Gesammelte Platten August/September 2010

Von Coffee And TV, 16. Oktober 2010 17:50

Dieser Eintrag ist Teil 8 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Best Coast – Crazy For You
Stellen Sie sich vor, Blondie hätten ein Beach-Boys-Tribute-Album aufgenommen. Vergessen Sie wieder, was Sie sich gerade vorgestellt haben, und hören Sie sich „Crazy For You“ an, das Debütalbum von Best Coast. Auf dem Cover sieht man eine Katze, deren Hintern die Umrisse Kaliforniens hat. Da frage ich Sie: Was will man mehr?
Anspieltipps: „Boyfriend“, „The End“, „Summer Mood“, „Each And Everyday“. (LH)

The Black Angels – Phosphene Dream
Da wollte ich gerade mit einer Empfehlung angeben, die ich mir in London im renommierten Rough-Trade-Plattenladen geholt habe, und stelle fest, dass das natürlich das neue Hype/Konsens-Thema ist: The Black Angels aus Austin, Texas, wahlweise einsortiert unter „Psychedelic Rock“, „Stoner Rock“ oder auch „Blues Rock“. Die Musik klingt jedenfalls, als stamme sie aus dem vergangenen Jahrhundert — „Sunday Afternoon“ könnte gar von den späten Beatles stammen, „River Of Blood“ von den Doors und so manches erinnert an The Velvet Underground, die auch für den Bandnamen Pate standen. Dröhnende Gitarren, scheppernedes Schlagwerk — herrlich!
Anspieltipps: „Bad Vibrations“, „Sunday Afternoon“, „Telephone“. (LH)

Erdmöbel – Krokus
Ich würde nie behaupten, wirklich zu verstehen, wovon Markus Berges hier singt. Die Worte sind deutsch (zumindest die meisten), aber die Sätze, die daraus entstehen, tragen sieben Siegel. Doch es ist eine verspielte PeterLicht-Rätselhaftigkeit, kein „Oh mein Gott, ich bin zu dumm!“-Gefühl wie bei Tocotronic. Wie bei den frühen R.E.M.-Alben ist es aber auf eine gewisse Weise auch ganz egal, wovon die Texte handeln (obwohl die musikalische Verarbeitung eines witterungsbedingten Nothalts in der niederrheinischen Provinz längst überfällig war und jetzt endlich in „Emma“ nachgeholt wurde), weil der Gesang auch als zusätzliches Instrument funktioniert. Musikalisch ist das Album mit seinen vielen Samba- und Jazz-Anleihen eh top und wenn es am Ende heißt „Das Leben ist schön“, dann versteht man das auch beim ersten Hören. Ich bin zu faul, das zu verifizieren, aber es könnte sich um das beste deutschsprachige Album des Jahres handeln.
Anspieltipps: „77ste Liebe“, „Fremdes“, „Wort ist das falsche Wort“, „Emma“, „Krokusse“, „Das Leben ist schön“. (LH)

Ben Folds – Lonely Avenue
Da ist es also endlich, das Album, auf dem Ben Folds Texte von Nick Hornby vertont hat. Alle Zweifel, ob die Texte eines Schriftstellers nicht etwas zu sperrig für Popsongs sein könnten, zerschlagen sich spätestens mit dem zweiten Track des Albums: „Picture Window“ ist der beste Folds-Songs seit mindestens fünf Jahren. Und Geschichten über verschiedene Charaktere hat Folds ja immer schon erzählt, war also insofern selbst schon immer schwer literarisch tätig. Nach dem etwas speziellen „Way To Normal“ ist „Lonely Avenue“ musikalisch wieder deutlich entspannter und melancholischer geworden
Anspieltipps: „Picture Window“, „Doc Pomus“, „From Above“, „Saskia Hamilton“, „Belinda“. (LH)

I Blame Coco – The Preparty
Ich wusste ja von nichts, also nicht wie Sting mit bürgerlichem Namen heißt (Gordon Sumner). Weder, dass er eine modelnde und singende Tochter hat (Coco Sumner alias Eliot Pauline Sumner). Geschweige denn, dass die gute Dame entgegengesetzt aller Klischees, die man dann sofort abspult wenn der Herr Papa ein erfolgreicher und von mir wertgeschätzer Musiker ist, erfüllt.
Ganz und gar nicht, Coco Sumner fetzt! So richtig, eine taffe junge Künstlerin, die sich hinter ihrem Vater nicht verstecken braucht. Die Stimme rauchig, die Songs erfrischend und passend für gediegende Abende mit Freunden, zum herrlich tanzen oder, oder, oder!
Der Opener auf Preparty heißt „Bohemian Love“ und so relaxed und gemütlich klingen auch viele der anderen Songs. „Voice In My Head“ erinnert dann schon an den Herrn Vater, was aber wunderbar stimmig ist. Ein bisschen Reggae ein wenig Folk, aber vor allem eine angenehm würzige Stimme und eine gefühlte Relaxtheit die sich bei mir einschleicht. Was nicht heißt das die Platte einschläfert, nein, vielmehr gibt es diese Momente, in denen man sich entspannt zurück lehnen kann und genießt.
Die neue Platte „The Constant“ ist auch schon draußen und ist auch äußerst hörenswert!
Anspiel-genießer-tipps: „Bohemian Love“, „How Did All These People Get In My Room“, „Voice In My Head“. (AK)

Manic Street Preachers – Postcards From A Young Man
Die Soloalben, die James Dean Bradfield und Nicky Wire 2006 veröffentlicht haben, waren das beste, was den Manic Street Preachers passieren konnte, denn seitdem erlebt die Band ihren zweiten Frühling: „Send Away The Tigers“ war groß, „Journal For Plague Lovers“ rau — und mit ihrem zehnten Album zielen die Manics noch mal ganz präzise in Richtung Stadion. Streicher, Chöre, eingängigste Melodien — alles ist dabei und Bradfields Stimme klingt sogar noch ein bisschen besser als früher. „Postcards From A Young Man“ ist als Alterswerk gewollt, in den Texten klingt einiges an Resignation und Melancholie mit, aber alt klingt die Band kein bisschen. Und wenn es jetzt Tradition wird, dass Nicky Wire auf jedem Album einen Song singen darf, dann dürfen die Manics von mir aus gerne bis zum Rentenalter weitermachen. „The Future Has Been Here 4 Ever“ klingt jedenfalls schon mal arg nach den Rolling Stones.
Anspieltipps: „(It’s Not War) Just The End Of Love“, „Some Kind Of Nothingness“, „Hazelton Avenue“. (LH, Rezensionsexemplar)

Lasse Matthiessen – Stray Dog
Manche Dinge sind etwas ganz besonderes. Manche Musiker sind etwas ganz besonderes. Manche Musiker können alleine auf einer Bühne stehen und manche haben noch ein paar mehr Musiker dabei.
Lasse Matthiessen, ursprünglich aus Dänemark und jetzt Parttime-Berliner, ist so ein Besonderer, der alleine und manchmal mit seiner Band im Quartett sein Publikum verzaubert.
Immer mit den leisen Tönen, dem gekonnten Spielen mit Laut und Leise, auch dem Laut und Leise in seiner Stimme. Mit unerwarteten Brüchen, Gefühl und Witz. Mit seiner Gitarre, einer Mundharmonika und seiner Band, bestehend aus Violine (Søren Stensby), Kontrabass (Niels Knudsen) und Schlagzeug (Terkel Nørgaard), hat Lasse Matthiessen etwas ganz besonderes geschaffen. Zwischen Singer/ Songwriter, Folk, Indie und Jazz verwandeln sich die Akkorde zu wunderbaren Melodien.
Ich hatte das große, große Glück ihn in einer meiner kleinen Lieblingsorte (der Popo Bar in Neukölln) in Berlin bei einem Live-Konzert zu sehen. Was mich immer besonders glücklich macht, wenn innerhalb einer Band alle Musiker Raum haben für ihr Instrument und sich zusammen so wunderbar ergänzen.
Am Ende bleibt ein kollektiv zufriedenes Publikum.
Habe mir gleich die CD geschnappt und freu mich, hier CD und Konzert Review in einem Abzuliefern.
Anspieltipps: „Before We Dissappear“, „Soon The Spring“, „Borrowed Time“, „Where Are You“. (AK)

Professor Green – Alive Till I’m Dead
Beschreibungen wie „der englische Eminem“ sind natürlich nie wirklich aussagekräftig, helfen einem aber enorm bei der groben Einordnung. „Die männliche Lady Sovereign“ würde es schon besser treffen, aber allein die Samples („Just Be Good To Me“ von The SOS Band, gesungen von Lily Allen, und „Need You Tonight“ von INXS) sprechen für sich. „Alive Till I’m Dead“ ist eine clevere, höchst vergnügliche Rap-Platte für Leute, die Mike Skinners Akzent nicht ertragen.
Anspieltipps: „Just Be Good To Green“, „I Need You Tonight“, „Do For You“, „Monster“, „Closing The Door“. (LH)

Philip Selway – Familial
Ganz bedächtig klingt der erste Song „By Some Miracle“, auf Sanftpfoten tragen sich die Töne ins Ohr. Mit „Familial“ beginnt das Soloalbum des Drummers DER Band (Radiohead) wirklich mit leisen Tönen. Ein bisschen mysteriös. Ein wenig wunderlich, aber Radiohead war schon immer wunderlich und mysteriös.
Leise Kanten und anschmiegsame Ecken zeichnen dieses Album aus. Die Melodien sind nicht aufdringlich, die Texte stehen für die Zwischentöne im Leben. Und doch bleibt die Spannung der Platte fast durchgehend aufrecht erhalten.
Und mehr will ich zu dieser Spätsommer/Herbst- und bestimmt wieder entdeckbaren Frühjahrsplatte gar nicht sagen. Selber lauschen, ist eh besser!
Anspieltipp: „Beyond Reason“, „The Ties That Bind Us“. (AK)

Wir Sind Helden – Bring mich nach Hause
Ich will ehrlich sein: Nach unserer enervierenden Listening-Session hatte ich kein Bedürfnis mehr, das Album noch einmal aufzulegen. Das mag der Band gegenüber ungerecht sein, aber da war einfach so viel andere Musik, die mich mehr interessiert hat.
Anspieltipps: „Alles“, „Bring mich nach Hause“. (LH, Rezensionsexemplar)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

Gesammelte Platten Juli 2010

Von Coffee And TV, 31. August 2010 15:35

Dieser Eintrag ist Teil 7 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Sommer. Die Autoren sind unterwegs oder beschäftigt, die Plattenfirmen nehmen Anlauf für die zahlreichen Veröffentlichungen im Herbst.

Vorher aber:

Admiral Radley – I Heart California
Früher war Jason Lytle der Chef von Grandaddy. Im letzten Jahr hat er ein Soloalbum herausgebracht, das außerhalb dieses Blogs viel beachtet wurde. Nun hat er mit Grandaddy-Drummer Aaron Burtch und Aaron Espinoza und Ariana Murray von der befreundeten Band Earlimart eine neue Band gegründet: Admiral Radley. Deren Debütalbum ist voll von Powerpop zwischen Weezer und den Magnetic Fields, Jay Reatard und Built To Spill. Manche Songs gehen überdreht (und ordentlich übersteuert) nach vorne, andere tänzeln melancholisch vor sich hin.
Anspieltipps: „I Heart California“, „Sunburn Kids“, „I’m All Fucked On Beer“, „G N D N“, „I Left U Cuz I Luft U“ (LH)

Danger Mouse & Sparklehorse – Dark Night Of The Soul
Was für ein irres Projekt: Brian Burton alias Danger Mouse, einer der wichtigsten Produzenten der Nuller Jahre und kommerziell erfolgreich als eine Hälfte von Gnarls Barkley, und Sparklehorse, die gefeierte Alternative-Rock-Band, tun sich mit David Lynch zusammen, um ein Multimediales Projekt zu erschaffen: Lynch liefert düstere (was sonst?) Fotos, die Musiker die dazugehörige Musik. Wegen rechtlicher Schwierigkeiten verschiebt sich die Veröffentlichung immer weiter, in der Zwischenzeit nimmt sich Sparklehorse-Kopf Mark Linkous das Leben. Jetzt, da das Album auch offiziell erscheint, kommt man kaum umhin, es als Nachlass zu lesen — aber das verhindern die vielen Gastsänger: Die Flaming Lips sind z.B. dabei, Julian Casblancas, Nina Persson und – ach was! – Jason Lytle. Was auf dem Papier nach einer kruden Mischung und schwerer Kost aussieht, erweist sich in Wirklichkeit als durchaus hörbares Album, das mal an Filmmusik, mal an Pink Floyd, mal an Moby erinnert. Andererseits rocken die Tracks mit Frank Black und Iggy Pop sogar ordentlich. Besonders bewegend: „Grim Augury“, der Song mit Vic Chesnutt, der sich inzwischen ebenfalls umgebracht hat.
Anspieltipps: „Revenge“, „Jaykub“, „Grim Augury“, „Dark Night Of The Soul“ (LH)

Eminem – Recovery
Klar: Eminem habe ich seit mindestens zehn Jahren auf dem Schirm, aber auf voller Albumlänge bin ich mit seiner Musik bisher nie so richtig warm geworden. Bisher, denn „Recovery“ ist anders: Mit 77 Minuten und 17 Tracks zwar durchaus sperrig, aber eben ein durchgehendes Album mit 17 „echten“ Songs, einigen Gaststars und durcharrangierten Playbacks (ich meine: Da wurde Haddaways „What Is Love“ gesamplet!). Eminem klingt immer noch, als wolle man ihm lieber nicht persönlich begegnen, aber die Musik klingt zumindest stellenweise optimistisch und warm. Fünf, sechs Songs weniger hätten das Album noch hörbarer gemacht, aber man will einem Mann, der gerade seine Dämonen bezwungen hat, ja nicht vorschreiben, das in kompatibler Form zu machen.
Anspieltipps: „Cold Wind Blows“, „On Fire“, „Not Afraid“, „Almost Famous“ (LH)

KATZE – Du bist meine Freunde
Zu Campusradiozeiten galten KATZE als „schwieriges“ „Thema“: Durchaus charmante deutschsprachige Indierock-Songs, aber die Stimme von Klaus Cornfield ist dann doch nicht unbedingt das, was man ohne Vorwarnung auf unbedarfte Hörer (und seien sie auch Studenten) loslassen kann. Wenn man sich aber auf Cornfields Organ und die auf den ersten Blick naiven und/oder schrägen Texte einlässt, ist das eigentlich ganz schöne Musik, die man jetzt vielleicht nicht gerade bei der nächsten Dinnerparty auflegen sollte, aber dafür gibt es ja Katie Melua.
Anspieltipps: „Franzi wir wollen, dass du bei uns in der Band mitmachst“, „Hübsch aber dumm“, „Der Einsame“ (LH, Rezensionsexemplar)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
LH: Lukas Heinser

Gesammelte Platten Juni 2010

Von Coffee And TV, 31. Juli 2010 16:44

Dieser Eintrag ist Teil 6 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Two Door Cinema Club – Tourist History
Keine halben Sachen, dachten die sich, hab ich mir so gedacht als ich die Platte im Laden angehört hab.
Der erste Song „Cigarettes In The Theatre“ knallt gleich mitten ins Ohr. Die Füße wippen im Takt mit, der Kopf geht hin und her. Am liebsten würde man die Platte schnell in den nächsten Club mitnehmen, dem DJ in die Hand drücken und sagen, „Einmal anmachen und durchlaufen lassen reicht! Danke!“.
Und die Kreise auf der Tanzfläche wären endlos, und die Nacht wäre eine, an die man zurückdenkt und grinsen muss, weil lange nichts mehr so direkt ins Tanzbein schoß!
Und die haben eine Katze auf dem Cover. Hallo? Eine Katze auf dem Cover mit Krone!!!
Aber mal abgesehen von Katzencontent, das Debut kann einiges. Man merkt ihnen den Enthusiasmus einfach an – junge Wilde die genau Wissen was gut klingt. Keine halben Sachen, Beats die Knallen, Lyrics die einen grinsen lassen, Melodien direkt fürs Herz. Ich bin dann mal endlose Kreise ziehn!
Anspieltipps: „Cigarettes In The Theatre“, „Do You Want It All“, „I Can Talk“. (AK)

Efterklang – Magic Chairs
Zauberstühle. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich hab noch keinen Zauberstuhl entdeckt.
Aber ich würde gerne eine spontane Parade veranstalten. Und alle Lieder von Efterklang dort spielen! Es würde Zuckerwatte und Heliumballons in allen Farben und Formen geben. Und Brause en masse.
Diese Album ist so voller Sommer und Arme-in-die-Luft-Gefühl, dass ich es hier kaum hinschreiben kann.
Die Herren aus Dänemark sind mit ihrem dritten Studioalbum seit Februar in den Gehörgängen zu finden. Ein ganzes Jahr lang haben sie am Album gewerkelt und gebastelt. Waren mit ein paar Songs schon vor Release auf Tour, und man merkt es. Opulent und Klangfarbenfroh, sind nur zwei von vielen Assoziationen die mir so in den Sinn kommen. An manchen Stellen hätte weniger Opulenz dem Album mehr Schwung verliehen.
Aber dann hört man „Harmonics“ zum ersten Mal und es packt einen direkt. Rythmus, überlappende Gesangespassagen, Gitarrenriff und nur die Stimme von Frontsänger Caspar Clausen treiben den Hörgenuss direkt an den Platz im Herz wo es gut tut!
Sowieso kann ich mich bei den Highlights fast gar nicht entscheiden. Am besten alle anhören und verlieben!
Anspieltipps: „Modern Drift“, „Harmonics“, „Raincoats“, „Full Moon“, „Scandinavian Love“. (AK)

The Gaslight Anthem – American Slang
So, jetzt bitte: Das erste Album danach, nach dem großen Durchbruch, nach dem Glastonbury-Auftritt mit Springsteen. The Gaslight Anthem sind plötzlich kein Geheimtipp mehr, sondern Konsens, und was machen sie? Nehmen „The ’59 Sound“ einfach noch mal auf. Zu fast jedem Song des neuen Albums könnte man ein Äquivalent des Vorgängers benennen — das Prinzip Oasis. Trotzdem ist „American Slang“ ein rundes Album geworden, das nach einigen Durchläufen durchaus eigene Qualitäten offenbart.
Anspieltipps: „American Slang“, „Bring It On“. (LH)

Sia – We Are Born
Eigentlich ja bekannt für herzzereissende Songs, in die man sich fallen lässt, wenn der Liebeskummer einen in seiner Kralle einpackt und nicht mehr loslässt. Jetzt aber mit viertem Studioalbum überrascht die Australierin Sia Furler mit einem Album das vor Lebens-Ja nur so brüllt!
Die optimistisches Sicht, die Songs sind heller und weniger melancholisch. Was nicht heißt, dass es die pure Glückseeligkeit ist, nein — genau hinhören!
Aber es ist eine kleine Überraschung! Die Songs sind Pop — im besten Sinne der Definition. Und wenn einige vielleicht die alte Sia vermissen, ich finde die neue Richtung tut ihr gut!
„You’ve Changed“ vielleicht die Kampfansage überhaupt! „Oh Father“ ein Cover des alten Madonna-Songs, klingt nach der guten Portion Sia wirklich super! Und auch den Rest des Albums sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Anspieltipps: „The Fight“, „Cloud“, „You’ve changed“, „Oh Father“. (AK, Rezensionsexemplar)

Stars – The Five Ghosts
Jetzt geht’s aber los bei den Kanadiern: Gerade erst Broken Social Scene, gleich Arcade Fire, dazwischen noch eben Stars. Die Zutaten sind bekannt: Viel Melancholie und die Stimmen von Torquil Campbell und Amy Millan — mehr brauchte es ja auch auf „Set Yourself On Fire“ und „In Our Bedroom After The War“ kaum. Trotzdem ist es diesmal anders: Mehr Elektronik, mehr Uptempo-Songs, mehr unbedingter Wille zur Indiedisco.
Was für ein schönes, kluges Album, das in 39 Minuten sehr viel mehr Drama und Pop-Appeal untergebracht kriegt als manche Bands in zwanzig Jahren Bandgeschichte. Um Missverständnissen vorzubeugen, ist das düstere „The Last Song Ever Written“ der drittletzte Song auf der Platte, die mit dem umarmenden „Winter Bones“ endet.
Anspieltipps: „I Died So I Could Haunt You“, „We Don’t Want Your Body“, „The Last Song Ever Written“, „How Much More“. (LH)

The Tallest Man On Earth – The Wild Hunt
Irgendwann letzten Monat hatte ich einen kleinen Streit über den besten Soundtrack ever made. Zumal es eigentlich eine nicht beantwortbare Frage ist (für mich immernoch der „Cruel Intentions“-OST, für den anderen der Soundtrack von „Into the Wild“) zum anderen, weil es wie mit Eis ist, die Auswahl macht glücklich.
Und dann musste ich an The Tallest Man On Earth denken. Drehte sein neues Album laut an und der kleine Zwist war vergessen.
Zwei Alben ist er jetzt alt, der gute Herr Kristian Matsson aus Schweden. Das erste Album „Shallow Graves“ war die kleine Folk Erleuchtung letztes Jahr. Auf Tour war er mit Bon Iver und man hört ihm das Reisen auch an.
Er braucht nur seine Gitarre und seine grandiose, würzige, unverwechselbare Stimme! Er hat etwas sehr eigenes und erinnert wirklich an Wildnis und Lagerfeuer und Fernweh. Oder an Landstreicher-Dasein und in einem Zug durchs Land brausen.
Jedenfalls möchte man The Talles Man On Earth erstens live sehen (wer dieses Jahr beim Haldern ist, hat Glück!) und ihn zweitens immer dabei haben, wenn einen das Fernweh packt.
Sein zweites Album „The Wild Hunt“ ist die wunderbare Fortsetzung des ersten Albums. Was sehr gut ist, denn sein Debüt war ein grandioses, durch seine Stimme und Gittarre allein getragenes, folkiges Meisterstück. Aber gleichzeitig sind immer wieder gleichklingende Lieder irgendwann langweilig. Wenn da nicht diese Stimme, diese Gitarre und vorallem diese wahnsinnigen Texte wären. Gerade das letzte Stück „Kids On The Run“, in dem ein Klavier auftaucht und man fast wehmütig wird, weil es das letzte Stück ist, ist den Kauf der Platte mehr als wert.
Anspieltipps: „King Of Spain“, „Thousand Ways“, „The Drying Of The Lawns“, „Kids On The Run“. (AK)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

Gesammelte Platten Mai 2010

Von Coffee And TV, 29. Juni 2010 13:55

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Band Of Horses – Infinite Arms
Bei „All Songs Considered“ sprechen sie längst nur noch von „bärtiger Musik“, wenn bärtige junge Männer auf ihre Gitarren eindreschen und mehrstimmig melancholische Songs schmettern. Band Of Horses halten diese Grundregeln auch auf ihrem dritten Album ein, was sich aber bedeutend langweiliger liest, als es sich anhört. Musikalisch irgendwo zwischen Nada Surf, Built To Spill und Fleet Foxes wird eher geschwelgt als gerockt: Weitgehend sehr entspannt pendelt „Infinite Arms“ zwischen Entspanntheit und Melancholie und wäre damit tendenziell eher ein Herbst-Album, aber gute Musik ist jahreszeitlos schön.
Anspieltipps: „Factory“, „On My Way Back Home“, „Evening Kitchen“, „Bartles + James“. (LH, Rezensionsexemplar)

Beach Fossils – Beach Fossils
Beach Fossils klingen wie vor vierzig Jahren oder wahlweise eben auch wie Real Estate, die Produktion ist rauschig und vermumpft, und so richtig Drive ist da auch nicht drin. Und trotzdem sind sie großartig. Andauernd muss ich sie hören, was vielleicht etwas weniger mit der Musik zu tun hat als viel mehr mit einem in mir lange verloren geglaubten Entspannungsgefühl beim Hören lahmer, halbpsychedelischer Trend-Indiemusik zusammen hängt. So ein Meta-Moment, in dem mir relativ wurscht wird, ob das, was ich höre, hochgradig innovativ ist oder nicht. Ein bisschen wie Velvet Underground auch und Joy Division, falls Sie da Referenzen brauchen.
Anspieltipps: „Daydream“, „Window View“, „Wide Awake“. (MS)

The Black Keys – Brother
Man bräuchte ein Beamgerät. Das denke ich so oft. Einfach rein und zack! ist man am gewünschten Ort und muss nicht der Bahn das Geld in den Rachen werfen. Diese Institution transportiert eh nur noch Millionäre, dieser Tage. Leider gibt es noch kein Beamgerät, aber das neue Album der Gebrüder Black Keys ist ein kleiner Versuch.
Wenn man auf Play drückt, ertönt ein bluesiger Gitarrensound aus den 70ern und beamt sich dann mal schnell ins Zeitalter des Garagenrock um dann weiter zu hüpfen ins Jetzt. Sie nehmen aus den Jahren des Rock einfach das Beste mit.
„Brothers“, das sechste Werk mit dem super Cover, das nur den Titel trägt: „This is an album by The Black Keys. The name of the album is Brothers.“, ist vielleicht das smootheste bis jetzt. Dan Auerbach und Patrick Carney liefern ab.
Sie haben den dreckigen Sound ihrer Vorgängeralben mit ein wenig funky Smooth gekoppelt, „Sinister Kid“ drischt und macht lust auf Tanzen bis man nicht mehr kann. Bei „Tighten Up“ haben die beiden sich Danger Mouse ins Studio gebeamt und meinen unglaublich langwierigsten Ohrwurm erschaffen (auch das Video dazu ist nur zu Empfehlen).
Oder man beamt sich ein wenig in ein Zeitkontinuum, in dem man die Zeit mal vergisst und einfach diese super Platte genießt.
Highlights: „Tighten Up“, „Sinister Kid“. (AK)

The Divine Comedy – Bang Goes The Knighthood
Ich bin ein wenig in Sorge, dass ich schon sehr bald nur noch neue Alben von Bands kaufen werde, die ich sowieso schon kenne und schätze, dass ich diese Alben ein paar Mal hören und dann sagen werde: „Ja, schön, aber die hatten auch schon bessere …“ Nun ja, wer ein Divine-Comedy-Album kauft, weiß, was ihn erwartet und genau das bekommt er auch: Luftigen Pop mit eher barocker Instrumentierung, intelligente Texte und viel britischen Stil — also ein bisschen wie die Pet Shop Boys in analog. Neil Hannon macht also ungefähr da weiter, wo er vor vier Jahren auf „Victory For The Comic Muse“ aufgehört hat (kulminierend im großen Selbstzitat „The Lost Art Of Conversation“), und das ist ja nicht das Schlechteste. Die richtig herausragenden Songs fehlen bis auf die Single „At The Indie Disco“ ein wenig, dafür ist der Opener „Down In The Street Below“ so laid back wie kaum etwas seit der „Regeneration“.
Anspieltipps: „Down In The Street Below“, „At The Indie Disco“, „When A Man Cries“, „I Like“. (LH)

Foals – Total Life Forever
Dass ich mal was über Mathe schreiben würde. Aber die Herren Foals aus dem Vereinigen Königreich haben mit ihrer neuen Platte „Total Life Forever“ und ihrem Math-Rock einfach mitten in mein derzeitiges Elektro-Rock-Herz getroffen. Seit zwei Wochen lauf ich jetzt schon mit der Platte durch die Straßen und grinse in mich rein, wenn ich von den Beats im Ohr angefeuert werde.
Bei „Spanish Sahara“ halte ich dann inne, weil ich jedes mal sowas von überrumpelt werde, wenn bei 4:12 ein Sound einsetzt, der wie Sommerregen und Wunderkerzen klingt. Jedesmal bleib ich stehen oder schließe die Augen und lass dieses Lied über mich regnen. Das Konzept geht auf, wahnsinnig genial komponierte Melodien gepaart mit einem super Schlagzeug und der Stimme von Sänger Yannis Philippakis erzeugen einfach eine perfekte Gänsehaut.
Es ist diese Mischung aus futuristischer Weltanschauung und trotzdem an alten Dingen festhalten. Das Album passt als Gesamtwerk wunderbar zusammen. Die Songs nehmen sich nichts weg, sondern zeigen verschiedenen Persepektiven und werfen neues Licht auf die Welt. Schöne Welt da, bei den Foals.
Anspieltipps: „Black Gold“, „Spanish Sahara“, „Alabaster“. (AK)

Gisbert zu Knyphausen – Hurra! Hurra! So nicht
Menschen kommen und gehen und die wenigsten bleiben. Die meisten gehen wieder und die allerwenigsten lassen etwas zurück. Mit Herrn zu Knyphausen war das ähnlich. Ihn brachte mir jemand mit, der dann wieder ging, und er war einer der wenigen, die gingen und etwas da ließen, und so denk ich immer auch ein wenig an ihn, wenn ich Gisbert höre.
Wenn wir jetzt in die neue Platte reinspringen, dann merkt man, dass Herr Knyphausen ein wenig verschmitzer geworden ist („Es ist still auf dem Parkplatz Krachgarten“). Ähnlich wie Damien Rice, der einmal in einem Interview sagte, er würde nicht ewig nur traurige Lieder schreiben können, weil er gar nicht so melancholisch ist. Und so geht es mir mit Gisberts zweitem großen Album „Hurra! Hurra! So nicht“. Natürlich sind die Töne nachdenklich und beschreiben diese Gefühlsnostalgie und Momente, aber es schwingt jetzt auch Optimismus in den Liedern mit. Auch das typische Knyphausen-jajajaja ist dabei und das Talent, die irrwitzigen Momente des Lebens ins Bilder umzubasteln.
Es ist jetzt nicht mehr nur Gisbert mit seiner Gitarre, nein, es ist auch ein Schlagzeug und ein Bass dabei! Und wenn mir auch die alten Lieder deshalb so gefallen haben, weil es nur er, die Gitarre und du waren, so muss ich doch sagen, dass das Arrangement sehr gut geworden ist! Die Lieder packen an der richtigen Stelle, das Schlagzeug morst die kleinen musikalischen Botschafen direkt ins Ohr und ins Herz. Die neue Platte ist gut, richtig gut!
Anspieltipps: „Grau Grau Grau“, „Es ist still auf dem Parkplatz Krachgarten“, „Kräne“. (AK)

The National – High Violet
Eigentlich hatte ich ja bereits Anfang Mai ein paar hundert lobpreisende Absätze über dieses Album geschrieben und eigentlich nicht gedacht, dass da noch etwas hinzuzufügen sein könnte. An meiner persönlichen Wertung, die objektiv irgendwo bei 100 von 5 Sternen liegt, weil das halt einfach so ist, hat sich auch nichts geändert. Vielleicht ist es aber ganz gut, meinen Anfangseindruck nach mittlerweile fast mehrmonatigem Hören und auch mal Nichthören auf den neuesten Stand zu bringen: Entgegen aller meiner Erwartungen überspringe ich den untypischen Opener „Terrible Love“ immer noch nicht, wenn ich das Album höre. Was für ein Knaller, mit einer Demo-Aufnahme anzufangen, wenn man seine fünfte LP veröffentlicht. In der Süddeutschen Zeitung stand über „High Violet“: Konsensrock. Mit schlechter Note. Ich mag mich irren, aber ist etwas von vornherein als langweilig zu verurteilen, wenn jeder es irgendwie hören kann, ohne sich übergeben zu müssen? Oder weil die Gitarren einem nicht das Gehör zersägen, sondern man sie sozusagen erstmal suchen muss? Weiter möchte ich mich gar nicht aufregen. Super Sache, das Album! (MS)

The New Pornographers – Together
Einmal Kanadier sein! Man stellt sich auf die Straße vor die eigene Haustür, hebt kaum merklich für ein bis zwei Sekunden die Hand, sagt etwas wie „Ich habe eine Gitarre da drin, möchte von euch vielleicht irgendwer mitspielen?“ und schwupps, hat man ein Orchester in der Hütte. Keine Beschwerden bitte, diese Vorstellung bestätigt sich quasi alleine, also ohne Stützräder, sozusagen von selbst, ungefragt, wenn Sie mögen, wenn man sich nur mal Broken Social Scene anschaut und den Baum von Querverweisen, Zitaten, Mitgliederwechseln, Aushilfsgitarristen, Sängerinnen und Sängern und so weiter versucht nachzuvollziehen, ohne dabei zumindest einen Notizblock zu haben. Ein kaum überwindbarer Arbeitsberg. Zurück zum Thema. The New Pornographers bestehen, lässt man die haltlose Anschuldigung, es handele sich dabei um Sänger Carl Newman mit Gästen, aus drei hauptsächlich mit Songwriting und Singen beschäftigten Menschen, von denen A.C., oder Carl, Newman nur einer ist, und einer Reihe weiterer Musiker. Die übrigen beiden Songschreiber der Band sind Neko Case, die vor nicht allzulanger Zeit mit dem Soloalbum „Middle Cyclone“ ein ganz schön tolles Ding abgeliefert hat, und Daniel Bejar, dem einzigen festen Mitglied der auch gar nicht so marginal bekannten Band Destroyer. Hätte ich das Bedürfnis, geohrfeigt zu werden, würde ich für die New Pornographers also ein Wort benutzen, das mit S anfängt und mit upergroup aufhört, aber ich bin ja nicht von allen guten Geistern verlassen. Was soll diese ganze Einleitung? Man erwartet von einer Band mit solch einem Kaleidoskop der Eigenköpfigkeit und Soloplattenerfahrung möglicherweise eine verkopfte, anstrengende, überkandidelte Veröffentlichung nach der anderen. Das Bemerkenswerte ist, dass „Together“ weniger eitel nicht sein könnte. Es klingt, als wäre Carl Newman damals nicht nur einfach auf die Straße gelaufen, um Leute zu suchen, die mit ihm musizieren wollen, sondern hätte in der Frage auch ganz eindeutig noch die Formulierung „Bitte bringt eine Tüte gute Laune pro Person mit!“ benutzt. Ein hochgradig erheiterndes und schönes Album ist das hier. Wenn hier überhaupt ein Konzept durchgezogen werden sollte, dann vermutlich einfach das, einen Riesenspaß zu haben. Hat man die Band einmal live gesehen, verdichtet sich dieser Eindruck zusätzlich, was leider manchmal zu einem Hauch Schülerbandgefühl führt. Muss ja aber auch nichts Schlimmes sein.
Anspieltipps: „Valkyrie In The Roller Disco“, „Crash Years“, „We End Up Together“. (MS)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl

Gesammelte Platten April 2010

Von Coffee And TV, 25. Mai 2010 16:06

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Blunt Mechanic – World Record
Man soll ja Platten nicht nur aufgrund ihrer Cover beurteilen, aber: Gott, ist das niedlich! Ähem … Das ist also das Ein-Mann-Projekt von Ben Barnett, der neue US-Import auf Grand Hotel van Cleef. Wobei es schon ein bisschen überraschend ist, dass das Album von 2009 ist — vom Sound her könnte es auch bereits 15 Jahre alt sein und der Hochzeit von Pavement, Lemonheads, Weezer und They Might Be Giants entstammen. Unaufgeregter amerikanischer Indierock eben. Alles scheppert und rauscht ein bisschen, aber genau dieses etwas Schräge macht das Album so sympathisch. (LH, Rezensionsexemplar)

Broken Social Scene – Forgiveness Rock Record
Wie erklärt man das jetzt? Diese Band war da, als mir etwas abhanden kam. Wie beschreibt man jetzt dieses Musikerkollektiv aus Kanada, das Feist, Emily Haines und Wahnsinnsalben und Soundtracks hervorgebracht hat?
Und was sagt man dann über dieses neue Album „Forgiveness Rock Record“?
Ein Versuch. Man ist ja vieles gewöhnt bei den Broken Social Scenesters, es gibt da Alben von Ihnen, die rein Instrumental sind und einen wegblasen, dann kommen Alben, bei denen die Lyrics alleine einen umhauen, und dann fängt die neue Platte mit „World Sick“ an und dann passiert’s: Alles fließt zusammen — Melodie, Text, Arrangement und Gesang und man ist mittendrin, in der Broken Social Scene, die bei diesem Album alle ihre Subkulturen zum besten verschmolzen haben. Siebzigerjahre-Taumelrock und Wabersynthieorgelparts, Streicher und Keyboards — fast jeder Song ist eine kleine Hymne für sich allein. Und wer hätte nach „You Forget It In People“ gedacht, dass die Broken Social Scene nicht in ihre Einzelteile zerspringt, sondern im Kollektiv so ein Album rausbringt?
Jedenfalls bin ich mir sicher, dass dieses mal bei diesem Alben auch einige noch nicht gewusste Lücken ihre Broken-Socia- Scene-Füllung erhalten.
Highlights: Kann ich jeden Song hier hin schreiben? Wenn ich dann doch auswählen muss: World Sick, Art House Director und Me In The Basement. (AK)

Jakob Dylan – Women And Country
Offiziell liegen die Wallflowers nur auf Eis, aber so richtig würde es mich nicht stören, wenn Jakob Dylan seine Hauptband nicht mehr wiederauferstehen ließe — die hatten zwar die Hits und die größeren Popsongs, aber seit Dylan solo unterwegs ist, hat er noch einmal einen großen Sprung als Musiker gemacht. Nach der völlig reduzierten Rick-Rubin-Produktion auf „Seeing Things“ sorgt diesmal T-Bone Burnett für einen volleren Südstaatensound. Neko Case und Kelly Hogan sind als Background-Sängerin mit dabei und verleihen den düster vor sich hinstapfenden Songs damit noch eine ganz eigene Note. In den Texten geht es um apokalyptische Bilder und Finsternis, aber drunter macht es Jakob Dylan ja seit Jahren schon nicht mehr. Man kann dieses Album kaum hören, ohne vor dem geistigen Auge die Steppenläufer in der Abendsonne im Staub tanzen zu sehen. In seiner vermeintlich stoischen Ruhe liegt eine ungeheure Kraft, die einen festhält und runterzieht — nur damit die Musik einen im nächsten Moment sanft über die Dinge hebt. Großartige Auftritte von Dylan und seiner Begleitband auch bei NPR und Daytrotter. (LH, Rezensionsexemplar)

The Hold Steady – Heaven Is Whenever
Jahrelang waren The Hold Steady an mir vorbeigerauscht, dann trafen sich mich mit „Stay Positive“ mit voller Wucht und ich musste alle Alben haben. Jetzt also der erste Albumrelease als Fan und diese ganz besondere Mischung aus Vorfreude und Angst vor Enttäuschung — zumal Keyboarder Franz Nicolay die Band ja gerade erst verlassen hatte. Der Opener „The Sweet Part Of The City“ beginnt schleppend und mit slide guitars und lässt mich etwas ratlos zurück. Aber dann: „Soft In The Center“ mit einem Refrain, der gleichzeitig die Arme ausbreitet und um einen schlingt (versuchen Sie das mal als Mensch!); „The Weekenders“ mit ganz vielen „Woooo-hoooo“-Chören und U2-mäßigen Strophen; in der ersten Single „Hurricane J“ klafft die Schere zwischen euphorischer Musik und resigniertem Text — das Album läuft und es läuft rund. Die Lyrics sind wieder voller Party-Beschreibungen und Selbstzitate (und einiger wunderschön windschiefer Liebeserklärungen), die Musik voller Energie. „Heaven Is Whenever“ braucht ein paar Anläufe und es ist sicher nicht das beste Hold-Steady-Album (das ist „Boys And Girls In America“), aber es gibt keinen Grund zur Enttäuschung. (LH)

Sophie Hunger – 1983
Ein wildes Kind. Eine widerspenstige Frau. Feuilletonliebling und eine derjenigen, die man auch wirklich als „Künstlerin“ bezeichenen kann. Überall auf der Welt aufgewachsen, Enkelin von Schweizer Urvätern, eigentlich nicht kategorisierbar. Am allerwichtisten aber ist, dass sie eine wahnsinnig begabte Musikerin ist. Irgendwo zwischen Jazz, Folklore, Pop. Universaltalent. Universalmusik.
Wer Interviews mit ihr sieht, sieht einen sehr eigenwilligen Menschen. Sophie Hunger ist sehr gradlinig, was ihre Aussagen betrifft, was man bei ihr eigentlich eher nicht erwartet. Sie ist schwer greifbar. Fragen in Interviews werden seziert und auf den Punkt gebracht. Die Texte sind Mosaike oder eher Emotionen die man dann beim Hören spürt. Und man vergisst manchmal bei all der Ernsthaftigkeit, wie viel Spaß ihr die Musik bringt. Vielleicht ist das ihr Überraschungsmoment.
Das zweite Album „1983“ ist ein Wechselbad der Hörgefühle. Heiß, kalt, laut und leise. Aber immer mitten ins Herz oder ins Ohr. Ihr wisst schon, das Organ, das Musik als erstes fühlt. Schon ihr Debütalbum „Monday Ghost“ war verzaubernd. Zumindest bin ich dem Zauber der Sophie Hunger erlegen gewesen und bin es immer noch.
Vielleicht passt Zauber sehr gut zu diesem Album. Ein wenig exzentrisch, ein wenig eigenwillig aber eben Sophie Hunger pur.
Highlights: „Leave Me With The Monkeys“, „Your Personal Religion“ und „Invincible“: „Somewhere in the Hindukush / Lives the greatest poet / Scribbling sings into the dust / And we will never know it“. (AK)

Jónsi – Go
Noch so ein Bandleader mit Soloalbum: Während Sigur Rós gerne mal etwas länger brauchen, nutzt deren Sänger die aktuelle Kreativ- und Babypause, um ein Album nach dem anderen rauszuhauen. Letztes Jahr das Projekt „Riceboy Sleeps“, jetzt also ein offizielles Soloalbum. Schon wegen Jón Þór Birgissons charakteristischer Stimme erinnert das natürlich immer wieder an die Hauptband, aber dann klingt es doch wieder ganz anders. Songs wie „Animal Arithmetic“ oder „Boy Lilikoi“ sind zu Musik geronnene Euphorie, aber auch Melancholiker bekommen genug Stoff. Der Spannungsbogen fällt nach den … äh: Partysongs (auf solche Parties würde ich wirklich, wirklich gerne mal eingeladen werden) am Anfang kontinuierlich ab, bis man am Ende bei „Hengilás“ die Sterne aufgehen sieht. Ach ja: Das Wort „Schwerelosigkeit“ sollte auch noch in dieser Rezension stehen. Tut’s ja jetzt. Toll! (LH)

The Radio Dept. – Clinging To A Scheme
Wir befinden uns in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung im Süden des Landes lebt, Integration eigentlich Standard ist und seit Jahren Musik in die Welt katapultiert, das man allein beim Wortassoziationsspiel jedes Stadt-Land-Fluss-Spiel gewinnen könnte. Hier Euer 10-Punkte-Bonus für R — The Radio Dept.
Die Herren Radio Dept. kommen aus Lund, bestehen aus drei Mitgliedern, haben seit Gründung 1995 ihre Besetzung ein paar mal gewechselt und schwimmen zwischen Dream Pop, Showgaze und dem Indieozan hin und her. Ich kannte die Herren nicht, bin durch glücklichen Recherchezufall drüber gestolpert und beim Hören hängen geblieben.
Eigenwillig ist ja immer gut. Eigenwilligkeit überschreitet Genregrenzen. The Radio Dept. haben auf ihrem dritten Album für mich als Ersthörling alles richtig gemacht. Schlaue Melodien, ein wenig schwedische Melancholie und Talent für Komposition. An den richtigen Ecken bleibt man hängen und auch sonst haben sie ihr Ziel für meinen Geheimtipp erreicht.
Highlights in no particular order: „You Stopped Making Sense“, „Never Follow Suit“ und „Heaven’s On Fire“. (AK)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

Gesammelte Platten März 2010

Von Coffee And TV, 25. April 2010 23:25

Dieser Eintrag ist Teil 3 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

An Horse – Rearrange Beds
Manchmal ist man ja erstaunt, wie wenig es für gute Musik braucht: Mann, Frau, Schlagzeug, Gitarre — und den Verzicht auf Riffs, die betrunkene Fußballfans mitgrölen könnten. Stattdessen Indierock, irgendwo zwischen Tegan And Sara, Sleater-Kinney und den Yeah Yeah Yeahs. Große Geste und kluge Texte. Wer die Australier im Vorprogramm von Simon den Hartog verpasst hat (und das trotz massiver Berichterstattung), hat im Sommer noch einmal Gelegenheit sich davon zu überzeugen, dass die beiden diesen Sound auch live hinbekommen. (LH, Rezensionsexemplar)

Frightened Rabbit – The Winter Of Mixed Drinks
Ich kann ja jetzt nicht jedes Mal schreiben, wie indiemüde ich bin. Zumal wenn da so eine Band vorbeikommt wie Frightened Rabbit und durch die Wohnung fegt wie ein Hausmädchen auf Speed, die Fenster aufreißt, die Betten aufschüttelt und generell den Frühling herbeitanzt. Passend zum Albumtitel. Mir sind die Vokabeln ausgegangen, aber „The Winter Of Mixed Drinks“ ist ziemlich genau das Album, das die Shout Out Louds dieses Jahr leider nicht gemacht haben: Alles natürlich schon mal da gewesen, aber neu zusammengesetzt und in seiner Gesamtheit uplifting as hell. (LH, Rezensionsexemplar)

Peter Gabriel – Scratch My Back
Wer wie ich „Scrubs“ liebt, der hat bestimmt auch wie ein Schlosshund geheult, als nach der achten Staffel erstmal jeder dachte, es ist jetzt wirklich zu Ende. Kein J.D. mehr, kein Turk, kein Janitor, der sich die phänomenalsten Dinger ausdenkt. All der liebenswerte Schwachsinn ist zu Ende. Aber ich schweife ab.
Im Abspann bei „Scrubs“, als man sehen kann wie das Leben aller Protagonisten verläuft, lief der wohl schönste Song, den ich bisher kannte: „The Book Of Love“. Eigentlich von den Magnetic Fields, aber nur Peter Gabriel singt ihn richtig, trifft die Töne da wo man beim Hören Gänsehaut bekommt und hat diese unbeschreiblichen Geigen. Was soll man aber von Peter Gabriel halten, der auf einmal nur noch Cover auf eine Platte zusammen bringt? Ich bin ehrlich: Ich dachte mir, dass es nix wird, und ich war skeptisch und hab versucht, mir nicht von den Geigen das Hirn weich-fideln zu lassen. Hat nicht funktioniert. Mit „Scrach My Back“ hat sich Peter Gabriel was gutes ausgedacht, die Cover sind alle mit Orchester neu interpretiert worden, vielleicht ein wenig zu viel Geige und Pathos. „Après Moi“ von Regina Spektor klingt sehr düster. „Mirrorball“ von Elbow darf man eigentlich gar nicht vergleichen und „Flume“ von Bon Iver ist was ganz anderes. Die Songs werden – und das ist ja auch das schöne an Covern – in eine andere Richtung geschubst und man sieht manche Songs von anderen Seiten und entdeckt vielleicht noch eine Nuance mehr, an der man sich festlieben kann. So ging es mit „Mirrorball“ und mit „My Body Is A Cage“.
Man darf gespannt sein, wie „I’ll Scratch Yours“ wird, das Album, auf dem die gecoverten Künstler wiederum Peter Gabriel covern. (AK)

Kashmir – Trespassers
Ich würde mich manchmal wirklich gerne besser daran erinnern können, wo ich bestimmte Bands zum ersten Mal gehört hab. Da wär die Einleitungs-Anekdote ein wenig einfacher. Bei Kashmir fallen mir nur Raketen und Weltraumreisen an. Also ich bin jetzt keine Astronautin und mit Raketen hab ich auch nichts am Hut, aber bei dem Titel und dem Opener „Mouthful Of Wasps“ fühlt man sich irgendwie wie auf einer Weltraumreise, jedenfalls in anderen Sphären. „Still Boy“ pulsiert und „Danger Bear“ kühlt das Getriebe wieder etwas runter. Album Nummer sechs der Band aus Dänemark ist sehr vielseitig gewrden. Große Melodien zusammen mit Orchester, die eindringliche Stimme von Kasper Eistrup, diese berühmte Kashmir-esquen Gitarrenpassagen, Lieder, die Geschichten sind, und Melodien, die über einem wie Wellen zusammenbrechen. Ja, vielleicht sind Kashmir ähnlich wie das Meer. Weit und durcheinander, opulent, geräuschvoll, harmonisch und chaotisch. (AK, Rezensionsexemplar)

Laura Marling – I Speak Because I Can
Wenn man auf Play drückt, dann hört man am Anfang click-knister-Geräusche und etwas, was ein wenig nach Wind klingt. Und dann sowas wie Synthieorgeln — damals in der Schule lernte ich, sowas zählt zu einer Kakophonie. Ah ja. Dann setzt die Gitarre ein und die Sitmme von Laura Marling und der erste song „Devil Spoke“ zischt und trifft. Ab da ist die ganze Platte „I Speak Because I Can“ der britischen Singer/Songwriterin einer der Ohrenschmäuse des Monats März. Vielelicht sogar des Jahres. Apropos „Schmaus“: Wie mir meine Mutter neulich beibrachte, ist „Schmauen das neue Schmausen“. „Schmauen“ bedeutet, dass man sich Zeit nimmt und genießt. Und dasselbe kann man vortrefflich mit dieser Platte machen. Play drücken und schmauen. Es steckt, für eine 20 Jahre junge Frau, schon unglaublich viel in dieser Laura Marling. Die Texte sind unglaublich weise. Die Melodien sind wahnsinnig voll mit Gefühlen und die Stimme von Laura ist sehr klar und präsent. Sie will gehört werden, weil sie etwas zu sagen hat. „Stürmischer Folk“ und, sagt der NME, ähnlich wie Mumford & Sons. Ja, weil stürmisch ganz hervorragend passt und Mumford & Sons ein ähliches Talent für Geschichten und Melodien besitzen. Nein, weil Laura Marling mit ihrem Album „I Speak Because I Can“ sich nicht einreiht, sondern sehr gut auf eigenen Beinen steht. (AK)

Lou Rhodes – One Good Thing
Unglaublich traurig muss diese Lou Rhodes sein. Ihre beiden Vorgänger-Alben kenne ich nicht und vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Eine Stimme, die sich zwischen Anna Ternheim und Martha Wainwright stecken lässt, eine feine Gitarre und Melodien, die Folk und Emotionen einfangen. Die Stimme von Mrs. Rhodes ist sehr schön, wechselt zwischen hoch und tief und besitzt dieses leicht kratzige, balsamige. Perfekt für Melancholie. „One Good Thing“, das dritte Album, besticht nicht mit Diversität, jedoch mit Emotionen. Die Songs mäandern ineinander und man hat hier diesen 90er Jahre Techno-Effekt — es hört sich alles gleich an. Dennoch: „The More I Run“ und „One Good Thing“ sind für mich die beiden Highlights. Mit Sicherheit hat es Lou Rhodes gut gemeint, hat ihr volles Herzblut hineingesteckt. Leider halte ich 11 traurige Lieder nicht so lange durch. Ich mag Melancholie sehr gerne, in gesunder Dosierung. Vielleicht darf ich die Platte aber auch nicht so oft am Stück hören. (AK)

She & Him – Volume Two
Wie macht Sie das bloß? Manchmal frag ich mich, wie man so viel Dinge gleichzeitig machen kann. Jedenfalls fällt mir für diese „Kritik“ nur positives ein. Zooey Deschanel, ist einfach eine dieser Superfrauen, die ihre Sache gut machen. Nicht des Erfolges wegen, sondern weil sie es einfach von Herzen gerne Musik machen. Und das hört man auch. Das Zweite Album, das Frau Deschanel mit Mr. M. Ward komponiert hat, ist so eine „Lieblingsplatte“ geworden. Die muss man einfach mögen, beim Hören hat man ein Lächeln auf den Lippen und es geht einem gut. Sie ist ein wenig fröhlicher als die erste Platte und auch ein wenig schneller. Diesmal hört man auch M. Ward öfter singen. She & Him haben ihr Herz immernoch am gleichen Fleck, und auch der schnörkelige Sound ist geblieben. Sie und Er sind eben beide Nostalgiker, ein wenig Fünziger-Jahre-Kitsch und immer ist irgendwo ein Polkadot. Wer also mit Schmunzeln und guter Laune durch die Welt laufen mag, dem sei „Volume 2“ ans Herz gelegt. (AK)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

Gesammelte Platten Februar 2010

Von Coffee And TV, 22. März 2010 14:46

Dieser Eintrag ist Teil 2 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Die Idee, eine neue Serie zu starten, war ja gut. Der Gedanke, dass man aus Gründen des Gruppenzwangs eher versucht sein könnte, sich an Abgabetermine zu halten, war auch nicht schlecht. Und dann war’s natürlich wieder der (eigentlich nie) so genannte Chef, der am Längsten gebraucht hat.

Dafür haben wir jetzt eine (wie wir finden) ansehnliche Liste beisammen mit Platten aus dem Monat Februar (oder so — die Veröffentlichungstermine in Deutschland scheinen immer willkürlicher, absurder und mehrfacher zu werden). Und März kommt dann hoffentlich auch recht bald!

The Album Leaf – A Chorus Of Storytellers
Der Titel des fünften Album von The Album Leaf wundert mich überhaupt nicht. Er passt sogar wunderbar, denn das neue Werk aus der Feder von Jimmy LaValle und seinem Team hat mich wirklich beeindruckt. Atmosphärischer Post-Rock, der beim Hören Klangwelten aufbaut, die einen hinwegtragen und zu einem Soundtrack des Moments werden lassen, wenn man denn will. „Momentaufnahmen“ beschreibt das Werk ziemlich nah, ohne es zu sehr einzugrenzen. Kohäsiv sind die Songs und fügen sich in das Bild von Geschichten sehr gut. Clever verknüpfte Geigen mit pulsierenden Melodien.
Liegt vielleicht auch daran, dass LaValle „A Chorus Of Storytellers“ wie seine Vorgänger auf Island aufgenommen hat. Passen die Songs doch perfekt zu Landschaften, die man mit Island in Verbindung bringt, in denen Zeit in anderen Einheiten gezählt wird. An manchen Liedern bleibt man hängen und Zeit spielt keine Rolle, bis man weitergetragen wird und die Zeit rennt. Texte verteilt Jimmy LaValle auf dieser Platte nicht viele, wenn er es dennoch tut, bleibt viel Platz für Möglichkeiten: „There’s a wind behind everyone / That takes us through our lives / I wish I could have stayed / But this wind takes me away.“ Vielleicht ist das Album auch ein wenig die Entdeckung der Langsamkeit. (AK)

The Blue Van – Man Up
Können wir offen sprechen? Ich bin in letzter Zeit ein bisschen genervt bis enttäuscht von Gitarrenrockbands. Die Sachen, die mich im letzten Jahr wirklich gekickt haben, waren meist Hip-Hop oder Elektro, gerne auch irgendwas mit viel Klavier, Glockenspielen und Xylophonen. Nicht die beste Voraussetzung also, um sich mit einer skandinavischen Indierockband zu befassen. Und doch hat das dritte Album von The Blue Van aus Dänemark einiges von dem Schwung der Debüts von Mando Diao und Franz Ferdinand und erinnert darüber hinaus an Bands wie The Hives, Jet und The Alexandria Quartet. Also: Definitiv nix Neues, aber durchaus druckvoll und unterhaltsam. (LH, Rezensionsexemplar)

Enno Bunger – Ein bisschen mehr Herz
Es braucht in der Regel nicht viel mehr als ein Klavier, um mich zu begeistern. Enno Bunger, der Frontmann von Enno Bunger, spielt Klavier, also sieht es mit Anleihen bei Keane, Coldplay und Straylight Run schon mal ganz gut aus. Bei den Texten bin ich durchaus zu Diskussionen bereit, denn deutschsprachiges Gesinge über Gefühle läuft ja schnell Gefahr, schlageresk zu klingen. In der Tat sind manche Texte selbst für mich als Virginia-Jetzt!-Gutfinder hart an der Grenze, aber wenn man das Trio aus Leer erst mal live gesehen hat, erschließt sich einem das Werk sehr viel besser. Ich kann verstehen, wenn man Enno Bunger nicht mag, aber ich mag sie. (LH, Rezensionsexemplar)

Lightspeed Champion – Life Is Sweet! Nice To Meet You.
Nach dem Ende der Test Icicles machte Dev Hynes (der, wie ich gerade erschrocken feststelle, auch jünger ist als ich selbst) plötzlich Folkmusik und veröffentlichte mit „Falling Off The Lavender Bridge“ vor zwei Jahren ein Album, das nach Wüstenstaub klang. Davon verabschiedet sich das Zweitwerk schon relativ früh und schwankt dann durch die verschiedenen Spielarten von Indiepop. Das Album erinnert an WHY?, We Are Scientists und die Shout Out Louds, dann bricht plötzlich („The Big Guns Of Highsmith“) ein Männerchor hervor, wie man ihn seit „Sam’s Town“ von den Killers nicht mehr gehört hat. Das ist manchmal ein bisschen zu eklektisch (und mit 15 Songs auch etwas zu viel), aber insgesamt immer noch sehr schön. (LH)

Local Natives – Gorilla Manor
Verkürzt könnte man diese Platte folgendermaßen beschreiben: Ein Bisschen wie Vampire Weekend, nur eben ohne fürchterlich zu sein. Dass da Resterklärungsbedarf zurückbleibt, ist zumindest vorstellbar. Local Natives kommen aus Silver Lake (oder Silverlake?), worüber ich mir einmal (mit etwa 700 anderen zusammen) auf einem „Konzert“ von Henry Rollins persönlich erklären lassen durfte, dass das eine ziemlich üble Ecke in Los Angeles ist (oder war, der Herr Rollins hat da wohl um 1840 mal gewohnt). Der Herkunftsort ist natürlich völlig irrelevant, aber man soll ja persönliche oder geographische Bezüge zu seinem Untersuchungsobjekt herstellen. Jedenfalls war mein erster Gedanke beim Hören dieser Platte: „Hui. Klingt wie Vampire Weekend, nur nicht so fürchterlich.“ Tut es ja aber gar nicht. „Gorilla Manor“ ist halt eigentlich ganz schön Indie-Rock, aber eben mit dem Extra-Meter Spaß (Ah, Rezensionsplattitüden!), den man gemeinhin als den „The-Blood-Arm-Effekt“ kennt: Auf den ersten Blick sehr direkter Schubladenrock, der es aber aus bestimmten, unvorhersehbaren Gründen schafft, zu wachsen und Bedeutung zu erlangen. Insofern sind Referenzen auch deplaziert, wer aber trotzdem welche braucht: Ein wenig Grizzly Bear (wegen der Chöre), ein bisschen Animal Collective (wegen der sporadischen Buschtrommeln) und ein wenig The National (wegen der konventionellen Machart). Gefällt mir sehr gut! Objektiver wird es nicht. (MS)

Massive Attack – Heligoland
Kein Mann ist eine Insel. Stimmt. Heligoland ist in dem Fall das fünfte Studioalbum des britischen Trip-Hop-Duos Massive Attack. Nach einiger Wartezeit, in der die Beiden sich mit Soundtracks und anderen ambitionierten Projekten beschäftigt haben, war ein komplettes Album fertig, was jedoch wieder verworfen wurde. Für Heligoland haben sich die Beiden den wunderbaren Tunde Adebimpe von TV On The Radio, Damon Albarn von Blur, Adrian Utley von Portishead, Guy Garvey von Elbow und etliche andere Künstler an Bord geholt, die durchaus charmant für „Heligoland“ kollaborierten und man kann sagen, es ist eine eindringliche Platte geworden. Nicht ganz bequem beim ersten Mal hören, aber die Kanten, an die man beim Hören aneckt, sind sehr sehr gut konzipiert. Vor allem „Babel“ und „Paradise Circuits“ sind für mich Highlights. Düster, wabernde Beats, ein wenig losgelöste Melodien. Massive Attack wie man Sie kennt. Ich bin dann mal auf Heligoland. Inselurlaub. (AK)

Joanna Newsom – Have One On Me
Was diese Frau auch immer macht. Da bringt sie zuletzt ein Album auf den Markt, das mit „Ys“ einen doch eher undurchsichtigen Titel sein Eigen nennt. Wird man dann allerdings des Covers angesichtig, verschlägt es einem fast die Sprache ob des ganzen Mittelalter-Klimbims, den man da vor sich hat. Ein Hören der Musik kann einen dann sofort eines Besseren belehren, wenn man sich nicht schon zu arg darauf eingeschossen hat, das als Herr-der-Ringe-Soundtrack abtun zu wollen. Aber um „Ys“ geht es ja nicht. Es geht darum, was sie jetzt schon wieder gemacht hat, die gute Frau Newsom. In Zeiten der nachhaltigen Fürtoterklärung der haptischen Komponente von Musik entscheidet sie sich dafür, eine Dreifach-CD / LP herauszubringen. Natürlich ist da durchaus einiges an Booklet und Artwork dabei, um den tatsächlichen Hardcover-Käufer für seine anachronistische Tat zu entlohnen, aber dennoch: Produktionskosten und so, Sperrigkeit etc. pp. Apropos: Nicht einer dieser ganzen Songs hat konventionelle Popsonglänge (ob das generell gut oder generell schlecht ist, steht in einem anderen Pamphlet, das selbst schon müde geworden ist; auch eine herausragende Leistung für etwas aus Papier, nicht wahr?). Darüberhinaus wurde hier mit einer derartigen instrumentalen Opulenz ans Werk gegangen, dass man sich allein im Opener „Easy“ verlieren kann und beständig Neues hört, und das vor allem (jetzt kommt fast der wichtigste Punkt), ohne sich auch nur einmal zu fragen, warum man das jetzt irgendwie gut finden soll. Es fehlt also quasi der Moderne-Kunst-Moment, in dem man vor einem Triptychon von Miró mit dem Titel „Gefängnis aus der Sicht eines Insassen“ oder so ähnlich steht und denkt: „Hm, das ist jetzt also diese Kunst, von der immer alle sprechen“. Natürlich ist Miró super, keine Sorge, und so schön bunt und so. Aber „Have One On Me“ könnte tatsächlich so in etwa die Analogie zu Pieter Brueghels des Älteren „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“ sein: Handwerklich hervorragend, aber darüberhinaus so allegorien- und bildreich, dass man sich noch Jahrhunderte lang darüber den Kopf zerbrechen kann. Wenn man das mag. Ansonsten ist es auch einfach so ziemlich schön! (MS)

Scary Mansion – Make Me Cry
Manchmal ist es gut, dass Albumcover in Zeiten von MP3s eine eher untergeordnete Rolle spielen, denn das zu „Make Me Cry“ hätte mich dann doch nicht unbedingt zum Hören eingeladen. Da wäre mir doch glatt was entgangen, denn der Indierock dieser Band aus Brooklyn gefällt mir ausgesprochen gut. Mein Musikgenrebenennrobotor hat grad den Dienst quittiert, also versuche ich mich lieber an Vergleichen: The Pains Of Being Pure At Heart, Yo La Tengo, The Sounds … Na ja, so ungefähr. Jedenfalls: Liebreizender Gesang einer Sängerin über verzerrte Gitarren, die mal Uptempo, mal epischer sind. Das wird mich im kommenden Frühling sicher noch länger begleiten. (LH, Rezensionsexemplar)

Seabear – We Built A Fire
Seabear, das sind sieben auf einen Streich. Was als Soloprojekt von Sindri Már Sigfússon aus Island begann, ist jetzt eine siebenköpfige musizierende Band, die mit ihrem Indie-Folk einen gelungen Nachfolger zu ihrem Debutalbum „The Ghost That Carried Us Away“ abliefert. „We Built A Fire“ kann sich auf jeden Fall hören lassen, egal zu welcher Jahreszeit. Es ist alles dabei: Hörner, Geigen, unaufdringliches Schlagzeug, tolle Melodien und diese besonderen isländischen Emotionen, oder was die sonst noch in ihre Songs reinmischen, dass man einfach gebannt vor dem Lautsprecher sitzt. Von leisen Tönen („Cold Summer“) bis hin zu frechen Tönen („Wolfboy“, „Wodden Teeth“) ist auf „We Built A Fire“ alles vorhanden. Vor allem aber ist nichts vorraussehbar, außer dass Seabear wirklich ein gelungenes Werk geschaffen haben, das die leichten Melodien auch immer mit der dazugehörigen Tiefe verbindet. Was es deshalb so empfehlenswert macht. (AK)

Shout Out Louds – Work
Ist das Konzept dieser Serie hier eigentlich, nur Empfehlungen auszusprechen? Dann hat die neue Shout-Out-Louds-Platte hier eigentlich nicht viel verloren, denn sie ist schon eine ziemliche Enttäuschung. Dass sie etwas ruhiger ist als die beiden Vorgänger, ist an sich ja nichts schlimmes, aber leider bleibt außer der Single „Fall Hard“ einfach nicht viel hängen. Nach einigen Durchgängen kommt dann zwar ein bisschen Atmosphäre auf, aber bis dahin hat man eigentlich schon lieber zu „Our Ill Wills“ oder „Howl Howl Gaf Gaff“ gegriffen. Schade! (LH)

Yeasayer – Odd Blood
Irgendwann vor zwei Wochen habe ich eine Sammel-Mail bekommen mit der Frage, ob jemand mit aufs Yeasayer-Konzert im Friedrichshainer Postbahnhof gehen würde. Habe dann ganz schnell Yea gesagt. Hätte ich vielleicht nicht tun sollen, denn es war eins der langweiligsten Konzerte, an die ich mich erinnern kann. Nicht, dass es schlecht gewesen wäre, dann hätte man ja einfach gehen können. Es war im Gegenteil immer mal wieder ganz gut, vielversprechend, sodass man ständig darauf gewartet hat, dass es endlich mal richtig los geht. Das ist dann leider den ganzen Abend lang nicht passiert, was allerdings seltsam ist, in Anbetracht dessen, dass es auf diesem Album eigentlich die ganze Zeit, Verzeihung, so richtig los geht. Von diesem irreführenden, genialen Opener mit der effektverzierten und hunderte Oktaven nach unten gedrückten Stimme über den, Verzeihung nochmals, Hit „Ambling Alp“ bis zum Schluss ist das durchweg interessante Kost, die durchaus gewöhnungsbedürftig ist, aber doch – auf die gute Art! – Hippiemusik mit Techno und total übertriebenem Latinokitsch vermischt. Eigentlich überhaupt nicht mein Ding, wäre es aber sicherlich geworden und hätte „Odd Blood“ zu einem dieser gebetsmühlenartig beschworenen „frühen Anwärter“ auf mein Album des Jahres werden lassen. Wäre nicht dieses Konzert so vermaledeit öde gewesen. Schade! Anhören lohnt sich wohl aber trotzdem. (MS)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl

Gesammelte Platten Januar 2010

Von Coffee And TV, 21. Februar 2010 18:00

Dieser Eintrag ist Teil 1 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Nach gut drei Jahren Coffee And TV dachten wir, es sei mal an der Zeit, irgendwas anders zu machen. Nachdem die Kategorie „Listenpanik“ (deren Titel sich übrigens exakt niemand mehr erklären kann) im vergangenen Jahr von ihrer Ranglistenhaftigkeit befreit worden war, haben wir sie jetzt endgültig in die Tonne getreten. Und durch etwas – wie wir finden – viel Besseres ersetzt:

Ab jetzt wird nicht mehr Herr Heinser alleine erzählen, welche neuen Platten seinen „schon arg mainstreamigen Geschmack“ (O-Ton gute Freundin) getroffen haben — Nein: Das ganze Team darf ran.

Es wird weiterhin grob nach Veröffentlichungsterminen gestaffelt (weswegen wir überraschenderweise mit den empfehlenswerten Veröffentlichungen des Monats Januar beginnen) und dann einfach alphabetisch sortiert.

Beach House – Teen Dream
Beach House sind angeblich Dream Pop, was auch immer das sein mag. Ihre letzte Platte „Devotion“ kannte ich nur, weil ich mich nach ihrem Erscheinen ein paarmal dazu gezwungen hatte, sie nebenher laufen zu lassen, wenn ich gerade den Abwasch machte oder staubsaugte. Irgendwann muss sie dann aber doch hängengeblieben sein, denn als ich davon hörte, dass es einen Nachfolger geben würde, stiegen ungekannte Affektationen für diese Band in mir herauf, und seither freue ich mich über diese Platte wie ein kleines Kind, das sich wahrscheinlich über etwas anderes freut als eine Platte. Verträumt ist sie ja nun auch schon, aber das als konstituierendes Merkmal zu bezeichnen, würde ich vielleicht unterlassen angesichts der durchaus auch tonal innovativen Songs, die sich nur auf den ersten Blick wie Schablonenpop zeigen. (MS)

Eels – End Times
Das letzte Eels-Album „Hombre Lobo“ ist gerade ein halbes Jahr alt, da kommt auch schon der Nachfolger. Die richtig rumpelnden Songs sind diesmal nicht dabei, E hat mindestens einen Gang zurückgeschaltet, so ungefähr „Daisies Of The Galaxy“ mit weniger Zuckerguss. „End Times“ erinnert mal wieder an eine Therapiesitzung, Dramatik und Humor prügeln sich um die Vorherrschaft und am Ende sagt die erste Strophe von „A Line In The Dirt“ wahrscheinlich alles: „She locked herself in the bathroom again / So I am pissing in the yard / I have to laugh when I think how far it’s gone / But things aren’t funny any more“. Man möchte Mark Oliver Everett am liebsten in den Arm nehmen — um ihn zu trösten und sich zu bedanken. (LH)

Tommy Finke – Poet der Affen/Poet Of The Apes
Natürlich kann man es etwas überambitioniert finden, ein Doppelalbum zu veröffentlichen, bei dem jeder Song einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch enthalten sind. Und tatsächlich wäre „Poet der Affen“ ohne englische Zugabe schon eine runde Sache gewesen — aber man muss ja nicht beide Seiten hören. Aber zwei CDs zum Preis von einer sind erstens was nettes (Nicht wahr, Axl Rose und Connor Oberst?) und zweitens entwickeln Songs wie das famose „Borderline Betty“, die wunderbare Single „Halt‘ alle Uhren an“ (die irritierenderweise jetzt in beiden Versionen „Stop The Clocks“ heißt) oder das schwer traurige „Die Tiere suchen Futter“ noch einmal eine ganz andere Bedeutung, wenn man auch ihre englischsprachigen Geschwister hinzuzieht. „Poet der Affen“ hat das an Gefühl, was dem letzten kettcar-Album fehlte. (LH, Rezensionsexemplar)

First Aid Kit – The Big Black And The Blue
Es war mit Sicherheit eines der außergewöhnlichsten Konzerte des Jahres, als diese zwei jungen schwedischen Schwestern da letztes Jahr am hellichten Tag in einem Zelt auf einem zentralen Osloer Platz spielten und die Kiefer der Zuschauer reihenweise runterklappten: First Aid Kit hatten das by:larm im Sturm erobert. Jetzt ist ihr Debütalbum erschienen, das ohne Fleet-Foxes-Coverversionen auskommen muss, aber trotzdem wundervoll geworden ist. Klara und Johanna Söderberg singen immer noch über Themen, von denen sie altersbedingt eigentlich gar keine Ahnung haben dürften, und sie tun das nach wie vor gerne zweistimmig und Gänsehaut verursachend. Den sparsamen Folk-Arrangements amerikanischer Prägung merkt man nicht an, dass sie in Europas Pop-Nation Nummer 2 entstanden sind — das klingt schon sehr nach weiter Prärie und schneebedeckten Bergen. Aber letztere hat man ja im Moment sowieso überall. (LH)

Owen Pallett – Heartland
Warum Owen Pallett nun auch offiziell Owen Pallett heißt und nicht mehr Final Fantasy, könnte vielerlei Gründe haben. Gehen wir davon aus, dass man als erwachsener Mann nicht mit einer eher mittelmäßigen Videospielreihe verwechselt werden will, darauf immerhin können wir uns sicher einigen, alles andere wäre auch Spekulation und außerdem der klaren Sicht auf das Hörergebnis völlig im Weg. Das ist nämlich ziemlich schön, meines Erachtens im Gegensatz zu älteren Final-Fantasy-Produkten, bei denen ich mich meistens nach der Hälfte nur noch beim unwillkürlichen Durchskippen erwischte. Hier allerdings wurde gut gespielt, gut arrangiert und mit Spannung gearbeitet. Das Durchhören eines Albums, ohne wegschalten zu müssen, ist zwar im Normalfall kein hochgradig qualitatives Merkmal, aber weil mir das bei dem jungen Mann hier zum ersten Mal passiert, lassen Sie mir doch bitte die Freude das abzufeiern und Herrn Pallett schulterklopfend gratulieren zu wollen. (MS)

Surfer Blood – Astro Coast
Hervorragendes Album, dem man es (natürlich auf Autosuggestion begründet) durchaus anhören kann, dass es nicht in einem Studio, sondern komplett in einem Stockbettschlafzimmer aufgenommen worden ist. Dass verstärkte Gitarren und ein echtes Schlagzeug involviert waren, mindert den meterhohen Stoß Ruhestörungsbeschwerden der Nachbarn an den zuständigen Universitätsdekan sicherlich nicht. Verhaltenheit und schlechtes Gewissen hört man hier aber trotzdem äußerst selten. (MS)

Tocotronic – Schall & Wahn
Um Tocotronic zu verstehen sind mutmaßlich bedeutend mehr Semester Germanistik vonnöten, als ich jemals ausgehalten hätte. So kann ich sie also nur hören, was aber auch wie üblich ein Erlebnis ist: So laut und gitarrenbetont klang schon lange kein Tocotronic-Album mehr. So düster allerdings auch nicht — bei den ersten vier Songs deuten schon die Titel an, wohin die Reise geht: „Eure Liebe tötet mich“, „Ein leiser Hauch von Terror“, „Die Folter endet nie“, „Das Blut an meinen Händen“. Aber spätestens wenn Graf Macbeth zur Halbzeit mit „Bitte oszillieren Sie“ den größten Toco-Unterhaltungsschlager seit ungefähr „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ anstimmt und Journalisten den Text im Interview sehr ernsthaft zu entschlüsseln versuchen, klopft die Frage an, wie viel die Band eigentlich noch ernst meint und wie viel Spaß am Vorführen von Feuilletonisten dabei ist. Die Antwort könnte allerdings auch total egal sein, denn man kann Tocotronic ja auch ganz wunderbar hören ohne sie verstehen zu wollen. (LH)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl