase dieser Bands.

Dann wurde alles anders: Irgendwann gab es kein Musikfernsehen mehr und nach meiner Arbeit beim Campusradio hatte ich auch den Überblick über Singles verloren. Alben erschienen einfach irgendwann und man hatte sie nicht mehr schon seit Wochen (weil: bemustert), sondern bekam davon teilweise gar nichts mehr mit. Die letzten Jahre waren schwach, was meine eigene Hingabe und mein Fandom angeht. Dafür kauft man dann immer öfter die teure Special Edition, deren zweite CD oder DVD dann ungehört und unbesehen im Regal verstaubt, nachdem man das eigentliche Album ein einziges Mal in den Computer geschoben hat, um es zu rippen. Oder es gibt gleich gar keinen physischen Tonträger mehr, sondern nur noch die nackte, digitale Musik.

In der letzten Zeit habe ich nicht viel neue Musik gehört: Seit dem Haldern vor allem abwechselnd The National und Delphic, die das Rennen um das Album des Jahres bisher unter sich ausmachen. Die neue Single von Wir Sind Helden habe ich zum ersten Mal gehört, als ich mir am Freitag das Album gekauft habe — von dem ich dann so enttäuscht war, dass ich ihm bisher noch keine zweite Chance gegeben habe.

Dafür habe ich das Wiedererwachen meines Fandoms beobachten können: Ständig trieb ich mich auf der Website der Manic Street Preachers rum, bis dort endlich das Video zur (ganz okayen) neuen Single veröffentlicht wurde. In der Zwischenzeit war ich dort aber immerhin über die Originaldemo von “The Girl From Tiger Bay” gestolpert, das die Band für Shirley Basseys letztes Album geschrieben hatte.

Und auch die Vorboten des gemeinsamen Albums von Ben Folds und Nick Hornby habe ich genau im Auge und verspüre dank des Trailers sogar echte Vorfreude:

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Mit den … äh: Aktionskünstlern Pomplamoose haben Folds und Hornby noch einen weiteren Song aufgenommen (in dem Hornby sogar selbst zu hören ist), dessen Geschichte Ben Folds sehr schön auf seiner Website erklärt:

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Das klingt alles toll. Nach dem letztlich dann doch eher mittelguten “Way To Normal” freue ich mich tatsächlich auf das neue Album. Die Deluxe-Edition ist jedenfalls bestellt.

Die erste Hörprobe vom neuen Jimmy-Eat-World-Album klingt übrigens ganz schrecklich.

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Musik Literatur

Der Saal wird still, die Lichter gehn aus

Seien wir ehrlich: Wir Sind Helden sind so ziemlich die langweiligste Band Deutschlands. Zwar wird man hierzulande sowieso kaum eine Band finden, die sich mal schlecht benimmt oder wenigstens mal ein paar Kollegen disst, aber Wir Sind Helden sind immer noch eine Spur netter. Jetzt touren sie sogar schon mit Baby! Und so eine Band will uns gerade fünf Jahre nach dem Durchbruch ihre Geschichte und ihren Touralltag erzählen? Auf 400 Seiten?

Wir Sind Helden sind aber natürlich auch eine der sympathischsten Bands Deutschlands. Selbst als “Brigitte” und “Polylux”, wo sie zu Hochzeiten gefühlt in jeder Sendung porträtiert wurden, Judith Holofernes zur Klassensprecherin der Nation erklären wollten und die Band drohte, zum Soundtracklieferanten von Attac-Demonstrationen zu werden, sorgte das Quartett immer mit genug Selbstironie dafür, dass man sie immer noch mochte. Oder sie hassen musste, weil sonst ausnahmslos alle sie mochten. Diese Wir Sind Helden haben jetzt “Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen” veröffentlicht, eine Sammlung alter Tour- und Studiotagebücher, angereichert mit ganz vielen Zusatzgeschichten und liebevoll kompiliert von den “Musikexpress”-Granden Josef Winkler und Albert Koch.

Wir haben die aktive Legendenbildung in einem frühen Stadium versäumt und müssen nun damit leben: Drei Viertel der Helden haben sich beim, seufz, Sommerkurs einer Musikhochschule kennengelernt.

Nun gut, wer unreflektiert Drogen- und Sexgeschichten geschildert kriegen will, kann ja “Scar Tissue” von Anthony Kiedis lesen, bei Wir Sind Helden gibt es erst mal längere Schilderungen des zaghaften Kennenlernens, die dafür jeder Mensch nachvollziehen kann, der sich mal mit ein paar Freunden und deren Freunden “so zum rumzocken” getroffen hat. Überhaupt: Das Helden-Buch sollte man zur Pflichtlektüre von Nachwuchsmusikern ernennen. Wenn sich die Band euphorisch an die ersten (natürlich ziemlich schlechten) Auftritte erinnert, will man sofort auf die Bühne in egal welchem Jugendzentrum stürmen – und vielleicht sogar in den Proberaum. Wie man nebenher auch noch ohne echtes Management die Angebote von Plattenfirmen ablehnt, die einen “topdown in GSA” “breaken” wollen, kann man sich bei den Helden zumindest abschauen.

Dass das Buch aber trotz ausführlicher Schilderungen von Studioarbeit und Livebetrieb auch noch für Nicht-Insider interessant ist (sein dürfte), ist der eigentliche Verdienst: Im Gegensatz zum vergleichbaren Tomte-Tourtagebuch “Die Schönheit der Chance” hat “Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen” zwar den sperrigeren Titel, erzählt aber sehr viel allgemeinverständlicher und weit weniger pubertär vom Tour-Alltag. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass die beiden Bands so grundverschieden sind, wie Thees Uhlmann im Buch noch mal erklären darf. Als Mehrwert hängt dem Buch noch ein Glossar an, in dem von “A&R” über “Nightliner” bis zum sensationell dämlichen Wort “Venue” (“Auftrittsort”) alle Begriffe erklärt werden, die im Musikgeschäft so wichtig sind. Darüber freuen sich sicher auch Musiker, Musikjournalisten und Musikindustrielle, die zwar täglich mit diesen Begriffen hantieren müssen, sich aber nie trauen würden, nach deren Bedeutung zu fragen.

400 Seiten sind recht viel, um darauf knapp sieben Jahre Bandgeschichte zu erzählen. Den Großteil nimmt dabei der Weg bis zum unerwarteten Erfolg des Debütalbums “Die Reklamation” ein, aber das war ja auch eine spannende Zeit und man merkt den klug montierten Erzählungen der Bandmitglieder an, wie unglaublich diese Erfahrungen für sie auch heute noch sein müssen. Man hört das Zweitwerk “Von hier an blind” mit etwas anderen Ohren, wenn man um den Druck weiß, der damals auf den Musikern lastete, und man glaubt es ihnen gerne, wie befreiend es gewesen sein muss, als die Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr etwas nachließ.

Am Ende hat man das Gefühl, die Band und ihre Mitglieder wirklich kennengelernt zu haben. Bei der Schonungslosigkeit, mit der eigene Fehler eingestanden und eigene Lügen in der Vergangenheit als solche entlarvt werden, muss dieses Buch einfach der Wahrheit entsprechen. Wenn etwas nervt, dann der wiederholte Hinweis auf die eigene Unkommerzialität: Keine Firmenveranstaltungen, Werbebanner am Konzertort bitte abnehmen – aber dann begeistert annehmen, wenn bei “Rock am Ring”, diesem Marketingfestival mit integriertem Konzertbetrieb, der Headliner abspringt! Wenn die Band sich dann allerdings über die Rezeption am Nürburgring freut, glaubt man ihnen schon fast wieder, dass dort tatsächlich mal für die Länge eines Konzerts keine Hunderttausend Dosenbier-Asis, sondern echte Musikfans auf dem Gelände herumliefen.

Am Ende weiß man: Wir Sind Helden werden nie Rock’n’Roll sein, sind aber grundsympathisch. Sie machen tolle Musik und können sogar Bücher schreiben. Das soll ihnen erst mal einer nachmachen.

Wir Sind Helden – Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen
Fischer Verlag
12,95 Euro

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Musik Digital

Allerletztes.fm

Ich finde, ich habe noch nicht genug Statistiken und Listen für 2007 gepostet. Deswegen hier und jetzt als Zugabe: die Auswertung meines last.fm-Accounts!

Meistgehörte Songs
1. Travis – Colder (40 Mal)
2. Travis – Battleships (35)
3. Travis – Closer (32)
4. Wir Sind Helden – The Geek (Shall Inherit) (29)
5. Kaiser Chiefs – Ruby (27)
6. Kilians – Fight The Start (25)
6. Bloc Party – I Still Remember (25)
8. Shout Out Louds – Tonight I Have To Leave It (24)
8. The Killers – Read My Mind (24)
8. The Blood Arm – Suspicious Character (24)
8. Mika – Grace Kelly (24)
12. Travis – My Eyes (23)
12. Kilians – When Will I Ever Get Home (23)
12. Muff Potter – Die Guten (23)
12. Rihanna feat. Jay-Z – Umbrella (23)
16. The Fray – How To Save A Life (22)
16. The Postal Service – Such Great Heights (22)
16. Bloc Party – Sunday (22)
16. Manic Street Preachers – Your Love Alone Is Not Enough (22)
16. Travis – Selfish Jean (22)
21. The Fray – Over My Head (Cable Car) (21)
22. Manic Street Preachers – Indian Summer (20)
22. Guided By Voices – Hold On Hope (20)
22. Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chronicles Of A Bohemian Teenager (Part 2) (20)
22. Get Cape. Wear Cape. Fly – War Of The Worlds (20)

Meistgehörte Künstler
1. Travis (534 Songs)
2. Manic Street Preachers (378)
3. The Killers (313)
4. Jimmy Eat World (228)
5. Ben Folds (227)
6. R.E.M. (223)
7. Oasis (210)
8. Get Cape. Wear Cape. Fly (196)
9. Wir Sind Helden (191)
9. Stereophonics (191)
9. Ben Folds Five (191)
12. Muff Potter (190)
13. Kilians (187)
14. Robbie Williams (180)
15. Bloc Party (177)
16. The Wallflowers (173)
17. The Fray (165)
18. The Weakerthans (160)
19. Tomte (156)
20. Shout Out Louds (155)
20. The Ataris (155)
20. Lily Allen (155)
23. The Smashing Pumpkins (148)
24. Finn Brothers (145)
25. Mika (141)

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Fernsehen Digital

Aufguss 2007: Die Auswertung

Mitte Dezember, also noch vor Ende des Jahres, aber weit nach den meisten anderen Magazinen, hatte ich zur Leserwahl gerufen. Immerhin 36 Leute haben teilgenommen, was ich für den Anfang schon mal ganz ordentlich finde. Die Gewinner der Verlosung werden in Kürze gelost und benachrichtigt wurden inzwischen gelost und benachrichtigt.

Nachdem ich mich erst einmal in Excel vertieft und mir einen Plan gemacht hatte ((Wen es wirklich interessiert: Bei den Alben und Songs, wo jeder bis zu fünf Favoriten benennen durfte, erfolgte die Auswertung wie folgt: Für die Nr. 1 gab es fünf Punkte, für Nr. 2 vier, usw.
Bei Punktgleichheit entschied bei den Alben zunächst der höhere Durchschnittswert (manche Künstler können 10 Punkte mit zwei Nennungen erhalten, andere mit fünf), anschließend der höchste Einzelwert (“einmal fünf Punkte und einmal einer” schlägt “zweimal drei Punkte”). Waren auch die gleich, teilen sich zwei Alben einen Platz.
Bei den Songs war das zweite Kriterium dann nicht der höhere Durchschnittswert, sondern die Häufigkeit der Nennung. Ich denke, das ist bei einer Auswahl von zehn, zwölf Songs pro Album fairer, weil sich so ein besserer Trend ablesen lässt, bin aber für Verbesserungsvorschläge offen.)), war die Auswertung auch gar nicht mehr so schwierig. Allerdings ist die Streuung bei 36 Teilnehmern und freier Auswahl natürlich mitunter ein wenig hoch, weswegen es in manchen Kategorien gar keinen klaren Sieger gibt.

Aber sehen Sie sich die folgenden Zahlenkollonen am Besten selbst an:

Album des Jahres
1. Bloc Party – A Weekend In The City (4,5%)
2. Arcade Fire – Neon Bible (4,31%)
3. Radiohead – In Rainbows (4,12%)
4. Maxïmo Park – Our Earthly Pleasures (3,53%)
5. Die Fantastischen Vier – Fornika (3,14%)
6. Tocotronic – Kapitulation (2,75%)
7. Kilians – Kill The Kilians (2,75%)
8. Feist – The Reminder (2,16%)
9. Wir sind Helden – Soundso (2,16%)
10. Jamie T – Panic Prevention (1,96%)
11. Justice – † (1,96%)
12. Kate Nash – Made Of Bricks (1,96%)
13. Beatsteaks – Limbo Messiah (1,76%)
14. Die Ärzte – Jazz Ist Anders (1,76%)
15. The Fratellis – Costello Music / The Good, The Bad & The Queen – The Good, The Bad & The Queen (je 1,57%)
16. Interpol – Our Love To Admire / PJ Harvey – White Chalk (je 1,37%)
17. Foo Fighters – Echoes, Silence, Patience And Grace (1,37%)
18. Kaiser Chiefs – Yours Truly, Angry Mob / Okkervil River – The Stage Names (je 1,18%)
19. Mika – Life In Cartoon Motion (1,18%)
20. Arctic Monkeys – Favourite Worst Nightmare (1,17%)

Song des Jahres
1. Kaiser Chiefs – Ruby (3,34%)
2. Die Ärzte – Junge (2,95%)
3. Kilians – When Will I Ever Get Home (2,55%)
4. Band Of Horses – Is There A Ghost (1,77%)
5. Wir Sind Helden – The Geek (Shall Inherit) (1,57%)
6. Foo Fighters – The Pretender / Maxïmo Park – Books From Boxes / Razorlight – America (je 1,57%)
7. Interpol – The Heinrich Maneuver / Shout Out Louds – Tonight I Have To Leave It (je 1,38%)
8. Kate Nash – Foundations / Mika – Grace Kelly (je 1,38%)
9. Jamie T. – Calm Down Dearest / Tocotronic – Kapitulation (je 1,18%)
10. Arcade Fire – No Cars Go / Ryan Adams – Goodnight Rose (je 1,18%)

Band des Jahres
1. Kilians (12,12%)
2. Beatsteaks (9,09%)
3. Arcade Fire / Bloc Party (je 6,06%)
4. Animal Collective / Arctic Monkeys / Axxis / Basta / Beginner / Cloud Cult / Die Ärzte / Die Fantastischen Vier / Editors / Good Shoes / Ike Reilly Assassination / Maxïmo Park / Muse / Radiohead / Rot Front Berlin / Tegan And Sara / The Coral / The Good, The Bad & The Queen / The National / The Redwalls / Tocotronic / Travis (je 3,03%)

Solokünstlerin des Jahres
1. Kate Nash (21,88%)
2. Amy Winehouse (12,5%)
3. Feist / Nelly Furtado (je 9,38%)
4. PJ Harvey (6,25%)
5. Anna Ternheim / Anneke van Giesbergen / Beth Hart / Britta Persson / Eilen Jewell / Emily Haynes / Joanna Newsom / Kylie Minogue / Maria Mena / Rihanna / Róisín Murphy / Rose Kemp / St. Vincent (je 3,13%)

Solokünstler des Jahres
1. Jack Peñate / James Blunt / Jan Delay / Mika / Ryan Adams (je 5,88%)
2. Albert Hammond, Jr. / Ben Harper / Bernd Begemann / Bill Callahan / Black Francis / Christian Venus / Damien Rice / Devendra Banhart / Devin Townsend / Hagen Rether / Heinz Strunk / Herbert Grönemeyer / Jamie T / Jason Isbell / Joe Bonamassa / José Gonzáles / Marc Cohn / Patrick Wolf / Paul McCartney / PeterLicht / Pohlmann / Prinz Pi / Sage Francis / Thees Uhlmann (je 2,94%)

Liveact des Jahres
1. Arcade Fire / Beatsteaks / Bloc Party (je 6,06%)
2. 2Raumwohnung / Amiina / Animal Collective / Basta / Deichkind / Die Fantastischen Vier / Editors / Element Of Crime / Fettes Brot / Interpol / Jan Delay / Kaiser Chiefs / Malajube / Muse / Nine Inch Nails / Patrick Wolf / Pelle Carlberg / Queens Of The Stone Age / Seeed / Shawn Colvin / Subway To Sally / Take That / The Hives / The Hoid Steady / The Killers / The Pipettes / Travis (je 3,03%)

Newcomer des Jahres
1. Kilians (34,38%)
2. Mika (9,38%)
3. Justice (6,25%)
4. Angry Teng / Bishi / Die Türen / Goose / Ha Ha Tonka / Jonas Goldbaum / Kate Nash / Lucky Soul / Marc Cohn / Mark Medlock / Roger Cicero / Rose Kemp / The Nobody’s Faults / Timbaland / Toni Kroos / Voxtrot (je 3,13%)

Musikvideo des Jahres
1. Bloc Party – The Prayer / Feist – 1234 / Kilians – Enforce Yourself / Travis – Closer (je 8,7%)
2. Beatsteaks – Cut Off The Top / Die Ärzte – Junge / Die Fantastischen Vier – Ernten was wir säen / Helloween – As Long As I Fall / Justice – D.A.N.C.E. / Kate Nash – Foundations / Muff Potter – Fotoautomat / Pink – Dear Mr. President / Sigur Rós – Glosoli / Sportfreunde Stiller – (Tu nur das) Was dein Herz dir sagt / The Hives feat. Timbaland – Throw It On Me / The Killers – Don’t Shoot Me Santa / Tocotronic – Kapitulation / Tokio Hotel – Through The Monsoon / Travis – Selfish Jean (je 1,35%)

Film des Jahres
1. The Simpsons – Der Film (11,43%)
2. Auf der anderen Seite / Death Proof / Der Sternwanderer / Harry Potter 5 / The Prestige (je 5,71%)
3. 2 Tage Paris / Der letzte König von Schottland / Die Bourne-Verschwörung / Ein perfekter Platz / Fluch der Karibik 3 / Hot Fuzz / Immer nie am Meer / Inland Empire / Lucky Number Slevin / Nach 7 Tagen ausgeflittert / Operation Kingdom / Pans Labyrinth / Ratatouille / Schwarze Schafe / The Science Of Sleep / Shoot ‘Em Up / Shoppen / Sunshine / Wer früher stirbt ist länger tot / Zodiac (je 2,86%)

Beste Fernsehserie
1. The Simpsons (14,71%)
2. Scrubs (11,76%)
3. Dr. House / Heroes / Prison Break (je 5,89%)
4. Battlestar Galactica / Boston Legal / Californication / Chuck / Dexter / Disneys Kuzcos Königsklasse / Dr. Psycho / Family Guy / Grey’s Anatomy / Life On Mars / Lost / Nip/Tuck / Private Practice / Six Feet Under / The IT Crowd / The Office (US) / Türkisch für Anfänger / Weeds / West Wing (je 2,94%)

Beste Fernsehsendung
1. Hart aber Fair / Schmidt & Pocher ((Natürlich möchte ich in keiner Weise die Urteilsfähigkeit meiner Leser anzweifeln, aber: “Schmidt & Pocher”????ß)) / Sportschau (je 7,41%)
2. …und basta / 30 Jahre Rockpalast / Akte / Das perfekte Dinner / Dittsche / Eurovision Song Contest / Germany’s Next Topmodel / Heute / Karambolage / Krömer / KulturZeit / Nano / Neues aus der Anstalt / Polylux / Schlag den Raab / Strassenstars / Switch Reloaded / The Daily Show / Was liest Du…? / Willkommen Österreich / Zapp (je 3,7%)

Bestes Blog
1. coffeeandtv.de (20%)
2. stefan-niggemeier.de/blog (17,14%)
3. bildblog.de (11,43%)
4. bestatterweblog.de (8,57%)
5. fernsehlexikon.de (5,71%)
6. agitpopblog.org / blog.zooplus.de / boingboing.com / claer-web.blogspot.com / fdog.org / gluehwein.junkies.ws / hauptstadtblog.de / iaas.uni-bremen.de/sprachblog / myblog.de/musikexpress / neuerdings.com / spiegelfechter.com / txt.twoday.net / usaerklaert.wordpress.com (je 2,86%)

Beste Website
1. last.fm (20%)
2. google.com / plattentests.de / twitter.com / wikipedia.org (je 6,67%)
3. 4chan.org / cicero.de / de.poneyvallee.com / fingers-welt.de / forum-fleischhaus.de / wdrmaus.de/spielen/mausspiele / insidekino.de / jayisgames.com / kingisdead-design.de / madsenmusik.de / myspace.com / popmatters.com / spiegel.de / studivz.net / sueddeutsche.de / thekilians-anhaenger.de (je 3,33%)

Beste Zeitschrift
1. 11 Freunde (13,33%)
2. Neon / Visions (je 10%)
3. Galore / Musikexpress (je 6,67%)
4. brand eins / Chip Foto / Cicero / Der Spiegel / Die Zeit / Dummy / GeoEpoche / Hommage / MAD Magazine (US) / Myself / NZZ Folio / Rapunzel / Rolling Stone / TV Neu / Zeit Campus / Zeit Wissen (je 3,33%)

Buch des Jahres
1. Khaled Hosseini – Drachenläufer / Tommy Jaud – Millionär (je 6,67%)
2. Arnd Zeigler – Gewinnen ist nicht wichtig … / Farin Urlaub – Unterwegs in Indien und Bhutan / Frank Schätzing – Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere / Franz Kafka – Die Erzählungen / Friedrich Dürrenmatt – Der Auftrag / George R.R. Martin – A Feast For Crows / Gordon Dahlquist – Die Glasbücher der Traumfresser / J. K. Rowling – Harry Potter 7 / Jeffery Deaver – The Sleeping Doll / John Dickie – Cosa Nostra / Jules Verne – Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer / Julia Franck – Die Mittagsfrau / Kaz Cooke – Ach Du dickes Ei / Lawrence Wright – The Looming Tower / Markus Kavka – Elektrische Zahnbürsten / Matthias Politicky – Herr der Hörner / Nagel – Wo die wilden Maden graben / Phillip Roth – Exit Ghost / Rocko Schamoni – Risiko des Ruhms (Director’s Cut) / Strafgesetzbuch / Tad Williams – Shadowmarch / Terry Pratchett – Klonk! / Terry Pratchett – Wintersmith / The ILC – The Gateway to the Quantum Universe / Volker Strübing – Ein Ziegelstein für Dörte / Walter Moers – Der Schrecksenmeister (je 3,33%)

Person des Jahres
1. Meine Mama/Frau/Freundin/Tochter/Buchverkäuferin/Mein bester Freund (26,09%)
2. Anne Will (8,7%)
3. Al Gore / Doris Lessing / Florian Henckel von Donnersmarck / Franck Ribéry / Fritz Ostermayer / Günther Wallraff / Hape Kerkeling / Harald Schmidt / Heiner Brand / Hugo Chavez / Ich / Kylie Minogue / Stefan Niggemeier / Stephen Colbert / Sufjan Stevens (je 3,5%)

Depp des Jahres
1. Wolfgang Schäuble (17,86%)
2. Eva Herman (14,29%)
3. Roland Koch (10,71%) ((Da hat sich Herr Koch aber richtig Mühe gegeben und an den letzten Tagen noch alles rausgeholt mit seiner Stammtischrhetorik.))
4. Britney Spears (7,14%)
5. Bono Vox / Brigitte Zypries / David Hasselhof / Der Dieb von Tim Pritloves Notebook / Der Sänger von Maximo Park / Detlef D! Soest / Günther Oettinger / Jan Ullrich / Matthias Matussek / Paris Hilton / Ronald Pofalla / Stefan Raab / Ulli Hoeneß / wohl ich (je 3,57%)

Wort des Jahres
1. Klimadebatte/Klimaschutz/Klimawandel/Weltklima (14,81%) ((Ähnliche Worte wurden zusammengefasst, damit das Ergebnis etwas aussagekräftiger wird.))
2. Prokrastination/Prokrastinieren (11,11%)
3. ausgerechnet / Festival / grandios / GröFaz / impaktieren / Indie / Kapitulation / klar / läuft / Lokführerstreik / Nichtraucherschutz / photoshoppen / Pilgern / Redundanzangst / schnaftig / Tageslichttauglich / Vorratsdatenspeicherung / Wah / Wanderbaustelle / Wii (je 3,7%)

Unwort des Jahres
1. Klimakatastrophe/Klimawandel (14,81%) ((Ähnliche Worte wurden auch hier zusammengefasst, damit das Ergebnis etwas aussagekräftiger wird.))
2. Abstrakte Gefährdungslage/Gefährder (7,41%)
3. Autobahn / Bundestrojaner / Drogenentzugsklinik / Exzellenz / Gentrifizierung / Gutmensch / Hochzeit / Indie / Klima / Kloni / Knut / Medienmogul / Migrationshintergrund / Mindestlohn / Multimodalität / Onlinedurchsuchung / Ostpunktemafia / Second Life / Stuff / Vorratsdatenspeicherung / Web 2.0 (je 3,7%)

Und jetzt will ich Diskussionen hören!

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Musik

Listenpanik: Alben 2007

So ein Jahr geht ja dann doch schneller zu Ende als man denkt: Zwar ist es irgendwie absurd, noch vor Silvester zurückzublicken, aber unsere hektische, durchorganisierte Welt lässt sich von Logik nicht aufhalten. Deshalb habe ich nach den Songs (bei denen ich am liebsten schon wieder mittelgroße Korrekturen vornehmen würde) jetzt meine Alben des Jahres 2007 sortiert, abgepackt und niedergeschrieben.

Zwar hatte ich nach der Lektüre der Jahresrückschau im “Musikexpress”, dessen Position als letztes von mir gelesenes Papiermagazin damit auch stark ins Wanken geraten ist, keine große Lust mehr, über dieses mir plötzlich beliebig und unspannend erscheinende Musikjahr zu schreiben, aber dann beguckte ich mein CD-Regal und dachte: “Jetzt erst recht!”

Und weil so viele Künstler auch in der Song-Liste vertreten waren, hab ich mir als Anspieltipps für die Alben mal andere Stücke ausgesucht.

1. Bloc Party – A Weekend In The City
Wo anfangen? Vielleicht mit dem Erstaunen darüber, dass Bloc Party ihr Erstwerk toppen konnten. Oder doch damit, dass kein Pop-Album der letzten fünf Jahre einen besseren Spannungsbogen hatte? Mit der großartigen Mischung aus Hoffnung und Resignation, Politik und Liebe, Tanzboden und Kuschelecke? Die tollen Rhythmen loben, die wunderbaren Gitarren, die astreine Produktion von Jackknife Lee oder die über allem thronende Stimme von Kele Okereke?
Bullshit: Wenn einen ein Album am 30. Dezember noch so begeistert wie am 2. Februar, dann ist es wohl das Album des Jahres.
Anspieltipp: “Sunday”

2. Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chronicles Of A Bohemian Teenager
Kennen Sie Sam Duckworth? Ich musste den Namen auch gerade erst mal wieder nachschlagen. Aber seine Band Get Cape. Wear Cape. Fly sollten Sie kennen. So außergewöhnlich, dass mir dazu nur so sinnlose Beschreibungen wie “Akustikemolektro” einfallen. Klingt tausendmal toller als es sich anhört. Ein bisschen froh bin ich aber schon, dass das Album erst nach den großen Sinnkrisen meiner Teenager-Jahre erschienen ist.
Anspieltipp: “War Of The Worlds”

3. Kilians – Kill The Kilians
Es wäre eine schöne Gelegenheit, mit dieser 35. Erwähnung der Band in diesem Blog eine kleine diesbezügliche Pause einzulegen. Ich glaube, es ist schon alles gesagt, gesungen und gefilmt worden. Aber toll ist die Platte immer noch
Anspieltipp: “Something To Arrive”

4. Stars – In Our Bedroom After The War
Diese Kanadier: 33 Millionen Einwohner, von denen etwa die Hälfte in jeweils mindestens zwei Bands musiziert. Nicht alle sind so erfolgreich wie Bryan Adams und Avril Lavigne, aber auch nicht alle machen so schlechte Musik. Stars machen zum Beispiel ganz wunderbaren Indiepop, der zwischen Konzertsaal und Disco schwankt und sich mit großer Freude gleichzeitig bei The Smiths, Bee Gees und Phil Spector bedient. Toll!
Anspieltipp: “Take Me To The Riot”

5. Shout Out Louds – Our Ill Wills
Das selbe in grün schwedisch. The Cure statt The Smiths und Abba statt Bee Gees, sonst aber genauso gelungener Indiepop wie bei Stars. Die Shout Out Louds lieferten mit “Tonight I Have To Leave It” meinen Song des Jahres und sind auch bei den Alben wieder ganz vorne mit dabei.
Anspieltipp: “Parents Livingroom”

6. The Weakerthans – Reunion Tour
Schon wieder Kanadier. Na ja, das Land habe ich ja oben schon ausführlichst *hüstel* vorgestellt, da freuen wir uns lieber noch ein paar Zeilen über dieses tolle Album und wundern uns, dass kein Song in meiner Jahresbestenliste gelandet ist. Peinlich, peinlich. Wie’s klingt? Na ja, wenn ich jetzt wieder “Indiepop” schreibe, glaub ich es mir ja langsam selber nicht mehr. “Toll” war auch schon zu oft, dann klingt es halt einfach so, wie ein Weakerthans-Album im Jahr 2007 klingen sollte. Logikschleife geschlossen, Zeilen gefüllt!
Anspieltipp: “Civil Twilight”

7. Travis – The Boy With No Name
Ja, gut: Ich bin Fan, Travis werden wohl nie ein Album machen, das ich wirklich doof finde. Vielleicht war es deshalb der doch eher irgendwie ein bisschen enttäuschende Vorgänger “12 Memories”, der mich “The Boy With No Name” umso mehr mögen ließ. Aber was will man machen? Jede Menge schöne Melodien mit klugen Texten, viel mehr braucht’s halt auch nicht für ein gutes Album.
Anspieltipp: “Colder”

8. Tocotronic – Kapitulation
Tocotronic sind einfach mit jedem Album gut. Vielleicht nicht so gut, dass man “Kapitulation” gleich krakeelend zum Album des Jahres ernennen und der Band eine Vorreiterstellung in Wasauchimmer unterstellen muss, aber eben schon besser als jedes andere deutschsprachige Album in diesem Jahr. Freuen wir uns auch auf das nächste Album und hoffen, dass es nicht ausgerechnet in einem Jahr mit den neuen Werken von Element Of Crime und Tomte erscheint, was zu einem unnötigen Showdown führen würde.
Anspieltipp: “Verschwör dich gegen dich”

9. The Wombats – A Guide To Love, Loss & Desperation
Ja, was machen die denn da? Ich wollte doch nie mehr “junge freche britische Bands” hören. Sie stehen mir sowas von bis hier, dass ich das zweite Arctic-Monkeys-Album bis heute nicht gehört habe. Ein Fehler? Mir egal. Ich hab ja The Wombats und die sind besser als alle anderen Bands, die ich alle nicht kenne.
Anspieltipp: “Kill The Director”

10. Underworld – Oblivion With Bells
Berlin, Friedrichstraße. Oktober, Abend, Regen. Underworld machen aus dem Touristentrampelpfad vorbei an Luxuskaufhäusern für ein, zwei Momente New York. Ralph Fiennes wird in einem Auto an mir vorbei gezogen. Alles fühlt sich so urban an – und das liegt verdammtnochmal nicht an der “Arm, aber sexy”-Metropole, sondern an diesem atemberaubend guten Elektro-Album.
Neulich sah ich das Video zu “Beautiful Burnout” im Fernsehen (GoTV, natürlich): Über acht Minuten, überhaupt nicht weltstädtisch, sondern klein, billig, schmuddelig. Und trotzdem hatte ich wieder ein Gefühl wie auf dem Gipfel der Welt.
Anspieltipp: “Beautiful Burnout”

11. The Blood Arm – Lie Lover Lie
Wie man sich meine Gunst erspielt: Klavier nehmen, draufhauen, semi-alberne Texte mehrstimmig anstimmen. So sind Ben Folds Five damals meine Lieblingsband geworden, so ähnlich haben sich The Blood Arm einen Platz in meiner Liste erkämpft.
Anspieltipp: “The Chasers”

12. Justice – †
Es ist mir beinahe unangenehm, diese Platte zu nennen. Da könnte man ja gleich Grönemeyer oder … äh: Bloc Party nehmen, wenn man Konsens haben will. Egal, was die Musikfeuilletonisten jetzt schon wieder für einen Trend herbeischreiben wollen: Das Album mit dem Kreuz im Titel ist und bleibt super. Bitte tanzen Sie N.O.W.
Anspieltipp: “Tthhee Ppaarrttyy”

13. Wir Sind Helden – Soundso
Die ganz große Aufmerksamkeit in den Medien hat etwas nachgelassen, vielleicht hat “Polylux” nicht mal mehr einen Beitrag über Judith Holofernes als “Stimme ihrer Generation” gebracht. Wir Sind Helden haben ihr Leben zurück und sind so gut wie am ersten Tag. Bei fast jeder Band hätte ich Angst, dass sie einen Song wie “The Geek (Shall Inherit)” nicht mehr toppen können wird, aber Wir Sind Helden machen seit “Denkmal” ja nichts anderes. Also: Weitermachen!
Anspieltipp: “Soundso”

13. The Killers – Sawdust
“Ey, Alter, das ist doch nur eine Raritätensammlung! Was soll die denn bei den Alben des Jahres? ‘Alben’, hörst Du?” Also bitte, liebe Stimmen in meinem Kopf: Seid still! Natürlich ist das “nur” eine Raritätensammlung. Aber so manche Band wäre froh, das als Album hinzukriegen! Manche Sachen sind natürlich etwas sehr abseitig und würden auf einem “normalen” Album vielleicht überfordern, aber auf diesem Zwischending dürfen sich The Killers austoben. Mit Joy-Division-Cover, Westerngitarren und Lou Reed. Meine Prognose fürs dritte Album: Da geht noch einiges!
Anspieltipp: “Move Away”

14. Jimmy Eat World – Chase This Light
Liebe Kinder, wenn Ihr nicht wollt, dass Ihr auch mal eher so mittelmäßige Alben so lange hört, bis Ihr sie toll findet, dann werdet besser nie Fan!
Rational betrachtet ist “Chase This Light” immer noch ein relativ unbedeutendes Album, das eine ganze Spur zu poppig produziert wurde. Tatsächlich ist es aber genau die Musik, die ich morgens auf dem Weg zur Uni hören möchte. Oder nachts, wenn ich betrunken nach hause taumele. Oder dazwischen. Also muss man einfach zu dem stehen, was man mag, und sagen: “Chase This Light” ist doch ein ganz schönes Album, irgendwie.
Anspieltipp: “Here It Goes”

15. Muff Potter – Steady Fremdkörper
Wieso ist mir “Steady Fremdkörper” eigentlich nie so ein treuer Freund und Begleiter geworden wie die beiden Vorgängeralben? Vermutlich, weil das Album im Sommer rauskam, viel zu früh für kahle Bäume und Blättermatsch. Natürlich ist es trotzdem wieder ein sehr gutes Album geworden, was ich mit einem sehr okayen fünfzehnten Platz in meiner Jahreshitparade noch einmal hervorheben möchte.
Anspieltipp: “Das seh ich erst wenn ich’s glaube”

16. Manic Street Preachers – Send Away The Tigers
Die Manics nach der Frischzellenkur: Zurück auf Anfang “Everything Must Go”, zurück zu Pathos, großer Geste, Melancholie und Parolendrescherei. Es hielt sich letztlich nicht ganz so gut wie das interne Vorbild, aber “Send Away The Tigers” ist trotzdem ein gelungenes Album und ein guter Ausgangspunkt für einen Neuanfang.
Anspieltipp: “Indian Summer”

17. Foo Fighters – Echoes, Silence, Patience And Grace
Und noch eine Band, die schon vor zehn Jahren hätte auf dieser Liste stehen können. Langsam werden die Helden unserer Jugend eben auch älter und wir somit offenbar auch. Auf dem Album mit dem unmerkbarsten Titel der Saison merkt man davon aber noch nix, die Foo Fighters rocken so, als wollten sie Fall Out Boy, Good Charlotte und Konsorten zeigen, wo die Gitarre hängt. Dabei weiß das doch jedes Kind: tief.
Anspieltipp: “Long Road To Ruin”

18. Rihanna – Good Girl Gone Bad
Tja, da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Oder ich muss das erklären, irgendwie. “Umbrella” ist halt ein Übersong, der überwiegende Rest ist auch recht gelungen und wenn schon irgendwas Massentaugliches im Radio laufen muss, dann doch bitte clever produzierte Songs mit einer charmanten Sängerin.
Anspieltipp: “Shut Up And Drive”

19. Maritime – Heresy And The Hotel Choir
Maritime gingen hier im Blog auch irgendwie völlig unter, was sehr schade ist, weil sie mit ihrem dritten Album wieder an die Qualität ihres Debüts anknüpfen konnten. Vielleicht würden die Beach Boys so klingen, wenn sie heute jung wären. (In Wahrheit wäre Brian Wilson wohl schon lange völlig wahnsinnig oder tot, wenn er heute jung wäre.)
Anspieltipp: “Guns Of Navarone”

20. Maxïmo Park – Our Earthly Pleasures
Mit dem ersten Maxïmo-Park-Album bin ich ja irgendwie nie so ganz warm geworden: Natürlich waren die Singles super, aber so wirklich vom Hocker hauen konnte mich “A Certain Trigger” nie. Da ist “Our Earthly Pleasures” eher ein Album zum Durchhören und Mögen. Dass Franz Ferdinand auch 2007 kaum vermisst wurden könnte an Maxïmo Park liegen.
Anspieltipp: “Parisian Skies”

21. Crowded House – Time On Earth
Stellen Sie sich vor, Ihr Kind würde sich in zwanzig Jahren über eine Comeback von … sagen wir mal: Starsailor freuen. Würden Sie da sagen “Aber Kindchen, dafür bist Du doch trotz eigener Wohnung, Rückenleiden und Uni-Abschluss viel zu jung”, oder würden Sie sich freuen, dass er/sie/es gute Musik zu schätzen weiß?
Warum habe ich eigentlich immer das Gefühl, mich für meinen Musikgeschmack rechtfertigen zu müssen? “Time On Earth” wäre doch auch toll, wenn die Musiker in meinem Alter wären.
Anspieltipp: “English Trees”

22. Die Ärzte – Jazz ist anders
Das sollte man vielleicht auch mal erwähnen, dass “Jazz ist anders” das erste Album von Die Ärzte ist, das ich wirklich gehört habe. Es ist aber auch ein sehr gelungenes Album, denn BelaFarinRod agieren sehr klug und fügen die verschiedensten Musikstile kunstvoll zu einem wirklich feinen Gesamtbild, das mit “Spaßpunk” oder ähnlichem wenig am Hut hat. Nur: “Junge” nervt inzwischen dann doch. Gewaltig.
Anspieltipp: “Himmelblau”

23. Smashing Pumpkins – Zeitgeist
Sagt mal, wo kommt Ihr denn her? “Aus Deiner tristen, teilzeit-depressiven Teenagerzeit, bitte sehr!”
Von mir aus hätte es das Comeback der Smashing Pumpkins nicht gebraucht, zu passgenau war ihr Auftauchen in und Verschwinden aus meinem Leben damals gewesen. Jetzt sind sie (zur Hälfte) aber doch wieder da und wo sie sich schon mal die Mühe gemacht haben, kann man natürlich das eigentlich gar nicht mal schlechte Album “Zeitgeist” erwähnen, das irgendwie aber auch sagenhaft unterging. Offenbar war mein Leben nicht das einzige, aus dem die Pumpkins zur rechten Zeit verschwunden waren.
Anspieltipp: “Doomsday Clock”

24. Mika – Life In Cartoon Motion
Als Mika in Deutschland seinen verdienten Durchbruch feierte und keine Stunde mehr verging, in der er nicht im Radio, Fernsehen oder in der Werbung zu hören war, war ziemlich genau der Punkt erreicht, an dem ich seine zuckersüßen Popsongs nicht mehr hören konnte. Dabei war “My Interpretation”, der beste von ihnen, doch gar nicht ausgekoppelt worden.
Anspieltipp: “My Interpretation”

25. Beirut – The Flying Club Cup
Auch Beirut sollen in dieser Liste nicht unerwähnt bleiben. Zwar finde ich das Debüt “Gulag Orkestar”, das ich auch erst in diesem Jahr entdeckt habe, ein bisschen besser, aber “The Flying Club Cup” ist mit seinem folkloristischen … äh: Indiepop auch ein sehr schönes Album. Der Tag, an dem ich dieses Album hörend durch eine in milchig-rötliches Licht getauchte Nachbarschaft zur Uni stapfte, wäre mit “surreal” recht passend umschrieben.
Anspieltipp: “The Penalty”

Kategorien
Musik

Listenpanik: Songs 2007

Niemand weiß so recht, warum man sich ausgerechnet immer den doch recht beliebigen Zeitraum eines Kalenderjahres aussucht, um Listen zu erstellen von den Dingen, die da waren und über die Highlights abstimmen zu lassen. Aber es ist nun mal seit längerem so, dass im Dezember zurückgeblickt, unvergleichliches verglichen und unbeschreibliches beschrieben wird. Und diesem heidnischen Brauch schließe ich mich gerne an und eröffne mit der Liste meiner Songs Hymnen des Jahres:

1. Shout Out Louds – Tonight I Have To Leave It
Der “Ach, das sind gar nicht The Cure?”-Song des Jahres. Die Hymne des Haldern Pop Festivals. Das Lied des Jahres.

2. Kaiser Chiefs – Ruby
Wie lang ist die Mindesthaltbarkeit für Mitgrölhymnen? Erstaunlicherweise doch schon fast ein ganzes Jahr. Wenn man das Lied auch nach hundert Mal hören und im nüchternen Zustand noch gut findet, ist das schon die Silbermedaille wert.

3. Kilians – When Will I Ever Get Home
Let me introduce you to some friends of mine. Gute Freunde zu haben, die tolle Musik machen, und sich mit ihnen über ihren Erfolg zu freuen, ist das eine. Das andere ist, immer noch aufrichtig begeistert zu sein von einer mörderguten Stadionrock-Hymne wie die Kilians diese hier aus dem Ärmel geschüttelt haben.

4. Wir Sind Helden – The Geek (Shall Inherit)
Nicht, dass ich Wir Sind Helden nicht generell für eine tolle Band halten würde, deren Aufstieg ich seit beinahe dem ersten Tag mit Freuden verfolge. Aber dass sie auf jedem ihrer guten bis sehr guten Alben immer noch einen Song drauf haben, der alle anderen um Meilen überragt, macht sie noch ein bisschen toller. Nach “Denkmal” und “Wenn es passiert” jetzt also “The Geek (Shall Inherit)”, die Außenseiter-Hymne des Jahrzehnts.

5. Justice – D.A.N.C.E.
Vielleicht der Konsens-Song des Jahres: Ob Rocker, Hip-Hopper oder Elektriker – auf “D.A.N.C.E.” konnten sich (fast) alle einigen. Ein Tanzbodenfüller sondergleichen und vermutlich eine der Nummern, die man unseren Kindern in dreißig Jahren auf einem Sampler der “größten Hymnen der Nuller Jahre” im Teleshop (bzw. dessen Nachnachfolger) verkaufen wird.

6. Just Jack – Starz In Their Eyes
Hip-Hop? Disco? Ein unglaublich gut gemachter Song mit einem sehr klugen Text und immensem Mitwippfaktor. Und jetzt lassen Sie mich endlich als Werbetexter arbeiten!

7. Modest Mouse – Dashboard
Nach 14 Jahren Bandgeschichte gelang Modest Mouse mit der ersten Single aus ihrem fünften Album doch noch so etwas wie ein Durchbruch. Mit dieser Indiepop-Perle, einem Ex-Schmitz an der Gitarre und dem völlig überdrehten Piraten-Video.

8. Bloc Party – I Still Remember
Bloc Party haben mich mit ihrem Zweitwerk “A Weekend In The City” so sehr überzeugt, dass sie – so viel sei schon verraten – zum zweiten Mal mein persönliches Album des Jahres stellen. “I Still Remember” ist unter den allesamt großen Songs der Platte der größte, weil er trotz des eher traurigen Textes eine Euphorie verbreitet, die einen für 3:50 Minuten alles vergessen lässt.

9. Travis- Selfish Jean
Wer hätte gedacht, dass Travis zehn Jahre nach ihrem Debüt doch noch mal den Rock für sich entdecken würden? Mit dem charmantesten “Lust For Life”-Ripoff seit … äh: “Lust For Life” tanzen sich die sympathischsten Schotten im Musikgeschäft in die Top 10.

10. Little Man Tate – European Lover
Wenn es die Kilians nicht gäbe, hätten Little Man Tate gute Chancen auf meinen Titel “Newcomer des Jahres”. “European Lover” ist dabei der eingängigste, charmanteste Song ihres Debütalbums “About What You Know”.

11. Beatsteaks – Cut Off The Top
Zu den Beatsteaks muss man nicht mehr viel sagen, die haben immer schon fast alles richtig gemacht und mit “Limbo Messiah” ist ihnen wieder ein Top-Album gelungen. “Cut Off The Top” besticht durch seinen treibenden Beat und den phantastischen Mitgröl-Refrain: “Damage, damage!”

12. Muff Potter – Die Guten
Warum gibt es eigentlich so viele gute deutschsprachige Songs über Beziehungsenden? Vielleicht, weil es so viele deutschsprachige Songs über Beziehungsenden gibt und wenn man den ganzen Müll von Revolverheld, Juli oder Silbermond weglässt, bleiben eben die guten über. Oder, haha: “Die Guten”. Mit gewohnt tollem Text und schönen Jimmy-Eat-World-Gitarren erreichen Muff Potter ihre inzwischen schon traditionelle Erwähnung auf meinen Bestenlisten.

13. Rihanna feat. Jay-Z – Umbrella
Wenn ich an Kategorien wie “Peinlichstes Lieblingslied” glauben würde, stünde dieses Lied dieses Jahr unangefochten auf Platz 1. Aber warum sollten einem Lieder, die man toll findet, peinlich sein? Deshalb: “Umbrella” ist ein toller Song, der auch dann noch gut wäre, wenn Rihanna eine dicke, alte Frau wäre. Punkt.

14. Babyshambles – Delivery
Wer Pete Doherty nur als Ex-Freund und Drogenopfer aus der Boulevardpresse kennt, ist doof mag erstaunt sein, dass der Mann auch Musik macht – und zwar richtig gute. Mit der besten Post-Libertines-Single ever hat der Mann wieder ein bisschen an seinem Denkmal gebaut, an dessen Demontage er sonst so eifrig arbeitet.

15. The Blood Arm – Suspicious Character
Der Refrain des Jahres: “I like all the girls and all the girls like me”, so lange wiederholt, bis es der Dümmste glaubt. Oder der Sänger selbst. Wenn man solche Rocksongs dann auch noch mit Klavieren aufhübscht, kann man sich meiner Begeisterung sicher sein.

16. Kate Nash – Foundations
Irgendwie scheine ich eine Schwäche für Frauen mit außergewöhnlichem britischen Akzent zu haben. Was letztes Jahr Lily Allen war, ist dieses Jahr Kate Nash. “Foundations” hat darüber hinaus einen charmanten Text, ein Klavier (s.o.) und ist sowieso ein rundherum toller Song.

17. The Wombats – Let’s Dance To Joy Division
Erstaunlich, dass es immer noch Bands gibt, die im Prinzip genau die gleiche Musik wie alle anderen machen und trotzdem viel, viel toller sind. The Wombats sind so ein Fall einer mich überraschenderweise begeisternden Kapelle, “Let’s Dance To Joy Division” eine äußerst gelungene Single.

18. Lady Sovereign – Love Me Or Hate Me
Dass dieser Song in Deutschland kein Hit wurde und Lady Sovereign kein Star, hat mich dann doch überrascht. Vielleicht ist weiblich, britisch und rappen dann doch keine Kombination für “Bravo”-Leser. Schade eigentlich, denn “Love Me Or Hate Me” ist mein Hip-Hop-Song des Jahres.

19. Stars – The Night Starts Here
Und hier die bei Coffee And TV am sträflichsten vernachlässigte Band des Jahres: Stars. “In Our Bedroom After The War” ist eine wahnsinnig gute Platte, die uns in der Liste der besten Alben noch einmal recht weit vorne begegnen wird; “The Night Stars Here” ist bester orchestraler Indiepop.

20. Maxïmo Park – Girls Who Play Guitars
Maxïmo Park waren neben Bloc Party die spannendste Band der Class of 2005 und wie Bloc Party haben auch sie dieses Jahr ein überzeugendes Zweitwerk herausgebracht. “Girls Who Play Guitars” ist dabei noch einen Tacken besser als die anderen Songs.

21. Bruce Springsteen – Radio Nowhere
Und hier der Alterspräsident meiner diesjährigen Bestenliste, der Mann, den sie “Boss” nennen. Wenn ich mit 56 noch Blogeinträge schreibe wie Bruce Springsteen Songs, werde ich mich sehr, sehr glücklich schätzen.

22. Mika – Grace Kelly
Wann fingen Mika und dieser Song eigentlich an zu nerven? Irgendwann im Sommer dürfte es gewesen sein, weswegen sich “Grace Kelly” in der kontinuierlich aktualisierten Bestenliste beständig nach unten kämpfte. Mit etwas Abstand betrachtet ist das Lied dann aber immer noch ganz gut. Das können wir ja in zehn Jahren noch mal überprüfen.

23. Crowded House – Don’t Stop Now
Wen interessieren Led Zeppelin, die vor 20 Millionen Zuschauern hätten spielen können? Das Comeback des Jahres gelang Crowded House, die genau da weitermachen, wo sie vor elf Jahren aufgehört haben: mit zeitlos-tollen Popsongs.

24. Tocotronic – Imitationen
Tocotronic darf man jetzt wohl auch ruhigen Gewissens auf die Liste der Bands setzen, die wohl nichts mehr falsch machen werden in ihrer Karriere. “Kapitulation” ist wieder ein herausragendes, sehr kluges Album geworden, “Imitationen” eines der Highlights. “Dein gut ist mein gut / Dein schön ist mein schön.”

25. Stereophonics – Daisy Lane
Selbst auf ihren schwächeren Alben hatten die Stereophonics immer mindestens einen Song, den ich noch gut fand. “Pull The Pin” ist aber noch nicht mal ein schwaches Album. Das hypnotische “Daisy Lane” ist dennoch das Highlight der Platte und perfekt geeignet, diese Liste zu beschließen.