Listenpanik: Reste 2009

Von Lukas Heinser, 15. Dezember 2009 21:10

Das Jahr ist bald zu Ende, Markus hat seine Bestenliste schon rausgehauen, aber ich muss ja für nächste Woche erst mal das Jahr 2008 abfrühstücken, ehe ich mich doppelt und dreifach dem Rückblick auf das aktuelle Jahr widmen kann.

Vorher sollen aber schon die Alben und Songs genannt werden, die dieses Jahr für mich mitbestimmt haben, aber bisher auf keiner Listenpanik-Liste genannt sind. Dass ich immer noch jede Menge übersehen habe, dürfte klar sein. Aber wenigstens das hier ist schon mal nicht vergessen:

Alben
Kid Cudi – Man On The Moon — The End Of Day
Wie gesagt: Ich höre mich gerade erst ein in dieses Genre, das sie Hip-Hop oder Rap nennen. Ich bin also noch nicht sehr gut im Zuordnen (worauf die Zeile „I got ninety-nine problems and they all bitches“ anspielt, ist mir trotzdem aufgefallen), aber wer dieses Album hört, muss sofort erkennen, dass da jemand kluges Musik macht. Beats, Samples und Instrumente werden da zu anspruchsvollen Playbacks aufgetürmt, über die der 25-jährige Scott Ramon Seguro Mescudi dann rappt wie ein Mann, der schon alles gesehen hat. Die meisten Songs sind eher laid back und düster und insgesamt ist das Album, an dem auch Bands wie MGMT und Ratatat mitgewirkt haben, weit entfernt vom Arsch-und-Titten-Hip-Hop, den man sonst im Musikfernsehen sieht, falls gerade mal Videos laufen. Ach ja: Lady Gaga wird auch noch gesampelt.

Jay-Z – The Blueprint 3
Noch mal Hip-Hop, noch mal klug und anspruchsvoll. Genauer kann ich das gar nicht beschreiben, aber es fühlt sich gut an, dieses Album zu hören. Und wer sich „Forever Young“ von Alphaville vornimmt, hat bei mir quasi immer gewonnen (vgl. Die Goldenen Zitronen, Youth Group, Bushido feat. Karel Gott).

White Lies – To Lose My Life
Irgendwann bin ich nicht mehr mitgekommen mit diesen Joy-Division-Bands. Sind White Lies überhaupt eine? Jedenfalls kombinieren sie treibende Rhythmen, Gitarrengeschrammel, Keyboardflächen und leidenschaftlichen Gesang. Und obwohl mir das in vier von fünf Fällen unglaublich auf die Ketten geht, gefällt es mir hier.

Tom Liwa – Eine Liebe ausschließlich
Nach Esoterik-Projekten und einer Flowerpornoes-Reunion hat Tom Liwa mal wieder ein richtiges Soloalbum aufgenommen: nur er und eine Gitarre. Eröffnet wird „Eine Liebe ausschließlich“ von einer Gänsehaut-Version von „Chasing Cars“ (ja, das von Snow Patrol), hinterher gibt’s auch noch mal Dylan („Idiot Wind“), dazwischen ganz viel Liwa. Man kann nur ahnen, was für Dramen sich abgespielt haben müssen, sollten die Texte allesamt autobiographisch sein. Es ist Liwas beste Platte seit „St. Amour“ vor neun Jahren und erinnert in ihrer Reduktion und Direktheit mitunter sogar an die „American Recordings“ von Johnny Cash — die mitunter gewagten Übersteuerungen inklusive.

Songs
Kid Cudi – Up Up & Away
Da lobe ich ein Hip-Hop-Album und hebe dann den einen Song hervor, in dem vor allem Gitarren zu hören sind. Aber, Entschuldigung, „Up Up & Away“ ist einfach ein Hammer von einem Song. Textlich eine wunderbare Unabhängigkeitserklärung, musikalisch eine der euphoriesteigerndsten Nummern des Jahres. Und dann dieser Slogan für T-Shirts und Unterarm-Tätowierungen: „They go judge me anyway, so: whatever?“

Glasvegas – Geraldine
Glasvegas live zu sehen war eine schlechte Idee für den ersten Eindruck, denn ihr Auftritt hat mir die Band schon arg verleidet. So bedurfte es ausgerechnet einer Lagerfeuerversion von Thees Uhlmann und Simon den Hartog, damit ich erkannte, was für ein toller Song „Geraldine“ ist. So ungefähr der einzige richtig tolle auf dem selbstbetitelten Debüt-Album der Schotten, aber dafür eben ein wirklich richtig toller. Als Linguist ist man erstaunt, wie viele Vokale in Zeilen wie „My name is Geraldine, I’m your social worker“ offensichtlich überflüssig sind und ganz einfach weggelassen werden können.

Jay-Z – Empire State Of Mind
Er sei der neue Sinatra, rappt Jay-Z in seinem „New York“-Pendant. Und wahrscheinlich hat er damit nicht mal unrecht. Dazu Streicher, Klavier, Chöre und Alicia Keys. Einen Song dieser Größe hat die Stadt verdient („und umgekehrt“, falls das Sinn ergibt), so wie Berlin „Schwarz zu Blau“ von Peter Fox.

Tommy Finke – Halt‘ alle Uhren an
Tommy Finke hat mir jetzt schon mehrfach zu erklären versucht, was das für ein Sound ist, der da das Riff spielt. Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben, es zu verstehen, aber es ist auch egal. Ein schöner Sound, ein eingängiges Riff und ein wunderbarer Song. Das Album kommt im Januar 2010, die Single ist jetzt schon draußen und weil ich gemeinsam mit den Jungs von Get Addicted mit dem Künstler eine Wette über Chartplatzierungen laufen habe, täten Sie uns allen einen Gefallen (sich selbst natürlich sowieso), wenn Sie das Lied käuflich erwürben.

Virginia Jetzt! – Dieses Ende wird ein Anfang sein
Virginia Jetzt! hatte ich irgendwann nach dem zweiten Album aus den Augen verloren. Kürzlich war ich bei einem ihrer Konzerte (eigentlich nur, um mir Oh, Napoleon im Vorprogramm anzusehen) und ich war wirklich schwer begeistert. So sehr, dass ich mir ihr aktuelles Album gekauft habe. Was live super funktionierte, ist auf Platte mitunter arg hart an der Grenze (wobei die Idee, Stefan Zauner von der Münchener Freiheit Background-Chöre singen zu lassen, natürlich schon gigantisch ist), aber „Dieses Ende wird ein Anfang sein“, diese charmante Up-Tempo-Nummer mit Bläsern, die ist schon sehr gut geworden.

White Lies – To Lose My Life
„Let’s grow old together and die at the same time“ ist eigentlich auch nichts groß anderes als das, was John Lennon 1980 in „Grow Old With Me“ ausdrücken wollte — und trotzdem natürlich irre romantisch. Dazu ein treibender Refrain mit einem Keyboard, das so sensationell nervig rein dröhnt, dass man sich die Ohren zuhalten müsste — wenn das beim Tanzen nicht total beknackt aussähe. Ein schöner Song.

Lady Gaga – Paparazzi
„Ernsthaft?“ Ernsthaft! Was für coole Sounds, was für ein gelungener Refrain! Außerdem dachte ich am Anfang, als ich nur die Strophe gehört habe, das sei eine neuer Song von The Knife.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 11/09

Von Lukas Heinser, 11. Dezember 2009 8:55

Normalerweise kommen im November nur noch Live- und Best-Of-Alben. Normalerweise, denn dieses Jahr scheint alles anders zu sein und es gab noch mal richtig was zu schleppen.

Hier die Highlights, wie immer total subjektiv ausgewählt und ungelenk beschrieben:

Alben
Jay Farrar & Benjamin Gibbard – One Fast Move Or I’m Gone
Der Idee, einen autobiographischen Roman zu vertonen, stand ich erst einmal skeptisch gegenüber — auch wenn der Roman von Jack Kerouac ist und die Vertonung unter anderem durch Ben Gibbard erfolgt, der ja sowieso immer alles richtig macht. Aber das, was der Death-Cab-For-Cutie-Frontmann und Jay Farrar (Ex-Uncle Tupelo) hier aus Kerouacs „Big Sur“ herausgeholt haben, kann sich wirklich sehen lassen. Zwar würde man bei Kerouac musikalisch ja eher Jazz und Bop erwarten, aber auch die reduzierten Folkklänge stehen den Texten – von denen man wirklich nicht annehmen würde, dass sie aus einem Roman zusammengestellt wurden – nicht im Weg. Dass das Album der Soundtrack zu einem Dokumentarfilm über Kerouac und sein Buch ist (der Film liegt der Special Edition des Albums bei), macht das ganze Projekt medial noch etwas komplexer, aber wenn man sich von den ganzen Hintergründen erst mal frei macht, ist „One Fast Move Or I’m Gone“ auch einfach ein wunderschönes Album.

k-os – Yes!
Ich bin ja wahrlich kein Experte für Hip-Hop (ich habe erst in diesem Herbst angefangen, mich intensiver mit dem Genre zu beschäftigen), aber mich interessieren eh keine Genrebezeichnungen und keine Namen, ich will nur hören, was mir gefällt. Und „Yes!“ gefällt mir sehr gut. Der Klang ist vielschichtig, die Beats sind tight (das sagt man doch so, oder?) und die Reime sind sehr lässig. Außerdem samplet k-os Phantom Planet und Frida (ja, die von ABBA!). Das ist genau die Musik, die man hören sollte, während draußen ein Zustand tobt, für den das Adjektiv „usselig“ erfunden wurde!

Annie – Don’t Stop
„Wer soll das sein?“, wurde ich im Plattenladen meines Vertrauens gefragt. „Die norwegische Kylie Minogue“, antwortete ich, was ja irgendwie die naheliegendste Beschreibung war. Ich fand „Anniemal“, Annies Debütalbum von vor vier, fünf Jahren, ja schon sehr gut, aber im Februar in Oslo habe ich mich dann – gemeinsam mit den fünfzig anderen Männern in den ersten Reihen – ein bisschen in Anne Lilia Berge Strand verliebt. Nach doppeltem Labelwechsel, Austausch diverser Songs und mehrfacher Verschiebung ist „Don’t Stop“ jetzt endlich erschienen und es ist ein sehr, sehr gutes Album. Oft hart an der Grenze zur völligen Überzuckerung jagt ein Tanzbodenfüller den nächsten, Entspannung gibt’s nur selten, wie bei der sensationellen Achtziger-Ballade „When The Night“. Mitwirkende sind unter anderem Xenomania, die schon am letzten Pet-Shop-Boys-Album mitgeschraubt hatten, und die Gitarristen von Franz Ferdinand. „I Don’t Like Your Band“ ist der wahrscheinliche beste Slogan-Song des Jahres und der Titeltrack wäre in einer gerechten Welt ein Riesenhit. Dass im überdrehten (leicht nervigen) „Breakfast Song“ der Name dieses Blogs fällt, ist natürlich kein Grund, warum ich das Album so gut finde.

Robbie Williams – Reality Killed The Video Star
Wenn es kommerziell und/oder künstlerisch nicht mehr so läuft, besinnen sich kluge Künstler auf ihre Kernkompetenzen und bringen ein Album heraus, das all das kombiniert, was sie bisher erfolgreich und/oder gut gemacht hat. Robbie Williams ist klug und so klingt sein neues Album wie eine Zusammenfassung von allem, was er zwischen „Sing When You’re Winning“ und „Rudebox“ gemacht hat. So tolle Britpop-Sachen wie auf seinen ersten beiden Alben konnte oder wollte er offenbar nicht mehr machen, nur „Won’t Do That“ wagt sich in die Nähe. „Bodies“, das ich als Single noch mittel fand, haut im Albumkontext ordentlich rein. Große Schmuseballaden und Tanzbodenstampfer wechseln sich ab. Aber irgendwie bezeichnend, dass das beste Lied mindestens sieben Jahre alt ist und noch aus der Zusammenarbeit mit Guy Chambers stammt: „Blasphemy“ hat einen wortspielreichen Text, der zwischen „brillant“ und „albern“ schwankt, und große Melodien. Robbie Williams klingt nicht mehr so verkrampft wie auf den letzten beiden Alben, als er unbedingt zu neuen Ufern aufbrechen wollte, sondern regelrecht entspannt und zufrieden. Das reicht für ein sehr ordentliches Album. Und ein sehr gutes hat er ja schon 1998 herausgebracht.

Devendra Banhart – What Will We Be
Die … äh: „Hippie-Musik“ von Devendra Banhart war bisher nie so meins. Vielleicht liegt es am Major-Deal und der damit zunehmenden Popigkeit, aber „What Will We Be“ gefällt mir ziemlich gut. Die Musik ist immer noch verschroben und außergewöhnlich, aber irgendwie sagt sie mir jetzt stärker zu. Die uptempo-igeren Songs wie „Baby“ und „16th & Valencia Roxy Music“ gefallen mir besonders gut, aber auch die ruhigeren, teils … äh: fremdsprachigen Folkballaden haben ihren Reiz. In einem Song wie „Rats“ schafft Banhart es, gleichzeitig nacheinander wie The Doors, David Bowie und Beck zu klingen. Hoffen wir also gemeinsam, dass Devendra Banhart einfach hörbarer geworden ist — und ich mich nicht langsam in einen Hippie verwandle.

Shirley Bassey – The Performance
Das Konzept „Walisische Legende, u.a. berühmt für James-Bond-Titelsongs, plant Comeback mithilfe junger Künstler ihr Comeback“ ist nicht ganz neu: Schon vor zehn Jahren hatte sich Tom Jones so völlig neue Zuhörerschaften erspielt. Bei Shirley Bassey (man verzeihe mir die „Bild“-Altersangabe, aber: 72, wow) läuft es aber etwas anders ab: Die Mitmusiker sind nicht zum Covern und Duettieren da, sondern haben die Songs nur geschrieben. Die Gastbeiträge stammen aus den Federn von Leuten wie Gary Barlow, KT Tunstall, Nick Hodgson (Kaiser Chiefs), Rufus Wainwright, den Pet Shop Boys und – da schließt sich wieder der Kreis zu Tom Jones – den Manic Street Preachers. In Form gegossen hat es dann ein Mann, der neben Dame Shirley als der Experte für James-Bond-Sound gilt: David Arnold, Soundtrack-Komponist der letzten fünf Bond-Streifen. Er sorgt dafür, dass das Album trotz der unterschiedlichen Songschreiber wie aus einem Guss klingt. Und vor allem: riesig. Unter einem Orchester läuft da gar nichts, aber trotzdem ist „The Performance“ quasi nie over the top. (Als ob etwas, an dem Rufus Wainwright und die Pet Shop Boys beteiligt sind, jemals over the top sein könnte.) Das ist genau jene überlebensgroße Sorte von Musik, die man in der Vorweihnachtszeit braucht (aber glücklicherweise völlig ohne Glöckchen-Gebimmel und „Santa Claus“-Geseufze) und die man unbesorgt seinen Eltern schenken kann, egal, was die sonst so hören. Man kann aber auch ganz egoistisch sein und das Album selbst behalten. Es lohnt sich.

Songs
k-os – I Wish I Knew Natalie Portman
Es gilt, was ich hier bereits schrieb.

Jay Farrar & Benjamin Gibbard – California Zephyr
Ja, klar: Ich habe einen soft spot für so ziemlich alles, was mit California zu tun hat (Ausnahme: LA), und Ben Gibbard könnte mir auch ein Telefonbuch vorsingen (Ausnahme: das von LA) — und trotzdem ist „California Zephyr“ unbestreitbar ein tolles Lied. Wie diese Orgel da plötzlich in den Song drängt, während Gibbard „Now I’m transcontinental / 3000 Miles from my home / I’m on the California Zephyr / Watching America roll by“ singt: ganz toll. Ein Lied, das einem die Weite Amerikas nahe bringt, selbst wenn man gerade mit einem Regionalexpress durchs Ruhrgebiet juckelt.

Enno Bunger – Herzschlag
„Ein neuer Tag öffnet mir meine Augen / Alles erstrahlt in goldenem Licht“ — Songs, die so beginnen, kommen entweder aus der Nähe von Florian Silbereisen oder aus der von Blumfeld, Kante oder Tocotronic. Enno Bunger (das ist der Name der Band, benannt nach dem Sänger — das Danko-Jones-Phänomen) könnten es schaffen, die Zielgruppen beider Pole zu bedienen. Natürlich stehen die Jungs aus Leer leicht unter Schlagerverdacht — dass sie trotzdem poetische und pathetische Songtexte auf Deutsch anstimmen, spricht für ihren Mut. Musikalisch liegen sie als gitarrenloses Trio (die Ben-Folds-Five-Besetzung mit Schlagzeug, Bass und Klavier) in der Nähe von Keane und Coldplay und hätten das große Publikum von Silbereisen- bis Tocotronic-Fans durchaus verdient.

Annie – My Love Is Better
Erst dachte ich, das hier sei die beste Catfight-Androhung seit langem, aber irgendwie scheint der Adressat des Textes dann doch keine Nebenbuhlerin zu sein, sondern der Macker höchstselbst. Egal: Popmusik kann gar nicht genug Komparative vertragen, das weiß man spätestens seit Daft Punk. Und was Annie da wem auch immer um die Ohren haut, ist dann eben die charmanteste Kampfansage seit langem.

Shirley Bassey – The Girl From Tiger Bay
Ich hätte wirklich erst ein paar Mal das Album hören sollen und dann nachsehen, wer eigentlich welchen Song geschrieben hat. So bleibt das Risiko, dass ich diesen Song nur so toll finde, weil er aus der Feder der Manic Street Preachers stammt. Nee: „The Girl From Tiger Bay“ ist schon ein sehr schönes Lied, dessen übergroßer, pathetischer Refrain sich durchaus mit den besten Arbeiten der drei Waliser messen lassen kann. Wenn mir jetzt nur noch einfiele, aus welchem ihrer eigenen Songs sie den Melodiebogen entlehnt haben könnten …

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 10/09

Von Lukas Heinser, 4. November 2009 16:35

Der Herbst kommt, es wird ein wenig melancholischer. Oder doch nicht?

Freuen Sie sich auf das, worüber ich mich im vergangenen Monat gefreut habe — wie immer garantiert subjektiv:

Alben
Oh, Napoleon – Oh, Napoleon EP
Ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, jemals derart von einem Newcomer geflasht gewesen zu sein — selbst die erste Kilians-EP habe ich soweit ich weiß in den ersten zehn Tagen nicht öfter als 40 Mal gehört. Ansonsten gilt, was ich letzte Woche geschrieben habe.

Relient K – Forget And Not Slow Down
Irgendwas muss im Oktober passiert sein, was mich wieder in alte Teenie-Hörgewohnheiten hat zurückfallen lassen: Nicht nur Oh, Napoleon hattee ich dutzendfach auf Repeat laufen, sondern auch Relient K, auf die ich durch Zufall aufmerksam geworden war. Es handelt sich um eine – hold your breath – christliche Rockband aus Ohio, aber wenn man die gelegentlichen „lord“s mal außen vor lässt, bleibt da eine CD, die musikalisch all das kombiniert, was ich an Death Cab For Cutie, den Ataris, The Gaslight Anthem, Nada Surf und The Fray (die ja ebenfalls als christliche Rockband gelten) mag: Powerpop mit melancholischen Anwandlungen, dazu viel Klavier.

WHY? – Eskimo Snow
Ich habe zum ersten Mal von WHY? gehört, als sie als internationaler Beitrag fürs diesjährige Fest van Cleef bestätigt wurden. Dort habe ich sie dann zumindest theoretisch live gesehen — wenn zum Zeitpunkt ihres Auftritts nicht gerade ein unglaubliches Unwetter getobt hätte, das mich dann doch ein wenig vom Konzertspektakel abgelenkt hat. Aber allein die Geschichte einer Band, die sich von einer Hip-Hop-Truppe aus Cincinnati, OH zu einer Indierockband aus Berkeley, CA entwickelt hat, lohnt ja die näherer Auseinandersetzung. „Eskimo Snow“ ist laut Eigenaussage am weitesten vom Hip Hop entfernt und in der Tat gibt es in dem leicht verschrobenen, ziemlich filigranen Sound kaum etwas, was an den Ursprung der Band erinnert. Dafür hat das Album viel von den psychedelischen Ausflügen amerikanischer und britischer Bands in den 1960er und 70er Jahren, garniert mit etwas abseitigen Texten.

Helgi Hrafn Jónsson – For The Rest Of My Childhood
In Island gibt es offenbar die feste Regel, dass jeder Musiker mindestens ein Mal mit Sigur Rós zusammengearbeitet haben muss. Das hat Helgi Jónsson schon hinter sich, aber die klangliche Nähe zu den Aushängeschildern des isländischen Indiepop lässt sich nicht leugnen. Jónsson singt allerdigns konsequent auf Englisch und seine Songs sind ein wenig zugänglicher als das Meiste von Sigur Rós, weniger opulent sind sie nicht. Aus hingetupften Klavierakkorden schrauben sich die Lieder in höchste Höhen und manchmal klingt Jónssons Stimme ein wenig, als würde er von dort in die Tiefe stürzen. Kurzum: Es ist genau die Sorte Musik, die man hören möchte, während das Wetter draußen zwischen nebelig-trüb und klirrend-kalt changiert.

Air – Love 2
Eine Rund Klischees gefällig? Gern: Air haben sich seit ihrem ersten Auftauchen vor mehr als einem Jahrzehnt als feste Größe der Schlafzimmerbeschallung etabliert (vgl. Placebo, Marvin Gaye und Massive Attack) und bringen seitdem im Abstand von zweieinhalb Jahren eine neue CD auf den Markt, von der alle sagen, sie klinge so wie immer, sei aber natürlich nicht so gut wie „Moon Safari“, werde aber trotzdem wieder Hunderte von Geschlechtsakten untermalen. „Love 2“ klingt jetzt wirklich wie „Moon Safari“, ist natürlich nicht so gut, aber bringt trotzdem all das mit, was man von Air erwartet. Es ist ganz ähnlich wie bei Mobys „Wait For Me“ im Sommer: Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin haben es aufgegeben, irgendwie anders klingen zu wollen, und klingen gerade deshalb so befreit und frisch wie lange nicht mehr. Wer nur eine CD von Air haben will, greift weiterhin zu „Moon Safari“ (in Mobys Fall: „Play“), aber wer seine Sammlung aufrecht erhalten will, hat jetzt immerhin ein schönes neues Album im Regal. Allein wegen der Abwechslung.

Songs
Oh, Napoleon – K
Soll ich, nachdem ich die vier Songs der EP eh schon über den grünen Klee gelobt hab, tatsächlich noch einen einzelnen Song hervorheben? Och joa, warum denn nicht? Ich mag den schluffigen Beat, ich mag den repetitiven Refrain und die Stimme von Katrin Biniasch hatte ich ja eh schon hervorgehoben. Sehr schön!

WHY? – Into The Shadows Of My Embrace
Fragen Sie mich nicht, worum es in diesem Lied geht. Um Altern und Sex, um Nachbarn, die einem beim Masturbieren zuhören, und um einen toten Fuchs unter einer Hecke. So etwas kann man natürlich nicht mit Strophe – Bridge – Refrain vertonen, da muss auch die Songstruktur ein bisschen außergewöhnlicher sein. Ein bisschen überraschend, dass der Song trotzdem sofort ins Ohr geht.

Relient K – Therapy
Natürlich entspricht dieser Song der Blaupause „Songs, die Lukas Heinser gut findet“: Ein Klaviermotiv, ein treibender Beat, eine Stimme, die an Ben Gibbard erinnert, eine Eröffnungszeile, die was von Springsteen hat („I never thought I’d be driving through the country just to drive“), und ein Refrain, in dem alles auf Elf hochgedreht wird. Ja, diese einfachen Wirkmechanismen funktionieren bei mir. Meistens. So auch in diesem Fall. Toller Song, Punkt.

Death Cab For Cutie – Meet Me On The Equinox
Zwar kann ich meine Freunde immer wieder damit verwirren, dass ich weiß, wie die Hauptdarsteller der „Twighlight“-Filme heißen, aber angucken wollte ich mir diesen Quatsch eigentlich nie. Möglicherweise muss ich meine Meinung revidieren, denn zumindest der Soundtrack zum zweiten Teil liest sich beeindruckend: Death Cab For Cutie, The Killers, Lykke Li, Bon Iver & St. Vincent und Thom Yorke sind ja nicht gerade die Acts, die man mit neuem Material auf dem Soundtrack zu einer Teenie-Vampirromanze erwarten würde. Die Songs schwanken ein wenig zwischen okay und sehr gut (die traurige Erkenntnis am Rande lautet: Muse klauen inzwischen bei den Kaiser Chiefs), der Death-Cab-Song sticht als Single eindeutig hervor. Auf „Narrow Stairs“ wäre er einem vermutlich nicht besonders aufgefallen, aber schlecht ist er nun wirklich nicht.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 09/09

Von Lukas Heinser, 6. Oktober 2009 14:05

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass immer mehr Musik veröffentlicht wird. Kaufen tut die zwar außer mir niemand mehr, aber ich bin doch gerne Konjunkturmotor für die Dieter Gornys dieser Welt. Nur hören muss man den ganzen Quatsch ja auch noch irgendwann, auch dann, wenn man eigentlich voll mit der Wertschätzung des Beatles-Box-Sets beschäftigt ist.

Aber irgendwie habe ich dann doch noch ganz viel neue Musik gehört und für irgendwie empfehlbar gehalten. Wie immer ist alles streng subjektiv und in Kürze wieder ganz anders, aber beginnen wollen wir eh mit einem Kandidaten fürs Album des Jahres:

Alben
Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie
In den vergangenen drei Jahren habe ich im Herbst jeweils eines von Sven Regeners phänomenalen Frank-Lehmann-Büchern (nämlich, in der Reihenfolge: „Neue Vahr Süd“, „Herr Lehmann“, „Der kleine Bruder“) gelesen. Dieses Jahr gibt es kein neues Buch, aber glücklicherweise ein neues Album von Regeners Band Element Of Crime. Dass das famos ist und ganz locker das Beste, was in diesem Jahr bisher in deutscher Sprache erschienen ist, muss man ja kaum noch erwähnen, das erzählt einem ja eh jeder, ohne danach gefragt worden zu sein. Musikalisch gibt’s ein paar Tex-Mex-Anleihen, es rockt insgesamt ein bisschen mehr (bei manchen Stücken sind gar echte Drumsticks zu hören!), aber die an sich schon gute Musik der Band verblasst natürlich weitgehend gegen die Texte, die auch diesmal wieder – lassen Sie mich hier eine Formulierung meines liebsten Germanistik-Dozenten verwenden – unendlich gut sind. Zitate verbieten sich, alles top!

Volcano Choir – Unmap
Justin Vernon ist mit seiner Band Bon Iver innerhalb von anderthalb Jahren zum Liebling des Indie-Folk geworden. Inzwischen bin auch ich mir sicher: Es gab 2008 kein Album, das besser war als „For Emma, Forever Ago“. Jetzt hat Vernon mit Mitgliedern der Band Collections Of Colonies Of Bees das Prohekt Volcano Choir gegründet. Sein Falsett-Gesang ist wieder herzzerreißend (und vielleicht etwas speziell), auch wenn es nicht allzu viel Text gibt. Manche Stücke sind kaum noch Songs, sondern eher Klangcollagen. Aber die Atmosphäre ist beeindruckend, manches, wie „Still“ (das den Autotune-Trip „Woods“ von Bon Ivers „Blood Bank“-EP recycelt) erinnert gar an Radioheads „Kid A“.

Mika – The Boy Who Knew Too Much
Das berühmte schwierige zweite Album, mit dem man an die Erfolge des Ersten anschließen muss/will/soll. Mikas Popperlen erwecken nicht den Eindruck, als seien sie ihrem Schöpfer schwer gefallen — also stecken vermutlich Tonnen von Blut, Schweiß und Tränen in diesen schillernden Kleinoden. Unglaublich, wie viele Anklänge und Verweise der „Paradiesvogel“ Mika (aus dem Vokabular von Menschen, für die ein Abend im Chinarestaurant „exotisch“ ist) in jeden einzelnen seiner Songs packen kann: Alles erinnert an irgendetwas anderes und ist doch eindeutig Mika. Die Abgründe, die sich unter dem Zuckerguss auftun, sind die der Adoleszenz. Daran will sich niemand mehr erinnern, weswegen man lieber stumm der Platte lauscht und spätestens bei „By The Time“, der Kollaboration mit Imogen Heap (s.a. unten), eine amtliche Gänsehaut bekommt.

Imogen Heap – Ellipse
Wenn man ein Album wirklich liebt, hat es der Nachfolger oft schwer. „Speak For Yourself“ von Imogen Heap war so ein Album und „Ellipse“ hat den Nachteil, einerseits sehr ähnlich zu klingen, andererseits nicht über die ganz großen Top-Songs zu verfügen wie der Vorgänger. Das wichtigste Instrument ist natürlich Imogen Heaps Stimme selbst, die wieder vielseitig eingesetzt übereinander geschichtet wird, dazu gibt es mal schnellere, mal langsamere Elektrobeats. Dennoch ist „Ellipse“ ein organisch klingendes, atmosphärisch dichtes Album, das sich jetzt schon für kalte Winterabende empfiehlt („The Fire“ kommt sogar gleich mit Kaminknistern).

Zoot Woman – Things Are What They Used To Be
Wenn Stuart Price nicht gerade Musical Director bei Madonna ist, die alte Tanztrulla oder die Killers produziert, oder unter einem seiner Tausend Aliase Remixe erstellt, hat er ja auch noch eine Band namens Zoot Woman. Deren drittes Album erschien nur anderthalb Jahre nach der Vorabsingle „We Won’t Break“ (was aber auch noch zügig ist, verglichen mit – sagen wir mal – George Michael). Überall zirpt und pluckert es in bester Achtziger-Jahre-Tradition und ein paar sympathische Tanzbodenfüller sind auch dabei.

Kings Of Convenience – Declaration Of Dependence
Nachdem Erlend Øye mit The Whitest Boy Alive eines der Alben für den Sommer geliefert hatte, legt er jetzt mit den Kings Of Convenience nach und will auch noch den Herbst dominieren. Das wird ihm sicher gelingen, denn die mal schwelgenden, mal groovenden Akustiksongs, die er mit seinem Bandkollegen Eirik Glambek Bøe aufgenommen hat, fühlen sich ungefähr so wohlig an wie eine Kanne heißen Kakaos. Das kann man ganz und gar unspektakulär finden, aber auch einfach toll — vielleicht sogar gleichzeitig.

Gods Of Blitz – Under The Radar
Bei einer Bestandsaufnahme deutscher Bands, die englisch singen, vergisst man ja gerne alles unterhalb von Kilians und Slut — die Zeiten, wo Bands wie Readymade und Miles von einheimische Musikzeitschriften und sogar -sendern (die Älteren werden sich erinnern) gewürdigt wurden, sind eben vorbei, heutzutage singt man deutsch. Bei den Gods Of Blitz aus Berlin wird hingegen auf Englisch gesungen (und das auch noch von einem neuen Sänger, denn der alte ist weg). Eine klare Linie ist auch beim dritten Album noch nicht zu erkennen, da wird viel beliehen und zitiert, und doch ist „Under The Radar“ ein sympathisches Indierock-Album, das in seinen guten Momenten schön nach vorne prescht. In einigen Songs meine ich, Danko-Jones-Referenzen erkannt zu haben und „New Dimension“ taugt sogar zum Ohrwurm.

Songs
Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie
Jetzt muss ich doch mal was zitieren: Ein Liedtext, der mit „Immer wenn ich Pillen nahm / Und hinterher beim Fahrrad fahren / Im Steintor in die Rillen kam / Gezogen für die Straßenbahn“ beginnt, kann sehr, sehr platt und albern klingen. Kann, muss aber nicht, denn bei Sven Regener klingt es immer noch einigermaßen lebensweise. Dazu eine charmant nach vorn groovende Band und ein schlichter, aber eingängiger Refrain, dessen kompletter Text bereits im Titel verraten wird.

Mika – We Are Golden
„We are not what you think we are / We are golden / We are golden“ — Falls Sie sich immer schon gefragt haben, ob man eigentlich auch von gesprochenen Passagen einen Ohrwurm bekommen kann, beantwortet Mika Ihnen diese Frage hier völlig selbstlos: Aber sicher. Und dann dieses Intro, das klingt, als hätten Queen und Abba gemeinsam mit Phil Spector das Gesamtwerk Richard Strauss‘ in acht Takte kondensieren wollen. Derart operettiges muss man natürlich lieben (und die Zahnpasta immer griffbereit haben), aber ich liebe es und die von einem Kinderchor (Jahaaa! Wenn, dann richtig!) gekreischte Passage obigen Wortlauts ist mein Mantra für diesen Herbst. Was für ein sensationell überkandidelter Song! Fünf vor „beknackt“, aber toll!

Julian Casablancas – 11th Dimension
Apropos „beknackt“: Ich kann ja verstehen, wenn man den Song aus vollstem Herzen ablehnt, aber ich möchte zu bedenken geben, dass die Strokes auf ihrem letzten Album ja auch „Mandy“ von Barry Manilow gecovert (und es „Razorblade“ genannt) haben. Ich kann mir meinen soft spot für anything eighties ja auch nicht richtig erklären, aber das ist dann doch schon eine wunderbar verspulte Nummer. „Forgive them / Even if they’re not sorry“ — Eben!

Volcano Choir – Island, IS
Wenn es auf „Unmap“ einen Track gibt, von dem man sich vorstellen könnte, dass er in einem Moment besonderer Unachtsamkeit seitens der Musikredaktion auch mal im Radio läuft, dann „Island, IS“, die Single. Man könnte den Song beinahe als „tanzbar“ bezeichnen, weil er sich durch einen treibenden Beat auszeichnet. Text gibt’s auch, wenn auch nicht sehr verständlich. Ach, einfach anhören!

Kings Of Convenience – Me In You
„I see you building that castle with one hand while you’re tearing down another with the other“ ist so ein Bild, für das man keinen Kontext mehr braucht. Einfach eine starke Zeile und ein wunderschöner Song.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 08/09

Von Lukas Heinser, 12. September 2009 0:38

Bevor morgen (hoffentlich) der Paketbote klingelt und ich die nächsten zwei Monate mit meinem Beatles-Box-Set verbringe, schreibe ich mal lieber noch schnell auf, was ich in den letzten Wochen so gehört habe. Dieses Mal wird es noch etwas konfuser als sonst, weil z.B. das Imogen-Heap-Album in den USA zwar schon erschienen, aber noch nicht bei mir angekommen ist. Dafür gibt es mal wieder Nachträge, bei denen Sie sich sicherlich fragen werden, auf welchem Planeten ich eigentlich die letzten Monate verbracht haben. Aber sowas wird es bestimmt bei der nächsten Listenpanik auch wieder geben.

Doch genug der Theorie! Das blieb hängen vom Monat August:

Alben
La Roux – La Roux (Nachtrag)
Das heißeste neue Frau-singt-über-Elektrobeats-Dingen seit „Anniemal“ von Annie vor vier Jahren. Daran erinnern La Roux auch ein bisschen, sind aber ein ganzes Stück düsterer. Namedropping-Spezialisten setzen eh lieber auf Yazoo, Human League, Visage und ähnlich gelagerte Künstler der 1980er Jahre. Wenn das von Musik- und Modepostillen seit Jahren postulierte Achtziger-Revival jetzt also nicht langsam mal einkickt (s.a. Empire Of The Sun, Lady Gaga, sowie die Tode von Michael Jackson und John Hughes), dann sollten wir uns langsam damit abfinden, dass es in diesem Jahrzehnt nicht mehr kommen wird. Unabhängig davon ist es natürlich eines der über-coolsten Alben für Dinnerparty und Club seit langem. Und in dem Moment, wo ich es mir auch gekauft habe, wahrscheinlich schon wieder so durch wie die „DJ Kicks!“ von Kruder & Dorfmeister. (Next stop: Neunziger-Revival.)

The Low Anthem – Oh My God, Charlie Darwin
Hier hätten wir dann das Folk-Hypethema der laufenden Saison, mindestens Fleet Foxes und Bon Iver in einem. (Und Great Lake Swimmers, Neutral Milk Hotel, Neil Young und Tom Waits.) Zwischen schwelgenden Balladen („Charlie Darwin“, „To Ohio“) und scheppernden Schunkel-Nummern („The Horizon Is A Beltway“, „Home I’ll Never Be“ von Jack Kerouac und Tom Waits) ist so ziemlich alles dabei, was man mit dem Überbegriff „Folk“ verbinden würde. Der Herbst kann kommen, denn mit dieser Musik im Ohr kann man den Blättern sicherlich entspannt beim Verfärben zusehen.

Jay Reatard – Watch Me Fall
„Kinder“, fragte der Opa, „wann genau ist Punkrock so poppig geworden?“
„Ach“, antworteten die Kinder, „das war doch eigentlich immer schon so. Hör Dir mal die Ramones an oder die Undertones!“
„Stimmt auch wieder“, sagte der Opa und gab sich den sympathisch-schlichten Songs von Jay Reatard hin, die auch in irgendeinem anderen der vergangenen 34 Jahre hätten erscheinen können.

Franz Nicolay – Major General
Wenn die Position „Lieblingsband“ im Leben eines Mannes nicht ähnlich früh festbetoniert würde wie „bester Freund“ und „Fußballverein“ (sowie – aus chronologischen Gründen – „erste Liebe“), wären The Hold Steady inzwischen meine Lieblingsband. Klar, dass man da auch Nebenprojekten wie dem Solodebüt des Keyboarders seine Aufmerksamkeit schenken muss. „Major General“ schwankt musikalisch zwischen Extremen wie Punkrock und Folk, Chanson und Powerpop, was nicht nur die Bewertung, sondern auch das Durchhören des Albums etwas schwierig gestaltet. Technisch ist Nicolay sicherlich der bessere Sänger als sein Chef Craig Finn, aber dem fallen die besseren Texte ein. Wenn man die 15 Songs auf zehn zusammengestrichen hätte, wäre „Major General“ vielleicht nicht nur ein Fall für Komplettisten, so ist es doch ein bisschen speziell. Schade, denn Songs wie „Jeff Penalty“ oder „I’m Done Singing“ hätten ein größeres Publikum verdient — oder, so unterschiedlich wie sie sind: gleich zwei Publika.

Mew – No More Stories
Wenn ich ein Album anstrengend finde, gibt es generell zwei Möglichkeiten: Entweder es liegt an mir (falsche Stimmung, generelle Vorbehalte, schlichte Ignoranz) oder an den Künstlern. Schwer zu sagen, wer diesmal Schuld ist, denn „No More Stories / Are Told Today / I’m Sorry / They Washed Away / No More Stories / The World Is Grey / I’m Tired / Let’s Wash Away“ (so der vollständige Name des Albums) ist eigentlich schon ein schmuckes Album, mit dem man auch Pink-Floyd-Fans noch aus dem Schaukelstuhl schütteln könnte. Ich mach’s jetzt wie so oft und denke mir: „Das muss ich noch mal in Ruhe hören, wenn ich die Muße dazu habe“, und werde es dann vermutlich wieder vergessen. Und das wird mutmaßlich großer Frevel sein, weil ich im richtigen Moment wahrscheinlich erkennen würde, dass die Dänen von Mew damit ganz große Kunst geschaffen haben. Im Moment kann ich das leider nur annehmen.

Songs
La Roux – Bulletproof (Nachtrag)
Wenn ich behauptete, ich würde meine Eltern nur noch besuchen, um GoTV gucken zu können, wäre das sehr unfreundlich. Aber dieser kleine, feine, österreichische Musikvideosender macht einfach alles richtig. Ausbeute des letzten Besuchs: eine Handvoll Tracks, die noch vor dem Fernseher sitzend direkt bei iTunes gekauft wurden. Allen voran diese hier jugendsprachliches Adjektiv einsetzen Club-Hymne: Genau in dem Moment, wo der schlichte und ergreifende Refrain fast ein bisschen langweilig werden könnte, kommt der Breakdown mit Hilfe eines Vocoders („It’s 2009, motherfucker!“, sagt der Breakdown, auch wenn es weiterhin wie „This time I’ll be bulletproof“ klingt) und jeder Mensch mit ein bisschen Resthirn im Tanzbein merkt: „Argh, geil, Track des Jahres!“ Nur ich hab natürlich wieder vier Monate und österreichisches Fernsehen gebraucht, um davon was mitzukriegen.

Gossip – Heavy Cross (Nachtrag)
Talkin‘ bout Track des Jahres: Da hätten wir natürlich gleich die schärfste Konkurrenz. Dass der Song auch auf WDR2 läuft, zeigt nur, in was für einer Post-alles-Ära wir hier überhaupt leben. Jedenfalls: Auch eine Mörder-Nummer, die man auch als „fett“ bezeichnen könnte, wenn das nicht irgendwie sehr unwitzig wäre.

Jay Reatard – It Ain’t Gonna Save Me
Ich habe vergessen, wer derzeit den Rekord für die häufigste Wiederholung des Songtitels hält (mutmaßlich irgendwas mit „Yeah“ aus den 1960er Jahren), aber der Opener von Jay Reatards zweitem regulärem Soloalbum (und dem mutmaßlich 42., auf dem er irgendwie zu hören ist) hätte gute Chancen, diesen Rekord zu brechen. Und dann dieses Kindergeburtstags-Video!

The Low Anthem – Charlie Darwin
Nach dem ganzen Gezappel und Gepoge möchten Sie vielleicht kurz etwas runterkommen. Schließen Sie die Augen, lauschen Sie den Klängen und wenn Sie vor Ihrem geistigen Auge nicht den Rauch aus dem Schornstein eines verschneiten Häuschens in den unendlichen nordamerikanischen Weiten aufsteigen sehen, dann … äh: dann haben Sie offensichtlich eine andere Phantasie als ich. Aber trotzdem schön, nech?

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 07/09

Von Lukas Heinser, 10. August 2009 17:53

Der Sommer ist traditionell nicht die veröffentlichungsstärkste Jahreszeit, aber entweder habe ich die meisten Highlights im Juli übersehen oder es war tatsächlich ein besonders dürrer Monat. Wenn Saturn nicht gerade wieder MP3-Alben verramscht hätte, hätte ich mir vermutlich nicht mal das eher mittelprächtig besprochene Album von The Airborne Toxic Event angehört — und durchaus ein paar gute Songs verpasst.

Aber kommen wir nun zu den wie immer streng subjektiven Höhepunkten des zurückliegenden Musikmonats:

Alben
Portugal. The Man – The Satanic Satanist
Die Liste der Künstler, von denen ich immer schon mal gehört hatte, die mir aber so direkt nichts sagten, wird naheliegenderweise nie kürzer, auch wenn ich jetzt mein erstes Album von Portugal. The Man besitze. Ein Album, das mir durchaus sehr zusagt und das mit großer Geste das erzeugt, was Werbetexter ein „positives Lebensgefühl“ nennen. Angesichts der vielen Einflüsse aus Soul, Rock, Pop und wasweißichnochwas möchte ich zur näheren Verortung gern zur universellen Nicht-Schublade „Haldern-Musik“ greifen, auch wenn die Band beim Traditionsfestival am Niederrhein1 überraschenderweise noch ohne Auftritt ist, wie ich gerade festgestellt habe.2 Als weiteren hoffnungslosen Erklärungsversuch könnte ich noch „wie Kings Of Leon mit weniger Testosteron“ anbieten, aber vielleicht hören Sie einfach lieber selbst rein.

Jack’s Mannequin – The Glass Passenger
Andrew McMahons Hauptband Something Corporate (3 Alben) liegt seit mehreren Jahren auf Eis — darf man da bei Jack’s Mannequin und ihrem zweiten Album überhaupt noch von einem „Nebenprojekt“ sprechen? Eigentlich auch egal, denn wem der Collegerock von Something Corporate noch eine Spur zu … äh: „hart“ war, der könnte am Radiopop von Jack’s Mannequin seine Freude haben.3 Auch in den Texten ist etwas mehr Pathos, aber wer mit Anfang Zwanzig eine Leukämie-Erkrankung übersteht, hat alles Recht, ein bisschen öfter „survive“ oder „make it“ zu singen. Hätte man die 14 Songs auf zehn bis zwölf eingedampft, wäre „The Glass Passenger“ rundherum gelungen, aber auch so ist es ein souveränes Indiepop-Album geworden.

The Airborne Toxic Event – The Airborne Toxic Event
Die erste Generation der Achtziger-Düsterpop-Epigonen (Interpol, Editors) ging völlig an mir vorbei, bei der zweiten Welle habe ich ganz schnell den Überblick verloren: Glasvegas haben ewig gebraucht, bis ich sie mochte,4, bei White Lies warte ich immer noch auf diesen Moment und jetzt eben die Band mit dem unmerkbaren Namen: The Airborne Toxic Event. „Gasoline“ geht Libertines-mäßig nach vorne, „Happiness Is Overrated“ erinnert an Elefant und „Missy“ wirkt, als sei bei einem Belle-And-Sebastian-Song irgendwas schief gelaufen. Es klingt also mal wieder alles, wie schon mehrfach da gewesen, aber der Trick ist ja, genau daraus ein abwechslungsreiches Album zu machen. Und das ist The Airborne Toxic Event gelungen.

Songs
Jack’s Mannequin – Annie Use Your Telescope
Klavier, Akustikgitarre, schleppende Beats, künstliche Streicher5 und Stimmen, die sich ineinander verzahnen und vom Unterwegssein und Nachhausekommen singen — sowas kann ganz schlimm sein oder ganz großartig. Ich finde es großartig und dieses „Annie I will make it“ lässt auch keine Zweifel und keinen Widerspruch zu. Mal wieder einer dieser Songs dieses Jahr, den ich auf Dauerrotation hören könnte.

Portugal. The Man – People Say
Ein Popsong der Geschmacksrichtung „euphorietrunkener Mitschunkler“, wie sie etwa die Britpop-Band Embrace vor gut einem Jahrzehnt regelmäßig aus dem Ärmel geschüttelt hat. Wenn man allerdings auf den Text achtet, wird die ganze strahlende gute Laune plötzlich zum eiskalten Zynismus: „All the people, they say: / ‚What a lovely day, yeah, we won the war / May have lost a million men, but we’ve got a million more.'“

The Airborne Toxic Event – Sometime Around Midnight
Die Ex-Freundin mit dem neuen Typen in einer Bar? Das soll noch ein Songthema sein? Ernsthaft?! Ja, ernsthaft. Warum denn nicht? Wie sich der Song musikalisch steigert und damit den Text untermalt, das ist schon große Songwriter-Schule. Sicher: Man muss mögen, wie Mikel Jollett da mit jeder neuen Zeile noch eine Schüppe mehr Dramatik in seine Stimme legt. Aber er kann’s und es funktioniert. Und mal ehrlich: Ist nicht jedes Thema eigentlich schon tausendmal besungen worden?

Colbie Caillat – Fallin‘ For You
Es macht nichts, wenn Ihnen der Name Rick Nowels nichts sagt, aber Songs aus seiner Feder kennen Sie bestimmt aus dem Radio. Jetzt hat der Ex-New-Radical also einen Song mit Colbie Caillat geschrieben6 und er klingt wie ungefähr alles, wo Nowels oder sein Ex-Partner Gregg Alexander in den letzten zwanzig Jahren ihre Finger dran hatten: Gut gelaunt, sommerlich, radiopoppig. Auch das muss man mögen, aber wer’s nicht mag hat mutmaßlich eine schwarze Seele.

[Listenpanik, die Serie]

  1. Donnerstag geht’s wieder los! []
  2. Dafür aber beim La-Pampa-Festival. []
  3. Es kann kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet über WDR 2 von der Veröffentlichung des Albums in Deutschland erfuhr. []
  4. Eine dieser Bands, die man auf keinen Fall als erstes live sehen sollte. []
  5. Davon bekommen sie jetzt in der YouTube-Liveversion wenig mit. []
  6. Was die Plattenfirma nicht davon abhält, zu behaupten, „die Tochter von Fleetwood Mac-Produzent Ken Caillat“ habe „für das neue Album ‚Breakthrough‘ alle Songs selbst“ geschrieben. []

Listenpanik 06/09

Von Lukas Heinser, 16. Juli 2009 16:02

Himmel hilf: Der Juli ist schon zur Hälfte um und die Juni-Liste war bis eben immer noch unveröffentlicht. Schieben wir es auf die schiere Menge an Neuveröffentlichungen und die ganze tolle Musik, die sonst noch so da war:

Alben
The Pains Of Being Pure At Heart – The Pains Of Being Pure At Heart (Nachtrag)
Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben (so wie ich bis vor kurzem): Das ist der Indiepop-Geheimtipp der Saison. Fachzeitschriften nennen dieses New Yorker Quartett „eine amerikanische Version der Smiths“, was gleichermaßen treffend wie irreführend ist. Mein internes Katalogsystem führt die Band unter „irgendwie kanadisch“, was an den Gitarrensounds, Glockenspielen und wechselnden Sänger(inne)n liegen könnte.

Fanfarlo – Reservoir (Nachtrag)
Noch ein Nachtrag, noch mal „irgendwie kanadisch“, obwohl es sich doch um eine schwedisch-englische Band handelt: Zuerst bei „All Songs Considered“ entdeckt, dann das Album für einen Euro gekauft. Bildhübscher Indiepop mit Hang zum Orchestralen. Für einen Sommer auf der Wiese.

Regina Spektor – Far
Kommen wir nun zur beliebten Reihe „Acts, die jahrelang an mir vorbeigegangen sind“. In diesem Fall so sehr, dass ich dachte, Regina Spektor (die wirklich so heißt) hätte irgendwas mit Phil Spector (der auch wirklich so heißt) zu tun. Aber dann kam erst das letzte Ben-Folds-Album, auf dem Regina Spektor bei „You Don’t Know Me“ mitträllerte, und dann kam „Laughing With“, das mich auf Anhieb begeisterte (s.u.). Der Pianopop auf „Far“ ist schon toll, aber über allem stehen die Texte — selten habe ich bei einem englischsprachigen Album so früh so gründlich auf die Texte geachtet und sie für so großartig befunden.

Wilco – Wilco (The Album)
Das mit Wilco und mir war immer ein bisschen schwierig: Ich bin mit „Yankee Hotel Foxtrott“ eingestiegen, das einige toll Songs hatte, mich aber nie so ganz überzeugen konnte, dann habe ich mich vor fünf Jahren zufällig in „Summerteeth“ verliebt, ehe mich „A Ghost Is Born“ und „Sky Blue Sky“ etwas ratlos zurückließen. Gut für mich, dass „Wilco (The Album)“ ziemlich genau da weitermacht, wo „Summerteeth“ aufgehört hat: Leicht verspielter Indierock, der aber nicht in riesige Soundflächen ausufert, sondern sich auf drei bis vier Minuten konzentriert.

The Sounds – Crossing The Rubicon
Als vor sechs Jahren das Sounds-Debüt „Living In America“ in Deutschland erschien, wurden die Schweden als „die neuen Blondie“ vermarktet, was nicht völlig abwegig, aber eben auch „die neuen Irgendwasse“-dämlich war. Zum Zweitwerk „Dying To Say This To You“ habe ich nie einen richtigen Zugang gefunden, aber „Crossing The Rubicon“ spricht mich wieder sehr stark an: Leicht überdrehte Rocksongs mit schrammelnden Gitarren, tanzbaren Beats und vergleichsweise wenigen Synthesizern. Und irgendwie muss Maja Ivarsson Singen gelernt haben — aber das macht ja nichts.

Placebo – Battle For The Sun
Ich hatte immer das Gefühl, alle Placebo-Alben klängen im Wesentlichen gleich (und damit gleich gut), aber das stimmt gar nicht. Natürlich gibt es auch diesmal wieder treibende Beats, wüstes Gitarrengeschrammel und die alles dominierende Stimme von Brian Molko, aber einiges ist anders. Das kann zum Beispiel am neuen Schlagzeuger liegen (der, höflich gesagt, nicht ganz so filigran arbeitet wie sein Vorgänger) oder daran, dass Placebo ernsthaft ein Feelgood-Album aufnehmen wollten. Jetzt gibt es Streicher und Anklänge von Trompeten und Glockenspielen und vieles klingt tatsächlich – im Placebo-Rahmen – sehr uplifting. Das ist total anders als der düstere Vorgänger „Meds“, dessen Qualität schwerlich wieder zu erreichen war. Aber „Battle For The Sun“ ist ein solides Album, das sich von allen anderen der Band deutlich unterscheidet.

Moby – Wait For Me
Vor zehn Jahren war Mobys Karriere vorbei. Dann veröffentlichte er „Play“ und wurde zum Nummer-Eins-Lieferanten für Werbespots und Filmsoundtracks. Danach hat er verschiedenes ausprobiert, jetzt kehrt er fast komplett zum Sound von „Play“ zurück. Erstaunlicherweise gelingt ihm damit sein bestes Album seit eben jenem „Play“. Gesungen wird wenig, getanzt kaum, und manchmal nimmt man die Musik beim Nebenbeihören gar nicht mehr wahr, aber es ist ein atmosphärisch dichtes Album, dessen Songs sicher bald wieder Werbespots und Filmsoundtracks zieren werden.

Eels – Hombre Lobo
Mein erstes komplettes Eels-Album. Was soll ich sagen? Ja, kann man sich auch über vierzig Minuten anhören. Eine schöne Mischung aus filigranen, fast Kinderlied-haften Popsongs und charmant-knarzigen Rocknummern.

Songs
Eels – That Look You Give That Guy
Ich hatte das Lied ja hier schon ausführlich gelobt. Seitdem habe ich es mehr als zwanzig Mal gehört und finde es immer noch ganz wunderbar. Nur eine Frage beschäftigt mich die letzten Tage: Was ist eigentlich das Gegenteil von Eifersucht?

Regina Spektor – Laughing With
Eigentlich kann man sich alle Ausführungen zu diesem Lied sparen: die Lyrics sprechen für sich. Ich hörte den Song erstmals bei „All Songs Considered“, am S-Bahn-Gleis des Bochumer Hauptbahnhofs stehend. Alle Störgeräusche verschwanden, ich hörte nur noch das Klavier und diese leicht eigentümliche Stimme, die diesen wunder-wunderschönen Text sang. Es wäre unangemessen gewesen, an diesem Ort loszuheulen, aber es gibt wenige Songs, bei denen ich so kurz davor stand.

Wilco – You And I
In einem normalen Monat wäre sowas ganz klar der Song des Monats geworden: Ein charmanter Popsong mit anrührendem Text und den Stimmen von Jeff Tweedy und Gastsängerin Leslie Feist. Nun: Es war kein normaler Monat, wie Sie oben sehen, sondern der Monat der überlebensgroßen Songs mit phantastischen Lyrics. Aber es gibt hier ja sowieso keine Rangliste mehr. (Das Lied habe ich übrigens zum ersten Mal auf WDR 2 gehört und danach beschlossen, mir das Album zu kaufen. So viel zum Thema „das Radio hat als Multiplikator ausgedient“ …)

The Pains Of Being Pure At Heart – This Love Is Fucking Right!
Die Länge von Bandnamen und Songtitel machen es unmöglich, diesen Song auf ein Mixtape zu packen — der Platz auf so einem Beipackzettel ist ja leider nur begrenzt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich den Liedtext richtig verstanden habe (meine Interpretation wäre in zahlreichen Ländern der Welt illegal), aber: Hey, es ist ein wunderschöner kleiner Song und der Titel ein wunderbarer Slogan. (Überhaupt bräuchte es mehr Songtitel mit Ausrufezeichen am Ende.)

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 05/09

Von Lukas Heinser, 7. Juni 2009 21:30

Wieder einmal ist ein Monat schon länger vorbei, wieder einmal habe ich längst nicht alles hören können und wieder einmal werde ich in einer Minute mit der Revision dieser Liste beginnen, aber was soll’s?

Let’s give it a try:

Alben
Fink – Sort Of Revolution
Manchmal entdeckt man Bands oder Künstler eben erst beim vierten Album (s.a. The Hold Steady). Fin Greenall aus Brighton macht Musik, die im Wikipedia-Artikel mit „Jazz, Blues, Dub, Folk, Indie“ bezeichnet wird, was gleichzeitig alles und nichts sagt.

Ein bisschen erinnert die Musik an Bon Iver (also, historisch betrachtet: andersherum), an Nick Drake und an diverse Saddle-Creek- und Sub-Pop-Bands. Anders ausgedrückt: Es würde mich nicht wundern, wenn eines der Stücke auf dem Soundtrack des nächsten Zach-Braff-Films zu hören wäre.

Bis dahin wird mich diese wunderbar entspannte, leicht melancholische Popmusik sicher noch den ganzen Sommer über begleiten.

The Alexandria Quartet – The Alexandria Quartet
Es passiert ja auch nicht so oft, dass man eine Band eher zufällig zwei Mal live gesehen hat, bevor ihr Album überhaupt in Deutschland rauskommt.

Hatte ich The Alexandria Quartet in Oslo noch als „Indierock zwischen Mando Diao, den frühen Killers und Travis“ beschrieben, muss ich über die Platte etwas völlig anderes behaupten: Die erinnert gerade in den ruhigeren Momenten (in denen die Band am Besten ist) eher an Jeff Buckley, Eskobar und Richard Ashcroft und – wenn sie dann losrocken – an Feeder und die frühen Radiohead. (Die Chancen stehen allerdings gut, dass ich auch diese Vergleiche in drei Monaten wieder für völlig lächerlich halten werde.)

Jedenfalls: Das selbstbetitelte Debüt der Norweger kommt, wie White Tapes ganz richtig bemerkt, „eigentlich circa 10 Jahre zu spät“, aber irgendwo zwischen Athlete, Embrace und Thirteen Senses wird schon noch ein Platz frei sein für diesen Britpop der melancholischeren Sorte.

Manic Street Preachers – Journal For Plague Lovers
Ich bin bekanntlich ein eher unpolitischer Mensch, aber wenn plakative Parolen mit Pop-Appeal daherkommen wie bei The Clash, Asian Dub Foundation, Rage Against The Machine oder eben den Manics, dann höre ich mir das gerne an, singe laut mit und stelle mir vor, wie sich das anfühlt, da auf den Barrikaden. Die Lehnstuhl-Revolution auf dem iPod, sozusagen.

Die Texte des neuen Manics-Albums stammen aus einer Zeit vor Barack Obama, vor dem 11. September und vor New Labour. Sie stammen aus dem (wohl leider tatsächlich) Nachlass des vor 14 Jahren verschwundenen Band-Gitarristen Richey Edwards und sind vor allem bildgewaltig und kryptisch.

Die Songs sind nicht unbedingt das, was man als „eingängig“ bezeichnen würde, aber sie haben eine rohe Energie, die zu Zeiten des lahmenden Spätwerks „Lifeblood“ kaum noch jemand für möglich gehalten hätte. Und wenn zum Schluss Bassist Nicky Wire „William’s Last Words“ anstimmt („singt“ wäre dann vielleicht doch das falsche Wort), dann ist das schon ein ganz großer Gänsehaut-Moment, der sich nach dem endgültigen Abschied von einem Freund anhört.

Ob das Album auch ohne diese ganze Vorgeschichte so spannend wäre? Kunst funktioniert eigentlich nie ohne Kontext, aber ich glaube schon.

Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix
Eine vorab: Die beste Phoenix-Platte des Jahres kommt dann vermutlich doch von The Whitest Boy Alive. Für die Franzosen wird es aber aller Voraussicht nach immer noch für den zweiten Platz reichen, was unter anderem an Songs wie „Lisztomania“ und „Rome“ liegt. Vielleicht wird das Album noch ein bisschen über sich hinauswachsen, wenn ich es endlich mal in der Sonne hören kann, aber im Ruhrgebiets-Regen verbreitet es auch schon mal eine ordentliche Portion Sommer.

Jupiter Jones – Holiday In Catatonia
Mit dem zweiten Jupiter-Jones-Album „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich“ nie ganz warm geworden, aber für „Holiday In Catatonia“ sieht es besser aus: Nach einem wahren Dampfhammer-Auftakt schaltet die Band ein bis zwei Gänge zurück, schafft es aber, so schöne Melodien rauszuhauen wie noch nie. Das hat manchmal ein bisschen was von Kettcar, aber das ist durchaus als Kompliment gemeint. Bei der Wahl zum deutschsprachigen Liedzitat des Jahres empfiehlt sich „Mit dem Alter kommt die Weisheit / Nach der Jugend kommt die Eiszeit“ jedenfalls jetzt schon für die Shortlist.

Songs
Manic Street Preachers – Jackie Collins Existential Question Time
Diesmal gibt’s keine Singles, aber das Lied mit dem ellenlangen Titel ist trotzdem so etwas wie das Flaggschiff für „Journal For Plague Lovers“. Warum? Zwei Zitate: Das unschlagbare „Oh mummy what’s a Sex Pistol?“ im Refrain und die spannende Frage „If a married man, if a married man fucks a Catholic / And his wife dies without knowing / Does that make him unfaithful, people?“. (Dass das „fuck“ im Video durch ein „beg“ ersetzt wurde, ist allerdings schon ein bisschen lame.)

Und dann natürlich noch dieses Riff, das meine Behauptung, das Album sei nicht eingängig, Lügen straft.

a-ha – Foot Of The Mountain
Ich hatte mein Verhältnis zu a-ha und meine Begeisterung für diese Mal-wieder-Comeback-Single ja schon ausführlich geschildert. Aber dieser Song ist ja wohl auch ein Musterbeispiel der Kategorie „der etwas anspruchsvollere Popsong“.

Fink – Sort Of Revolution
6:32 Minuten sind nicht gerade das, was sich Formatradiomacher als Songlänge wünschen. Aber der Titeltrack und Opener des vierten Fink-Albums (s.o.) besticht durch seine Instrumentierung (dieses Schlagwerk!) und den genuschelten Gesang. „Let me know when we get there / If we get there“, so oft wiederholt, bis es einen fast komplett eingelullt hat. Und dann geht das Album erst richtig los.

The Alexandria Quartet – Montauk
Wenn ich jetzt Saybia und Lorien als Orientierungshilfe nenne, bin ich mir zwar ausnahmsweise mal sicher, habe aber auch treffsicher zwei längst vergessene Bands des Genres hervorgeholt.

„Montauk“ gehört zu der Sorte schleppender Balladen, bei denen sich die Pärchen auf Konzerten ganz eng umschlungen im Takt der Musik wiegen, das Bühnenlicht in ein verklärendes Gelb getaucht wird, und die, die allein zum Konzert gekommen sind, mit viel Glück noch ihr Handy zücken, um den Moment mit jemandem zu teilen. Wer ganz allein ist, genießt eben für sich.

Jarvis Cocker – Angela
Es ist schwierig, bei den Zeilen „Angela / An unfinished symphony“ nicht an die Bundeskanzlerin zu denken, aber irgendwie geht es dann schon. Jarvis Cocker klingt für 2:58 Minuten, als wolle er an seiner Elvis-Costello-Werdung arbeiten und der neue Bart legt diese Vermutung nahe. Leider ist dieser trockene Stampfer dann auch schon der Höhepunkt von Cockers zweitem Soloalbum, das ansonsten eher unspannend vor sich hin dümpelt.

Phantom/Ghost – Thrown Out Of Drama School
Wenn da nicht die Stimme (und der Akzent) von Dirk von Lowtzow wäre, ginge dieser Song sicher auch als B-Seite von The Divine Comedy durch: Dieses Ragtime-Piano, der melodramatische Text, all das ergibt ein wunderbar skurriles Gesamtbild, dessen Faszination man sich selbst kaum erklären kann.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 04/09

Von Lukas Heinser, 7. Mai 2009 18:46

Normalerweise könnte ich im Laufe des Monats einen Stapel mit allen CDs bilden und ihn am Ende abarbeiten. Dagegen spricht aber zum einen mein Zwang, neue Tonträger direkt ins Regal einsortieren zu müssen, und zum anderen die Tatsache, dass ich immer mehr Musik als Download kaufe.

Ich bin aber der Ansicht, dass sie dadurch nicht schlechter wird, und entsprechend gut sind dann auch die Sachen, die ich im April gehört und für erwähnenswert befunden habe:

Alben
Great Lake Swimmers – Lost Channels
Beginnen wir mit einem Nachtrag aus dem März, weil mir niemand Bescheid gesagt hatte: Die Great Lake Swimmers aus Kanada machen Folk Rock, was sich als Genre schlimmer anhört denn als Musik. Sie spielen zerbrechliche Balladen, die nur aus der Stimme von Sänger Tony Dekker und Gitarrenklängen bestehen, die vermutlich entstehen, wenn man die Saiten anhaucht oder zu streng anguckt, und etwas schwungvollere Country-Klänge, zu denen man gleich sich gleich auf den Appalachian Trail begeben möchte. Das alles ist ihnen auf dem Vorgängeralbum „Ongiara“ zwar noch etwas stimmungsvoller geraten, aber das war vor zwei Jahren auch ein Überalbum.

Death Cab For Cutie – The Open Door EP
Nochmal März, aber diesmal nur kurz: Death Cab (wie man als aufmerksamer „O.C., California“-Zuschauer ja sagt) haben eine EP mit vier neuen Songs und einer Demo aus den „Narrow Stairs“-Sessions zusammengestellt. Wie immer auf hohem Niveau und auch etwas poppiger als die Songs, die es aufs Album geschafft hatten.

Kilians – They Are Calling Your Name
Überraschung! Ich bilde mir aber auch diesmal wieder ein, dass ich das Album auch dann noch sehr gut fände, wenn ich nicht mit den Musikern befreundet wäre. Musikalisch ist das Album anspruchsvoller und noch etwas abwechlungsreicher als das Debüt (richtig abwechslungsreich wird’s, wenn man sich die Special Edition mit Elektro- und Cha-Cha-Cha-Einlagen anhört) und man hört auch genauer auf die Texte. Das führt etwa bei „Used To Pretend“ dazu, dass man sich hinterher sicher ist, ein unglaublich kluges, aufrichtiges und eindringliches Trennungslied gehört zu haben — und den vielleicht besten Kilians-Song bisher.

Bob Dylan – Together Through Life
Und noch jemand, den man nicht ernsthaft bewerten kann. Auch, wenn ich mich nicht als großen Dylan-Fan (oder gar -Kenner) bezeichnen würde, schätze ich seine Musik und seine Person doch sehr und bin gerade von seinen jüngsten Alben schwer begeistert. „Together Through Life“ steht „Love And Theft“ und „Modern Times“ da in nichts nach: Blues, der mal trocken nach vorne stapft, mal melancholisch am Klavier gespielt wird. Bemerkenswert ist es dann aber schon, dass Dylan mit dem Album die erste UK-Number-One seit 39 Jahren gelungen ist und die Single „Beyond Here Lies Nothin'“, die ein bisschen an „Black Magic Woman“ von Santana erinnert und die es einen Tag als kostenlosen Download auf Dylans Website gab, plötzlich im Radio rauf und runter läuft.

Officials Secrets Act – Understanding Electricity
Es gibt Alben, da weiß ich beim ersten Hören, dass ich sie mag, aber nicht sonderlich oft hören werde. „Understanding Electricity“ könnte dieses Schicksal blühen, obwohl der Indierock zwischen Maxïmo Park, We Are Scientists und The Wombats wirklich schön ist. Mitunter nerven manche abgedrehten Sounds ein bisschen, aber Songs wie „Little Birds“ und „Hold The Line“ (hat nichts mit Toto zu tun) sind dann auf der anderen Seite einfach ganz großer Pop und haben zumindest erhöhtes Mixtape-Potential.

Songs
Kilians – Hometown
Hatte ich nicht gerade noch „Used To Pretend“ als „den vielleicht besten Kilians-Song bisher“ bezeichnet? Ja, klar. Aber wenn die Kilians einen Song namens „Hometown“ schreiben, der auch noch so einen catchy Refrain hat, dann muss der natürlich noch einmal besonders hervorgehoben werden. Auch wenn es angeblich gar nicht um Dinslaken an sich geht, sondern um das Gefühl, von einer Stadt und ihren Menschen geprägt worden zu sein, empfiehlt sich dieser Song natürlich als inoffizielle Stadthymne. Wenn die Dinslakener cool wären, würde im Sommer kein anderes Lied aus Cabrios und offenen Wohnungsfenstern tönen.

Bob Dylan – Life Is Hard
In die Reihe von „Moonlight“ und „Workingman’s Blues #2“ gesellt sich „Life Is Hard“: Ein ruhiger Blues und die Stimme eines Mannes, der alles erlebt hat und den nichts mehr erschüttern kann. Schlicht und ergreifend.

Muff Potter – Niemand will den Hund begraben
Ich weiß nicht, wie oft ich die neue Muff-Potter-Platte „Gute Aussicht“ hören müsste, bis sie mir gefällt. Bei „Steady Fremdkörper“ hat’s ja auch irgendwann geklappt — nur, dass ich die Platte seit Ewigkeiten nicht mehr gehört habe und mich nur an einen Song erinnern kann. „Niemand will den Hund begraben“ könnte also das diesjährige „Die Guten“ sein. Diesmal geht’s aber nicht um Trennungen sondern – Super-Songthema – um Landflucht. Die Schilderung der Heimatstadt, in der es kaum noch junge Leute gibt, und in der alles langsam stirbt, hat schon Springsteen’sche Dimensionen und hätte auch gut auf die letzte kettcar-Platte gepasst. Das war übrigens auch so ein Album, das ich mir erst schönhören musste, um es dann ganz schnell wieder zu vergessen.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 03/09

Von Lukas Heinser, 5. April 2009 14:10

So eine Flut von Veröffentlichungen, die mich persönlich interessiert haben, hatten wir zuletzt im … Februar.

Nee, im Ernst: Es war schon heftig, was da im März alles in die Plattenläden und Downloadstores kam — da kam es gerade recht, dass Saturn die MP3-Alben für 4,99 Euro das Stück geradezu verrammschte und ich mich entsprechend preisgünstig durch den Monat retten konnte. Es gab etliche gute Alben und je einen heißen Anwärter auf die Nummer 1 der Jahrescharts bei Alben und Songs:

Alben
Pet Shop Boys – Yes
Beim ersten Hören fand ich die Single „Love Etc.“ „nicht sehr gut“, dann wurde sie immer besser. Die Musikjournalisten schrieben, es sei das beste Pet-Shop-Boys-Album seit „Very“, aber die gleichen Journalisten hatten auch die neue, irgendwie völlig egale U2-Platte gelobt. Insofern war ich nicht darauf vorbereitet, eines der besten Pop-Alben dieses gerade zu Ende gehenden Jahrzehnts zu hören — aber ich denke, genau das ist „Yes“. Das Album hat einfach alles: Party-Tracks, Melancholie, großartige Melodien und kluge Texte. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass einen eine Band, die man zwei Drittel seines Lebens schätzt, immer noch umhauen kann.

Starsailor – All The Plans
Starsailor-Fan bin ich erst seit dem Sommer 2001, als ich die Band erstmals auf dem Haldern Pop spielen sah. Ihre Alben waren vielleicht nicht so anspruchsvoll wie die von Coldplay, aber in Sachen „melancholischer Indiepop von der Insel“ kommt die Band bei mir gleich hinter Travis. „All The Plans“ kann ich deshalb nicht wirklich rational bewerten, aber es gibt wieder die ganz großen Hymnen, die man von den ersten drei Alben auch schon gewohnt ist. Vielleicht werden Starsailor nie alles richtig machen, aber falsch gemacht haben sie bis heute (von den Aufnahmesessions mit Phil Spector mal ab) auch noch nichts.

Empire Of The Sun – Walking On A Dream
Das sind sie also, die „neuen MGMT“. Musikalische Parallelen gibt es da durchaus, aber das ist verzeihlich. „Walking On A Dream“ ist – trotz des abschreckenden Covers – ein kluges Pop-Album, das man so ähnlich schon vor 25 Jahren hätte veröffentlichen können. Macht aber auch nix.

Röyksopp – Junior
Ganz schön elektrolastig, dieser März. Auf seinem dritten Album klingt das norwegische Elektronik-Duo mitunter ein bisschen sehr nach dem französischen Elektronik-Duo (gemeint ist Air), aber die klangen ja in letzter Zeit ein bisschen sehr nach gar nichts. „Junior“ ist von vorne bis hinten ausgewogen, eingängig und – je nach Einstellung – entspannend oder belebend.

The Fray – The Fray
Ja, ich mag so Musik. Und ich freue mich, dass The Fray drei Jahre nach ihrem Debüt jetzt offenbar auch in Deutschland den Durchbruch schaffen. Zwar passt ihr melancholischer (Coffee-And-TV-Trinkspiel: ein Schnaps für jedes „melancholisch“ in einer Listenpanik) College-Rock besser in den Herbst als in den Hochsommer, aber der März hatte sich ja noch alle Mühe gegeben, herbstlich auszusehen.

A Camp – Colonia
Spätestens seit ich Nina Persson vor ein paar Jahren persönlich getroffen habe, hat die klügste und schönste Schwedin der Welt bei mir Narrenfreiheit: Sie dürfte so ziemlich jeden Schrott machen und ich würde es noch gut finden. Sie macht aber keinen Schrott, sondern auch ohne die Cardigans ganz hervorragende Musik, der man allenfalls vorwerfen könnte, ein bisschen zu sehr nach ihrer Hauptband zu klingen.

Olli Schulz – Es brennt so schön
Zwar habe ich alle bisherigen Olli-Schulz-Alben hier, aber wirklich gehört habe ich ehrlich gesagt nur sein Debüt „Brichst Du mir das Herz brech ich Dir die Beine“. Als ich „Mach den Bibo“ zum ersten Mal beim Bundesvision Song Contest sah, dachte ich, jetzt sei es endgültig vorbei mit dem Mann, aber sogar dieser Schwachsinns-Song wächst, wenn man ihn nur oft genug hört (und weiß, dass die Musik von Walter Schreifels stammt). Der Rest von „Es brennt so schön“ ist dann auch komplett anders: Eine kluge, oft nachdenkliche, musikalisch durchdachte und hin und wieder doch sehr witzige Platte, die mich aus unerklärlichen Gründen manchmal ein wenig an Bruce Springsteen erinnert.

Ben Lee – The Rebirth Of Venus
Für Ben-Lee-Platten gilt die alte Regel „Kennste eine, kennste alle“. Im Gegensatz zu Nickelback, Reamonn und ähnlichen Langweilern macht aber jedes neue Album des gebürtigen Australiers immer noch Laune — und zwar gute. Selbst wenn man das Gefühl hat, jeden Song so ähnlich schon mal gehört zu haben, kann man Lee nicht böse sein. Und dann gibt es ja auf jedem seiner Alben immer noch einen Song, der größer ist als alle anderen …

Songs
Ben Lee – Wake Up To America
Was für ein unwahrscheinlicher Song: Eine viereinhalbminütige Lobeshymne auf all das Kaputte und Wunderbare an Amerika, deren Strophen nur gesprochen werden, deren Autotune-lastiger Refrain auch eher schlicht wirkt, und deren treibender Beat einen nach wenigen Takten völlig eingelullt hat. Ich kann kaum aufhören, dieses Lied immer und immer wieder zu hören, denn es geht direkt ins Herz und bringt einen womöglich dazu, alle fünfzig Bundesstaaten zu besuchen und mit einem Ghettoblaster über dem Kopf diese Hymne abzuspielen. Ganz, ganz große Kunst! (Blöderweise gibt es den Song weder bei YouTube noch bei last.fm zu hören — wohl aber bei iTunes zu kaufen.)

Pet Shop Boys – Pandemonium
Wenn „Yes“ das neue „Very“ ist, ist „Pandemonium“ die Neuauflage von „I Wouldn’t Normally Do That Kind Of Thing“: Ein Liebeslied, in dem alles mitschwingt, was Liebe manchmal so schwierig macht, und das doch uneingeschränkte Zuneigung zum Ausdruck bringt. Eine Hymne auf alle Chaosmädchen und -jungs dieser Welt, uplifting as hell. Was sagt es über unsere Generation aus, wenn derart großartige Songs von Männern um die fünfzig geschrieben werden müssen? Allein diese Bläser und die Chöre!

Starsailor – You Never Get What You Deserve
Bei James Walsh frage ich mich immer ein bisschen, was er uns eigentlich mit dem sagen will, was er da singt. Und dann denke ich: Ist das nicht egal, wenn es so schön klingt? Beachten Sie den Übergang von den Strophen zum Refrain — so geht Pop.

Im nächsten Monat dann: Muff Potter, Bob Dylan und natürlich Kilians.

[Listenpanik, die Serie]

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